Skip to main content

Full text of "Jahrbucher der wurttembergischen Rechtspflege"

See other formats


HL GZZD 5 


• 1 


I* 


% 



Received 






Digitized by Google 


Digitized by Google 



3iil)rtiiid)fr 


ber 


'pürttcmßeriiifcftcn 'gtcdjfspffege 

berauägegeben 

bon b en SJiitgliebern 

be« 

(Dberlantosgericfyts uitb öcs DernmltuitgsgeridjtS’ 
fyofs ju Stuttgart 

urtb be« 

Porftanfces ber ujfirttembergifcfyen 2lmualtsfammer. 


.Adjtcr «^aitb. 


Tübingen, 1897 . 

SJerlag ber Saupp’fc&en 33 ud)b<mblung. 


Digitized by Google 



( 0^£-c/. *d* dir. £ o y 


anitf »on $. fcouw jt. in Xfi6ingcn. 


Digitized by Google 



3iil)ßltsiibciftd)t bcs adjtru ßaitbfö. 


I. (S n t f d) t i b u n fl e n b e 3 Qberlanbe3flerid)t3. 

A. in i£ioilfad?(n. 

Seit« 


1. .Bum Segriff ber fliebenbetebungen eineg Siegenfcfraftgfauf» 

netttagg. 1 

2. aSor!aufgted)t 3 

jiitfttigfeit eineg ;ut Umgebung bet 8eftimmung beä § 33 bet 
(Seiperbeotbnmtg gefdiloffenen „2)ienft= unb äRietgoetltagg" ; 
folgen biefet 9i«frtigfeit für ®ntf(f)(ibtgungganlprücbe eineg 
^eilg roegen SBetttaggbrudig 6 

4 . UnHagbarfeit non gotberungen für Stiftungen, bie in 31ug » 

fiibrung eineg ;ut Umgebung beg § 33 bet Otercetbeorbnung 
gbgefdjloifenen SBetttagg erfolgt finb? 10 

5. Haftung eineg Beauftragten au8 untätiger Detlaration einet 

(Selbjenbung 18 

6. haftet, rnenn bet Muflbfung einet offenen $qnbel$gefeHf(f)aft 

bet eint (Sefenfdjaftet bag (flefdjftft mit Sittioen unb ^affinen 
übernommen l)at, bet anbete (gefetlfcbafter i^nt fiit ben ®in « 
gang bet Mugftänbe? 28 

7. (Srfotbetniffe bet 5tlafle eineg Sjruottlommiffionätg auf 8e » 

jn^Iuitg beg aug bem Hoinmiffiongoet^ältntg ;u feinen (fünften 

fi(b erge6enben 0albo3 30 

8. gortbauer bet Haftung eineg Bürgen, bet fitt) fiit bie Set » 

binblitbieiten eineg 38ittfci)aftgpäci)terg gegen ben "Berpätlfter 
unb Sietliefetanten netbiitgt t>at, menn an Stelle beg uerftot= 
benen äBirtfd)aftgpäd)tet3 beffen Sbeftau getreten ift? . . . 35 

9 Stjgfrpflict)t einet obrigfettlid) genehmigten Sttafienbai)n4lntet » 

ne^mung für ben butd) gängenbleiben bet ffiferbe tn ber 
Sfbienentage auf öffentlichen Straften beroitften .Schaben? . 41 

10. Eigenes &etfd)ulben bei einet butch einen galt auf einet un » 

beleuibteten Steppe etUttenen flötpetuetlebung 48 


Digitized by Google 


IV 


RnbaltSüberficbt beS achten SanbeS. 


Stile 


11. 

Rum Begriff beS roiberrecbtlicben unb fcbulbbaften öanbelnS 



im ©inne ber lex Aquilia. Haftung für nicht oorfjerjufeljenbe 



folgen, ßonlurrierenbeS SJerfdjulben 

49 

12. 

©rbeinfefcung 

55 

13. 

Auslegung non SerficberungSbebingungen 

61 

14. 

Rur grage ber Sfänbbarleit ber beweglichen mit einer Rm= 



mobilie nerpfänbeten Rugebörungen berfeI6en. Rft für ben 



Anfprucb beS UnterpfanbgläubigerS auf norjugSweife Beftie= 



bigung auS bem ©rlöfe ber Rugebörungen ber gortbeftanb beS 



bppotbefarifcben ißfanbrecbtS an beufelben bis jur JUageer; 



bebung erforberlirf» ? 

129 

15. 

Rum begriff ber „grüdjte", wenn eö ftcf) um ©inrecönung ber 



grüßte ber Rwifdjenjeit bei Verausgabe einer gibei!ommifj= 



(Srbfdjaft unter Abjug ber trebellianifiben Duart banbeit . . 

138 

16 

Pactum de non Kcitandn 

142 

17. 

1. 9tadj welchem Aecbt ridbtet fidb bie Beerbung eines in SBilrt* 



temberg nerftorbenen Aidjtroürttembergera ? 



2. äüelcbeS ©efefc ift nach roürttembergifcbem 9tecbt bei 3ta= 



tutenfollifion in Setreff beS ebelitben ©iiterredjtS unb beS 



ebelidben ©rbredftS anjuwenben? 

145 

18. 

21uSlegung poii Serfidjerungöbebingungen ; roaS ift unter „offen; 



barer Xrunfenbeit" ju nerfteben? SeweiSlaft 

158 

19. 

SebenSoerfidjerung : SerwirllicbungSflaufel 

161 

20. 

UnfaHoerfidjerung ; Begriff beS Unfalls, angebliche untoabre 



Angaben unb eigenes Setfdjulben beS Serficberten . . 

167 

21. 

SRecbtSmirfungen eines SertragS, rooburcb Remanb einem An» 



bern bie Aadjbilbung eines JlunftwerfS geftattet , wäbrenb in 



SBirllicbleit einem dritten baS Stecht, biefe ©rlaubniS iu er= 



teilen, juftebt 

173 

22. 

Ru § 1 4 beS SteicbSgefefceS juin ©djub ber Sßarenbe jeidjnungen 



uom 12 ffllai 1894 

180 

23. 

1. Äompenfation im ÄonlurS; Stüdfforberung eines bejahten 



Betrags roegen irrtümlich unterlaffener Aufrechnung. 



2. ©rftrecft fidj baS gauftpfanbredjt an einer gorberung auch 



auf beren Rinfen? 

185 

24. 

Anfechtung einer UnterpfanbSbeftellung für baS Beibringen 



einer ©befrau, bie unter Anrufung ber weiblichen greibeiten 


25. 

ihr Beibringen „aber nicht in natura, fonbern ©icberftellung" 

netlangt bat? 

Anfechtung ber Rablung einer fälligen ©d>ulb an ben ©chulbner 

192 


beS AnfecbtungSgläubigerS 

199 

20. 

llnjuläffigleit beS AedjtSwegS für einen Antrag eines gifd>ereü 



Digitized by Google 


3nljalt8überfi<ht beg achten -Ban beg. 


V 


« 

6«tte 

berechtigten auf llntetfogung btr traft ©emeingebtauchg aug -- 
geübten Qlennnnung non ®anb unb ftieg au8 einem dffenl» 
liehen gtuft 202 

27. Unftatthafte fllageanhäufung bei eoentuellet getbinbung 

bet Klage au? bem Stecht mit bet SeftfrHage? . . 206 

28. (Sibeg}ufd)iebung übet einen nicht fpegialifterten Shebrucfr . . 208 

29. Sotaugfefrungen bet gtiiefgobe bet behujg potläufiger 8oU = 

ftrectung eineg Itrteitg geteifteten Sicherheit ppt eingettetenet 
Secbtattaft beg Urteilt 210 

30. flu § 715 3<ff« 1 S.y.D 213 

31. flut %uglegung beg 8 716 gbfafr 2 (&.HS.D 21t 

32. flut ätugtegung be« § 14 gbfafr 1 9t.81.®.0 215 

33. Berechnung bet SBetgleichggebübt , roenn ber Betgleich übet 

einen nur teilroeife bei Bericht anhängigen ätnfptucf) gefdjloffen 
rootben ift? 217 

34. Umfang bet Anfechtung einer gfänbung, bie rcegen einet non 
einem 6b*mann unb feinet ffrau je nut .foälfte cu beiablenben 
gorbetung, gegen beibe Seeleute in (Srtungenfcheftgoetmögen 
norgenommen rootben ift, feiteng beg Betroaltetg im Konfutg 

be8 Shentanng? 219 

35. Kann eine gegen ben Betlagten alg pfleget eineg jRinbet » 

jährigen erhobene Klage nachträglich gegen ihn ohne Anfeben 
feinet Sigenfcbaft alg pfleget gerichtet metben? 223 

36. ftlagänbetung , roenn ber Anfptucb auf Bejjablung einer Bet » 

trgggftrafe in jmeiter ^nftam auf Serlebung einet anbetn 
Bettraggbeftimmung geftiigt roitb, alg bet in erfter flnftana 
gezeichneten ? 225 

37. Srabition non giegenfebaften ; gjgentumgerroetb auf Oftunb 

eineg nichtigen giegenfebaftafaufoetttagg? 265 

38. 9iecbt beg äftiteigentümerg , untet UmftSnben auch ohne 3“ * 

ftimmung beg anbetn äRiteigentümetg flbet bie <5ubftanz bet 
gemeinfchaftlichen Sache au netfügen? 280 

39. Betpflicbtung aut giihtung beg BabnfcbHtteng alg prioatrecht » 

liehe Aeallaft ? . . 285 

40. 1. Aquilijcbeg (Sefefe ; Haftung für Untetlaffung bet butch eine 
notauggegangene Xhätigleit gebotenen ©cbubmafjtegeln ; 

2. Haftung eineg öefeQfcbafterg für fcbulbbafte $anblungen 
ober Unterlaffungen feineg SRitgefeUfcbafterg ? 299 

41. (Sültigfeit unb Auglegung eineg Bertragg, roobutd) ein SBirt 

fich perpflidhtet , fein Siet aug einet beflimmten Brauerei zu 
beziehen, roenn fie ihm ftetg guteg Biet liefert ; Pflicht, bie 
fihtechte Befcbaffenljeit beg Bietg gu tilgen 303 


Digitized by Google 


VI 

Qnljalt$überftcf}t beö achten 58anbe8. 

• 


42. 

fjaftpflichtgefeb ; Betriebsunfall ; eigenes Berfchulben . . . 

Seile 

309 

43. 

3uläffigfeit beS fRechtSroegS für eine Klage auf SInerlennung 



beS ©iaentumS an einer Quelle, bie ber ©egner als öffentliches 



©eroäffer betrachtet roiffen null? 

313 

44. 

SnteroentionSllage eines in ©rrungenfchaftSgemeinfchaft leben» 



ben ©hemannS, ber sur Sulbung ber 3>»angSooHftrecfuna in 



baS Bermögen feiner ©hefrau »erurteitt ift, auf ©runb feines 



SRiteigentumS an einer errungenfctaftlicfjen Siegenfchaft in bie 



ber ©läubiger bie 3t»angSoollftrecfung beantragt 

319 

45. 

1. ©inflagung einer ffforberung, bie jur KonlurSmaffe gehört 



hätte, aber nicht baju gesogen rootben ift, burch ben »ormaligen 



©emeinfchulbner nach Aufhebung beS KonfurSoerfahrenS? 



2. 3ur Auslegung beS § 6 2lbf. 1 ber K.D 

335 

46. 

3ur ftrage ber ©eridjtS» unb ber 2lnroaltSgebilbren bei 2ren» 



nung ber Berhanblung im Sinne ber §§ 136 u. 274 ber ©.B O 

342 


B. in Straffadjcn. 

1. 2>ie guläffigfeit mieberholter Beftrafung auf ©ruitb beS §14 


2lbf. 2 beS gmpfgefefceS t>om 8. Slpril 1875 125 

2. 3 ft ba§ unerlaubte 2(nbieten auswärtiger Sofe in ©iiritemberg 
an oerfdnebene Berfonen als eine einjige llebertretung ju be-- 
fjanbeln, roenn baSfelbe auf einen einheitlichen ©ntfcfüufj ju-- 
rücfjuführen ift? 227 

II. (Sntfdjeibunfleit be3 SBerwaftiing'gacrtc^t-g^of ^ 

1. Siachgeholte 2luflage »on ©afferregatjinfen 68 

2. 3u 2lrt. 28 ber Bauorbnung (Planierung ber ©infafjrten, 

§erftetlung »on 3 äunen unb 2lnpflanjungen in benfelben). . 76 

3. Unterlaffung ber rechtjeitigen SInmelbung eines lanbroirtfcpaft» 

liehen 2lrbeiterS jur Ärantenoerfidjerung ; Befreiung »on ber 
§aftbarfeit nach § 50 beS SB ©. wegen entfchulbbaren Irr- 
tums über bie SRelbeftelle 86 

4. ©egen bie nur über bie projefjfoften ergangene ©ntfeheibung 

ift bie Berufung an ben BerroaltungSgerichtShof nach 21 rt. 72 
beS ©efefceS »om 16. 3>ejember 1876 ugl. mit § 94 ber S.p.D. 
nicht juläffig 235 

5. Klage auf 2lner!ennung unb Unterhaltung eines öffentlichen 

BerbinbungSroegS (für leichten guhrwerföDerfehr) .... 237 

6. ©in Stnfpruch auf unentgeltliche Beifügung öffentlicher Brunnen für 
ben £au$halt unb Biebftanb fteht ben ©emeinbebilrgern, tuelche 


nicht innerhalb ber ©emeinbemarlung felbft mol) neu, nicht iu. 242 


Digitized by Google 


3nljalt8überfu$t be« achten 'üanbeg. VII 

6ette 

7. güdroirtung bet 9iopeUe com 12. Wätj 1894 }um Unterftüfrungg* 

mabnfifegefefr 344 

8. Stuf ben Sanbarmewoetbanb, bet einem Dttgarmenpetbanbe bi« 

Soften bet potläufigen Unterftflfrung erfiatlet b°t. flet)t beffen 
änfprud) gegen ben enbgültig uerpfiid)teten ätrinenoerbonb übet. 350 

9. 3u Mit. 15 iMbf. 1 bet Sauorbnung. 3Kaj) bet Setpfütfrtung 

üut Seiftung bet Sltafientoftenbeittäge 355 

10. 3» 91rt. 15 Slbf. 1 bet ^Bauorbnung. Streit übet bie 31er » 

pftidjtung ;ut Seiftung eineg Sttaftenfoftenbeittagg ; jtufted) » 
nung einer (jlegenfotberung (§ 274 (S.y.D.) 364 

1 1. Streit übet flenüftung öffentlichen ällaffetg (SRetfrt bet -Henüüung 

pon Quellen) 375 

12. Streit übet bie 3)oulait an einet Sriide 384 

13. Befreiung öffentlichen Bipeden bienenbet Qebäube oon bet ßte - 
meinbefteuet ( jlrt. 8 be3 Oefefte€ poot 18. ^uni 1849, 9t rt 2 

beg 0efefreg uom 23. ijuli 1877) 388 

14. 3u bem Stuttgarter Drtgbauftatul pon 1874 ?;§ 42 unb 44 

(©ebäubeabftanb bei jd)ief ^ut Saulinie pertaufenbet iSigen» 
tumggrenje) unb § 67 91bf. 1 (gtonttänge bet (gebäube an 
^auptflta&en) 393 

15. Dertlidje unb seitliche 33egtenmng bet '.»Imuenbbatteit ortabau» 

fiatutntifdjet äSorüfrriften übet bie SSetroenbung pon Slacölam« 
mein au Scblaftäumen 400 

16. ‘.Per 31tt. 19 21bf. 3 be3 3pottelgefefrea Pont 24. äftäts 1881 

beipirfte ein 9Rut)en. nid)t eine Unterbrechung bet SBetjälftung 
binglidjer 3Bittf(öattabeted)tigungen 406 


III. 2lbbanblungen. 

1 . ©in ©eitrag jur Söfung einer liontrooerfe au3 31 onelle 115. 

©on Siecbtäanroalt &eopolb fiöroen ft ein in Stuttgart 94 

2. ‘Sie Solibarbaft beä ©bemannt bei Sojialfdbulben. 

S3on Stecbtsanroalt S cb e f o I b in Ulm .... 248 

3. Slrt. 4 2lbf. 2 unfere^ 'JßäbrfcbaftSgefebeä. ©on 

Siedbtöannialt S cb e f o l b in Ulm 258 

IV. SJtiöjetten. 

Subroig UblanbsS 2lboofaten=®jamen 108 

V. Sitterarijcfre gnaeigen 4io 


Digitized by Google 


I. 

(»rntfdjcibungen bes (Merlanöesgeridjts. 

A. in Gioilfadjen. 

1 . 

3um Pegriff ber Mebenbertbungen eines liegenfdjoftskoufoertrags. 

Saut fdjriftlidjen KaufoertragS oom 23. Diooember 1893 
bat Kläger „feine geiamte Siegenfdjaft famt ffabrniä" im 2Beg 
bef ^erfteigerung an ben ©eflagten oerfauft. 3)or ber SBerfteü 
gerung mürbe baö gabrniSinoentar oerlefen. 33 o r Unterjeid)- 
nung beS Kaufoertragä burdj ben Kläger, nad) ber be3 3)eflag= 
ten i?at Öeflagter bie ©arben unb Jpeuoorräte al$ nid^t bem oer- 
lefenen ^noentar entfpredbenb beanftanbet, roorauf bie Parteien 
miinblid) oereinbarten, bafe ber $rei3 für ba$ feblenbe Quantum 
.peu unb ©arben an bem oereinbarten Kaufpreis abgef»en folle. 
33eflagter roill auf ©runb biefer 33creinbarung 382 9)1. am Kaufs 
preid abjiejjen, mäbrenb Kläger bie SieditSgültigfeit ber 33er= 
einbarung beftreitet, roeil fre als 9tebenberebung ju einem Sie? 
genfd&aftSoerfauf mangels fd)riftlid)er 3lbfaffung nichtig fei. 
Siefe fRepli! mürbe oerroorfen au3 folgenben 
© r ii n b e n : 

9)Ian roivb aflerbingä nicht baoon au3gef)en tonnen, baff im 
Kaufoertrag oom 23. SJtooeniber j ro e i Kaufoerträge, ein fiies 
genf<$aft3= unb ein gabrniäfaufoertrag enthalten feien, oon mels 
d)en ber eine ben SBeftimmungen be$ Siegenfd)aftegefef 5 e$ oom 
23. 3iuni 1853 unterliege, ber anbere nicht- Ser Vertrag ift 
oielmetir ein einheitlicher, bie gaf»rni$ ift lebiglid) al3 Ißertinenj 

Jahrbücher für Süiirttemberg. 91 cd) Up [lege. VIII. 1. 1 


Digitized by Google 



2 


(Snffdjeibungen beä Ober!anbe«gerid)t8. 


ber £iegenf<haft mitoerfauft, toic in«befonbere au« bem oereim 
barten einheitlichen ßaufprei« he r D° r 9 e hf- 8U>« ni<ht jebe in 
äußerlichem 2lnfc^lufe an einen £iegenfchaft«oerfauf getroffene 
münbtidje Serebung ift barum nichtig. 6« fommt oielmeht ba= 
tauf an, ob biefelbe eine ©inroirfung auf ben Vertrag hat, ben-- 
f eiben fei e« erweitern b ober befcßränfenb abänbert, ntobifijiert, 
ober ob biefelbe unabhängig non bemfelbeit, neben unb außet^ 
halb be«felben gebaut werben fann unb nid^t felbft wteber eine 
Siegenfchaft ober einen ©eil berfelben betrifft '). 

ftann man nun fd^on ben 93etjid)t be« Käufer« auf be= 
ftünmte gahrni«gegenftänbe bejw. ©eile, wie foldfjer in § IV 
ber Skrfteigerungäbebingungen enthalten ift unb ebenfo auch bie 
3ufage ber 2lblieferung bejtimmter g a h r ni«gegenftänbe , wie 
folche burch bie SSerlefung be« Snoentar« erfolgt ift, al« felb= 
ftänbige, neben bem Vertrag het9eh en ^ e / benfelben rtid^t abän= 
bernbe Serebungen anfehett, fo ift bie« ganj uubebenflich Der 
gaH hinfichtlich ber ber Slerfteigerung nachgefolgten Serebung 
über bie ©rfa^pflid^t be« Kläger«. ©urd) biefelbe wirb weber 
bet ©egenftanb be« Äaufoertrag«, nämlich bie £iegenfchaft fanit 
Zubehör, noch ber Äaufprei« oeränbert. ©er Kläger hat fid) 
nur auf ©runb be« in ben Äaufoertrag nicht aufgenommenen, 
aber jur ßenntni« ber Steigeret gebrachten Snoentar« oer= 
pflichtet, für bie in ba«felbe aufgenommenen aber nicht oorham 
benen ©egenftänbe bem Scflagten in beftimmten ©renjen (Srfafj 
ju leiften. ©leichwie er fi<h nadjträglich in SRücf ficht auf benÄauf 
hätte oerpflichten fönnen, ba« Qnoentar burch Nachlieferung be« 
einen ober anbern nicht oorhanbenen ©ebrauch«gegenftanb« ju 
ergänjen ober auf einen ©eil be« Äauffcßilling« mit 9lü<f|t(ht auf 
einen ©egenanfpruch be« Käufer« ju oerjichten, fo fonnte er 
auch einen außerhalb be« Vertrag« beftehenben ©rfaßanfpruch 
anetfennen. 

©aß biefer ©rfaßanfpruch feine Siegenfdjaft, bejw. feinen 
Sieftanbteil einer folchen betrifft, bebarf feiner ©rörterung. 3“= 
behörben einer Sache ftnb nicht ©eile berfelben. 

©aß ber Äläger bei ©rteilung ber 3ufage ben Äaufoertrag 

1) Söürttb. Strdiio, »b. 12 ©. 289. 


Digitized by Google 



A in ®tDilfad)en. 


3 


feinerfeitl nod) nicht oolljogen batte, ift unerheblich, benn bie 
Solljiebung lag lediglich an ihm unb fonnte non bem Beflagten 
ber fchon bal ©teigerunglprotofoll unb ben Kaufoertrag unter 
jeid)net batte, nicfjt mehr gebinbert roerden. 

Tie am 23. 'Jlooember nach ber Steigerung getroffene Ber= 
einbarung ift b» eHQ< b gültig. 

Urteil bei II. dioilfenats oom 14. $e bruar 1895 i. S. 

SBefpel g. Strubel. 


2 . 

$orkaufsred)t. 

Bellagter bat am 13. Januar 1893 mit ber Klägerin einen 
Slietoertrag abgeicbloffen , roonacb Klägerin einen Seil ber 
Stäume bei Kaufes bei Beflagten um jährlich 1000 3)1. auf 6 
^abre mietete. 3n bem Vertrag roat gefagt: „Sollte D." (ber 
Beflagte) „im Verlauf bei Slietfontraftl ©elegenbeit bähen, 
bal Jpaul ju oerlaufen, fo haben trüber £." (Klägerin) „bal 
Siecht, für ben ^Ireil oon 32 000 3)1. bal |>aul läuflicb ju er= 
werben." — „Sollte einer ber beiben Seile ben Vertrag ni<bt 
einbalten, fo bat her oertraglbrücbige Seil eine KonoentionaU 
ftrafe oon 2000 3)1. ju bejahten.“ 9lnt 28. gebruar 1893 bat 
Beflagter bal |>aul an einen Tritten um 30 000 2)?. oerfauft. 
Klägerin bat auf Bejahung ber Konoentionalftrafe geflagt, 
roeil Beilagier it>r Borfauflredbt nicht geroabrt habe, geftgefteüt 
rourbe, baß 3Jlitte Februar 1893 ein Beauftragter bei Beflagten 
ber Klägerin mitgeteilt bat, e! habe ftcb ein Kauflliebbaber für 
bal $aul eingefunben — mal in ber Sbat ber gaU mar — , 
Klägerin folle fi<b erflären, ob fie oon ihrem Borlauflrecbt ©e 
brauch mache ober nidht, unb baß Klägerin barauf ben Befdjeib 
erteilt ^at : fie laufe oorer ft bal $aul nicht. Tie Klage rourbe 
abgeioiefen. 

2lul ben ©rünben: 

@1 ift nicht richtig, bafj Beflagter ohne Sabrung bei Bor= 
fauflredhtel ber Klägerin oerfauft bat. 

l* 


Digitized by Google 



4 


Sntföeibungen beä D6erlanbeägerie§t8. 


©S tonnte fi<h junächft fragen, ob baS S3orfauf0rec^t iiber= 
haupt giltig befteHt worben ift, — SSeflagter bat bieS eoentueü 
angejweifelt, — allein baS 93orfaufSre<ht, wohl ju unterfdjeiben 
non bem einen binglicben ©barafter tragenben 3tetraft= ober So* 
fungSrecht *) ift an fidb ein perfötilicbeS (obtigatorifcbeS) StedjtS; 
oerbältnis *). ®S bebarf baber ju feiner ©iltigfeit meber eines 
©intragS in bie öffentlichen Sucher, noch eines gerichtlichen @r= 
fenntniffeS. ©benfowenig unterliegt eS ben Seftimmungen bes 
SiegenfcbaftSgefe|eS oom 23. Quni 1853, benn baS Stedjt fällt 
wegen ber töHigen Ungebunbenbeit bes SBorfaufSberecbtigten weber 
unter ben Segriff beS ÄaufS, auch nicht beS bebingten, noch er- 
fcheint es als Sornertrag ju einem folgen 3 ). @S fann baber 
unerörtert bleiben, ob bie SertragSurfunbe bem letzterwähnten 
©efefc entfpridbt. 

©er Qnbalt beS SorfaufSrecbtS beftebt nach gemeinem Stecht 
barin, ba§ bem berechtigten für ben gaH, baff ber Sßerpflidjtete 
einen beftimmten ©egenftanb ju oeräuffern b e a b f i ch t i g t, baS 
Stecht eingeräumt roirb, oor einem ©ritten als Käufer ange= 
nommen, beoorjugt ju werben 4 ). 

®aS gemeine Stecht macht alfo bie StuSiibung bes SorfaufS; 
rechts nicht baoon abhängig, baff mit einem ©ritten ein Äauf 
bereits jum Slbfcbluff gefommen, bebingt ober unbebingt, fom 
bem es genügt, baff ber SBerpflicbtete bie Sibfidjt ^egt ju »er-- 
taufen unb ein ©rittet fich bereit ertlärt bat, baS Sort'aufS- 
objeft ju taufen 5 ). 

©in perfetter Äauf iftinSbefonbere bann nicht SorauSfehung 
beS SorfaufSrechtS, wenn, wie im oorliegenben gatt, ber Se^ 
recbtigte baS Stecht unb ebenfo aud; bie Pflicht hat, baS ÄaufS= 
objett ju einem beftimmten fßreis, alfo nidjt ju ben mit bem 
©ritten oereinbarten Sebingungen ju übernehmen. 

1) Sgl. ©euffert’8 2trd&io, Sb. 32 9lr. 42. 

2) 5B!ot. jum ©ntn>. eines bürg. ©.8., Sb. 2 ©. 344. 

3) ®ntfd|. beS 9t.®., Sb. 16 ©. 157. 

4) »tot. jum S.Q.S.®., Sb. 2 ©. 345. © i n t e n i 8 , ©ioilvedjt, 

Sb. 2 ©. 640. ©lüd, ?ßanbeften, Sb. 16 ©. 201. 

5) »tot jum S.@.S.®. 1. c., Slnm. 3. 


Digitieed by Google 



A. in ßtoilfadjen 


5 


©af? biefe ©runbfäfce nach roürttembergifchem Stecht nid)t 
jutreffen, roie Klägerin behauptet, ift nicht richtig, gnsbefonbere 
|jat baS r»on ber Klägerin angejogene SiegenfchaftSgefefc ootn 
23. Iguni 1853 feine (Sinroirfung. ©aSfelbe würbe nur bann 
emgreifen unb auf beit Vertrag mit bem dritten Slnroenbung 
ftnben, wenn baS gemeine Stecht einen perfeften Vertrag mit 
bem ©ritten »erlangen roiirbe, roaS, roie auSgefühtt, eben nicht 
ber gatt ift. 

3ft nun ber 'Verpflichtete SSillenS ju »erlaufen unb ein 
faufbereiter ©ritter »orhaitben, fo ift ber berechtigte befugt, 
oon feinem Siechte ©ebraud) $u machen, er ift aber aud) ^ieju 
oerpfliihtet, roenn ber berfäufer ihm anjeigt, ba§ bie Voraus*- 
fertigen »orliegen, benn er fjat eben nur ein Siecht » o r bem 
©ritten ju faufen, nicht biefen bur<h baS £intant)alten feiner 
©rfiärung am Ifauf $u ^inbern ober ihn in ber golge ju i«ber 
beliebigen 3«* ober auch binnen einer beftimmten griff aus* 
jufaufen, roie bei ben binglichen SofungS; unb Sietraftrechten. 

©er Verpflichtete genügt baher feiner Pflicht, roenn er bem 
berechtigten bie 3Jtöglid)feit geroährt, fein Vorfauf^recht auSjro 
iiben, inSbefonbere biefem mitteilt, Hnjeige erftattet, baff er ©e= 
legenljeit fyabe ju oerfaufen unb tjieju SöitlenS fei ‘). 

©iefe Slnjeige, beren ®rnftlid)feit präfumiert roirb, muf; 
nun atterbütgS bem berechtigten biejeuigen SlnhaltSpunfte ge- 
roähren, beren er bebarf, um fi«h über bie Ausübung feines 
VorfaufSred)tS fdjlüjfig ju machen. 2öo es ficff alfo barum han= 
belt, baff ber Verechtigte ju ben mit bem ©ritten »ereinbarten 
bebiitgungen erwerben muff, roaS bie Siegel bilbet *), ift foniit 
aud) erforberlidj, baß ber Verpflichtete bem berechtigten 3n>ect3 
SluSübung feines StedjtS bie bebiitgungen mitteilt, unter welchen 
mit bem ©ritten abgefdjloffen roerben foll ober abgefchloffen ift, 
ebenfo muff er, roenn ber Siame unb baS ©eroerbe beS ©ritten 
erheblich ift, auch h^oon Kenntnis geben 3 ). 

1) L 8 D. de in dietn add. 18,2. ©euff. 9trd) , Sb. 30 9tr. 29, 
33b 40 9tc. 181. Sgl. 3Rotioe jum SB.®.».©. 1. c„ 6. 348. 

2) 2Binbfd)eib, $anb , § 388 9lr.9. 2)ent6urg, $anb., §95 3- 5 b. 

3) <3. bie cit. ©nt(d). in © e u f f. Str^io, 


Digitized by Google 



6 


©ntfdjeibuitgen beä Dberlanbe3gerid)ta. 


£at aber ber ^Berechtigte, roie in oorliegcnben ^att, hieran 
fein $ntereffe, ba bet Kaufpreis, ju welchem er ju erwerben 
berechtigt unb oerpftic^tet ift, fcßon feftfte^t, io genügt bie Slm 
jeige beS Serpflidhteten, baß er einen Käufer habe unb mit biefem 
abfdßließen werbe, faHd ber berechtigte fein Stecht nicht ausübe. 

9Benn bie Klägerin nun geltenb macht, baß auch in biefem 
gaß bie ÄaufSbebingungen inSbefonbere bie 3ahfongSbebing= 
ungen befaunt gegeben werben müffen, ba ber berechtigte ben 
Slnfprudß habe, ju benfelben Sebingungen wie ber ©ritte ju faufen, 
io ift bieS nicht richtig, benn erfahrungsgemäß richten fid) bie 
3ahlungSbebingungen feßr häufig nach bem Kaufpreis. Sei höl)e= 
rem $reiS roerben milbere Sebingungen gewährt, mitunter aber 
größeres Singelb oereinbart, als bei geringerem fßreis ; bie 3af» : 
lungSbebingungen, bie bem ©ritten gemährt roerben, finb baßer 
nicht für ben berechtigten, mit welchem ber Kaufpreis fdhon oet= 
einbart ift, ntaßgebenb unb bebatf es barum auch feiner bieS= 
bejüglidhen Mitteilung. 

©ine griflerteilung jut SluSübung bes SorfaufSrecßtS ift 
nicht notroenbig, es muß aber jroüchen ber Slnjeige unb bem be= 
abfidhtigten Serfauf fo »iel 3eit liegen, baß ber berechtigte fidh 
ichlüffig machen unb fein Stecht auSüben fann. 

3n ber StidjtauSübung beS Stedhts liegt nicht ein Serjidßt 
auf baS SorfaufSrecht, fonbent nur ein Serjicßt auf bie 9tuS= 
Übung gegenüber bem beabfichtigten fonfreten Serfauf. 

Urteil beS II. SioilfenatS oom 14. gebr. 1895 i. ©. Sanbauer 
gegen Dtt. 


3. 

$id)tigheit eines jur Umgehung ber Ueftimmung bes § 33 ber 
(Gewerbe = Wrbnung gefdjloffenen „Plenft= unb Ulietnertrags" ; 
folgen biefer Jüdjtigheit filt (Üntfdjäbigungsanfprüdje eines Seils 
wegen Sertragsbrudjs '). 

©er imgebruar 1894 oerftorbene ©bemann ©. ber Klägerin 
hat mit bem Seflagten am 13. Oftober 1893 einen „©ienftoer- 
1) Heber bie ©iltigfeit »on fetbftänbigen 4t e r 1 1 ä g e n (Ääufen 


Digitieed by Google 



A. in £iot[fa$en. 


7 


trag" unb am 15. Dftober 1893 einen „Vtietoertrag" abge 
fdbloffen. Vacb bemerfteren fteüteVeflagter oom 15. Oftober 1893 
an oorbefjaftlidE) oberamtlidber ©enebmigung (bie erfolgt ift) ben 
ebemann ber Klägerin als ©teHoertreter in feiner Söirtfcbaft 
in 3 a 3 ®“&Q l *fen auf, ohne bafj ein £obn ober ©ebalt beSfelbett 
oereinbart geroefen roäre ; bie Veftimmung ber ßiff- 5 beS 9Ser= 
trag«: „Sämtliche ©etränfe fauft ®. St. (bet Veflagte) unb 
laufen auf beffen Vedbnung" ift nach bem Vorbringen ber Var= 
teien „fpäter abgeänbert" roorben unb eS b at ber ©bemann ber 
Klägerin bie ©etränfe, bie in ber 2üirtf<baft auSgefcbenft mürben, 
für eigene Vedjnung gefauft unb »erlauft, roie überhaupt um 
beftrittenermafeen er forooljl als nach feinem Vobe bie Klägerin 
bie 2Birtfd)aft für eigene ^Rechnung betrieben bat. 'Jtadb bem 
TOietoertrag bat Veflagter bem ©bemann ber Klägerin bie jur 
SBirtfcbaft gehörigen Väumlicbfeiten (3 3immer nebft 3 u ^ e bör) 
um ben in oiertelfährlicben 9iaten oorauSjablbaren VtietjinS oon 
jährlich 700 351. oermietet. giit beibe Verträge galt beiberfeitige 
oierteljäbrige Künbigung. 

Klägerin bat nach bem £ob ihres ©b emanneä am l ß - 2lpril 
1894 ben ÜRietjinS für baS bis jum 15. $uli laufenbe Viertel: 
fahr mit 175 Vt. befahlt, bat aber am 13. $uni 1894 bie bem 
Veftagten abgemieteten fftäutne ohne »orgängige Künbigung oer= 
laffen unb bamit zugleich ben SBirtfcbaftSbetrieb in ber SBirt: 
fdbaft beS Veflagten aufgegeben. Vach ib rer Vebauptung bat 
fie ftdb bieju burd) baS Verhalten beS Veflagten genötigt ge= 
feben. ©ie flagt auf Vejablung oon 883 2Ji. ®iefe ©untme fe($t 
fieb jufammen aus bem auf bie 3eit »ont 13. 3uni bis 15. Quli 
entfaHenben £eil bes oorauSbejablten 3Jüet jinfeS mit 69 9Jt. 12 Vf-, 
500 9K. an entgangenem ©eroinn, ben fie oom 13. bis 15. Of: 
tober 1894 auf ber 2Birtfd)aft hätte erzielen fönnen, unb meiteren 
Voften für ben ©dbaben, ben Klägerin baburdj erlitten haben 
miH, bah fie oorjeitig oon ber SBirtfcbaft habe abjieben müffen. 

unb bgl.), bie im Sauf eine« berartigen angeblichen ©telloertretungSoer: 
hfiltniffeS jtoifchen ben Kontrahenten gefchloffen werben, ift in biefem Ur= 
teil nicht entfdjieben unb wollte nicht entfliehen werben: ogl. ^ter ilber 
bie folgenbe Stummer Sinn«. b. @. 


Digitized by Google 



8 


(Sntf^eibunflen be8 DberlanbeägeridjtS. 


©ie Klage ift in ber VerufungSinftanj abgetuiefen loorben 
aus folgenben 

©r ünben: 

©er oerftorbene @h emalin ^ er Klägerin unb blefe felbft hoben 
unbeftrittenermafeen bie ?pflugn)irtfd&aft in 3 a 3 ^n^aufen nicht für 
'.Rechnung beS Veflagten, fonbern für eigene ^Rechnung betrieben, 
ohne bie nach § 33 ©0. erforberliche ©rlaubniS jum aßirtfc^aftS- 
betrieb ju befifceit. ©ieS mürbe ihnen baburch ermöglicht, bafe 
fie für © t e 1 1 o e r t r e t e r beS Veflagten (§ 45 ©D.) ausgegeben 
mürben, SBährettb ©inn uttb 3>o«d bet jroifchen bem ®^emann 
ber Klägerin (beste. ber Klägerin) nttb bem Veflagten getroffenen 
Vereinbarung bahin ging, bafe Veflagter gegen Vejahlung non 
jährlich 700 3R. bem ©. unb nachher beffen grau ben Vetrieb 
feiner SBirtfdjaft für ihre eigene ^Rechnung überliefe, mürbe baS 
Verhältnis nach aufeen ber Vefjörbe gegenüber fo bargefteUt, als 
ob ©. bejrn. bie Klägerin als Slngefteüte beS Veflagten für beffen 
Rechnung bie 2Birtf<haft betreiben unb jugleich bereit 9täumlich= 
feiten gemietet hoben- @3 unterliegt alfo feinem Steifet, bafe 
in 2Birflid£)feit oon einem © i e n ft oerhältnis beS S. unb ber 
Klägerin gegenüber bem Veflagten feine Siebe mar, bafe lebiglich 
junt Schein ber Vertrag, rooburch bie ißflugroirtfchaft bem 6. 
besro. ber Klägerin 3 um Vetrieb für eigene ^Rechnung gegen 6nt= 
gelb überlaffen mürbe, in jtoei Verträge, einen ©ienft= unb einen 
ÜRietoertrag jerlegt mürbe, bie in untrennbarem 3ufammetthang 
ftanben, fofern es offenbar bem ©. unb ber Klägerin nicht ein= 
fallen fonnte, für Veniifeung ber äßirtfchaftSräume fährlidh 700 S JR. 
ju bejahten, roenn fie barin nicht (für eigene ^Rechnung) roirtfehaften 
burften. ©er 3mecf biefer 2lrt beS Vorgehens ber oertragfcfeliefeem 
ben ©eile mar, in Umgehung beS ©efefeeS bem Inhaber ber 
Söirtfhaft ju ermöglichen, fie trofe fefelenber behörblicfeer ©r^ 
laubnis für eigene ^Rechnung ju betreiben, alfo eben baS ju er= 
möglichen, roaS bas ©efefe im öffentlichen gntereffe oerbietet unb 
oerhinbert roiffen roiH (ogl. § 48 ber Verfaffung beS roürtteim 
bergifchen SRinifteriumS beS gnnerit betr. ben Volljug ber ©0. 
oom 9. 'Roo. 1883). ©aS ©ericht barf fi«h aber nicht baju feer= 
geben, Stecht ju fpredhen auf ©runb eines Vertrags, ber einen 


Digitized by Google 



A. in ffiioilfac^en. 


9 


gefehlte!) perbotenen 3uftanb — SBirtfd&aftSfiihrung ohne l*r 
laubniS ber ©ef)örbe — fjerbeijufüJiren bejroecfte, inSbefonbere 
ber Älägerxu eine (Sntfdhäbigung bafür jUjufprecben, baß fie einen 
BirtfcbaftSbetrieb (angeblid») burd) Scbnlb beS ©eflagten auf; 
geben mufjte, ben fie non 'Infang an nicht führen burfte, roeil 
ihr bie gefeßlicb notroenbige (Erlaubnis baju fehlte, unb ben bie 
DrtSpolijeibehörbe, wenn fie mit bem roahren ©acboerhalt bc 
Fannt roar, feinen 2lugenblicf bulben burfte. 2*03 2lbfommen 
ber Parteien (teilt fidh, roeil auf ©egetjung unb ©eförberung einer 
unter ©träfe «erbotenen ftanblung gerichtet, als nidhtig bar: 
bafj auch Klägerin gerou&t hot, baf? juin BirtfcbaftSbetrieb ©r= 
laubniS ber ©eijörbe erforberlicb ift, barf bei ihr als einer BirtS= 
grau unbebenflicb unterftedt roerben. ®iefe ©iebtigfeit beS unter 
ben Parteien beftehenben Vertrags bat jur golge, ba& alte in 
2Inlafj jenes «erbotenen ©efcbäftS jioifcben ben beteiligten er= 
roaebfenen ©ejiehungen, roeil auf gefe^roibrigem ©runb beruhenb, 
jeber rechtlichen Birfung entbehren unb $u ©unften beS einen 
$eils fo roenig als beS anbern richterlichen Schuh unb Slner- 
fennung genießen fönnen. ®as ift in ber gemeinrechtlichen, inS= 
befonbere audh berroiirttembergifchenSiecbtfpredhung anerfannt '). 

$ie auf baS ermähnte ©ertragSoerhältnis ber 'Parteien ge= 
ftüßten Slnfprücbe ber Klägerin entbehren baher ber restlichen 
©egrünbung. Soroeit etroa ©eflagter auf Äoften ber Klägerin 
unrechtmäßig bereichert ift, ift es ber Klägerin unbenommen, mit 
einer anberen Älage (Srftattung biefer ©ereicberung ju forbern ; 
bie erhobene, auf ben nichtigen ©ertrag ber 'Parteien gefügte 
fllage aber tuar ohne weiteres abjuroeifen. 

®er «on ben Parteien roirFlidh geroollte, burch ben Ü'ienft; 
unb ©tietoertrag «erbeefte ©ertrag, ber bie Ueberlaffung ber 
SBirtfSaft an einen Pächter jum ©etrieb auf beffen eigene s Jied)= 
nung bejroecfte, roar freilich roeber unfittlicb noch «erftieß er gegen 
ein oerbietenbeS ©efeß. 'Aber er fonnte nicht jur Ausführung 
gelangen, ohne ba& ber Pächter bie bebörblidbe (Erlaubnis $um 
BirtfSaftSbetrieb auSroirfte; roeil bie ©ertragfchlicfienben biefe 

1) SSgl. e c u f f e r t, »b. 6 9tr. 166 ; ffiürtt. «tebio, ®b. 15 S. 425 ff. ; 
8 o f d> e r ’S äeitförift, 8b. 36 ©. 28 ff. 


Digitized by Google 



10 


iSntftfieibungen De* DberlanbeSgeru^tä. 


gefefelicbe ?>orfcbrift nid^t erfüllen rooUten, roä^lten ftc eine gorm, 
bie ü>r 9ted)t3oerbältni3 äufeerlicb al3 ein anbereä erfreuten liefe, 
alä e3 in ffiirllidjfeit toar, nnb führten fo einen gefejjlidj oer-- 
boteneu 3uftanb (jerbei, auf beffen gortbeftanb fein &eil gegen 
ben anbern Slnfprudj ^atte unb beffen Söeenbigung baber feine 
©ntfcbäbigungSforberung au$ bem (firnnb be3 Skrtrag3brucb$ 
3 U begriinben oermag. 

Urteil be3 I. ßioilfenats oom 20. ®ejember 1895 i. ©. Äreljt 

gegen ©epfrieb. 


4. 

Unklagbarkeit non Jorbetuitgcn für £'ciftuiigen, bie in |k.usfUt)= 
rutig eines ?ur Umgebung bes § 33 ber ©eroerbeorbnung nbge= 
fdjloffenen Vertrags erfolgt Bnb? 

J)ie $8eflagte bat roäbrenb ber 3abre 1888—1894 bie 2l$irt 
fdjaft „jum $rübliug3garten" in Ulm betrieben, für melcbe bem 
Kläger — Eigentümer bes 2lnioefen$ — bie perfönlidje 9Birt= 
fdjaftägeredbtigfeit juftebt. 21m 29. 2)2ai 1888 batte ber Kläger 
gemeinfcbaftlid) mit bem ©bemann ber öeflagten auf bem ©tabu 
polijeiamt ju Ulm bie Unjeige gemalt, bafe ber lefetere oom 
31. 9)2ai 1888 ab bie giibrung ber 2Birtfd)aft jum $riibling$= 
garten übernebmen roerbe gegen eine Belohnung oon 703J2.monat-- 
licb nebft freier äBobnung ; btebei routbe bem Kläger unb bem 
©bemann ber Seflagten oom ^olijeifommiffär eröffnet, bafe bie 
Eingebung eines ifj a cb t oerbältniffeS unjuläffig fei. Unterm 
23. 2J?ai 1888 ift oon bem Kläger unb ber Seflagten unter ßie- 
nebmiguttg UjreS ©bemannS, ein Vertrag unterjeicbnet roorben, 
toornarf) bie öeflagte bie giibrung ber SBirtfcbaft jum gritbling3= 
garten gegen eine monatlicbe „©ntfcbäbigung ober 23elobnung" 
oon 70 9Jt. übernebmen unb baS oon bem Kläger gelieferte Sier 
auSfcbenfeu iollte. ®er Kläger trat ber 'Seflagten laut biefes 
Vertrags tociter aufeer ben jur SBirtfdjaft gehörigen Sofalitäten 
ben ganjen mittleren ©tod be3 .fpaufeS nebft einigen 32eben= 
räumen mietroeife gegen einen jäbrlicben fD2iet$in3 oon 900 312., 


Digitized by Google 



A. in Shnlfatfjen. 


11 


jafjlbar in monatlichen Baten oon 75 Bi., ab. ftiir bie ©inhal» 
tung biefer Zahlungen, foroie für richtige Ablieferung beS Bier= 
gelbes fyatte bie „SBirtfchaftSführerin" eine Biirgfchaft in; 2k; 
trag »on 1000 Bi. ju fteHen. 

©ie in biefent Vertrag anbebungene „©ntfchäbigung" »on 
monatlich 70 2)7. hat bie Beflagte nie erhalten, »ielmefjr mürbe 
ihr ftatt berfelben ber Bußen aus bent Bierfchanf iiberlaffen. 
3n ben »on bem Kläger auf bie Beflagte je monatlich auS= 
geteilten Rechnungen ift berfelben ber Breis beS gelieferten Bieres, 
unter Abjug eines „SfontoS", unb baju bie SBohnungSmiete 
mit monatlich) 75 Bi. in Anrechnung gebraut. 

Am 24. Rooember 1894 fanb jroifchen bem Kläger unb ber 
Beflagten, roelche mit ihren gelungen in Riicfftanb geraten mar, 
eine Abrechnung ftatt, auf ©runb beren bie Beflagte am ge> 
nannten ©ag einen uon ihrem ©hetnann mitunterjeichneten ©djulb 
fdjein auSftetlte. Sie befennt barin, bem Äläger „an Bierab= 
redputgSreft unb BiohnungSmiete" bie Summe »ott 3628 Bi. 
50 SjSf. fcbulbig geroorben ju fein. 

©egen bie Älage auf Bejahung biefer 3623 Bi. 50 Bf- 
hat bie Beflagte eingemenbet: mit bem Bertrag oom 23. Biai 
1888 habe ber Illäger in Umgehung beS ©efeßeS (ber @eroerbe= 
orbnung) feine SBirtfdhaft an bie nicht im Befiß einer Äonjeffion 
befinbli^en Beflagte »erpadhtet, auf beren eigene Rechnung gegen 
einen monatlichen B“d?4in$ »on 75 Bi. ©iefe Abmachung ber 
Barteien fei auf beiben Seilen eine unerlaubte geroefen, bem 
Wäger ftehe alfo eine flagbare gorberung nicht ju. ©er ©im 
nmnb ift in jmeiter Qnftanj »erroorfen morben. 3n ben 

©riinben 

roirb junächft auSgeführt, baß ber in ber Abrechnung enthaltene 
AnerfennungSoertrag einen felbftänbigen BerpflicßtungSgruiib 
bilbe, bie Wage baher an fich begrünbet fei. ©ann roirb fort- 
gefahren : 

©er Beflagten ift allerbingS nicht benommen, einreberoeife 
bie Ungültigfeit beS AnerfenntniffeS geltenb ju machen unb ju 
biefent gnteefe auf baS ju ©runb liegenbe ScßulboerhältniS jurücf; 
jugehen, namentlich alfo nacbjuroeifeit, baß ber anerfannte An= 


Digitized by Google 



12 


6ntfcf)<!tt>ungen beä Dberlanbeägericht«. 


iprud) auf einem gefejitich »erbotenen ober unfittlicfien unb beS= 
halb ungültigen iftehtSgefhäft beruhe *). 

®er »orige Stifter h<U ben in biefer Stiftung oon ber 
©eflagten erhobenen Gcinroaitb für begrünbet erachtet : baS SSer= 
^ältni-3 jt»if(|en ben Parteien fei thatfä<hli<h ein ißahtoerhältnis 
getuefen, bie gorm eines ©efhäftsfiihrungSoertragS »on ihnen 
nur gerodelt worben, um baS gefe^lic^e Verbot ber 2?erpad)tung 
einer persönlichen Söirtfhaftsgeredhtigfeit (®. ©ewerbeorbnutig 
§§ 38, 55) ju umgeben unb baS SBerhältniS ben ©eljörben gegen= 
über alä ein erlaubtes tjinjufteHen. ®er Vertrag »om 23. 2)fat 
1888, ber bie ©runblage ber Silage bilbe, fei hiernach nichtig, 
was auch ber Kläger beim Hbfhluß gewußt habe. Jlun fei jwar 
ber unfittlidje £eil beS Steht^gefchäftS nicht ber ißahtoertrag, 
auf ©runb beffen abgerechnet unb geflagt worben, »ielmetjr fei 
bas eigentlich unfittliche ber ©efhäftSführungSoertrag, welcher 
jur Jäufchung ber fBehörbe unb jur Umgehung beS ÖefeßeS 
fingiert worben fei, allein man tonne biefe beiben 2ÖiUenSer= 
flärungen nicht trennen. 

6s fann ba^in gefteKt bleiben, ob ber Vertrag »om 23. ÜJfai 
1888 — infoweit barin baS fRehtSoerhältniS 3 t»ifdhen beit iflar= 
teien als ein StefloertretungSantrag („SBirtfhaftsführung") be= 
hanbelt unb geregelt ift — ein nur fingierter war, ob bie 2lb= 
ficht berfelben in SBahrheit bahin ging, bie 2Jeflagte folle bie 
SBirtfchaft jutn grühlingSgarten auf eigene Rechnung betreiben, 
unb ob bemgetnäß baS wirtliche ißerhältnis ber Parteien ein 
„^acht»erhältniS" *) gewefen ift. ©enu biefe ffkämiffen würben 
gleichwohl bie oon bem Unterrichtet gezogene Schlußfolgerung 
nicht rechtfertigen. 

$er SUageanfpruch ift wie erwähnt auf bie 2lbredhnung unb 
bas SchulbanerfenntniS ber Öeflagten oont 24. iKooeniber 1894 
geftüßt ; biefen wieberum liegen 2Xnfpriict»e bes SllägerS für ge= 
liefertet öier unb für äBohnungSmiete $u ©runb. 3>ie bejiig= 
liehen Seiftungen beS SllägerS ftnb gemacht worben in ©rfüllung 

1) entfeh. be« Ketdyeg., 8b. V SRr. 33 S. 125, 8b. XXIII 9Ir. 26 
S. 138. 

2) f. übrigens Schiefer, ©ecn.O. ju § 33 0. 80 9lr. 73. 


Digifeed by Google 


A. in £it>i(fad)en. 


13 


ber jroifdjen ben Parteien wirtlich abgefchloffenen unb burchaus 
cmfllid^ gemeinten 3ted)tSgefchäfte. 

Eine 93ereinbarung ber Parteien, moburch bie 2Birtfd^aft«= 
fiihrung ber 33eflagten für beren eigene ^Rechnung überlaffen 
rourbe, fd)loß nod» nicht begriffSnotroenbig bie weiteren ÜtecbtS^ 
gefdfiäfte in ft<h, benen bie abgerechneten Snfprüdje beS ÄlägerS 
entjjmmgen fmb. 

®ie gorberung für geliefertes $ier ifi bei ber unterteilten 
ißorausfe&ung ohne 3 nje ifel eine folche aus Äauf (roohl nicht 
fEröbeloertrag), mögen nun bie einzelnen SBierlieferungen je be= 
fonbere Äaufe geroefen fein ober bie Erfüllung eines einheitlichen 
Vertrages auf öierabnahme unb Sierlieferung. f£)er 3)tietjinS= 
anfprucß ift gerichtet auf baS Entgelt für bie ber iBeflagten unb 
ihrer gamilie überlaffene Senüfcung eines XeilS beS flägerifihen 
Kaufes irSbefonbere ber 2Bohnräutne, beruht auf einem SDiiet= 
oertrag, ber, wenn aud) in SBerbinbuug mitbem©tellüertretungS= 
oertrag, ficherlid) als ein ernftlidher baueben abgejchloffen wor= 
ben ift. 

$aß bi e }e 9techtSgefd)äfte als jur Umgehung beS ©efefceS 
ober oielmehr gegen baS ©efefc (contra legem) *) abgefchloffene 
unb beShalb ungültige ju betrachten feien, fann nicht jugegeben 
werben. 

Ein (birefteS) Verbot ber in fyrage ftehenben 9t e d) t S g t- 
i di ä f t e enthält bie ©eroerbeotbnung nicht. Verboten ift burd) 
§ 33 unb § 147 3iff- 1 ber ©.0. ber felbftänbige gewerbsmäßige 
Metrie b einer ®aft= ober <Sdbanfwirtf<haft ohne bie erforberliche 
Erlaubnis. ®er ©ewerbebetrieb an fid) ift fein s }ted)tSge}chäft, 
fonbern bie 53ethätigung ber allgemeinen prioatrechtlicheit &anb^ 
lungSfreiheit — berufsmäßige ErroerbSthätigfeit *). Merbings 
oerwirflicht fid) ber ©ewerbebetrieb, außer burch perfönliche 
Ihätigfeit, burch beit äbfdiluß oon 9ted»tSgefchäften ; unb es 
ift infofern möglich, baß ein einjelneS 3te<htSgefcbäft ober bie 
SBieberljoIung foldier eine 3uroiberhanblung gegen baS Verbot 
ber ©etoerbeorbnuug barfteüt. SBenn aber berjenige, welcher 

1) Sßgl. Sang in 8ofd)«’8 3*üf d ) c *ft, 'U*>- 28 ©. 329 3*ff- V- 

2) S*gl. © e v b e I , @eroetbepoIi}eirccfit in £irlh, Sinnaten XIV©. G37. 


Digitized by Google 



14 


Sntfcfjeiöungen beä Dberlanbe«gerirf)t3. 


ohne bie erforberlidje ©rlaubniS eine ©aft= ober ©djanfioirtfcbaft 
betreibt, t)ieburd^ gegen baS Verbot ber ©eioerbeorbnung oer= 
ftöjjt, Jo folgt barauS no<b nid)t bie Ungültigfeit ber oon tfjm 
in Ausübung beS unerlaubten ©eroerbebetriebs abgefcbloffenen 
SRecfitBgefdjäfte ; unb roenn berjenige, melier biefem @eioerbe= 
treibenben roiffentlid) bie SDlittel ju bem nid^t fonjeffionierten 
betrieb, etioa burcb llebertaffung beö SofalS ober Sieferung oon 
©etränfen — gemährt, nach Umftänben ficb ber Teilnahme an 
einem Vergeben toiber § 147 3iff. 1 ber ©.£). fdjulbig unb ftraf= 
bar machen fann *), fo ift bamit nod) nid^t gegeben, bajj bie 
jroifcben ben 33eiben abgefcbloffenen StecbtSgefdjäfte cioilredftlid) 
umoirffam finb. 

$ür bie grage nach ber cioilrecbtlicben Söirffamfeit oon 
äferbotSgefe|jen fönnen bie 23eftinimungen beS römifcben StedbtS®) 
nur eine Siegel an bie |janb geben, bei beren 2lmoenbung ber 
äüille beS ©efefsgeberS, ©runb unb SEragroeite beS fonfreteit 
gefe^lidjen Verbotes ju berücffidjtigen finb. 2lnS einem © t r a f= 
oerbot inSbefonbere folgt nod) nicht notroenbig bie cioilredjU 
liebe Uuroirffamfeit ber oerbotenen &anblung; es fommt b^r 
auf ben Verbots g r u n b unb barauf an, toelcbe 9lecbt3grunb= 
füge bur<b bie ^anblung oerle^t finb. SlnberS als bei Verboten 
oon $anbluitgen, toelcbe in bie fittlidbe StecbtSorbnung eingreifen, 
ein materielles Unrecht enthalten, ift bei ben nur „formalen", 
im gntereffe ber ©eroerbepolijei, ju ©teuerjroecfen, jur 2kr= 
febrSficberbeit zc. erlaffenen Verboten im nicht als bie 3lb= 

ficht beS ©efefcgeberS ju unterfteHen, bafj ber oerbotenen |>anb= 
lung au<h bie cioilrecbtlicbe SBirffamfeit oerfagt fein fotte 5 ). 

SefctereS trifft aueb bei ben Verboten ber ©etoerbeorbnung 
$u, mit 2luSnabme ber roenigen gäfle, n>o biefelbe bie cioilrecbtlicbe 
Ungültigfeit einer oerbotenen |>anb(ung auSbriicflid) ftatuiert 
(§ 117 ogl. mit 115; ju ogl. aud) § 152 2lbf. 2). gnSbefonbere 

1) Sgl. ©cf>icl er, § 33 ©. 80. 

2) 1. 6 cod. II 3. 1. 5. cod. I 14. 

3) Sgl. ©nb entmin über bie civilred)t[. SBirtung ber SerbotSge* 
gefe&e, 1881, ©. 28ff., 59}., 107 f., 113 ff., 116 ff. görfter=@cciu8, 
ifk. tjJrioaOSt. I, § 28 ©. 150 unb Sloie 20. 


Digitized by 


A. in &tt>ilfa<$en. 


15 


ift ben SSorfcbriften, meldbe bie (Sinbolung einer polijeilicben (Sr; 
taubnis, JEonjeffton jc. ju einem betrieb gebieten unb ben ©e- 
roerbebetrieb ohne foldje @rlaubni£ oerbieten (®.D. § 29 ff. 147) 
nid)t bie ©ragroeite beijulegen, baff ^teburc^ in bie cioilrect)tlid;e 
SBirffamfeit ber in Ausübung beä ©eroerbebetriebS oorgenom= 
menen SteddStjanbiungen eingegriffen mürbe. 3» ber Strafe unb 
ben oorgefdjriebenen polijeilicben fDfafjregeln (©.0. §§ 15 2lbf. 2, 
§ 47 2lbf. 3. 4. 2B. 33ottjug$oerfügung oom 9. s Jloo. 1883 §48) 
mag tyitt eine au£reid>enbe Sicherung be$ SSetbotÄ gefunben 
roerben 1 2 ). 

©aran fann fein ^roeifel hefteten, baß bie oon einem nid)t 
fonjeffionierten SBirt mit feinen ©äften ober auch mit ©ritten 
(an ber SBirtfdjaft^fonjeffion nicht beteiligten) j. 33. Lieferanten 
gefdbloffenen ©efdjäfte prioatredbtlidb gültig jtnb a ). 

Ob aber ein Vertrag, roobureb ber Inhaber einer perföit- 
lieben 2Birtfd)aft$gered)tigfeit ficb oerpflicbtet, einen anberen für 
beffen eigene Stecbnung roirtid)aften ju taffen, rechtsgültig 
ober oielmebr beS^alb rcdjtdunmirffam ift, roeil bie jugefagte 
Leiftung, (fomeit überhaupt red^tlicb möglich) eine gefeßroibrige 
roare, fann unentfebieben bleiben; um ben 2lnfprucb auf eine 
berartige Leiftung bejro. bie ©egenleiftung b ‘ « f ü r bat e$ ficb 
bei ber jmifeben ben Parteien gepflogenen Abrechnung nicht 
gebanbelt. 

2lu4 bem Verbot ber ©emerbeorbnung allein, ber Un* 
erlaubtbeit be$ 2öirtfchaftSbetriebS ber 3)eflagten, läßt ficb alfo 
bie Ungültigfeit ber bem ftlageanfprucb ju ©runb liegenben 
3fecbtsgefdbäfte nicht ableiten. 

Aber auch bie Annahme, bafi bie fraglichen SUechtSgefchäfte 
gegen ba3 Sittengefeß oerftojjen, fittlid) oerroerflidjc feien, 
märe in bem unterteilten nicht gerechtfertigt. 

(Sin 3umiberbanbeln gegen ba3 geroerbepolijeilicbe unb fteuer= 
rechtliche Verbot, bejm. gegen ba§ Strafoerbot ber ©eroerbe= 

1) S3gt. ©nbemann cit. S. 116 f. Steint, $ie redjtl- Statur 

ber ©eroerbefonjeffton, § 11 65 ff.; f aud) Sang, ^Jerf.=9t, § 24 

S. 133 9t r. 29. SB. 3trd)i» III, S. 396 f. 

2) ©. au$ §anbel4gefefebud>, 9trt. 11, 276 »gl. mit 9trt. 271 *. 


Digifeed by Google 



16 


©ntfdjeibungen be8 CberlanbeSgeridfiS. 


orbmtng mürbe baS SKedjtSgefcbäft nocb nicht ohne SeitereS 31t 
einem unfittlidjen machen *), eS ntüfile nod> ein roeitereS 3 Jto- 
ment ^injutreten. ©in folcbeS — baS eigentlich unfittlicbe — 
finbet ber erfte Stifter in bem 311t £äufcbung ber Seljörbe unb 
3ur Umgebung bei ©efefceS fingierten ©efdjäftSfübrungSoertrag. 
©er [entere märe jebocb, roenn unb foroeit fingiert (ftmuliert), 
fhon beSljalb nichtig ; es fann fi<h nur fragen, ob baS sraifcben 
ben Parteien roirflich abgefchloffette fftedjtSgefcbäft auS bem 
©runb als ein negotium turpe anjufeben fei, meii es unter 
bem ©edntantel jenes SdjeinoertragS gefd)loffen roorben ift. $on 
biefetn ©efid)tSpiinft tarnt aHerbingS nad) Umftänben eine 9 lb= 
madjung, welche barauf ahjielt, bem einen beteiligten bie aJiög- 
lid^feit beS unbefugten ©eroerbebetriebs mittels ©äufdbung ber 
befiörbe ju oerfhaffen, fich als berlebuttg nicht nur ber öffent= 
litten fRedjtSorbnung, fonbern aud) beS Sittengefe|jeS bar= 
ftellen; fo roenn ber ^nljaber einer SBirtfcbaftSfonjeffton fich ge= 
rabe für bie bent anberen Äontrabenten jugefagte 2Jt i t ro i x= 
tung ju ©äufdbutig ber bebörbe unb ju Umgebung beS ©e= 
fefceS eine ©egenleiftung tterfpredben lägt *). 2 lHeitt fo liegt ber 
gegenroärtige gaH uidlt. (£$ banbeit fid) bei ben jroifdjen ben 
Parteien abgerecbtteien 2lnfprücben um ©egenleiftungen — nicht 
für baS fDiitroirfen beS ÄlägerS ju ber Unterbrüdung ber 2 Babr= 
beit ober bem täufdheiiben berbalten gegenüber ber Obrigfeit, 
fonbertt für geliefertes bier unb geroäbrte SBobnmtg. 

©iefe Seiftungen unb jene ©egenleiftungen oerftofien — 
an fidb — natürlich in feiner SDBeife gegen ©toral unb Sitte, 
es finb betn Snbalt nach erlaubte unb reelle ©efd^äfte. 3roar 
fotnmt eS für ben begriff ber turpitudo nicht tebiglicb auf bie 
Statur ber bertragSleiftungen, fonbern auch auf ben $n= 
halt unb ben nädjften 3roed beS ©efhäfteS, nach Umftänben auf 
bie bemeggriinbe ber Äontrabenten an 8 ). 

1) ©gl. auch Urteil b e8 0.=2:ri6unnl8 in Soffer '8 S'dfchr. ©b. 27 
S. 327 ff. 

2) ©gl. Urteil beS R. 0berlanbe8geri$t8 »om 18. ©ept. 1890 i. ©. 
Jtilfjn g. §eer, © 0 f dj e r ’8 3 e üfc^r., ©b. 30 ©. 28. 

3) ©gl Wernburg, Sß. II §16 ©.48, ©ntro.jum biirgerl. @efef;b. 
1 §106, II §103, ©iotioe I @.211, il.£efung u. Stab, @. 56 9tote 1. 


Digitized by Google 


A. in Sipilfac^ieu. 


17 


2lllein man barf nidjü jeber Vejieljung eines an fic^ cr= 
faubten 9?edljtSgefdfjäftS su einem unerlauten 3”>c<f ober ju einer 
unfittlid&en Jpanbluttg bie Vebeutung beilegen, bafj Ipeburd) jenem 
©efdjäft fetbft baS ©epräge ber Unfittlidjfeit mit ber 2I$irfung 
ber 9tidbtigfeit aufgebriieft roirb. ®ie lefctere 2Birfung l;at ein 
3ufammenf)ang beS ®efd(jäfteS mit einer oerbotenen, ftrafbaren 
|ianblung nic&t einmal ba ftetS unb unbebingt im ©efolge roo 
biefe £anblung einen SSerftofe gegen bie red)tlid) anerfannte 
Sitte enthält *)/ nocE> weniger immer unb unbebingt ba, roo baS 
fragliche 9ted[)tSgefd)äft mit ber llebertretung ober Umgebung 
eines geioetbepolijeilidjeu, bejio. SteuergefefceS jufammenljängt. 
2ßenn für ben Vegriff beS Unfittlic^en überhaupt bie im VolfS= 
beroufjtjeiu rourjelnbe 2lnfdE>auung non guter Sitte unb Gl>reu= 
^aftigfeit jum SUagftab ju nehmen ift, fo ift aucl) für bie grage, 
inroieroeit bie Vejieljung eines 9iedf)tSgefcf)äfteS ju einer unge-- 
iel^üdjen ,§anblung bent ©efdiäfte ben 2)iafel ber turpitudo an; 
barte, jene fittlidje 2tnfd)auung ju bead)ten. $ie abfic^tlic^e 
Jäuf^ung ber Obrigfeit jum 3n>ecf ber 2luSübung eines um 
erlaubten ©eroerbebetriebS ift geroifj nie^t bloß redt)tSroibrig 
fonbetn aud) unmoralifdb- ©S roirb aber faum gejagt roerben 
fönnen, bag bie Vermietung oon 2Bot;m unb ©efdE»äftSräumen, 
bie 2lbgabe oon ©etränfen an einen nid)t fonjeffionierten ÜBirt= 
f^aftSpäd^ter, oon ber öffentlid^eit Meinung um beSroillen fcE>on 
als „unfittlidbe" ©efdräfte angefefren roerben, roeil ber roirt; 
idjaftsberedjtigte Verpädfjter ben erfteren bei ber Veljörbe um 
wahrer SBeife für feinen Stelloertreter ausgegeben ober beibe 
ber S3et)örbe einen fingierten StelloertretungSoertrag oorgelegt 
Ijaben. 2Jian roirb es für billig unb recf)t finben roenn bie Veibeu 
roegen ber ©efefceSübertretung jur Verantwortung gezogen roer= 
ben unb ber unbefugte Vetrieb oon ber ^Jolijei oerljinbert roirb, 
man würbe es aber roo^l nidljt leicht oerfteljen, bag ber ©e= 
fdjäftsin^aber unb Sieferant beSljalb, roeil bie (Sinljolung einer 
ftoitjeffion für ben oorgeblicfien Stelloertreter nmgegangen würbe 

t) Sgl. ©ntf$. be$ 3t.@., Sb. V 1 3tr. 44 170 ; 35 e t n 6 u v g , a. a. D. 

SRaoit hu cioilift. 2lr<$it), Sb. 58 S. 66; ©euffert, 2lrcf)tu, Sb. 49 
9tt. 238. 

3abvbü$er für Ättrttembevg. iHed)t<?pflcflf. VIII. 1. 2 


Digitized by Google 



18 


6ntf(f)eibungen bt? 06er[anbtsgerid)te 


unb nun ber leitete ftch auf bie (oon ihm felbft junädhft) oer= 
übte Berlehung bei ©efefcel ju berufen beliebt, um feinen mehr* 
jährigen ©efchäftloerbienft fommen foH. 3oldjel fann benn 
auch nicht in ber 2lbfid)t bei ©efegel gelegen fein. 

©er Ginroanb ber Beflagten, baß ber non ihr anerfannte 
Slnfprud) bei Klägerl wegen Unerlaubtheit ober llnfittlichfeit 
bet ju ©runbe liegenben causa nicht ju Stecht heftete , war 
hienach ju oerwerfen. 

Urteil bei 11. Giöib©enatl ooin 11. ^uli 1895 i. ©. 

SJtapfer g. Kicf. 


5. 

Haftung eines Beauftragten aus unrichtiger Peklaration einer 

ßelifenbung. 

©er Beflagte fteht mit ber Klägerin in laufenber Stechnung 
mit Krebitgeroährung bil ju 5000 ÜJt. 2lm 21. Dftober 1892 
gab er ber Klägerin bie telegraphifche SSeifung, an ben Dbft* 
unb ©einüfehänbler ßharlel grebel in ©olljain (bei Süttidj, 
Belgien), einem ©efchäftlfreuub unb Dbftlieferanten bei 33e= 
flagten, 160 0 -Dt. ju fenben. 2lm gleiten ©ag lieferte bie 
Klägerin burch einen Lehrling bei bem ißojtamt einen 2Bert= 
brief mit ber 2lbreffe bei ^rebel ju 600 3)f. be floriert 
ein, nach ber Beurfunbung bei Slnnaßmebeamten im ©ewid)t uon 
46 gr. bem SBertbrief follen fid> nach Angabe ber Klägerin 
16 100Ü)t.=Banfnoten in ein fleine! Stücf 3eiU lII 9'3papier Ö e: 
legt unb ein Begleitfdhreiben bei 3nhaltl befunben haben, baß 
bie 1600 2K. im Slnftrag bei Beflagten »berfaubt werben, wo* 
für grebel ber Banf befcheiitigen unb ben Beflagten erfenuen 
wolle. 3 u 9l e W) oerficherte bie Klägerin bie SBertfenbung bei 
ber Mgemeinen Berfidjerunglgefellfchaft $eloetia in ®t. ©aßen 
mit 1600 SDt. gegen ©ranlportgefahr. 2ln bem 21. Oftober 
1892 fdhtieb ferner bie Klägerin beni Beflagten, baß fie feiner 
telegraphifdhen ÜBeifung jufolge an grebel 1600 9)t. bar („2Bert 
heute ju 3h reu Saften") gefanbt habe. Bon grebel fam feine 


Digitized by Google 


A. in fiioilfodjen 


19 


gmpfangSbeftätigung ein, auch imirbe er baran «on ber Klägerin 
nid^t erinnert. 

Dur cf) ^oftfarte oom 1. $>ejember 1892 fragte Öeflagter 
bei bet Klägerin an, roie oiel (Mb an $rebel abgegangen fei, 
biefer behauptete, nur 6 00 5Di. erhalten ju haben, unb fchreibe, 
er fei fein ffletriiger, 23eflagter falle [ich bie ißoftquittung jeigen 
laffen. ®aS 33egleitfd)reiben roill $rebel gleichfalls nicht betont* 
men haben. 3n ber golge roeigerte fi<h Seflagter, bie ihm auf 
ben 1. Januar unb 30. Quni 1893 jugefteHten 9iedhnungSauS= 
jüge ber Klägerin anjuerfennen, ba Klägerin ihn für bie SBert* 
fenbung oom 21. Dftober 1892 nur mit 600 unb nicht mit 
1600 9R. belaften bürfe. 

Klägerin flagt baher gegen ben Öeflagten auf 2lnerfennuttg 
ber SBelaftung mit 1600 s J)t. 

$n erfter ^nftanj mürbe beni Älagantrag gemäß erfannt. 
luf ^Berufung beS SBeflagten mürbe — nach ftattgehabtein 23e= 
roeiSeinjug, roobei grebel fidh roeigerte, fich »or bent Amtsgericht 
SXadheu als 3eugen vernehmen $u laffen, rooju er fich in erfter 
$nftanj erboten hatte — bie Aftage abgeroiefen aus folgenben 
© r ü n b e n : 

1. ®aS jroifchen ben Parteien bur<h bie Söeifung beS ®e= 
flagten, an Trebel in $olt)ain 1600 ÜJf . ju fd)icfen, unb burch 
bie 2lnnahme ber Ausführung biefer SBeifung begrünbete 9led)tS* 
»erhältniS, beffen rechtliche Statur fich auS fid) felbft beurteilt 
unb burch bie (Sntftehung innerhalb eines offenen AtrebitS nicht 
berührt roirb *), ftellt fich als ein 3 a hhingSmanbat, als ein 
SJtanbieren auf gebedten Ärebit 2 ) bar, unb ift baljer nach ben 
©runbfäfsen über baS 5Dt anbat ju entfdjeibeit. Stad) biefeit 
©runbfäfjen hat bie Älägerin, roenn fie auftragsgemäß gejault 
hat, Anfpruch auf SdjabloShaltung, ®ecfung, alfo hier nach 3ti* 
halt beS ÄrebitoertragS auf öelaftung beS Seflagten in laufen* 
ber ^Rechnung. SlnbererfeitS h“i bie Klägerin fich barüber aus* 

1) £ o f| n , Sie $rebitgefcf)iifte in ffinbemann, hanbbudj be$ 
Seutjch. $anbeBved)t8 111 ©. 934. 

2) Soljn, Sie 3ai|hmg3geid)äite, a a £). ©, 1088 

2 * 


Digitized by Google 



20 


@ntfd)eibungen beb Obertanbebgerid)tb. 


jumeifen '), baff fie ben Auftrag ptinttlicb ooHfii^rt höbe, wobei 
fie auch für bas geringfte $erfeben, für jebe SRacbläffigfeit, nicht 
aber für ben 3ufaII b a ftet. ®' e M Qlf° ütSbefonbere bie ©e= 
fafjr beS (ihr jur 2luSfübrung beS Auftrags geflatteten) TranS= 
portS auf ber fßoft nicht ju tragen. ®er oon bem süeflagten 
angejogene 2lrt. 325 |>.,§.8.’S, wonach bie ©elbfenbung an ben 
©laubiger auf ©efaljr unb Koften beS ©dptlbnerS ju tiber= 
machen ift, fhtbet fd)on barum feine 2lnmenbung, weil es fidb 
hier um feine ©elbjahlung an ben ©laubiger felbft nach beffen 
SBofjnort unb in Erfüllung einer ©elbfchulb ^anbelt, unb 
bann weil aus ber gejagten Statut beS ©ef^äft-S (als eines 
2)fanbatS) „ein 2lnbereS", bie 9Hdjtf)aftung für ben 3ufaH 
ergiebt 1 2 3 ). 

®ie Sorgfalt, ju melier bie Klägerin »erpflic^tct mar, 
ift bie eines orbentlichen Kaufmanns beS betreffenben &anbels= 
gemerbeS (eines SBaufierS). 

Tiefe Sorgfalt erfcböpfte fid) im »orliegenben gall noch 
nicht bamit, baff bie Klägerin bie geroünfchte Summe oon 1600 9JI. 
richtig in |>. jur ipoft einlieferte. Turch ben beweis biefer @in= 
lieferung ift baher bie Klägerin noch nicht oon jeber weiteren 
8erantmortlid)feit befreit, fonbern eine pünftlidhe 2luSfiihrung 
beS 2luftragS erforberte ferner, bah Klägerin im Qntereffe ihres 
2luftraggeberS, beS 8eflagten, alle nach ben beftehenben 8er= 
fehrSeinrichtungen möglichen unb üblichen ÜDtafmahmen traf, 
welche ben 8eflagten oor ber ©efafir eines SSerlufteS mähreub 
beS Transports ju frühen unb ben SemeiS ber richtigen 216= 
lieferung an ben 2lbreffaten ^rebel ju fiebern geeignet waren. 
3ft hierin etwas oerfäumt unb oerfeheit worben, fo entfchulbigt 
eine folche 9laihläffigfeit felbft bann nicht, wenn bie Klägerin 
in ihren eigenen 2lngelegenheiten ebenfo ju hanteln pflegt 3 ). 

1) 3. übet bie Beioeibpflicfjt beb 'Beauftragten bie @ntfdj. beb 91eicbb= 
geridjtb, 33b. 20 <5. 269 unb beb 9tei$b=D.$.@. in ©euffert'b 9lrd)io, 
Bb. 27 SRr. 124. 

2) @ntf$. beb Steid)bgeridjtb 2 S. 116; 23 6. 95 ff. 

3) L. 21 Cod. mand. vel contra 4,5. Unterl)oI}ner, £ef)re 
non ben Sdjulboerf). II ©. 592. ©lildt, ^Janb. 15 e. 261, 272. 


Digifeed by Google 



A. in §iui(fad)«n. 


21 


3 u biefen im 3 rttereffe bei 2 tuftraggeber^ gebotenen Siebe* 
runglntaßregeln gehört oor Allem bie SDeflarierung ber 
SBertfenbung unb jroar j n nt o o 1 1 e tt 33 e t r a g bei inliegen* 
ben SSertl, ber inliegenben 16 1 009)1. *33anfnoten. $iefe in ber 
iPoft-Orbnung *) oorgefebene Sdbußmaßregel bat 3 roar junödbft 
ben gegen bie ©efaßr eine^ gänjlidjen unb teilroeifen 

9terlujie! auf bem £ranlport — für welchen bie ^oft nad) 
§§ 6 — 8 , 13, 14 bei Aeicblgefeßel oont 28. Oftober 1871, 
9leicb!*®ef.=$l. S. 347 ff. ogl. mit bem Uebereinfommen bei 
SBeltpoftoerein! oom 4. 3uli 1891, betr. ben Aultaufcb oon 
Briefen unb Ääftcben mit 2Bertangabe Art. 11 9tei<b$gef.=93l. 
1892 S. 535 ff. einjufteben I;at — ju fidiern, allein fie bietet 
jugleicb eine ©ernähr gegen ein bei einer Söertfenbung mögliche! 
unteblicbel Raubein bei Empfänger!. $er Empfänger aner* 
fenntjmar mit ber 33efcbeinigung bei Empfang! ber SBertfenbung 
nocb nicht, roie ber 33eflagte meint, ber ißoft unb bem Abfenber 
gegenüber ben richtigen Empfang bei 3 nt) alt! ber Senbung 
in ^öhe bei auf bem Umfchlag bei Sßertbrief! angegebenen 
äüert! 2 ). 2Benn er jebod» ben Empfang einer geringeren Summe 
all ber außen bedauerten geltenb inanen will, fo ift er jur utt* 
gefäumten 9ieflamation »eranlaßt ; unterläßt er folche, fo gebt 
nicht nur ber Anfprud) (bei Abfenber!) gegen bie i^oftanftalt 
oerloren s ), fonbern el liegt in biefer Unterlaffung jugleidb feitenl 
bei Empfänger! eine Anerfennung bei richtigen Empfangl gegen* 
über bem Abfenber, roelcher biefen (unb auch einen dritten, 
ben Auftraggeber bei Abfenber!) eine! weiteren ©eroeifel bei 
richtigen Qnbalt! überhebt. 3 l, bem bietet bie oolle ®eflarierung 
infofern einen Schub, all fie regelmäßig ben Empfänger ab* 
halten wirb, ber SBabtheit juroiber einen geringeren Inhalt ber 
Senbuttg 31 t behaupten, ba, roie er [ich felbft fagcn muß, bie 
bieju nötige fofortige Aeflantation eine allbalbige amtliche Untere 

1) SBilrtt. oom 27. (Juni 1892 § 7 Stegbl. 6. 200. 

2) SD a m b a cf) , ^oftgefefc, 4. Stuft. § 8 Stmn. 8 (©. 52). 

3) ^ßoftgefefe § 7 ogl. §.@.5B. Sltt. 408 Stbf. 2 Stet. 421. S cf> oft, 
®aä Xranäportgefd)äft in @ «bemann, §anbb. be§ 53- C&<wbelSrecf)t! III 
0. 560. 


Digitized by Google 



22 


Sntfdjeibungen beS DberlanbeSgeridft«, 


fudhung jur 3°*9 e hat, welche ju bieder 3eit burch Erhebung 
über bie äußere 23efd)affenheit unb baS ©eroicßt ber Senbung 
bei ©in- unb Ablieferung, burd; 23ergleid)ung biefeS ©eroicfjtS 
mit bent oorn Abfettber unb Empfänger behaupteten Fnhalt, 
burd) SöeroeiSerhebung über bie Art ber Abfenbung unb beS 
Empfangs unfdjmer baS roahre SacboerhältniS feftfteHen tanu. 
(Tie ^Behauptung beS SBeflagten, bah bei richtiger Teflaration 
bie ^oftueriualtung ben oon grebel angegebenen Fehlbetrag 
SioeifelloS ohne fjkoäeß erfeßt haben mürbe, ift bagegen oöHig 
haltlos *). Tiefer Schuß roirb burdh eine nur teilioeife 
Teflatierung nicht gemährt. Tie SSerfuchung für ben Em= 
pfänger, ben richtigen Empfang ber Senbung abjuleugneit, ift 
hier eine oiel größere unb es fagt bie Klägerin in ihrer Sie- 
rufungöbeantroortung felbft, baß bie uutermertige Teflaration 
offenbar bent Empfänger Frebel f, en ginftofe ju feinem betrug 
gegeben habe. Ter Empfänger ift h‘ er Tiic^t gehinbert, auch 
erft in fpäterer 3eit einen Empfang über bie außen betlarierte 
©unime hinaus roegjuftreiten uttb baburch ben ©eroeis biefeS 
Empfangs mefeittlid) $u erfdhmeren, menn nicht unmöglich ju 
machen, föiegegeit fdptßt auch nicht ber bie richtige Summe be= 
jeichnettbe AoiSbrief, mag er befottbers ober in ber 2Bert= 
fenbung gefchidt morben fein; benn nicht roeitiger leicht fann 
ber Empfänger audj biefen 33rief beseitigen unb ableugnen. 

Ebenfo roenig fcßiißt bie gleichseitige SSerfidherung 
beS oo l len SBertS bei einer SSerficherungSgefellfdhaft, ba biefe 
$Berfi<herung nur oor ber ©efaljr eines SerlufteS roähtenb beS 
Transports fidjert, nidht aber oor einem unreblidjen Verhalten 
beS Empfängers. Tie Klägerin beruft fi<h nun jroar barauf, 
baß ein geringeres Teflarieren mit gleichseitiger ooHer 3$ers 
ficherung bei ihr unb aud) bei anbereit SBanfeit ftets üblich, baß 
bieS megen ber IJSortoerfparniS im eigenen Fntereffe per .Runben 
gelegen unb baß eine Unreblidjfeit beS Empfängers nicht iit 
Rechnung ju nehmen fei. Auch beruft fie fich auf Sadjuerftänbige 
bafür, baß ein bcrartigeS Teflarieren mit gleichseitiger ooller 

1) %l. baju § 7 ^oftgefefce«, Schott, a. a. O., ©. 554 unb 2Bir* 
fing, 2)ie ci»ilverf)tl. Haftung ber $oft, <S. BO ff. 


Digifeed by Google 


A. in CUeiifadieit 


23 


Serßheruug nicht leichtfertig fei unb nicht gegen bie Sorgfalt 
eine» orbcntlicßen Kaufmanns oerftoße. 

Mein bie $r Q ße, ob ein ©erhalten itahläfftg ift ober mcßt, 
bat ber 9tid)ter oon fih aus 511 beurteilen, wobei er aflerbingS 
auf bie gegebenen ©erßältniffe unb auch auf bie befteßenben 
©ebräucße entiprecßenbe 9iüdftd)t ju nehmen bat. Tie gebadete 
Hebung läßt ficb aber feinenfaßs als eine für aße gäbe gleich-' 
mäßig gerechtfertigte anfeben unb beftebt auh in ber oon ber 
Klägerin behaupteten Mgemeinßeit nicht. Sie fann *u billigen 
fein für ben unmittelbaren ©erfeßr bes ©anfierS mit feinen 
flunbett; bei biefen, mit benen er in ©efcßäftSoerbinbung fteßt, 
mit benen er fontrabiert, fann er bie Sieblichfeit mit ©runb 
oorauSfeßen unb fich auf bie Sicherung gegen bie ©efaßr eines 
©erlufteS roäbrenb beS Transports befcßränfen. Ter Äunbe, 
ber ©egenfontraßent, fann fich nicht barüber befhweren, baß 
man feiner unb feiner Mgefteßtcn 9ieblicßfeit oertraut habe; 
hier wirb baßer ber McßwciS ber richtigen Mfenbung, auch 
roenn nicht ooß beflariert roorbert ift, regelmäßig genügen. TaS 
©leihe mag auch auSnabmStoeife Tritten gegenüber bann ju= 
treffen, wenn biefe nah ben bem ©anfier befannten perfönliheu 
unb gefcßäfttihen ©erßältniffen bie nötige ©arantie bieten, fo 
baß ein Vertrauen herauf bem ©anfier niht jum ©orrourf ge= 
reihen fann. Mein im gegenwärtigen gaß ftanb bie Senbung 
einer niht unerheblichen Summe an einen ber Klägerin oößig 
unbefannten 9)tann, welcher jubem im Mslanb wohnt unb baßer 
oiel fhmerer jugängliöß unb belangbar ift, in grage. Tiefem 
gegenüber war bie Klägerin niht berehtigt unbebingt ju oer= 
trauen; fte war, wenn fie fidß niht ben ©orrourf ber Mßer= 
ahtlaffung ber nötigen Sorgfalt unb ©orfiht auSfeßen miß, 
gehalten, bie ißr burcß bie ©oftorbnung an bie ^anb gegebenen 
SiherungSmaßregeln im ooßen SJtaße ju beniißen. (Sin Mgeßen 
ßieoon, ein geringeres Teflarieren, ließe fidf nur bann rechte 
fertigen, wenn bie Klägerin ßie^u oon ißrem ffunben, bem ©e= 
flagten, auSbrncflih erniähtigt gewefen wäre ober auh wenn 
ber ftunbe, ber ©eflagte, bie aßgemeine Hebung im flägerifhen 
©efhäft, weniger ju beffariereit unb bafiir bei einer ©erfihe= 


Digitized by Google 



24 


Cntfc^eibungen beä Dberlanbe$gericl)t8. 


rungSgefeEfhaft ooll ju uerfthern, gefannt unb ein Slbroeicfeen 
non biefer Hebung im uorliegenben gaE nicht »erlangt hätte. 
SöeibeS trifft ober ni<f»t 3 U, inSbefonbere fonnte ber Beflagte 
burcJ) bie Belüftung mit ben geringfügigen Berfid)erung3präntien 
unter ben aEgemeinen nicht fpejifijierten Sinologen in ben <5e= 
mefterubfhlüffeu jene ©efhäftSbehanblutig nicht erfennen; er 
fonnte unb brauchte fi<h baher nicht bagegen ju »erraahreit. 

Sie Un»orfid)tigfeit eine» ju nieberen SefiarierenS, roelcfee 
natürlich bur«h ben 3 roecf, ben Äuuben etioaS iporto ju erfparen, 
nicht entfcfeulbigt roirb, hat jubem bie Klägerin noch baburd) 
gefteigert, bafe fie e» unterliefe, fih balbmöglihft über 
ben richtigen ©in gang ber SBertfenbung bei bern 
Slbreffaten $rebel ju oergeroiffern, unb bieS märe eine bie 
Klägerin »erantroortlid) ntahenbe -Jlahläffigfeit felbft bann, roenn 
mau bie 31 t niebere Seflaration für fih «Kein nicht jur ©halb 
redjnett rooEte. 3 U biefer Beflamation roar bie Klägerin burh 
bie in 3mtg e beS unterroertigen SeflarierenS erhöhte Unfeher- 
heit eines rihtigen ©mpfatigS best». erhöhte ©efahr eines be= 
trtigerifdjen ^anbelnS nod) mehr »erbunben. ©ie hat benn auh 
im Begleitbrief ben Slbreffaten um ©ncpfangSbefheinigung er= 
fuht; blieb biefe aus, fo mußte fie fofort monieren; bie Ber: 
gefelihfeit ihres ißerfonals fhüfet fie nicht, ba fie in bem ©e= 
fhäft folhe ©inridjtungen ju treffen hat, roelhe eine berartige 
■Jlahläffigfeit »erhinbcrn, auh für baS Berfhulben ihres ißer-- 
fouals unbebingt einjuftehen hat '). 

|)ätte aber bie Klägerin auf fofortige Slnjeige beS ©mpfaitgs 
gebrungen, fo hätte aud) ^ieburd) noh, metcn grebel, ber ja 
nah ber 3lnfiht ber Klägerin (unb nah bem BetoeiSergebniS) 
baS ooEe ©elb erhalten hat, in folhetn gatt überhaupt ben 
richtigen ©rnpfang al^uleugnen üerfuht hätte, eine alsbalbige 
amtlihe ilnterfuhung (rooju bie Baftöel;örbe bei ber ülnjeige 
einer Spoliation auh bei 31 t nieberem Seflarieren oerbunben 
mar) mit 2luSfiht auf fofortige fidjerc geftfteEung beS Sah= 
oerhaltS heröeigeführt roerbeit fönneu. ©in gleichartige» Ber= 
ihulben beS Beflagtcn (roie in bem ??aE @ euff. 2lrd)iü, Bb. 49 
1) (Sntfctj. be$ 9leidj§ ge vielte, 93b. 23 6. 105 f. 


Digitized by CjOOglc 



A. in <Sh>ilfa$en. 


25 


9ir. 21) liegt fjier nidE»t oor, ba ber Beflagte auf orbttung3s 
tnäfeige Erlebigung ber angewiefeuenSßertfenbung regnen burfte 
unb feinerfeits nid&t nötig featte, ftdj bei grebel al'Sbalb über 
ben Empfang ber ©enbung ju erfunbigen. 

dagegen ift e3 unerf)eblid|), bafe Klägerin, woraus ber Be- 
sagte ifer einen weiteren Borrourf macht, ben Begleitbrief 
an Trebel nicht befonberS gehen liefe, fonberrt in bie 
SBertfenbung einfcfelofe. $urd) bie befonbere Slbfenbung eines 
2loi3briefeS foB ber Slbreffat non bem gleichseitigen ober beoor= 
ftebenben Slbfdjicfen ber SBertfenbung unterrichtet werben, ba= 
mit, menn bie äßertfenbung unterwegs in SBerluft geraten unb 
alfo beim 2lbreffaten nicht eintreffen foBte, ber 2lbfenber halb- 
inöglidfeft feieoon behufs Ergreifung ber nötigen ©dritte (Sauf» 
jettel 2 c.) Slachridfet erhalten fann. 2>iefe Borficht erübrigt ficfe, 
wenn bie SBertfenbung wie im oorliegenben gaB jur 2lblieferung 
fommt. 5Der weitere 3roecf beS 2toiSbriefeS, ben Empfänger 
über ba3, waS bie SBertfenbung enthalten foB, ju oerftänbigen, 
loirb burdfe Beilegung in bie BJertfenbung ebenfo erfüllt ; baS 
Beifeitefctjaffen unb 2lbleugnen eines befonberen 2loi3briefeS 
wäre nur bann fcfewieriger, wenn er „eingcfchrieben" würbe; 
ein Einftfereiben ber 2loiSbriefe ift aber rneber üblich noch ju 
oerlangen. 

2 . ®en Badbteil, ben ber Beflagte burcfe bie fonacfe um 
oorfichtige 2luSfiihrung ber 2Bertfenbung (burdh bie ju niebere 
Seflaration unb burdf) bie Berfäumung ber Btonitur beim 2lu3s 
bleiben fofortiger EmpfangSbeftätigung) erlitten, feat bie Klägerin 
ju oertreten unb biefer 9!adt)teil befiehl barin, bafe bie rechtliche 
Sage beS Beflagten gegenüber feinem „©efcfeäftöfreunb" grebel 
eine anbere, mifelicfeere, geworben ift, als fie bei ooEem 35efla- 
tiereu unb bei fofortigem Beflamieren gewefen wäre. ES er> 
fcheint jwar ber richtige Empfang ber ooEen 1600 9Jt. feiten^ 
grebel nunmehr bewiefen. (®ieS wirb näher auSgeführt unb 
fobann fortgefahren :) 2lEein bamit ift bem Beflagten noch nicht 
geholfen unb ber Bacfeteit, ben er burcfe bie nadtjläffige Befeanb^ 
lung ber 2ßertfenbung feilend ber Klägerin erlitten, noch nic^t 
befeitigt. ®enn hätte Klägerin, wie fie oerpflichtet war, ben 


Digitized by Google 



26 


(Sntfrf)eibuiigeit be$ Df>ertanbe§gerid)t$. 


SBertinhalt u o 1 1 beflariert unb fofort bie GmpfangSbeftätigung 
«erlangt, fo märe, wooon bie Klägerin f e 1 6 ft auSgeht, 
Prebet gar nicht in bie Verfudjung getonunen, beit ©ntpfattg 
Der 1600 9)f. abjuleugnen , er ^ätte üielmefjr bent Veflagten 
gegenüber fid) juttt ©ntpfang ber 1600 befannt (bejrn. auf 
©runb ber sofortigen amtlichen Unterfuchung itch befennen 
muffen) unb biefem in ber Abrechnung gutgefc^rieben. Statt 
beffett hat er — jufolge ber unterroertigen 2>eflarierung — 
in bent Sdjreibeit an ben Veflagten oont 20. Aouetnber 1892 
unter Verwahrung gegen eine Verbächtigung nur ben ©mpfattg 
tion 600 ÜJt. jugegeben unb bemgemäfj in feiner Abrechnung 
mit betn Veftagten nur 750 grS. gutgeföhrieben unb einen ©djlufc 
falbo 511 feilten ©unfteit oon 815 grS. beredhnet. Unb auch fegt 
noch beharrt er in feinem Schreiben 00m 1. ®ejember 1894 
barauf, baf? er nur 600 2Jt. gefunben unb empfangen habe. 
Atag ^rebet bal)er audh in bent gegenwärtigen Vtojeß jwifchen 
ben Parteien beS ©mpfangS ber 1600 9)1. für übermiefen gelten, 
* fo roäre bamit ber Seflagte — um in biefelbe Sage ju fommeit, 
in roelcher er bei AnerfenntniS beS ©mpfangS ber 1600 9W. 
im f^aße richtiger ©eflarieritng geroefen toäre, um ben grebel 
jum Schulbtter oon 1600 unb nicht bloß 600 9)t. ju haben — 
noch nicht ber Stotwenbigfeit enthoben, burch einen befonberen 
gegen gto&el in Belgien ju führenbett ^rojefe biefeit jur An= 
erfennung ber meiteren 1000 3)f. ju jroingen. ®iefe Stotwenbig- 
feit, worin fdhon ein VermögenSnachteil beS Veflagteit ju finbeit 
ift, ba er an Stelle eines anerfaitnten StedjtS ein beftritteneS, 
unfidjereS, erft im ißrojefjroeg ju erftreitenbeS Stecht hat *), ift 
gerabe burch bas Verfd&ulben ber Klägerin herbeigeführt roorben. 
3n Vertretung biefeS VerfchulbenS unb gemäß ber Verpflichtung 
jur Beseitigung beS bent Veflagten entftanbencn 9ta<hteilS hat 
baher bie Klägerin bie Aiierfeitnuiig beS grebel betreffenb 
ben ©tnpfaitg ber »ollen 1600 9)f. (nötigenfalls im Älageiuege) 
ju bewirten, ehe fie ben Veflagten mit biefeit 1600 9)t. ftatt 
nur 600 9W. betaften barf. 

11 3Jgl. baju L. 6 I). de minor. 4,4 unb 5 n » i g n 9 , Softem VII 
S. 121. 


Digitized by Google 



in 6irilfmf|?n 


27 


@iu SlnbereS roäre eS, roenit ^rebel ueuerbingS bem Ve= 
flagten gegenüber ben (Smpfang ber 1600 9)?. ancrfannt 
hätte, ba füeburch ber Veflagte jefct baSfelbe erreicht ^ätte, 
roaS er bei richtiger ©eflaration ber Klägerin fdjon im Cf; 
tober 1892 gehabt hätte. (Sin berartigei 2lnerfenittniS liegt j t- 
bo<h nicht oor. SaS angebliche Verfprechen beS grcbcl, bem 
Veflagten, falls bieder oerliere, ben ftreitigen Vetrag nebft ißro- 
jeßfofteu ju erfehen, ift nur ein bebingtes unb bie Vebingmtg 
fann nidht eintreten, ba ber Veflagte bei ber gegenroärtigen 
Sachlage nicht oerurteilt roerben fann unb biefe Verurteilung 
auch nicht etroa mit 9?üdfjtcht auf ein foldje-S Verfprechen auS= 
gefprochen merben barf. $aS angebliche Verfprechen beS g-rebel 
einem ©cfdhäftsfreunb ber Klägerin gegenüber oerpflichtet iljn 
bem Veflagten gegenüber nicht, roäre baher gleichfalls uner= 
heblich. 3n bem Vrief oom 1. 2)ejember 1894 hat aber $re= 
bei fi<h feineSroegS }ur Uebernahme ber 1000 9Jt. oerpflichtet, 
ionbern im (Gegenteil bem Veflagten ben 9tat gegeben, ben 
SJkoscf} mit ber Vanf aufjugeben, roenn er ihn nur mit .Jpilfe 
feine» 3 eu 9 n 0fe3 geroinnen fönnte, ba er biefeS 3 eu 9 n ^ nicht 
gebe unb baher bem Veflagten nicht helfen föune. Serfelbe 
Sinn roirb roohl auch bem Telegramm än ben Slnroalt beS Ve^ 
flagten, er folle ben Veojeg juriicfnehnten, unterlegen fein. 
®afe $rebel auch bei einer 3 eu S e noernehmung oor bem ©e* 
rieht in ßüttich bei feinem bisherigen Verhalten beharren, ben 
Empfang ber 1600 9)?. nicht jugeben roiirbe, ift flar, jubem 
hat $rebel fein 3eugniS über ben (Smpfang ber 1600 9)?. in 
juläfftger Söcife (nach § 849 3iff- 1 u. 2 OVO.) oerroeigert, 
roeShalb fchon barum ber in le^ter Sinie geftellte VeroeiSantrag 
ber Klägerin abjulehneu ift. 

3. 9?ad) bem 2luSgeführten roar unter 9lbänberung be$ 
erftrichterlidhen Urteils bie Klage auf 9luerfennung ber Ve= 
laftung mit 1600 9)?. (ftatt 600 9)?.) für bie üßertfenbung oom 
21. Oftober 1892 als (ebenfalls jur 3eit unbegriinbet abju= 
roeifen. 

Urteil beS II. ©ioilfenatS oom 7. gebruar 1895 i. ©. 

©anbei gegen $eibronner ©eioerbebanf. 


Digitized by Google 



28 


©ntfdjeümngen beS DbedanbeSgecic^tä. 


6 . 

Duftet, wenn bei liuflöfung rtncr offenen fjanbelsgefellfiljaft bet 
eine (Sefellfdjafter bao (Sefdjäft mit JUtioen unb $Jafftoen iiber= 
nommen Ijat, bet anbere ©efeUfdjafter iljm für ben Eingang ber 

^usftänbe? 

53ei Stuflöfung ber offenen IwnbelägefeEfdfjaft, bie ^roifctjen 
ben Parteien beftanben l)tü, Ijat 93eflagter ba£ ©efcljäft mit 
Slftiuen unb ^affinen übernommen. ®ie ©efcffäftSarnäftänbe 
roaren mit 4180 3)t. eingefefft. Gegenüber einer Klage beä Klä= 
ger3 gegen ben Söellagten auf $8ejat)Iung eines bei Sluflöfung 
ber ©efeUfcffaft für iljn beredjneten ©utljabenS, niadfite 33eflagter 
im SBeg ber Slufredptung eine gorberung gegen ben Klager 
geltenb, bie er barauf fiüfüe, baff Kläger iljm für ©ingang ber 
übernommenen ©efcf)äft£au3ftänbe ffafte, biefe aber in einem 
bie Jtlageforberung überfteigenben betrag nic^t eingegangen feien. 
®iefe KompenfationSeinrebe ift »erroorfen roorben auS folgenben 

© r ü n b e n : 

©ine Haftung unb ©rfaffpflicfft bes Klägers für biefe bent 
SJeflagten entftanbenen Skrlufte nermodjte man nidff als bar-- 
getljan auäunelpnen. 

2luS allgemeinen 9led(jtSgrunbfäffen läfft fid) bie be= 
ffauptete Haftung beS Klägers, fatt^ fie nicfff oon ben Parteien 
nereinbart roar, nidjt ableiten. 

SDie Sinologie ber ©oiftion trifft nid^t ju ; eS banbeit fiel) 
nidfjt um Haftung für bie ©piftenj ber gorberungen (nomen 
verum) ober für ©ntmefjrung burdj einen brüten gorberungS= 
bcred;tigten, ionbern um bie ©eroäffr für bie ©inbringlidffeit 
(@iite) ber gorberung. 3)1 it ber erfteren §aftpflidE)t märe bie 
ledere feineSroegS fdtjon gegeben. 

2>ie SluSeinanberfeffung jroifdjen ben Parteien rourbc in ber 
SBeife bewirft, baff ber 93eflagte baS ©efcpft mit 2lltinen unb 
'ffaffinen übernahm, roäfjrenb ber Kläger mit bem 2lbredbnungS= 
gutljaben abjufinben roar. ©rblidlt man in einer 33ereinbarnng, 
rooburdf) bei Sluflöfung ber ©efeUfc&aft ein ©efeüfcbafter gegen 


Digitized by Google 



A. in Sioilfadjen. 


29 


Abfinbung be« anbertt ba« ©efd&äft mit Slftioen unb 'fJaffioen 
übernimmt, eine faufroeifc Uebertragung ber einzelnen SL?er= 
m'6gen«ftücfe unb gorbcrungen ber ©efeflfchaft , fo finbet ber 
für ben ^orberutigöfauf geltenbe ©runbfaf) Anroenbung, baff 
ber (Sebent nid)t für bie ©üte, fonbern nur für bie (Syiftenj 
ber gorberungcn haftet '). 

Söäre aber jene Auffaffung unjuläffig unb oielmeht anju 
nehmen, baff e« fid) bei einem 9tecbt«gefd)äft ber angegebenen 
Art um Hebertragung be« Äomplepe« ber bem abgefunbeneu 
©efeüfcfjafter juftetjeuben gefeflfchaftlichen Nedite auf ben ©e 
fd)äft«übernehmer einerfeitd unb bie Au«mittelung be« bem 
crftcren jutommenben SBerte« feine« ®efeUfchaft«anteil« anberer* 
feit« Raubte *) — fo bleibt ber (Srroerb ber gorberungen bod) 
immer ein entgeltlicher unb greift auch f)ier bie Siegel iplafj, 
baff für bie ©üte unb ©inbringlid)feit ber übertragenen gors 
beruitgen nicht gehaftet roirb J ). $a« ©leidje märe ber $aH bei 
Beurteilung be« fraglichen ©efdjäft« at« einer Teilung unter @e; 
meiitfchaft«genoffen ober au« bem @efid)t«punft einer bei ber 
©eieÜfd;aft«lic|uibation oorgenommeneu Naturalteilung 1 2 3 4 ). £>er 
oou bem Berufung«fläger aufgeftellte Sah, bafj „wenn ein 0e= 
fellfdjafter jur 3 iffermäfeigen Abrechnung bem au«fd)eibenben 
socius gegenüber unter Ueberualjme ber Schulben bie 2lu«ftänbc 
jum oollen betrag übernehme, b. (;. re<^nung«mäfeig fid) belafte, 
ber 2lu«fd)eibenbe, fall« bie Ausftänbe nicht ooK entgehen, auf 
@rfa|j ber Hälfte be« Berlufte« hafte," famt in biefer 2lHge= 
mein^eit nicht für richtig gelten ; namentlich geljt au« ber @in= 
fteQung ber Au«ftänbe 3U111 oollen 'Betrag nicht ohne SBeitere« 
bie behauptete Haftung al« eine Borau«fe&uug be« Ab* 
tommen« h crDor - tommt bei 3lu«einanberfehungeit jiuifchen 

1) SBinbldjeib, $. II § 336 Note 3. Sernburg, S. II § 52 
©. 143. 

2) 3Jgl. ®ntfd). be« Neid)«ger. XXV Nr. 52 S. 252 cf. XXXI Ne. 9 
©. 45 ff. 

3) cf. Setnburg, a. a. D. 

4) 1f)uc()elt, Jtomment. jum §.®.S. ju 9lvt. 142 Note 5 ©. 268. 
Niotioe jum Sntrourf (I) be« b. 0.9J. §§ 298 ff. S. 125, § 771 ©.887. 


Digitieed by Google 



30 ©ittf<§eit>ungen beä DberlanbeSgerid)tä 

©emeinfchaft'Sgenojfen — ©efellfhaftöteilungen roie ©rbtei= 
langen 1 ) häufig oor, baß au^ftefjenbe gorberungen jum Aominal= 
betrag in ^Rechnung genommen unb jugeteilt toerben ohne baß 
tjiebei beren ©ingang jur 3Sorauäfe^ung be$ ©efcbäfteä gemalt 
ober eine Haftung hierroegen übernommen mirb ; jumal roenn einer 
ber ©efeUfhafter ein fjanbluiige= ober #abrifge}chäft mit Af- 
tioen unb ^Saffiocn gegen Austeilung beä anberen socius über- 
nimmt, ift lefctereä teinesroegs felbfioerftänblich, im 3'ueifel eher 
baä ©egenteit anjuncfjmen : bie beteiligten laffen bie AroSftänbe 
für uoüroertig gelten, ber ©ef<häft$übernehnter foH ba$ fRijifo 
ber Au^ftänbe übernehmen, roie ihm anbererfeits bie in bem 
©eidhäft ftecfenben ©eroinn=@hancen überladen roerben. 

©3 faun ftd) fonach nur barum fragen, ob bie ©rfafcpflicht 
be» ÄlägerS burch bie im oorliegenben gall jroifchen ben i)3ar= 
teien getroffenen Abmachungen begrünbet roorben ift (roa3 fo= 
bann oerneint roirb). 

Urteil be» II. ©ioilfenatS be3 0berlanbe3gericht3 ooin 

7. s Dlärj 1895 i. S. Senble gegen Srechfel. 


7. 

©rforbernilfe ber Blage eines (fjportkommifltonärs auf Bejahung 
bes aus bem BontntiffionsBerljältnis ju feinen (Sunften |idj er= 
gebenben Salbos. 

®ie beflagte hat eine Anjaljl ihrer in Stuttgart h erge= 
('teilten panod nach ©ibnet) oerfenbet unb bafelbft oertaufen 
laffen. ©3 finb im ©anjen 8 Senbungen oon je 10 Stüd über 
Hamburg nach ©ibnep abgegangen. $ie britte Senbung liegt 
angeblich Jur 3 eit noch unoerfauft in Sibnep. g-iir biefe 33er= 
fenbungen unb Verläufe ift Sllägerin tljätig geroefeit, inbem fie 
bie beflagte mit ber girma A. 9R. 9Rerf3 & 6o. in Sonbon in 
berbinbung gefegt, bie mit biefer lefcteren »on ber Seflagten 
eingegangenen Sonfiguationäoerträge über bie fraglichen Sem 
bungen »ermittelt, SSorfdjüffe auf biefe Senbungen geleiftet, bie 
1) 35gl. Stein: o f) l , @rbrecf)t § 343 ©. 363. 


Digifeed by Google 



A. in £ioilfacf)en. 


31 


üjr oou bet Seflagten überfenbcten gafturen über biefe Sem 
bungen an bie genannte girma weiter gegeben, S?erfd)tffung-3= 
amoeifungen erteilt, bie Sßaren oon Stuttgart an ihren Spe= 
biteur in Hamburg beorbert, oon bort bereu Transport und; 
Sibitei) eingeleitet unb cnblich nach erfolgtem Verlauf ber ^ianoS 
bie VerfaufSrechnuttgeu über ben ©rlöS an bie Veflagte eim 
gefanbt l)at; auch l;at Älagerin für bie Veflagte oerfdjiebene 
Auslagen für g-rad)t unb anbere Untoften gemacht, bereu Csr= 
ftattung fie fegt nebft ber i(jr für ihre Bemühungen jugefagteu 
2'/s % beS VerfaufSerlöfeS oou ber Besagten beanfprucht. 

Klägerin ^at if>re Fluglagen unb bie i^r oon ber Be= 
flagten ober für bereit [Rechnung hierauf gemachten Slnfchaffungen 
in einem Äontoforrent-Sluöjug jufammengeftellt unb forbert ben 
SlbrechnungSbetrag oon 1759 2)i. Veflagte hot in Slbrebe ge= 
jogen, ber Klägerin irgenb etioaS fchulbig ju fein, weil fie 
©egenforberungen in roeit ^öt>erem betrag an Klägerin ju 
maefjen t>abe, unb hat fchliefelich geltenb gemacht : Klägerin fei 
»ach ihrem eigenen Vorbringen nicht im Staub, ber Beflagten 
bie Prüfung ber Äonnoffemente ju ermöglichen, um etroaige 
Mängel berfelben, roelche bie Erlangung beS Befi^eS ber um 
oerfauften [pianoS oerhinbern fönnten, ju rügen ; ba Klägerin 
nicht einmal angeben fönne, in loeffen |mnb biefe Pianos fich 
befinben unb toer aus bem Jionnoffement auf ihre Verausgabe 
in Slnfpruch ju nehmen fei, fei bie Veflagte nicht in ben Staub 
gefegt, in ben 33efi§ ihrer SBare fich ju fc^en ; oorher fönne 
aber audj Klägerin 3 a ^^ UM Ö ihrer Auslagen unb ifkooifion nicht 
forberu ; fchon aus tiefem ©runbe fei bie Silage hinfällig unb 
Veflagte bitte beötjalb, fie aus biefent ©ruitb ohne Weiteres 
abjuroeifen. ®aS Berufungsgericht hat hinauf bie Stlägerin 
„mit ihrer Silage, fo mie fie angebracht ift", abgeroiefen aus 
folgenben 

© r ti n b e n : 

Sie Klägerin, roelche oon ber Beflagten nicht blog als 
Vermittler (ÜJfäfler), fonbern als ßpportfommiffiouär aufge= 
[teilt roorben ift, hat, nach burchgeführtem Verlauf ber 1. unb 
2, Seitbung bei ber behaupteten ÜJiangclhnftigfeit uttb Unoer= 


Digitized by Google 



32 


©nlfd)eibungen be$ Dberlaitbeägeridjiä. 


fäuflidhfeit ber 3. ©enbung ba§ Kommiffiongoerhältniä al§ 
beenbigt erflärt, be^halb Schlußrechnung gefteHt unb baä ©tgebniä 
biefer ^Rechnung in bcm 9te<f>nung3au3jug ootn 17. Januar 
1894 I al3 Äontoforrentfalbo oufgeftettt unb eingeflagt; fte bat 
beähalü ber Söeftagten, welche bie fRidhtigfeit biefer ^Rechnung 
beftreitet unb oerfcfjiebene ©egenforberungen gegen fie in 2Iuf= 
redjnung bringen will, bie fRichtigfeit ihrer fRedwung barjuthun 
unb überhaupt über bie ®ur<hfühnntg beS i£>r non ber Se- 
flagten aufgetragenen ©efchäftä unb be§ ihr barauä 3ugefloffenen 
coUftanbige 2lu3funft ju geben ; unb infofern eine non ber 23e= 
flagteu oerlangte 2lu3funft geeignet ift, weitere ©egenforbe= 
rangen biefer [entern gegen bie Klägerin ju begrünben, unb 
biemit baä (Srgebniä ber Abrechnung ju neränbern, muh fie 
biefer AwSfunftäoerbinblichfeit nad)fommen, ehe fie VefriebU 
gung i^reS 2lnfprud)3 nerlangen fann, weil fie nicht ein je Ine 
Vaarauälagen erftattet ober einjelne ißrooifionen auf au3ge= 
führte ®efd)äfte entrichtet hoben will, fonbern je^t, nachbem 
ihrer eigenen ©arfteUung gemäß bal Äommiffion3oerhä(tni3 
beenbigt, ber Auftrag ber Veflagten erlebigt ift, ba$ © e f a m t- 
ergebniö be3 gegenfeitigen fRechtäoerhältniffeä , wie es in ber 
©chlufjberechnung fich bargefteßt, eingeflagt hat, biefe ^Rechnung 
aber notroenbig erft richtig gefteHt fein muff, ehe eine Verut; 
teitung be3 einen Vertragfchüeßenben jur 3 Q hlung be$ betu 
anberen nach bem fRedhnungSabfchluß jufommenben UeberfchuffeS 
auSgefprodjen werben fann. 

SSenn bie Klägerin bie ihr non ber SBeflagten au3geant= 
wortete 3. ©enbung ber 93eElagten nicht jurüefgeben ober beren 
Verbleib nicht nachtoeifen fann, fönnen ber ©eflagten jebenfatte 
bann, wenn Klägerin bie ihr in 2Ibfi<ht auf Uebermachung unb 
Bewachung biefer ©enbung obtiegenbe ©orgfalt oerfäumt haben 
fottte, Grfafcanfprüche ober 3urüdfbe^altungörechte gegen bie 
Klägerin jufteljen, beren ©eltenbntachung ba3 eingeflagte 9te<h= 
nung3ergebni3 wefentlidj neränbern, ben ber Klägerin jufomntew 
ben Ueberfcfjufj nerminbern ober aufheben ober bie Verpflichtung 
ju Vejahlung beleihen non einer Vebingung abhängig machen 
formte; e$ muh beSfjalb ber Veflagten ba§ Stecht juftehen, non 


Digitized by Google 



A. in &iȟfa$en. 


33 


bet Klägerin über ben Serbleib jener ©enbung nähere Hu3= 
tunft ju »erlangen unb infolange als Klägerin biefeS Verlangen 
nid^t erfüllt hat, bie 9lnerfennung ber oon ber Klägerin auf= 
gefteüten ^Rechnung unb bie Sejahlung beS h^ach »on ihr ge= 
forberten ©albo ju »erroeigern. ®a aber Klägerin biefe 3lu3= 
fünft — jroat nicht auSbrüdlich oerroeigert, aber auch nic^t 
gegeben noch für bie nächfte 3«»* — mit Antrag auf Vertagung 
ber münblidben Serhanbtung — in SluSficht gefteOt bat, fo mar 
bie Äfagforberung auf Orunb jener flagauffcbiebenben ©inrnem 
bung ber Seflagten jur 3«it abjuroeifen. (3n 3*ff- 1 wirb nun 
junächft bargelegt, bafe Älägerin nidbt blofj Vermittlerin jroecfS 
Befhaffung eines ©pportfommiffionärS, fonbern felbft ©yport= 
fommiffionär ber Seflagten geroefen fei. ©obamt roirb fort: 
gefahren :) 

2. 2luS biefem generellen — jebenfallS bie 3 erften ©em 
bungen umfaffenben — ©fportfommiffionSoerhältniS ber Parteien 
ift Älägerin ber Seflagten pr ^Rechnungslegung oerpflidbtet, 
unb jroar, ba Älägerin felbft bie Seforgnng roeiterer Äonfig= 
nationen ber Seflagten nicht mehr übernehmen roill unb ihre 
Aufgabe nach Verfauf ber beiben erften ©enbungen in golge 
ber angeblichen Unoerfäuflicbfeit unb Unannehmbarfeit ber 3. 
©enbung für erlebigt anfieht, jur Slblegung ber ©dhluferedh- 
nung foroie jur Verausgabe beS nach biefer fi<h etroa ergebenben 
UeberfdhuffeS beS Serfaufserlöfes über bie 33orfd)üffe unb Un= 
foften unb jur fRücfgabe ber priicfgeroiefenen 3. ©enbung an 
bie Beflagte oerpflidbtet, roie biefe anbrerfeits ber Älägerin ben 
etroa burch ben ©rlös nicht gebecften Setrag ihrer Auslagen 
unb ißtooifionSforberungen gegen fRücfempfang jener ©enbung 
ju bejahten hat. 

®ie oon bet Älägerin in ber Älagebegrünbung gegebene, 
in bem ÄontoforrentauSpg oom 17. Qanuar 1894 pfammen* 
gefafete ©chtu&rechnung unb beren ©rgebniS hatte bie Seflagte 
in ooriger Snftanj im äöefentlichen aus bem ®runb beftrüten, 
roeil basfelbe ausgeglichen fei burch jroei größere ©egenforbes 
rungen ber Seflagten ; in biefer Qnftanj hat bie Seflagte über= 
bieS (neben bem ©inroanb, baß mangels genauer Sejeichnung 

3a^rtü$er für SBUrttemberg. ÄettitSpflege. VIII. 1. 3 


Digitized by Google 



34 


©ntfdiftbungen BeS DbtrlanBeSgericßte. 


unb iBorlegung ber Sonoffemente über bie 3. ©enbung bie 
Klägerin ihrer jRücfgabepfüd)t bezüglich bieier ©enbung nicht 
genügt habe) bie neue, aber projeffualifd) noch juläfiige ©in= 
roenbung geltenb gemacht, baß ibr bie Klägerin über ben 33er= 
bleib ber 3. ©enbung (unb beren jeßigen 3 l *ltanb) nähere 
funft ju geben fcbulbig, unb baß, ehe bie* geicbeben, fte jur 
3 ablung beb fRecbnungsfalbo nicht perpflichtet fei. $ieie ©in= 
roenbung ift oon ibr aus ben oon ber Klägerin felbit oorgetragenen 
unb bibber feftgeftelltenSbai'acben begrünbet, roäbrenb bie beiben 
KompenfationSforberungen bezüglich ber beftrittenen SRufter- 
mäßigfeit ber ifJianob unb ihrer ilerfäuflichfeit 511 m irimitopreiie 
ein roeitausfebenbe* Seiueibnerfabren nötig machen ; im jpinblicf 
hierauf ^at bie Seflagte beantragt, bie Klage auf ©runb biefer 
leßterroäbnten ©inroenbung „ohne Sffieitereb" abjuroeifen, alfo: 
ohne ben bezüglich ber Kompenfationbforberung angetretenen 
Öeroeib unb ©egenberoeis einjujieben; fie bat l^iemit, obroobl 
ihr nicht entgangen fein fann, baß bie juleßterroäbnte ©inrebe 
nur flagauffchiebenbe SBirfung haben fann, erflärt, baß fie biefe 
©inrebe in 1 . üinie geltenb mache, unb nur für ben <vaU, baß 
biefe oerroorfen roerben follte, ©litfcbeibung über ihre Kompero 
fationsforberung »erlange. 

®iefe ©inrebe aber ift begrünbet. 

®a bie Klägerin bie 3. ©enbung, mit ©rteilung ber iter= 
fchifrungsüroeifung pom 28. 3 a,lua r 1893 unb ber tlefolgung 
biefer SBeifung feiten* ber sHeflagten, in ©pebition übernommen 
bat, ift fie auch bann, menn beren pertrag'Sroiörige ^kicbaffero 
beit ober bie Unerreichbarfeit be$ ifimito feftftünbe, $ur 'ilus- 
funft bariiber oerpflichtet, in roeffen $kfiß biefelbe gelangt fei 
unb fie fich jeßt befinbe, um ber ©eflagten al4 ©igentümerin 
unb Kommittentin ju ermöglichen, fich über beren 3uftanb ju 
unterrichten unb aus etwaigen tUerfäumniffen ber ber .Klägerin 
als ©jportfommiffionär in biefer 4 pinfid)t obliegenben üBerbinb= 
lichfeiten ©riaßforberuug gegen fie geltenb p machen, um ge= 
gebenenfatls auch burch fie bie ©alboforberung ber Klägerin ju 
oerminbern ober aufjuheben. töeoor biefe Slusfunft erteilt unb 
banach feftgeftellt ift, baß Klägerin 2lUeS roaS ihr bezüglich ber 


Digitized by Google 



A. in (Simlfachen. 


35 


3. Senbung oorjufehreit oblag, getljan habe, fann ba$ (Srport^ 
fommiffton^oerhältniS nicht für beenbigt, ba4 fKechnungeiergebniei 
nicht al» feftgeftedt unb beimtach auch ber Slnfpruch ber Klägerin 
auf Seiftung beSfelben noch nicht al$ fällig erachtet roerben. 
Klägerin mar fomit oerpflichtet, bie fragliche Uluafunft, roenn 
nicht fchon, behufs Darlegung beäs gefamten gegenfeitigen 9iecht$-- 
oerhältniffieä ber Parteien, mit ber Vegrünbuug ihrer Klage, 
bod) jebeiifaU-b auf bie bezügliche isinroenbung ber Veflagten hin 
im oorliegenben Verfahren ju erteilen, fie hat He ober, ohne 
einen rechtfertigeubeu ©runb bafür anjuführen, nicht erteilt, fie 
mar bed^aCb mit ihrer Klage, infolange al£ bieü nicht gefdhehen, 
abjuioeifen. 

Urteil be3 I. (Sioilfenatebed Überlanbe4gerid)t3 ooin 8. ÜRärj 

1895 i. S. ÜJleperftein gegen 9tam$perger u. (Sie. 


8 . 

lortbauer ber Haftung eines flürgen, ber |i<h für bit öerbinb 
lidjhriien eines iöirtfd(aftspöd)ters gegen ben Ucrpädjter unb |5ier= 
lieferanten oerbürgt l;at, roenn an Stelle bes oerftorbenen HJirt= 
fdjaftspädjters beffen (Shefrau getreten iftV 

®ie flageitbe Vrauereigefellfchaft hat burch Vertrag oom 
4. 'JÜlai 1891 an ben ©aftroirt $. ® unb beffen ©hefrau ©aft= 
roirtfd)aft$lo!alitäten mit ber Verpflichtung jur Vierabnahme 
oerpachtet, auch burch befonberen Vertrag oom 2. $uni 1891 
bie obere SBohnung in biefem |>au4 oermietet. ®ur<h Vertrag 
oom 14. 3nni 1891 hat fich ber Veflagte für alle au4 biefem 
iDüetoertrag beä V. oom 4. 9Jtai 1891 mtftel)enbeu Verbinb- 
lichteiten alä Selbftfchulbner oerbiirgt. 

2ltn 17. 3uni 1893 ift V. geftorben; fein 9tad)lafj toar 
überfchulbet, bie (Srbfchaft rourbe oon ber Sitroe unb ben Rinbern 
auSgefchlagen, auch hat bie äßitroe bie roeiblichen Freiheiten an= 
gerufen. 2luf ©efuch ber VJitroe V. oom 20. $uli 1893 hat 
biefelbe burch Vefchluf? ber R. Stabtbireftion (Stuttgart oom 
9. Sluguft 1893 bie ©rlaubntö erhalten, gemäff § 46 ber 9tei<h3= 

3* 


Digitized by Google 



36 


Sntfdjeibungen btS Cberlanbe3gert(f|t4. 


©eruerbe=0rbnung bie ©aftroirtfcbafte = Konjefjxon ibree oer- 
ftorbeneii ©bemanne mäbrenb i^reö SBitroenftanbe auf ihre eigene 
fKecbnung aueiiben §u bürfen, unb ee bat biefclbe auf bem be 
treffenben $aue bae Uia<bt= unb 33ierabnabmeoerbältnie mit ber 
Klägerin bie sum 11. 'Jtouember 1894, auf roeldben Termin 
ihr bie Klägerin gefünbigt batte, fortgefe^t. 

®ie Klägerin mad)t nun für oerfdbiebene fvorberungen an 
bie 2Bitroe 33., inebefonbere ben riicfftänbigen 33ad)tiine uom 
1. 2>uli 1894 bie 11. 'Kooember 1894, ben S3eflagten ale ^Bürgen 
haftbar in ©efaintböbe non 1262 3)1. 96 ijjfg. 2)ae ©ericbt 
erfter Qiiftanj bat bie Klage abgeroiefen, roeil bae urfprünglicbe 
43acbtoerbältnie mit bem Job bee @b ema nne 33. im 3uli 1893 
unb bamit auch bie 33iirgicbaftet)crpflid)tuug bee 33eflagten auf= 
gebärt habe unb aue jenem 3>acboerbältnie feine gorberungen 
mehr befteben. ®ie Berufung ber Klägerin ift jurücfgemiejen 
roorben aue folgenben 

©ränben: 

2)er 33eflagte bat ficb in ber llrfunbe uom 14. 3uni 1891 
„für alle aue bem SJfietoertrag bee Jperrn 33. bet Jiooli= 
brauerei entftebenben 33er binblicbf eiten J ale 33ürge haftbar ge= 
macht, ©e entfpracb biefe 33iirgicbafteübernabme bem § 16 bee 
9)Uetoertrage uom 4. SDZai 1891, roonacb „|>err 33." für alle 
aue biefem 33ertrag entfpringenben 33erbinblicbfeiten einen jab ; 
lungefäbigen 33ürgen ju fteUen batte. 

3u ben 33erbinblicbfeiten aue bem „3)lietuertrag" gehört 
unbeftritten neben ber gablung bee üJüetjinfee unb ben fonftigen 
33erpflicbtungen bee 'Mietete audb bie aue § 15 bee 33ertrage 
betoorgebenbe 33erpflicbtung jur monatlichen 3abh»ng ber S3ier= 
lieferungen ber Klägerin. ®iefe Krebitbürgfcbaft, roontit ber 
33eflagte bie Haftung für alle fiinftigen 33erbinblid)feiten aue 
bem burcb ben Miet= unb ©ierabuabmeoertrag begrünbeten ©e; 
f^äfteuerbältnie übernommen bat, mürbe roeber jeitlicb nodb bet 
.§öbe nadb befcbränft; bie ®auer unb ber Umfang ber Raffung 
baraue finb baber, ba eine Kiinbigung ber 33ürgfcbaft nid^t in 
grage ftebt, abhängig uon ber Jauer jjeitee ©efcbäfteuerbält= 
niffee, beffen 'Jlatur junäcbft feftjufteHen ift. 


j 


Digitized by Google 



A. in &it>ilfadj>en. 


37 


$>er Hlieto ertrag ootn 4. SWat 1891 bejog ftc^ lebiglic^ auf 
bie Ueberlaffung oon SBirtfdjaftSräumen nebft ber Htobiliar* 
cinridjtung 3 um betrieb einet ©cbanf* unb ©aftroirtfcbaft (über 
bie $amilienrooi)Hung mürbe ein befonberer Vertrag geftbloffen) 
unb bamit mürbe ein 33ierabnabnteoertrag über bas in biefer 
SBirtfdjaft auSjufcbenfenbe 33ier oerbunben. 2)aS 'BirtfcbaftS* 
geroerbe, welches bemnacb ber Vertrag oorn 4. ''Max 1891 *ur 
SorauSfefcung halte unb ju beffen Führung berfelbe gefdjloffen 
rourbe, bat aber — allerbingS für bie eheliche ©rrungenfcbaftSge* 
feUfcbaft — allein ber ©bemann 23. betrieben ; biefer befaß 
allein bie ba 3 U nötige 3BirtfcbaftSfon3effion ; er mar allein be= 
redßtigt, auf feinen 'Hamen bie Söirtfcbaft ju führen. Db babei 
bie ©befrau 33. tb a t f ä dj ließ bie SBirtfdjaft beforgte, bie £aupt* 
tbätigfeit barin entroicfelte unb ob bas was bie Klägerin über 
bie SebenSfiibrung beS ©bemannS 8. oortragt, richtig ift, bat 
rechtlich feinen ©elang; fie blieb immer nur bie ©ebilfin 
in bem non ihrem ©bemann betriebenen SöirtfcbaftSgeroerbe. 
2)aS ber S3ermietung ber Söirtf cfjaftiSlofale unb ber Sieferung beS 
3JierS unterliegenbe ©efdbäftSoerbältniS beftanb baber jroifeben 
ber Klägerin unb bem ©bemann 33. unb roenn beffen ©befrau 
in ben Hiietoertrag unter 23eniif}ung beS üblichen gormularS 
als HRitfontrabentin aufgefübrt rourbe unb ben Vertrag mit* 
unterfdbrieb, fo bat fie bieS nur in ihrer ©igenfebaft als @be= 
trau getban unb bat fie bamit nur bie auSbrücflidbe HJitbaftung 
für bie ©ojialfcbulben aus bem in ehelichem Hüben oon ihrem 
SKann betriebenen SBirtfcbaftSgeroerbe übernommen, roaS für bie 
fpatere 2lnrufung ber weiblichen Freiheiten oon 33ebeutung roar. 

@S ^atte baber auch bie mit Urfunbe oom 14. $uni 1891 
übernommene 33ürgfdbaft beS 33eflagten lebiglicb auf baS oon 
bem ©bemann 33. in bem ©aftbauS jum roten Dchfen betriebene 
3Birtf<haftSgeroerbe, ju beffen Füging ber in ber Urfunbe ge* 
nannte Hfietoertrag oom 4. SDJai 1891 gefdjloffen roorben roar, 
unb auf bie aus bem betrieb biefer äBirtfdjaft unb aus ber 
jroifchen bem ©bemann 33. unb ber ^ioolibrauerei beftebenben 
©efcbäftSoerbinbung entfpringenben ©ojialfdbulben 8ejug, wobei 
für baS SSerbältniS jroifdben ©laubiger unb 33ürgen bie Heben* 


Digitized by Google 



38 


(Sntfäeibungen be$ DberlanbeSgericßt«. 


Haftung ber ^rau 33. al« ©ßefrau unb ©ojialfd&ulbnerin nicht 
in 33etrad)t fam. 

®iefe« ©efcbäftSoerbältni« be« ©bemann« 33. mit ber 
Klägerin bat aber mit beffen %ot> fein ©nbe gefunben. 3 roar 
bat bie SBitroe 33. nad) bem £ob ihre« SDJann« nicht eine neue 
Äonjeffion erroorben uitb alfo auch int ©inne ber (Seroerbe: 
orbnung fein neue« 2Birtfcbaft«geroerbe begonnen, fonbern e« 
rourbe ihr geftattet, gemäß §46 ffteicb«=©.=>D. mit ber lonjeffion 
ihreö ©bemann« unb al« beffen „©telloertreter" roährenb ihre« 
3Bitroenftanb« ba« 2öirtfd)aft«geroerbe fortjufeßen. 2UIein bie« 
gefd;ah oon nun ab auf eigene Rechnung ber 3ßitroe 33. 
(§ 46 be« ©efeße« unb 33efd)luß ber ©tnbtbireftion) ; roährenb 
fie früher nur al« ©befrau für bie ©cßulben ihre« iDlanne« au« 
beffen ©efd)äft«t>erbältni« mit ber Klägerin jur £>älfte mit= 
haftete, rourbe fie oon nun an bie alleinige ©chulbnerin ber 
Klägerin. £amit ^at ftch and) ba« ©efcbäftSoerbältni« mit ber 
Klägerin oon ©runb au« geänbert; an ©teile be« oerftorbenen 
©bemann« 33. roar beffen SBitroe, auf beren Siedlung jeßt bie 
3!Birtfdhaft gteng, getreten. 

fDaß baju ber Slbfcbluf? eine« neuen ißacbt= unb 33ierab= 
nahmeoertrag« nötig roar, ^at fdhon ber erfie dichter mit ju= 
treffenben ©rünben auSgefübrt. ®er bisherige 33ertrag hatte 
allein bett 2Birtfd)aftöbetrieb be« ©bemann« jurn ©egenftanb 
unb jur VorauSfeßung: bie fßerioit be« Inhaber« eine« ii3irt= 
fcbaftSgeroerbe« ift aber für bie $ rn 9 e ^ er Vermietung ber Söirt- 
fcßaftslofale unb ber 33ierliefenmg, foroie für bie fDauer biefe« 
33erhältniffe« oon roefentlicher Vebeutung, fo baß e« einer neuen 
Slerftänbigung bebarf, roenn ba« bi«herige if3ad)t= unb 33ier-- 
abnahmeoerhältni« nad> bem 5£ob be« 3Birtfd)aftSinbaberS auf 
einen neuen Inhaber, fei e« auch nur beffen SBitroe ober ©rben, 
übergehen foH, roobei auch bie auf 33illigfeit«grünben beruhenbe 
geroerbegefeßticbe Vergiiufiigung ber SBitroe, mit ber Konjeffion 
ihre« oerftorbenen ©bemann« roeiter roirtfchaften ju biirfen, 
feinerlei 33ebeutung hat. 

Db biefe 33erftänbigung über bie ^ortfeßung be« feitßerigen 
Vachtoerhältniffe« auf auSbrücflicber 33ereinbarung beachte ober 


Digitized by Google 



A. in Qivtlfartien. 


39 


ftifffchroeigenb burd) Velaffung ber VJitroe in ben Vlieträumen 
unb burd) Fortlieferung be« Vier« erfolgte, ift für bie fernere 
Haftung be« 'Burgen ohne Belang ; auch im festeren JaH hat 
bie Erneuerung be« tyühtoerhältnilfe«, roie bei ber ftiQfcfiroeigem 
Den Fortlefcung eiltet (u ©nbe gegangenen gewöhnlichen 2)tiet- 
oer^altniffeö (bei ber fog. relocatio tacita) '), bie Enbigung 
ber Vürglchaft (für bie 3uhmft) jur Folge, roenn n i ch t auch 
biefe Bürgf c^aft erneuert mürbe ober oon ootnherein auch für 
bie|e« fpätere ^Sac^t oer^ältni-5 eingegangen mar. 

Seßtere« ift 2lu«legung«frage *), iit jebod) nach ber 'Jiatur 
ber BürgfcJjaft^oerpflidjtung im 3 roe üet 3 U oeriieinen. ®enn 
eine Bürgid^aft roirb regelmäßig mit tftiicffid)t auf ben §aupt= 
fcbulbner unb im .fjinblicf auf helfen Verf)ältni|fe unb V er = 
iönlicßfeit eingegangen, ©inen roillfürliäben ffiedhfel in ber ißerfon 
be« Scf)ulbner« braucht fiel) baßer ber Viitge nicht gefallen ju 
laffen, mag e« fid) um Verbürgung für eine einjelne ©cßulb 
ober für bie Verbinblid)feiten au« einem fortbauernben ($efd)äft«. 
oerßältni« banbeln. ©elbft roenn ba« Vertrag«üerl)ältni« burd) 
ben 9Bed)fel be« ©cßulbner« feine 2lenberung erleiben füllte, ift 
baßer bie 3uftimmung be« Bürgen, roenn beileibe auch für ben 
neuen Scßulbner haften foü, erforberlid) 3 ) unb bie« gilt noeß 
meßr, roenn, roie hier, bet SBecßiel be« ©dhulbner« jugleid) eine 
Senberung, Erneuerung be« Vertrag«: unb ©efd)äft«oerhält: 
nifie« jur Folge hot. 

$aß nun aber ber Veflagte nad) bem £ob be« Ehemann« 
V. bei ber Fortführung ber 2Birt|d)aft burd) beffen äßitroe feine 
Vürgfchaft aud) für ba«iteu beginnenbe ©e|d)äft«öerhältni« burd) 
eine (au«brüdlicße ober ftillfchroeigenbe) weitere 2Billen«erflärung 
erneuert hätte, ift oon ber Klägerin f elbft nicht behauptet 
unb bie Veßauptung berfelben, baß Veflagter feßon in bem ur= 

1) © i n t e n i 8, ©twilrecßt I( ©. 663 9tote 113. Seuffert, SJanb. 

§ 384 3>ff 5. @ i r t a n n e r , Sürgfcßoft 6. 388. § a f e ti b a l g , 

öürgfdjaft ©. 244. 

2) © bie SJlotioe ium Sntrourf eine« bürgert, ©efeßb. II ©. 660 
ugt. I ©. 197. 

3) SB d d) t e r , Bimb. II S. 51 1 ugl. © 466. ® i r 1 a n n e r, ©. 334. 
§ a f e n b n l g S. 31 ff ©euffert’4 Slrd)iü 1 Sir. 168. 


Digitired by Google 



40 


©ntfdjeibungen beä Dberlanbe8gend>t$. 


fprünglichen 33ürgfdhaftSoertragoom guni 1891 bie Haftung 
für biefeS neue ^ßa<^t= unb ©efdhäftSoerhältniS mit ber 6^e= 
frau 33. jum oorauS auf fidh genommen habe, ift als richtig 
nicht anjuerfeitnen. 

®ie 33ürgfchaftSurhmbe oom 14. guni 1891 bejieht (ich 
auSfchlie&lich auf ben 3Jtietoertrag beS g. 33. oom 4. 3)tai 1891 
unb alfo nur auf beffen ©efd)äftSoerhältniS mit ber Älägerin. 
Slud) wenn (roie Klägerin unter ©ibeSjufchiebung behauptet) bie 
münblidhe öerebung ganj allgemein batjin gegangen fein foQte, 
bafj 33eflagter fidh oerpflichte, für alle 2lnfprücbe, reelle bie 
Klägerin gegen $errn unb grau 33. aus bem StedhtSoerhäftniS 
mit benfelben jeweils juftehen, als 33ürge ju haften, fo hatte 
eben auch biefe 33erebung nur 33ejug auf ben Dlietoertrag oom 
4. ÜJtai 1891 mit ben 33.'fdhen Seeleuten unb auf baS bamit 
begrünbete fRedhtSoerhältniS, welches nach bem SluSgeführten 
nur ben 2Birtfdfjaft3betrieb beS ©hemannS betraf. ®af? aber 
(roie Klägerin weiter in I. gnftaitj behauptete) bie Söürgfctjaft 
fidh auf bie ganje geit erftrecfen foHte, roährenb meldet bie 
93.’fd)en ©heleute ober eitteS berfelben bie SBirtfdhaft jum 
roten Ddhfen inne haben füllten, hat in bet majjgebenben 33ürg; 
fdhaftSurfunbe feinen 2luSbrucf gefunben, unb ebenforoenig, bafe 
non 3lnfang an bie gortfefcung beS $adhtoerhciltniffeS burdh 
bie ©hefrau 8. für ben galt b e S X o b e S ihres © h e= 
mantted in SuSjtdht genommen roorben fei unb baff audh für 
biefen eoentuetten gaH bie 33ürgf<haft gelten foHe. Db ber 33e- 
flagte bie 33ürgfchaft „im .ginblicf auf bie grau 33." unb burdh 
biefelbe beftimmt übernommen hat, äitbert als blofjeS fDlotio an 
bem gnhalt unb bem Umfang ber S3ürgfdhaft nichts, roie es 
audh gleidhgiltig ift, ob 33eflagter, roenn ihm fei es bei @in= 
gehung ber SSürgfcijaft, fei eS nach bem £ob beS ©hemannS 33. 
bie gumutung gemadht roorben roäre, audh für ben 2BirtfdhaftS= 
betrieb ber ©hefrau 33. als 33ürge einjuftehen, biefe 33ürgfdhaft 
gleichfalls übernommen haben roürbe. ®urd) bie Urfunbe oom 
14. guni 1891 hat er eben nur bie Haftung für bie aus bem 
©efdhäftSoerfehr mit bem ©bemann 33. entftehenben SSerbinb- 
luhteiten übernommen unb ju einer ©rneuerung unb ©r= 


Digitized by Google 



A. in &it>i((a$en. 


41 


Weiterung biefer SJürgfdßaft ift eS auch in ber ffolge ntd^t 
gefommen. 

®ie Haftung beS Seflagten befc^ränft fid) fonadß auf bie 
Serbinblidbfeiten , roeldße noch aus bem 3?ertragSüerhältniffe 
ämifcßen ber Klägerin unb bem mit feiner ©tiefrau in lanb= 
rechtlicher <Srrungcnfdöaft^.' v efeüfd)aft lebenben ff. ®- berühren; 
biefe Haftung blieb befteßen, obwohl ber |>auptfcbulbner feine 
©rben gefunben hat 1 ). 

(©«S wirb fobann auSgeführt, baß folcße SSerbinblidßfeiten, 
für bie ber Seflagte noch gu haften hätte, nicht mehr beftehen). 

Urteil beS I. ©ioilfenats neun 28. Quni 1895 i. ©. %iöoli= 

brauerei gegen Scßtnibt. 


9. 

ßtfabpflidft einet obrigheitlid) genehmigten $trafjfnbaßn=Unter= 
neljmung für ben burdj fjängtnblciben ber Jlferbe in ber $djienen= 

lagt auf öffentlidjen Strafen bewirkten Sdfaben? 3 ) 

©in ißferb beS Kaufmanns ff. ®- ift angeblich mit bem 
§uf in ben Schienen ber Scßienemr läge ber Seflagten, ber 
3iftiengefettfchaft Stuttgarter Straßenbahnen, in einer öffent= 
licken Straße Stuttgarts hängen geblieben unb babureß uerleßt 
worben. 2US ©effionar beS ff. ©. hat Klägerin ©rfaß beS bem 
ff. ©. hieburdß etmachfenen ScßabenS oon ber ©eflagten ge= 
forbert, inbem fte bie Älage auf bie Seftimmungen ber lex 
Aquilia ftüfcte. ®ie Älage ift in beiben ffnftangen abgewiefen 
worben, oom ^Berufungsgericht aus folgettben 
© r ü n b e n : 

Klägerin ftiißt bie ßlage barauf, baß bureß baS fdjulbßafte 
SSerßalten ber Seflagten, nämlich baS ©inlegen Der Schienen in 
bie öffentlichen Straßen, baS ißferb beS ff. ©. uerleßt worben fei. 

©S ift richtig, baß eS gut 33egrfinbung beS SlnfprudjS aus 

1) 1. 95 § 1 D. de sol. 46,3, 1. 1 § 14 D. dep. 16,3. ÖJirtanner, 
®. 85. §afenbalg, © 644. Sernburg, $anb. II § 82 Sr. 1. 

2) Sgl. t)ieju ©euffert’S Srcf)it> Sb. 41 St. 271. 


Digitized by Google 



42 -©ntfdjeibungfii b ei Cberlanbe«gericf)tä. 

bem Slquilifcßen ©efeß gehört, baß eine Sefdhäbigung objeftio 
golge eines beft im taten < Eh ul, 3 einer ißerfon ift unb biefe ißerfon 
ben, roenn auch nur möglichen ©intritt einer SBefcßäbigung ber 
gebauten 2lrt als golge jene*? ££)unS oorauSgefehen bat, [1310. 
bei Slnroenbung geroöhnlicßer Sorgfalt unb SSorficßt hätte oor= 
auSfeljen muffen. 

Stilein bieS genügt nicht, oielmehr muß baS 2:hun ber be= 
treffenben ißerfon ein objeftio rechtSmibrigeS, ber Schaben muß 
injuria jugefiigt fein *). 

SDie objeftioe 9ted)tSmibrigfeit beS ber SSeflagten 

fott im oorliegenben galt in ber ©rrichtung bejro. bem Seftehen= 
Iaffen ber für ben ipferbeoerfehr gefährliche» Slnlage nämlich 
bem ©inlegen ber Schienen in ben Straßenförper liegen. 

Sittein biefe Sinnahme ift unjutreffenb ; benn bie 33eflagte 
hat nicht nur oon ber Stabtgemeinbe Stuttgart, in beren ©igern 
tum bejtt). SSerfügungSmacht , toie nicht ju bejroeifeln ift, bie 
Straßen ftehen, als ©igentiimerin bejm. Verfügungsberechtigten 
bie ©rlaubniS jum ©inlegen ber Schienen in ben Straßenförper 
erhalten, fonbent eS ift auch itic^t beftritten, baß ihr bamit ju= 
gleich oon ber juftänbigen ^oltjeibehörbc bie Äonjeifion baju 
erteilt morben ift. ©benfo ift bie Slnlage feitljer oon ben höheren 
ißolijeibehörben nicht beanftanbet morben. 

®ie Veflagte hat mit Slttlegung ber Straßenbahn unb ber 
©inlegung ber Sdhienen in bie Straßen in feiner Söeife in 
bie ißrioatrechtsfphäre eines Slnbent eingegriffen ; fie hat nichts 
in baS ©igentum dritter immittiert unb fein ©igentum Slnberer 
befchäbigt ; fonbern fie ift bamit oöllig in ben ©rennen beS SIrealS 
ber öffentlichen Straßen geblieben. 

®ie öffentlichen Straßen bienen junt ©emeingebraudh Sitter; 
ber ©ebrauch beS ©inen befchränft ben ©ebrauch beS Slnbern. 
®iefe .ttonfurreitj Sitter in Venüßmtg bet Straßen fadhgentäß 
im Sntereffe beS ©emeinroohbs ju regeln, ift Sache ber Straßem 
polijeibehörben. 

So fdhreibt auch 2lrt 12 ber roürtt. Vauorbnung oor, bie 
OrtSftraßen feien für ben Vetfeßr offen ju halten ; ob unb roie 
1) I. 2, 1. 3, 1. 5 § 1, 1. 27 § 17, 1. 28, 1. 29 pr. unb § 7 Dig. 8,2. 


Digitized by Google 



A. in ©ioitfadjen. 


43 


Mefelben ohne ©traben für ben berfeljr ju sprioatgroedfen be= 
nü^t roerben biirfen, hänge junächft oon bent ©rmeffen ber Crt4= 
polijeibehörbe ab, roelche bieöfaU-3 burch aQgemetite beftimmungen 
ober im etnjelnen gall Verfügung ju treffen habe. 2)lag hiebei 
aud) nicht an bie benüftung öffentlicher ©trafjeit ju Anlegung 
oon ißriwatftrafjenbabnen gebacht roorben fein, fo fallen hoch 
aud) biefe unter ben SBortlaut be$ 2lrtitel$. ©$ ift be^halb 
junächft ©od)e ber OrtSpolijeibehörbe, im SBeitern Sache ber 
höheren Qnftanjen, barüber ju entfcheiben, ob bie benüfcung einer 
öffentlichen ©trage ju Anlegung einer ©tragenbatm geftattet 
roerben foU. 2Birb bie (Srlaubnte erteilt, fo ift bamit ausSgebriidt, 
unb an bie Slnbern, roeldje bie ©traben ebenfalls ju beniigen 
haben, bie 2lnforberung geftellt, baß biefe baö fonjeffionierte 
Unternehmen al$ gleichberechtigt ju betrachten haben, baj? fte 
if)rerfeit<3 biefe beniigungäroeife unb ihren betrieb fo einju= 
richten haben, bah fie mit bem ©tragenbauunternehmen nicht 
folltbieren, unb rneber Schaben anrichten noch folchen erleiben 
unb biess felbft bann, roenu baburd) bie Sntereffen ber anbertt 
beteiligten gefdiäbigt roerben. bei jeber ©infüljrung eine^ neuen 
berfehrsSniittelö roerben aud) neue ©efaljren herbeigeführt, ©o 
roenig aber ber ©injetne bie ©efahren, bie fdjon mit bem bi$= 
herigen Juhrroerteoetfehr oerbunben roaren, ignorieren burfte, 
ebenforoetüg barf bie$ einem neuen berfehrämittel gegenüber, 
roenn bie benügung ber öffentlichen ©tragen hieju geftattet ift, 
gefchehen. Vielmehr hat ber ©injelne aud) hier bie erforber= 
liehe Sorgfalt anjuroenben, um fich oor Schaben ju beroahren. 
©ache ber fonjefftonierenben bel)örbe aber ift eö, burch geeignete 
borfchriften bie follibietenben $ntereffen ju »ermitteln. ®ie 
früheren betriebe haben fein borrecht oor ben fpäter aufge= 
fommenen unb einer erlaubten beniigungSroeife gegenüber fann 
nicht baoon gefprochen roerben, es liege eine burch bie Sd)ulb 
ber ©tragenbahn herbeigefiihrtc ©efahr oor. Qft oon ber fon= 
jeffionierenben behörbe innerhalb ihrer 3uftänbigfeit bie ©r= 
laubnis ju ®rrid)tung eineä 2Berf3 auf einem öffentlichen fßlag 
erteilt roorben, roeldjeS bie 2lnbern ju befd)äbigen geeignet ift, 
fo haben biefe ihre fDtagnahmen barnach ju treffen, unb ber 


Digitized by Google 



44 


®ntfd)eibungen be8 DberlanbeSgeridjtä. 


geänberten ©adjtage gegenüber felbfl bafür ju forgen, bag fie 
nicht befchäbigt roerben ober fie haben fidj an bie höhere 58er= 
roaltungSbebörbe ober nach Umftänben an bett 33erroaltungS= 
ridjter ju roenben, um eine Slenberung bet ihnen nachteiligen 
Verfügung über bie SenüguitgSroetfe ber öffentlichen ©trage 
herbeijuführett. ®er Sioilrichter bagegen ift nicht in ber Sage, 
einer folchen Sntfdbeibung als einer ungerechtfertigten entgegen 
ju treten. ©elbft roetm baburch bie ^ntereffen Sinjelner jum 
Vorteil anberer in erheblicher SBeife befchäbigt unb erftere in 
ber SBenügung ber öffentlichen ©tragen roefentlich befchränft 
roorben fein follten, ift er baju nicht berechtigt ; benn ber Sinjelne 
hat fein ißrioat recht auf bie 53eniigung einer öffentlichen 
©trage überhaupt unb ebenforaenig auf bie Seniigung in einer 
beftimmten unb inSbefonbere in ber bisherigen SBeife. SS fann 
barutn auch nicht auf ben oerfaffungSnmjjigen ©d)ug ber fprioat- 
rechte htngeroiefen roerben unb es ift unjutreffenb, jur ©runb= 
läge eines prioatrechtlid&en SntfchäbigungSanfpruchS ben ©ah 
ju machen, eS habe 3eber ein Stecht auf ben orbnungSmäfeigen 
©ebrauch einer öffentlichen ©trage. 2luöh fteht bem Sioilrichter 
nicht ju, inbireft bie Sntftfjeibung ber juftänbigen ißolijeibehörbe 
baburch roirfungSloS ju machen, bah er baSjenige, roaS biefe 
innerhalb ihrer 3uftänbigfeit erlaubt hat, als unerlaubt unb 
eine ©<habenSerfa|pfli<ht begrünbenb behanbelt. 

®etti roirb entgegengehalten, bie ©tabtgemeinbe Stuttgart 
als Sigentümerin ber ©tragen fei fo wenig roie bie DrtSpolijeU 
behörbe befugt, bie Söeflagte ju Singriffen in bie StechtSfphäre 
Slnberer ju ermächtigen. 3lHein bieS gefchieht auch nicht unb 
ift nicht gefchehen, foroeit eS ftch um bie ip r i o a t rechtsfphäre 
Slnberer hanbelt. ®ie ^olijeibehörbe hat nur in bie beiber= 
feitige SenügungSroeife ber öffentlichen ©tragen unb baS Stecht, 
biefe ju heutigen, eingegriffen, unb biefeS Stecht reguliert. Stiebten 
bie übrigen guhrroerfSbefiger ihren betrieb ber burch bie Äom 
jeffionierung ber ©tragenbahn gefchaffenen Sage gemäg ein, fo 
entfteht für fie burch baS 33orhanbenfein ber Stillen in ben 
©chienen fein ©chaben. SBerben bie fpferbe mit &ufeifen ohne 
©tollen befchlagen, ober bie ©tollen entfprechenb geformt, fo 


Digitized by Google 



A. in <£it>ilfa$en. 


45 


werben bie fßferbe in ben Millen nicht Rängen bleiben unb fidf 
nicht auf biefe SBeife »erlegen. 2Ba3 bisher hinfichtlich be3 $uf= 
bef<hlag3 üblich roat, ift noch nicht entfcheibenb. ©3 mag bie3 
für bie anbern FuhrroerfSbefiger nachteilig unb beläftigenb fein, 
allein e3 ift bie3 nicht ein ©ingriff in bie ^rioatrechte Slnberer, 
fonbern e3 ift bie fffolge ber »on ber juftänbigen 23et>örbe ge- 
troffenen ©ntfdheibung über bie Äonjeffion unb Slnlage ber 
Straßenbahn. Mur wenn ein Fuf)rroerf3befiger, obroogl er bie 
■Dtöglicgfeit einer Verlegung feiner ^ferbe burch ba3 Jpängen= 
bleiben in ben Schienen fennt, bie bisherige SetriebSroeife nicht 
änbert, fann ein ©(haben für bie fßferbe entfielen ; bann aber 
beruht bie ©efchäbigung auf feinem eigenen .fpanbeln, inbem er 
»orgejogen h nt, ba3 Mififo einer Sfefcgäbigung feiner ffiferbe auf 
lieg ju nehmen, ftatt eine Slenberung in feinem betrieb $u treffen, 
wie fie bie burch bie ©inlegung ber Schienen in ben ©traßem 
törper geänberte ©ach läge erforberte. |>at ber Sfefcgäbigte 
in Kenntnis ber ©efahr fich ber befchäbigenben ^anblung au3= 
gefegt, fo ift er nicht befugt, ©cbabenSerfag ju »erlangen; ber 
Äaufaljufammenhang sroifchen ber befchäbigenben |>anblung unb 
bent ©dgaben ift baburch unterbrochen ’). ®aß aber bie Schienen: 
anlage geroiffen Fährbetrieben gefährlich roerben fönne, jeigte 
fchon ber Slugenfcgein, inSbefonbere tonnte bie3 einem ©a<h* 
»erftänbigen, ber mit guhrroerten unb Serben umgieng, nicht 
entgehen. @3 tarnen auch berartige llngliicfsfälle »or, roelcge 
öffentlich betannt geworben finb. 

©3 roirb nun roeiter auf ©runb »on 1. 2 § 10 Dig. 43,8 
behauptet, wenn eine Slnlage auf einem öffentlichen fßlag ge= 
ftattet roerbe, fo fei ftillfdhmeigenb »orbehalten, baß Miemanb 
baburch ein Schaben jugefügt roerben biirfe. Mein biefe Sin: 
nähme fann ba nicht s ^lag greifen, roo burch ba3 foujeffionierte 
äBerf unb bie Slrt, roie e3 fonjeffioniert ift, fclbft fdgon bie @e- 
fagr ber Sefcgäbigung Slnberer gegeben ift, unb roo bet fon- 
jeffionierenben söegörbe bie Slrt bet SluSfügrung ber Slnlage 
unb bie bamit »erbunbene ©efahr nicht »erborgen bleiben tonnte, 
»ielmehr betannt war, roo alfo bie Slnlage gerabe in ber SSeife 
1) ©. 1. 28 § 1 1. 11 pr. 1. 31 Dig. Ü,2. 


Digitized by Google 



46 


Sntfdjeibungen bei DberlanbeSgeridjtl. 


flcftattet würbe, wie fte aulgeführt worben ift. 2 lu! biefen 
©rünben fann el fid> auch nicht oon Slitwenbung bei ^nter-- 
bift! ne quid in loco publico fiat houbeln. ^ätte ber ©lult- 
garter Straßenbahn eine 6 ntfd)äbigung!pfliiht ber burdj ihre 
Einlage iöefchäbigten aufgebürbet werben wollen, fo wäre bie! 
auibrütflid) in bie Äonjeffionlbebingungen aufgenommen worben. 
(Sin 'flunft non bieder Tragweite, oon welchem ber SBeftanb bei 
Unternehmen! abfyängen fonnte, fonnte nicht mit ©tillfchmeigen 
übergangen werben. 

®aß eine foldje Siebingung gefteßt worben fei, wirb nicht 
behauptet, im ©egenteil geht bie Klägerin felbft bauon aul, baß 
bie! nicht gefchehen ift, benn fie fagt, e! hätte bie billige 9tüd-- 
fichtnahme ber ©tabtoerwaltnng auf ihre ©inwohner unb fpejiell 
auf bie, pefuniär größtenteil! nidfc»t glänjenb fituierten, §u^r; 
werflbefißer erforbert, $ur äloraulfeßuug ber Konjefftonlcr: 
teilung oertragimäßig bie ©chablolhaltung ber in gotfle ber 
Anlage gefdjäbigten ißferbeeigentümer burch bie Seflagte ju 
machen, wie bie! in anbern ©roßftäbten 5 . !ü. in Nürnberg ber 
§all gewefen fei. 

^aburch, baß bie! nicht gefdfje^eu ift, baff oielmehr bie 
Ifonjeffion ohne eine folc^e Slebingung erteilt würbe, ift nicht 
bloß bie geftfefcung einer bie Siechtloerfolgung für bie 23e= 
troffenen erleid)ternbeu SBeftinimung unterblieben, wie bie Kläge- 
rin meint, fonbern e! ift bie Sorge für bie Sicherheit ihre! 
■Dfaterial! auf bie ^uhrroerE'jbefißer übertragen worben, benen 
es überlaffen blieb, burch äleränberung üjrel söetriebl fotche 
ÜWaßnahmen ju treffen, baß fie ber ihnen befannten ©efahr nicht 
aulgefeßt waren. 

Sollten fie baburch 511 feht benachteiligt fein, fo hätte bie! 
ein ©runb fein fönneit, bie Konjeffion nicht, ober nur in be= 
fchränfter 2Beife ju erteilen, eine Schabenlerfaßpflicßt fann aber 
barau!, baß bie iöetlagte bie ihr geftattete Anlage ber Konjeffion 
gemäß errichtet hat, nidjt abgeleitet werben. Slnberl würbe e! 
fid) oerhalten, wenn bie ©chienenanlage fonjeffionlwibrig oor= 
genommen worben wäre, wenn fich burch mangelhafte Unter: 


Digitized by Google 



A. in ®i»ilfftd)en. 


47 


tjöltmtg ein orbnungdroibriger 3uftanb gebilbet batte, ober roenn 
bie ©efahr eine nicht ju erfennenbe gewefen märe. 

®aß einer biefer gälle »orgelegen fei, baß etwa bie Be* 
flagte beit »on ber auf fidbtfiibrenben Behörbe getroffenen 2tn* 
otbnungen nid;t golgc geleiftet hätte, wirb nicht behauptet unb 
ed fann bedhalb auch in ber Beibehaltung bed &armann'}<hen 
©d)ieuen;©pftemd feine ©dhulb ber Beflagten gefunbeit toerben, 
ba nicht geltenb gemacht werben fann, ed fei ber Beflagten bie 
Auflage gemacht roorten, ein anbered Spftemeiujufiihren. ©benfo 
wenig ift »orgetragen roorben, baß ein burch mangelhafte Unter* 
haltung b er &eigef iihrter orbnungdmibriger 3uftanb an ber Ber 
lefcung ©chulb geroefett fei. Sebhalb paßt auch bad oott ber 
Älägerin angeführte Beifpiel, baß eine cioilrechtliche Berant* 
roortlichfeit begrünbet mürbe, wenn bad aufgegrabene ©traßen* 
pflafter bei 9tad)t unbeleuchtet gelaffen mürbe unb baburch ein 
Unglücfdfall entftünbe, l^ie^er nicht. 

2luf bad Irnftpflichtgefeß »om 7. Quni 1871 unter roeldjed 
im Uebrigen auch bie fßferbebahiten fallen, mirb ber ©djabend* 
erfaßanfpruch nicht geftiißt unb fann er nicht geftiißt werben, 
ba biejed ©efeß nur auf bie SEöbtung ober Berleßung eined 
füfenfchen Slnmenbung ftnbet. 9luch bie Beichdgeroerbeorbnung 
§ 26 Spricht nur »on foldhen benachteiligenben ©inroitfungen, 
welche »on einem ©runbftiicf aud auf ein benadjbarted ©runb* 
ftütf geübt werben fönnen. 

©in fttechtdfaß aber, baß ber ©igentümer eined gefährlichen 
Betriebd ftetd unb ohne SWücfficht auf ©dhulb, für jebe burch 
ben Betrieb »eranlaßte Befchäbigung auch bann haften müßte, 
roenn bie gefährlidje Einlage »on ber juftänbigen Behörbe inner* 
halb ihrer 3uftänbigfeit auf einem öffentlichen ißlaß, über beffen 
Beni't|ung bie Behörbe ju beftimmen hat, genehmigt worben 
ift, befteht nicht, auch iß audbriicflid) nur aud bem 3lguilifchen 
©efeß geflagt. 

Urteil bed I. ©ioilfenatd »om 22. 'Jtooentber 1895 i. ©. 
ber Stuttgarter s fiferbe*Berficherungd*©efellfchaft gegen bie 
SlftiengefeUfdhaft Stuttgarter ©traßenbahnen. 


Digitized by Google 



48 


©ntf(§*ibungen beä Dbertanb<Jg«ri(f)t8. 


10 . 

(Sigtnts getfdjulben bei einet iiurd) einen ?oll auf einet unbe= 
leud)teten Kreppe erlitteneu ^Srpernetle^ung. 

Klägerin ift am 4. Sionember 1894 nadj Seenbigung eine» 
in bet Sieberballe abgehaltenen HonjertS als fie währenb ber 
auf baS Konjert folgenben gefelligen Unterhaltung ben Slbort 
auffudjen wollte, auf einer in biefer $eit nidjt beleuchteten 
Steppe, bie ber 33eflagte als 'llot = , Klägerin als Sieben* 
treppe bezeichnet, ju Sboben gefallen unb bat biebei einen 2lrm* 
brudb erlitten, ©ie macht ben ®eflagten als SBefißer biefeS ©e= 
bäubeS für biefen Unfall beS^alb oerantwortlicß, roeit er für 
orbnungSmäßige '-Beleuchtung biefer kreppe ju forgen gehabt 
hätte. Ser SBeflagte beftreitet, baß er für biefen Unfall ju haften 
habe, unb macht weiter geltenb, baß Klägerin biefen felbft »er* 
fcbulbet habe. Sie Hinge ift in beiben ^nftanjen abgeroiefen 
roorben, in zweiter 3nftanj aus folgenben, ben näheren ©ad)= 
»erhalt ergebenbeit 

©rünben: 

Ser Unterrichter hat in zutreffenber SBeife auSgefii^rt, baß 
ber ber Klägerin jugeftoßene Unfall auf eigenes 33erf<hulben 
berfelben jurüdjufiihren fei. 

Ser SluSgang ju berjenigen Sreppe, auf melier Klägerin 
ju gefommen ift, mag man biefelbe als Siot* ober 'liebem 
treppe zu betrachten haben, bilbete nic^t ben regelmäßig »om 
Sßublifum benähten SluSgang beS HonjertfaaleS, roaS ber Klägerin 
nicht entgehen tonnte; fie hätte baher, obwohl fie »or ^Beginn 
beS Konzerts auf biefer Sreppe in ben ©aal gelangt war, nicht 
ohne SBeitereS burch SBenüfcung biefeS SluSgangS einen Sierfuch, 
ben Slbort aufjuftnben, machen, fonbern fi<h junädhft nadh bem 
3ßeg jum legieren ertunbigen follen. §atte fie in ber Slbfidht, 
fich auf ben Slbort zu begeben, ohne »orgängige ©rtunbigung 
ben Konjertfaal burch bie ju ber bezeichnten Sreppe führenbe, 
nicht ben regelmäßigen SluSgang bilbenbe Sßüre oerlaffen, aber 
bie Sreppe nicht mehr beleuchtet gefunben, fo fonnte fie nicht 


Digitized by Google 



A. in €i»ilfad>en. 


49 


oertennen, baf? toiefelbe in biefem 3citpunfte nicht mehr jum 
93erfehr beftimmt fei, uitb im buntein 3wftanbe non if>r nicht 
ohne ©efahr beniifct toerben tönne, jutnal roenn fte biefe Steppe 
crft ein einiges üDtal paffiert hatte, unb mit ber Oertlichfeit 
nicht oertraut mar. fielet (Srroägung tonnte fie fid) felbft bann 
nidjt oerfchliejjen, roenn fie jur ©ile genötigt geroefeit fein unb 
auf biefer kreppe am fdjnellften jum 3iele ju gelangen gehofft 
haben foHte. ©ie hätte baher bei 9lnroenbung ber nötigen 33or= 
ftd>t in ben Äonjertfaal jutiicffehren unb bort unter iüenii&ung 
ber oon bem ißublifum benähten 2luSgänge ihren 3wecf ju cr= 
reichen fudjen follen. £>at fie, ftatt biefen 9öeg ein 3 ufd)lagen, 
burd) 33enü^ung ber nicht erleuchteten kreppe ftch einer in bie 
Slugen fpringenben ®efaljr auSgefe|jt, unb ift fie hiebei in $olge 
ber $unfelheit ju gall gefommen, fo roirb ihr Verhalten audj 
bann, roenn fie oon einem bringenben IBebürfniffe getrieben roar, 
nicht entfdjulbigt, ift oielmetjr biefer ihr Unfall auf ihr eigenes 
3?erfd)ulben, beffen folgen fte felbft ju tragen hat, jurticfjuführen. 
Grifft fonad) bie oom ©eflagten oorgefchiifcte Grinrebe beS eigenen 
SerfdjulbenS ber Klägerin ju, fo erfcheint bie Berufung ber 
(enteren gegen baS ifjre Älage abroeifenbe erftrichterlidje Urteil, 
o^ne bafe es einer @ntf<heibung ber grage beburfte, ob bie 93er- 
treter beS 93eflagten bie Obliegenheit, fragliche kreppe in bem 
fritifdjen 3edpunfte ju beleuchten, gehabt haben. 

Urteil beS I. ßioilfenats oom 12. Quli 1895 i. ©. ©utter 
gegen ©tuttgarter itieberlranj. 


11 . 

3um ]3egriff bes roiberredjtlidjen unb fdjulbljaften fjanbelns im 
Sinne ber lex Aquilia. Haftung fUr nidjt uorljerjufeijenbe 
folgen, Itonhurrierenbes ^erfdjulben. 

®et Setlagte hat in ber 9la<ht oom 11. auf 12. 9tooember 
1893 in ^eibenheitn bie Älägerin, welche er in ber 9lähe feines 
Kaufes auf ber ©trafje betraf unb roelche ihm angeblich eines 
2)iebftahl3 oerbädjtig erfchieit, eine Strede oon ungefähr 200 m 

^aijrbüdjer für SBitrtumberg. iHedjtepflegf. VIII. 1. 4 


Digitized by Google 



50 


©ntfd&eibungen bc8 DbetlanbeSgeric^tä. 


roeit »erfolgt unb nachbem er fie eingefjolt hatte, feftgehalten, 
roobei bie Klägerin ju Voben fam. ®ie ftlägerin, bie ju jener 
3eit bie SJienftruation hatte, behauptet, bafj fie in golge jener 
Verfolgung unb SDtifjljanblung, befonberä in ffolge erlittenen 
©chredenS unb ber babnrdj ^erbeigefü^rten plötzlichen Unter; 
brüdung bet IDienftruation, franf geroorben fei, eine fdjleichenbe 
©ierftodSentjünbung befommen habe, unb »erlangt Srfajj be« 
burd> biefe Jfranfheit fdjon entftanbenen unb fünftig nod^ ent= 
ftehenben Schabend. ©er ftlage ift in beiben Qnftanjen ftatt= 
gegeben toorbett. 3n ben 

© r ü n b e n : 

beö VerufungSurteilS roirb junächft auSgeführt, bafj ber Ve; 
ftagte bie ftlägerin »erfolgt, feftgehalten unb ju Voben geioorfen 
habe unb fobann f ortgefa^ren : 

2Benn biefe£ Verfolgen, |5 e f*^ a ^ cn unb $inroerfen ber 
Klägerin eine mit Vermögenönachteil »erbunbene förperlid^e Ve= 
fdjäbigung jur golge hatte, fo hat ^iefiir ber Veflagte nach 
ben ©runbfäfcen be3 aquilifchen ©efefceS einjutreten, aufter roenn 
ihm ju biefent (Singriff in bie perfönliche Veroegungöfreiheit unb 
Unoerfehrtheit ber Klägerin ein in ber SiechtSorbnung gegebener 
befonberer Siechtfertigungsgrunb jur ©eite ftiinbe ober ilnn 
biefeö, roenn gleich roiberrecbtlidje, Verhalten nicht jur ©djulb 
jujurechnen wäre, alfo feine injuria obe3 feine culpa »orläge. 

©er Veflagte madjt beibeS geltenb. gunächft behauptet 
er, er habe bei bem Verfolgen unb gehalten ber ftlägerin ge= 
glaubt, einen flüchtigen ©ieb »or fid) ju haben, bem bie etroa 
geftohlene Sache roieber abjunehinen unb beffen ißerfönlichfeit 
feftjuftellen er ein Siecht gehabt habe. 

Mein e3 fteht feft, bafj bie ftlägerin in jener Slacht nichts 
Unrechtes gethan hat, bafj fie »ielmehr »on ber Söohnung be$ 
©dhullehretö fam, beffen ftinber fie beauffichtigt hatte, ju ihrer 
©ienftherridjaft jurüdfeljren rooQte, bafj alfo jener angebliche 
Verpacht beS Veflagten thatfächlich nicht begrünbet roar. ©a= 
mit ift auch bie objefti»e SlechtSroibrigfeü beS Vor; 
gehend beS Veflagten feftgeftellt. ©S roar roeber eine ftrafbare 
Jpaitblung begangen, bei melier bie ftlägerin „auf frifcher ©h at " 


Digitized by Google 



A. in ffiiüitfachen. 


51 


betroffen ober »erfolgt worben wäre (©t.^.D. § 127 2lbf. 1), 
noch lag ein gegenwärtiger rechtswidriger ©ingriff in bie 9tedf>tS= 
fp^äre beS Beflagten ober eines Slnbern »or, gegen welchen ber 
Beflagte fiel) p oerteibigen gehabt hätte (Stotmehr gegen einen 
flüchtigen ®ieb), noch hatte Besagter gegen bie Klägerin einen 
p fdpfcenben Slnfprucf), ben er auänahmSmeife im SBege ber 
©elbftljilfe burchpfefcen befugt gewefen märe *). 

®ie in biefen gäHen t>om ©efefc pgegebene Berechtigung, 
gegen einen ^Dritten oorpgehen, beurteilt fich feineSwegS nach 
ber fubjeftioen Sluffaffung beS |>anbelnben, fonbern lebiglidh 
nach bem objeftioen Borliegen beS gefeßlidhen £h°tbeftanb3 ; 
fehlt biefer, wie hier, fo bleibt baS Raubein ein obfeftio red)ts= 
wibrigeS, mag ber |janbelnbe auch noch fo fehr in gutem ©tauben 
gewefen fein unb fein Borgehen für gefefclich berechtigt gehalten 
haben. 3)er gute ©lauben, ber Irrtum be£ &anbelnben fann 
»ielmehr nur bap führen, einen ©dplbauSfchliefjungSgrunb 
«6pgeben, ben Mangel eines BerfdEplbenS anpnehmett. 

®aS jeßige Borbringen beS Besagten, auch wenn bie 
Klägerin nichts Unrechtes gethan habe, fo fei fein Borgehen 
gegen biefelbe boch nicht objeftio red&tSroibrig gewefen, weil er 
auf ben blofjen nadh ben Umftänben gerechtfertigten Berbacht 
hin baS Stecht gehabt habe, bie Klägerin feftphalten, ift fomit 
als richtig nicht anperfennen, ba, wie bie Stotmehr einen wirf= 
lidien, nicht bloß oermeintlidhen Angriff pr begrifflichen Be= 
bingung hat, fo auch baS Stecht pr Berfolgung gemäß § 127,1 
©t.fß.0. (fei es jroecfs geftnahme beS Berfolgten, fei eS auch 
nur ptecfS geftftellung oon beffen Berfönlid&leit) bie oorgängige 
Berübung einer ftrafbaren |>anblung »orauSfeßt unb bie irr= 
tiimliche Annahme, ba& bieS gutreffe, ben fehtenben Shatbeftanb 
nidht p erfeßen oerntag, fonbern nur für bie grage ber Ber= 
fchulbung, ber fubjeftioen 3«redhnung oon Bebeutung ift. 

Stach bem bem aquilifdhen ©efeß $u ©runbe liegenden Ber= 
fchulbungöprinjip ift jebodh für bie Haftung beS Beflagten außer 

1) SB ächtet, SBürtt. $tioatred>t II, ©. 406 f.; ©etbfthilfe gegen 
einen flüchtigen Sieb noch Seenbigung be£ Singtip f. 2ifjt, Lehrbuch 
be« Seutfchen Strafrechts*, 6. Stuft. ©. 120 Stote 5. 

4* 


Digitized by Google 



52 


®ntf($eibungen De« 0berlanbe«gerid)t8- 


bet äBiberrecbtlichfeit feine« |>anbeln« roeiter erforberlich, baft 
ihm ba«felbe jujure^nen fei, jur ©djulb gereidje. ein Ser^ 
fchulben ift in«befonbere au«gefd)loffen, roenn ber Sinter in 
einem entfchulbbaren Qrrtum über bie Verewigung ju feiner 
.ganblung, über ba« Vorliegen eine« bie 5ied&t«n)ibrigfeit au«= 
fdjliefeenben £h“tumftanb« geroefen ift *). ®er gute ©taube 
über ba« Vorhanbenfein einer folgen ©erei^tigung nüfct jeboch, 
roenn, roie nac^ bem aquilifc^en ©efefc, für jebe« Verfdjuiben 
ju haften ift, bann nid)t«, roenn bet betreffenbe Irrtum auf 
einer ga^rläffigfeit beruht, roeit eben bann bie in biefem fa£)r= 
läfftgen Qrrtum begangene .panblung ju einer fahrtäfftgen wirb *). 
Um bie Verantwortung be« Veftagten au«jufdhHe§en, genügt e« 
batjer nid^t, roenn er be« guten ©tauben« mar, einen flüchtigen 
®icb oor fid) $u haben, fonbern e« müffen roeiter bie llmftänbe 
fo gelegen fein, bafe er felbft bei Slnroenbung ber oon einem 
forgfamen |>au«oater }u erroartenben Vorfidjt unb Vefonnem 
heit jene« guten ©tauben« geroefen fein bürfte. 

2Benn e« nun auch nicht fetjr glaubhaft erfcheint, baff ber 
Veflagte — roie er oorgiebt — mit SRücfficht auf ben einige Seit 
oortjer bei feinem $au«beroohner Dr. 9)1. oerübten geringfügigen 
@etegenheit«=©iebftahl in jener Stladjt oon einer 3)tufeum«ge= 
feUfdjaft in ber Traube „ooriibergehenb" nach |>aufe gegangen 
fei, um (bei 5° ßälte) auf ba« SBieberfominen be« ®iebe« ju 
roarten, fo fann bem Vef tagten bo<h ni<ht oerroorfen roerben, 
baß ihm, al« er, fei e« aud) au« anberer Veranlaffung , oor 
feinem $aufe ftanb unb hiebei bie Klägerin in bunfter 9?a<ht 
anftheinenb oon feinem $aufe her baoon eiten fah, in ber ©r= 
innerung an ben furj oorher in feinem |>aufe oerübten ®ieb= 

1) L. 3 § 4 D. de inj. 47,10. L. 46 § 7 D. de furtis 47,2. Sßinb= 
fc$eib, ^Janb. II § 455 ju 9tote 13. ©euffert, $anb. § 100 3'ff- !• 
^lernice, 3 ut 2eb te non ber ©a<f|bef<§äbigung, ©. 194. ©töljel, 
im Slrdjtt) für cio. ^Irajri«, Sb. 39 ©.67 f. ©euffert, 9trd)iu, Sb. 32 
91 r. 237. (Sntro. eine« bürg, ©efefeb. 1. Siefung § 707 (mit Sllotinen II 
©. 731), tueldjer § in ber 2. Siefung nur beefjalb geftridjen ttmrbe, meil 
er eine felbftoerftänblidje Folgerung au« bem angenommenen Serf^uü 
bung«prinjip fei. 

2) ©euffert, 9lrd>io, Sb. 32 91. 237. SRotiue ju § 707 a. a. D. 


Digitired by Google 



A. in &mtfad)«n. 


53 


ftagl plöglidg ber ©ebanfe fam, es fönnte gier roieber ein $iebs 
fta^t begangen ober oerfucgt roorben fein. 35afür, bafj er in 
biefem ©ebanfen (unb nidgt etroa in unfittlidger äbfidgt, reelle 
audg bie Klägerin nidgt behaupten will) ber Klägerin nadgfegte, 
fpridgt befonberS fein lautes .fjaltrufen, baS 9?idgtabftegen trog 
beS „fiirdgterlidgen" ©efdgreis ber Klägerin unb bie 3lrt feines 
Sorgalts an biefelbe nadg bereu ©ingoleu. 

SlUein biefeS 33orgegen beS Seflagten roar, roie ber Unter= 
ricbter mit SRedgt angenommen gat, jum 3)tinbeften ein oor= 
eiliges unb barum fagrläffigeS. Um fo mie gefdjegen bie Klägerin 
ju oerfolgen, igr eine fo lange ©trecfe nadgjufegen unb fie bann 
in geroalttgätiger SBeife ansupacfen unb ginjuroerfen , lag ein 
geniigenber 2lnlaf? überall nidgt oor. ©S mar gegen 12 Ugr 
nacgts, bunfel, bie Klägerin ogne Saterne, baS alleinige 93er: 
roeilen einer ffrauenSperfon um biefe 3®ü auf bet ©trafje an 
fid^ auffällig, ebenfo baS eilige ©egen in ber 3iicgtung oon ber 
Strafsenf eite, an roeldger baS |fauS bes 99eflagten gelegen roar. 
2>iefeS anfdgeinenb oerbäcgtige 23enegmen ber Klägerin unb ber 
©ebanle an einen 3ufamment)ang mit bem früheren ®iebftagl 
mochte für ben SBeflagten ©runb geroefen fein, ber Klägerin 
$alt jujurufen, fie ju fteUen unb über igr Kommen unb ©egen 
auSjufragen. $amit roäre bie Klägerin nidgt gefägrbet unb ge: 
fcgäbigt geroefen. SlUein nadgbem bie Klägerin auf ben $altruf 
nicgt ftegen blieb, fonbern baoon fprang, roar ein Verfolgen 
berfelben in ber oom 33eflagten beliebten 2lrt burdg jene ganj 
allgemeinen unb oagen 93erbacgtSgrünbe feineSroegS gerechtfertigt. 
®er 33eflagte gat feinerlei SBagrnegmung barüber gemadgt, baff 
bie oon igm gefegene ißerfon, bie Klägerin, in ber $gat oon 
ober aus feinem £auS gerfomme. ®ie Klägerin gatte ja audg 
fdgon bei bem burdg einen §of ober eine ©infagrt getrennten 
|iauS beS gabrifanten ©. ben Sürgerfteig biefer ©trafjenfeite 
oerlaffen unb fidg gegen bie gegenüber liegenbe ©trafjenecfe ge= 
roenbet. 2>afe Söeflagter fürs juoor im ftnnern feines Kaufes 
„^Bewegungen ju oernegmen geglaubt" gäbe, ift eine unerroiefene 
'ikojefebegauptung beSfelben. 33ei einiger Sefonnengeit gätte 
süeflagter fidg bager fagen tnüffen, baß er irgenb roeldgen greif: 


Digitized by Google 



54 


ffintfdjeibungen beS Db«rlanbe8gerid)tä. 


baren SSerbadßtggrunb gegen bie baooneifenbe s fSerfon nidßt ßabe, 
unb bieg ßätte ißn oon einer SSerfotgung abßatten foflen. 3eben= 
falls aber mußte er, nadßbem bie non ißm nerfolgte ißerfon 
„lang unb furcßtbar" um |>ilfe gu fdjreien anfieng, fofort ftußig 
roerben unb auf ben ©ebanfen fommen, baß er ftcß bocß rooßl 
getäufdßt ßaben, baß biefe um 4>ilfe rufenbe ißetfon nicßt rooßl 
eine ®iebin fein fönne. SBenn er troßbem bie SSerfotgung fort= 
feßte, bie Klägerin angelt unb fogar gu SSoben roarf, fo tßat 
er bieS auf feine ©efaßr; bei 2Inroenbung ber oom ©efeß ge- 
botenen SJorficßt ßäite er eg untcrlaffen miiffen ; fein SBerßalten 
mar baßer ein fa^rläfftgeS unb fcßulbßafteg. (SBeiter mirb 
auggefüßrt, baß bag reößtgroibrige unb fcßulbßafte SSorgeßen beg 
Seflagten bie ßranfßeit ber Klägerin gut ^olgc gehabt ßabe, 
unb fobann betnerft:) 

2lucß ber ©inroanb beg 23eflagten , baß felbft roenn bie 
Jfranfßeit ber Klägerin ber ©inroirfung beg ©Freden» auf bie 
menftruierenbe Älägerin gugufdjreibeu fei, bieg ißm nicßt gut 
©cßulb gereidßen fönne, ba er bei größter SSorficßt einen folgen 
guftanb ber Klägerin nid^t ßabe aßnen fönnen, erfcßeint nicßt 
flidßßaltig. ®enn eg liegt ßier nicßt eine ^anblung nor, roelcße 
nur mit Stücfficßt auf bie S3otßerfeßbarfeit beg fcßciblicßen 
©rfotgg eine fcßulbßafte ift, fonbern ber SSeflagte ßat unmitteU 
bar einen unbefugten ©ingriff in bie Siecßtsfpßäre, bie greißeit 
unb förperlicße Integrität ber Alägcrin gemacßt, roelcßer ©in= 
griff, roie bargelegt roorben, ein fcßutbßafter, faßrläffiger mar. 

gtir bie folgen eineg folcßen fcßulbßaften bireften ©ingriffg 
in bie perfönlidßen fftedßte eineg 9lebenmenfcßen ßat man ftetg 
gu ßaften, oßne fltiicfficßt barauf, ob bie ©ntfteßung beg ©cßabeng 
»orauggufeßen mar ober nicßt. Uebrigeug ßat ber erfte fRicßter 
mit 3tecßt angenommen, baß ber Seflagte ficß ber mögticßen 
fcßäblidßen folgen jeneg $anbelg (burcß einen ©turg, burcß 
©inroivfung beg ©cßrecfeng, ber ©rßißung) beroußt fein mußte, 
fiieß ftcß aber eine nachteilige golge überßaupt ooraugfeßen, fo 
ift beut Später aucß bie roirflicß eingetretene nachteilige golge 
gut ©cßulb gugurecßnen, gleicßgiltig ob er gerabe biefe golge 
oorauggefeßen ßat ober nicßt. @g ift baßer unerßeblicß, baß 


Digitized by Google 



A. in eioilfad&en. 


55 


bet ©eflagte, rote iljrn ju glauben, nicht baratt bettfett fonnte, 
baf$ bie oon if)tn oerfolgte Klägerin menftruiere unb beSljalb 
für bie ©inroirfung beS ©djrecfenS befonbers empfinblicb fei. 

$on einem bie SSerantroortung beS ©eflagten auSfdE)Itegen= 
ben fonfurrierenben 23etfchulben bet Älägerin fann 
enblich feine Siebe fein. ®af$ biefelbe bei ber fpäten ©tunbe fi<h 
beeilte, nach |>aufe ju fommen, roar natürlich unb ebenfo be= 
greiftid) roar eS, bafj fte bem oon ifjr ju oetmutenben unfitt* 
lidben Angriff eines iljr unbefannten ÜDlanneS butcb fchleunigfte 
glucht fid) ju entjieijen fuchte. SDiefeS Verhalten ber Älagerin 
batte oieitnebr nur, roeil bem 2ieflagten oon feinem ©tanbpunft 
aus oerbädbtig erfcbeinenb, einen ©runb bafür abgeben fönnett, 
beffen ^erfdbulben auSjufd)lief?en, einen entfdjulbbaren Irr- 
tum auf beffen ©eite annebmen ju laffen, roaS jeboch nach bem 
oben SluSgeftiljrten ju oerneinen roar. 

©benforoenig läge ein ©elbftoerfdjulben ber Älägerin an 
ber ©rfältung, falls eine folgte bie ßranfheit mit oerurfacht 
haben foEte, cor, ba baS Sßerroeilen ber Klägerin auf ber ©trajje 
nach bem Notfall, um biefen bem baju gefotnmenen 3«ugen Ä. 
unb bem IJiolijeiroadbtmeifter ju erjagen unb um fobantt ben 
ÖauSfchlüffel ju bolen, nicht fabrläffig roar. 

Urteil beS II. ©ioilfenats beS DberlanbeSgerichtS oom 
4. 2lpril 1895 i. ©. ©tuber gegen 2ßeibbredE)t. 


12 . 

(Srbeinfchung. 

®er oerftorbene ©. ©<h- oott 0. hinterliefj als gefefetic^e 
©rben feine SBitroe, feinen 2$ater unb oier ooflbiirtige ©e= 
fdjroifter. gn einem fdjriftlichen, oon fieben 3eugen errichteten, 
oon ©eridjtSnotar 6. oerfafften Sleftament hatte er beftimmt: 

I. „3um 2llleinetben meines sßentiögenS fefce ich ein 

meine I. grau 6. geb. 21. 

SBegen meines SSaterS fie^c 3 . II. 

II. 2$ermächtniffe fefce ich aus 


Digitized by Google 



56 


Sntfcfjeitmngen beä C&etlanbe4gerid)t3. 


1. bem ©ater 3- ©ch- — 200 3H. — 3n>eihunbert 

2Jtar{ ober ftatt berfclben ben gefefclichen Pflichtteil nach 
feiner äöahl". 

Unter 3*ff- 2 — 6 folgen Segate an bie ©efchwifter unb 
einen halbbürtigen ©ruber mit bem Slnfiigen : 

„toenn einer ber ju 3iff er 2 — 6 benannten Segatare ben 
SegatanfaH nicht erleben follte, erhalten feine ©achfommen 
I. ©rabeS ben feinem ©Iternteil auSgefefcten ©etrag nach 
ftopfteilen". 

Dann ift bie ©uSfehung roeiterer ©ermcichtnijfe (in Defta= 
mentSjetteln) oorbehalten unb in 3^ff- III bie ÄobijUIartlaufel 
beigefefct. 

Der ©ater beö ©. ©d>. focht baS Deftament als hinficbt; 
lieh ber <5rbeinfe|ung nichtig an, roeil er nicht als Grbe ein= 
gefegt fei. Die Älage ift in jweiter 3»ftanj abgeroiefen roorben 
aus folgenben 

© r ü n b e n : 

Daran befteht lein 3ro e ‘H baff bem Kläger 3- ©$. als 
bem ehelichen leiblichen ©ater beS ©. ©<h- nach bem bei uns 
geltenben ©efe& ein formelles ©oterbrecht gegenüber bem ©ohn 
äufarn, oermöge beffen er oon bem teueren entioeber red>t3- 
giltig jum (Srben eingefefct ober in bet ^iefür beftimmten 
2Beife, unter ©nführung einer gefehlten tSnterbungSurfache, 
auögefchloffen werben muffte unb baff, wenn meber bas eine 
noch baS aubere gefächen ift, ber ©oterbe als präteriert gilt 
unb baff als $olge hieoon bie ©id}tigfeit ber im Deftament ent- 
haltenen ®rbeinfej}ung unb bemgemäß bie 3nteftaterbfolge ein= 
jutreten hätte. DiefeS formelle ©oterbrecht wirb burch jebe 
(birefte) @rbeinfe|}ung, wenn fie nur auf irgenb einen Deil ber 
©rbfdhaft ober auch nuf eine beftimmte Sache erfolgte, gemährt, 
wogegen bentfelben nicht genügt ift fofern ber ©oterbe lebiglid) 
mit einem ©ermächtniffe, fei eS auch im ©etrag bes gefehlten 
Pflichtteils bebacht würbe *). 

3m oorliegenben galt ift ber ©ater 3- @4- in bent Defta= 

1) äBürlt. Streit) 8 S. 127; 13 6. 428 ; 22 6.371. ©euffert, 
2tr($io, »b. 32 9tt. 62. 


Digitized by Google 



A. in ßioilfadjen. 


57 


ment nicht enterbt; es fommt alfo batauf an, ob er gehörig 
inftituiert ift. ®er äBortlaut beS oon ©. ©dj. errichteten 5Eefta= 
ments fd^eint nun aHerbiitgS, toettu man bie Perfügungen im 
erften ©afs ber 3fff- I unb * n 3*ff er II 1 i e für fi<h &»= 
trautet, für bie oom oorigen dichter gebilligte Auslegung ber 
Kläger ju fprechen, baß 3- ©<h- ittd^t sum ©rbeu eingefefet fon= 
bern nur ein PermächtniS oon 200 3)1. (nach feiner 2ßat)l in 
^ö|e feines Pflichtteils) ihm jugeroeubet fei. ®enn es hat ber 
Seftierer in 3iff- 1 feine ©hefrau „jum Sllleitt erben feines 
Vermögens" eingefefct, in 3‘ff- H fobann „P er mäd)tnif fe" 
auSgefefct unb hierunter bem Pater — 200 3)1. ober ftatt 
berfelben beit gefefclichen Pflichtteil nadh feiner SBaljl. ®urd) 
bie auSbriicftiche ©rnennung ber ©hefrau jur Meinerbin toäre 
bem gewöhnlichen unb juriftifchen SBortfinn nach biefe jur aH= 
einigen ©efamtnachfolgerin in bie PermögenSuerhältniffe beS 
©tblafferS berufen, bie 3)titerbfolge eines ülnberen aber auS= 
gefhloffen. Unb mit ber ©inreihung ber gu ©unften beS Paters 
getroffenen Perfügung unter bie auSbrücflich als Permächtniffe 
benannten 3uwenbnngen fcheint aud} biefenige beS Pflichtteils 
als Permächtnis gefenntjeidjnet ju fein. 

3ubeffen ift oon oornherein ins 2luge ju faffen, bafe bie 
Peftimmungen in 3iff- I @ Q h I unb II 1 nicht allein unb un= 
»ermittelt bafiehen, baf? oielniehr burd; ben Peifah in 3iff- 1 : 
„Segen meines Paters fiel)« 3- H" bie PuSfeßung beS 
Pflichtteils für ben Pater ju ber oon ber ©rbeinfej}ung hanbelin 
ben 3iff. I in eine geioiffe Pejieljung gebracht ift. ®iefe Per= 
binbung unb ber 3ufanunenhang ber beiberfeitigen Perfügungen 
l'inb für 2luSlegung berfelben oott erheblichem ©etoicht unb ge= 
Hatten es nicht, bie ÜBortfaffung unb SBortfteHung je nur für 
ben einen unb ben anbern Slbfdjnitt gefonbert in Petracht ju 
jiehen. ®a fobann, toie ju geigen fein toirb, bie toegen beS 
oäterlichen Pflichtteils getroffene fDifpofition fich fdjon nach bem 
roörtlichen SluSbrud als ©rbeinfehung auffaffen läfct, hiermit 
aber bie Pebeutung ber 2Borte, mit benen bie ©hefrau jurn 
„SlUeinerben" ernannt ift, in grage gefiellt wirb, fo fann ba= 
hingefieUt bleiben, ob gegenüber einem Haren unb oöllig un= 


Digitized by Google 



58 


©tttfdjeibungen beS D6etlanbe8geti<bi8. 


äroeibeutigen SBortlaut beS ^eftamentS ein ©egenberoeis ') auch 
ba roo es ftch um bie ^^atfacbe ber 6infe|ung eines Sioterben 
banbeit, für juläffig ju erachten wäre. 

SBäbrenb bas SB. finnbredbt binficbtlich ber gorm ber @nt= 
erbung im Slnfdjluff an baS römifcbe Siecht beftimmte Porfcbriften 
giebt (III, 17 § 1 ff. ; 18 § 8) b^ ^ für bie ©tbeinfefcun g 
ber Sloterben folche befonbere Peftimmungen nicht getroffen unb 
eS gelten baber nach btefer SÜdjtung bie für bie (Srbeinfefcung 
beftebenben allgemeinen ©runbfä( 3 e. 

Schon nad) neuerem römifcbem Siecht ift jur (Srbeinfefcung 
eine beftimmte gönn ber (Srflärung namentlich ber ©ebraucb 
beS Slusbrucfes „heres“ nidht mehr erf orberlich, eS genügt nach 
biefem unb nach gemeinem Siecht, roenn aus ben gebrauchten 
SBorten mit Sicherheit ber (SrbeinfefcungSroille beS ©rblafferS 
entnommen merbeit fann 2 ). 

gn Uebereinftimnumg biemit beftimmt baS 9B. Banbvecbt III 
tit. 11 § 2, baff „bie (Svbfafjung fräftiglid; gefcheben fein" folle, 
toemt „aus ben SBorten beS £eftiererS eigentlich oerftanben 
werben mag, bafj et eine ©rbfabung gemeint unb fiirnemmen 
roöllen". So roirb fcboit oon älteren Siecbtslebrern, nmS fpejiell 
bie (Sinfebung beS Sloterben auf ben Pflichtteil anlangt, auS= 
geführt, eS fei bem ©efefs ©eniige gefcheben, roenn ber @rb-- 
laffer fagt : „ich binterlaffe, oermache meinem Äinb (Pater) ben 
Pflichtteil, er foH ben Pflichtteil ba&en *)" n>ie benti für unfer 
heutiges Siecht auch 3 U beamten ift, bafe ber beutfche Spradj= 
gebrauch roenigftenS im SJlunbe beS Saien bie prägnante rechte 
liehe Pebeutung ber SluSbriicfe @rbf<haft, erben — PermädftniS, 
oermachen, nicht ftreug ju unterfcheiben pflegt. 

gm gegenwärtigen gaH ift es atlerbingS ein Slotar, 
welcher baS fEejlament oerfajjt bat. Slllein gerabe beSbalb barf 

1) »gl. ©euffett, Slrdjiu 15 9ir. 31, 3af>tb. bet SB. SRec^tSpft. 
33b. I ©. 8. 

2) ]. 15 Cod VI. 23 qui test. 353 i n b f d) e ib , p. III § 546 ©. 41. 
35 e t n b u r g , p. (3. 2tufl.) »b. III § 88 ©. 159. 

3) 333 eiS |aac, 20.pt.3d.il § 725, 1. »ufl. ©. 212. ©riefinger, 
Jtomm. }utn 2.91, 33b. VI ©. 91, ©. 383, 384. 9Ieinfjatbi, Komm. 
II ©. 164. »gl. 2) e t n b u r g , 33b. III § 85 ©. 159, § 152 ©. 305, »oie 3/6. 


Digitited by Google 



A. in Siöilfadjen. 


59 


unterteilt werben, bafj bem Defiament«oerfaffer bei Errichtung 
be« Deftament« ba« formelle 'Jloterbrecfjt be« SJater« unb bie 
rechtliche SRotroenbigfeit, benfetben al« Erben einjufefcen, befannt 
unb gegenwärtig gewefen feien. Darauf, baff bem in ber Df)at 
fo war, beutet eben ber 3feifa$ in 3‘ff- I : „wegen meine« 
Sater« ftehe 3- II". Derfelbe ertlärt fich au« bem 33ewufjtfein 
be« SSerfaffer«, bat bet 3$ater be« Erblaffer« — feine« 3tot= 
erbrecht« wegen — in ber über bie (Erbfolge beftimmenben 
3iff- I erwähnt werben miiffe. Unb man hätte fid) al«bann ben 
Sinn unb 3ufammenhang ber fraglichen Seftimmungen weiter 
fo juredjt ju legen : anftatt in 3 ‘ff- I fofort anjuführen, bat 
ber 33ater auf ben Pflichtteil juni Erben eingefefct werbe, hat 
ber Sßerfaffer, weil bem SBater wahtweife ber Pflichtteil ober 
ein 3krmäd)tni« oon 200 3)i. jugebacht war, unb, weil bie 33er- 
mächtniffe fämtlicb im 3 u f animcn h an 9 unter 3 'ff- II geregelt 
roerben foUten, jugleid) in bem (aud) in bem fonftigen 3 n(jalt 
be« Deftament« ju Dag tretenben) Söeftreben nad) Murje ben 
©rbeinfe|ung«willen bezüglich be« 3$atev« in 3iff- I sunächft nur 
bur<h bie 33etweifung auf bie in 3‘ff- U nadjfolgenbe Verfügung 
jum 2 lu«bru<i 3 U bringen beabfid)tigt, biefe lejjtere Verfügung 
aber in bem ©inne getroffen, bat bem Pater jur 333at)l ge= 
[teilt würbe, ob berfelbe ba« SBermädjtni« oon 200 3 )t. accep= 
tieren ober feinen „gefejjlichen Pffidhtteil erlangen", b. h- bie 
i^m gefe^lich jufommenbe pars legitima al« Pflichtteil« erbe 
haben wolle. 

Diefer 2lnnahme fteljen bie übrigen Umftänbe jur ©eite. 
Dafür, bat ber Erbtaffer felbft oon ber Slbfidjt au«gegangen 
märe, bem Pater bie „Ehre" ber Erbeinfefsung oorjuenthalten, 
liegt überall fein Inhalt oor ; er wollte ben Pater weber ent; 
erben nod) im Pflichtteil oerfürjen; bie ihm felbft fchwerlid) 
näher befannten gefefclichen 33orf<hriften ju wahren, überliefe er 
ohne 3roeifel bem ütotar. Der fiebere aber mut , wenn er 
anber« an ba« formelle Poterbrecht be« 3?ater« gebacht h at, non 
ber 9lbfi<ht au«gegangen fein, ein burch SBahrung jener Por= 
fchriften red)t«beftänbige« Deflantent abjufaffen, alfo auch eine 
©rbeinfefcung be« Paters oorjunehmen. 


Digitized by Google 



60 


@ntf<b*ibungen besä Dberlanbeägerid&tä. 


Sei fo bewanbter ©adjlage fann ber in 3»ff- 1 bei 5Cefta= 
mente! aulgefprodjeuen Ginfejsung ber Ghefrau at! „2111 ein» 
erbin" eine aulfdjlaggebenbe Sebeutung nicht juerfamtt werben. 
Gl ift benfbar, bafj ber fragliche Slulbrucf ben ©inn haben 
foHte, bie Ghefrau fei alleinige Grbin bei nach Slbjug bei 
bei oäterlicheu ^Pflichtteils oetbleibeitben Vermögen!, ober auch, 
wenn ba! SBort SlUeinerbe (wie ju oermuten) in ber jfuriftifch- 
tedjnifchen Vebeutung gemeint ift, bajj bie 'Berufung jurn Slttein- 
erben mit ber aul ben weiteren Verfügungen fid) ergebenben 
Bebingung ju oerftef)en ift: wenn nicht ber Vater anftatt 
bei Segat! bie Pftiöhtteillcrbfchaft beanfprudhen werbe. 

3ft aber ber Vater in ber $hat all Viiterbe berufen, fo 
hätte man auch f$on nach ber 9iecht!regel, welche für ben gatt 
gilt, wo ber Grblaffer juerft Ginen auf ba! ©anje, barauf einen 
Slnbern auf einen £eil jutn Grbeu ernannt hat, all oermut» 
liehen SBiHen bei Xeftierer! anjufehen, baf? ber auf ben Pflidjt» 
teil eingefefcte Vater bie auf ba! ©anje ernannte Ghefrau 
befchränfen foHe '). 

Db für bie Stilllegung ber Bef tagten auch au! ber weiteren 
Beftimmung bei Seftamentl, wornach für ben gall, wenn einer 
ber „ju 3iff. 2—6 benannten" Segatare ben SlnfaU nicht über» 
lebe, beffeu Stachfommen erften ©rabe! ba! Segat erhalten foilen, 
ein Slrgument entnommen werben fann, mag allerbing! frag» 
lieh erfd>einen. 3u einer ©ubftitution ber Slbfömmlinge, wie 
fie hier ju ©unften ber ©efdjwifterftämme getroffen ift, lag hin» 
fichtlich eine! bem Vater aulgefefcten Vermächtniffel feine Ver» 
anlaffung oor unb in ber für bie Segatare 3iff- 2 — 6 befonber! 
getroffenen ®ifpofüion fönnte man um belwillen noch nicht eine 
Gfemtion bei Vater! au! bem Streife ber Vermächtnilnehmer 
finben. Slnbererfeit! fteht jene Slnorbnung ber bur<h bie oor» 
ftehenben Grwägungeu gerechtfertigten Sinnahme, baff ber Vater 
auf ben Pflichtteil all Grbe eingelegt fei, jebenfall! nicht 
entgegen. 

$iefe Grbeinfehuitg ift nun jwar infofern eine nur be= 
bingte, all bem Vater bie 2Bahl gelaffen ift jmifeben einem Segat 

1) cf. aßinbfcheib, § 552 ©. 57 3 . 2 Sftote 18. 


Digitized by Google 


A. in ©it>ilfa($*n. 


61 


oon 200 SJf. unb bent gefeilteren ^ftidjtteil. Slber bie hierin 
gelegene Sfebingung — roenn überhaupt b^r (roo e3 ficb nicht 
um bie Erbfolge eines suus heres bonbeit) »on einer folgen 
bie Siebe fein fann — märe feinenfaHs eine bent Sloterben gegen; 
über unjuläffige. 2Bie ermähnt bot ba$ 2B. Sanbredjt über bie 
gönn ber (Stnfeßung ber Sloterben befonbere Slorfcbriften 
nicht getroffen. SBentt aber ber au$ ben SBorfcbriften über bie 
©itterbung tyietyex übertragene Sab, boß bet agnatifche 2)eiceit= 
bent unb Slfcenbent unbebingt jum ©rben eingefeßt merben, 
ober roenn bebingt eingefeit, jugleid) für ben gall beö 9licbt= 
eintretenS ber Sfebtngung auäbrficflich enterbt merben muffe '), 
int allgemeinen als rict>tig anjuerlenneit märe, fo roirb, roie 
fdjon nach altem römifebem ©iüilrecbt fo nach gemeinem unb aud) 
nach roürttetnbergifcbem Stecht bur<b eine auf beit bloßen Sßifleit 
be3 ©itigefeßten oerftellten Sioteftatiobebingung bie ©iiltigfeit 
ber ©infeßuttg agnatifeber Sloterben nicht beeinflußt 2 ). 

Urteil be$ II. (SimlfenatS be3 Dberlanbe^gerid^t^ »ont 

7. SJlärj 1895 i. S. Schäfer g. Schäfer. 


13. 

Auslegung uon I1nftri)erimgsbebiugungen. 

®er ©b^nonn ber Klägerin S. mar bei ber beflagten Un= 
faHoerftcbeningggefellfcbaft für ben gall be» £obe3, ber bleibem 
ben unb ber noiübergebeuben ^noalibität oerfiihert. § 21 
ber allgemeinen SBerficberungäbebingungeit ift beftimmt: „|>at 
ein Unfall ben f£ob ober bie bleibenbe Qnuatibität j Ur golge, 
fo ift bet 93erficherunggt)ertrag norbebaltlicb ber bureb ben Um 
fall erroorbenen Siedete fortan erlofdjen, ohne baß eine fßrämiem 
rüctgeroäbr ftattfinbet". ©egenüber ber Klage ber Klägerin, 

1) ©tein = §of|l, § 82 A. 1 ©. 101 cf. A. 2. 

2) SB inbf <f) eib, $. III g 588 ©. 147, 148, SRote 5, 6. Sange* 
roro, 9ß. II § 484 Slote 1 ©. 284, § 469 ©. 229, A. 1. SDernburg, 
$., III § 148 ©. 289, § 152 ©. 305 Stote 3, 4. ©ntfd). be8 KeidjSger. 
Sb. XVII 31r. 30 ©. 127. 9Bä<bt«r, SB. ^tmatr. II §92 ©. 689 f., 
^anb.,§ 68 Seit. 25, A. 


Digitized by Google 



62 ©ntfdjeibungen beS Dberlanbe8gettt|tä. 

beren Seemann in §olge eines am 3. Quli 1894 erlittenen 
UnfaES geftorben ift, auf ©ejahlung ber für ben gaE beS SobeS 
feftgefeßten ©erfichetungSfumme, hat ©eflagte u. a. geltenb ge= 
macht: ber ©erftorbene fei jufolge eines am 29. fDejember 1892 
erlittenen UnfaES (EEuSfeljerreißung am regten Oberarm), für 
ben er am 6. 2lpril 1893 non ber ©eflagten bie nertragStnäßige 
@ntfdhäbigung für norübergehenbe Qnoalibität mit 140 9E. 
erbalten bat, bleibenb innalib getuefen unb ber ©erfid)erungS= 
nertrag fei baber gemäß § 21 ber aEg. ©erficßerungSbebingungen 
erlofdjen. 2Beiter bat ©eflagte unter ©erufung barauf, baß ber 
©erftorbene in ber ©olije feine „gefeßlicßen (Srben" als jurn 
©ejug ber ©erfidherungSfumme berechtigt erflärt bat, bie Älägerin 
nur für befugt erachtet, bie Hälfte ber eingetlagten SBer- 
ftcherungSfumme ju forbern: £lägerin ift nämlidb zwar tefta= 
mentarifcbe llitioerfalerbiu ihres SEanneS geworben, ^nteftat- 
erben roaren aber neben ibr jwei ©rüber beS ©erftorbenen. 

®iefe ©inwenbungen finb in beiben ^nftanjen nerroorfen 
roorben, in ber ©erufungSinftanj aus folgenben 

© r ii n b e n : 

@3 mag fein, baß ©. in golge beS am 29. ©ejember 1892 
erlittenen UnfaES bleibenb innalib im Sinn ber non ber 
bleibenben % e i l^noalibität banbelnben ©eftimmungen beS § 13 
ber aEg. ©erf.=©ebingungen, iitSbefonbere beS 2lbf. 5 bafelbft 
geworben ift. dagegen fteßt auf ©runb ber ©eridjte beS ©tabt= 
wunbarjtS an bie ©eflagte nom 31. fDejember 1892 unb 
19. gebruar 1893 feft unb ift auch nicht beftritten, baß ©. bie 
burdh ben llnfaE herbeigefiißrte Qnnalibität für eine norüber= 
geßenbe angefeßen hat, als er am 6. älpril 1893 bie ©nt= 
fdhäbigungS=Ouittung Unterzeichnete, woburcß er erflärte, baß 
mit ber 3aßlung non 140 2E. aEen wie immer gearteten 3ln= 
fprüdßen genügt worben fei, bie er wegen jenes Unfafls aus 
irgenb einem ©runb an bie ©eflagte ju fteEen berechtigt fei. 

ÜEuit beftimmt § 21 9lbf. 1 ber aüg. ©erf.=©eb.: „.jpat ein 
llnfaE ben £ob ober bie bleibenbe Qnoalibität pr golge, fo ift 
ber ©erfidherungSoertrag oorbehaltlich ber burdh ben UnfaE er= 
worbenen fEecßte fortan erlofdfjen, ohne baß eine fßrämienrücf= 


Digitized by Google 



A. in ©i»Ufacf>en 


63 


gemäht ftattfinbet" unb Seflagter will biefe 83eftimmung bahin 
wtftanben nuffen, baff bie Slerftcherung für beit gall beS ©obeS 
auä> bann ohne roeitereS erlöse, roenn ber SBerfidjerte bleibenb 
(teilnjeife) inoatib int ©inn ber SlerficherungSbebingungen roirb, 
einerlei ob er Gntfchäbigung roegen bleibenber Snoalibität er- 
hält ober nicht. 

©Hefe Auslegung ift nic^t $u billigen. 

1. @s fann bahingefteüt bleiben, ob § 21 Slbf. 1 cit. nicht 
bahitt ju »erflehen ift: „bie SBerfidjerung für bett $aH beS 
©obeS erlifd)t mit bem ©ob, bie Sterfidjerung für ben gall ber 
bleibenben 3noalibität erlifdtü, fobalb ber 93erfi<herte jufolge 
eines Unfalls bleibenb inoalib geroorbeit ift" (für biefe SluS= 
legung fdjeint bie Grroägung ju fprechen, baff bod) faunt gerooüt 
fein fann, eine blofj für ben gall beS ©obeS eingegangene 93er* 
ficherung — bie juläffig ift nach 3iff- U a beS Tarifs ber $e= 
flagten — erlöse, roenn ber SSerficherte j. 53. eine 3«h e — »gl- 
§ 13 Slbf. 4 a. G. ber allg. 33erf.=53eb. — oerliere; ber §21 
Sfbf. 1 hätte bei biefer Auslegung ben ©inn, bajj jroat für 
oorübergehenbe Snoalibität mehr fach Gntfdjäbigung ge= 
jahlt mirb, für b leibe nbe bagegen nur einfach; bie 5$er= 
fidjeruitg roegen bleibenber Qnualibität erlifcht, roenn ber S8er= 
fieberte auch »»» eine 3ehe »erliert unb bafür 3 % ber oet= 
fieberten ©urnme erhalt ; »erliert er nachher ein Sluge ober einen 
Sinti u. f. ro., fo erhält er nichts mehr). Sluch roenn man mit 
ber 23eflagten baooit auSgeht, baff bei gleichzeitiger 33erfid)erung 
für bie gäUe beS ©obeS unb ber bleibenben 3»o“libität bie 
©ejellfchaft ftetS nur etttroeber roegen ©obeS ober roegen 
bleibenber Qnoalibitat, nie aus b eiben ©rüitben in Stnfpruch 
genommen roerben fann, ift bod) bie Sterficbernng beS ©. für 
ben gaH beS ©obeS nicht jufolge beS Unfalls oont 29. ©ejember 
1892 erlofchen. 

2. § 18 Slbf. 1 ber allg. 33erf.=53eb. lautet: „Gin unb 
berfelbe Unfall berechtigt immer nur ju einer ber in ben 
§§ 12, 13 unb 14 ermähnten Gntfchäbigungen mit SluSfdilufj 
jeber anbern" (»on roelchem ©runbfafc fobattn Slbf. 2 eine SluS= 
nähme für ben gaU feftfefct, bah ber ©ob in golge eines Unfalls 


Digitized by Google 



64 


®ntfd)*ibungen beä DberlanbeägerithtS. 


nach bet wegen biefe^ UnfaEs erfolgten 2tu$jat>lung einet @nt- 
fcf)äbigung fiit bleibenbe ober oorübergehenbe ^noolibität ein= 
tritt). hieraus folgt : wer, mie ©. jufolge eines Unfalls @nt= 
fchäbigung wegen oorübergehenber 3[noalibität erhalten hat, faitn 
nid)t nachträglich ©ntfchäbigung wegen bleibenber, burd) 
biefen Unfall herbeigeführter Qnoalibität beanfprudhen (ogl. auch 
ben oben angeführten Inhalt beS oon ©. am 6. Slpril 1893 untere 
geid^neten QuittungS^onnularS). 

Sei oorübergehenber Qnoalibität wirb nadh § 14 ber aEg. 
33erf.=Seb. ©ntfchäbigung „lebiglid) für bie SDauer ber ärztlichen 
Sehanblung" gewährt. 2Benn alfo ein UnfaE nadh 2lnficf)t beS 
2lrjteS aEer 2Bahrfdheinlichfeit nadh eine nur oorübergehenbe 
3lnoalibität jur golge hat, fo ift nadh Slbfdjlufj ber ärztlichen 
Sehanblung für ben Serfidherten lein ©runb oorhanben, mit 
©eltenbmad)ung feiner 2lnfprü«he an bie ©efeüfdhaft jujuwarten. 
©. hot alfo ganz fadhgemäfj gehanbelt, wenn er nach ber am 
19. gebruar 1893 erfolgten Seenbigung ber ärztlidhen Sej)anb: 
lung ber 3°^9 en beS UnfaEs t>om 29. ®ezember 1892 feine 
ülnfprüdhe wegen ooriibergehenber, burd) biefen UnfaE herbei* 
geführter Qnoalibität geltenb madhte; zu ber Annahme, ber 
UnfaE fönne bauernbe folgen hoben, lag bamals nach bem 
ärztlichen „Sdhlufjberidjt im $aE ber »oriibergehenben 3«= 
oalibität" fein ©runb oor. 

9tun wäre es boch offenbar im hödhften ©rab unbiEig, 
wenn ein Serficherter, ber für einen UnfaE eine geringfügige 
©ntfchäbigung wegen ooriibergehenber Qnoalibität erhalten 
hat, nachher zwar feinen 2lnfprud) auf ©ntfchäbigung wegen 
b l ei b e n b e r ^noalibität mehr hot, faES ftch unerwartet eine 
foldje ^noalibität als golge beS UnfaflS nadhträglidh heraus* 
fteEt, bagegen auf ©runb biefes Umftanbs beS 9iedf)tS oerluftig 
gienge, bei ©intritt eines fpätern UnfaES bie für ben goE beS 
SCobeS ober ber bleibenben Qnoalibität fcftgefefete SerfidherutrgS* 
fumme z» erhalten. ©ine foldhe Seftimmung würbe bertnaffen 
auffaEenb erfreuten, baff fie nicht als gewoflt gelten fann, wenn 
nicht ber 3»holt beS SerfidherungSoertragS zu biefer Annahme 
Zwingt. ®ieS trifft bei § 21 2lbf. 1 ber aEg. Serf.-Seb. 


Digitized by Google 



A. in £ioilfa$en. 


65 


feineSroegS ju; biefe ©aßung läßt ftd^ oieltneßr ungezwungen 
baßin oerfteßen, baß ber SöerfidjerungSo ertrag erlofcßen fein 
foH, roenn bic ©efedfdßaft jufolge eines Unfalls (Sntfdßäbigung 
roegen fEobeS ober bleibenber ^npatibität ju bejahten ß a t ; 
eS liegt lebiglidß eine ungenaue 2luSbrucfSroeife oor, bie baburcß 
ueranlaßt ift, baß, roenn ein Unfall ben $ob ober bleibeube 
3noalibttät „jut g°*9 e ß<U", bie ©efellfdßaft regelmäßig bie 
entfpredßenbe (Sntfdßäbigung ju bejaßlen ßat. $ei ©. aber ßat 
Seflagte roegen beS Unfalls ootn 29. ©ejember 1892 nur @nt= 
fdßäbigung roegen oorübergeßeuber ^noalibität bejaßlt unb roar 
nacß fiage ber ©acße jur 3eit ber $aßlung oom 6. Ülpril 1893 
biefe (Sntfcßäbigung — unb weiter nichts — ju leiften oerpflicßtet; 
bamit roar aber auSgefcßloffen, baß fie jufolge beS erroäßnten 
Unfalls bem ©. (Sntfcßäbigung roegen bleibenber ^noalibität 
ju jaßlen ßatte ; ber § 21 2lbf. 1 cit. greift baßer nicßt $laß, 
bie 33erfidßerung beS ©. ift nicßt erlofcßen, roenn and) ber Uu 
fall oom 29. ®ejember 1892 feine bleibeube ^noalibität jur 
golge geßabt ßaben foHte. 

3. 2Bie ju entfdßeiben roäre, roenn ein SSerfidßerter ber ®e= 
feHfdßaft abfidßtlidß oerfdßroeigt, baß bteibenbe Stnoalibität bei 
ißm eingetreten ift, fann baßingefteüt bleiben, roeil biefer $all 
nidßt oorliegt. 3?on einem foldßen abficßtlidßen Sterfcßroeigen faun 
nur bie 9tebe fein, foroeit ber SBerfidßerte bie Slerpflicßtung ober 
bodß Slnlaß ßat, ber Seflagten eine entfpredßenbe SDtittcilung ju 
macßen. 3? ür ©• beftanb feine ißflidßt unb fein 9lnlaß, ber 5öe= 
flagten ülnjeige ju madßen, roenn ficß itacßträglicß — nacß bet 
eigenen ©arfteHung ber SJef tagten erft im fDtärj 1894 — jeigte, 
baß ber Unfall oom 29.©cjembcrl892 roiber ©rroarten bleibeube 
folgen ßatte: Slnfprudß auf ©ntfcßäbigung roegen bleibenber 
^noalibität Eonnte 6. nacß bem oben SluSgefiißrten nicßt nteßr 
erßeben, eine Slnjeigepflicßt roegen oeränberter ©efunbßeitS-- 
oerßältniffe lag ißm nacß § 8 ber allg. 33erf.=53eb. nur ob, 
roenn einer ber in § 5 lit. b bejeicßneten Untftänbe bei ibnt 
eintrat, alfo roenn et oerftiimmelt ober mit einem ferneren 
förperlidßen ©ebredßen ober einer fcßroeren Jtranfßeit beßaftet 
(ober trunffücßtig) rourbe: baß einer biefer gäße jufolge ber 

3<M>rbü$er für äBürttemberg. SHe^tipflege. VIII. 1. 5 


Digitized by Google 



66 


©ntfdjeilmngen beS Dberlanbeägend/tS. 


äJJuSfeljerrei&ung »om 29. ®e 3 ember 1892 bei ©. oorgelegett 
fei, hat SeElagte feibft nicht behauptet unb mit allem ©runb. 
Surch bie eben ermähnte Slnjeigepflicht unb bie in § 8 hieran 
gefnüpften folgen ift Seflagte auSreichenb gegen bie ©efahr 
gefiltert, bie für fie barauS entfielen fann, baff bie ©efunb= 
heitSnerhältniffe eines SSerfic^ertcn fi<h in einem ©rab »er= 
fchlechtern, ber bie iDtöglichfeit, baf? ben SSerfid^erten ein Unfall 
trifft, roefentlid) erhöht unb es baher unbillig erfdieinen Iäfet, baff 
bie öeflagte ben SBerficberungSantrag (mit benfelben Prämien) 
fortbauern laffen muff ; es läfjt fich baher nicht annehmen, bafj 
bem § 21 31 bf. 1 cit. ber ©ebanfe ju ©runb liegt, jeber 
Unfall eines 33erfi<herten, ber eine bleibenbe (Xeib)3noalibität 
beSfelben „jur golge fiat" , oergröfjere bermafjen bie ©efahr, 
bafj ber SSerfid&erte burcf) einen Unfall getöbtet roerbe, bah in 
allen folgen gälten bleibenber (£eii) 3 tn»alibität bas ©rtöfchen 
ber für ben gaE bes fEobeS eingegangenen 33erfi<herung geregt: 
fertigt fei ®ajj bei ©. ein gufammenhang jroifcben bem Um 
fall oom 29. SDejember 1892 unb bemjenigen, ber feinen Xob 
herbeiführt, nicht angejeigt ift, hat ber »orige 9tidf)ter jutreffenb 
heroorgehoben. 

®ie aus § 21 3lbf. 1 ber aUg. 23erf.=Seb. abgeleitete @tn- 
rebe gegen ben ÄlaganfprudE) fteflt fich nadh bem 3luSgeführten 
als nidht ftic&haltig bar. 

Sluch barin ift bem notigen Stifter beijuftimmen, bafj 
Klägerin bejüglidh ber g a 113 e n 33erftcherungSfumme forberungS= 
berechtigt ift. 2Benn § 12 ber aHg. 9Serf.=33eb. fagt, im gaU 
beS £obeS bes 58erfi<herten bejahte iöeflagte bie 33erfidherungS= 
fumme „entnieber 1 . an jene ißerfon ober ißerfonen, bie über 
fchriftliche Slnjeige beS 33erfid>erten — in ber Police ober bereu 
Nachträgen als bezugsberechtigt eingefefct fmb, ober 2 . in @r= 
mangelung ber orbnungSmäfjigen Bezeichnung einer bejugSbe* 
berechtigten ißerfon an bie gefehlten ®rben beS Berftcherten", 
fo roiH bamit augenfcheinlich ber ©egenfafc jnufdhen einer $Ber= 
ficherung ju ©unften ^Dritter unb einer nicht auf (beftimmte) 
britte ißerfonen gefteüten Berfid&erung heroorgehoben toerben, 
es roiH gejagt roerben: roenn feine beftimmten iflerfonen als 


Digitized by Google 



A. in (Sivilfadjen. 


67 


bezugsberechtigt bezeichnet jtnb, fo wirb bic aSerfidberungSfumme 
alö ein Seil be» 'Jtadblaffe3 be$ SBerfidjerten bebanbelt unb teilt 
baä ©cbicffal biefeS JinchlaffeS, fällt nlfo betten ju, betten ber 
übrige fHadblaß sufäflt. giir biefe Auslegung fpridtt namentlich 
aucf) ber weitere ©ab: „3it Ermangelung gefeglicher Grben 
bat bie ©efeUidjaft nur bie nacbgennefeitett ,HranEt)eit>5= unb 
Seerbigungefoften — 31t berichtigen" — eine SBeftimmung, bie 
nicht babitt gemeint fein fantt, baß afeflagte ber 3ablung ber 
Sßerficberung^fiimtne entboben fein foll, foferne nur ber sßer= 
fieberte feine ^nteftaterben bat- ® er 3t«d)laft be$ ©. nun ift 
unbefirittenerinafeen ber .Klägerin als teftamentarifeber llnioerfal= 
6rbin jugefaHen, i£>r auSfhlieftlicb ftet)t bal;er auch ber 2lnfprud) 
auf bie eingeflagte 53erficberungefutnme ju: bic (Srflärung bes 
©. in ber Police, bie Sßerficberungöfumme foUe feinen „gefeb* 
lieben 6rben" jufallen, tttnfj in gleicher Seife wie 3iff- - beS 
§ 12 ber allg. ÜSerf.^eb., bereit Sortlaut fie fiel) anfdtlieftt, 
oerftanben nterben. 

Urteil beS I. ©ioilfenatS 0011t 5. ^fuli 1895 i. ©. bet 
©rften öfter, allgemeinen llnfalloerfi<herungS=<5iefeÜfd)aft 
gegen ©pietb- 


Digitized by Google 



H. 

Gfntfdjeibungen öcs Permaltungsgerid}tsl;ofs. 

I. 

Podjjftjoltc Auflage oon MlalTemgaljinftn. 

(©tattt>aftigfeit ber Auflage unb bet 3tad)ljolung ; Stage bet Serjäfjrung, 
inSbef nadi 2trt. 8 beS ©efetjeä »om 28. Sebruar 1873; 3“ rilc t Be,:ro *if u| tg 
neuen SorbringenS betreffs beS ®etragS in bie »orige Qnpanj). 

3n ber fRedbtSbefchroerbefadhe ber SBittoe beS Daniel ©d). 
oon ©inningen, D.=2l. Üaup^eim, unb beS ^ifteger^ if>rer ininber* 
jährigen Äinber, 9tatSfd)reiberS Ä. in Ulm wegen ber Auflegung 
oon ©afferregaljinfen, erfannte ber Ä. SöerroattungSgerid^t-s^of : 
©ie roiber bie Verfügung beS Ä. ginanjtninifteriumS 
ootn 27. 3uni 1894 erhobene 9fedbtSbefd)toerbe toirb, foroeit 
in biefer Verfügung bie SSerpflid^tung ber Vefchroerbeführer 
jur Entrichtung oon SBafferregaljinfen für bie Venüfcung 
beS ©iejjbachs jutn Setrieb ihrer ©ägmiihle an fidh auS= 
gefprodhen ift, als unbegrütibet oerroorfen. ©agegen werben 
bie Vefcbtoerbeführer mit ber ©eltenbmadjung ihres neuen 
Vorbringens in 2lbfid)t auf bie $öhe beS )u entrichtenben 
SBafferregaljinfeS in bie Qnftanj beS Ä. ginansminifteriumS 
jurücfgetoiefen. 

©er ©achoerhalt ergiebt fidh aus ben 
©rünben: 

I. ©urdh Erlaß ber Ä. Regierung für ben ©onaufreiS 
in Ulm oom 16. Steril 1858 ift bent $olihänbler SDtatthiaS 
Ä. in Ulm bie ©eaehmigung jur Errichtung einer Sägmühle 
an bern ©ießbad» auf ber Viarfung ber ©emeiube ©inningen, 


Digitized by Google 



Siad/ge^olte Auflage non 3öaf|evtegaljin[en. 


69 


D.-2I. Saup^etm, erteilt toorben. ®ie ©ägmühle mürbe im 
3ahre 1858 oon bent Äaufmann @ugen 33. in lltm erbaut, ging 
fobann am 21. Februar 1863 im 2Bege bea Jtaufoertraga auf 
Martin unb Daniel ©<h. oon Sinningen unb am 8. Quni 1864 
in ben alleinigen ©efi|} bea Daniel ©dj. über, ©eit bem am 
6. Slugufl 1893 erfolgten Dobe bea lefcteren ift beffen 2öitroe 
ßlife ©<h-, geb. Jt mit ihren unter ber 33ormunbf(haft bea 
3tatafd&reibera Ä. in Ulm fiefyenben .itinbern 93efifeerin bea Mühl= 
anroefeua. 3?on ber im 3ah re 1858 erteilten Äonjeffion mar 
bet juftanbigen ^inanjbeljörbe bie oorgefchriebene Mitteilung 
nicht gemacht worben, auch oon ben fpäteren, mit (Srlaffen ber 
$. Regierung für ben Donaufreia oont 30. Sluguft 1861 unb 
3. Mär} 1863 genehmigten 9lenberungen an bem SBafferroerf 
ber ©ägmühle, fyatte bie $inan}behörbe eine Mitteilung nicht 
erhalten, ea unterblieb bemgemäß auch eine Verfügung roegen 
ber 9lnfe§ung bea üblichen 2Baffertegal}infea. @rft im 
grühfahr 1894 erhielt bie $. Domänenbireftion Henntnia oon 
ben erteilten Äonjeffionen unb fie fchritt nunmehr nachträglich 
am 25. Slpril 1894 jur ülnfefeung einea folchen SBafferjinfea 
für baa ©ch.’fche ©ägmühleanroefen. $iebei mürbe auf ©runb 
ber angefteUten (Srhebungen baoon auagegangen, baß bei 
ber ©rrichtung ber ©ägtniihle im Qahre 1858 eine 2Baffer= 
traft oon 1 1,9 Sßferbefräften uorhanben mar unb baß fich bie 
ÜBafferfraft infolge ber Slenberungen bea SBafferroerfa unb }toat 
berjenigen im 3af)re 1861 um 5,3, berjenigen im /gaßre 1863 
um 2 fßferbefräfte erhöht h a &®- Unter 2lnroenbung bea in 
ben fahren 1858/63 üblichen ©ajjea für bie ißferbefraft oon 
jährlichen 30 fr. famen benientfprechenb }ur 2lnfejjung: 

1. für bie @rrid)tung ber ©ägmühle im 3fa^re 1858 5 ft. 
57 fr. = 10 M. 20 Sßf ., fällig je am 16. 2lpril unb erftmala 
am 16. Slpril 1859; 

2. für bie SBafferfrafterhöhung im Raffte 1861 2 fl. 39 fr. 
= 4 M. 54 ißf., fällig je am 30. Sluguft, unb erftmala am 
30. Sluguft 1862; 

3. für bie SBafferfrafterhöhung im Qaßre 1863 1 fl. = 
1 M. 71 ißf., fällig je am 3. Mär} unb erftmala am 3. Mär} 1864. 


Digitized by Google 



70 


(Snttcfjeibungen beä 'SerroaUungüg<ruf)täf)of3. 


3ur Gntridjtunfl biefcr SBafferjinfe rourbe Daniel ©d)., 
bejro. befielt SBitroe oon benjenigen Sterfallterminen an für oer= 
pflichtet erflärt, roeldje nach beni ®efibübergang ber ©ägtnii^le 
an biefelben — 8. 3uni 1864 — eingetreten mären. Sie 
SBitroe $cb- hätte btenacb ju begabten an bi3 junt (Snbe be» 
3at)reä 1893 oerfallenen Söafferdnfen — 481 il?. 59 H$f., 
rooju noch bie im 3“^e 1894 oerfallenen fomrnen. 

©egen biefe Auflage erhoben bie SBitroe ©d». unb ber 
Pfleger itjrer minberjä^rigen Stinber am 19. 3uni 1894 33e= 
fcbroerbe bei bein St. ginanjininifterium. 3» ber 33efd)roerbe= 
auSfübtung rourbe geltenb gemacht: SÖenn auch bie Slnfebung 
eine» SBafferjinjeS auf bem (Srlag be3 St. $inanjminifterium3 
oom 28. Slpril 1829 beruhe, io fei boef) bie gefeblicbe Statt; 
Ijaftigleit einer folcben Sluftage in $rage 311 jieljen, jebenfall3 
fei nur bei ber ßrridjtung einer neuen iDfittjIe, uid^t bei 
einer biogen Sttenberung im Sßafferroerf ber 2lnfag eine» 
foldjen 3inie3 gerechtfertigt. ©obann nuiffe feit bem ^nfraft= 
treten ber Steid;3gcroerbeorbnung bie fernere Sluflegung oon 
SBafferregaljinfen für unftattbaft ertlärt roerben, unb biee be= 
jie^e fid) and) auf früher erteilte Stonjeffionen, roemt bie Sluf; 
legung bc3 9tefoguttion»äinfe3 erft n a d) t r ä g l i d) erfolgen 
folle. 3 nt oorliegeubeit J-alle fei ferner unter allen Umftänbeu 
bureb ben Umflug ber breigigjätjrigen bejro. zehnjährigen 6r= 
figung3jcit bie ffreibeit oon ber Sluflage be$ SBafferregaljiufe3 
erfeffen, juinal ba bie Seifhtng einen prioatredjtlidicn (lljaratier 
habe, anbererfeit3 aber aud) bie Slnfdjauung, bag öffentlich; 
redjtlidje Abgaben nur im SBege ber unoorbeutlidjen 35erjäh= 
ruug untergeben fönnen, jeber SSegriiubung entbehre, ©cblieg= 
lieb rourbe nod) geltenb gemailt, bafi bie SBafferfraftberedjnungen 
ber St. SomänenbireEtion burebgängig ju llngunften ber 23 e= 
fcbroerbefiibrer erbeblid» ju Irod) feien. 

2>iit (Srlag an ba3 Ä. jtameralamt SBiblittgen oom 27. 3uni 
1894 roiess jebod) ba» st. ginanjminifterium bie erhobene 23e= 
febroerbe . . . al3 unbegriinbet ab. Sabei rourbe bejftglid) be3 
faum ermähnten S3orbringen3 mögen ber ,j)übe be3 angefehteti 
SBaffcrzinfeS bemerft, auf bie 23einängelung ber oon ben 9Je= 


Digitized by Google 



SRadjge^olie Auflage oon SBafferregaljinfen. 


71 


gicrungeted^nifem gefertigten SBafferfraftberechnungen fönite 
nic^t eingegangen roerben, fo lange biefe nidjt non ben ©e= 
fd)ioerbeführern im einjelnen näher thatfächlidh begrünbet toerbe. 
©ine bieäbejügliche roeitere Ausführung reiften bie ©efdf)roerbe= 
führet unter bem 5./7. 3uli 1894 bei bem H. Hameralamt 
SBibliitgen ein. ©egen bie am 10. bejro. 11. 3uli 1894 ihnen 
eröffnete ©erfiigung beS H. ginanjminifleriumS nont 27. Quni 
1894 aber erhoben bie Sßitroe ©dj. unb ber Pfleger ihrer 
minberjättrigeit Hiitber ... Ä. am 16. $uli 1894 9tedE)t3be* 
fcbroerbe bei bem ©erroaltungSgeridhtShof- Qn ber ©efdhrocrbe* 
audfiihrung ift roegen ber ©erpflichtung ber ©efdjroerbeführer 
jur ©ntridhtung non äüafferjinfen an [ich auf baS frühere ©ot* 
bringen ©ejug genommen, megen ber |>öhe beö 2BafferjinfeS 
aber wirb auf bie fcfjon ermähnte ©ingabe au bas tgl. Harne* 
ralamt äßiblingen ooin 5. Quli 1894 mit bem Anfügen h»n* 
geroiefen, baß bie ©eteiligten bie roeiter erforberlichen ©r* 
Hebungen burch einen SBafferbautechnifer inanen unb ber 
Aiinifterialinftanj nachbringen inerben, falls ber ©erroattungS* 
geridjtshof bie Abgabe bem ©runbe nach als rechtsbeftänbig 
ertläven foHte. demgemäß roitb ber Antrag geftellt: 
primär: unter Aufhebung ber ginan^minifterialoerfügung bie 
©erpflidhtung jur ©e^ahlung beS üßafferregaljtnfeS in 2Beg* 
faß ju bringen, 

enentueU : gemäß Art. 62 2lbf. 2 beS ©erroaltungSredhtSpflegege* 
feßeS bie ©adhentfcheibung bejüglidh ber|>öhebeS ju enteilten* 
ben ©etragS an bas R. ginanjminifterium jurüdjuoerroeifen. 
©ei ber ^Mitteilung ber Aften Ijat bas R. ginanjminifterium 
in ber leßteveu &infi<ht bemertt, bie ©inmenbuugen ber SBitroe 
©d). tnegen angeblich ju hoher ©erecßnung ber SBafferfraft beS 
fragtidhetx äBerfS h«ßen bei ber ©utfdheibung beS 
iteriumS nicht mehr berüdfichtigt roerben fönnen, ba ber be* 
treffenbe Nachtrag bet ©efchroerbefdhrift erft am 7. Quli 1894 
bei bem Hanteralamt SBiblingen eingetommen fei. Anbernfalls 
hätte baS ginanintinifterium ohne grocifel bie ©inholung einer 
Aeußeruttg beS juftänbigen MegterungStedjniferS burdh bie Me* 
gieruitg für ben ®onautreiS oeranlaßt. dagegen, baß baS neue 


Digitized by Google 



72 


@t«tfd)eibungen beä $eriöaltungägerid)t8l)ofa- 


Vorbringen non bem VertoaltungSgeriChtShof in bem bei itjm 
anhängigen Verfahren berüchtigt toerbe, habe bas R. ginanj= 
minifterium nichts einjuroenben. 

II. 2ßaS inbeffen junäChft bie VefChtoerbe bariiber betrifft, 
baß bie ginanäbeljörben überhaupt eine Verpflichtung ber Ve= 
fd)tnerbefiihrer jur Entrichtung non 2Baffetjinfen als ju 9lec^t 
beftehenb angenommen haben, fo erfcfjeint biefelbe unbegrünbet. 
Viit Unrecht jiehen bie VefCfjroerbeführer oor 2IHem ba^ Vor= 
haubenfein einer geglichen ©runblage für bie Verfügung beS 
R. ginanjminifleriumS oom 28. 2lpril 1829, butdh welche bie 
fernere 2luflegung oon SBafferäinfen auf neu errichtete üDtühleu 
unb anbere unter Venüfnmg oon 2ßafferfraft neu erbaute SBerfe 
angeorbnet morben ift, in S^eifel. $n ÜBürttemberg ifl feit 
ben älteften 3eiten oon t^m ganbeSherrn bas EJledht in Slnfprud) 
genommen morben, bie Venüfcung ber innerhalb SanbeS fliejjem 
ben ©ewäffer ju regeln unb für bie Venüfeung beS SBafferS, 
fofertt fie an bie Unterthanen oerliehen tourbe, eine 2lbgabe ju 
erheben. 3n ©entäflheit biefeS UtedjtSanfprucbS, welcher in bem 
'OerjogSbrief oom 21. 3uli 1495 eine ftaat^gefe^lidhe 2lner= 
fennung gefunbeit hat, unb als 2luSfluf) beS fogenannten SBaffer- 
regals ift bie Erteilung ber Ronjeffion jur Errichtung eines 
SßafferwerfS regelmäßig unter ber 2luflage ber Entrichtung 
eines jährlichen SBafferjinfeS (üRühleitjinfeS) erfolgt; biefer 
9ied)tSäuftaub ift mit ber Einführung beS gefamten Sßürttenu 
bergifChen Utechts in ben neuen Sanbesteilen auCh auf biefe 
übertragen morben, unb eS ift in biefern UieChtSjuftanb in golge 
ber neueren ©efefcgebuitg eine 2lenberung nicht eingetreten 1 ). 
QnSbefonberS ift bie 3uiäffigfeit bet 2luflage oon 2ßafferregal= 
jinfen mit bem 3nfrafttreten ber UteiChSgetoerbeorbnung nicht 
in SBegfaH gefommen. ®ie Veftimmungen, welche bie § 16 ff. 
biefer ©etoerbeorbnung über bie befonbere ©enehmigung 
ber fogenannten läftigen geroerbliChen 2tntagen, ju roel(|en bie 
Stauanlagen für SBaffertriebmerfe ju jählen finb, treffen, regeln 
biefe ©enehmigung nur nach ber polijeilichen ©eite hin, be= 

1) 3« »gl. Slrt 8 Stbf. 1 3iff. 3 be3 ©ejefceS »om 24. Suguft 1849 
betreffenb bie Sefeiligung ber lteberrefle älterer Slogaben, Steg. =531. ©. 480. 


Digitized by Google 



9kd)ge{}olte Auflage »011 SBafferregaljinfen. 


73 


jief»en fid» überhaupt nic^t auf alle ilBafferroerfe utib erflären 
in § 23 auch für Stauanlagen für 2Baffertriebroerfe neben 
ben getroffenen reichSgefeßlidjen Vorfchriften bie bafür beftehem 
ben lanbeSgefeßlichen Vorfchriften fernerhin für anroenbbar. 
3u ben Vorfchriften ber leßteren 2lrt gehören auch biejenigen 
•Körnten, roeldje ft<h aus ber Sluffaffung ber (Seroäffet als eines 
©egenftanbs beS ginanjregals Verleiten, unb roemt fd^ou oor 
bem 1. Januar 1872 neben bent 2lnfaß einer flaatlidfen Sportel 
für bie polizeiliche ©rfennung unb bie barauf gegrünbete ©r= 
laubnis zur ©rrichtung einer 9)iühle *) bie Auflage eines SBaffer? 
äinfeS ju ©unften ber StaatSfaffe für bie Benüßung beS SBafferS 
einßergieng, fo ift nicht abjufehen, inroiefern mit bem $nftaft= 
treten ber SteidjSgeroerbeorbnung bie $ortbauer biefes 9iechtS= 
ZuftaitbeS als auSgefcßloffen ju betrachten fein foHte 3 ). 

©benfo un jutreffenb , roie gemäß bem 2luSgefiihrten ber 
Sroeifel ber Befchroerbeführer an ber ©efeßmäßigfeit ber luf= 
läge eines SBafferzinieS überhaupt, ift bie Behauptung berfelben, 
baß ber Sttnfaß eines folchen 3iufeS jcbenfalls nur bei ber 
© r r i cf) t u n g einer neuen Sliühle, nicht bei einer bloßen 21 e n b e- 
rungim SBafferroerf gerechtfertigt erfdjeine. ®ie 2BafferjinS= 
leifiuttg ift eine jährliche Abgabe, beren $öf)e fich nach bem 
3Waße beS in Slnfprucl» genommenen 2BafferS bemißt ; roie fich 
aus ber Verfügung ber ©omänenbireftion oottt 25. 2Ipril 1894 
ergiebt, ift in ben für ben oorliegeitben gaH ntaßgebenben fahren 
bie Slbgabe auf jährlich» 30 fr. für bie ^ferbefraft feftgefeßt 
geroefen. hieraus ergiebt fich oon felbft, baß mit ber ©rßöhuug 
ber 3<*(K ber in 2lnfpr«ch genommenen s h?ferbefräfte auch eine 
©rhöhung beS SBafferjinfeS begrünbet ift, unb baß bie Be= 
fhroerbeführer burch bie für bie 3eü »om 30. 2tuguft 1861 
beziehungSroeife 5. 3Jtärj 1863 ab oerfügte ©rhößung beS 
2BafferjinfeS nidht oerleßt finb, oorauSgefeßt, baß ihnen im 3«= 
famntenhang mit ber bamals ^erbeigefii^rten Sletiberung ihres 
SBafferroerfS auch bie angenommene Vermehrung ber 2Baffer= 
fraft ju ©eil rourbe. 

1) 3 U ®8(- ben Sporteltarif oon 1828 unter: „SHiUjlenerridjtung". 

2) 3u ogt, ©Vieler , 2)ie Öeroerbeorbnung, 3. Stuft. 1892 ©. 43 9tote 2. 


Digitized by Google 



74 


@nifd)eibungen be8 ä3eri»attung§geruf»t81|ofS. 


2ludb oon einer ©erjäbrung beS SlnfprudbS auf ©nt= 
ridjtung beS SBafferregaljinfeS, bejiebungSroeife oon einer @r= 
ft&ung ber greibeit non ber Auflage eines folgen 3i«f £ 3 fann 
im oorliegenben galt f £ i« £ s ^ e ^ e f £ in- fann bab»r gefteUt 
laffen, ob ber Stnfprucb auf ©ntridbtung eines SßafferregaljinfeS, 
melctjer fid) nadb feigen SHecijtSbegriffen jroeifelloS als ein öffent- 
Ii<^-red^tlid^er 2lnfprucb beS Staats auf Seiftung einer 2lbgabe 
barftcllt unb als foldber fornobl in ber Sledjtfprecbung beS @e= 
feinten 9latS, mic in ber fRedbtfpredbung beS ©ermaltungSge= 
ridbtSbofS ftets bebanbelt roorben ift, mangels einer befonberen 
gefeilteren ©eftimnuing überhaupt ber ©erjäbrung unterliegt. 
®eun jutreffenben gaHS fommt bei biefer ©erjäbrung lebiglicb 
bie Sforoenbung be allgemeinen gefefclidben ©eftimm= 
ungen in ©etraebt; itadb biefen ift aber roeber in ©ejiebung 
auf bie ben ©efebmerbefübrern aßjäbrlidb angefonnenen ©insei- 
leiftungen an SBaffcrregaljinfen, nodb in ©ejiebung auf ben 
ganzen Slnfprudb auf Entrichtung eines Söafferregaljinfes, falls 
je nadb ber legieren 3iidbtung bi« eine felbftänbige ©erjäbrung 
ntöglidb märe, eine ©erjäbrung eingetreten, ©ernäfe ben bis jur 
©erfänbigung beS ©efefceS oom 28. gebruar 1873, betreffenb 
bie 2lufbebung oon ©orredbten beS giSfuS ic. (3tcg.=©l. ©. 30) 
in 2ßürttentberg geltenben 9iedbtSgrunbfäien mar bie 30jäbrige 
©erjäbrung gegen ben giSfuS auSgefcbloffeit unb nur eine 40= 
jäbrige juläffig, es erlojdben inSbefonbere bie bem giSfuS ju= 
ftebenben perfönlidjen 2Iitfprücbe erft in 40 gabren'). 2)tit ber 
©erfünbiguttg beS genannten ©efe|es ift nun allerbingS bie 
grift für bie SlnfprudbSoerjäbrung — eine anbere ftebt im oor= 
liegenben gall nidjt in grage — auch bem giSfuS gegenüber für 
biejenigen gorberuitgen, für meldbe es, mie hier, an befonberen 
gefeilicben ©eftimmungeit gebridbt, auf 30 gabre feftgefteHt. 
©S beftimmt aber ber 2lrt. 6, ogl. audb 9lrt. 2 beS ©efegeS : 
„gn gällen, roo eine erroerbenbe ober erlöfdbenbe ©erjäbrung 

1) 3 U »gl- ©erljanblungen ber 1 ’.nmer ber Stbgeorbneten oon 1 862/68 
I. 9eil.=93anb, 1. Slbt. ©. 274, 275; oon 1870/72 I. ©eit =©anb, 2. Stbt 
S. 716, 719 »gl. mit S. 715, 727. Serbanblungen ber tfammer ber 
©tanbe8f|errn 1870174, 2. ©eil.=©anb ©. 419, 420 unb 414. 


Digitized by Google 



9lat§gel)one äuflage oon 92aflesr«galjinfen. 


75 


gegenüber ben unter baS gegenwärtige ©efejs fatlenben Veoor= 
retteten bereits oor ber Verfiinbigung beSfelben ju laufen be= 
gönnen hat, roirb t>om Sage biefer Verfünbigung an (4. 2Jlär$ 
1873) ber äblauf ber ganjen burdh bie allgemeinen 
9te<htsbeftimmungen feftgefe^ten grlfl }U VoHenbung 
ber Verjährung erforbert, ausgenommen, nenn unter 21 n- 
roenbung ber ©runbfäfce beS bisherigen Rechts 
bie Verjährung früh er oollenbet wäre, melden 
Jalls es hiebei fein Verne nben hat". Vom ©tanb= 
punfte biefer Veftimmungen aus mar in bem hier in 9lebe 
fteheuben gall an ber 40jährigen, friiheftenS mit bem 16. 2(pril 
1858 beginnenben Verjährung ^infic^tlid^ beS 2lnfpru<hS auf 
Seiftung oon äBafferiüiS im ©anjen jur 3eit ber Verfiinbigung 
beS ©efefceS oom 28. Jebruar 1873 — bem 4. ÜDlärj 1873 — 
ein 3eitraum oon naheju 15 Salden, hinfichtlich ber erfteit 
gegenüber ben Vefdjroerbeführern beanfprnchten Einjellciftung, 
beS Söafferjinfes auf ben 30. 2luguft 1864 ein 3eitraunt uon 
etroa 8 Va fahren abgelaufen, gemäfj ben mehrerroähnten ge= 
jeglichen Vcftimmungen tonnte baher ber etwaige 2lnfpru<h auf 
bie ©efamtleiftung friiheftenS am 16. 2lpril 1898, ber 2lnfpru<h 
auf eine ben Vefchroerbeführern gegenüber in grage fotnmenbe 
einjelleiftung (bei gortbeftanb beS 2lnfpruchS auf bie &e- 
fatntleiftung) friiheftenS am 4. Viärj 1903 oerjähren; fd)on 
am 6./8. 3JJai 1894 aber finb bie Vefchtoerbeführer oon ber 
Ä. Somänenbireftion um bie Entrichtung ber feit bem 8. 3»ni 
1864 fällig geworbenen Veträge in 2lnfpruch genommen worben. 

III. Vei biefer Sachlage werben bie oon ben Vefchwerbe= 
fiihrern gegen bie § ö h e beS angelegten SBafferjinfeS in ber 
Eingabe oom 5. $uli bejiehungSmeife in ber VefdjwerbeauS= 
führung oom 11. 3uli 1894 neuerbingS erhobenen Einmenbungen 
erbeblidb. 3n biefer Vejiehung hat jmar bas R. g-inanjminU 
fterium eine Einwenbung gegen bie Verüäftchtigung beS neuen 
Vorbringens in ber Qnftanj beS Verwaltungsgerichtshofs nicht 
erhoben, immerhin aber erfcheint es mit 9tiic!ficbt auf ben ®egen= 
ftanb ber ju oeranjtaltenben weiteren Erhebungen jmecfmäliger, 
wenn bie lederen in ber .^nftatij ber VerwaltungSbehörben 


Digitized by Google 



76 


©ntföeibungen beä S3ermaltung8geridjt8hof8. 


oorgenommett toerben. ©ntfpredhenb beut oon bcn Sefdhtoerbe; 
fiihrerit felbft eingenommenen ©tanbpunft Ijat baher ber 3Ser= 
toaltungSgcridhtlhof feine ©ntfdheibung auf bie grage ber 9Ser= 
pflidhtung ber Söefc^roerbefii^rer jur ©ntridhtung oon Safferjinfett 
an fidh befdjränfen unb bie Sefchroerbefübrer mit ber ©eltenb= 
madhung bei neuen Sorbringenl in 2lbficht auf ben Setrag 
unb bie |>öl)e bei ju entridhtenben SBafferjinfe! an ba! St. 
ginanjminifterium jurucftoeifen ju foHen geglaubt (2lrt. 62 
3lbf. 2 bei Serroaltunglrechtlpflegegefebe!). 

Urteil oom 14. Sooember 1894 in ber fHedhtlbefdhroerbe; 
fad^e ber Sßitroe unb Kinber bei SDaniel ©dh- oon ©inttingen. 

2 . 

$u 3trt. 28 ber ttatiorbnnng (Jllanietung ber ©infnljrten, Her* 
Heilung oon Sännen unb 3Utpflan$ungcn in benfelbcn). 

®em Serein für bal SGBoEjl ber arbeitenben klaffen in 
Stuttgart ift in Sejief)ung auf oerfcbiebene Neubauten an ber 
9leuffem, ber 9tecbberg= unb ber Sd&toarenbergftrafee :c. in ber 
Kolonie Oft^eim, toeldhe Sauten mit Slulnafime bei ©ebäubel 
Dir. 143/144 nicht näher bezeichnet tourben, oon bent ftäbtifchen 
SauEontroßeur |>. in einem bem Serein am 13. Sluguft 1894 
behänbigten Slftenftücf oom 13. $uli 1894 bie Sluflage ber @r= 
lebigung mehrfacher SKnftänbe, toelche bei biefeit Sauten fidh 
ergeben haben, gemacht toorben. ®ie Sauabteilung bei ®e= 
meinberatl in Stuttgart hat ben SeooHmächtigten bei Serein! 
fftedhtlamoalt Dr. Ä. auf feine ©ingaben oom 16. 2Iuguft unb 
17. Ulooember 1894, toorin er um Aufhebung ber 2lnorbnungen 
bei Saufontroüeur! |>. unb Selaffung bei oorhanbenen 3«= 
ftanbl bat, am 5. Slooember unb 5. ®ejember 1894 bahin 
befdhieben : 

baf? im |>inbli(f auf bie Seftimmungen bei Slrt. 28 ber Sau= 
orbnung unb bei § 23 ber SoUjiehungloerfiigung ju ber= 
felben bie Slnorbnuttgen bei Saufontrolleur! oom 13. 3uli 
1894 in ber |>auptfacbe fiir begrünbet ju erachten feien, baß 


Digitized by Google 



3u 21 rt. 28 bet Souotbnung ic. 


77 


aber bie Söauabteilung oon ber ^ier ortsüblichen |>erftellung 
gepflafterter, betonierter ober d^auffierter Hinfahrten abfeljen 
looHe unb [ich auf bie Auflage ber |>erftellung planierter unb 
befiester minbeftenS 2,1 m breiter 3ufahrten längs ber Dieben* 
unb Dlücffeiten ber ©ebäube befd^ränfe ; Dlnpflanjungen unb 
fefte 3“une innerhalb biefer 3 u f a ^ rten feien nicht juläffig, 
wogegen leicht fonftruierte auShängbare Sattensäune längs 
ber 3ufahrten an ben Dieben- unb Stücffeiten ber ©ebäube 
feine iöeanftanbung ftnben würben; ba wo jtoifchen jroei ®e= 
bäuben größere Slbftänbe befielen, unterliege eS feinem 9ln= 
ftanb, ben über bie 2,1 m breiten Hinfahrten hinauSgehenbeit 
3wifchenraum als 3ierflarten anjulegen. 

2>ie bie DlefurSbefcbioerbe beS Vereins abioeifenbe ©nt= 
fcheibuug beS Ä. DJlinifteriumS beS Innern oom 15. gebruar 1895 
hat auSgefprodhen: 

bie ©hauffierung ber Hinfahrten ju oerlangen, roaS auch feitenS 
beS ©emeinberats nicht gefchehen fei, liege im oorlicgenben 
gaU ein befonberer ©runb nicht oor, bagegen fei — in lieber* 
einftimmung mit ber 2lnfid)t beS ©emeinberats — behufs ber 
©efchaffung georbneter unb jeberjeit brauchbarer 3nfaf)rten 
bejro. 3ngange auch in Ofttjeim im allgemeinen baooit auS* 
jugeheu, baff bie Hinfahrten unb 3ugänge ju ben Dlücffeiten 
ber ©ebäube, fofern aus befonberen ©rünben eine äluSnafpne 
nicht befonberS gefiattet fei, mit burdhgehenbem ibifier (ohne 
Dlbfäfce) anjulegen, ju planieren unb ju befiefen ober fonft 
ju befeftigen feien unb biefelben nicht burch 3änne fefter 
Äonftruftion abgefdhloffen toerben bürfen ; über bie 3nlaffung 
oon SluSnahmen, inSbefonbere hinfichtlich ber 21rt unb DBeife 
ber Dlnlage berfelben fei im einzelnen galt Hntfdjeibung ju 
treffen ; bas Dlnpflanjen ber Hinfahrten fei fomit auSgefchloffen. 

2)er herein hat, inbent er am 6./9. DJlärj 1895 gegen 
biefe DJtinifterialentfcheibung bie DledjtSbefchtoerbe an ben 23er-- 
roaltungSgerichtShof erhoben hat, bas ©efuch geftellt : ber 23er* 
loattungSgerichtShof wolle unter Slufljebuitg beS DJlinifterial* 
erlaffeS oom 15. gebruar bie 2lnorbnungen beS ©emeinberats 
Stuttgart bejio. beS ibaufontroUeurS oom 13. $uli 1894 unb 


Digitized by Google 



78 @nt?d)eibungen be8 SSernmltungägeri{$t3E>of3. 

ber gemeinberätUchen ©auabteilung uom 5. ©ooember 1895 
betreffs ber Anlage ber ©infahrten ju bett ©ebäuben in ber 
ßolome Dffheim für unbegrünbet unb bie Ülnpffanjung ber @i;t= 
faljrtcn unb beS ^ofraumS an ber SRücffeite ber ©ebäube mit 
©raS, ©lumeit unb ©efträuch für juläffig ertlären, melden 2tn- 
trag ber ©eoollmächtigte beS ©ereinS in feiner ©ingabe ootn 
13. Stprit 1895, womit er ein ©utacftfen beS 2lrd)iteften ©t., 
früheren ftäbtif<hen ©aufontrotteurS, uortegte, bahin abänberte : 
ber ©erwaltungSgerichtShof motte bie 2lnpflan$ung ber ©im 
faxten unb beS £ofraumS an ber SRücffeite ber ©ebäube in 
Oftheim ©raS un ^ ® turnen unb bie ©infaffung ber Rabatten 
burch ^tättchen bis ju 5 cm ftarf unb 17 cm hoch für juläffig 
erflären. ©on bem Ägl. 50iinifterium beS Innern mürbe in ©e= 
jic^ung auf bie ©orfchrift beS 2lrt. 62 beS ©efefceS uoin 
16. ©ejeinber 1876 gegen bie ©erücffiä)tigung beS neuen ©or= 
bringenS beS ©efcffwetbeführerS nichts eingeroenbet. 

©urch Urteil uom 1. 2Rai 1895 hat ber ©ermaltnngS* 
geridhtshof bie ©ntfcbeibung beS $. 3IlinifteriumS beS Innern 
auffer 2Bir!ung gefegt mit ber 

©egrünbung: 

1. ©er in ber ©ntfcfjeibung enthaltene Hinweis barauf, 
baff ber 2lrt. 28 ber ©auorbnung unb bie auf ©runb ber 
2lbf. 3 unb 4 biefeS 2lrtifelS ergangenen ortsbauftatutarifdjen 
©eftimmungen, inbent fie in erfter Sinie ben ßroed uerfotgen, 
in ©ranbfätten bie fadjgemä&e ©ntfaltung ber geuerlöfdj* unb 
StettungSanftalten ju ermöglichen, jugleirf) im Qntereffe ber ©e= 
funbheitSpolijei einer atljuroeit gehenben ©etbauung beS £i<ht* 
unb SuftjutrittS ju ben bem Aufenthalt ber ©tenfcben bienenben 
©ebäuben uorbeugen wollen, ift nicht ju beanftanben; es ift 
aber biefer leitete ©efichtSpuntt bei ber ©ntfd&eibung, ba hieju 
nach ben Umftänben beS gaÜS feine ©eranlaffung gegeben war, 
in feiner SBeife maffgebenb geworben. 

©ie allgemeine ©orfchrift beS Art. 28 Abf. 1 ber ©au= 
orbnung befagt niöht mehr, als baff jeber ©au fo angelegt werben 
müffe, baff im gatt eines ©ranbeS für bie geuerlöf<h= unb 
fRettungSanftalten ber erforberliche 9taum gegeben fei unb ent* 


Digitized by Google 



3u SIrt. 28 bet Bauotbnung »c. 


79 


fpredjenbe 3uQänglichfeit befiele. 3 ur Ausführung biefer ©or^ 
fd/rift trifft, bannt bie an ben Straften fteftenben ©ebäube auch 
an ihren Stüdfeiten äugäitglich bleiben, ber § 23 Slbf. 1 ber 
©oflsiehungSoerfügung bie Seftimmung, baft überall, too nid^t 
öffentliche geuergaffen befteften, geniigenbe $u : unb ©uvöhfahrten 
non minbeftenS 2,1 m ©reite ^erjufteüen feien . . ., unb nach § 23 
Slbf. 3 unb 4 bürfen bie beftefjeuben geuergaffen unb Sin- unb 
©urchfahrten ohne polijeilicfte Srmäd)tigung nicht befciiigt unb 
auch nicht in einer mit ben geuerlöfd^tneden unoerträ glichen 
SBeife oerfchloffeti ober nerftellt roerben unb finbet bicfe ©or= 
fdjrift auch auf bie 9tämne hinter ben ©ebäuben Slnroenbung, 
foroeit e$ ber $md ungehinberter ©enüftung ber geuerlöfcft- 
unb fHettungSgerätfchaften erforbert. SpejieH über bie Sin= 
friebigung ber ©runbftüde beftimmt ber Slrt. 34 Slbf. 1 ber 
©auorbnung, baft fie bie Slnroenbung ber geuerlöfd>= unb 5)let= 
tungSgerätfchaften nicht erfeftroeren bürfen, unb ber § 29 ber 
©olljiehungSoerfügung, baft in 3«’ff<*> ei »™utuen jroifchen @e= 
bduben ober ©runbftüden, roelcfte roegen ber Sinbringung non 
geuerlöfch* unb SiettungSgerätfchaften offen gelaffen werben 
muffen, ohne 5Rfidft<ht auf bie SigentutnSgrenjen feine Sinfrie^ 
bigungen non fefter Äonftruftion, welche nidjt fofort roeggeraumt 
roerben föitnen, angebracht roerben bürfen. ©er § 43 beS ©tutt= 
garter DrtSbauftatutS, ber in ©etreff ber für bie ©orbergebäube 
einer unb berfelben ©traftenfeite gebotenen Slbftänbe ber Sieben: 
feiten non einanber oorfeftreibt, baft in biefe Slbftänbe non min: 
heftend 2,865 m ©odel, ©reppenftufen unb anbere über ben 
|>auSgrunb nortretenbe ©ebäubeteile nur in foroeit nor= 
ragen bürfen, baft jtoifeften benfelben unb ben am meiften nor= 
tretenben ©eilen bes StachbarftaufeS ein freier 3roif<$enraum 
non minbefienS 2,3 m oerbleibt, ftat auf ben norliegenben galt 
feinen ©ejug. ©ie non bem ©emeinberat betonten befonberen 
©auoorfcftriften, reelle bem ©erein non bem R. 2Jtinifterium 
beä gnnem nach ber Slnfiiftrung in j 4 ber Sitten beS ©emeinbe: 
rata bahin erteilt roorben ftnb: 

„gebeS ©ebäube hat eine für immer gefieberte, roenigftenS 
2,1 m breite 3ufahrt ju feiner Stüdfeite unb entlang leftterer 


Digitized by Google 



80 


Sntfdjeibungen bei SkrroaltungSgeridjtäfjofS. 


ju erhalten unb ift ju biefetn Sefiufe bem ©ebäubeabftanb 
bie bleibenbe (Higenfdjaft einer für beibe ©ebäube gemein= 
fchaftlichen (Hinfahrt burch (Hintragung in ben öffentlichen 
Sichern mit bem Anfügen fiebern ju taffen, bafs biefe (Hin- 
fahrt nid^t in einer mit ben geuerlöfdbjroecEen unoerträglichen 
2Beife oerfchloffen ober »erftettt werben barf", 
wieberholen in bem ^ier in betracht fommenben Inhalt, ab= 
gefe^en oon ber (Hrmäfsigung ber AebenfeitemAbftänbe oon 
2,865 m auf 2,1 m, lebiglidb bie Itorfdjriften ber 39auorbnung 
unb ber SSoUjiehungSoerfügung unb es roirb benn auch in ber 
SBtinifterialentfcheibung biefen 33orf<hriften eine befonbere 93e= 
beutung für bie (Hrlebigung ber Söefdhmerbe nicht beigelegt. 

2. SBejüglid) ber Anbringung oon 3äunen ift bie $8ean= 
ftanbung beS SaufontrolleurS an oerfchiebenen Aeubauten 
feien bie ©infa^rten feft abgefchloffen unb es feien bie 3<u*ne 
an ber Aücffeite ber ©ebäube auf eine (Entfernung oon 2,1 m 
oon 33eranben, Sichtfchadbtgittern k. jurücfyufehen, in ben $8e- 
fdjlüffen beS ©emeinberats gegenüber ben (Hingaben beS 33e= 
fcbmerbeführerS rom 16. Auguft unb 17. Aooember 1894 bahin 
feftgehalten : bah leicht fonftruierte auSljängbare Sattem 
jäune l ä n g S ber 3ufa^rteu an ben Aebem unb Aiicffeiten 
ber ©ebäube feine Seanftanbung finben mürben, bagegen fefte 
3äune innerhalb ber 3wfahrten nicht juläffig feien. Qn ber 
9Jlinifterialentfchi'ibung ift auSgefprodjen, bah bie (Hinfahrten an 
ben Aebenfeiten unb ju ben Aiicffeiten ber ©ebäube nicht burdh 
3äune fefter Äonftruftion abgefchloffen werben biirfen, wobei 
bie 3wfü« ,m « n 9 ä« ber (Einfchränfung beS ©emeinberats, bah 
leicht fonftruierte auSf)ängbare Sattenjäune nur l ä n g S ber 
3ufahrten an ben Aebem unb Aiicffeiten ber ©ebäube juläfftg 
feien unb bah überhaupt nur auSljängbare Sattenjäune 
sugelaffen werben fönnten, nicht jum AuSbrucf gefommen ift. 
©5 ift auch in bem jur Ausführung beS Art. 34 ber 58auorb= 
nung ertaffenen § 29 ber StoUjiehungSoerfügung bie u n b i-- 
bin g t e Unjuläffigfeit oon 3äunen, welche in (Hinfahrten an 
ben Aebenfeiten unb ju ben Aücffeiten ber ©ebäube nicht längs 
ber ©ebäube oerlaufen, unb bie unbebingte Unjuläfficffeit 


Digitized by Google 



3u Slrt. 28 ber tiauorbnung ic. 81 

nic^t au^bängbarer leidet fonftruierter 3äune nid)t au$ge= 
fproeben. 

3» ihrer allgemeinen Raffung ift biefe Gntfcbeibung be4 
fl. 3J2inifterium4 ohne unmittelbar praftifd)e Süebeuturtg. 3Bie in 
ben 23efd)lüffen bes ©eineinberatä fiitb aueb in ber 9flinifterial= 
entfd)eibung bie ©ebäube, bereit ©infabrten burd) $a\me fefter 
flonftruftion abgefcbloffen finb, unb bie surüdiufebeuben 3ä>me 
nicht bezeichnet. Glicht nur bot aber ber 23efcbwerbefübrer in 
feiner ©ingabe »ont 16. 2luguft 1894, worin er um Selafiung bes 
beftebenben 3uftanbeä nadifud^t, »orgetragen, bafj bie burdiauS 
nieberen unb fcbroachen 3<iune an ber fHiicffeite ber ©ebäube in 
Dftbeitu nicht eine Gigentum4grenje ju bilben bezroeefen, fonberu 
nur — namentlich jum ©chufj gegen Äinber — einen Slbfc^Iufe 
ber ©ärtdjen gegen ben al4 $of benähten föinterplab bilben unb 
baß im $alle ber geuersnot ein einiger SCritt ober ülptbieb ge- 
nüge, um ben 3ouu aus bem Söege ju räumen ; fonbern eö bot 
aud) ber Slrcbiteft ©t. in feinem nach oorgängiger S -Befid)tigung 
ber ganzen Anlage erftatteten ©utadjten fid) babin ausgefproeben, 
baf$ bie grofeen freien jpinterpläbe bureb auSbängbare 3ounfacbe 
ober bureb niebere leichte ©tafetenjäuneober fDrabtgitter in einer 
bie 3ugänglicbfeit für geuerlöfcbzroecfe nicht beeinträebtigenben 
SBeife abgefcbloffen feien. ®ie bejüglid) ber 3äune getroffene 
Gntfcbeibung erfebeint bienacb in ihrer Mgemeinbeit aU gegen: 
ftanbsloä ; oielmebr bebarf e3 nach bem angeführten Inhalt ber 
Sauorbnung unb ber SBotljiebungsoerfügung, in$befonbere beö 
Irt. 34 beä ©efeßeö unb be3 § 29 ber Verfügung, um bie 2luf= 
läge ber ©ntfernung einzelner 3äune aufredbt ju erhalten, erft 
ber geftftellung, baß biefelben als 3ouite uon fefter flonftruftion, 
welche nicht fofort meggeräumt toerben fönnen, nicht angebracht 
werben bürfen. 

33efonberer Grroähnung bebürfen noch bie biejenigen 2lbftänbe, 
in welchen nicht feitlicb ber &aupteingang jum ©ebäube fidh be= 
finbet, gegen b i e © t r a fj e abfcbliefeeitben 3äune, non welchen 
in ber ©ingabe oom 16. Sluguft 1894 getagt ift: 2Bo in Dftbeim 
bie Slbftänbe nicht burd) ein eigentliche^ 5Cbor, fonbern burd) einen 
3oun abgefcbloffen feien, fei biefer 3outt in einer äBeife beweglich 

^ü^tbucljer für ÜBürttemberg. ^tcdjtepfirgc. VII 1. 1. 6 


Digitized by Google 



82 


®ntf$eibungen bei $enoaltung8gerid)t3f)of8. 


angebracht, baß er mit leidster SDtü^e au!gel)oben roerben fönne. 
©! finb bie! grofjenteil! biefelbeit Abftänbe, in reellen nach ber 
Eingabe »om 16. Üluguft 1894bie Anpflanzungen »orhanben finb, 
beren Entfernung zugleich mit ber (Entfernung ber Anpflanzungen 
auf ber fftücffeite ber ©ebäube »erlangt roirb, foroeit fie nicht 
2,1 m »on ben äufcerften 23orfpriingen ber ©ebäubeteile roie 3Se- 
rauben, Sichtfdhächte u. f. ro. entfernt finb. Qn ber Ültinifterial; 
entfdheibung ift, roie e! fdjeint, in Beziehung auf biefe bie Ab= 
ftänbe nach ber ©trafje abfchliefeenben 3«une bie Beftimmung in 
§ 45 2lbf. 1 be! 0rt!bauftatut! : 

„(Segen bie ©trafje bürfen bie Abftänbe burd) »oHe ober burdj= 
brod^ene ^ore »erfd^loffen roerben; jeboch bürfen erftere nicht 
höher als 2 m fein unb leitete nur auf biefe fpöhe »erfleibet 
roerben" 

angeführt. Allein biefe Beftimmung befagt nicht, baff bie jroifdjett 
ben Aebenfeiten ber Borbergebäube einjuljaltenben Abftänbe nur 
burd) X^ore, felbft bann roenn ber Abftanb nur bie 3ugänglich-- 
feit ber |nnterfeite bei ©ebäube! für geuerlöfdjzroecfe »ermittelt, 
oerfc^loffen roerben bürfen unb bie Anbringung eine! auljuljebero 
ben 3aunfadbe!, ba! nur al! Seil ber ©infriebigung be! ©ruub= 
ftücfe! an ber ©traf?e (Art. 34 Abf. 1 ber Bauorbnuttg) anju= 
feiten ift, roätirenb bie Anbringung eine! f£f»ore! für ben feltenen 
gall eine! Branbe! leinen 3»®ed hätte, »erboten fein foU. 

3. Bezüglich ber »on bem ©emeinberat auferlegten fßlanie= 
rung unb Befiefung ber ©infahrten an ben 3iebenfeiten unb $u 
ben Siiicffeiten ber ©eböube, foroeit fie bie Breite »on 2,1 m nicht 
iiberfchreiten, fpridfjt bie fDtinifterialentfcheibung, »on bem ©tanb= 
punfte aulgehenb, baß el ber Baupolizeibehörbe jufte^e, im 
einzelnen gall bartiber ju entfcffeiben, roie biefe Einfahrten atu 
Zulegen feien, bamit fie ihrer 3u>edbeftintmung für geuerlöfd); 
Ztoede genügen, aul, ba§ auch in Dftheint bie Anlegung mit 
burchgehenbetn Bifier (ohne Abfähe), bie Sanierung unb Be= 
fiefung ober fonftige Befeftigung zu »erlangen fei, fofern nicht 
eine Ausnahme au! befonbercn ©rünben geftattet fei — wobei 
bie fDlinifterialentfdieibung barauf, roelhalb itn »orliegenbeit galle 
eine Aulnahtne nicht fjila^ greifen fönne, nicht eingeht. 


Digitized by Google 



3u 91 rt 28 ber Sauorbnung »c. 83 

2)ie SJtinifterialentfcheibung geht jebodt» felbft bauon au«, 
ba§ bie Slbftänbe oon ben Slauenben, ohne baff ihnen eine 3luf- 
(age gemacht wirb, gewöhnlich gepflaftert ober chauffiert ober 
betoniert roerben unb baff fpejielle hierauf bezügliche Stecht«; 
normen nicht beftehen ; in«befoitbere finb aud) foldtje 93orf<briften 
in ba« beftehenbe £>rt«bauftatut nid)t aufgenommen. Unter biefen 
Hmftänben befinbet fid) bie ikupolijeibehötbe nicht in ber Sage, 
auf ©runb be« 2lrt. 28 2lbf. 1 ber Sauorbnung unb be« § 23 
ber 3SolIäiehung«oerfügung bem SBefcbroerbeführer bie bezeichnten 
Auflagen allgemein unter Vorbehalt ber 2lu«naf)me für ben etroa 
befonber« gearteten gall ju madjen, fonbern bie 23efugni« ber 
®aupolijeibef)örbe, ba« Erforberlicf)e nach 2lrt. 28 2lbf. 1 ber 
öauorbnung oorjufehren, befielt nur in ber SBeife, baft bie bem 
Sauenben erteilte 2luflage in ben Umftcinben be« gall« ihre 
Stedhtfertigung finbet. 

Stach bem ®utad)ten be« 2lrd)iteften @t. finb in Dftheim bie 
2lbftänbe znnfdjen ben ©ebäuben georbnet planiert unb in gleiche 
2<ifiere gebracht unb bequem zu begehen; ba fämtlid)e ©ebäube 
allenthalben fanalifiert finb unb fein ©emerbebetrieb ftattfinbet, 
finb bie Slbftänbe unb ^interpln|e auch bei fddedjtem äüetter 
rein unb georbnet. E« bereitet aber auch nicht jebraeber in 
einer ber Einfahrten fid) oorfinbenbe auffteigenbe ober nad) hinten 
abfattenbe 2lbfa£ ber Einbringung ber geuerlöfchgeräte ein $inber- 
ni«. 3)ie allgemeine Auflage an ben herein, bafe bie Einfahrten 
an ben Siebenfeiten unb ju ben Stiidfeiten ber ©ebäube mit 
burchgeheubem fBifier (ohne Slbfäge) anzulegen feien, entbehrt 
foitadh, nachbem ber herein gegen bie 23eanftanbung be« 23au= 
fontroßeur« $. Einroenbungen erhoben hat, ber unmittelbar praf; 
tifdjen Söebeutung unb e« bebarf oieltnehr, um bie 2luflage ber 
Söefeitigung oorhanbener 2lbfäge aufrecht ju erhalten, erft ber 
geftfteEung, baff unb roo Slbfäfje oorhanben finb, roefche ber 
Einbringung ber geuerlöfc^geräte in unjuläfftgem ©rabe hinber= 
lidh finb. 2lud) bie Sluflage ber 23cfiefung ober fonftigen S3efefti= 
gung ber Einfahrten an ben Stebenfeiten unb ju ben Stücffeiten 
ber ©ebäube lägt fid) im feuerpolizeilichen Qntereffe in biefer 
2lllgemeinheit nicht aufrecht erhalten. E« roei«t aud) ba« ©ut- 

6 * 


Digitized by Google 



84 


©ntfctieibungen beä SletroaltungSgeritfitaljofS 


achten beS Srdjiteften ©t., ol)ne bei bem ft. ÜWinifterium SBiber* 
fprud) ju finben, barauf ^in, baß fid) in ^iefiger ©tabt nament* 
lieb in ben Vororten unb äußeren ©tobtteilen noch manche ©e- 
bäube befinben, bie einer fünftlichen SBobenbefeftigung auf ben 
fRebeiv unb Stiicffeiten entbehren (oergl. auch 2lrt. 10 2tbf. 2 
ber iöauorbnung). 

4. 2B aS fchließlid) bie in bem SJefcfc»luffe beS ©emeinberats 
unb in ber SHinifterialentfcheibung für unjuläffig erflärte 33e= 
pflanjung ber ©ütfahrten an ben Siebenfeiten ber ©ebäube, jo= 
roeit fie bie Breite oon 2,1 m nicht überfchreiten, bejiehungS= 
meife mit biefer Sllaßgabe auch an ben Stiicffeiten ber ©ebäube 
betrifft, fo finb nad) bem ©utachten beS Slrchiteften ©t., too= 
bur<h bie ©ingabe beS StechtSanroaltS Dr. ft. oom 16. äluguft 
1894 erläutert unb berichtigt roirb, in einem f£eil ber Slbftänbe, 
oorroiegenb in folgen, roo fich ©ingänge in bie Käufer nicht 
befinben, fleine Stabatten jur Anpflanzung angelegt, roelche mit 
Blättchen 3 bis 5 cm ftart unb 12 bis 17 cm hod) eingefaßt 
finb. Stachbem ber iBeoollmädhtigte beS bejehroerbeführenben 
Vereins in ber SlefurSfchrift oom 6./9. SJlärz 1895 bie 2lnpflan$-- 
ung nicht nur uon ©ras unb Slumen, roouon in ber ©ingabe 
uom 16. Auguft 1894 bie Siebe mar, fonbern auch oon ©efträuch 
in Anfprud) genommen hatte, hat er, roie eingangs ermähnt, 
in feiner ©ingabe oom 13. April 1895 fein ©efuch bahin ge* 
richtet, baß bie Anpflanzung oon ©raS unb ölumen auf ben 
Stabatten unb ihre ©infaffung mit bis $u 5 cm ftarfen unb bis 
ju 17 cm h°^n Blättchen für juläffig erflärt roerbe. ®er 
Architeft ©t. meist barauf hi«/ baß foldje bis ju 17 cm hohe 
ißlättchen fich über bie fläche beS £ofS ähnlich hoch roie bie 
XrottoirS mit ihren Sianbfteinen über bie übrige ©traße er= 
heben, unb führt aus, baß biefe als Stafen angelegten unb mit 
Blumen bepflanzten Rabatten, auch roenn tleinere ©rhöhungen 
roie bie burd) bie Stanbfteinplättdien gebilbeten oorfommen, bie 
^Durchfahrt nicht hinbern, roie auch bie Stanbfteine ber SrottoirS 
bas ©infahren oon ber ©traße in ben ^ofraum nicht hebern 
unb beshalb in ber Siegel nur für häufiges ©infahren eiferne 
Äanbeliiberfahrten angebracht roerben. Sion bent ft. SJlinifterium 


Digitized by Google 



3u atrt. 28 bet Sauovbnung jc. 


85 


be$ Innern ift in feinet Sleufeerung oom 25. Slpril 1895 ein 
^ebenfen ^inftd^tli«^ bet Hinfaffung bet (Rabatten mit bis ju 
17 cm ^)öbe aufwärts gefteHten (|Mättcben nicht geltenb gemalt 
unb es roirb auch non bem (BerwaltungSgerichtShof ein Ülnftanb 
in biefer Sejieljung im |>inblid auf bie (Borfchriften in § 7 
Slbf. 8 bes DrtSbauftatutS nicht erhoben. 

dagegen ift oon bem M. SRinifterium in 23ejiehung auf bie 
Setmeubung ber (Rabatten jur Anlegung oon (Rafen unb 2ln= 
pflanjung non (Blumen auch jefet noch bas (Bebenfen feftgehalten, 
baff, wenn auch im einjelnen gatt auf Verlangen eine foldjje 
Slnpflanjung in mehr ober roeniger befcfjränfter 2öeife geftattet 
toerben Eönnte unb geftattet mürbe, bod) fdhon ber Äonfequenj 
wegen uid)t jujulaffen märe, bieS im (BorauS in bas freie 23e= 
lieben beS ©ingctnen ju (letten, fonbern bie dRöglidhfeit offen 
gehalten werten müfete, bie oerfcbiebenen baupolijeilichen (Rüd-- 
fisten in jebem einjelnen galt magren ju fönnen. (Rach ber 
3lnftdt>t b es (OermaltungSgeridhtShofS giebt febod) baS beftet»eube 
!Hed»t ber (öaupolijeibehörbe feine |>anbhabe, bem '-öefdpoerbe- 
fiibrer bie Stnpflanjung oon ©raS unb (Blumen in ben 2tbftän- 
ben allgemein unb ohne weitere (Begrünbung ju unterfagen, fo 
baß er auf bie (Rachfudhung einer befonberen (öetgiinftigung, 
ütsbefonbere aud) bejüglich ber ©attung ber (ßflanjen, oerroiefen 
märe. Die ©ntfcheibung beS Ä. SRinifteriumS ift lebiglidh auf 
bie (Rechtsnormen bes 2lrt. 28 Slbf. 1 ber (Bauorbnung unb bes 
§ 23 ber SSottjiehungSoerfügung geftügt; eS ift aber nicht an- 
juerfennen, baj? burdh bie Anlegung oon (Rafen unb bie blofje 
Inpflanjung oon (Blumen — felbft ho^wüdhfiger 3iertffoujen, 
wenn fie nur nicht ju (Sträuchen oerholjen ober ju ben 3'«' 
höljern gehören — bie Hinfahrten in einer mit ben geuetlöfd)= 
jioeden unoerträglidjen SBeife oerfd^loffen werben fönnten. ©elbft= 
oerftänblich ift, mie bie Aufgabe ber (Polijeibehörben, für bie 
3ugängli<hfeit ber (Reben^ unb (Rüdfeiten ber ©ebäube ju $euer= 
löfchjweden ju forgen, fi<h nidht in ber Aufgabe, für bie &er= 
ftettung unb bauliche ©rhaltung ber 3u ; unb Durchfahrten ju 
forgen, erfdhöpft, ber (polijeibehörbe jeberjeit unbenommen, einer 
erfidhtlidh mit bem feuerpolijeilidhen Sntereffe unoereinbar ge-- 


Digilized by Google 



86 


(Sntfcgeibungen he 1 » Cerroaltung3gertcf)t'j[)üf«. 


roorbenen Benügung eines ©ebäubeabftanb« ju einer ^flangem 
anlage entgegenjutreten. 

5. ®ie (Sntfcgeibung be« ÜRinifterium« be« Ämtern ift 
gienad) redjttid) nidgt begrüubet unb, ba gieburd) ber Befcgmerbe- 
fiigrer in einem igm juftegeitben Siecht oerlegt begiegungSroeife 
mit einer igm nicht obliegenben Berbiublicgfeit belüftet ift, ttujjer 
3Birfung gu fegen. 

Urteil nom 1. 3)iai 1895 in ber StecgtSbefdgmerbefacge be« 

Vereins für ba« BBogl ber arbeitenben Älaffeit in Stuttgart. 


3. 

ünterlaffung ber redjtjeitigen ^nmelbung einte lanbn>irtfd)aft= 
lidjen Arbeiters jur ftrankcnnerfidjernng; Befreiung non berfjaft= 
bnrkeit nad) § 50 bes 1t.il.15. nitgen entfdjulbbaren Irrtums 
über bie Bltlbeftelle. 

®et Saglögner QoganiteS ©cgrobe »oit Dbprftetten, ber, 
früher ®ienftfned)t, feit feiner im 33?ai 1893 erfolgten |)eirat 
fid) al« f£aglögtter ernährte unb im Quni unb Quli 1893 je 
einige Sage bei betn SBeflagten 2lnton Ipeingelmann in Dber= 
ftetten in beffen lanbroirtfcgaftlicgem 'Betriebe gearbeitet gatte, 
umrbe non bem Beflagten am 3. Sluguft 1893 roieber al« Sag= 
lögiter auf längere 3eit — über ba« §erbftgefcgäft — einge^ 
fteUt. 2lm anberit Sag — 4. 2luguft — oerunglücfte ©cgrobe 
beim gutterfcgneiben, fo baf? er längere 3 e ^ etroerbSunfägig 
mar, unb am 5. Sluguft erftattete ber Beflagte bei bem ört«= 
oorfteger in Dberftetten miinblid)e 2lngeige oon bem Unfall. Ob 
er ben ©cgrobe gleichzeitig, memt audg nur im allgemeinen gut 
Äranfenoerficgerung anmelbete, bariiber gerrfcgt ©treit unter 
ben Parteien. 

9iun bcftegt für ben DberamtSbegirt SDliinfingen, auSfcgliefr 
lidg ber ©emeinbe Saicgingen, eine geineinfame OrtSfranfenfaffe, 
BejirfSfranfenfaffe (ft.B.©. § 43), melcger nacg ftatutarifcger 
Beftimmuug aud) bie in ber £anb= unb $orftmirtfdgaft befdgäf; 
tigten Arbeiter attgugegöreu gaben (Statut § 2 3iff- 8). 


Digitized by Google 



Unterlaffung bet retfitjettigen Slmnelbung ic. 


87 


,§infi<htli<h ber DEelbepflicht (erliefet fi<h ba3 Statut ber 33.= 
Stimmung beö JEranfent>erficherung$gefe{}el § 49 2lbf. 1 unb 2 
mit ber DEaftgabe an, bafj bie Slntnelbung bei ber DEelbeftelle 
be$ SefchäftigungSortS ju erfolgen h«t (Statut § 10), unb baf? 
für febe jur SejirfsEranfenfaffe gehörige ©emeinbe eine ört= 
liehe SkrroaltungäfteHe oorgefeijen ift, melier bie Entgegennahme 
bet 2ln= unb Slbmelbungen ber ftaffenniitglieber obliegt (Statut 
§ 56 a, § 56 b). Die 33erroaltung$fteUe für bie ©emeinbe Cber- 
ftetten oerfal) jur fraglichen 3*>E ber Slmtfe unb Sßolijeibiener 
Schramm. Sieben biefer ©ejirfäfranfenEaffe ift für ben 0ber= 
amt^begirf oerntöge ©ejirfäftatut^ nach SJla&gabe ber lanbe$= 
rechtlichen SSorfchriften als Einrichtung ber «2lmt$forporation bie 
ÄranEenpflege^SSerfichcrung eingeführt, roeldjer haupfc 
fä^lich bie Dienstboten, unb jroar fomohl ba« |>au3gefinbe al$ 
baä lanbroirtjchaftlichc ©efinbe, angehören (Statut § 2 3iff- !)• 
Die Entgegennahme ber «iln= unb Dbmelbung ber S?erfi<hentug3= 
pflichtigen liegt bei ber ÄranfenpflegeoerSicherung ben 0rt>5be- 
hörbeit für bie Slrbeiteroerficherung, in Oberftctten bem 0rt3= 
oorfteher, ob (Statut § 36). Der Drtäoorfteher in Oberftetten 
hat ben Strobe in baä DEitglieberoerjeichniS bejro. «Register 
jum Einjug ber Beiträge jur SejirfSEranEenpflegeoerfichetung 
(auch DienftbotenfranfenEaffe benannt), roie er im oberamtlichen 
SSoroerfahren angegeben unb oor bem SlerroaltungSgerichtShof 
bezeugt hat, irrtümlicherweise aufgenommen, aber als Arbeiter, 
nicht als DienftEnecht, unb ebenfo irrtümlich als Dag bes Eiro 
tritts in bie Sefdhäftigung ben 22. 3uli unb als Dag bes 3luS= 
tritts ben 5. üluguft eingetragen; es gefchah bieS, roie ber 0rtS= 
oorfteher bezeugt hat, oielleidht acht Dage ober Später, nadhbem 
ber 53eElagte bei ihm erfchienen roar. Die Slnmelbung bei ber 
örtlichen «DEelbeftelle ber SejirESsÄranEenEaffe erfolgte 
erft am 22. September 1893. 

gür bie ßrnnEenunterftüfcung bes Sdhrobe finb ber $e= 
jirEsEranEenEaffe folgenbe Soften erroachfen: a) JtranEengelb 
63 SW. 75 «Pf., b) 3lpotheEerEoften 18 «DE. 15 $f., c) »rat* 
Eoften 156 SIE. 60 «ßf. jufammen 238 DE. 50 «4M. 3ufolge 
oereinbarten «.Rabatts h ft t aber bie SejirESEranfentaffe ju b) nur 


Digitized by Google 



88 


Sntfd)fibungen be8 SeriualtuiigScieridjtSflofS. 


16 an. 34 «ßf., ,$u c) 109 an. 62 fßf. jufamnten 189 an. 
71 <ßf. bejaht. 

®er SJeflaflte oerroeigertc bie 3al)lung ^ er Don Ü> m er = 
ftattet oerlangten 238 3Jt. 50 ißf. unb baS oon ber '-8ejirf3= 
franfenfaffe als Sluffid^tebe^örbe angerufene Oberamt 3)tün= 
fingen verneinte in bem ©efcfyeib oont 8. September 1894 bie 
(SrftattungSpflicbt beS 23eflagten. SDiefe ©ntfdjeibung mürbe oon 
ber SesirfSfranfenfaffe redjtjeitig mittels ftlage bei ber ft. Jte= 
gierung für ben SonaufreiS angefocbten unb ^at biefe burd) 
Urteil ootit 30. 3Jtär$ 1895 ben 23ef tagten für oerpfCidjtet er= 
Hart, ber ftlägerin bie oon it)r auf ben Sdjrobe aufgemenbeten 
ftur= unb SBerpflegungSfoften einfcbließtid) ber gemalerten ftranfen- 
gelber im '-Betrage oon 189 Ü)t. 71 ißf. ju erlegen. 

2luf bie oon bem SBeflagten erhobene Berufung f>at ber 
SSermattungSgerichtShof baS Urteil ber ft. ftreiSregierung ab- 
geänbert unb bie ftlägerin mit ber ftlage abgemiefen. 

© r ü n b e : 

1. ÜDafi ber Sellagte ben Sdjrobe, ben er am 3. Sluguft 
1893 als Saglöhner eingeftellt hatte, fpäteftenS am 7. Sluguft 
1893 — ber britte Xüq nad) beginn ber öefchäftigung (6. Sluguft) 
fiel auf einen Sonntag (ft.SS.©. § 78 a) — bei ber SJejirfS* 
franfenfaffe in 3)fiinfingen unb jtoar bei ber örtlichen 33er- 
maltungSftelle für bie ©emeinbe Oberftetten (2ImtS= unb ißolijeW 
biener Schramm) hätte anmetben füllen, fann feinem 3roeifel 
unterliegen. Schrobe mar ein in bem lanbroirtfdhaftlichen 5)e= 
trieb beS 'Deflagten gegen £obn befdhäftigter Slrbeiter, ber als 
Xaglöhner ftd) ernährte, gehörte alfo nicht jum lanbroirtfd^aft- 
lichen ©efinbe. Seine Slefchäftigung mar nicht burd) bie Statur 
ihres ©egenftanbeS ober im iBorauS burdh ben SlrbeitSoertrag 
auf ben Zeitraum oon roeniger als einer SBocße befchränft, ba 
er für längere 3eit, für baS |jerbftgefd)äft, eingeftellt mar, baS 
nad) ben in II. Snftanj gemachten Slngaben beS 'Seftagten unb 
beS Schultheißen Sontheimer oon Oberftetten jum minbefteit 
mehrere SBochen in Slnfprudh genommen hätte. ®ie 2lerfid)e= 
rungSpflicßtigfeit beS Sdjrobe fteßt baher ebenfo feft, mie feine 
3ugehörigfeit ju ber 23ejirfSfranfenfaffe, bie oermöge ftatuta-- 


Digitized by Google 



lliitertaffum] btr redjtjeitigeii .’lnmelbung :c. 


89 


rifdier Seftimmung ber Imtsforporation SJftinjtngen beu reicht 
geie{sli<hen Söerficherungäjroang auch auf bie in ber 2 anbroirt= 
fc^aft befd)äftigten Arbeiter erftrerft hat. (Statut §2 unb 
10, tf.SB.©. § 2 21bf. I 3iff. 6 unb § 49 ; 2. U.= unb Ä.58.0. 
uom 5. 2)tai 1886 § 133; roürttembergifcheS Äranfenpflege; 

5Berfi<herung$;©efefc oont 16 ^ C ^|f ^| 88 3trt - 1 2(b '- 1 ' 2 )- 

2 >ie g e f e jj l i d) e 2 lnmelbepflicbt finbet aber audj in bi ef ent 
Jatte ber ftatutarifdjen ©rftrecfung ber 23erficherung$pflicht un= 
befchränfte 2turoenbung (Ä.$B.@. § 49, 54), wie bieä auch § 10 
be$ Statute oorfielit. 

2 . ®er Seflagte hat jroar in ber erften münblidten 2 kr= 
haitblung in II. ^nftanj junächft ben (Sinroanb erhoben, baft er 
überhaupt nicht anmelbepflidhtig geroefen fei, loeit im oorliegenben 
gall oon einem bauernben 2lrbeitsoerhältni3 3 U einem beftimmten 
Arbeitgeber feine Diebe fein fönne unb bie Seftimmungen beS 
§ 142 2. IU unb Ä.3?.©. Anroeubung finben, wonach bie 21m 
melbung erft erforberlid) werbe, roenn bie lleberroeifung an bie 
Äranfenfaffe beS Sejirfö beä 2 Bol)nort$ erfolgt fei, roa$ bei 
©dhrobe nicht ftattgefunben höbe. 2 >er (Sinroanb ift febod) an 
fid) unbegriinbet. ®er angeführte § 142 (unb ebeitfo Statut 
§ 2 b) läßt bie 3K ö g I i ch f e i t ber Ueberioeifung, falls bie iib= 
rigen Slorauäfehuitgen jutreffen, nicht bloß in bein $atle, roenn 
bie ©efdfäftigung auf weniger al$ eine SBoche befd)tänft ift, 
fonbern auch in bem gaHe ju, wenn bie Sefdjäftigung nadh 
Diafjgabe be3 § 1 .«.5$.©. bie S3erficherung3pfiicbt begrünbet, 
alfo namentlich auch, wenn bie 23efd)äftigung bei roedhfelnben 
Slrbeitgebern auf eine Sßodje unb länger berechnet ift, fd)liefet 
aber bie 3)iögli<hfeit ber Ueberioeifung bann au$, roenn im gaH 
ber 2>erfi<herung3pflidhtigfeit ber tbefchäftigung ein bauetnbeS 
2lrbeit3oerhältni3 ju einem beftimmten Slrbeitgeber begrünbet 
roirb. $)er § 142 fpridht aber ben ©runbfa (5 nic^t aus, bafs 
bie unftänbigen lanbroirtfchaftlidjen 2 lrbeiter, folange bie93orauä= 
fefjungen jutreffen, jufolge bereit fie überroicfen werben fönntert, 
überhaupt ixid)t oerfidternngSpflidhtig feien, ober baft ihre nach 


Digitized by Google 



90 6ntfe$tibungen beä Ssnualtungägerit^tä^ofä. 

allgemeinen ©runbfäfeen mit ber Sefchäftigung fraft ©efefceS 
eintretenbe 33erftcherungSpflicht wegfalle 1 ). 

An bem ©inwanb ift nur fo niel richtig, bafe nad) § 142 
2lbf. 5 £. U.= unb $.33.©. bas Statut ju beftimmen fiat, ob 
unb inwieweit bie 33orfchriften beS $.33.©. über bie 2lmnelbes 
Pflicht — ebettfo roie bie 33orfd)riften über bie '-öeitragSeiw 
jatylung unb 3 u f c *) u 6PfIi c ^ t — ber Arbeitgeber b i e f e r fßer- 
fonen, b. h- ber überroiefenen 3$erfonen, nicht auch berjenigen, 
bie nur Ratten überroiefen roerben fönnen (n. ©djicfer a. a. 
D. ©. 443 ff.), 2lnwenbung ftnben follen, unb baf? § 10 a beS 
Statute beftimmt, baß bezüglich berjenigen unftänbigen lanb= 
unb forftwirtfcbaftlichen Arbeiter, welche ber $ran!enfaffe ii b e r= 
miefeit finb (§ 2b unb § 7 Abf. 2), bie 33orfdfjriften beS 
§ 49 $.33.©. unb beS § 10 beS ©tatuts nur bann Anroenbung 
frnben, wenn biefe Arbeiter in ein baueritbeS 2lrbeitSoer£)ciltniS 
ju einem beftimmten Arbeitgeber getreten finb. 2>a nun im 
uorliegenben gall eine Uebermeifung beS ©djrobe nic^t ftattge= 
funben f)at, hingegen feine ®erficf)erungSpfIi<htigfeit unb folge* 
meife bie 3fnmetbepffid)t beS öeflagten al<3 feines Arbeitgebers 
fefifteht, fo bebarf es eines ©ingefjenS auf bie fauni jroeifelljafte 
$rage nicht, ob bie (SinfteHung für baS Jperbftgefchäft auch ein 
bauernbeS ArbeitSoerhältniS ju bem öeflagten begrünbet $at 
ober nicht. 

3. Auf ©tunb bei 23eweiSeinäugS uor bem HerwaltungS* 
gerichtshof ift als erroiefen anjunehmen, bafj ber 33eflagte am 
5. 2tuguft ben ©cbrobe bei bem DrtSoorfteher in Dberfletten 
jur $ranfenlaffe angemelbet h“t, wobei barüber, ju welcher 
$ranfenfaffe bie 2lntnelbung erfolge, nichts befprochen worben 
ift. ©S fann aber biefe Anmelbung bei bem DrtSoorfteher ftatt 
bei bem SlmtSbiener bem 39eElagten nicht als gobtlüffigfeit ju= 
gerechnet werben. gwar barüber war ber 23eflagte oon Anfang 

,) o. SBoebtle, JE.®.®. 4. Stuf!., ©. 522, 523 note 2 ©. 524 n. 9, 
o. ©<$ i der, 2. U.= unb ©. 74 n. 3. EDerfelbe, Jt ® ©. 

2. Stuft. S. 440 n. 10, 14 unb }U 9(rt. 6 beS ®efefee3 »om 

© 770 n. 12, ©. 787 n. 9, »gl. § 7 Stbf. 2 be« ©tatutä s. v. „SluSbet)nung". 


Digitized by Google 



Unterlaffung ber recfjtjeitigen 9tnmelbung ic. 91 

an im klaren, bah ©djrobe, beit er nur für ba« ßerbftgeidjäft 
eingeftellt hatte, als lanbroirtfdbaftltdjer 'Arbeiter unb nicht al« 
Tienftfnecht bei itnn in Sefdmftigung ftanb, unb bah berfelbe 
wegen be« Unfall« Hranfenunterftühung ju beanfprudjen Ijatte. 
®emt anbernfall« mürbe er ihn überhaupt nicht jur Äranfem 
fajfe angemelbet, fonbern fid) barauf befdjtänft hoben, in (Sr- 
fiiBung einer anberen, ihm al« Unternehmer eine« oerfidherten 
lanbroirtfdjaftlichen Setriebe« obliegettben Sfüdit pon betn Un= 
fall, ber ben ©chrobe im Setriebe betroffen unb eine 2lrbeit«= 
unfähigfeit be«felben oon mehr al« brei Tagen jur ^volge hatte, 
bei beut £>rt«porfteher al« ber 0rt«poliseibehörbe 2lnjeige ju 
erftatten (8.U.= unb H.S.®. § 55, § 124 2lbf. 2). 

SBenn fobann ber Seflagte behauptet hat, nicht gemuht ju 
haben, bah „auch" eine Sejirf«franfettfaffe beftche, fo fann 
bahin geftellt bleiben, ob hierin ein Irrtum ju finben märe, ber 
bie , Haftung au« § 50 H.S.®. ju befeitigen permöchte. Tenn 
bie Behauptung ift bei einem 'JOiantt, ber fid) ber jur 

Slnjeige be« Unfall«, foroie roeitigften« im allgemeinen ber BflidM 
jur Shtmelbung bei einer Mranfenfaffe bemüht mar, nidjt glaub- 
roiirbig unb in«befonbere ift nidjt glaubhaft, bah ihm, abgefehen 
oon ben 2lufforbernngen jur 2lntnelbung im Amtsblatt, ber Sor= 
gang anfang« ber 1890er ^aljre, mo fid) bie mit ber 2lu«fühmng 
ber (Srbarbeiten bei bein San ber SBafferleitung befchäftigten 
Bürger pou öberftetten, barunter ein ©ofjn be« Seflagten, 
gegen bie &eranjiehung jur Sejirf«franfenfaffe gemehrt haben, 
unbefannt geblieben fein follte. @« fann baher ohne meitere« 
angenommen roerben, bah ber Beflagte bie ©riftenj ber jroei 
Haffen (Bejirföfranfenfaffe unb Bejirfäfranfenpflegeoerficher= 
ung) fannte. 9Jur mar er ber irrigen ÜJteinung, bah ber £>rt«= 
oorfteher ba« gemeinfante örtliche Serroaltung«organ für beibe 
Haffen fei, unb biefer Irrtum ift im oorliegettben gaH entfdjulbbar. 

6« hat nämlich bie auf ®runb be« neuen Sorbringen« in 
II. Qwtanj angeorbnete Seroei«aufnaljme folgenbe« ergeben: 
Ter Ort«norfteher mar oon (Sntfteljuug ber Sejirf«franfenfaffe 
an bie örtliche Bermaltuugsftelle für biefe Haffe unb beforgte, 
al« fpäter bie Bejirfofraitfenpflegeperficherung eiugeridjtet mürbe. 


Digitized by Google 



92 ©ntfdjeibunflen beS 33<rioaItung3geri<$t«f)of*. 

baSfelbe ©efdhäft auch bei biefer Slaffe, fo ba§ in feiner |janb 
baS gefamte fDtelberoefen beS Orts Bereinigt mar. Sine foldje 
Bereinigung firebt auch bie roürttemberg. BoEjiehungSoerfügung 
jutn .ßranfenDerfidhetungSgefeh oont 2. fRooember 1892 § 54 
2lbf. 2 an. 2US bem DrtSoorfteher bie Strbeit ju oiel rourbe, 
gab er bie erftere ©teile auf unb rourbe biefelbe im $ahr 1892 
bem ämtöbiener übertragen, biefer SBedhfel aber nicht öffentlich 
befannt gemacht, roährenb er nach ber angeführten BoEjiehungS: 
oerfügung § 54 3lbf. 3 in ber für bie Berfünbigung ortSpoli- 
jeilidher Borfchrifteu üblichen äBeife (ogl. Verfügung beS SRini- 
fteriumS beS Snnern oom 9. Qanuar 1872 SReg.=Bl. ©. 16), 
alfo minbeflenS burdh öffentliche^ äuSrufen in ben ©trafjen, roie 
bieS auf Beranlaffung ber Klägerin auch fonft gefchieht, hätte 
befannt gemacht roerben füllen. SRun mag bennocf) ein Steil bet 
©inroohner oon Dberftetten biefen ©teEenroedhfel in ©rfaljrung 
gebracht haben, roie ber $eugeiiauSfage beS ämtSbieiterS ju ent= 
nehmen ift; baff bieS aber auch bei bem Beflagten ber gaE 
roar, bafür liegt fein änhattSpunft oot. 

®aS oerfchiebene Berfahren bei bem ©injug ber Beiträge 
(burdh ben DrtSoorfteher auf bem fRathauS, burdh ben 3lmtS: 
biener in ben Raufern) unb bie 2lrt ber Befanntmadhung beS 
©injugS ber erfteren Beiträge (roonach bie ©ienftherrn aufge= 
forbert roerben, ihren „Beitrag jur ftranfenfaffe" auf bem 9lat= 
hauS ju bejahten) finb nicht baju geeignet, ben Sedhfel jur aE= 
gemeinen JtenntniS ju bringen unb bie ortsübliche Befannt: 
machung ju erfefcen. ©ie befiärfen eher bie Annahme einer 
gortbauer ber gemeinfamen ERelbeftefle, jumal roenn man baS 
UnterorbnungSoerhältniS jroifchen DrtSoorfteher unb ämtSbiener 
ins äuge fafjt. 3ubem haben jroei $eugen, ©emeinberäte 
finb, erblich angegeben, bafj fie oon bem ©tellenroedhfel nidhts 
geroujjt haben unb oor bem Unfall bie änmelbtmgen, roenn er= 
forberlich, audh bei bem DrtSoorfteher gemacht hätten, itann 
fo bem Beflagten nicht jum Borrourf gemacht roerben, bajj er 
bie änmelbung bei betn DrtSoorfteher anbradhte, ben er ohne 
Berfdhulben noch als örtliches Organ ber BejirfSfranfenfaffe an* 
fehen burfte, fo fönnte eS fleh nur nodh fragen, ob ein ERangel 


Digitized by Google 



Unterlaffung bei re$t;eitigtn itnmeltmng ic. 


93 


tex etforberlicben Sorgfalt nicht barin ju erblicfen wäre, bajj 
ber föetlagte bie Snmelbung jur Äranfenfaffe nur im allgemeinen 
gemalt unb bie Slnmelbung nicht fo fonfret geftaltet hat, baf? 
baraul für ben fDielbunglempfänger $u erfeheu roar, bafs bie 
Slnmelbung für bie Slcsirflfranfenfaffe erfolge. ®ie grage ift 
jeboä), roollte man ihr je eine mafjgebenbe ^febeutung beilegen, 
im oorliegcnben gall bes^alb ju oerneinen, weil ber Ortloor= 
fteher über bie für bie ftaffensugehörigfeit entfdjeibenbe 
facbe, bafj ©chrobe lanbroirtfcbaftlicher Arbeiter unb nicht ®ienft= 
fnec^t mar, fid& gar nid^t im 3'»eifel befanb, roie er biel bei 
feiner Serneljmung »or bem Skrroaltungsgerichtlhof anerfannt 
hat ; ngl. auch bal ■äJlitglieberDerjeichnil refp. 9tegifter .... 

2) a§ er aber ben Strobe in bal SWitglieberoer^eicljniS ber fog. 

3) ienftbotentranfenfaffe eingetragen hat, anflatt ben $8eflagten, 
rooju er ber 9tädjjftberufene roar, ju belehren unb an baö ju= 
ftänbige Äafjenorgan $u roeifen, bal beruht aulfdhtiefjlidh auf 
einem groben SBerfeljen bei Ortloorfte^erl, bal ber Skflagte 
nicht $u nertreten hat. 

Urteil oom 22. Januar 1896 in ber 33erufunglfadhe bei 

Defonomeu $nton $einjelmann oon Oberftetten gegen bie 

Se^irflfranfenfaffe 3Jlünfingen. 


Digitized by Google 



m. 

^bijntiMungcit. 

(Sin IMtriuj jur JFöfung einer Bontrooerfe aus llouelle 115. 

3Jon 

3ied)tSam»nIt Seopolb Sömenftein in Stuttgart. 

1. Unter ben »ielen Streitfragen, reelle bie betannte s Jto- 
»eile 115 tjernorgerufen bat, nimmt eine l;ercorragenbe Stelle 
bie »ielfach unb non ben namhafteften fHecht-Uehrero erörterte 
$rage ein, ob, wenn ein Seftament in ffolge ber formellen 21er* 
lefcung be3 9toterbenred)t» ungültig ift, nur bie in bemfCefta* 
ment für ^rettibe au$gefe( 5 ten SUermächtniffe in ©iiltigfeit bleiben, 
ober auch biejenigen, mit melcben ber anfecbtenbe 'Jloterbe be* 
badjt ift. Unb merfroiirbig ! Sßäljrenb in ber Xbeorie non ben 
feiten ber ©loffe an bis in bie neuefte 3eit ©tveit über biefe 
ffrage geführt nmrbe unb geführt toirb, finbet fid) roenigftens 
in ben mir jugänglichen Sammlungen oon Slecüt-Sfprücben fein 
ff all auf geführt, in welchem biefe Streitfrage ein iltal burcb 
9tid)terfprud) jur (Sntfcfjeibung gefomnten märe. Unb hoch follte 
man glauben, baff biefe grage fhon oft praftifd) sur Erörterung 
gefommen fein mufe, ba ffälle b e r bejeic^neten 2lrt ber 'Jtatnr 
ber Sache naöb nicht feiten »orjufommen pflegen. ®er üSerfaffer 
bieö hatte 2>eranlaffung, fich mit bicfer ffrage au§ SBeranlaffung 
eines ihm übertragenen, im 3ahr 1894 bei bent Sanbgeridjt in 
Stuttgart anhängig gemachten 9led)tSftreites eingehenb ju be= 
fchäftigen. Qn biefein ffall hatten 2 finberlofe (Shegatten fich in 
ber auch fonft geroöhnltdjen Söeife mittelft eine! forrefpeftioeit 
£eftamentS gegeufeitig ju Erben eingelegt unb befümmt, baff 
nadj bem 2lblebeit beS überlebenbett ©h e 9 atten bas gemeinfchaft* 


Digitized by Google 



Seinen ft ein, 6in Seittag jut Söfung einer Äonttooerfe ic. 95 

1% Vermögen je hälftig an bie ju biefer 3eit am Sehen be= 
finblicben Qmeftaterben ber ©begatten fallen fülle, unb baß bieS 
äbnlidb auch bann ftattsuftnben habe, roenn ber iiberlebenbe 
©begatte ficb roieber »erbeirate. ®ie ©befrau balle bei ber 
©rbeinfeßung eine betagte SJfutter übergangen, bie sur 3eit beS 
im Qabr 1892 erfolgten £obeS ber ©rfteren noch lebte. Unter 
ben Parteien roar, nacbbem bie SJtutter ibr ©rbredbt beanfprucßt 
batte, nicht ftreitig, baß infolge beffen baS SCeftament in 2lbficbt 
auf bie ©rbeinfeßung nichtig, bie ganje 58erlaffenf<baftSmaffe 
aber nadb Ibjug beS »on ber SlJutter gewählten unb — jebodb 
ohne gleichseitigen 3lbjug ber trebeHianifdben Quart, lüürttemb. 
Urcbio 93b. 15, ©. 397 — ihr gebübrenben Pflichtteils junächft 
au ben ©bemann teilioeife fraft Erbrechte, teilroeife in golge 
ber ©obiciUarflaufel fraft UniuerfaluermäcbtniffeS su »erabfolgen 
fei. ©treitig roar bagegen u. 31., ob biefe 2luSfolge mit ober ohne 
2lb$ug ber trebellianifdjen Quart für bie 3 ©efcbroifter bet »er= 
ftorbenen ©befrau P erfolgen habe, (biefe »orsugSroeife bie 
Auslegung beSSeftamentS beriibrenbe grage foll hier nicht roeiter 
Sur Erörterung gelangen), oornämlid) aber bie grage, ob bie 
SDfutter unb bie 3 ©efchroifter ber »etftorbenen ©befrau be= 
recbtigt erfcheinen, nach bem £ob ober bei ber 2Bieberoerbei= 
ratung beS ©bemanneS bie Hälfte beS StermögenS als Unioer= 
faloermäcbtniS su beanfprucßen. ®iefer 2lnfprucb rourbe »on bem 
Sterfaffer bieS aus »erfchiebenen ©rünben, teilroeife fraft ber 
im Seftament enthaltenen fog. prioatorifchen Älaufel, roie aud) 
aus anberen 9led)tSgrünben , »otnämlicb aber auf ©ruitb ber 
9looeHe 115 unb ber entfprecbenbenPeftimmungen beS 9Bürttemb. 
SanbredjtS in ber eingereichten geftfteEungSflage befämpft. 'Jladj 
ber 1. münblicben Slerbanblung orbneten bie Parteien ihr 58er- 
bältnis mittelft eines außergerichtlich abgefcßloffenen PergleidbS, 
unb fo batte baS ©ericht feine $8eraulaffung, ficb über bie oer= 
fchiebenen ©treitpunfte auSjufprecben. @o unternimmt es benn 
ber 93erfaffer, feine bamals geroonnene SiecbtSanfcbauung in ben 
roürtt. Sabrbü^ern su »eröffentlicben. 3«>ar w>irb jette ©treit= 
frage bei bem ^nfrafttreten beS beutfchen bürgerlichen ©efeß= 
budb^ »o» felbfl »erfcbroinben, ba burdb baSfelbe baö formelle 


Digitized by Google 



96 


2lbf)aitblung: 


9loterbenred)t (itn ©egenfah gum ißflicbtteilSred)!) überhaupt be= 
feitigt werben wirb, in beit ipftidjtteil aber auch nach beni @nt= 
rourf fonform mit bem bisher geltenben 9ted)t SSennädjtniffe 
aller 21rt einjurechnen finb J ). 2lHeiu abgefeljen bauon, bafj bis 
pni ^nSlebentreten beS bürgerlichen ©efefcbudjS eine beträgt- 
liebe, wenn and) l)offentli<b nicht tnebr adjulange Spanne geil 
»erfliegen wirb, wirb aud) nadiber üoranöfidjtlicb baS Stubium 
be-^ römifdhen 9ied>tS — unb bieS wobt mit allem ©runb — 
ftetS bie ©runblage ber juriftifeben 2Biffenfd)aft fein unb bleiben. 

II. 2BaS baS gemeine 9ied)t betrifft, fo fommen »on ben 
©cfefceSqueden felbft eigent(id) nur bie cap. 3 unb 4 ber 9to= 
»eile 115 unb in gemiffem Sinn noch bie L 5 § 2 D. de leg. 
präst. 37,5 in ^Betracht. ®ie SluSlegung, inSbefonbere ber 9to= 
oede war, wie sub I bereite betnerft, uon jeher eine ftreitige. 
SDlan wirb es bem s }5rüftifer ju gnt halten, wenn er ftd) nicht 
oeranlafct fieljt, bie ganje umfangreiche 2itteraturgefd)id)te ber 
ftontrooerfe hier ausführlich gur SDarftellung gn bringen. gi n ^en 
fich ja wenigftenS einzelne Argumente für unb wiber uon 2lm 
fang an ftetS wieber. Unb fo mag in biefer Siegiehung hier nur 
folgenbeS erwähnt werben : 2)ie Sßerteibiger ber einen 2lnfid)t 
legten unb legen uon jeher ben £auptwert auf ben 2Bort laut 
ber fJiouede, wonach bie Segate (überhaupt) gu Siecht beftehen 
bleiben unb bemgemäfj auch bie ben übergangenen ober mit Uw 
recht auSgefdiloffenen Jloterben auSgefejjten Segate im g“de ber 
9lidhtigfeit ber ©rbeinfefcung benfelben gu gut fommen foüen, 
währenb bie SSerteibiger ber anberen 2lnfidht fich oorgugsweife 
einesteils auf ben niutmafjlidhen 2Biden beS (SrblafferS, anberw 
teils auf bie Sinologie beS $anbeftenrechts ftüfcen. $n biefer 
SBeife fteUt fchon bie ©loffe beS SKccurfiuS *) bie oerfchiebetien 
Slnfichten gegen eiitanber, wobei nur noch mit 33egugnahme auf 
SartoluS angeführt wirb, baff berjenige, welcher ein SEeftamenl 
anficht, unmiirbig fei (!), etwas aus biefem fEeftament gu er= 

1) (Sntrourf l.Sefung, § 1975 u. f., inSbefonbere §1980, — f. üb» 
rigenS au(§ § 1782 — , SBotioe 98b. 5 6. 382 u. f, 2. Sefung § 2169 
u. f, inSbefonbere § 2173. 

2j Sgoner SluSgabe oon 1519 ©. 1316. 


Digitized by Google 



Söroenftein, ®in Beitrag jur Söfung einer Äontrooerfe ic 97 


langen. 5?on ben 2 größten 3uriften bee 16. Sahrhunbertd, 
$oiteIIn>i unb ßujaduö begriinbet ber (Srftere bie 2. 2lnfid)t 
ausführlich bei ©rläuterung ber fog. 2luthentica ju C. lib. 6 
t. 28 de lib. praeter etc. SonelluS bemerft ^iebei folgenbeb : 
diejenigen ßcgate, welche ein 2>ater einem übergangenen Sol)n 
binterlaffen habe, werben nicht aufrecht erhalten. ®ieb habe 
fd)on nach altem 5Hed)t gegolten (L. 2 1). de leg. 32) unb bab 
neue Stecht (bie StooeÜe 115) höbe bieb beftätigt, weil bafelbft 
in bem § sive igitur aubbriicflich gefchrieben ftehe, bag im ^all 
ber llebergehung unb Stu^fdilieBung bie ßegate ihre Äraft be 
halten, wie wenn ba$ Seftament nidjt angefoditen worben wäre. 
„Exquibus verbis intelligimus, ea sola legata lnc confirmari, quae 
valerent si heredes instituti hereditaten adiissent“. — (Suja 
ciub behanbelt, wenigftenb fooiel ich gefunben habe, bie &ontro= 
oerfe mit SSejugnahme auf bie Stottelie 115 nicht ex professo, 
wohl aber behanbelt er bie unten noch näher ju erwähnenbe 
L. 5 § 2 D. de leg. praest. 37,5 alb geltenbeb Stecht *), be= 
merlt baju, eb fei biefe 2>orfd)rift auch billig, unb weiter: 
wenn ein Sol)n bie ©rbfchaft „commisso edicto“ ab intestato 
befomme, fo erhalte er bab ßegat nicht alb praecipuum, (b. h- 
alb ßegat), fouberu eben in ber ©rbfdjaft. — ^ebenfalls ift fo* 
oiel fid)er, baff, ob infolge ber Autorität oon (Sujaciub unb ®o= 
nellub ober aub anbereu (Srünben faitn bahin geftellt bleiben, 
biefe 2luficht bis in bab gegenwärtige ^ahrhunbert hinein bie 
communis opinio war s ). 2lud) 33 1 u n t f cb l i *) ftellt fid) auf 
biefen ©tanbpunft (S. 263—266) unb ebenfo gfancfe 6 ), 
biefer hnuptfädhlich mit 33erufung auf bie oben citierte L. 5 § 2 
D. de leg. praest. (Srft 2)i ühlenbrud) wieber hat in bem 
eben beinerften äBert mit ausführlicher fbegrünbung bie erftere 

1) Äommentar ju bem angeführten ftobcjtitel 3*ff- U» äluSgabe 
Lucae »on 1763 8b 9 ©. 319 unb 330. 

2) Commentarii ju biefem ©igeftentitel , neapolitanifche Subgabe 
Sb. 8 © 64. 

3) Sgl. hierüber ®t Uhlenbruch in feiner nachher noch näh** ®n- 
juführenbeu ilbhanblung in ©tuet 4 Sorbetten 8b. 37 ©.286 füotehl. 

4) in feiner „Erbfolge gegen ben lebten Söillen" (1829). 

5) Stoterbenrecht (1831) ©. 389. 

3al)vljüner filr »ilrtteinberg. V HI l. 7 


Digitized by Google 



98 


Stbhanblung : 


Stnfidjt oerteibigt. ®<x in nad)fte()enber 2lu§fütyrung biete 9ln= 
fid)t befampft werben foH, fo mag tjier bie ©arfteüung s Dhil) = 
lettbrudfS bem SBortlaut nad) angeführt werben, 3Rü^len= 
brud) fagt (S. 284 — 286): 

„Ob bie einem Sloterben felber auSgefefften ©ermächtniffe als ^Srä= 
legate geforbert roerben lönnen? ift ftreitig. — Sei ber querela inoff. 
test.. fonnte baoon nid)t bie Siebe fein, ba biefe Stage ein SBegfatten alter 
©ermächtniffe jur gotge batte '). ®ie contra tabulas bonorum possessio 
aber lieb bie ©ermächtniffe für bie conjunctae personac jroar in ber 
Sieget befteljen , jebod) nicht in bem gatte , wenn bie conjuncta persona 
felbet bie B. P. nachfudjte •). 

$ie Sionette nun (priemt bie ©üttigleit ber ©ermächtniffe offne alte 
©infdjränfung aus, unb hinreidfjenbe ©rünbe, ben altgemeinen Stubbrucf 
beS ©efetseS ju befctjränten, giebt eS nidft. ®enn baß ber ©efefcgeber 
n)af)tfcf)einlicb ben hier jur gotge ftefjenben galt gar nicht uor Singen 
hatte unb ihn nietteicht nach bem für bie contra tabulas B. P. geltenben 
Siechte entfliehen haben mürbe, roenn er batan gebacht hätte, rechtfertigt 
eine Sieftrittiö^gnterprelation nicht, gnbeffen beruft man fief) noch auf 
fotgenbe ©rünbe: n) eS roiberftreite bet .fionfequenj, bafj ein folcher 
Sioterbe mehr erhalten fotte, mie berjenige, ben ber Jeftierer einfefce, ba 
er hoch gegen biefen eine Siberatität habe auSüben, baS Siecht beS ©rfteren 
aber uerminbern motten; b) eS fei nicht angemeffen, baff Qernanb Vorteile 
burch ein Xeftament erhalte, roelcheS er hoch fetber impugniere s ). — S)er 
erfte ®runb ift baburch leicht ju roibertegen, baf) ja baS ©efeh ben Sitten 
beS leftiererS, foroeit berfelbe bie ©rbeSeinfefcung betrifft, für nichtig er-- 
Hört, mithin barauS auch meber für noch roiber bie ©üttigleit ber Ser-- 
mächtniffe irgenb etroaS gefolgert roerben lann. ©rhebtieffer mürbe an 
unb für fich ber jroeite ©runb fein, unb, bafj nicht erft burch bie fitage, 
fonbern burch baS ©efeh ber lefcte Sitte oernichtet mirb, mürbe hier nichts 
bebeuten, inbem ei ja boch immer oon bem ©Bitten beS Sloterben abhängt, 
ob er baS Scftament befteljen taffen roiH, ober nicht, gmmer aber ift ei 
ein blojjer ©iltigleitSgrunb, ber hier um fo roeniger gegen ben allgemeinen 
StuSbrudf beS @efe(jes( in ©etracf)t fommen tann, als eines SeitS nach bem 
früheren Siechte bie ©ermächtniffe ja überhaupt nur auSnahmSmeife unb 

1) L. 8 § 16 D. de inoff. test. — SDie SÄobififationen banon lommen 
hier nicht in betracht. SÄ. f. barüber ©lüct ©b. XXXV ©. 377 ff. 

2) L. 5 § 2 D. de legat. praest (XXXVII 5). ©. ©lüct ©b. 37 
©. 21 ff. 

3) Bar toi u 8 ad Auth. ex causa unb Baldus ad Auth. ex 
causa Cod. de lib. praeter No. 59. — © t u n t f ch t i (a. a. D. ©. 263 ff.) 
unb g ran de (a. a. 0. ©. 389), roetche ebenfalls biefer SÄeinung finb, 
legen infonbertjeit auf ben jmeiten ©runb ©emicht. 


Digitized by Google 



Siöroenftein. ©in Beitrag jur Stöfung einet flontrooerfe ic. 09 

ex jure singulari befielen blieben, anbernteil« aber bet ©efefcgeber in bet 
ßnuäbnung bet fnnterlafjung eine« SlermächtniffeS ohne ©tbe«einfe(jung 
(cap. 5 pr.) gewifi eine ieijr nahe SJeranlaffung fanb, biefen ißunft anberS 
ju beftimmen , folglich barauS , baf> bieö nicht gefchah , roohl gesoffen 
roetben batf, er h“6e e§ h* er bei ber allgemeinen $3eftimmung beroenben 
taffen wollen. Tarum oerbient benn alfo, — wenigftenS nach einer ftrengen 
unb lonfequenten Xh ec> tie, bie Meinung ben Sorjug, baß bet Sloterbe bie 
ihm felber hiuterlaffenen SSermächtniffe fotbetn biltfe •)." 

33on ben neueren fRedhtSlehrern [leben auf bem Stanb= 
punft oon 3JiiibIenbrudb SG a n 9 e r 0 ro , Sßanb. § 485, © i n= 
t e n i § , S}5anb. § 199 Sinnt. 2, SlrnbtS in SßeiSfeS 9iechtS= 
lepifon 33b. 8 ©. 153, Schmibt, Sloterbenrecht ©. 180, 
u. 31., auf bem 33 l un t f d) l i = g rQ nc * e ’ Khen ©tanbpunft: 
SBinbfcheib, fpanb. § 591 bet unb in 91ote 16, ®eriu 
bürg, spanb. 53b. 3 § 154 sub 2, neuefte 4. Slufl. ©. 309, u. 31. 

III. SBenn eS ftd) nun barum hunbelt, ben roabren Sinn 
beS ©efefceS im gemeinen 9ted)t ju eruieren, fo ift 

1) »or allem bie grage oufjuroerfen, ob benn toirflicf) Der 
SBortlaut ber fJtooeHe (für. fid^ allein betradjtet) bie Slnftd)t 
ftü§t, baß auch bie bent «erlebten 'Jioterben oermad)ten Legate 
(biefen Slusbrud hier ftets int roeiteren, auch bie Uniuerfaloermäd)t= 
niffe untfaffenben Sinn gebraust) im JaHe ber Umftoßung ber 
©rbeinfefcung aufrecht erbalten bleiben. Ss ift jitjugeben, bafj 
baS ©efeß felbft einen bireften, auSbriicflichen llnterfchieb nicht 
macht, unb baß auch ber oben angeführte, oon 2)oneUus aus 
bem Wortlaut gezogene Schluß fein jroingenber ift. ^Dagegen 
ift ber SBortlaut oon cap 3, § 14 ber Slooelle gegen ben Schluß 
ins Sluge ju faßen. S3?enn es hier Reifet, baß bie (Srben oer = 
pflichtet finb, baS bezüglich ber Segate ic. im SEeftament 
5?erorbnete „impleri, iisque darejubemus, quibus relicta 
sunt, quasi ab hac parte testamentum non eversum valeat“ 


1) ©cffon unter ben ©loffatoren toat biefe (frage ftteitig (f. bie 9tc= 
curftfdje ©loffe ad L. 4 Cod. de lib. praet. v. totius substantiae Ql. 5). 
Sie meiften behaupteten ©iiltigfeit folcher Segate. 2)aS ©egenteil aber, 
welches freilich aufjer ber Analogie ber früheren ÄechtSbeftimmungen auch 
bie SSiKigfeit für fich h at » erflärt A. Gail (observ. pract. Lib. II c. Li 
Nr. 6) für bie gemeine Meinung 

7 * 


Digitized by Google 



100 


Slbfjanblung : 


(»gl. aud) bie ©erroeifung ßietauf in cap IV § 9), fo lönnen 
biefe SBorte naturgemäß uicßt anbers oerftanben werben, al4 
baß eä fidß ßier nid)t um ein 9t e d) t be3 9toterben , ba3 ißtn 
auSgefeßte £egat jii bemalten, ionbern um eine fßf ließt jur 
21 u 3 j a ß 1 u u g b. ß. an dritte, melden ber ©rbe baäjenige geben 
muß, was jenen ber (Srblaffer als l'egat jc. ßinterlaffen ßat, 
ßanbelt. frnttc Quftinian aud) ben gall im 2luge gehabt, baß 
aucß bas bem übergangenen unb in golge ber 9ie*cijfion be-S 
^EeftamentS junt 3nteftaterben geworbenen 9toterben »ermacßte 
Segat au$jube}aßlen fei, mit attbern SBorten, baß ficß nunmeßr 
baö Segat in ein ifkälegat oerwanble unb bentgemäß, foferu es 
ftd) um ben auf bie ©rbsportion be* üioterben fallenben Seil 
beS SegatS ßattble, basfelbe nichtig fei fo ßätte er ficß gan$ 
anberä au^brüden muffen unb fidler aud) ganj anbers au^ge= 
briidt. ©o ßeißt eS benn aucß in cap. III § 14 »or bem zitier- 
ten ©dßluß, baß bie enterbten Jtinber „ad hereditatem 
parentum ab intestato aequis partibus“ gelangen unb es 
ift, wenn in bem unmittelbar barauffolgenben ©aß »on ben aus-- 
äubejaßlenben Legaten bie 9tebe ift, aud) ßiernad) ber©d)luß naße= 
liegenb, baß bie SBorte : „sur elterlichen ©rbfdßaft" gelangen, 
eine bewußte ©efcßvänfung unb einen bewußten Oiegenfaß ju 
ben (an dritte ju bejaßlenben) Legaten bilben. — ®amit fällt 
aber »on felbft bie $auptftiiße ber gegenteiligen 21nfid)t. 

2) 3m 3>ifammenßang bannt fteßt ber Umftanb, baß 3» : 
ftinian ju gleicher 3eit unb iit berfelben 9to»elle 115 nicht bloß 
über baS formelle 9toter6enred)t, fonbern aud) über bas (ma= 
terieUe) ißflidßtteilSrecßt berfelben fßerfonen unb jroar 
pofiti» unb fogar grammatitalifcß anfniipfenb an bas formelle 
’Jtoterbenrecßt ©eftimmungen getroffen ßat (Nov. 115 cap. 5). 
2Benn man nun aud» bie 2lnficßt ©ernburgs* 1 ), moitacß, 
weil für bie ©orfcßriften 3uftmianS, ®esjenbenten unb 2ls$en= 
benten mit einer Grbeinfeßung ju ehren „in ®eutfcßlanb jebe 
©mpftnbung feßle", jebe leßtwittige 3 urae,l buitg an ben ®eö- 
jenbenten ober ülSjenbenten genüge unb nacß ber gemeinred)t= 
ließen fßraytö im 3n>eifel als eine ©rbeseinießung, euentuell auf 
1) Sßinbfdjeib, § 627 bei unb in 9iote 3. 


Digitized by Google 



Söioenftein, ®iit SBeitrng jur Söfumj einer Äontrouerfs sc. 101 

eine beftimmte ©adje anjufe^en fei, tt>enn inan, fage ich, auch biefe 
2lnficht Wernburgs, rocldje baei pofitipe 9te<ht nicht auslegt, 
fonbern ju forrigieren oerfudtjt, aU »iel ju weit gehenb anfehett 
mufi, fo ift bod) auf ber aubern ©eite fo oiel fidjer, bafe bas* 
SiuHitätäf^fiem beä neueften ^Mfttnianeifd^en 9iedht3 „fiel) mit 
bem 3noffijiofität$ft)ftem ganj nahe berührt" *). 2Benn roeiter 
bem formellen 9ioterbenredht burd) (Srbeinfefcung auf eine ress 
certa, 3. $1. auf einen 91ing, ©eniige geieiftet mirb, uub roemt 
in einem foldjen galt ®eöjeubenten uub Släjenbenten bloß Gr= 
gäii3ung ihres Pflichtteils oeriangen tonnen, in melden fie 
n a d) 9tooeüenredt)t bie ijjneit o e r f dh a f f t e n '-8 e r = 
inädhtniffe einsuredinen tjaben*), fo mürbe bei 9ln- 
nafmte ber anbertt Süifidjt bie Ungeheuerlid)teit entfielen, bafj 
im $all ber Verlegung beS formellen 9toterbenred)t^ ber 'Jloterbe 
bie ihm oerfchafften Segate nidjt in feinen ^flid^tteil eit^urecl); 
nen tjabe, fonbern baneben bemalten biirfe ! ®a§ i^uftinian bei 
ber fo engen Perbiitbung beiber 9*orfd)rifteu in einem uub beim 
ielbett ©efefc einer berartigen, bie fchroerften materiellen folgen 
nad) fid) jietienben Qnfonfequens fich follte fd^ulbig gemacht 
haben, ift bod) jtdherlidj nidjt anjunehmen, 3umat ba bie $oU 
gerung für 3eben fofort unb aufjerorbentlid) nahe lag. 9tet)men 
mir ben gall : (Sin 33ater hat 2 Kinber unb ein Vermögen »ott 
40 000 9)1., beftejjenb in einem ©efchäftShauS im 'Bert »01t 
20000 9)1. unb in 20000 9)1. Kapitalien. 3[n feinem Ueftament 
fetjt er ben ©ohn A, melier Beamter ift, junt @rben ein unb 
roeift if)m bie 20 000 9)1. Kapitalien 3U, bem ©ohn B, welcher 
Kaufmann ift unb baS ©efd)äft*haus übernehmen foH, oermacht 
er teueres traft auSbrüdflühen unb unstneifel^aften SegatS (baS 
Bort allein märe ja nicht entfdheibenb 4 ) — unb überfielt ihn 
jum (Srben einsufefcen. 91un mürbe nadh ber gegenteiligen 9ln- 
fidjt B, roenn er baS fEeftament als nichtig anficht, fein &auS 

1) ^ianb. Söb. 3 § 153 sub 2, 4. Sufi. S. 306 u ff., 

2) 3Binbfdf)eib, § 591 bei unb in 9tote 13. 

3) 3B inbf $ e ib , § 5S8 bei unb in 9tote 2, unb grandte bafelbft 
citiert 

4) »gl. 3Bin bf djeib, § 546 bei 9tote 7 unb 8. 


Digitized by Google 



102 


atbtjanblung : 


befallen unb feinem Vruber ooit beffen Erbäportion 10 000 3Jf. 
tnegne^men ! ! (gm gafl ^ ec Slnroenbung ber Kobijiflarflauiel 
würbe aEerbing$ eine erfjeblidje EJlilberung eintreten). — 2>a3 
eine fjierljer gehörige, oben angeführte Argument ÜJlühlen = 
b r u d) 3 oerfetirt ftcb atfo in ba3 ©egenteil. 

3. Vor aDeni entfdbeibenb erachte ich aber foigenbe Er= 
wägung: 3Bie ein roter gaben jieht )'t<h burch bie ganje rö= 
mifd)=re<htliche Sehre oon beit lehtwifligen Verfügungen ber ali= 
gemeine, leiteube ©ah hinburd), bafe noch niehr al3 bei ber 
SluSlegung unb 2lufred)terhaltung ber Verträge (wobei eben; 
faEö in erfter Sinie bie gntention bet Kontrahenten ma&gebettb 
ift), ber SBiEe be3 £eftator3 ju erforfchen unb, foweit nicht eine 
fpejieEe lex cogens entgegeufteht, aufrecht ju erhalten ift '). 

Slun ift e3 wenigftenS für bie Siegel unb in Ermangelung 
befonberer, im einjelnen 2lu3nahm$faE entgegenftehenber 2lw 
haltSpunfte nnbenfbar, bag ein Seftator, welker einen Sloterben 
auöbrüctlich enterbt ober wiffentlid) präteriert, bemfelben aber 
ein Segat juwenbet, ben präfumticen SBiEen gehabt haben foE, 
einem folcben Sloterben, wenn er gegen ba3 Seftament Erbe 
wirb, bennoch ba3 Segat jujuwenben. E3 ift in einem fob 
eben gaE ©ah« bes Vebadjten, wenn j. V. ba3 Segat bebeutenb 
ift, e3 fidh SU überlegen, ob er fidt) nicht bannt begnügen wiU, 
bejw. ob er nid)t bamit fogar beffer fährt. greilidh fagtSJlühlew 
bruch an ber oben angeführten ©teEe, ba* ©efe| erftäre ja ben 
SBiEen be3 £eftator3, foweit er bie ®rbeinfe$ung betrifft, für 
nichtig, unb e3 fönne mithin barau3 auch weber für noch rniber 
bie ©iiltigfeit ber Vennächtuiffe irgettb etwaio gefolgert werben. 
fDiefer Einwanb trifft aber nicht ben Kern ber ©ad)e. $er SBiEe 
be3 SCeftatorS ift ober wirb oielntehr freilich in Vetreff ber Erb= 
einfefjung nichtig unb e3 fhenft ba3 ©efeh bem SBiEen infoweit 
feine Veadhtung. ®ie grage ift aber aEein bie, ob ber £eftator 

1) L. 12 D. de R. J. 50,17, L. 24 D. de reb. dub. 34,5, L. 9 §5 
D. de her. inst. 28,5, äBinbfdfeib § 546 Nr. 1 unb bie Sitate bafetbft, 
tDernburg, ^Sanb., 33b. 3 § 78 bei unb in 9tote 9, SRütjlenbru($ 
bei @lüd 33b. 38 ©. 44t unb ff. unb fpejieU, nm§ bie roürttemb ißrariä 
betrifft, roiirtt. 3atjrbü<f>er Sb. 1 ©.8 unb roürtt. ütrdjiu Sb. 22 ©.362 


Digitized by Google 



2 ö io e ii ft e i n, ©in Beitrag jur 2öfung einer Äontrooerfe jc. 103 

füt ben gaß, baff er biefe Sßirfung beS ©efeßeS oorauSgefeheu 
ober eoentuett ins Sluge gefafet hätte, beni 'Jloterben baS Üegat 
jugeroenbet haben roiirbe unb ob eS bemgemäfi feinem eoen= 
tueßen SBiflen entfpricbt, einem jur ©rbfdjaft bennod) gegen 
feinen SBißeit berufenen baS Segat jujtiroenben. (Sine berartige 
©rgänjung ber teftamentarifdjen Verfügung beS (SrblafferS alb 
in feinem, roenn auch nicht auSgefprodjenen, fo hoch oermu» 
t e t e n SBiUen gelegen, ift ja aud) fonft mel)rfa<h in ben öueflen 
als ftatt^aft erflärt '). 2luf baS gleidje fHefultat fommt man 
übrigens and) oon einem anbern ©efidjtSpunft aus : ®ie beiben 
Verfügungen beS ®eftators laffen fidh näntlid) in Vbficht auf 
befien en t f che ib enb e 2B ille nSri cßtun g nicht trennen, 
fonbern finb einheitliche unb f e i n e m 3Ö i 1 1 e n g e itt ä ß i n n e r - 
lieh äufarn menhänge nbe. 

gäßt alfo bie eine traft ©efeßes, fo tnufi bie anbere eben= 
falls unb jroar gemäß beS o er muteten SBillenS bes 
fEejtatorS fallen (ogl. audh hierher baS oben sub. 2. aufge= 
führte SBeifpiel einer teftamentarifchen Verfügung), gür biefe 
Ülnfcbauung (äfft fid) überbieS noch fpejietl bie ratio legis ('Jio- 
oefle 115) anfül;ren. ®enn bie Veftimmung ber leßteren, roo= 
und) im ©egenfaß sum Sjknbeftenrecßt, baS im gaße ber bon. 
poss. contra tabulas bloß einjelne Legate aufrecht erhielt 1 2 3 ), 
nunmehr aße Segate unb fonftige ähnliche Veitimmungen bes 
(SrblafferS aufrecht erhalten roerben 3 ), fann ihren inneren ©runb 
bloß barin haben, baß ber SBiße beS fEeftatorS, foroeit berfelbe 
nicht bireft gegen baS formeße 9loterbenred)t oerftöfjt, möglidhft 
aufredht erhalten roerben foß. Von biefem ©efichtSpunft aus 
finb aud) unter aßen Umftänben bie oon ben Verteibigern biefer 
Slnfdhauung angeführten sflanbeftenfteßen, inSbefonbere L. 5 § 2 
D. de leg. praest. 37,5 oon erheblicher Vebeutung, roenn man 
auch, roaS aßerbingS jroeifelhaft ift, bahiit gefteßt fein läfet, ob 

1) ogl. j. S. L. 36 pr. C. de inoff. test. 3,28, unb bap SB i n b f cf) ei b , 
§ 582 Kr. 6. 

2) äBinbfdjeib, § 577 bei Kr. 7. 

3) ogl. Ifwrü&er inSbefonbere bie prägnante Seftimmung in Kooeüe 
115 cap IV § 9 in ben “Borten : sin autem quid etc. 


Digitized by Google 



104 


^Ibbanblung : 


biefe ©efeße^ftelleit nad) bem neueren (:'tooeUero) 9ted)t unb ab 
gelöft oon bem jedenfalls btircf) bie Sonette antiquierten 3nfti= 
tut ber bon. poss. contra tab., im fßrinjip roenigftenS nod) for- 
mell qefeßlidje Alraft Ijaben. Syenit roenn Ulpiau l)ier tagt: 
omnibus autem liberis praestari legata Praetor voluit, ex- 
ceptis bis liberis, qnibns bonorum possessionem Praetor de- 
dit ex causis supra scriptis ; nam si dedit bonorum posses- 
sionem, non putat legatormn eos persecutionem habere. Cou- 
stituere igitur apud se debet, utrum contra tabulas bonorum 
possessionem petat, an vero legatum persequatur: si elegerit 
contra tabulas, non habebit legatum, si legatum elegerit. eo 
jure utimur, ne petat bonorum jtossessionem contra tabulas, 
io tritt hierin foiootil bie Sichtung nor bem präfumtinen 9BiHen 
be$ Xeftators, roie ber gefunbe 9)tenfd)enoerftanb unb 
ba3 feine juriftifdte ©efiibl be3 römifd)en 9tid) = 
terä unb 9tedjt3gelef)rten flar 511 Sage. 

diod) f>eute gilt in biefer Jöejietjung, roas 9luntf$Ii *) 
oon ben römifdjen ^uriften fagt, baß fie nicht abgöttifd) ben 
ftarren '-Budptaben b eä ®efeße$ oerefprteit unb ilpu ben ©eift 
bes 9led)t$ opferten unb baß fie mit Jug bie l e b e 11 b i g e 
©tim m e b e $ 9t e d) t i beißen a ). 3lud) mir haben feinen 
©runb, roenn je auch fonft nidjtd für bie t)ier uerteibigte 2ln= 
fid)t fpredten roürbe, bem Äaifer Quftinian eine gefeßlicfje '.Be* 
ftimmung ju fuppottieren, bie mit bem gefunben 2J?enfdjenper= 
ftanb ebenfo felg', roie mit ber juriftifdjen Alonfegueiij im SBiber- 
fprucb fid) befinden roürbe :1 ). 

IV. ©ine befonbere ©rörterung erheifdjt bei galt, roenn 
neben bem bie Serleßung jur ©eltung bringenben 9foterben nod) 
roeitere, mit bemfetben gleichberechtigte 3 nteftaterben, roeldje 
aber feine 'Jtoterben finb, oorljanben finb. ©$ entftelp hier bie 
$rage, ob biefe ^nteftaterben im ^aHe ber Umftoßuug be$ Xefta; 

1) in feiner oben entminten Schrift (6. 04). 

2) $gl aud) ebenbafelbft ©. 206 . 

3) Kgl aud) bub urfprünglirfje betr. prätorifd)e @bift, baS in ber L 1 
pr. I). He le«r. praest. 37,5 fid) nicht »ollftcinbig finbet, bei 9)iüi)ten- 

t ud) in Öliictb ^ianb , 33b. 37 ©.21, oornäm id) bet lefcte oafj biefeS ©biftä. 


Digitized by Google 



2 ö wen ft ei ii, (Sin Seitrag tur 2Sfung einer Slontrooerfe ic. 105 

ntentö burd» ben oerlebten 'JJoterben, faE3 fle toirflid) bie Erb* 
fdiaft aud) ab intestato antreten, bte ihnen im Seftament au-i- 
lieferten 9>ermäd)tniffe noch befonber3 baneben bemalten ober 
nicht. ®iefe grage toar in betn Eingangs sub I ertoä^nten 
9fed)tSfaÜ praftifd), ba (nad) betn unten sub V noch ju eriual)= 
itenben toiirtt. ißartifularredit) neben ber Butter als Erbin and) 
brei ©efdjiuifter ber oerftorbenen ©hefrau als gleidjberechtigte 
gnteftaterben bie Erbfd>aft angetreten Ratten. 93om Stanbpunft 
beS gemeinen 9ted)t3 bebarf btefe grage bann feiner Erörterung, 
toenn man annimmt, bafj bie üionelle 115 baS fog. 3nofftjio= 
fitätSfpftem ober baS Stiftern oerfolge, tuonad) erft unb blof; 
öurd) bie Erflärung beS 'Jfoterben, oon feinem 'Itoterbenrecht 
©ebraud) machen ju toolleit, bie gnteftaterbfolge unb jtoav bloß 
iu ©unften beS betnerften 'Jloterben eintrete '). stimmt man 
aber 'Jtidjtigfeit beS fEeftamentS bejiiglid) ber ©rbeiitfefjung über; 
l)aupt in ber einen ober anbern 3lrt toegen ^etlebung beS 'Jlot- 
erbeitred)13 an (eine Erörterung biefer Streitfrage fällt außer- 
halb beS Mahnten* biefer 2lbb«nbhmg), toie bieS aud) fcitens 
bes 3teid)Sgerid)t3 gefdhiefjt a ), fo ift bie Erörterung fetter grage 
nid)t 31 t umgeben, geh nehme feinen Stnftanb, bie grage baljitt 
ju eutfd)eiben, bat? in einem fold)en gnE bie gnteftaterben iiber= 
haupt unb iticfjt bloß bie Moterben bie ibtten im angegriffenen 
£eftament befonberS au 3 gefef 5 tcu ilerntäcbtniffe neben ihrer gtt= 
teftatportion nicht oerlangeit föttnen. 3)enn bie sub III. 2 . 
uttb 3. oben ansgeführten ©rünbe paffen ooEftänbig audb auf 
btefen gafl, inSbefonbere ift aud) hier ber präfumtioe Sille be$ 
ErblafferS entfcbeibenb. MEerbitigS paßt ber eine auch iitattd)= 
fad) für bie richtige Olnfidjt ins gelb geführte ©runb, baß ber= 
jenige, toelcber ein fEeftament impttgttiere, ttid)t toiirbig fei, tnel)r 
31 t erhalten, als ber int Seftantent eingefeßte, nid)t auf biefett 
gafl. 2lEein biefen ©runb halte id), foferu er fich nicht auf 
ben Siüen bes Xeftator^ ftii( 5 t, überhaupt für unrichtig, ba ber 

1) Sgt. hierüber Setnbutg, Sb. 3 § 154 sub c. t. Stuft. S. 310 
SBinbfcfjeib, § 591 sub cl, bei unb in St. 12—15. 

2) (Sntfdfeibungen Sb. 11 ©. 231 u. ff- u. über bie oerfdjiebenen 
Stlfteme SSinbfcheib, § 591 sub a— d. 


Digitized by Google 



106 


ätbEjanblung : 


Angriff eiiiess oerlejjten 'Jloterben auf baS SEeftament fein Siecht 
ift. 3<h habe beim auch biefen ©ruttb sub III. nicht ange= 
fü^rt. — SDlait fann beni auch nid^t entgegenhalten, baff ja bie 
'Jtidhtigfeit ber ©cbeinfeßuug ohne ben SBitten jener ©rben t;er= 
beigeführt merbe. 3)emt es ftebt benfelben ftets frei, ben 3n= 
halt be$ JeftamentS auch bezüglich ber ©rbeinfefcung itjrerfeits 
gegenüber oon ben Sleftainentserben auSbrücflich anjuerfennen, 
nioburcb bewirft roirb, bah baS Seftantent, fotoeit es fidh um 
it»re Snteftaterbteile fjanbeit, {ebenfalls praftifd) in Äraft bleibt *). 
Unb eS mag biebei and) noch auf bie auS bem iffanbeftenrecht 
hergenommene , jutreffenbe Sinologie fjingeroiefen merben, roo- 
nad) berjenige, roeld)er nicht traft eigenen StedbtS, fonbern com- 
misso per alium edicto bie bonoram possessio contra tabulas 
ju agnoSjieren berechtigt mar, auch blojj bie SBatjl fjatte, ob 
et bie ©rbfchaft antreten (bie b. p. c. t. agnoSjieren), ober baS 
ihm auSgefejste Segat erwerben rooHte*). 

V. 2BaS baS roürttembergifche l$artifutarred)t be= 
trifft, fo ift folgenbeS ju bemerten : ®aS roürttembergifche £aub= 
re^t hat befanntlid) im roefentlichen baS fogeit. gemifchte ©ip 
ftem *) aboptiert, roonadj, roenn bie oorgefdiriebene gorm im 
Teftamcnt nicht eingehalten ift, Slichtigfeit oon Slnfang an 
oorhanben ift, im $aHe ber förmlichen ©nterbung, roenn ber 
©nterbungSgrunb nicht oorhanben ober nicht erroeislid) ift, aber 
Slnfechtung mittelft ber QuoffiäiofitätSqucrel ftattfinbet, in beibeit 
gälten aber abgefehen oon ber ©rbeseinfehung ber übrige $n= 
halt beS ITeftamentS aufrecht erhalten bleibt 4 ). 

23on ben ©bhriftfteUern, welche baS roürttembergifcbe Siecht 
abhanbeln, berührt meines SBiffenS feiner bie oben erörterte 
Streitfrage. ©3 ift aber nt. ©., toenn je bezüglich beS gemeinen 
9ied)t3 noch ein 3w > eifel übrig bleiben foHte, {ebenfalls barüber 
fein groeifet möglich, bah baS roürttembergifche ßanbrecht p o = 

1) Sllinbfch eib, § 566, auch 585 Bei unb in Sir. 3. 

2) g ran de, 9ioterbenred)t ©. 136, 137, 146 unb bie oben ciüerte 
L. 5 § 2 D. de leg. praest. 37,5. 

8) Söinbfdjeib, § 591 Bei unb in 'Jiote 5. 

4) S.'anbred)t III t. 14 § 2, t. 17 § 3, 5, t. 18 § 8, t. 20 § 9. 


Digitized by Google 



Säroenftein, ©in Beitrag )ur üöfung einet flontrooerfe jc. 107 


fitio auf bem ©tanbpunft ber hier oerteibigten 2lnfid)t fteht. 
©djott oben sub II. würbe bargelegt, baff jur 3eit ber ©nta; 
nierung bed 1. Sanbredjtä biefe 2lnfid)t bie communis opinio 
war. Vor allem mar bie$ auch bei benjenigen 3ied)t3gclehrten 
ber gall, welche bet ber 2lbfaffung beä wiirttembergifcheH £anb= 
rechte tljätig toareit. Unb ei haben benn auch biefelben ihrer 
Meinung in bett Vorarbeiten 3 um Sanbrecbt beutlich uttb mehr; 
fad) 2lu3brucf gegeben. Qdj Fann in biefer ©ejief)ung ftatt alles 
©eiteren auf $ab er = ®d)l ofj ber ge r, ÜanbrechtSaften @.394 
unb ©. 403 u. ff. »erweitern ©afelbft toerben bie einfchlägigen 
(ipäteren) £anbred)t*paragraphen, in^befonbere SCeil 3 t 20 § 9 
auSbriicflich abgef)anbelt unb es wirb hier iitSbefonbere auf 
VartoluS unb Öail Vejug genommen, welche, mie mir oben ge= 
fefjeit haben, gerabe ju ben £>auptoerteibigern ber (bamald 
herrfchenben) 2Inficht gehörten. 9)ian Fann auch mit gug fagett, 
bafi bie Verfallet be>3 ÜanbrechtS biefe ihre Meinung aud) im 
üanbrechtstert felbft juni 2lu$brucf gebradjt haben. ©euit 
roenn es im Sanbrecht ©eil 3 t 17 § 5 heifst, baff bie enterbte 
fßerfon mit anberu ©rben ab intestato $ur ©rbfdjaft ju= 
gelaffen roerbe unb rneiter: „2Ba£ aber außerhalb ber (Srb= 

faßung in einem folgen ©eftament ber Segaten haßer unb 
fünften oerorbnet, ftnb bie ©rben nichts befto weniger ju 
o o 1 1 3 i e h e ii fdjulbig", fo Fann nach bem geroöhnlidjen unb 
natürlichen Sprachgebrauch (ogl. aud; hierüber oben sub III., 1.) 
blo§ eine2luflage ©ritten gegenüber barunter oerftanben werben 2 ). 

2) ©oroof)l 9t ii h t e n b r u in bet oben angeführten 9lote 51, wie 
auch gaber»©chloj}berger, ©. 104 eitleren ® a i l falfdi. 2>a$ 
richtige ©itat inufi Reifee« : Gail otmerv. praet. l,ib. 11 observ. 113 Nr. 6. 


Digitized by Google 



TV. 

fHtsjelleit. 

1 Subniig Kljlattbs £bt)okatcn=fsamen. 

9luö ben Elften be3 $ QufHjminifteriumS mitgeteilt oon 
Vanbgericf)t3rat Sdjroab in Stuttgart. 

Am 4. Auguft 1808 fatn bei bem Suftijminifterium in ©tutt= 
gart eine an ben Äöitig gerichtete ©ingabe com 31. 1808 

ein, tuorinber „Juris Candidatus Johann Subroig Ufjtanb, coit 
Tübingen gebürtig, ©obn beS llnioerfitätS^SefretariuS llblaitb" 
unter Beilegung eines 3eugniffeS ber Tübinger 3uriften^a!ul-- 
tat „aflenmtertfjanigft um 3ul<tffung $um Abcofatem ©ramen 
unb fobaitn um allergnäbigfte Aufnahme unter bie Äöniglidjen 
Aboofaten" bittet. 3n bem 3engni3 ber ^uriften^afultät com 
8. 3uli 1808 ift bezeugt, baß „foerr Juris Candidatus Johann 
Subroig Uhlattb, oon Tübingen gebürtig, toähreitb feines eiert = 
halbjährigen juribifcfjeit ÄurfuS bie SBorlefungen über ©ncpflo* 
paebie unb üftetfjobologie, Aaturredjt, ^nftitutionen, fReidjS« 
©efd)id)te, Baubeiten, ©ncpflopaebie ber ©taatSroiffenfdjaft, 
aH.euteineS ©taatSredjt, peinliches Siecht, £e^en--9tecbt, geiftlicheS 
9tedjt, SBürttembergifcheS ißricatredbt, ben ßonfurS, audß ein 
praftifdheS mit Ausarbeitungen cerbunbeneS Kollegium fleißig 
befucht, überhaupt neben einer oorjügtid) guten Aufführung 
feine afabemifdje ©tubien mit ausnehmenbem ftletße getrieben, 
unb in ben non Uns mit iljme corgenomutenen beiben Exa- 
minibus pro gradu gute juribifdje ßenntniffe gezeigt habe". 

Som 3uftijinini|lerium mürbe fofort baS „©rhibitum" beS 
AedhtSfanbibaten Uhlanb ben Obertribunalräten con ©Ifäßer') 

1) ©tojjuaier (mütterltcfjerfeitäj beS ®itf|terö 3Bilf)elm §auff. 


Digitized by Google 



& th io a b , i'ubroig Urlaub« ■älBoofaten-@iramfn. 


109 


unb non ©ifcnbadh in Tübingen zugefertigt, um baS gefeßlidie 
Stboofateii ßfamen mit bent „©upplifanten" norzunehmen unb 
über baS Stefultat unter 2lnfdhlufj bcr ©raminationSaften 23e= 
rid^t 511 erftatten. 

3>n SluSfiihrung biefeS Auftrags mürben bem .«anbibaten 
bie 9lppeHationS=2lften non SBaiblittgen in ©acheit ber flönig: 
lid^en Dberftnanjfmnmer ca bie .fjjäberten’fche ©antmajfe jur 
Slbfaffung eines rechtlichen SteiponfumS, foroie bie 2lppelIationS-- 
Sitten non Umd) SJenjenöber ca SHeid) jur Fertigung ber ^ro= 
jeftichriften als ©adpnalter beiber ®eile zugeftellt. ferner mürbe 
ihm eine Hnjahl fd>riftlid)er ^Rechtsfragen übergeben, roeldie er 
in ber Äanjlei ju beantworten h fl U e / unb enblid) mürbe er 
noch non beiben ©faminatoren münblid) geprüft. 

®er ©jaminator non ©iienbach legte bem Äanbibaten 18 
fdjrittlichc fragen * n lateinifcher Sprache nor. (Praenobilissimo 
Domino Juris Candidato Jolianni Ludovico Uhland, Tubingensi, 
aet. 21, proponit quasdam Juris Quaestiones, ab eo justis 
responsionibus v. latina v. germanica lingua excipiendas, 
Dr. Joh. Fried, de Eisenbach). ®ie Slntmorten UhlanbS 
(ad quaestiones generosissimi Dni de Eisenbach) finb gleidp 
falls in lateinifcher ©pradhe abgefaßt. ’JJtit SluSnahme non 
breien, auf baS &riminalred)t, ben 3ioilprozeß unb bas roiirt- 
tembergifdje ijjtioatredft bezüglichen fragen finb fämtliche, teih 
meife ausführlich, beantmortet. ©inige öeifpiele mögen ange= 
führt fein. 

Qu. 3. ad qu. 3. 


Querela inofficiosi testa- 
nienti fratribus datur, si 
turpis persona ipsis praelat.a 
— quaeritur : quibus ? 


Germanis et consanguineis, 
penitus autem arcentur ute- 
rini. 


Qu. 4. 

At ! Quid iuris , si sirnul 
turpis et honesta persona in- 
stitutae sunt ? An cessat 
querela nec ne ? 


ad qu. 4. 

Haud cessat querela, et est 
issingularis ille casus, quocui 
ex testamento et ab intestato 
sirnul succeditur. 


Digitized by Google 



110 


SHtäcette : 


Qu. 5. 

Si patre mortuo a noverca 
gravida hereditatem petunt 
paternam filii — quot partes 
utero in terimservandaesunt,si 
speratur posthmnus frater vel 
soror una cum iam natis patri 
succeduri? 

Qu. 6 

Quomodo differt fidejussor 
succedaneus a fidejussore in- 
deiunitatis ? 


Qu. 17. 

Quis in negotio cambiali 
dicitur Remittens, quis Tras- 
sans, quis Praesentans et quis 
Acceptans? 


ad qu. 5. 

Reservautur utero tres par- 
tes, poterat. enim fieri , ut 
tergeinini nascerentur. 


ad. qu. 6. 

Fidejussor succedaneus est 
ad id tantum obligatus, quod 
is , pro quo ille fidejubet, 
principaliter debet. — Fide- 
jussor indemnitatis auteni 
orune damnum, quod debitoris 
dolo culpave creditori emer- 
gere posset, suscipit. 

ad. qu. 17. 

Trassans est, qui edit 
cambium trassatum. 

Remittens, qui illud a 
Trassante accipit, numerata 
quam dicunt, Valuta. 

Praesentans, qui cam- 
bium ad acceptationem pro- 
ponit, sive is sit Remittens, 
sive Indossatarius. 

Acceptans, qui pecu- 
niam cambialem se soluturum 
promittit, et id in ipso cam- 
bio testatur, et potest is esse 
vel Trassatus vel Acceptans 
pro honore. 


Digitized by Google 



©dfitpab, Subit>ig Ulpanbg ilb»ofalenä@jonien. 


111 


Sind) »on ben fettend beS CframinatorS »on (Slfäfcer in 
beutjdier Sprache »orgelegten, »on bem Manbibaten fämtlih 
beantroorteten gragen mögen einige folgen : 


(frage 6. 

ffiirb ber canon erbost, 
roenn ber ager emphyteuticus 
burch 3 u i®Üe, j. 2Wu»ion, 
erroeitert roirb? 

Stage 12. 

2BaS mu& bei ber Sabung 
in bem gei»öf)nlid)en biirger= 
lidjen ^rojefs roefentlid) beob- 
achtet roerben? 


(frage 14. 

2BaS bejeidpiet ber 2luS= 
bruef argumento legis? 


grage 6. 

®er canon roirb nid)t cr= 
böljt, roeil er nicht in compen- 
sationem fructuum , fonbetlt 
in recognitionem dominii di- 
recti fonftituiert ift. 

3u grage 12. 

®ie Sabung muff ben Flamen 
unb (Stjarafter beS 23orjulaben= 
ben, bie 21bfid)t, rooju er ci- 
tiert roirb, bie 3«*/ toann er 
erfcheitten foll, unb bie 58enen= 
nung beS ©erichteS, »or baS 
et gelaben mirb, enthalten. 

3u grage 14. 

$en Sd>lu6 aus ben 33er= 
orbnungeit eine» ©efefjeS auf 
analoge fHehtSoerhältniffe. 


$aS »on Ufjlanb ausgearbeitete rechtliche 9tefp-on = 
fum (50 goliofeiten) gelangt nach einer ausführlichen ®ar= 
ftellung ber „faftifchen Umftiinbe unb projeffualifchen 9Herhanb= 
luitgen" unb nach eingehenber rechtlicher SBiirbigung ju bem ©r= 
gebniS: ,,©S möchte biefem 2lHem nach ben ifkrthieen ju er= 
öffnen fepn folgenbe 

U r t h e l : 

gn Sadhen 9teh tenS ftd) haltenb jmifhen königlicher 
0ber=ginan^Äammer, gntplorantin an einem, gegen Qafob 
SJlergenthaler »on ^pohnacfer, SSaiblinger DberamtS, als ge= 
rihtlih oerorbneten ©iiterpfleger beS ©altljaS ^äberlen »on 
bat, geroefenen &errfhaftlid)en JpofgutbeftänberS ju |>ochborf, 


Digitized by Google 



112 


OTiäcelle : 


^mploroten ant anbern SL^eif, wirb hiernit nach allem geridtt- 
Itc^en Vorbringen unb erfolgter ülftenoerfeubung burd) Urthel 
äu 9ied)t erfannt : 

baff Äöniglid)e Oberginanj Kammer mit ber eingetlagten 
gorberung wegen rüdftänbiger Veftanbfrudht a 735 ft. 7 fr. 
famt VerjugSjinfen jur jpälfte aus bcr tQäberlenfchen 6oncur3= 
tnaffe 511 beliebigen, unb bamil in tHiidficht ber ©pecials fo= 
n>ol)l al$ ©cneral-«f)t}potl;ef unter bie geridjtlichcn 
gläubiger in bie britte (Stoffe 511 lociren, mit ber anbern Hälfte 
aber an ba>3 Vermögen ber (Sijefrau ju oerroeifen, and) lefctere 
in subsidiiini für bie gaitje gorberuug $u haften fdjulbig 
feye, wohingegen bie ©antfuratel » 01 t ber weitern 3 ntereffe= 
forberung ä 2413 fl. 7 fr. fowie non ben fReifefoften ä 9 fl. 
24 fr. gänjlid) abfoloiert wirb , bie Verfenbungäfoften aber 
non jebem Xljeil pr Hälfte 511 tragen finb. 

V. 9t. SB." 

3n ber 91cd)teifad)e jwifcben Daniel Venjenöber, Viirger 
meifter unb Äronenwirth ju@ro3glattba<h, S’RSen unb 2l3cXen, 
unb Johann ©eorg 9teid), 9tath«uerwanbten unb s J)teöger 311 
Urach, 32lSeu unb 9lSen, betreffenb bie ©ewät)rfd)aft für ein 
erfaufte^ Vf er b, in welcher ©ache her Äanbibat bie r 0 5 e fi = 
fünften ber Sachwalter beiber Seile ju fertigen batte, 
bilbeu ben Veginit bie ©chriftfähe in puncto legitiraationis per- 
sonarum et justificationis forinalium appellatiouis. Flamen 
beS 3» l Ploranten unb Stppellanten „erfcheint in Unterthänigfeit 
ber Dbertribunalsprofurator Xitind, beridjtigt bie ßegitimation 
fum V ro i e 6 burch bie mit einem ©tempelbogeit uerfehene, in 
Unterthänigfeit 311 überreichenbe Vollmacht, welche bern ©egen- 
theile bereite extrajudicialiter mitgetheilt worben, unb ift bei* 
gegnerifdjen ©rfdheinenS gewärtig." ©egen ben Vefdjeib be§ 
©tabtgerichtä Urach »om 6 - 21prü 1803 , woburch bie Ä'lage 
abgewiefen worben war, „appeüirte 39tX burch einen gehörig 
legitimirten 2lim»alt am 13 . 2lpril 1803 oor bem actuario ju- 
dicii unb einem bei ber Urthel gefeffenen 9itchter an ba3 ba= 
malige jperjogliche &ofgericht unb bat um 2lu3fertigung ber 


Digitized by Google 



® ct) n> a b , l’ubnng lUjlanbS Jtbtiofaten.-fframeH. 


113 


Sitten. $iefe legte berfelbe auf bie ben 3. SJiag 1803 erfolgte 
©enunciation ben 18. beSfelbcn StonatS famt ber £are bei ber 
bamaligen (S!>urfnrftlid)en 4jofgerid)t$=@fpebition ein unb be= 
obadjtete foitadb alle geiefelidje gönnen ber Slppellation. ®a 
überbiefe biefe fRechtSfadhe ber SlppellationSfumme nach allen 
bingS an ba# ehemalige |>ofgeridbt erwacfefen war, nunmehr aber 
an ein ilijniglid) höcbftprei'MicheS DberappeHationStribunal ge= 
roiefen worben, fo rechtfertigt fich burch biefeS 2lHe§ bie 2lp- 
pellation hinlänglich unb ber Sl'JtSäfche Sachwalter richtet bem= 
nach an biefeS hbchfte Tribunal bie unterthänigfte Sitte, im 
ißunft ber görmlidjfeiten ju erfennen, 
bafe gegenwärtige Sache an biefeS .Königlich &öchftpteislid)e 
DberappeHationStribunal erwadjfen unb bafeer anjunehmen 
fege. 

3fn ber .öauptfacbe reprobujirt ber SlSlXifche fßrofurator 
bie bereits extrajudicialiter eingereicfete Sefd)werbe=2luSführung 
mit ber untertänigen Sitte, nach oorgängiger Serhanblung fo 
ju erfennen, mie barin gebeten worben. 

Snb imploratione humillima etc." 

2tu<h ber Sachwalter be$ gntploraten unb SlppeHaten, Oben 
tribunalSprofurator SajuS, legitimirt fich burcfe SoHmacfet, 
wenbet gegen bie gotmalieit ber Slppellation nichts ein unb fiin= 
bigt an, er werbe, „falls biefe Slppellation nicht wegen et= 
mangetnber Sefhroerben fogleidj oerworfen werben foHte, in 
Unterthänigfeit geigen, baß bie etwaigen Scfdjwerben ganj un= 
erheblich fegen", worauf er um gnäbigfte Sltitteilung bes eiitge= 
fommenen ©ranatoriallibeUS jufeiner ©yceptionalhanblung bittet. 

®ie „unterthänigfte Sefhmerbefiihrung" beS flägetifchen 
Sachwalters lautet: 

„ßöuigliöh -höchftpreiSliches DberappellationStribunal ! 

3n ber StedhtSfache :c. erliefe baS wohllöbliche Stabtgericht 
ju Urach am 6. Slpril 1803 einen Sefheib, burch welken fich 
ber %9l% feh* befcfewert unb ju Ergreifung beS ^Rechtsmittels 
ber Slppellation bewogen fanb. 3)er unterjeicfenete oon bem 
SISlSen Senjenöber beftellte Slnwalt hofft nun burch gegen- 
wärtige Schrift baS ©raoirenbe biefes ftabtgericf}tlichen Se= 

Oaljtbüdiet für iüürttemberg. 9ied}l«t>fleg«. VIII. 1 8 


Digitized by Google 



114 


ÜÄiäceKe: 


fcfjeibeS in baö erforberlidje Lid)t ju fe^en, «nb roirb übrigens 
nid^t ermangeln, bie Legitimation foroohl. als bie ^(uftiftfation 
ber Normalien unb gatalien ber 2lppeHation an bem hieju aller: 
gnäbigft anberaumten Termin su berichtigen. 

@S »erhält [ich aber mit biefer SRechtSftreitigfeit auf fol = 
genbe 2Beife: 

2lm 28. gebruar faufte ber 2121$ ®enjenöber »on bem 
2l2en [Reich auf bem .ftirchheimer SRarft ein breifährigeS fchroar}= 
braunes SBaHadjenpferb um ben ißreiS »on 79 fl. 45 fr, mo= 
»on feboch 21212: jur Sicherheit für gehler 2 (SarolinS auf 14 
2age jurücfbehielt. 2lad)bem fich nun innerhalb biefer 3 e >l 
fein gehler an bem ipferbe gegeigt hatte, fo fchicfte er baS 5 uriicf= 
behaltene ©elb am 14. -Dlärj an 2lXen unb fdjrieb babei, bah 
er bis bahin feinen gehler an bem ißferbe gefunben. 

2Wein am 23. 3Jfärg erfranfte baS ißferb, roooon 21212: 
ben ÜBiehbefchauern ju ©roSglattbad) fogleid) bie Slngeige machte 
unb »on ihnen noch an bemfelben 2age eine Urfunbe auSgefteHt 
erhielt, in ber fie bezeugten, baff baS ififerb fehr franf fepe 
unb in furjer 3«* frepiren bürfte , ohne bah fich jeboch be-- 
ftimmen liehe, roorin eigentlich bie Äranf heit beS fßferbeS beftünbe. 

®iefe Urfunbe fchicfte 21212: burch ©rpreffen an 2l2en ab, 
mit beigefügter fchriftlicher 2lufforberung, entroeber felbft nach 
©roSglattbach ju fommen unb baS fronte ißferb ju beaugem 
fcheinigen, ober bod) fchriftliche 2lm»eifung ju geben, roaS mit 
bem ißferbe ju machen fepe. ®emt ba fotcheS noch in ber ©e= 
mähr ftehe, fo muffe bem 23erfäufer felbft am meiften barau 
liegen, baS hefte ju mahlen. 

®iefeS Schreiben farnt Urfunbe mürbe 2l2en am 24. 2)iärj 
infinuirt, morauf berfetbe bie 2lntroort erteilte, 21212: möchte baS 
^iferb geroiffenhaft beforgen, unb menn eS nicht beffer roerbe, 
ihm am nächften Sotentage 2lachricht baooit geben; roorin fich 
auch 21212 nicht fäurnig finben lieh, foitbern gurücffdjrieb, bah 
bie Äranfheit beS fßferbeS eher ju= als abnehme, meines 
Schreiben feboch 212 nie mit einer Sglbe beantroortete. 

©ei ftd) »erfchlimmernben Umftänben beS ifJferbeS mürbe 
2t2l2en unterm 2. 2lpril eine roeitere Urfunbe ber ©roSglatt: 


Digitized by Google 



6d)roaf>, S'uöroifl lUjlanbä $It>»ofoten=Gramen, 115 

badßer Viehbefcßauer auSgeftellt unb barin bezeugt: baß, ob 
man gleich alle bienüche Hauäsntittel gebraucht, ba$ Vferb bem 
noch oon Sag ju Sag fränfer geroorben fetje, fo baß e$ nicht 
nur mit gatij uitgeroöhnlichcm llnrath aus ber Vafe beioffen 
roorben, fonbern auch einen fo Übeln ©eruch oon fich gegeben, 
baß eg nicht au^uhalten geioefen. Siefen ifMerb feijc baßer, 
bamit nid>t beä QnhaberS anbere Vferbe, roie auch ©aftpferbe, 
baoon angeftecft toürben, bemfelben aub bem Stalle gefprodjen 
unb am BO. ÜJtärj bem Äleemeifter ju Vaihingen in bie itur 
gegeben luorben. Veitjenöber ^abe übrigend mäßrenb biefer 
Äranfheit nicht nur bad ifSferb nicht brauchen tonnen, fonbern 
fepe aud) genöt^igt geroefen, ein anbred ^Bferb, bad gu bem er 
franften jum 3uge befteüt mar, muffig ju laffen, rooburch er an 
gehöriger Veftellung feiner gelbgefchäfte feßr gcßinbert roorben. 

©cßou am folgenben Sage nach 2ludftellung biefer Urtunbe, 
neßmlich am 3. 3lpril, frepierte bas Vferb unb ed rourbe ba= 
burch eine britte Urfunbe oeranlaßt, roorin bie Vaißinger 9ioß= 
fcßau unter bemfelben 3. Stpril bezeugte, baß bad frepirte s }5fetb 
fogleid) in ißrer ©egenroart geöffnet roorben unb fi<h babei er= 
geben habe, baß folcßed 

1. ganj ^eräfd^läc^tig unb 

2. ganj lungenfaul geroefen fege. 

2lld ^iercmf 91VS oon 2lSen ben bezahlten JlauffchiUing 
billigermaßen juriicfoerlangt, biefer aber fid) nidht bajn oer 
ftanben hotte, fo trat Venjenöber am 6. 2lpril oor rooßllöb- 
Ücßem ©tabtgericßt ju Urach flagenb auf unb fteüte oor : baß, 
ba bad ißfetb an einem Hauptmangel Irepirt fege, ber fich inner- 
halb ber gefehlten ©eroährjeit geäußert habe, er ben Ver- 
läufer Gleich für oerbunben halte, ben bejahten itauffchilling 
mit 79 fl. 45 fr. jurücfjugeben, fo roie auch bie roegen ber 
Äranfheit bed IfSferbed unb roegen ber Älage gehabten Auslagen 
ju erftatten. 306^*^ übergab er bie oon ben dtoßbefcßauern 
ju ©lattbacß unb Vaihingen audgeftellten Urfunben, burcß bie 
er feine Älage faftifch begrünbete. 

^mplorat brachte ßiegegen oerfcßiebene Sludflüdßte oor, bie 
eine genauere Prüfung fcßroerlich audßalten möchten. Dennoch 


Digitized by Google 



116 


«««cette : 


aber fanb fich gesell alles ©rwarten baS Stabtgeridht bewogen 
einen Befdheib beS gnhaltS 5 U erlaffen : 

„baß bie gorberung beS klüger« unftatthaft fepe, unb baßer 
„ber Beflagte entbunben unb loSgeiprocßen fepn folle". 

®urcß biefen abfolutorifdjeit Befcßeib glaubt nun SIStS fe^r 
befdßwert ju fepn unb ift noch immer ber Meinung, baß feine 
gorberung beftenS begrünbet fepe, unb jwar in folgenben 
fRiidfichten : 

1. $as frepirte ißferb mar tjerjfcbfäe^tig unb lungenfaul, 
alfo mit einem non ben Hauptmängeln behaftet gewefen, welche 
nadß bem ©enerabfRefcript b.b. 17. gebr. 1767 ben Berfäufer 
jur ©emäßrleiftung »erbinblidß machen. 

2. S>aS ißferb erfranfte fdhon am 23. SRärs fehr bebettb 
lieh, alfo nodß ganj innerhalb ber bureß baSfelbc ©efeß für 
jenen gehler beftimntten ©ewäßrjeit non 4 Sßocßen unb 3 Sagen. 

3. ©S tarnt SlfHSen feinerlei Scßulb ober Berfäutnniß 
weber »or, nod) nach ausgebrochener Jlranfßeit jur Saft gelegt 
werben. BefonberS in leßterer Hütficht hat er nicht nur gleich 
bafür geforgt, baß bie bienlichen H QU ® m ittel angewanbt würben, 
unb bem Berfäufer in mbglichfter Schnelle non bem ©rfranfen 
beS ijJferbeS Stadjricht erteilt, fonbern auch, alö ihm baS ijiferb 
aus bem Stalle gefprodhen worben, foldhes einem gefehlten 
Äleemeifter in bie Äur gegeben. 

4. SlHe »oit SlBSeit $u bemeifeitbeit fattifchen Umftänbe 
finb burdh Beibringung glaubwtirbiger Urtunben außer gmeifel 
gefegt. 

Surcß biefeS Silles glaubt ber Unterjeühnete hittlänglich 
bargethan ju haben, baß 2191S ju gttnidforberung beS itauf= 
fcßillingS »ollfommen beredjigt mar unb ift. ®a iiberbieß in 
foldhen gäHen ber Bertäufer bem Käufer auch bie auf bie Sache 
»erwanbten Unfoften ju erftatten fdhulbig ift, — indemnis 
enim emtor debet discedere .... 

L. 27 ff. de aedil. ed. 

Hofadel' Princ. Jur. Civ. Rom. Germ. T. III § 1930 — 
auch 2191S bureb bie ungerechte Steigerung beS SISen ju einem 
Sloftenaufwanb wegen ber Silage in erfter gnftaitj genöthigt 


Digitized by Google 



Sc^ui ab, i'ubnrig Urlaubs ‘JlbPofatemfSrameii. 117 

raorbcn, fo möchte 21 X bem 2l9ti£en aüerbing-3 auch bie roegen 
bet Stranfbeit unb roegen befagter Mlage gemalten Auslagen, 
lueldje laut anliegenber Serzeidbniffe 33eil. A unb B fid) auf 
33 ft. belaufen, zu erftatten haben. 

©‘3 ergebet bemnad) an ein Jlöniglicb &öd)|'tpreiSlidbe§ Ober; 
appeHationätribunal beS unter zeichneten 2l'Jt3:ifd)en SlnroaltS 
untertt)änigfte Sitte, 

ju erfennen unb ju fpredjcn, baff in uorliegenber Sache übel 
gefproeben unb roobl appellirt, unb bie ©enten 3 ooriger 3n= 
ftanj babin zu refonniren fepe, baß 21SC bem Sl'Jt^en ben 
bezahlten Äauffdbitling mit 79 fl. 45 fr. jurüdjujabten, aud; 
bie roegen ber Äranfbeit bes '^ferbes unb roegen ber Älage 
in erfter ^nftauj gehabten Auslagen ju erfetjen, unb über= 
biejj fämmtlidje ijkocefffoften jroeiter ^nftanj z u tragen, 
f<bulbig unb »erbunben fepe. 

Desuper etc. 

oerbarre i<b 

eines Königlich .'pödfftpreisticben 
Tübingen, b.b. OberappettationStribunalS 

untertbänigfter 

Gone: 3- & Ublanb. ObertribunalSprofurator 

f£itiu3, 

als 2t'Jt£ifcber ©aebroatter." 

.fpiegegen lautet ber „uutertbänigfte ©inrebefatz" ©a<b= 
roalterä beS Seflagten folgettbermafzen: 

„Königlich |>öcbftprei3li<hesS DberappellationStribunal! 

®er Unterzeichnete Slnroalt beS i^mploraten unb 2l£en, 3o= 
bann ©eorg flieicb »on Urach, ftattet für bie gnäbigfte 9Jtit= 
teilung ber gegnerifdben Sefcbroerbefdfrift feinen untertbänigften 
®anf ab unb beantroortet biefelbe mit golgenbem: 

@£ ift jinar in ber 2X9i5£ifd&en ©dbrift ber Serlauf ber 
©a<be im Allgemeinen richtig norgetragen, aud) ber Inhalt ber 
Urfunben, gegen beren Aecbtbeit nichts einzuroenben, nach ber 
Sßabrbeit angegeben: in gn?ei fünften jebodb mufe ber Unter- 
Zeid)nete ber gegnerifdben ©efdjidbtSerjäbtung roiberfprecbeit. 
2121% b^ nebmlidb feineSroegS bas ©Treiben bes 2II£en beant-- 


Digitized by Google 



118 


9HSceIIe : 


mortet, roeldheS biefer auf erhaltene Dlacfericht tioit bem ©rftanfcn 
be$ s }>ferbe3 an 21912; erliefe, unb worin er biefen aufforberte, 
wenn eä mit bem iflferbe nicht beffer mürbe, ifem am nädhften 
iöotentag Diadhricht baoon ju geben; oielmehr tiefe 21912; bi$ 
nach bem 2:obe be£ ^ferbeö nichts mehr oon fich hören. Unb 
bann waren bie ber fl tage in erfter Qnftanz entgegengefefcten 
©inreben feiiteSroegS mutige 2lu$flüdhte, roie man fie2l912:ifcber 
©eit3 ju bezeichnen beliebt, oieltnehr mären e3 ©rünbe oom 
gröfeten ©eroidht, burdh bie ein roohllöblicheS ©tabtgeridjt fid) 
beroogen fanb für beit 33eflagten ju fprechen, unb burch bie er 
auch in zweiter gnftanz ben Sieg zu erlangen hofft- 

2Ba3 nun aber bie oom 2l912:ifdhen Sadiroalter au3 biefer 
©efdhicht^erjählung unb ben ermähnten Urtunben gemalte 2)e= 
buftion betrifft, fo hat er zroar allerbiitgS bie fünfte ridhtig 
bezeid)ttet, auf roelcfee e<S bei 23eurteilung biefer Sadhe oorjüg= 
lieh anfommt, hiegegen ift baSjenige, wa$ er über jeben biefer 
fßunfte oorträgt, oon ber 2lrt, bafe fich gerabe im ©egenttjeil 
mit leichter -Blühe zeigen läfet, bafe 

1. roeber bas ißferb an einem in bem ©efefee beftimmten 
Hauptmangel frepirt ift, noch 

2. bie ©eroäferzeit 21912: noch ju Statten fommen fann, 
noch auch 

3. 21912; bie gehörige Sorgfalt auf baä Eranfe $ferb oer= 
roaubt noch enblidh 

4. bie Urfunbett baö bemeifen, roaä man 2l912üfdher SeitS 
baburdj bemeifen roiH. 

2öa3 nun ben erften fßunft betrifft, fo behauptet ber 
2l912;ifche Sadhroalter, baS iflferb fei;e bei ber ©röffnung herz- 
fdhlädhtig unb lungenfaul befunben roorben, unb will biefe burch 
bie Urfunbe ber SSaihinger SSiehfchau bemeifen. 

21or allen 25ingen ift hier baS Uebel ber Siungenfäule ab= 
Zufonbern, benn ba biefe nicht unter ben im ©eneraUfftefcript 
oom 17. gebr. 1767 beftimmten Hauptmängeln ber^ferbe auf- 
gezählt ift, fo fann fie, roo oott ©emährleifiuttg bie Diebe ift, 
in Eeinen 2lnfchlag Eoinmen. 

2Saö aber bie Herzfdhlädhtigfeit anbelangt, auf bie allein 


Digitized by Google 



£<f)roab, ?ubtt>ig lUjlanbss Slbuofaten-Sjamen. 119 

hier ein ©emid^t ju legen roäre, fo fann eS §unt 53eroeife ber= 
felben nicht ^inret^en, bafj eine lanbftäbtifdje 33iehfd»au, ber 
man roofjl fd>roerlich ben G^arafter ber llntrüglid>feit beilegen 
biirfte, im Hlügemeinen auSfagt : baS fege bei ber ©röff= 
iiung ^erjicfjläcbtig gefunben roorben, ohne bag fie irgenb ein 
flerfmal angäbe, roorauS fie biefe ^erjfc^lä^tigfeit erfannt 
habe. ©ine folcfje Hingabe ber einjelnen ÜDierfntale märe aber 
liier, um ju einem fidherti iHefultat ju gelangen, um fo not= 
roenbiger geroefen, als eines £eils baS HBort : ^erjfc^läc^tigfeit 
fehr oerfdjieben gebraust roirb unb fiel) baburd) ganj ju einem 
HluSfunftSmittel für bie Htofjbefchauer eignet, toenn fie eigent= 
lid) nid^t roiffen, roorin baS Uebel liegt, anbern XljeilS bie 
Äennjeic^en biefer Äranf^eit nach bem $obe f)öd^ft bunfel 
unb ungeroijj finb. 

SCeutfc^e ©ncgclopäbie, 13. H3anb p. 668. 

HBoHte man aber bie grage aufroerfen : ob nicht etroa aus 
ben oor bem £ o b e erfdbienenen unb urfunblid) aufgejeidfp 
neten ÜDlerftnalen bie Htatur ber ftranfheit auSgemittelt werben 
fönne? fo gibt bieg gerabe baS fidherfte HJlittel an bie Jpanb, 
bie Hingabe ber Hlaihinger Htogfchau, als märe baS ißferb 
hetjfchlächtig geroefen, in ihrer oößigen Unglaubroürbigleit 
barjuftellen. 

©S finb neljmlicb in ber Belehrung, bie in ber 3Jfarggraf= 
fdjaft H3aben, in (Betreff ber oberroähnten mit HBirtemberg unb 
ben bamaligen 33orbetöftreid)if<hen Sanben uerglichenen S3er= 
orbnung, befannt gemacht rourbe, 

tfapff, Sammlung dperj: SBirtemb.Serorbnungen im Hlrdj. S.51 1 ff. 
unb roeldje einen fehr brauchbaren ©ommentar ju jenem ©efeg 
auSmadd, bie 3ei<hen ber |>erjfchlä<htig!eit auf folgenbe SBeife 
angegeben : 

„(Bei biefer Atranf^eit ift ber Sltljem furj unb laut, mit 
„oieler Bejdhroerbe, ja beinahe mit ber ©efaljr beS ©rfticfenS 
„oerfnüpft, befonberS roenn baS ijlferb oorljer (laubiges gutter 
„gefreffeti hat; ber duften ift nicht immer in gleidh ^ol>em 
„©rab mit bem engen Hlthem oerbunben, oft aber ift bei 
„jebem Hltheniholen, au jeher Seite ber plante nach ben Hüppen 


Digitized by Google 



120 


Wliäcelte : 


„ju, eine Stieme, bie non ben ©cbmieben ©djnur genannt 
„mirb, ju bemerfen". 

2Benn man nun bie non ben Viehfdjauern j U ©rogglatU 
bad) noch bei Seben beg Vferbeg auggeftellten beibeu Urfunben 
betrautet, fo finbet fidb in ber erften, uom 23. ÜJiärj, burd)* 
aug fein Sfterfmal ber Äranfßeit aufgejeichnet, unb bie 5>iel;= 
fdbauer mußten, nad) i^rer eigenen Vetnerfung, nod) nid)t ju 
beftimmen, morin eigentlich bie Äranfheit befteße, in ber ^weiten, 
uom 2. ülpril, aber finb bie 3ei<h en ber Äranfheit beg ^ferbe» 
babin angegeben 

„baß es nicht nur mit alljugeroöhnlidbem (?) Itnratb unb 
„c. v. Stob beioffen rourbe aug ber Vaie, fonbern aud) fo 
„einen ungeroöhnlicbeu ©eftanf oon fidb gab, baß eg nicht 
„jum Slugfteßen mar." 

Vergleicht man ^iemit bie angeführten 3eidjen ber ^erj= 
fcßlächtigfeit, fo ergiebt fidb, baff bie in ber Urfunbe befdjrie* 
bene Äranfheit auch nidbt ©in fDterfmal mit ber He^fchlächtig: 
feit gemein habe, oielmebr ein Uebel ganj anberet 2lrt ge= 
mefen feijn muffe, baber auch in biefer Urfunbe mit feiner ©plbe 
ber £erjfdbfäcbtigfeit ermähnt mirb. 

Unter biefen Umftänben muß bie oberflächlkhe, mit nichts 
belegte 2lngabe ber Vaißinger Viebfchau, alg märe bag Vfei'b 
bei ber ©röffnung berjfcfiläcbtig gefuitben morben, burdßaug aßen 
©tauben oerlieren, unb eg fel)lt mithin gänjlid) au betn Ve= 
roeife, baß bag ißferb mit einem in bem ©efeße aufge^a^lteii 
Hauptmangel behaftet geroefen fepe. 

2. 2lber auch angenommen, jebocb feineemegg jugegebett, 
bag s #ferb hätte an einem gefeßlidben Hauptmangel gelitten, fo 
märe 2lf£ benttodb barum ju feiner ©eroährleiftung oerbuitben, 
meil 2l9t£en bie ©emährjeit nicht mehr ju ©tatteu fommt, 
unb jtuar in boppelter Hiufidit: beim 

a) hatten bie ©ontrahenten eine fürjere ©eroährjeit, oon 
14 £agen, unter fidb auggemadbt, metdje ber gefeßlidjen bero^ 
giren mußte. ®afür aber erhielt 2X s Jf5C ben Vorteil, baß er 
für biefe 3dt jur Sicherheit megen gehler 2 ©arolüig »om 
Sfauficbilling suriicfbebatten bnrfte. innerhalb biefer oertragg; 


Digitized by Google 



wdjroab, i.'ubinig Ufjlanbs Äbuolaleu-tSramen. 121 

mäßigen ©emölirjeit jeigte fidf) nun -fo ganj fein SJlangel an 
bem Sterbe, baß 219I5E nad) ^erfluß berfelben ben juriicfbe= 
baltenen Sleft an 21 Jen abfd)icfte, mit ber aulbtiitflicben 23e; 
merfung, baß er feinen gefjler an bem ^feroe ftnbe r all bafj 
el ju treuer fei;e. 

b) aber gefegt aud), ei märe feine foldje befonbere ©e-- 
loäljrjeit aulgemadjt morben uitb el fönnte nur oott ber gefegt 
lieben uon 4 SBodjeti unb 3 Jagen f)ier Die Siebe fetjit, fo mürbe 
bieß bennod) in ber ©ad)e felbft nid)t^ änbern. Jenn wenn 
ein |>auptiuangel erft nach Sierfluß ber ©eroätjrjeit befannt 
morben xft, fo fann ber Käufer felbft bann nidfjt mel)r auf 
©ntidjäbigung flogen, roenn er aud) beroeifen fönnte, baß ber 
geiler fdmn jur bei Jfaufl ejiftirt l)abe. Sßeilljaar, 
|»anbbucb bei SBürttemb. fßrioatredjtl. 3. Jfj. § 974, 

Siun frepirte aber bal if'ferb erft am 3. 2lpril, alfo am 
brüten Jage nad) Verlauf ber gefegücben ©eroäljrjeit, unb erft 
in ber an biefem Jage über Den ßrfunb ber ©eftion aulge= 
ftellten Urfunbe roirb jum erften fötale ber £erjfd)läcf)tigfeit ge= 
badit ; benn mal bie anbern beiben 33iel)fdjau-'Urfunben betrifft, 
fo enthält bie pom 23. SJiärj, roie fdfjon ermähnt, nicfjtl all 
bie aßgemeine Sinnige oon einer Äranffjeit, bie fid) nodi nid)t 
itciljer bejeidfinen laffe, unb aud) bie §roeite, nom 2. 2tpril, ge= 
benft ber 4?erjidf)läd)tigfeit roeber aulbrüdlid^, nod) burd) 2ln= 
gäbe entfpredjenber föierfmale, mie bieß sub nro. 1 aulgefxifjrt 
morben. Ja mithin innerhalb ber gefegfid^en ©eroätjrjeit nid)t 
bal ©eringfte baoon befannt mürbe, baß bal ißferb f>ersfd)läd)= 
tig gemefen, fo fönnte felbft biefe ©eroä^rjeit bem 2l9Uen 
nimmer ju ©ut fommen. 

3. SBenn el aber aud) ber SISIJifdjen fjorberung nidjt fo 
fe^r an ben gefeßlidjen Sebingungen einer ©emä^rleiftungl= 
ßlage fehlte, fo f)ätte er fxd) fdfon baruin berfelben enthalten 
foHen, meil iljm bei ber föeßanblung bei ißfetbel eine offenbare 
culpa jur Saft fällt, rooburd) er bie Äranfßeit bei fßferbel ge= 
miß fefjr »erfdjlimmerte unb juleßt bie Siettung belfelben un= 
tnöglid) madßte. 

©I erhellt neljmlidE) aul bei 3l s Ji Jen ganzen SBeneljmen in 


Digitized by Google 



122 


SHteceHe : 


biefer ©adhe, baß er beim grlranfen be3 s J5ferbe$ gleich ben 
©orfaß faßte, bie oertragSmäfeige ©eroährjeit oon 14 '£agen 
auf bie ©eite ju fteüeu, unb 2lf£en, ber burdh biefelbe bereits 
oon aller ©erantroortlicfefeit befreit mar, roieber in bie Sache 
l;ineittäujiet)en. @r rooüte bafier, roie roenn baS ©ferb noch in 
ber ©ernähr ftiinbe, ade ©otge für basfelbe oon fic^ ableßnen 
unb biefelbe auf AXen fchieben, roie biefe aus feinem ©riefe 
oom 23. ÜJiärj beutlicfe fjernorgetjt. A;£ hätte ficb hierauf jroat 
gar nicht einjulaffen gebraucht, ba ihn baS ©ferb burcfeauS 
nichts mehr anging, roeil ihm jeboch bie fdhlimme Abjtdht beS 
AASCen aus biefem ©riefe beutlidh rourbe, fo tonnte es ihm 
nicht gleichgültig fepn, oon bern ©rfolge ber Ätranf^eit balbige 
Aachridht ju erhalten. @r fchrieb baher an AA£en, baß biefer 
ihn, roenn es mit bem ©ferbe nicht bejfer roürbe, am nächften 
©otentag baoon benachrichtigen mö<hte. AÜein AAS, ber fich 
roahrfdheinlich burch bie ©iehfcfeau41rfunbe unb bie gefcfeehene 
©erfünbigung gänjlid) gebeöft meinte, liefe nicht nur biefeS 
©dhreiben unbeantroortet, fonbern entfdfetug fich auch ader ©org= 
falt für baS ©ferb, baS er einmal als frenibeS ©ut behaitbelte, 
fo fehr, bafe er basfelbe mitten in ber Äranlheit aus feinem 
©tade fd>affte unb bem Äleemeifter ju ©aifeingen gleichfam fchon 
jur ©eute überlieferte. 

©efeßt alfö es träten felbft bie gefeßlichen ©ebingungeu 
ber ©eroährleiftung in bem oorliegeuben §ade ein, fo roürbe 
bocfe A£ für biefe feine grofee ©ernadhläffigung, rooburdh er bie 
Stellung beS ©ferbeS unmöglich machte, tenent fepn: 

L. 31 § 12 ff. de aedil. ed. 

unb es mürben hierauf für A$en Ansprüche entfpringen, bie 
fich mit ber Älagc auf 3urüdbejahlung beS ÄauffcfeidingS leicht 
lompenfiren möchten. 

4. SBaS enblidh bie oon AA£en angejogenen Urfunben ber 
Stofebefcßauer ju ©roSglattbacfe unb ©aihingen anbelangt, fo ift 
im ©orfeergehenben hinlänglich unb oon jebet befonberS gejeigt 
roorben, bafe biefelben, roenn man auch ihre Aedtfheit nicht in Abrebe 
jiefet, teineSroegS baS beroeifen, roaS AASE baburdß beroeifen rooüte. 

®a nun bur<h biefe Ausführungen ber ^»auptanfpruch bes 


Digitized by Google 



S<f>ioab, Xlubioig U^lanbS 9lbttotatem@jainen. 123 

ä'JlfEeit auf beS ifauffd)illings als in jeber 

Slüdficbt unftattbaft erfdjeint, fo tterlieren eben baniit auch bic 
accefforifcbett gorberungen alle ©onfiftenj, unb ber unterjeicb= 
iiete 2lXifdje 2lnioalt richtet baber an ein königlich jpöcbftpreiS= 
liebes OberappellationStribunal bie untertbänigfte 33itte: 
ju erfennen unb ju fpredjen, baß in oorliegenber ated^tofadje 
loobl gefptoeben, übel appellirt roorben, unb bet Sefcbeib 
erfter Qnftanj uad) feinem ganzen 3nljalt ju fonfirmiren, audb 
m% alle 'flrojefffoften jmeiter ^nftanj ju tragen fcbulbig 
unb oerbunben fege. 

Sub imploratione consueta humillima 

uerbarre id) 

eines ßönigtüb &öcbftpreiSlid)en 
Tübingen, b.b. OberappellationStribunalS 

untertbänigfter 

Gone.: 3- S. Urlaub. DbertribunalSprofurator GafuS, 

als 2l$if<ber 2tnroalt." 

es folgen nun noch 9teptif= unb ©uplifbanbluitg, motin 
beibe ^arteioertreter ihre feitberigen 9ted)tSauSfübrungeu er= 
gänjen unb jutn ©ebluffe: „sub clausula nisi quid novi jum 
richterlichen ©prudf btttterfeßen." 

3n bem unterm 6. Oftober 1808 an ben Äbnig erftatteten 
öeridjt beS Dbertribunals in Tübingen l ) bei&t <3 fobann, bafi 
bie ©paminatoren in ben „fcbriftlicben, jur alierbödbften ©infiebt 
in Uutertbänigfeit aitgefdbloffenen 2luffäfcen foroobl, als auch in 
ber miinblidb mit bem ßanbibaten oorgenommenett Prüfung 
füllte Öeroeife feiner ©infiebt, ©efebieflitbfeit unb ©eroanbtbeit 
in bem ©efdbäftsftile gefunben haben, baff fie fein 33ebenfen 
tragen, bemfelben baS ißräbifat ber jroeiten .ülaffe — oorjüg; 
lidb gut — beijulegen unb ibn für ooHfommen mürbig ju halten, 
in bie $abl ber Äönigl. 9lboofaten allergnäbigft aufgenommen 
ju roerben 3 )." 

1) I’raesentes : Dbettribunalbtrettoe ®el)eimet Statt) u. ftapff ; bie 
Dbertribunalr8tl)e d. @[fäjset, Stef , gtief, d. Ganj, ». IXifenbad), Sief., 
gäbet, o. Hätte, 0 . ©djroenber 

2) Ufflanb felbft fc^teibt übet ba« Siefultat an Wart Diapet unterm 


Digitized by Google 



124 


SJiöcelle: 


hierauf ergieug unterm 14. Oftober 1808 folgenber @r= 
laß be3 ^uftijinintfteriumö an ba3 Ä. Obertribunal in Tübingen : 
„®a man auf ben ooti beut ft. Dbertribunal über bie 
Prüfung be3 9ieä)t3fanbibaten 3oh- ßubroig Ut)tanb oon 
hingen erftatteten 33eri<f)t b.b. 6. praes. 13. I. 91t. fein Ve = 
benfen finbet, biefen Äanbibaten mit bem ifSräbifat ber 2. Älaffe 
unter bie gnbl ber St. 3lboofaten aufjunefpnen, fo rotrb foldjeö 
bem ft. Obertribunal unter Siemiffion be3 ooHjogenett $eug= 
niffeS hiermit eröffnet, um wegen Verpflichtung uub ^5mmatri= 
fulitung beSjc. Ublaiib nunmehr ba3 roeiter nötige 31t uerfiigen." 

12. Dftober 1808 befdjeibeu: „allein (Sjrameii ift iiberftanben unb fo, bah 
itf) jufrieben fein fann, loeim gleich nid;t iplenbib". 4>gl i*. llljlanb S. 48. 


Digitized by Google 


I. 

(Enifcßei&tingen bcs CÖUcrlaitbcsgerid)ts. 

ß. in Straftaten. 

1 . 

flie jJulnfftgluit luirberljoltrr Beflrafung auf ftrunb lies § 14 
Hbf. 2 btt ämjjftjcfeljtt uom 8. ^pril 1874. 

$üt bte 3uläffigfeit lüieberfjolter Seftrafung bei fortgefeßter 
Serrueigerung ber Qutpfung bat fit ber Straffenat in mehreren 
©ntfteibungen auggefproten, unb jiuar junätl't in einem llr= 
teil uom 2. ®ejember 1880, ueröffentlitt im SBiirtt. ©erittg= 
blatt Sb. 18 6. 285 ff., ferner am 9. gebruar 1881 (2lnttg= 
blatt beg SJlinift. beg Innern oon 1881 S. 35) unb am 2. 
Slpril 1884 (SBürtt. 3abrbütet Sb. 1 S. 62 unb 2Bürtt. 
2lrcbio Sb. 23 S. 279). 

Qn einer (Sntfteibung uom 27. 3uni 1894 gegen 2Ji. S. 
uott in roelter ber gleite Stanbpunft eingenommen tuurbe, 
beißt e^ in ben 

© r ü n b e n : 

$ier genügt eg, nur not bemorjubeben, baß an biefent 
©rgebnig aut ber Umftanb nittg J u önbern uertnag, baß ber 
aug § 14 3lbf. 2 (mit einer für bie ©ntfteibung ber oor= 
liegenben grage unerbebliten ©inftaltung) in bag ©efefc über= 
gegangene § 16 3lbf. 2 beg (Sntnmrfg urfpriinglit einen ge= 
ringeren praftiften 2Bert gehabt bot, alg jeßt, fofern ber @nt= 
rourf in § 15 aut eine bireCte 3tuanggimpfung uorgefebeit 
batte, bie fegt roeggefaHen ift; beim eg ipritt nittg bafür. 


Digitized by Google 



126 


©ntfcßeibuttgen beä DbertanbeägericßtS. 


baß ber ©ntrourf mit 9tiicfficbt auf biefen biteften 3 roan 9 au f 
bie Slnwenbung eineö — mittclft geeigneter ©trafen ju oer* 
wirflidjenben inbireften 3roang!S t)abe oerjid^ten uitb ficß bem* 
gemäß in § 16 mit nur einmaliger SBeftrafung ber eitern habe 
begnügen roollen. ®aö ©egenteil gebt oielmeßr au3 ben Ber* 
banblungen beä 9leid^§tag^ — namentlich aus ben Sleußerungen 
be3 Slbgeorbneten ®r. Söwe in ber ©ißung nom 18. gebr. 1874 
(©tenogr. Ber. ©. 104 ©aß 2) beroor, wonach ohne irgenb 
melden 2Biberfprud) angeführt würbe, baß ber ©ntrourf jweier* 
lei Slrten non 3 roan 9 /■ nämlich einen bireften ober abfoluten 
unb einen inbireften 3roang oorfebe unb wonach nur ber erftere 
aus bem ©efeße auögefcßieben, feineewegö aber auch ber leßtere, 
welker bieburcb nur eine größere praftiicßc Bebeutung erlangte, 
aufgegeben werben wollte. ©$ läßt ficb baßer auch nicht — 
wie mitunter gefdjeßen ift — behaupten, baß bem § 16 2Ibf. 2 
beö (Entwurfs — jeßt § 14 2lbf. 2 beS ©efeßeö — burcß bie 
hier oertretene 9iecbt3anf<hauung ein anberer ©inn untergelegt 
werbe, als berfelbe urfptünglicß gehabt bat- 

3n bem ffteoifionSurteil ootn 19. gebruar 1896 gegen 
9)1. ©. »on @. ift in ben 

©r ünben 

gefügt : 2)ie Steoifion beS 2lngeflagten fonnte nicht als begrün* 
bet erachtet werben. 

©ie ftüßt fid) auf bie Behauptung, baß ba£ jjünpfgefeß 
oom 8. Slpril 1874 nur eine einmalige Beftrafung wegen Qmpf= 
entjießung gemäß § 14 2lbf. 2 be£ ©efeßeS julaffe. 

®er ©traffenat hat jebocß oon jeher, itv ftetS gleichmäßiger 
9ied)tfprechung , ben entgegengefeßten ©tanbpuuft oertreten. 
Bon biefem abjugeßen, liegt ein gegrünbeter 2lnlaß nicßt oor. 
©ine genaue Prüfung beS SmpfgeießeS nach feinem ©efamtin* 
ßalt, feinem 3wetf unb feiner ©ntfte^nngägefdßic^te, wie fie ben 
früheren entfcßeibungen ju ©runbe liegt, ergiebt, baß bie oor* 
gebrachten ©iitmenbungen nicht burcßfcblagenb ftnb. ^nöbefon* 
bere ift baran feftjußalten, baß baS Smpfgefeß fcßon im ent* 
wurf neben bem barin oorgefeßenen bireften 3roang auch einen 
inbireften 3 roan 8 — in § 4 in Berbinbuug mit § 16 2l6f. 2 


Digitized by Google 


in Straftaten. 


127 


beS (SntrourfS — ftatuiert hatte, welcher (entere roeber burcb 
bie cotn SHeidjötag befchlofjene Vefeitigung beS bireften 3waugS 
(ju »gl. übrigend § 18 9lbf. 3 beS ©efefjeS) noch burd) bie 
bem § 16 2lbf. 2 beS ©ntwurfS, je$t § 14 2lbf. 2 beS ©e= 
fe^eö, sugefejjten 9ßorte „unb troff erfolgter amtlicher 2luffot= 
Derung" in SBegfaE gebracht roerben foHte unb and) nicht in 
SBegfaE gefommen ift. $ienadh fdhreibt ber § 4 beS ©efefceS 
bie 9tad)holung ber gefeffwibrig unterbliebenen gmpfung unbe= 
bingt oor, unb t)at bie barin »orgefdhriebene griftfefjung wefenO 
lieh bie Sebeutung, bem beteiligten jur (SrfüEung biefer ^flicht 
eine angemeffene 3eit ju laffen. SLritt fobann nach Ablauf ber 
grift gemäfj § 14 2lbf. 2 beS ©efefces Veftrafung ein, fo wirb 
hieburd) aüerbingS bie bisherige, ber Vergangenheit angehörige, 
VerfäumniS gefühnt; bagegen fteljt im £inblicf auf bie jroingenbe 
Vorfdjrift beS § 4 einer abermaligen griftfefsung nebft ber in 
§ 14 2tbf. 2 beS ©efe^eä oorgefdjriebenen 2lufforberung nichts 
im 2Bege. gm gall ber abermaligen VerfäumniS trifft bie in 
§ 14 2lbf. 2 enthaltene VorauSfefjung, baff bie betreffenbe 
Verfon ber gmpfung „entjogen geblieben ift" ooit Steuern wört= 
lieh ju unb e3 ift nidht einjufehen, wie ber Veftrafung biefer 
weiteren ©efejfeSoerle&ung ber ©runbfafc ne bis in idem im 
SBege ftehen foEte. 

gm gegebenen gaE wirb bie Veftrafung beS 2lngeflagten 
auch nicht burd) ben Umftanb gehinbert, baf) bie julefft erteilte 
grift am 1. guni (1895) abgelaufen, bie hierauf gefolgte po= 
lijeilidje Straf oerfüguug aber erft am 30. (September, alfo 
nach mehr als 3.5Dlonaten erlaffen worben ift; benn ba ftd) 
bie Verpflichtung jur gmpfung über bie erteilte grift ^inau^ 
fortgefejst hat, h at bie Verjährung auch nicht mit bem 2lblauf 
biefer grift ihren Slnfang nehmen fönnen. 


Digitized by Google 



I. 

(Entfctjeibungen bes Äberlattkßgendjts. 

A. in ßioilfa djen. 


14. 

3ur fragt ber $fänbbarheit ber bcroeglidjen mit einet ,3mmo= 
bilie oerpfünbeten fugeljörungen berfelben. 3 fl für ben Anfprud) 
bcs llnttrpfanbgläubigers auf oorjugsnieife $tftiebigung aus 
bem ®tlöfe ber fugeljörungen ber f ortbeftanb bes ljijpotl)cKarifd)fn 
Jlfanbredjts an brnfelbrtt bis jur JUageerljebung crforberltdj ? 

$ie erftere grage mürbe bejaht, bie leitete »erneint 
unb ^terna«^ bem Unterpfanbgläubiger ber 6rlö8 au8 ben ihm 
mitoerpfänbeten beweglidjen Sßertinenjen »orjugäroeife juerfannt, 
gleichoiel, ob bie ^ertinenjen jufolge ber Sßfäiv 
bung oon Drt unb ©teile fortgefdjafft ober ba= 
jelbjt beiaffen mürben, au3 folgenben 

©rünben: 

1) ®a3 bem Kläger laut Sßfanbfdfjein „als bewegliche 3u= 
gehörung" ju bem ebenbafelbft befchriebenen Sttnroefen — unb 
jroar „als ©achgefamtheit" — • im ©inne ber 2lrt. 3 unb 51 
be§ roürtt. ißfanbgefe|e« oom 15. Slpril 1875 oerpfänbete „je= 
roeilige ©utäinoentar, bermalen beftehenb in 2 Äiihen zc. zc." 
roar feine gefe^lidhe, fonbern eine geroillffirte 3ugehörung 
beS in erfter Sinie oerpfänbeten liegenfdhaftlichen 2lnroefen3. 
Sßenn gleich e3 nun nach gemeinem fJtecht f. g. geroiUfürte ^er= 

3a&rbü$er für Württemberg. SRedjiSpftegr. VIII. 2 9 


Digitized by Google 



130 


©ntfcfjeibungen beä OBerlanbeSgeridjtä. 


linenjen nid)t giebt 1 ) unb im roiirtt. ißfanbgefefse nur „oon 
beroeglidjen 3u9ef)örungen" überhaupt (2lrt. 3, 2lrt. 51) unb 
„non 3u0e^örungen irgenb einer 2lrt" (2Irt. 190), nidfjt aber 
tum „geroifffürten" ißertinetijen fpejieE bie 9iebe ift, fo beftef)t 
bodf) nacf) ber 9ted)tfprecfjung ber beiben Senate be3 0berlanbe3= 
gerieft lein begri'mbeteS ©ebenfen (ju »gl. ©ofdjjer, 3 e >tfd) r - 
©b. 29 S. 110) a ) gegen ben ©runbfafj, baf? unfere ?ßfanb= 
gefefcgebung bie ©erpfänbung f. g. geroiEfürter ißertinenjen 
gelaffen E>at 3 ). — 

®e§ ©Weiteren ftef)t nad) berfelben 9te<i)tfpred;ung *) feft, 
baß bie beroeglidje Sacf)e baburdb, baß jte als 3 u & e f>örbe «inet 
Qmmobüie mit biefer »erpfänbet roirb, nad} roiirtt. 9led)t nid)t 
jur Immobilie roirb, mithin ber ißfänbnng im Sinne ber §§ 
712 ff. ber ß.iß.D. fällig ift, foroie ferner, baff bem burd^ bie 
ißfänbung gefäfjrbeten Unterpfanbägläubiger jroar fein ffiiber= 
fpruct)3red}t im Sinne be3 § 690 ber (Liß.D., roo^l aber ein 
Älagrec^t aus § 710 baf. bjro. ein ©orrang gegenüber bem 
iPfänbung-Sgläubiger nad) -Diafjgabe bet ülncieimität ber fon= 
furrierenben $ßfanbred)te jufteljt 6 ). 

2) ®entnäcf)ft ergebt fid) bie grage : 3ft für ben Slnfprud) 
au§ § 710 ber ß.iß.O. lebiglid) oorauSgefefct, baf? baS ißfanb= 
ober ©orjugäreciit be£ ©ritten jur 3eü ber ißfänbung beftanb 
ober mufe baSfelbe aud) nod£> 3 ur 3 e ü ber ftlageerliebung be^ 
ftanben liaben 8 ) ? 

rr^T®. 93b. 15 ©. 214. 

2) ©egen ben i|ier geäufjevten ^weifet f- bie ^Darlegung in ben Qaljrb. 
b. jd. SRedßäpfl. 33b. 1. ©. 23 3'ff- 1 unb SBädjter, roürtt. SfSri»atred)t 
33b. I. ©. 1107 lit. b ff. unb 33b. II. ©. 148 ff. 2). @. 

3) 3a$rb. b. i». SRec$tSpfl. I. ©. 22 ff., S. 159 ff. unb ©. 280 ff. ; 
V. ©. 171 ff., ©. 253 ff., ©. 269 ff.; VI. ©. 3 ff. 

4) 1. c. f. 280 ff.; V. 172 ff. 

5) 3u »gl. ©aupp, fiotnm. 2. 2lufl. § 710 Bei unb in SRote 15 unb 
Slnljang ©. 63 ; © e u f f., Komm, ju § 708; 9BiImoroätp = Se»p, 
Äomrn. ju §710; Song, ©acfienr. Sßac&trag ©. 63; Soffer, 3eitfd)t. 
33b. 29 ©. 98 ff., S. 259 ff., ©. 291 ff.; 33b. 31 ©. 44; 33b. 35, ©.5. 

6) ©aupp bejeidjnet e3 in Soffer a. a. 0. 33b. 29 S. 271 ff. 
aud) als bie äuffaffung beS SR e i <f| 8 g e r i df) 1 8 für preuff. 5Rec$t , baff 
mit ber Trennung ber Sßertütenjen burrf) 33oHjug ber ^fönbung bie ®ji- 


Digitized by Google 



A. in Sioilfachen. 


131 


3m engften gufamtnenljang j,j e ^ cr grage fteljt aber 
bie grage, ob, roie einerfeits behauptet roirb *), bie .Klage au§ 
§ 710 ber 6.$.D. nichts anbereä ift, al3 bie jur Verfolgung 
bes bebauten ißfanb* ober VorjugSrecfitS nad) Saube3red)t 
überhaupt gegebene Älage, oorltegeitb alfo bie $fanb£lage (a. 
hypoth.) ober ob biefelbe, roie non anberer ©eite behauptet 
roirb®), „nid)t bie fpfanbflage, fonbern eine eigentümliche pro= 
jeffre djtlidje, non ber 6. 0. neugefdjaffene Klage ift?" 

3ft nämlidj bie Klage au$ § 710 bie ipfanbflage, fo fejjt 
biefelbe felbftrebenb ein jur 3 e *t ifyrer 6rt)ebutig beftehenbe« 
fßfanbrecfit norauä unb fann norliegenb nad) 2lufi<$t beä 3lrt. 51 
beä roürtt. fßfanbgefegeä nur ©rfolg fjaben, roenn bie Dbjeftc, 
au« beren (SrlöS ber Kläger »orjugSroeife Veftiebigung oer= 
langt, jur 3eit feiner Älageerljebung (4. $an. 1896) bie @igen= 
f<haft al§ 3 u 0chörungen ber in 9tebe ftefjenben Siegenfcbaft iro<h 


ftenj be§ ipfanbrecljiS unb b a m i t bie 2lnroenbbarfeit be8 § 710 ber 
S.iß.O. fortfalte. 2ltlein bie (jiefür angeführten Sntfcheibungen (33b. 22 
0. 273, 23b. 26 S. 361 unb bei © r u cf) ot, SSeitr. 23b. 28 0. 1166) be-- 
faffen fid) nur mit ber SütberfpruchSHage auö § 690, baff biefe uon bem 
gortbeftanb beS hhpotfp 5Recf)tS an ber gepfänbelen, nicht fortgefchafften 
^ertinenj abhänge (ju »gl. übrigens bie 6ntfd). in ber jur. SBodjenfdjr. 
1886 ©. 414, roeldje nur »erlangt, bafi bie StBiberfprucfiSllage noch »or 
33erieilung beS ©rlöfeS angeftelft roerbe) unb bie 9t.©.=®ntfcf)eib. 23b. 17 
©. 326 unb Sb. 25 @. 24, nach roeldjen Sorauäfegung beS § 710 ber 
6.^3. D. fei, bah baS ^ßfanb- ober SorjugSrecht, auf ©runb beffen ber2ln= 
fprucf) auf ben ©rlös »erfolgt roerbe, jur 3«t ber ^fänbung unb be8 
SetfaufS bjro. ber Trennung »om ©runbftiid ber gepfänbeten ©achen be= 
ftanb, fprechen, ba nach preufj. 9ted)t (f. gövfter = @cciu$, 5. ilufl. 
111, § 196 S. 136) baS fpfanbredjt an fßertinenjen (anberS bei grüßten) 
erft mit ber Seräuherung roefcher eine Serpfänbung, alfo auch eine 3i»angS= 
pfünbung nicht gteißfteht. — 9t.®. bei ©rußet, Seitr. 31 ©. 432) 
unb ©ntfernung ertifcht, eher b a f ü r , bah bie ©jiftenj beS ißfanbreßtä 
jur 3«t ber iflfänbung bjro. Trennung für bie Klage aus § 710 genüge 
unb bah ber 3eitpunft ber filageerfjebung inforoeü unmahgeblich fei. 3eben= 
falls ift n i ß t entfehieben, bah für bie Klage aus § 710 in ber 3eit nach 
ber Trennung biä jur Verteilung beS ©rlöfeS tein 9taunt mehr fei. $. ©• 

1) f. Solcher, a. a. D. Sb. 29 0. 98 ff.; Sb. 31 0.43 ff.; Sb. 
35 ©. 1 ff. unb gafjrb. 0. t». 9teßtSpfl. IV. ©. 347 3*ff- HI ©• 

2) f. Soffer, a. a. D. Sb. 29 ©. 291 ff. 

9 * 


Digitized by Google 



132 


Sntfdjeibungen b ti D6ertanbe8gerid)t8. 


Ratten; bieSfaHS fäme es alfo barauf an, ob fie biefe @igen= 
fdjaft burdj bie am 31. ®ej. 1895 oom ©erid&tSooHjielier bc- 
tücrfftclligte gortfd&affung oon Ort unb ©teile oerloren fjaben 
ober ni<f)t. 

®iefe oon bem bieäfeitigen ©enate in einem ähnlichen 
^alle 1 ) »erneinte grage fann hingegen bafiingefieHt bleiben, 
wenn bie Älage aus § 710 n i d> t bie fpfanbflage, fonbern eine 
eigenartige neu gefäwffene Älage ift, roeldje fidj jroar „auf einen 
materiellen ciöilrecbtlicben SlnfprudE) grünbet, aber „unter Um= 
ftänben hefteten fann, audl) roenn ber materielle 2tnfpru(§, 
an melden bie S.fß.D. baS Älagred^t anfnüpft, überhaupt 
fein cioileS Älagred&t ober boc^ ein foWjeS nic^t gegenüber bem 
pfänbenben Seflagten begriinben mürbe*)." giir eine folc^e neu 
geraffene Sflage mochte ftdf) bie S.iß.D. ganj rooljl bamit be- 
gnügen unb ift audj ber SBortlaut beS §710 bamit ganj rooljl 
oereinbar, bajj bas mit bem $fänbungSpfanbredf)t fonfurrierenbe 
$fattb= ober 33oräugSredf)t, an roeldfjeS fie (bie ©.$.0.) i lj r £lag= 
redfjt nur anfnüpft, minbeftenS jur3eitber5ßorna^me 
ber fßfänbung noch beftanb. 

8) ®afür nun, baff bie 5tlage aus § 710 ©.iß.D. 9licf)tS 
anbereS als bie ^ßfanbffage fei, roirb fiel) Ijauptfäd^lidf) auf beit 
2lbf. 3. beS § 710 unb auf bie ©orte „feinen ülnfprudj" in 
2lbf. 1 bafelbft berufen unb gefagt: „@S ift biefetbe Älage, ber= 
„felbe SKnfprud), ber gegen ben betreibenben ©laubiger unb ber 
„gegen ben ©d^ulbner gerietet roirb; gegen ben ©d?ulbiter (b. I». 
„ben ©d&ulbner beS fpfänbungSpfanbgläubigerS, roelcb’ erfterer 
„nidjt notroenbig attcl) ©dfjulbner beS UnterpfanbgläubigerS fein 
„muff) fann aber ber UnterpfanbSgtäubiger fdf)(ed)terbingS feine 
„anbere Älage, als bie ißfattbflage ergeben, alfo ift audl) bie 
„Iflage gegen ben fßfänbungSpfanbgläubiger feine anbere, als 
„bie ißfanbflage, nur mit ber ©efonberljeit, bafe fie liier nid&t, 
„rote fonft, auf Verausgabe ber oerpfänbeten ©adbe, fonbertt 
„nur auf ooräugSroeife Sefriebigung auS bem ©rlöfe . . . ge= 
„rietet ift." ®amit fei aber feine neue Älage gefcfjaffen, fonbertt 

1) f. biefe 3a^tb. Sb. V. 6. 171. 

2) f. Soffer, a. o. D. Sb. 29 6. 292. 


Digitized by Google 



A. in Sioilfadjen. 


133 


nur ber ulten Älage eine neue, unoeränberte Stiftung unb nicht 
bloß gegen ben ©dmlbner, fonbern auch gegen bereit $fänbung3= 
pfanbgläubiger gegeben ')■ 

ferner wirb gefugt 4 ): 3 roQr befcfjtänfe ber § 710 einer* 
feitS ben Slnfprucb auf bie SDauer bei 3 roai, 9 gt) °flft re( f im 0' 3s 
oerfabrenS unb erweitere if)n anbererfeitä burdb ein Älagredjt 
gegen ben ©läubiger unb ©dbulbner jugleicb, auch oeränbere 
er ben Snljalt be3 2lnfpru<bs infofern, alä er einerfeitä nur 
oorjugSweife SBefriebigung auä bem @rlöfe biete, anbererfeitä 
aber bie betagte gorberung ähnlich bem § 58 ber Äonf.D. be= 
fjanble, wie wenn fie fällig märe u n b ei laffefid^ ^ienad^ 
nidjt bejroeifeln, baß bie in § 710 genannte Älage 
in biefer @ef efceSftelle felbft einen £eil ihrer 
cinilr entliehen ©runblagen finbe. ©benfo gemifj 
aber fei anbererfeitä, baff ber burdj bie ißfänbung begrünbete 
(projeferedbtli^e) 3uftanb allein ben 2lnfpru<b nidE»t beruorbringe, 
bafj ei trofc aller ÜJtobififationen baä junor beftanbene fubjef- 
tioe ^ßrioatredjt fei, welches ber Kläger im ©ewanbe beS § 710 
oerfolge. SBiirbe nun ein ißfanbreebt genügen, welches im 9)to* 
ment ber ipfänbung befianben fyabe, fo märe ber ßlaggrunb 
wohl nichts anbereS, als bie bureb ben ißfänbungSaft eingetre* 
tene SBernicfjtung beS binglicfjen fltecbts, mithin ein (übrigens 
jeitlidb unb nach feiner £öbe begrenster) Slnfprud) aufßeiftung 
beS QntereffeS. SDiefeS fRefultat miberftrebe aber bem binglicfjen 
Cfljarafter beS § 710 ber ß.ip.D., melden baS @efe§, falls er 
nicht in irgenb einer gornt bie ißfänbung überbauert fjabe, 
nicht etwa oon Steuern habe fchaffen wollen, baSfelbe fe|e oieU 
mehr, worauf bie SBorte „feinen Slnfpruch" beutlich ^inroeifen, 
ein an bem ©egenftanb ber SMftredung haften gebliebenes 
ißfanbrecht oorauS, welches im Moment ber Empfangnahme 
beS ©rlbfeS burch ben ©erichtspottjieher ben OrlöS ergreife." 


1) f. SJofdber, a. a. D. 93b. 29 6. 99/100. ©egen bie gelegene 
lic^e Argumentation au8 § 720 ber S.ifJ.D. (f. 93ofcfjer, 93b. 35 S. 5) 
ift auf ©euff. Arc$. 93b. 40 3tr. 186 3iff. II. ©. 278 5 u oerroeifen 
3 ). ©. 

2) $iefe Qa^rb. IV. ©. 846/47. 


Digitized by Google 



134 


©nifcpeibungen beS DberlanbeSgericptS. 


6in jroingenber 33eroei§ ift inbeS mit all’ betn nid^t gegeben. 
©Sollte ber ©efejjgcber mit §710 ber 6.^.0. ein befonbereS 
im |>inbli<f auf bie jufolge ber oon ihm jugelaffeneit Ißfänbuitg 
oeränberte Sachlage nach feiner Meinung gebotenes neues Klag- 
red)t fchaffen, fo htnberte ihn 1 ) felbftrebenb nichts, baß er bie= 
felbe Klage gegen ben ©pefutionSfchulbner, roie gegen bett @pe= 
futionSgläubiger gleichzeitig gab *) unb bafi er biefer Klage 
einen binglidjen Gljarafter oertieh (f. inbeS ben Schluftfafc un= 
mittelbar oor $iff. 4 unten). ©aS ©Bort „feinen" (2lnfprud) 
auf oorjugSroeife ©efriebigung) fprid^t fobann roeit eher gegen, 
als für bie Stnnahme, eS fei bie Sßfanbftage gemeint, benn biefe 
ging ja bis jefet nicht auf oorjugSroeife ©efriebigung. 
übrigen berechtigen auch bie fonftigen bereits ermähnten ©e= 
fonberheiten bes in § 710 ber 6.^.0. feftgefejsten Slnfpruchs, ju 
roelchen, abgefehen t>on Slnberem 8 ), noch ber befonberS gefdjaffene 
auSfchlieftliche ©erichtsftanb (6.^.0. § 710 2lbf. 2 »gl. mit 
§ 707) genannt roerben mag, roährenb für bie Sßfattbflage anbere 
©erichtSfiänbe in ©etradpt fätnen (auch ber beS § 25 G.$.D. 
märe ntinbeftenS formell ein anberer) — roeit eher baju, bie 
Klage „als eine befonbere DiedptSform oon ber ci»ilred>tlidjen 
Klage aus bem ju ©runbe liegenben SiedptSoerpältniffe ju unter= 
fcheiben 4 )," als baju, lebiglich oon einer burch § 710 gegebenen 
neuen, ueränberten Sticptung ber alten (^Jfanb= ic.) Klage ju 
fprechen. ®eS roeiteren fontmt aber in ©etraept, baj? bem ©e= 

1) Stbf. 3 beS § 711 ift auS § 690 bet (S.Sß.iD. perübergenommen 
(f. © a u p p , £.$.0. 2. Stuft. § 710 bei unb in Siote 26). 3 U S 690 
(639 beS SnitD.) ift bie Sorfcprift mit bem §inroeiS auf § 61 bet S.Sß.D. 
gerechtfertigt (f. §apn, bie gef. 9)lat. jur S.^.D. ©.441/42). Setlangt 
bet UnterpfanbSgtäubiger ben ganjen 6rtöS (j. 8. ton 500 SR.) für fiep 
unb treten iptn bet SfänbungSpfanbglciubiger unb bet Scpulbner in 8eftrei= 
tung feines StnfprucpS entgegen, roobei j. 8. bet spfänbungSpfanbgläu-- 
biget 400 SW. unb ber ©cpulbner ben SReft ton 100 9)1. füt fiep beam 
fptuepen, fo fotten bie i'epteren als ©treitgenoffen anjufepen fein. ©ierauS 
folgt felbftrebenb noep nicptS in Setreff ber reepttiepen Statur ber gegen 
beibe ju rieptenben Klage beS UnterpfanbSgläubigerS. 3). @. 

2) 3« ogl- übrigens auep 8 o f cp e t , 8b. 29 ©. 294 3- 7. 

3) tgl. Sofcper, a. a. D. 8b. 29 ©. 291/92 3iff. 2-7. 

4) f. 8 o f cp er, a. a. D. ©. 298; ju tgl. bie Sitate 91ote 40. 41 baf. 


Digitized by Google 



A. in £h>tlfa$en. 


135 


fefcgeber, nndjbem er einmal einen Gingriff in beftehenbe iJJfanb; 
rechte :c. burch ^fänbungen jugelaffen hotte, auch bie Aufgabe 
jufiel, für ben Sdjufc ber gefährbeten 5ßfanbred)te gegen bie 
folgen beä jugelaffenen Gingriffs ju forgen *) unb eben be&= 
roegen bie 9led)tgroirtungen, welche ein beftimmter ejefutorifcher 
Vorgang auf bent ©ebiet be3 IßrioatrechtS ^aben foH, fei es 
ausbriicflich ober ftillfchroeigenb, felbft ju beftimmen*). 

Qn roeldjer SBeife ber ©efefcgebet biefer Aufgabe in 
§ 710 ber G.^.D. gerecht ju roerben gebaute, ergiebt fi<h fo= 
bann in — jeben 3roeifel aroSfdiliefienber — Söeife auä ber Gut= 
ftehungSgefd)i<hte 8 ) biefer ©efe$eSbeftimtnung. 

2Bährenb nad) § 376 ber ^r.Äonf.O. oorn 8 . 3)Jai 1855 
ber ißfanbgläubiger ohne Unterfdfjieb , ob er im 99efi^ be3 
ißfanbeS ift ober nicht, 311 feinerlei SBiberfpruch gegen bie Gpe= 
fution in fein ^fanbobfeft, fonbern lebiglid) ju bent Verlangen 
berechtigt war, bafe er aust bentfelben t>or allen anbern ©läu= 
bigern ju befriebigen fei, ^atte ber § 1049 2lbf. 2 beä ißreufj. 
Gntro. einer G.^.O. biefe Seftimmung für bie gewöhnliche Gpe^ 
fution nur bem nicht befifeenben $fanbglciubiger gegenüber 
aufrecht erhalten. 33ei ber ^Beratung be§ GntrourfS einer G.Ei.D. 
für bie Staaten be3 Sforbbeutfdjen 33unbe3 rourbe nun geltenb 
gemacht : „Gin SBiberfprucbSrecht gegen bie 3roangSoollftrecEung 
„fei bem tßfanbgläubiger (unb bem SRetentionsberedhtigten) nicht 
„ju oetfagen, ba bem GpefutionSfudjer grunbfäjjlich nicht mehr 
„Rechte, als; bem Sdjulbner, jugeftanben roerben fönnten unb 
„burd) bie 3roaug3i)oEftrecfung bie Sage beä b inglich 39e= 
„redjtigten (ober 9ietention3bered)tigten) nicht oerfdjlimmert 
„roerben bürfe. 3n3befonbere muffe bem $fanbglüubiger, roo 
„ihm gefe^lidh ba§ 9ted)t jum ©elbftoerfauf . . . juftelje, biefer 
„Utecht ungefdimälert oerbleiben, bie Gyefution fönne bemnad; 
„nur bie SBirfung einer Sefchlagnahme be3 Ueberfd>uffe3 


1) f. 33unfen, 8roang§t>o£Ifir. ©. 63. 

2) f. « u f «h , 3e«Wr. 33b. 18 69. 

3) Hebet bie SBebeutung ber ©ntftet|ung3gefcf)icf!te einer reidjdgefefc 
litten Sttorm für beren ÜiuStegung »gl. ©ntfd). beS Sieit^äg. 33b. 16 S. 45 
»litte unb ©. 808/9. $. ©. 


Digitized by Google 



136 


®nif<beibungen be« Dberlanbeägericbt«. 


„haben, welcher fidj bei einem ffinftig burä» ben berechtigten 
„ ^erbei juf ü^renben bertauf ergebe." 

hierauf würbe oom Referenten erroiebert: „baff eine S<hmä= 
„lerung ber Redete be« fßfanbgläubiger« (unb be« Retention«: 
„berechtigten), foweit biefe fi<h wirtlich im b e f i fs bjw. ©e= 
„wahrfom ber betreffenben Sache befinben, nicht beabfichtigt 
„fei. 3m ©egenteil fei gerabe in biefem fünfte ba« aHerbing« 
„}u ©unften be« @pefution«fucher« ju weit gehenbe preufjifche 
„Recht OPreujj. Ä.D. § 376) für bie gewöhn liehe ©pefution 
„ju befeitigen unb nur für ben Äonfur« aufrecht ju erhalten. 
„§ 1049 2lbf. 2 be« $reufj. ©ntwurf« fefee oorau«, baff ftch 
„ber ©egenftanb ber ^roangaooHftrecfung be« ißfanbrecht« un= 
„geartet in ben $änben be« Schulbner« befinbe, wa« ... oor: 
„fommen fönne. 3« biefen fällen fei au« praftifchen ©rünben 
„ju berfdjärfuttg ber©nergie berßpefution ba« 
„Recht be« ©ritten bahin ju m o bif i jieren, bafj 
„berfelbe ben gewöhnlichen Fortgang ber ©petution nicht ju 
„hinbern oermöge unb fein bin gliche« Recht fi<h in 
„einen prioritätif ch ju befriebigenben Stnfprud) 
„auf ben ©rlö« oerioanble." ©egen „eine foldje 
■Dtobififation be« bürgerlichen Recht« (burch bie 
fß.D.), fofern nur bem toirf(ich befifeenben fßfanbgtäubiger bie 
Vorteile be« beftfce« gewahrt 1 2 ) bleiben," würbe fobann 
„nicht« ju erinnern gefunben unb § 1049 Rbf. 2 be« 
Sßreufj. ©ntwurf« (al« § 972 be« norbb. ©ntwurf«) in bem 
oon bem Referenten erläuterten Sinne angenommen*)." 

1) ©« b an belt fitb burebroeg um »erjicbtbare Siecbte, ber bt- 
ftbenbe ^5fanbgläubiger muff baber, ftatt SBiberfprucb gemäfj § 690 ©.^B.D. 
ju erbeben, autb befugt fein, in bie ©fänbung unter ©erjidjt auf feinen 
©eftfc einjuroiHigen unb lebiglicb ba« Secbt be« § 710 für fidj in 9ln= 
fprudj ju nehmen (f. auch fl t e t f $ m a r im Srtbi» für cioite ©rajis 
33b. 64 S. 325). SU’ baä märe fpejiett für ben galt eine« gauftpfaub« 
(f. roürtt. ^Jfanbgef. Srt. 258 Sbf. 1 »gl. mit Sbf. 2) in grage gefteüt, 
wollte man ben gortbeftanb be« ^Jfanbredjt« auch nach gortgabe ber Sache 
au« bem eigenen ©emabrfam bjm. noch bi« jum geitpunlt ber Äfagerbe* 
bung au« § 710 »erlangen. ®. ©. 

2) f. iprot. ber flommiffion jc. (©b. IV). S. 2016/17. 


Digitized by Google 



A. in Eioilfacben. 


137 


©quj mit berfelben ©egri'mbung bat ber (Sntmurf ber 
ateitpcioilprojefiorbnung in feinem § 659 (jejst 710 be§ ©e= 
fefses) „bem nidjt befifsenbeit ißfanbgläubiger beit 9ßiberfprnd) 
gegen bie fpfänbung oerfagt unb fein bingticbeä 9ted)t in 
einen priorit ätifd) ju befrie bigenben 2lnfprud) 
auf ben 6 r lös oerwanbeltV' 

3n biefem in ber golge oott feiner ©eite beanftanbeten 
©inne*) ift § 659 beS (SntrourfS in § 710 jum ©efef) geworben; 
baS binglidje 9ted)t beS fflfanbgläubigerS mürbe in einen 
iPrioritätö-Stnfprudb auf ben (Srlös oerroanbelt, nid)t 
etwa auf biefen 2lnfprud) befcbräitft. 3)ie ipfanbflage (a. 
hyp.) ift bamit auSgefcbloffen 8 ) unb bem fpfanbgläubiger als (Sr= 
fafc ^iefür, bjw. für feinen binglicbett Slttfprud) auf Freigabe 
ber ©ad)e ein 2tnfprud> auf oorjugSmeife Sefriebigung aus 
bem (SrlöS „in äJiobiftfation beS bürgerlichen fftecbtS", welchem 
eine fold^e Siegelung frentb war, neu gefdfaffen worben. 

4) SBöHig unoereinbar mit biefer SiedftSgeftaltung wäre es 
nun gans sweifetloS, wollte man ben neu gefdjaffenen (Srfajp 
anfprud) ba oerfagen, wo nad) ifanbesredit jufolge ber fpfän* 
bung b. h- beS reid)Sgefe{ 3 lid) gegen entfprec&enben (Sr= 
faß jugelaffenen (SingrijfS in ein befteljenbeS fßfanbredjt byo. 
burd) bie mit biefem (Singriff oerbunbene lofale SBeräitberung 
baS i)3fanbred)t gerabe^u jerftört wirb 4 ). 9Mit bem Verlangen 

1) f. §af)n, Die gefamten Water jur ß.iJS.D. ©. 451/52. 

2) f. $at)n, a. a. D. ©. 828. 986. 1026/27. 1242. 

3) f. aud) Sunfen, 3i»angSoonftr. ©. 150. 

4) Sehnlich, roie ba8 UnterpfanbSrecht an ^ertinenjen, feftt baS Sb= 
fonberung8red)t be8 SlermieterS an ben QUaten be8 WieterS (Ä.D. § 41 
5lr. 4) einen beflimmten thatfächlichen 3**ftanb oorau8, roelc^er dritten 
bie ^ertinenjqualität bjro. bie Ißfanbhaftung ftchtlicf) ju machen geeignet 
ift (Söolf f, DaS KbfonberungSrecht im ÄonfurS § 416) unb fällt mit 
ber gortfdhaffung ber QUaten oom ©runbftüc! fort, gleidjoiel, burd) men 
unb roie foldfe erfolgt (SSJolff, a. a. D. ©.72). Wit ber Slegrünbung, 
bafs e8 roiberfinnig roäre, ba8 erft im Woment ber ijjfänbung bem ^Sfän-- 
bungSpfanbrecht gegenüber in SBirtfamfeit tretenbe SßorjugSrecht im gleiten 
Woment, mit roelchetn baS Stebeneinanberbefteljen ber oerfd)iebenen 5ßfanb= 
rechte erft gegeben fei unb ihr SertjältniS für bie (folge beftimmt fein 
müffe, burd) ben ^JfänbungSatt er löfc^en ju laffen unb barutti bie Älage 


Digitized by Google 



138 


Sntfcfieibungen be8 DberlanbeägericijtS. 


bes gortbeftanbs bes ißfanbredits bis sunt Stugenblidf ber 6r= 
Hebung ber ßlage aus § 710 tm'irbe aber jener uneingefdjränft 
gegen alle unb jebe folgen ber ipfättbung jugeftdberte ©rfafc 
gerabe für jetten fdbroentnegenbfteit gafl ber 3erftörung bes 
^fanbredbtS jttfolge ber ißfänbung oerfagt. $ie fllage aus § 710 
fann baber aud) feinenfaHs bie — bie gortbauer beS 4>fanb= 
redjts bis jur ßlageerbetmng norauSfe|enbe — ißfanbflage 
fein ; fte ift oielmebr fdjon gegeben, ntofern nur „jur 3eit, als 
ber ifSfänbungSaft burd) beit ©ericbtSooHsieljer erfolgte, (bie 
ifJertinenjeigenfdiaft unb batttit) ein $fanbred)t nod) beftanb; 
i b r ftebt bie SoSlöfung , weldje erft burdj bett ijJfänbungSaft 
erfolgt, nid)t entgegen *)." 

Urteil bes 2. ©ioilfenats in ©acbett fftiefer c. ©inftein 
nom 18. ÜJtai 1896. 

15. 

Jfunt begriff ber „Jriidjte“, wenn es fid) um öinredjttuttg ber 
friidjte ber JJiuifdjuijtit bet Herausgabe einer f ibeikommifctfirb* 
frijaft unter Itbjug ber ttebelltanifdjen (Quart Ijaubclt. 

• ®ie am 8. ©ejentber 1891 oerftorbene 3)i. Ä. Ijat tefta= 
mentarifd) ju ©rben eingefefjt ihre ©cbroefter, bie ©befrau beS 
Klägers, unb ihre 9ticf)te, bie Seflagte, babei bat fie ben ©rbteil 
ihrer (tinberlofen) ©djtuefter in ber 2trt mit gibeifomntifj be- 
legt, baff er nad) bem fEob biefer ©cbroefter an bie ©eHagte 
SuriicEfallett füllte. ®ie ©rbittnen fjaben bie ©rbfdiaft angetreten, 
ber ©rbteil ber ©tiefrau beS ftlägerS, ber ihr am 29. 2)iärj 
1892 auSbejatilt worben ift, bat narf) ber notariellen ^Berechnung 
11091 9)t. 60 $f. betragen; 9763 2U. 10 ^5f. hieran £)<ü bie 
grau beS Klägers in sinStragenben Wertpapieren erbalten, 

au$ § 710 auSjufdjliefsen, ntirb ba, n>o ba® SorjugSredjit beS § 41 91r. 4 
bet 5t. D. aucfi aujjerf|al& beS KonfurfeS gilt, als ber 3eitpunft, in roeldjem 
jene« tl)atfä<f)licf)e ScrfjiUtniS nod» oorf)anbett fein mitffe, lebigtid) ber ber 
^äfänbung für tnafgebenb ertannt. 51®. 13. 257; © euf f., Strd). 53b. 36 
91 r. 251, 53b. 40 91r. 186, 8b. 48 9tr. 164. ®. ®. 

1) ©o Saupp, S.ifS.D. er fte 9lufl. 8b. 3 6. 264 unb ©euff., 
3trtf). 8b. 48 91r. 164. 


Digitized by Google 


A. in ©ioilfttc^en. 


139 


1215 3)?. 12 ißf. itt einer 4 projentigen gorberung ber Srb= 
Iafferin oit beit Kläger, ben 9ieft in gahrnis uttb in einer 
gorberung an bie SSeflagte. Kläger hat bie fämtlidjen non 
feiner grau ererbten Silertpapiere neräuffert; big jur 58eräufje= 
rung hat er bsro. feine grau, mie in biefer gnftanj unbeftritten 
ift, 100 9N. $in3 au3 biefeit papieren bejogen. 3)lit bem SrlöS 
bat Kläger non ÜKai bi3 guti 1892 6650 2K. nersinSlicher 
@<hulben beja^tt, ebenfo mürbe bie gorberung ber K. an ben 
Kläger als erlofdien behanbelt. 21m 20. Dtonember 1893 ift 
bie grau be3 Klägers geftorbeit. 

2lm 22. Desember 1894 hat Kläger ber Seflagten brei 
Viertel ber gibeifommifcSrbfchaft ntit 8318 2)1. 70 tßf. bejaht ; 
baS le^te Viertel ber Srbfchaft ntit 2772 21t. 90 ißf. bat er 
als bie ibnt gebübrenbe trebeüianifdbe Duart einbebalten. 

Da ©eflagte bem Kläger ba3 fRecht jutn 2lbjug biefer 
Duart beftritt, erhob Kläger Klage mit bem 2lntrag: feftju= 
fteHen, baf? ber 23etlagten ein 21 nfpru<h auf meitere ^erauä; 
Gablung auf ©runb beä gibeifontmiffeS nicht pftebe. 23eflagte 
bat geltenb gemacht: roenn Kläger je 511111 21 bjug ber trebeHia^ 
nifchen Duart berechtigt fein follte, I;ätte er ft<h bie bis jur 
Slücfgabe ber Duart bezogenen grüchte einrechnen ju laffen, 
bie fidb in ber Seit non 2 8 /* Satiren bei 3 u 9 r “tiblegurtg be^ 
lanbeäüblichen SinäfujjjeS non 5% auf 1018 2J1. berechnen; 
Kläger habe bie Srbfchaft ju Derrain= unb söaufpetulationen 
nerroenbet; baS ©elb bieju hätte er 5U111 giüä 001 t 5°/o auf: 
nehmen muffen, roenn er nicht bie Srbfchaft gemacht hätte. 

Kläger hot bem gegenüber beftritten, baff er ober feine 
grau grüchte ober ginien aus ber K.’fcben Srbfchaft ge 5 ogen 
habe: er hot angegeben, er habe bie Srbfchaft jur Üejahlung 
non (Schulben, sunt Umbau feines Kaufes unb sur Decfung 
ber KranfheitSfoften feiner grau nerroenbet. 
gn ben 

© r ü n b e n 

beS SBerufSurteilS ift gefagt: 

I. Db Kläger bsro. beffeit grau berechtigt roar, bie 2$ert= 
papiere 5 U neräuffern, bie fi<h in ber mit gibeifoinmifj belegten 


Digitized by Google 



140 


@ntfd)eibungen beä DberlanbeSgeriditS. 


Grbfcbaft befunben haben, fann bahingefteHt bleiben ; beim 
flagte bat biefe SBeräujjerung nic^t gerügt, fie alfo jebenfaH# 
nncbträglid) genehmigt. ®ie Parteien finb alfo barin einig, 
bie ©aCbe fo 511 beljanbeln, roie wenn bie ©rbfd)aft in ©elb 
beftanben ^ätte, ba# ber gibujiar natürlich nic^t in ben ererbten 
©tüden hätte ^erauögeben miiffen. 2ludb über bie 33erroenbung 
biefe# ©elbe# befielt unter ben ^Parteien fein Streit ; e# ftebt 
feft, bafj ber gibuäiar bamit 6650 2Jt. oerjinSlic^e ©Bulben 
bejaljlt tjat, bafs bie ©ebulb be# Kläger# an bie K. im S3etrag 
oon 1200 2 )t. alö enbgiltig erlofcben ju be^anbeln ift, unb baff 
im übrigen bie Grbfd)aft ju einem Stern ober Umbau — ober 
mie iöeflagte fagt, „ju Terrain; unb SBaufpefulationen" — unb, 
roie bent Kläger ju glauben ift, 3 U einem fleinen f£eil in ben 
|>au#balt (jur ®ecfung ber Koften ber Kranfbeit ber gibujiarin) 
oerroenbet roorben ift. ©egen biefe Slrt ber SBerroenbung ber 
©rbfebaft hat Seflagte nicht# erinnert. 

II. (Dafj Kläger ober beffen grau au# ben „Xerraim unb 
33aufpefulationen" in bergeit einen Pulsen gesogen I>abe, (in 
9Jtiet= ober fpachtjinfen ober bgl.), in ber ber gibujiar bie gibeU 
fommifferbfebaft in £änben ^atte, bat Seflagte nicht behauptet 
unb ift — juntal angefiebt# ber Kiirje biefer 3«ü — nicht ohne 
weitere# ju unterteilen. iBeflagte meint: foroeit ber gibu^iar 
bie ©rbfdbaft in biefer SBeife oerroenbet habe, habe er in f 0 - 
fern einen Stuben au# ihr gezogen, al# er ohne bie ©rbfebaft 
3infen au# bem Kapital hätte fahlen miiffen, ba# et ju feinen 
©pefulationen hätte aufnehmen miiffen. Slber biefe 2 luffaf= 
fung ift unjutreffenb, roeil feine#roeg# feftfteht, baf? ber gü 
bujiar auch ohne bie ©rbfebaft berartige ©pefulationen gemacht 
hätte, ©oroeit alfo ber gibujiar bie ©rbfebaft für berartige 
3roecfe oerroenbet hat, lägt fi<b ein gruChtbejug be#felben nicht 
annehmen, auch roentt in ber ©rfparung oon 3 infen ein grudbt= 
bejug ju fehen ift. ©benforoenig fann oon einem foldjeu bie 
Stebe fein, foroeit ber gibusiar laufettbe §au#hnttung#=2lu#= 
gaben au# SJtitteln be# gibeifommiffe# beftritten hat. 

III. Stuf ber anbern ©eite ift flar, baff ber gibujiar in* 
f 0 roeit 3 »nfen erfpart hot, bie er anbernfall# notroenbig hätte 


Digitized by Google 


A. in SioUfadjen. 


141 


jahlen muffen, als er aus Mitteln ber ©rbfdfjaft oerjinSlidhe 
©Bulben heintbejahlt fjat, bie er fonft nicht fjätte bereinigen 
fönnen, unb jufolge beS ©rroerbs ber gibeifommifietbfdhaft eine 
aus Mitteln ber ehelichen ©efeUfdjaft ju »erjinfenbe ©chulb 
als ertofdhen befjanbeln fonnte. O^ne bie .ft.’fdhe ©rbfdhaft Ratten 
bie flägerifdhen ©heleute in ber 3«it oom 29. Stärj 1892 bis 
22. 33ejember 1894 ben Setrag »on 7850 s Dt. (f. 3iff. 1) oer= 
jinfen miiffen, jufolge beS ©rroerbs ber ©rbfdhaft ift biefe Ser= 
jinfung teils fofort, teils mit ber in ber 3«it non 2)tai bis guli 
1892 erfolgten $eimjahlung ber oerjinSlidhen ©dhulben rceg= 
gefallen. £ätte ber gibujiar bie 3' n ? en ber ererbten 2Bert= 
papiere bezogen unb bamit bie 3üifen ber ehelichen ©Bulben 
bejaht, fo hätte er ohne grage in jenen 3**M’eH griidhte ber 
©rbfdhaft bejogen ; eS fann aber, roenn eS ftdh barum ^anbelt, 
ob ber gibujiar aus ber gibeifommif^ßrbfdhaft grille gejogen 
hat, feinen Unterfdhieb machen, ob ber gibujiar 3infen aus er= 
erbten SBertpapieren bezogen unb bamit 3 in fen oon ©dhulben 
bejaht hat ober ob er bie ererbten oerjinSlidhen SBertpapiere 
oerfauft unb mit bem ©rlöS oerjinSlidhe ©chulben heimbejahlt hat : 
in beiben gälten hat er aus ber ©rbfdhaft roährenb beS Se= 
ftfceS berfelben roefentlich ben gleichen fliufeen gejogen unb es 
fehlt jeber innere ©runb bafiir, nur im erften gaH unb nicht 
auch im jioeiten einen grudjtgenujj beS gibujiarS anjunehmeit. 
MerbittgS hat im jroeiten gaH ber gibujiar feine grüßte im 
technifdhen ©inn bejogen, fein pofitioeS ©rträgniS ber ©rbfchaft 
oereinnahmt, aber ber ©a|j, bafe ber gibujiar fiel) bie bejogeuett 
griidhte in bie Duart einrechnen ju laffen hat, befagt feinem 
©inn nach, baff er ben Sltujjen einjuredhnen habe, ben er 
t>on ber @r£>fcE>aft gehabt hat '). 33er 9iu$en beS gibujiarS im 
oorliegenbeit gatt ift aber gleich ber ©rfparniS ber 3 in f cit auö 
ben oben angeführten ©chulben im Setrag non 7850 ÜDt. 

(gn 3ift- IV wirb fobann ber Setrag biefeS Stutens beS 
ÄlagerS berechnet). 

Urteil beS I. ©ioilfenatS oont 8. ÜRouember 1895 in ©achen 

Stufjbaum gegen ©cheffei. 

1) ogt. »ein 3 , $anb. 1. Stuft. S. 936. 


Digitized by Google 



142 


©ntfdjeibungert beä DbertanbeägeridjtS. 


16. 

Pactum de non licitnndo. 

Sei ber Teilung beS 9lad)laffe3 beS 3 . SEI», in D. mürbe 
oon feinen it)n beerbenben Kinbetn oereinbart, baß baS im 
Stacßlaß oorhanbene 2Bol)nhauS im 2Beg beS öffentlichen 2luf= 
ftreichS nerfteigert rcerben folle. ©iefe Kinber uttb ©oben waren: 
bie ©hefrau beZ Klägers unb ber Veflagte, außerbem jmei in 
Storbamerifa wohnenbe ©efdjroifter unb ein ntinberjäfjriger @of)n, 
welch’ ledere bei ber Stachlaßregelung burch ben ©emeinbe= 
pfleger V. als ihren Veoollmächtigten bjw. Vovmunb oertreten 
waren. Stachbem ber Veflagte bei ber jweüen SlufftreichSoer-- 
hanblung baS -fjauS für 3200 2K. erfteigert unb .Kläger 5 ur 
©ntfcbließuug über Sinnahme biefeS ©ebots Vebenfjeit erhalten 
hatte, h^en fi<h beibe — in 2 lbmefenheit ber SDiiterben — ba^ 
hin geeinigt, baff Kläger gegen eine ihm 00 m Veflagten oer= 
fprochene gibflanbsfumme oon 600 2Jf. nicht auf baS &auS bieten 
folle, worauf Veflagter beni Kläger einen ©arlehnSfcßulbfchein 
ootn 17. ©ejember 1894 über 600 2)1., zahlbar am 2. gebruar 
1895, auSgefteHt, Kläger nicht mitgefteigert unb infolgebeffeu 
ber Veflagte baS &auS um 3200 9)1. jugefchlagen erhalten hot. 

Kläger oerlangt nun oont Veflagten bie ©rfiillung feines 
VerfpredhenS bjw. bie Abtragung ber angeblichen ©arlehnS= 
fdjulb mit bem Sltttrag: ben Veflagten jur Vejahlung oon 
600 2 ) 1 . nebft 3 infen SU oerurteilen. 

©er Veflagte hot Slbweifung ber Klage beantragt, inbein 
er geltenb machte, bie fragliche Vereinbarung fei uitoerbinblüh, 
weil fie gegen bie guten ©itten oerftoße, bie übrigen ©rben, 
feine ©efchwifter, unrechtmäßig burch fie gefdjäbigt worben feien, 
fofern biefe, wenn Kläger, wie er im ©ittn gehabt, 1000 2JI. 
mehr geboten hotte, je 200 2 K. mehr aus bem $au3 erlöft 
haben würben, Kläger alfo auf Koften ber übrigen ©rben einen 
unerlaubten Vorteil oon 600 9JI. ftch oerfdjafft höbe. 

Kläger hot beftritten, baß biefet Vorteil ein unerlaubter 


Digitized by Google 


A. in SioilfacCjen. 


143 


^ei , infofern er nur baS ©ntgelt geroefeit für feinen SSersid^t 
auf bie Dföglichfeit, burch ©rfteigerung beS |>aufeS ein auch 
6ei einem Kaufpreis non 4200 2Jt. noch für if)n uorteilhafteS 
©efchäft ju machen. 

$)ie Älage ift abgeroiefen roorben, in äiüeiter Snftanj aus 
folgenben 

©riinb en: 

SlUerbingS beftehen befonbere ©efehesbeftimmungen, burch 
meldhe Verträge über 3lbfinbung non Vlilbietern bei 33erfteige= 
rungen für ftrafbar ober für ungültig erflärt mürben, im ©e= 
biet beS gemeinen 9fe<htS nicht unb auch nah bem mürttem= 
bergigen SanbeSrecht fittb foldhe Verträge nur bei £;errfd)aft= 
licken 3«^ntnerleif)ungen unb bei Verpachtung non Äommun= 
©djafroeiben als nichtig erflärt unb unter ©träfe gefteUt, 
Veftiutmungen, mel<he nah ih^r ftngulären 9tatur eine analoge 
Ülnroenbung nicht julaffen'). 

Slber auch aus allgemeinen 9ledhtSgrftnben fönnen berartigc 
©efdhäfte nicht fdhledhthin für ungültig erflärt roerbeit, inSbe= 
fonbere finb fie, gemäß ber heutigen VerfehtSanfhauung, nicht 
allgemein unb grunbfäßlich für fittlich oerrcerflich äu erachten, 
fonberti nur bann, roenn fie im einjelnen gall nach ih rem £>e ; 
fonberen 2lnlaß unb 3u>ed ben guten ©itten roiber|"treiten a ). 

®ieS teßtere trifft nun aber im norliegenben galt ju. 

5Der Veflagte h<*t baburch, baß er ben Kläger oom 2Jiit= 
fteigern abgehalten unb bamit ben thatfädhlich einzigen 2ftitbe= 
roerber befeitigt hot, an beffett ernftlicher 3lbfidht ben Vcflagten 
minbeftenS um 600 5Df. ju überbieten, nidht ju jmetfeln ift, bie 
Verfäufer offenbar benachteiligt, jebenfalls aber ihr ^ntereffe 

1) Serorbnung oom 27. üJlai 1807 3*ff • 2» (Reg.=Slatt oom Qab* 1807 
<5. 161 unb oom 3at)r 1818 ©. 278) Sefrete oom 4. 2J2är) unb oom 
10. 9Ipril 1803 (Knipp, Repertorium roürtt. ©efefse unb Serorbitungen 
Sb. 1 ©. 77 f.). Serorbnung oom 8. Quni 1809 .giff. 15 {3teg.=Sl. oom 
3abr 1809 S. 236). ginanjminifterialoetfiigung oom 14. Quni 1836 § 3 
(©rgänjungäbanb jum Reg.=Sl. oom Qaljr 1838 (©. 409). 

2) ogl. Reid)ägerid)t$entf<f)eibung gjb. 18 ©. 222 unb D6erl.=@er. §ant= 
bürg bei ©euffert, Rtcfüo Sb. 43 9Jr. 102, für äßürttemberg: $uf= 
n a g e l , Rlitteitungen jc. I. S. 338. 


Digitized by Google 



144 


©ntfdjeibungen beä ObetlanbeSgeridiiS. 


g ef äh t bet, unb ^iemit nic^t bloß — roie bieS bei berartigen 
Verträgen gemeinbin ber gaH ift — baS Sntereffe eines als 
Verläufer ibnt fremb gegenüberftebenben ©ritten, fonbern baS= 
jenige feiner leiblichen ©efChroifter oerlefct unb jugleich ber 
jroifdben beit Vtüerben, bjto. beren Vertreter, getroffenen Ueber= 
einlunft: baS ererbte |>auS im SBeg ber öffentlidE» en Ver= 
fieigerung — alfo bei freier Äonlurrenj — ju »erlaufen, 
gerabeju entgegengebanbelt. 

©aju lommt, baß biejenigen SKiterben, beren Qntereffe 
bur<b bie Vereinbarung ber Parteien hintangefeßt roorben ifl, 
bei bet ©rbfdbaftSregelung unb VerfaufSoerhanblung nicht felbft 
anroefenb, fonbern bloß burcf) ihren Veoollmädjtigten, bjro. Vor= 
munb »ertreten getoefen finb, fo baß biefe Vereinbarung als 
eine »on ben antoefenben ©efdhroiftern (bem Kläger für 
feine ©befrau unb bem Vellagten) jum Stachteil ber a b m t-- 
fetiben oerabrebete lleberoorteilung erfdjeint unb beSffalb um= 
fomehr ju mißbilligen ift. 

3jm £inblid auf biefe befonberen Umftänbe ift biefelbe 
nicht bloß als unehrenhaft unb anftößig, fonbern gerabeju als 
fittlich oerroerflich ju betrachten unb barum nichtig — unb jroat 
einerlei, ob ber Kläger ober bet Veflagte ben Slnftoß ju bem 
.fjanbel gegeben h<ü- ®ie oom Kläger felbft für nötig erachtete 
Verheimlichung beS mähren ©ad)»erhattS ift übrigens für feine 
Sluffaffung ber Statur beS ©efchäfts bejeiChnenb. 

®ie Unangemeffenheit beS ©rgebniffeS, baß Veflagter im 
Vefiß beS burch bie »ermetfliche llebereinlunft erlangten Vor- 
teils (ber bißigeren (Srroerbung beS |>aufeS) oerbleibt, ohne 
baS bafür oerfprodhene @ntgelt bem XEläger entrichten ju muffen, 
lann nicht baju führen, ben feinem 3roed naCh nichtigen Ver= 
trag mie einen gütigen ju behanbeln. 

SluCh bie SluSfteEung eines ©arlehenSfCheinS lann bem 
Kläger nicht ju ftatten lommen, ba, felbft roenn bie Slbficht ber 
Parteien auf eine Untroanblung beS SIbfinbungSoerfprechenS in 
eine ©arlehenSfdjulb miriliCh gerichtet geroefen fein foßte, roegen 
ber Stichtigfeit beS umgeroanbelten ©efchäfts auch bie Umroanb= 
luitg felbft als nichtig erfcheint. 


Digitized by Google 


A. in (Sioilfadjeti. 145 

Urteil beä I. ©ioilfenat« »om 17. Quni 1896 in ©ad)en 
©töcEle gegen £f)umm. 


17. 

1. Mad) roeldjtm ilerfjt ridjtet fid) bic fleerbung eines in £Biirttetn= 
berg uerftorbenen Jlidjtnmrttembergers 1 

2. Peldjes (üefclj ifl nadj roiirttembergifdjen Sedjt bei $tatuten= 
hollifion in betreff bes eljelidjen (Siiterredjts unb bes eljelidjen 
(Srbredjts anjuroenben? 

Stm 22. 31prit 1894 ift ber Äaufmann griebricE) 9)?. in 
Stuttgart, roo er feinen lebten SBohnfifc hotte, ge- 
ftorben. @r htttterliefj eine SBitroe 8. 9 )Ü. (bie felsige Klägerin) 
unb alä nädjfte Serroanbte eine fjalbfdjroefter, bie auf ihr @rb= 
recht ju ©unften ihrer beiben ©ohne ©. unb 0. St. (bie jefcigen 
Skftagten) oerjidhtete. ®ie Klägerin unb bie 33eflagten hoben 
bie ©rbfchaft angetreten. ®er SBerftorbene , non ©eburt b a- 
bifcher Staatsangehöriger (ob jur 3«it be6 5Cobe5, ift 
beftritten) hot fid) am 4. Qanuar 1858 in ißforjheim mit 
ber Klägerin oerehelid)t unb bort ben erftehelidhen 2Ö o h n= 
fi|s genommen. 2lm 18. Oltober 1855 hot er bort eine leiste 
SßillenSoerorbnung errichtet, beren formelle ©iltigEeit unbean= 
ft anbet ift unb welche wörtlich lautet: 

„©igenhänbiger leister SßiHe. 

3>ch ber unterjeichnete ^Bürger unb Kaufmann g. 2)i. 
bahier oerorbne für ben goß meinet 33orabfterbenS oor 
meiner ©hefrau S. 9JE., geftü|st auf bie 3uf%9)iinifieriab 
Verfügung »om 16. Januar 1818, Regierungsblatt 1818 
nr. III. ©. 17, bafs meiner genannten ©hefrau bie ihr 
nach Sanbrechtfajs 788 a pftehenbe ehelidhe 9tui}niefsung 
pr ^ölfte entäogen werben unb alfo bie |>älfte meinet 
SBermögenö meinen ©rben ju gleichbalbigem 9luh unb ©igew 
tum jufaflen fall. 

SDiefeS ift mein liebfter unb leister 28itte, ben id) eigen= 

Jahrbücher für f&ürttemberg. Rechtspflege. Vlll. 2. 10 


Digitized by Google 



146 


Sntfrfjeibungen beä D6et(anbeägettdf)t§. 


flänbig getrieben unb unterfc^riebert fjabe, unb ber nad) 
meinem Stbleben pünflidj nolljogen werben foH. 

iPforjljeim ben ad&tje^nten Dftober ßintoufenb 2ld>t 
#unbert fünf unb fünfzig. 

(gej.) SJt." 

1856 ober 1858 finb bie ©lieleute nacf) Stuttgart übers 
gefiebelt, wo fie bis 1888 eine getneinfame SBoljnung — jebod) 
mit getrenntem SCifd) unb Schlafzimmer — inne Ratten unb feit 
1888 getrennt lebten. 

3wifdjen ben Slt.’fdien Seeleuten rourbe unbeftritten in 6r= 
mangelung eines ß^eoertragS bie gefejslidje ©ütergemeinfd)aft 
beS babifcben SanbredjtS begrünbet unb in 2(nmenbung biefeS 
©iiterred)ts mürbe mit ,3uftimmung ber Beflagten bie |>älfte 
beS ©efamtoermögenS (worin feine Siegenfdjaft ficb befanb) 
mit 70405 9)t. 57 Bf- ber Sßitme als ifjr Slnteil am ehelichen 
Vermögen jugemiefen, wäljrenb bie anbere .gälfte oon 70 405 SJt. 
57 Bf- ben Stadjlafj beS Seemanns bilbet. 

Klägerin beanfprud)t Leitung biefeS Stad)laffeS nach ben 
©tunbfäfcen beS württembergifdjen 3nteftaterb= 
rechts, wonad) fie bie ^älfte beS 9tad)laffeS ju erben hätte 
(bas 9tufcniefiungSred)t an ber anbern Hälfte beS StachlaffeS, 
bem ©rbteil ber Beflagten, will fie im gegenwärtigen ijlroje^ 
nic^t oerfolgen), wä^reub bie Beflagten in ber leßtwiHigen Ber= 
fügung »otn 18. Dftober 1855 eine teftamentar ifd>e Grb- 
einfeßung ber 3>nteftaterben babifdjen 9ted^tS unter Befdhränfung 
beS gefeßlicben StußniefjungSrechtS ber Sitroe auf bie Hälfte 
beS StachlaffeS erbliden, eoentueH bie Steilung nad» babifd)em 
3 nte ft ater brecht als bem Siecht beS erftehelidjen 9Bohn= 
fifceS unb beS £eimatftaatS beS ©rblafferS, mit jener Befdjrän-- 
fung ber Stußnie&ung ber SBitme, beanfpruchen. ®aS ©ericht 
erftcr ^nftanj I)at ber Älage entfprodjen unb feftgeftellt, baff 
ber Stachlafs beS 2 C. Sit. (wiirtt.) lanbredjtlidjer Orbnung gemäß 
ju erteilen fei. 

®ie Berufung gegen biefeS Urteil ift suriidgemiefeu worben 
aus folgenben 


Digitized by Google 



A. in StDilfat^en. 


147 


©r tinbert: 

I. ©egenftanb bes 9t edh tSftreitS ijUebiglidh, roeldge 
©rbfolge einjutreten tjabe, ob bie teftamentarifdhe ober bie 3nte= 
fiaterbfolge, unb im legteren galt, ob bie beS roürttembergifdhen 
ober bie b es babifd^en Sanbredgts, roähfenb bie 9tugniejiungS= 
anfprücbe ber SBitroe an ben (Srbteilen ber Söetlagten mit gegen: 
madiger Älage nidbt oerfolgt roerben rooQen. 

II. SBenn roie liier bie Slnroenbung eines fremben 9techtS 
ftreitig roirb, fo ^at ber 9tid)ter bie Vorfrage, ob unb 
in melden ©renjen baS fretnbe 9tecf)t anjuroero 
ben fei, nach feinem etnfjeimifd^ert 9tedf)t ju beantworten ; er 
bat alfo ju unterfucben, ob hierüber für ben gegebenen gall 
partifularred)tlid)e Seftimmungen ober ©taatSoerträge feines 
£eimatftaats hefteten , unb ^at, rnenn foldgeS nicht ber gall, 
bie in feinem etnheimifchen SRedbt geltenben unb anerfannten 
Siegeln bes internationalen SßrioatrechtS ju befolgen. ®ie ^te= 
oon abroeidgenben ©efegeSbeftimmungen ober 9tedgtSgrunbfäge 
eines anbern Staats ober SlecgtSgebietS finb für ign nicht maf?= 
gebenb, roaS aüerbingS bie golge haben fann, bafj ein unb 
baSfelbe 9iechtSoerhältniS, je nadhbem ber 9ted)tSftreit oor bem 
©ericht beS einen ober anbern ©taatS jur 2lburteifung fommt, 
nadg oerfdgiebenem 9?ecgt beurteilt, unb beShalb auch in ent* 
gegengefegtem ©inn entfchieben roerben fann 1 ). 

$)ie 3*age, nach meinem Siecht bie teftamentarifdge ober 
Qnteftaterbfolge im gegenroärtigen gatt ficg beurteilt, ift bager 
hier lebiglid) oom ©tanbpunlt bes roürttembergifchen unb eoen= 
tueH gemeinen 9tedgtS aus unb nach ben in biefen Rechten für 
ben gall ber Äollifion oon ©efegen oerfchiebener ©taaten gel= 
tenben befonberen ober allgemeinen 33eftimmungen unb ®runb= 
fügen ju entfcheiben, roagrenb bie gieoon abroeidgenben ©efege 

1) SSögm, ®ie räumlidie ^»errfdgaft ber SRedjtSnormen § 2. ©tobbe, 
Seutfcf). Sgrioatr. 3. ülufl. I. ©.233 (§29, VI). (Sierte, 33eutfc£) . $rioat= 
red)t §25 III. 3>ff- 2—4 befonberS ©.215. Sernburg, ^lanb. 1. §45. 
2B ächtet, 3(. f. cit>, ^SrajiS 24 ©.237 ff. @ntfd). beä Meid)8gerid)t3 14 
©. 184; 24 ©. 328 f.; 29 S. 289 f.; 34 ©. 17; auch 8 e t) a g g e I , 
Äomm. jum Sab. üanbtecf)! 3. Stuft. I. ©. 60. 

10 * 


Digitized by Google 



148 


©nifcfjeibungen beö Dberlanbeägeridjtö. 


unb 9te<ht3grunbfähe be3 babifd^en Stecht«, fo ba« bort für 
ba« ©rbfolgeredjt geltenbe, im roürttembergifchen unb gemeinen 
Stecht bagegen nid)t anerfannte fßrinjip, bafe ba« ©efeg be3 
■föeimatftaat« be« ©rblaffer« jur $eit feinet £obe« entfdjeibe '), 
aufeer betracht }U bleiben haben. 

©3 ift bes^alb unerheblich, ob ber ©rblaffer SJt. jur 3 e ‘t 
feine« Stöbe« noch babifdjet Staatsangehöriger roar ober nicht. 

111. gür baS eheliche ©iit er recht h^fä 1 nun im 
roürttembergifchen unb gemeinen Stecht ber ©runbfafc, ba§ baS-- 
felbe — abgefehen oon ©heoerträgen — nach bem ©efefc beS 
er ft ehelichen SßohnfifceS beS ©bemann« fid) ju rich- 
ten habe unb ba| bie fpätere Verlegung beS SBohnfiheS nach 
bem ^ßrinjip ber llnroanbelbarfeit beS ©üterrechts hierauf (regel= 
mäfjig) ohne ©influf} fei 2 ). 

@3 h at bafjer hiefiir baS in ißforsheim, bem erftehelichen 
aBohnftfc ber 3)t.’fd&en ©heleute, geltenbe babifche Stecht ju 
gelten unb nach biefem Stecht ift mit ©runb (Sah 1474 beS 
babifchen SanbrechtS) ber JBitme 2)t. bie föälfte beS ehelichen 
©efamioermögenS als ihr Slnteil an ber gefehlten ©üterge-- 
meinfdhaft jugeroiefen roorben. 

®iefe« für baS ©üterrecht mafegebenbe ©efefc erftredt fich 
auch auf bie »ermögenSrechtlichen folgen ber Söfung ber ©he 
burch ben fEob eine« ©begatten, welche nur SBirfungcn unb 
SCeile beS ehelichen ©üterrecht« futb, roährenb reine ©rb= 
rechte — unb ba$u gehört nach bem hier mafegebenben roürt= 
tembergifchen Stecht auch baS burd) baS mürttembergifche Saitb= 

1) f. Bab. £anbrecf)t 6afc 3 Slbf. 3. Behagt)«!, I. @.44. 63. 
65. §ad)enburg, bab. Sanbr. Stnm. 8 ju @afc 3. ©ntfch. bei 9iei<h3g. 
Bb. 25 ©. 342. Ä u h l e n b e cf in Sur. Jüoc&enfärift 1895 ©. 278. 

2) ® achter, SBürtt. ^rioatr. I. <3. 802, II. ©.92. ©tein = 5tü= 
bet = §otjt, SBiirtt. ßrbredjt ©. 19 ju n. 3. ©arroeg’S Slionatfchrift 12 
©. 311 f. f i g e c, Siechte u. Berbinbl. ber SBeiber ©.147. Bar, 
unb $r. beS intern, ^rinatr. 2. äufl. I. ©. 505. 515 ff. Böhm, Sie 
räumt. @renjen ©.48 — 54. ©ierfe, 1. © 237. ötobbe, I. S. 270 
ff. (§ 34 V). Stoth, Bager. Sioitr. I. 6. 317 unb SleutfcheS ^ßriuatr. 
§ 92 ju n. 11. ®ntfdj. be« Sieichög. 6 ©. 223, 12 ©. 309. SBiirtt. Ütr» 
<t)iv 21 ©. 247. 


Digitized by Google 



A. in £im(fa$en. 


149 


redjt feftgefeßte (ftotutarifd^e) Grbredht beS iiberlebenben Ghe= 
gatten, roeldheS oon einem beftimmten GSüteröer^ältniiS uitab= 
gängig ift 1 ) — nach ben für bas @rbred;t geltenben ©efeßen unb 
©runbfäßen §u beurteilen ftnb a ). 

IV. Stör ber llnterfudhung, roeldhed 3tedjjt ber Snteftaterb- 
folge jur Slnroenbung 51t bringen ift, ift ju fehen, ob nicht bie 
Qnteftaterbf olge burcß eine t e ft a m e n t a r i f dh e Verfügung 
beS GrblafferS 9)t. , burd) beffen leßtroiEige SSerorbnung oont 
18. Dftober 1855 auSgefdhloffen rootben ift. 

©ajj biefe SBiflenSoerorbnung nach bem ©efeß beS DrtS 
ber Grriefjtung (ißforjheim) formell giltig ift, ift unbeftritten 
unb biefe nad; bem ©efefc beS Orts ber Grrichtung formeEe 
gütige Verfügung h<ü auch troß ber SBohnfitsoeränberung beS 
GrblafferS biefe formelle ©iltigfeit beibehalten *). $h* em 
materieflen Inhalt nadh ift jeboch barin eine teftamentarifche 
SSerfitgung, eine Grbeinfehung unb überhaupt eine ©iSpofition 
über ben ©runbftod beS Stadhlaffes nicht $u ftnben, mag man 
bie 2öiflenS»erorbnung oorn ©efidhtSpunft beS babifchen ober 
beS roürttembergifdhen unb gemeinen Etedjts aus auslegen unb 
beurteilen. (©ie ©rünbe führen bieS näher aus unb fahren 
bann fort) : 

V. ©S fonad; bie ^nteftaterbfolge einjutreten 
unb eS fragt fid), ob Ijiefür baS babifdje ober roiirttembergifdhe 
9ted)t maßgebenb ift. 2lud) bieS beurteilt fidh nad) bem unter 
3iff. 2 SluSgeführten nadh roürttembergifdhen Stecht unb roettn 
biefes feine befonberen 33eftimmungen barüber hat, nadh bem 
in SBiirttemberg geltenben gemeinen Stecht, roäljrenb ber ©runb= 
faß beS babifchen StecfjtS, bah für bie Erbfolge baS ©efeß beS 
^eimatftaats, baS Stecht ber Staatsangehörigkeit beS GrblafferS 
entfdheibe, außer betracht fommt. 


1) Sollet), 83 »uff. ©. 277 f. ©te in>JtübeI = $oH §35 3uf.l. 
Sßmer, SB. @rbt. § 200 II. SBürtt. »r$. Sb. 15 ©. 179; 16 S. 334. 

2) ©ierte, I ©. 237 f. ©tobbe, I ©. 278 f. Sar, 1 ©. 528 f. 
S e U f f., »rcfjio 32 nr. 102 ; 43 nr. 196. 

3) Sar, II ©. 324. Söljm, §32 3iff. 1 ©. 188 f. 3uri8biftion$* 
oertrag mit Sabett oom 5. 3an. 1836 ($eg.=Slatt ©. 12) »rt. 22. 


Digitized by Google 



150 


<£ntf$eibungen bei Oberlanbeägeridjtg. 


gür baä gern ein e 91 e d) t ge^t nun bie fjerrfdfjenbe SEtjeorie 
unb ^rajis batjin, bafj für ba3 ©rbredEjt, befonberä bas gefe^ 
licfie (Srbfotgerecfjt , einfdjliejjltdj beä ©rbfotgered&tiS ber @{je= 
gatten baä lefcte ißerfonatftatut be3 ©rblafferä mafigebenb fei 
unb baff als foldfjeä ofjtte 5Rücfficf)t auf bie ©taatäangeljörigfeit 
baS ©efejj beS lebten 3Bol>nfif}e3 beäfelben 3 U gelten tjabe‘). 
•RacE) gemeinredttflidEjen ©runbfäfcen würbe fonatf» bie Sfnteftat^ 
erbfolge in ben fRadjtafi be§ SJi. nadE) bem am testen Sßoljnfifc 
beleihen in Stuttgart geltenben fRedfjt, alfo itadf) bem württem= 
bergifdien £anbred)t ju gefd&efjen fjaben. 

©3 fragt ficf) jebocf), ob nicht ba3 in erfter Sinie ntafc 
gebsnb mü rt tetnb er gif d> e fflar tif ut arr e d»t hierin ootn 
gemeinen fRedit abroeidpt. 2>er nmrttembergifdie ©taatloertrag 
mit 33aben oom 5. Januar 1826 bejie^t fidj in 2trt. 22 nur 
auf bie $ortn ber 9ted[)t3gefdf)äfte unter Sebenben unb auf ben 
EEobeSfall unb ift bat>er ^ie^er of)ne Gelang, gür baö ©rbredjt 
im 2ltlgemeinen fennt ferner baä roürttembergifd^e fRedjt ber 
richtigen Slnfid^t nach feine ülbroeidjung oom gemeinen fRedjt 3 ). 

dagegen roirb für bie $nteftaterbfolge ber ©tje= 
leutc Dielfach 3 ) auf ©runb ber Ä. SBerorbnung oom 12. ©ep= 
tember 1814 §§ 8 unb 9 (5Reg.=§8l. ©. 327), welche ©efefce3= 
fraft ^at, als ©runbfag beS roürttembergifdEjen fRedfjtS ange= 
nommen, bafs biefe Snteftaterbfolge ftdf) nicht nadfj bem ©efefj 
beS SBohnortS beS GrblafferS pr 3 cit feines £obe$, fonbern 

1) 33ar, II ©. 310 f. 319 (§ 365. 369). SJÖIjm, tftäumt. fcerrfdj. 
§ 30. 31 unb intern. Stachlajjbeljanbl. §5. ©tobbe, I ©. 278 f. ; ©. 
283 ff. ® i e r l e , I 6. 243. 3Jt o m tn f e n int Slrcf). f. cio. $r. 61 @. 152. 
©aoignp, ©gftem 8 ©. 295 ff. 314. Wernburg, ißanb. I § 46. 
Sntfcf). be4 9teid)3g. 8. ©. 146; 14 ©. 134 unb in ©euff., 3trd)io 46 
nr. 267. 3Bä<f»ter, ärcfi. für cio. $r. Sb. 25 ©. 193 ff., 363 ff., 381. 

2) © t e in = Äü b e I = § o t) I, § 5. Staper, gatn. u. @rbr. § 60 
III ©. 91. Sbenfo SD ädjter, II ©. 100. 105 ogl. mit Qaffrb. ber Sö. 
SRec^täpfl. 6 S. 204. 

3) QnSbefonbere oon 353 üdjter, SCO. tßrioatr. I 804 u. II ©.105, 
toeldjem folgen 3t ö m e r, § 200 I Qiff. 4. Stein =Ä übe t=$of)l, 
§ 5 3uf. 1. 9tepf d)er, 3B. Srioatr. § 79 3tff. 3 u. 9tote 7. 'Jtaper, 
§ 66 3iff- 2. ©. 103. @utad)ten beä ^3upiüens©enat3 in ©artoetj’S 
'JJtonotfd^rift 12 ©. 311 ff. 


Digitized by Google 



A. in Su)ilfad)en. 


151 


nad) bem ©efeg b e ä SSoljnorteS ju rieten Ijabe, roeldfjett ber 
(Seemann $ur 3 e * t ber (Eingebung ber (Slje ^atte, baff 
batjer mit Slenberung be3 SBo^norteä ber ©Regatten it)r 3nte= 
ftaterbredi)t fi<f> nic^t änbere. 3iad) biefetn ©runbfafc mürbe 
basier |)ier baä am erfteljelidjen SBofinfifc ber 2)}.’fdE)en <5f)e= 
leute in ißforjfjeint gelteube babifdie Sanbredfü unb baä bort 
beftimmte ©rbfot geredet unter 2lu5fc^lufe ber SBitroe jur 2ln= 
menbung fomnten. 

liefet 2lnfic^t tann jebodf) nidjt beigetreten merben. 

®er § 9 ber genannten Verorbnung uom 12. September 
1814, roorin für ba£ ©rbfolgeredjt ber Seeleute bei Trennung 
ber @l>e nadE) eingefüfjrtem roürttembergifdjen fRedjt in ®rman= 
getung oon ©rboerträgen unb teftamentarifctjen Verfügungen 
baS ©rbredjt am ört be§ SBo^nfigeö bei Sdjliejjung ber (Stje 
unb jur 3«it biefer (S^efd^liefeung al4 mafjgebenb anerfannt 
roirb, tjatte, roie ber gufammenfjang § 8 b a f e lbft unjroei* 
heutig ergiebt, nur bie ©tjeleute, roeldbe in ben neu 
erroorbenen San ben oor 6infüf>rung ber roürt= 
tembergifcben ©efefce iljre (Sfje gefdfjloff en tjaben, 
iui Sluge. ®iefe befdfjräufte unb nur tranfitorifdEje SRatur ber 
Vefiimmung ergiebt fiä) ferner aus ber Ueberfdjrift ber Ä. 
Verorbnung „über bie 2lnroenbung be$ roiirttembergifc&en 9iedjt$ 
in ben neu erroorbenen SanbeSteilen", foroie aus bem im ©in= 
gang ber Ä. Verorbnung gegebenen Slnlafe unb 3roed berfelben, 
roofelbft e§ roörtlidj tjeijjt : 

„2Bir tjaben burd) frühere Verorbnungen Unfre allerpdf)fte 
SBiüenSmeinung ju erfennen gegeben, baß mit bem 1. 3cm. 
1807 . . . fämtlidje ftatutarifdben ©efe|}e ber mit Uttfrem 
Jlönigreidf) ju einem ©atijen Bereinigten oormaligen 5£erri= 
torien unb ©ebiete ii)re oerbinbenbe Äraft oerlieren unb oon 
obgebadEjtem 3eitpwnft cm bie attroürttembergifdjen ©efefje 
als aEgemein geltenbeä 9iecf>t angefe^en roerben füllen. 

2)abei fonnte jebod) Unfre ader^öd^fte Slbfidjt nie baijin 
geljen, biefen ©efe^ett eine riicfroirtenbe Uraft beijulegen 
unb fie junt s Jlad)teile rooljlerroorbeuer Sterte Unferer Unters 
tfjanen in ben neu acguirierten Sänbern anroenben ju laffen. 


Digitized by Google 



152 


ßntfrfjeibunfleu beS Dberlanbeägeci^tS. 


©leichroohl ift au§ oielen jur Kenntnis Unfrer (;öd)ften 
QuftijfteÜen gefomntenen X^atfad^en su entnehmen getoefeit, 
baff iit 9tüdfid)t ber 2tnroenbung bes roiirttembergifdhen 9techt3 
auf frühere gäüe mancherlei Ungleichheiten in ber Sehatib= 
lungäart oorgefommen, auch noch je§t oorhanben finb, unb 
SBir finben Un3 baher beroogen, über biefen ©egenftanb 
folgenbe allgemeine unb auf einige ber häufigeren gäüe an= 
geroanbtc 33orfd)riften ju erteilen." 

E3 foüte alfo nur bie grage ber Stiicfroirfuug ober 3tidht= 
riidroitfung ber altroürttembergifdhen ©efe^e auf bie oor bereit 
Einführung in ben neuroiirttembergifchen Sanbeöteilen begtüm 
beten fRecbtaoerhältniffe , babei auf bie in biefen Sanbeäteilen 
oor bet Einführung jener ©efefce gefchloffenen Ehen unb auf 
ba$ Erbrecht „folget" Eheleute einheitlid) geregelt unb ber oor= 
gefommenen Ungleichheit in §rage ber Dtiicfroirfung be3 alt= 
roürttembergifchen 9te<ht3, namentlich ber unrichtigen 21nroenbung 
ber gleichfalls nur tranfitorifdhen, für bie Einführung be3 3. 
l'anbrechtä gegebenen 2anbre<ht3beFtimmung IV, 1 § 3 auf bie 
jehigeit 3$erhältniffe entgegengetreten werben 1 ). 

$abei ift aÜerbingS baä Dber=3uftij=ÄoDegium unb beffen 
Steferent ©eorgii, beffen Anträge für ba3 ©efej} oon 1814 oon 
bem ©efejjgeber, bettt Äönig, genehmigt mürben unb beffen 
fDiotioe baher als ©efeheämotioe anjufehen fittb a ), von anbereu 
©ruitbfäfcen al3 feiner 3 e ü ba3 roürttembergifche Saitbrecht 
oont 1. 3uni 1610 au^gegaitgen. SBährenb hier bei einem 
SwbeSfaH nach eingeführtem neuem Sanbrecht „ber $obe$fatt 
unb nicht bie eheliche Verpflichtung anjufehen unb ben Erbfall 
bringen" foll, alfo ba$ Erbrecht nach bem ©efejs jur 3 e ‘t beä 
Sobeä fich beftimmen foüte, welchen ©runbfaj} auch bei ber 
jetzigen Slenberung ber ©efefcgebung in ben neumürttember= 
gifchen Sanben bie Tübinger Unioerfität angeroettbet raiffett 
rooüte ’), ging ©eorgii (unb mit ihm ba3 Dber=3ufti5=Äoüegium) 
oon ber ülnficht au$, baff bie Eheleute in Ermangelung oon 

1) 3Bä$ter, I ©• 800-806. 

2) SB ä cf) t er, I ©. 804 Stofe 81. 

3) SB ad) ter, I ©. 804 Stofe 32. 


Digitized by Google 



A. in Gimlfadjen. 


153 


(Sßcfontraften rote für bie ©ütergemeinfcßaft, beren SBirfungen 
ja gleidß ntit 2Infattg ber 6ße fidß ju äußern beginnen, fo audß 
für ba£ mit ber ©ütergemeinfdßaft in untrennbarer Serbinbung 
fteßenbe ©rbfolgerecßt ficß ben ©efeßen jur 3 e ü unb Qnl 
SBoßnort ber Schließung ber @ße unterwerfen roolleit unb je» 
benfaßs, roenti fie jur 3«it ber ©ßcfcßließung an ba$ (£rbred)t 
nodß nidjt gebaut ßaben follten, bocß eine einßeitlidße ßlonn 
für afle ißre äßnlüßen IBerßältniffe ßaben wollen, baß aud) bei 
Slenberung ber ©efeßgebung roäßrenb ber <5ße eine Stöfidßt, baä 
einmal „erworbene" ©rbrecßt beijubeßalten anjuneßtnen fei ! ). 

©iefe ißrinjipien über ben Scßuß rooßlerroorbetter Sftedjte 
finb ber Ä. SBerorbnung ootn 12. September 1814 „ju ©runbe 
gefegt worben’)," barauä ffoß ber § 9 be3 ©efeßeS*)." 

©amit ift jebodj nicßt, wie 2Bäd)ter annimmt, biefer ©runb= 
faß im ©efeß al3 allgemeiner ©runbfaß baßin au$» 
gefprodßen (»erfiinbet) roorbeit, baß ba» jur 3«it ber @ße= 
fcßließung am SBoßnort beö ©ßemannä geltenbe eßelicße 6rb= 
redßt in aßen gäßen unb für aße 3 e * ten / fo aucß bei fpätcr 
geänberter ©efeßgebung ober, was gleidßbebeutenb fei 1 2 3 4 ), bei 
fpäterer SBeränberung b e 8 2Ö o ß n f i ß e 3 maßgebenb bleibe, 
alfo ßiefiir ftetö ba*3 e r ft e ©omijil be3 6ßemann3 entfcßeibe. 
©a3 ©efeß blieb barum nicßt weniger rein tranfitorifcßer Diatur, 
eä bejießt ficß feinem flaren Sßortlaut unb 3u>ed uacß nur 
auf bie »or ber ©iitffißrung beö altroürttembergifcßen 9tedßt3 
in ben neuwiirttembergifcßen Sanben fcßon gefcßloffenen ©ßeit 
unb bie ßieburcß begrünbeten üerßältniffe. s Jtur ba$, roaö in 
biefeu @ßen ßtecßtenS fein foß, ift im ©efeß erflärt unb ©e= 
feß geworben, ©ie Ulnficßt beiS ©efeßgebcrS über ben ^tißalt 
be3 befteßenben ßiedßtö unb über bie fRidjtigfeit ber ju feiner 
3eit befteßenben ©ßeorien ift rooßt für bie 2luslegung, nicßt 

1) © e o r g i i int Streß, für eit), tßr. 3 ©. 175—180 u. SB ü <ß t e r, 
I 6. 804 9iote 32. 

2) ® e o r g i i, a. a. D. ©. 189. 

3) SBcicßter, I ©. 804 Slote 32; II ©. 105. 

4) SBäcßter, I ©. 801 91ote 23 u. im 9lrtß. f. ein. tßr. 25 ©.49 
Stoie 263. ^lupiüenfenat in ©arroeg’S Slonotfdjr. 12 ©. 311 f. 


Digitized by Google 



154 


(Sntfcffeibungen beä DberlanbeägeridüS. 


aber für bie @rgänjung unb 2luSbe|nung beS ©efefceS ju oer- 
werten; felbft wenn jene Slnftcht beS ©efefcgeberS i|n ju ber 
gefe|lk|en 2 lnorbnung beftimmt |at (ja felbft wenn er bie 2 lb= 
fic|t gehabt laben foHte, fte mittels be^ oon t|m erlaffenen 
©efefceS jur allgemeinen ©eltuitg ju bringen; was übrigens 
für baS gegenwärtige ©efefc nic|t nachweisbar ift), fo bleibt fie 
nichts weniger blofeeS 2 Jtotio, wenn fie, wie |ier, im ©efe| 
felbft feinen (re<htsförmfic|en) SluSbrucf gefunben |at unb bet 
flare SBortlaut unb 3roecf beS ©efefceS für eine auSbe|nenbe 
3luSlegung im ©tnne ber iDtotioe feinen tftaum giebt '). 3 U = 
bem |atte jenes ©efc| non 1814 fiel nur mit ber seitlichen 
KoHifion, mit ber § ra 9 e bet Sfücfwirfung neuer ©efefse 3 U be- 
faffen; auf ben aüerbingS oerwanbten gall ber örtlichen 
SfoUifion oerfc|iebener ©rbrechte, auf bie räumliche $errfc|aft 
beftimmter QnteftaterbrechtSgefejje, ift ber Referent ©eorgii in 
feinen Ausführungen jur ®egrünbung ber oorgefc|lagenen ®e= 
fe|eSbeftimntungen überhaupt nicht eingegangen 2 ), fo baf? um= 
foweniger ber 2ßiEe beS ©efefcgeberS, auc| hierüber eine aH= 
gemein geltenbe ©efe|eSbeftimmung ju treffen, angenommen 
werben fann. 

2 Bäd|ter felbft |ält 8 ) baS oon ©eorgii für baS @rbrec|t 
ber @|eleute angenommene fßrinjip, n»eld)e€ biefen ju ber ©e- 
fefjeSbeftimmung in § 9 oeranlafjte, für unrichtig unb für fd|on 
bantals beftritten unb |at felbft in einigen anberen fünften 
bie oon ©eorgii angenommenen ©runbfä|e über bie Siücfwir-- 
fung oon ©efefcen für irrig unb oon falfc|en $Borauöfe|ungen 
anSge|enb erflärt unb barum oor einer Verallgemeinerung, 
oor einer allgemeinen Anwenbung auf bie Se|re oor ber 9tü<J= 
wirfung gewarnt 4 ). ©S fann ba|er auch bem auf unrichtigem 

1) f. ©tob Be, I©. 194 f. 

2) f. 3ltc§. f. cio. Sßr. 3 ©. 145 ff. Seittag jur fiepte oon bet Stiidt* 
antoenbung neuer ©efefee. 

3) Qn feinem sprioatrecf|t I ©. 802; II ©. 105. 

4) 2ö. ^rioatr. I ©. 805 nr. 35 unb in © a r 10 e p’S 2Jlonatfc$t. 4 
©. 436, too er in 9lote 35 in SBejieljung auf baS ®efe(; oon 1814 fagt: 
„fcfion besfjalb mujj man beljutfam fein, trenn man bem ©efefc eine aH= 
gemeine analoge 'jtnroenbung auf bie Sefjre oon bet Slücfioirfung über* 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfachen. 


155 


©runbfafc bertihenben Veftimntungen in § 9 bes ©efefceS feine aOh 
gemeine, über ben Haren SBorllaut uitb ben 3roecf beS ©efcjjes 
hinauSreichenbe SBebeutung beigemeffen roerben, fo toenig bieS 
für bie gleichfalls nur tranfitorifdbe Veftimmung bes roiirttem= 
bergifcben SanbrechtS non 1610 $u billigen mar unb non Sßädjtcr 
(©. 80 2 f.) gebilligt mürbe ’). 

Sßädhter bemerft jroar a ) gegenüber Sieinljarbt 
„allein bie betreffenbe Veftitnmung jenes ©efefceS floß nicht 
nur aus ganj allgemeinen ©riinben, fonbern eS fpredjen für 
ben allgemeinen ©afc auch noch aitbere Argumente aus unfren 
Duellen, roie id) a. a. 0. jeigte." 

Sin bem angeführten Drt s ) ift bas ©pejialreffript beS 
Dber=3uftij=ÄolIegiumS oom 17. Januar 1809 genannt, marin 
atterbingS berfelbe ©runbfaf}, bafj bei allen früheren ©hen ein 
ftiHfchmeigenber Vertrag, rooburch fid) bie ©hatten bem ba= 
mals geltenben Statut unterroorfen, anjunehmen fei, auSge= 
fprodjen roirb, unb baSfelbe ift auch oon anberen höheren Ve= 
hörben, fo in einem ©rlaf) beS JtultuSminifteriumS oom 28. Se= 
jember 1810 4 ) gefdhehen. ®ieS bemeift aber nur, bafj oer= 
fdjiebene Vehörben bamals (übrigens fid) nicht einmal gleich 
bleibenb 6 ) jene fltechtSanfcbauung hatten unb biefelbe in ihren 
Verfügungen unb Vefcheiben jur Slnroenbung brauten ohne 
bafe bamit jene StedhtSanfchauung hätte ©efejseSfraft beforamen 
fönnen. Unb audh ber oon 2Bäd)ter meiter angeführte Staats^ 
oertrag mit Vaben oom 10. Slpril 1807 (ratifigierter Xaufd)= 
unb ^ublifattonSoertrag 9ieg.=Sl. ©. 389 ff.) bejog fich nur 
auf bie SBirfung ber neuen ©efe^gebung auf bie menigen ba= 

Ijaupt geben rottf. 2>aS ©efetj hat freilich ben gehler, bafi ei in ben 
meiften feiner §§ fich fo allgemein auäbrücft, al3 ob ei bie 1 ‘efire oon 
ber Südroirtung überhaupt normieren roollte. 91 1 1 ein 9iubrit unb 
©ingang betoeifen bie fpejielle Sejiehung beS@efeheä 
g e n ü g e n b." 

1) Sichtig fHeinlfarbt, Komm. 5 . Sanbrecht III ©. 9 f. 

2) Qn feinem Württemberg. $rinotrecht II ©. 105 9iote 40. 

3) I ©. 803 f. 

4) SB ächtet, I ©.803 Sote29. 

5) pgl. a. a. D. ©. 803. 


Digitized by Google 



156 


©ntfcßeibungen beä DberlanbeSgerid&tS. 


mals oertauf dhten Orte, ©üter jc., roobei jur möglidjften 
Sponung ber bisherigen «Staatsbürger oerfügt rourbe, bah bie 
IBerhältniffe ber ©inroohner, befonberS bie aus ber ehelichen 
©iitergemeinfdhaft Ijerrührenben Siechte unb bas ©rbfolgeredht 
ber ©heleute, bie ohne befonbete Verträge einanber ftiHfd^tuei= 
genb auf bas Sanbrecht geheiratet hoben, in oorlommenben 
fallen nur nach ben bisher in ermähnten Orten giltig geroe= 
fenen ©efejjen beurteilt roerben foUen. Sllfo auch biefer Staats^ 
»ertrag hatte einen ganj fpejiellen, auf anbere SBerljältniffe ju 
iibertragenben Qn^alt. 

®ah aber ber in jenen fingulären ©efefcen unb oon ben 
bamaligen Sehörben angenommene StedhtSgrunbfah über bie 
Stiidroirfung oon ©efefcen in Slbficht auf baS eheliche ©rbredjt 
für ficb unb befonberS in ber Slusbehnung auf bie Äollifion 
oon ©efefcen bei Slenberung beS ehelichen SBohnfijseS im Söege 
gemohnheitSrechtlicher Silbung in SBürttemberg ©efef* getoorben 
roäre, fann fdhon barum nicht angenommen roerben, roeil jener 
©runbfa| in ber roürttembergifchen X^eorte oon jeher ftreitig 
roar'), unb fdhon roegen ber Seltenheit foldher JlolIifionSfätle 
eine lonftante ißrajis ber roürttembergifchen ©eridhte unb fEeU 
lungSbehörben barüber nicht befteht *). geljlt eS fonadh an einer 
partifulären ©efeheSbeftimmung beS einheimifdhen StedhtS, fo 
muh, ba ber früher in SBürttemberg angenommene ©tunbfafs 
ber ftiüfchroeigenben Unterroerfung ber ©heleute unter baS @e= 
fefc beS erftehelidhen SBohnfifceS befonberS hi<ifi<htü<h beS ©rb= 
rechts nicht haltbar ift, im ©inflang mit ben gemeinrechtlichen 
©runbfafcen aud; in SBürttemberg bas ©efejs beS l e fc t e n SBohm 
fifceS für baS 3nteftaterbred)t ber ©heleute als mafsgebenb er= 
achtet roerben. 

hieraus folgt, bah hier, entfpredhenb bem Älagantrag, 
für bie ©rbfolge ber gefefclidhen ©rben beS in Stuttgart, an 

1) f. SB ä dj t e r, I ©.801 unb für bie Seit oor bem ®efeß uon 
1814 öriefinger, £anbred)t§fommentar 7 ©. 12 f. 

2) f. ©arroeg’S iUonatfc^rift 12 ©. 311 ff. (am Sdgujj). ®ie %tu 
Iung«6ef)ötbe fjat in bem 'Ul'fcfjen £eilung8gefdjitfte bemerft, baß bie ißrajiä 
ber 2eilung8be£)8rben hierüber eine oerft^iebene fei. 


Digitized by Google 



A. in Sictlfadien. 


157 


feinem legten ®omijil, oerftorbenen 2Jf. bie Seftimmungen beS 
rofirttembergifcgen SanbredgtS, rooitacg bie SBitroe bei biofeer 
Äonfurrenj mit Seitenoerroanbten beS (SrblafferS bie $älfte 
unb bie 2)eri»anbten bie anbere Hälfte beS 9tadglaffeS als 
gefeglicge (Srben anjufprecgen gaben, ju ©runbe ju legen finb. 

VI. ®iefeS Snteftaterbrecgt ber (Sgegatten gat allerbittgs 
nacg roiirttembergifcgen fianbrecgt IV, 2 § 1 jur 9>orauSfegung, 
bafe bie (Sgeleute nacg „gegoltenem ftirdggang allbereit ju ege= 
l i dg e nt 3Jeitager fomtnen unb bie ® e cf i n b e f cg l a= 
gen" gaben. Mein gieju ift, roie in ber mürttembergifdgen 
£georie unb fßrajis aufeer Streit ife'), nidgt bie 2Mjiegung 
beS egelidgen SeifcglafS erforberücg, foitbern nur, bafe bie (Sge= 
leute (burcg ben fpmbolifdgen 2Ut ber öefcgreitung beS (Sge= 
bettS) baS egelidge 3«ian»»»enleben tgatfädglicg begonnen gaben. 
((SS wirb gezeigt, bafe eS gieju jebenfalls gefomnten ift; fobann 
geifet es): SBenn fdgliefelicg ber 2tnn>alt ber Süeflagten eS für 
bebenflieg galt, bem babifdgen ©iiterred)t baS auf ber oöHig 
oerfegiebenen ©runblage ber mürttembergifdgen (SrrungenfigaftS- 
gefellfdgaft aufgebaute roürttembergifige (Srbrecgt aufjupfropfen, 
fo genügt ber £>imoeiS, bafe baS ftatutarifege Srbrecgt ber Sge- 
gatten oon ber 3lrt beS ©üteroergältniffeS oöllig unabgängig 
ift 2 ) unb bafe bie gemeinredgtlicgen ©runbfäge, meltge für baS 
©iiterreegt ben erftegelicgen, für baS (Srbrecgt aber ben legten 
SBognftg beS (SrblafferS entfdgeiben laffen, oielfadg jur 3lnroen= 
bung ber ©efege »erfdgiebener Staaten ginfidgtliig ber Teilung 
ber ©ütergemeinfegaft unb ber Teilung beS 9tacglaffeS fügren 
müffen. 

Urteil beS I. SioilfenatS oom 12. Quli 1895 in Sadgen 

Äeppel gegen SJfageitau. 

®ie Steoifion gegen biefes Urteil gat baS 9teicgSgeridgt 
jurüefgeroiefen : »gl. 9t.©. 36 nr. 51. 

1) Sang, ^erfonenreegt 2. Slufl. § 45 1 Slote 3. SB e i $ g a a r, SB. 
^rioatreegt I § 147. Sleqfcget, SB. ^Srioatr. § 551 ju Siote 5. 0rie 
finget 7 ©. 225 ff. Sleingarbt, III ©. 13 Slnm. 1. SXanbrg, 
Gioilrecgil. Qngalt 3. 3luf(. ©. 514 Stole 31. 

2) 6tein = JUibel.-.fiogl, § 35 3“! !• SBürtt. Sing. 15 S. 179; 
16 ©. 334. 


Digitized by Google 



158 


Sntfdfjeibungen bei Oberl<mbe3gerid)t§. 


18. 

3iu8ltgung »on llerfidjtrungsbebingungen ; was ift unter „oflfen= 
barer ffirunhenljeit“ ju uer|teljen? $riuetilaft. 

Eine auf 2lu3jahlung ber Verfi<herung3fumme belangte 
Unfattoerfi<herung3gefeIIfchaft machte geltenb, ber SB e r f tdj e r t e 
fei in betrunfenem 3uft«»b oerungliidt unb fie beö^alb 
bie Verficherung3funtme ju bejahten nicht fthulbig gentäft § 4 
ber Verficherungäbebtngungen, ber lautet: 

㤠4. Ausnahmen: 

Vicht inbegriffen int Verfttherung'ooertrag ftnb : . . . . 

b) förpertiche Unfälle, welche burth $rieg, Erbbeben, Vuf= 
rühr, S)ueE, Vaufhänbel, burch Teilnahme an SBettrennen, 
s 4?arforcejagben, Suftballonfahrten, burd) Vorfaß be£ Verftcherten 
ober in beffen offenbarer £runfenheit ober bur<h 
©elbfttötung berbeigefü^rt werben. " 

$Da3 Berufungsgericht fiat in Uebereinftimmung mit bem 
E5erid)t erfter Qnftanj biefen Einwanb jurücfgenriefen au3 fob 
genben, ben näheren ©adioerhalt ergebenben 

©riinben: 

®er § 4 be§ oon bem Erbtaffer bet Klägerin mit ber 
Vetlagten abgefd)loffenen 3Serfidjerung§oertrag§ führt unter 
ben Ausnahmen oon ber Verpflichtung ber leßtern jur Vejafp 
lung ber VerficheruttgSfumme unter lit. bi förperlidje Unfälle 
auf, welche in offenbar er Srunfenheit beS Berfldherten 
herbeigeführt werben. 

Ereignet fid) baher ein förperlicher UnfaH, weither, wenn 
er nicht unter einem ber befonberen in ber lit. b) erwähnten 
Utnftänbe eingetreten wäre, jene Verpflichtung ber Beflagten 
begrünben würbe, fo hat biefe jum 3roed ber Befreiung oon 
ihrer Verpflichtung ju behaupten unb ju beweifen, baff einer 
jener Utnftänbe oorliege, im gegebenen galt alfo, baff ber 
förperlithe Unfall beS ErblafferS ber Klägerin in offenbarer 
£runfenheit beSfelben herbeigeführt worben fei. SGßiirbe man 
annehmen, baß baS Vidftjutreffen eine* ber in ber lit. b) be; 


Digitized by Google 



A. in £it>t(fa$en. 


159 


jeidjneten Umftänbe bei bem Unfall bie non bem SBerfidjerten 
ju beroeifenbe $Borauefe§ung beg 2lnfpru<f)g auf bie 33erfidf)e= 
runggfumme bilbe, fo fäme man ju bem unbilligen Grgebnig, 
bafs bie S3eflagte in jebem einzelnen galt burdb bie Sehaup» 
tung, baff bet Unfall in bet öetrunfenheit beg SSerfidherten 
fid) ereignet habe, bie ©eltenbmadhung beg 2lnfprucf)g beg ledern 
erfdhroeren ober, ba bem Sßerfidjerten gar häufig feine Sieroeig; 
mittel für bag Stiditbetrunfenfein ju ©ebot fielen, »ereiteln 
tonnte. 

ÜRad) ben eiblid^en Angaben ber 3eugen ®lv ©., U., f? v 
0. , in bereit ©efelljdhaft fid) ber Seemann ber Klägerin am 
Slbenb beg 7. gebruat 1895 oor feinem Unfall in ber 2ßirt= 
fchaft jum SJäumle in Ulm befuitbeit l)at, unb ber (£()r. SB., 
ber Sn^aberin biefer SBirtfdjaft, hat ©. bamalg bafelbft in ber 
3eit ooit etroa V» 8 ober Vs9 U^r big gegen 12 Ul)r 2 big 3 
Stoppen SBein, nach bem 3eugnig beg ©. geroöhnlidhen SRot= 
mein, getrunfen, fid) big julefct an ber Unterhaltung beteiligt, 
lebhaft gefprochen, ohne b afs ihm bag Sprechen irgenbmie 
•Schroierigfeiten gemacht hätte, unb eg mar berfelbe beim 2$er= 
(offen jener SBirtfchaft angeheitert (U., 0., SB.), nach bem 
3eugen ©l. etroag, nach bem 3 eu 9 en ©• jiemlich angeheitert, 
nach bem 3 eu 9 en 4>- f e h r guter Saune, bagegen nadh ber iiber= 
einftintmenben Slusfage jener 3 eu geu nidht betrunfen (nach bem 
3eugnig beg ®l., roeldher übrigeng gleidfoeitig nur »on einem 
etroag angeheiterten 3 u ftanb fpricht, nicht abfolnt betrunfen), 
er hatte feinen Dtaufch, roobei bie 3®ugtn SB. anfügt, baff fie 
unter betrunfen betijenigen »erftehe, roeldher nicht mehr roiffe, 
roag er thue, foldjeg fei bei @. burdiaug nicht ber JaU geroefcn. 
3Ug ÜBterfmale ihrer SBahritehmung, bafs ber lottere beim 25er= 
laffen ber 3ßirtfd)aft jum Släumle nicht betrunfen geroefen fei, 
haben bie 3eugen angegeben, bafs er ohne frembe Unterftüfcung 
fjut unb Xleberjieher an fidh genommen, feine 3e<f»e bejaht 
habe, ohne bafs ihm, foldjeg nad) ber 3eugin SB. irgenb roelche 
Schroierigfeiten gemacht hätte, roogegen ©. nach ber Stngabe 
biefer 3eugin, roenn er einen Staufs gehabt hat, erft am anbern 
Sag feine 3eche befahlt hat, unb bafs berfelbe ohne Unterftiifcung 


Digitized by Google 



160 


Sntfdjeibungen b ei DberlmibeSgeridjtS. 


fi<h aus jener SBirtfdjaft fortbegeben habe. Vorftehenbe 2Bahr- 
nehtnungen werben non betn 3®ugen £h- infoferne beftätigt, 

als berfelbe an bem Sag, an weichem ©. geftorben ift, ober 

an bem barauf folgenben Sag, non SBefannten, in beren ©e= 
feUfd^aft fich ber tefctere am Slbenb beS 7. gebruar befunben 

hat, gehört i)at, bah ©• nicht betrunfen gewefen fei, was ben 

3eugen Sh- $u ber Senterfung in feinem ©eftionSbericht ner= 
anlafjt ^at, bah ©• »nach perfönlicher 9tiicffprache auS ber 
©efedfchaft feiner Vefannten nicht auffaHenb betrunfen" weg= 
gegangen fei. 

Sie Veflagte macht nun aüerbingS geltenb, bah unter 
bem angeheiterten 3uftanb, non welchem bie ©ingangS er- 
wähnten 3 eu 9 en fpredjen, offenbare Srunfenljeit im ©inn beS 
§ 4 b) ber VerjtcherungSbebingungen ju nerftehen fei, inbem 
jene 3 eu 9 en U<h nur eines milben SluSbrudS bebient haben. 
Mein offenbare Srunfenheit ift nur biejenige, welche in foldjem 
©rab oorhattben ift, bah fie non Qebermann als ein 3 u ftanb 
erfannt wirb, welcher ben ©ebrauch ber geiftigen unb förper= 
liehen Äräfte, namentlich auch bie ju freier unb 

ficherer Bewegung erheblich beeinträchtigt. Sine berartige 23e= 
trunfenheit wirb aber in bem gemeinen Sprachgebrauch wefenfc 
lid) non einem angeheiterten, b. h- burch ben ©enuf? geiftiger 
©etränfe jwar angeregten, aber in ber angeführten Vejiehung 
nicht nachteilig beeinflußen 3uftanb unterfchieben unb läfjt fich 
auch auS bem non ben 3 ei, gen gefchilberten Verhalten beS 
©. nicht mit «Sicherheit entnehmen. Vielmehr fptecheu bie an= 
geführten Vernehmungen ber 3eugen eher gegen bas Vorh«nben= 
fein wefentlidjer Störungen ber geiftigen unb förperlichen 
gunftionen beS ©. unmittelbar nor bem ©intritt beS Unfalls 
besfelben. 

Sie Veflagte ^at baher ben ihr obliegenben VeroeiS, bah 
©. jur 3eit feines Unfalls offenbar betrunfen gewefen fei, nid;t 
geführt. 

Urteil beS II. ©ioilfenatS oom 12. Sejember 1895 in 

©ad)en ber Schweijerifchen UnfaHoerficherungSgefellfchaft 

in Söinterthur gegen ©ehrung. 


Digitized by Google 



A. in tSioilfadfen. 


161 


19. 

£ fbcnsoerlidjerung ; Uermirkunjsbloufel. 

Ser Kläger bat, nadjbem feine 3Iufna^me bei einer onbern 
SebenSuerficberungSgefeflfdjaft auf Scbroierigfeiten geflogen mar, 
burcb SBertrag »otn 19. 9iot>ember 1890 fein £eben bei ber 
SBellagten um 200000 fDi. oerficbert. Sie Prämien nmren je 
am 3. -Jiopember febeä Jahres fällig. 2lm 3. 9iooember 1892 
l;at Kläger bie Prämien nidfit befahlt; bie am 20. gebruar 
1893 erfolgte 3 a bl un 9 (ber einige Sage nadbber bie 3ablung 
ber bi« babin erroacbfenen SSerjugSjinfen nacbfolgte) b«t 23e= 
flagte, roie fie am 23. gebruar 1893 bem Kläger fcbrieb, »or= 
läufig nur als Sepot angenommen, roeit burcb biefe @infenbung 
bes ^olicenbetragS bie Policen „nid^t mieber in Kraft getreten" 
feien; fpäter bot fie ben eingefanbten ^Betrag an ben Kläger 
juriicfgeben laffen unb erflärt , bafj fie auf (Srunb ber über 
ben Kläger in ber 3>fif^enäeit erftatteten ärjtlidjen 2lttefte bie 
Policen nicht mieber in Kraft fe|en fbnne. 

Kläger bot nun Klage erhoben mit bem ülntrag: feftju= 
ftellen, bafj ber am 19. 9iouember 1890 jmifcben ben Parteien 
gefcbloffene SebenSoerficberungSoertrag über ben 33etrag oon 
20 000 5Di., roorauf bie eine ber 3 auSgefteüten Policen lautete, 
ju 9ied)t beftebe. 

Seflagte bat Klageabroeifung beantragt. Sie eradbtet bie 
Police für ungiltig infolge baoon, bafe bie iprätnie am 33erfaH= 
tag ni<bt bejaht roorben ift. Siefe 3tuffaffung ftiigt fie barauf, 
baff in ber Police gefagt ift: „Sie jährliche Summe oon 
928 2H. muff — roäbrenb ber ®auer beS Vertrags jäbrlid) am 
3. Sage beS fDtonatS 9to»ember an bie ©efeüfdjaft in ihrem 
Sfureau in ber Stabt Berlin entrichtet roerben" — unb in ben 
auf ber fRiiifeite ber Police ftebenben, in biefer als „Seil beS 
Vertrag«" bejeidjneten 33eftimmungen: — „2öirb biefe Police 
burdj 9iicbtbejablen ber Prämie ungiltig, fo foüen alle bis ba= 
bin geleifteten 3obh<ngen, ausgenommen im fpäter bejeirfmeten 

^ü^vbüdjci' für üttftritembcrg. !Red>t8|>fUflc. VII . 2. 11 


Digitized by Google 



162 


ffinlföeibungen beä DBerIanbe8geri<f|ts. 


gaEe, an bie ©efeEfdhaft oerfaEen." (Siefer „fpäter bejeichnete 
gaE" finbet fich unter ber SRubrif „VoEbejahlte Police", roo 
beftimmt ift : bie ©efeflfdjaft oerpflidhtet fid), nach Vejahlung 
oon brei ooflen yfahreSprämien eine prämienfreie Police auf 
einen in ©emäjfheit eines 9tero=2)orfet ©efefjeS ju beredjnenben 
Vetrag auSjufertigen, wenn bie Police ihr „oor oerfäumter 
3al)Iung irgenb einer Prämie ober innerhalb einer grift oon 
fed)S EJtonaten banacf)" übergeben roerbe.) SBeiter oerroeift Se= 
flagte auf bie fHubrif „Unbeftreitbarfeit", roo eS Reifet: nach 
2 fahren oont Saturn ber Police an foEen bie einzigen fiir 
ben 25er fieberten binbenben Vebittgungeit fein : „1) bie regel- 
mäßige unb piinfttiche 3 a ^ un 9 ber * n ber Police feftgefeßten 
Prämien" — , unb auf 3*ff er 3 ber „fRotij" beS Volicen=llm= 
fchtagS: „bie ©efeflfebaft übernimmt leine Verpflichtung, eine 
bureb 3tid)tbejahlung ber Prämien erlofchene Verfidjerung roieber 
in üraft ju fe|en." Veflagte macht ferner gettenb, baff Äläger 
fetbft thatfächlich unb au-Sbriicf ließ anerfannt habe, baß feine 
Verficherung infolge baoon erlogen fei, baff er bie Prämien 
nicht am 3. 9iooember 1892 bejatjlt habe, unb baff er an 
biefeS (außergericßtlicße) 2tnerfenntniS im fßrojeff gebunben fei. 

Äläger bagegen macht gettenb: ber VerficherungSoertrag 
enthalte feine Veftimmung, roonach bie Police ungiltig roerbe, 
roenn bie Prämie nicht am Verfafltag bejaßlt roerbe ; einen et- 
waigen Verjug feinerfeitS ßabe er baburd) geheilt, bafe er bie 
Prämien befahlt habe, ehe ihm Veflagte erflärt habe, bafj fte 
bie Verficherung als erlofcßen betrachte; fein Verjug fei übri= 
genS ein unoerfchulbeter geroefen, fofern ihm im September 
ober Dftober 1892 ber — im Dftober jum ©eneralinfpeftor 
ernannte — ©eneralagent unb ©ubbireftor ber Veflagten, 
5Diartin -Neuburger in Ulm, auf feine Vemerfung, bafj er bie 
Prämien erft im gebruar bejahten rooEe, erroiebert habe : bieS 
roerbe einem 2tnftanb nicht unterliegen; Veflagte habe gegen 
Xreu unb ©tauben uerftofjen, inbem fie nach bem angeblichen 
VerfaB ber Police monatelange 25erhanbtungen ihres Vertreters 
Eteuburger mit bem Kläger über Untroanblung einer Police in 
eine prämienfreie gebulbet habe, roährenb fie gemufft habe, baff 


Digitized by Google 



A. in ßimljadjen. 163 

ftc^ Kläger in UnfenntniS baoon befinbe, baß bie Policen an= 
gcblid» ungiltig geroorben fein foüten. 

©ie Atlage rourbe abgeroiefen unb bie Berufung gegen 
biefeS Urteil jurücfgeroiefen aus folgenben 

©rünben: 

I. 2Benn auch ein SedhtSfaß beS Inhalts nicht befteht, 
baß eine Sebenst>erfid»erung erlist, falls bie Prämie nicht 
pünftlicß bezahlt roirb, fo enthalten bo<h erfahrungsgemäß bie 
SBerficherungSbebingungen ber SebenSoerftdherungSgefellfchaften 
regelmäßig eine Sfeftimmung biefeS 3nljalt$, bie jur Sufred)t= 
erhaltung eines georbneten ©efdjäftSgangS bei einer großen 
SluSbehnung beS jtreifeS ber SSerficherten faum ju entbehren 
ift. ES iß beShalb non oornherein roahrfcheinlidj, baß fid) auch 
in ben oon ber öeflagten abgefchloffenen 5Berfi<herungSt>erträgen 
eine berartige ülaufel finbet. 

©amit jroar, baß nach ber ißolice bie Prämie jährlich 
am 3. Sooember bezahlt roerben „muß", ift über bie folgen 
ber Unterlaffung ber pünftlichen 3<>hlung nichts gefagt. 

SBohl aber ift eine Seftimmung in biefer Sichtung burch 
ben@a§ getroffen: „SBirb biefe SJSolice burch Sichtbezahlung ber 
Prämie ungiltig, fo foHen alle bis bahin geleifteten ßahlungen — 
an bie ©efeHfd)aft »erfaßen." 

Sach ben öudjftaben ift tnemit freilich nur für ben 
fyall Sorforge getroffen, baß eine Police burch Sichtzahlung 
ber Prämie ungiltig roirb; aber bieS beroeift eben, baß biefer 
gall nad) ben Statuten bjro. SBertragSbebingungen eintreten 
fann unb ba fid) in ber Police fonft feine ©eftimmung finbet, 
welche bie 93orauSfeßungen feftfejjen roürbe, unter benen bie 
Police burch Sichtzahlung ungiltig roirb, fo führt eine nnbe= 
fangene Auslegung zu beut Ergebnis, baß in bem angeführten 
SebingungSfah jugleid^ bie biSpofitioe Sorm enthalten ift: 
„biefe Police roirb burch Sichtzahlung ber Prämie ungiltig." 

Eine „Sichtbezahlung" ber Prämie aber liegt »or, fobalb 
ber 3citpunft norüber ift, in bem fpäteftenS gezahlt roerben 
muß, unb Zahlung «i<ht erfolgt ift. ©iefer 3<utpunft roar im 
gegenroärtigen gall ber 3. Sooentber. ®ie mit bem Kläger 

ll* 


Digitized by Google 



164 ©ntföeibungen beä D&<tlanbe3gericf)t3- 

oertragSmäfjig getroffene Vereinbarung ging alfo bahin: „bie 
Police roirb ungiltig, wenn bie Prämie nicht fpäteftenS am 
3. SHooember bejaht roirb." ®abur<h, bafj für biefen gaE bie 
Ungiltigfeit ber Police feftgefegt ift, ift flar jum SHuSbrucf 
gebraut, bafj eS feiner SHücftrittSerflärung ber Veflagtcn mehr 
bebürfe, bie Verftcgerung mit ©intritt ber SSgutfache oerroirft 
fein foEte, baß ber VerfaEtag ber sßtäinie ogne 3aglung alu 
gelaufen mar. 2Birb aber ber Verficherte burdj ben 2lblauf 
biefe^ SEageS, faES er bis bagm bie Prämie nid^t entrichtet 
hat, nicht bloß in Verzug gefegt, fonberu ift bie Police h*emit 
oerroirft, fo fann oon Leitung eines Verzugs feine SRebe fein 
unb — in ©rmanglung bahingehenber VertragSbeftinimungen — 
ebenforoenig baoon, baß burd) nachträgliche Vejaglung ber 
Prämie bie eingetretene Vermutung bet Verfichetung roieber 
rücfgängig mirb (ogl. auch 3*ff- 3 ber Siotij auf bem Umfchlag 
ber Police). 

II. ©egen bie im Vorftehenben bargelegte Auslegung beS 
©chlußfageS ber in ber Police unter ber SHubrif „©injafjlung 
ber Prämien" enthaltenen Veftimmungen ipriegt es in feiner 
2üeife, roenn in $iff. 10 beS SRecgenfd)aftSberichtS ber Veflagten 
über baS $agr 1891 gefagt ift : ber VerficgerungSoertrag gehe 
einfach bahin: „roenn SH. SH. bie Sßrämie bejaglt, roährenb er 
noch lebt, fo roirb bie ©efeflfehaft bie Sßolice bejahten, roenn 
er ftirbt." ^piemit roiE nicht eine Auslegung beS VerftcgerungSs 
betragS bahin gegeben roerben, baß bie Sßolice bejaglt roerbe, 
roenn nur bie Sßrämien bis 511111 SEob beS Verfidjerten irgenb 
einmal, gleichgiltig roann, begafft roorben feien. 3)iefe auf 9In= 
locfung beS SßublifumS berechnete SHnpreiiung roifl oielmegr eben 
bie £auptfacge, bie Unanfechtbarfeit ber Sßolice, furj unb 
fcblagenb geroorgeben, ogne bariiber etroaS auSjufagen, in 
roelcher SBeife bie Sßrämie bejaglt roerben muß. 

III. ©S mag gart erfdgeinen, baf? ber Verficgerte ber Ver- 
ficherung unb ber gejohlten Sßrämieit oerluftig gef)t, roenn er 
auch nur einen SEag ju fpät bejaglt, roährenb fonft ben Ver- 
ficherten häufig fog. SHefpcfttage eingeräumt finb ober fie, roenn 
bie Verfidjerung roegen nicht piinfttidjer 3aglitng ber Sßrämie 


Digitized by Google 



A. iii Siuilfndjen. 


165 


erlifcht, roenigftenS SSnfpruch auf bie Vräittienreferoe haben. 
9l(Ieitt abgefehen oon ber grage, ob eine .gärte ber Vertragt 
beflimtnungen eä re<^tfertigen mürbe, fte in einer SBeife au$= 
julegen, bie bem nächftliegenben ©um suroiberliefe, unb abge= 
feheit baoon, bah It. 3'ff- 3 ber Slotij be3 VoItcen=Untfdhlag$ 
bie söeftagte in 2 lusfidf)t fleHt, bah fte unter Umflänben eine 
burch fRidhtjahlung ber Prämien erlogene Verftdherung roieber 
in Kraft fefct, fomtnt golgenbeä in betragt: nach ben unter 
ber Stubrif: „Vollbejahlte Police" enthaltenen Veftimmungen 
hat ein a3erfi<^erter , ber bie pünftlidhe 3 t*^Iung ber eierten 
ober einer Späteren Prämie oerfäumt, noch fech§ -Utonate nach 
Verfluh bed Verfalltage ber Vrämie 2lnfprudj auf eine präntien= 
freie Police, bereit Vetrag bie ©umnte ber non ihm bisher be= 
jahlteit Prämien etioae iiberfteigt. (®ie$ toirb an ber gaitb 
einee ©dhreibenS ber Veflagten bargelegt). ®te ermähnte .gärte 
ber Vertragäbebingungen befteht htenadh nur in ben erften 
fahren ber Verftdherung. 

2lu3 ben 9lortnen in betreff ber „oonbejahlten Volke" er= 
giebt fich jugleid), bah Veflagte fidh nicht bae 5lecht oorbehalten 
hat, bei ütichtjahlung ber Vrämie am Verfalltag bie f^ortbauer 
bes VerfkherungSoertrags ju bean Sprüchen; bennberVer= 
fieberte hot hknadh unjroeifelhaft ba$ Vedht, nach Verfluh oon 
3 fahren feine Vrämie^ahlungen einjufteHen unb ^gleich 2luä= 
folge einer prämienfreien Volke 31 t oerlangen. fann alfo nidht 
geltenb gemacht merben, ber VerfidherungSoertrag ber Vorteien 
ntiiffe bahiit uerftanben merben, baf? Veflagte 3 mar berechtigt fei, bei 
nidht pünftlicher 3al)lung einer Vrämie ba$ Srlöfdhen ber Volice 
eintreten 3 U laffen, bah ober biö 3 U einer entfpredfenben 6 r= 
flärung ber Veflagten bie Vrämienjahlung nadhgeholt merben 
tonnte. Vielmehr hört bie Verfidherung oon felbft auf, roenn 
ber Verfalltag ber Vrämie ohne 3ohtim0 abgelaufen ift. 

IV. ®kfen oon ber Veflagten oon 2lnfang an — fdf)on 
in ihrem ©dhreiben an 'Jteuburger ootn 9. ®ejember 1892 — 
eingenommenen ©tanbpunft hot aber aud) Kläger felbft als 
richtig anerfaitnt. (®ie3 roirb aus ber Korrefponbens ber V°r= 
teieit näher naebgemiefen, fobann mirb fortgefahren) : 


Digitized by Google 



166 


©ntftfyeibungen be3 Dber[«ube®gericf)t3. 


V. darauf fomtnt nichts an, ob bie 91id)t}af)tung ber 
Prämie ant Verfalltag bem Kläger jur Verfdjulbung an- 
geredpet werben fann; benn bie 9te<ttSfoIge ber Verwirfung 
ber Police ift eben an bie blofee Xtjatfad)e ber UMcttptlwng 
ber Prämie gefniipft (wobei immerhin angenommen werben 
!ann, baß biefe golge nid)t eintritt, wenn ber Verfilterte bur<t 
l)öl)ere ©ewalt ober bunt ben Verfitterer felbft ober ätnlidje 
abnorme Umftänbe oon ber 3atlnng abgetalteu worben ift ; 
eine berartige Sattlage ift im gegenwärtigen gatl ni<tt gegeben). 

Uebrigens tat fi<t Kläger bie 6rlöfd)ung feiner Verfid)e= 
rung felbft jusufttreiben. Gr tat ungeacttet ber flaren Ver^ 
tragSbeftimmuug bie redjtjeitige 3atl«ng ber Prämie unterlaffen, 
otne fict twrljer oergewiffert p taben, baff bie in ber Police 
für biefen galt angebrotten fRccttänadjteile feine 2lnwenbung 
finben. ®ie angebliche 2Ieußerung üleuburgerS: bie fpätere 
3atlung werbe feinem Slnftanb unterliegen, bewies ihm — 
felbft wenn Neuburger beigefügt taben füllte, er foEe bie 3«t 5 
lung rutig unterlaffen — , baß Eteuburger in biefer 9li<htung feine 
binbeitbe 3ufage geben fonnte ober wollte ; er burfte — jumal 
angefidjts ber Ütotij auf ber Police , wonadt fein Slgent bie 
griff ber ißrämienjatlung tinauSpfdjieben berechtigt ift — fi<t 
mit einer berart unbeftimmten 3nfuge nicht begnügen, bie nicht 
geeignet war, in itm ben ©laubeit p erweden, ba§ Neuburger 
in Vejietung auf bie Stunbung »ott Prämien binbenbe 3 u = 
fitterungen erteilen bürfe. Sßenn er nun Gnbe Oftober 1892 — 
fei es amt nur mittels eines gormularS — unter ,§inweis auf 
bie golgen nicht piinftlicter iprämienjatUmg an biefe gematnt 
würbe, fo hatte er allen ©ruttb, fi<t noit oor bem 8. 'Jtooember 
über ben Staub ber Sa$e p nergewiffern. Unterließ er otne 
bieS p ttun bie ißrämienptlnng am Verfalltag, fo tanbelte 
er auf eigene ©efatr. 

VI. 2Bar aber bie Verficterung beS Klägers mit ber 9ti<tt-- 
jatlung ber Prämie am 3. Stouember 1892 erlofchen, fo war 
baS nactterige Vertalten ber Veflagten otne Ginfluj? auf bie 
rechtliche Stege beS Klägers; fonnte er baS Verfäumte nact 
bem 3. Diooember nicht metr nacttolen bep>. ftanb es im freien 


Digitized by Google 



A in ßioilfadjen 


167 


belieben ber 33eflagten, ob fte bie nachträgliche s -j3rämienjah= 
lung annehmen roottte ober nicht, fo ift es gleidjgiltig, ob bie 
©eflogte (be$m. ißr ©ubbiveftor ober ©eneralinfpeftor) nach 
bem 3. iltooember fDtonate lang über bie Umroanblung einer 
Police mit ihm oerhanbelte, ohne ifjm ju erflären, bafj bie 23er; 
ftdjerung erlofchen fei uub ihre 'JBieberinfraftfefeung oom freien 
belieben ber 23eflagten abhänge. ®enn auch roenn bieS bem 
Kläger alsbalb nach bem 3. iltooember mitgeteilt morben märe, 
hätte er fein SJlittel gehabt, bie SBieberinfraftfefcung ber er= 
lofd&enen 93erficherung gegen ben SBiHen ber 23ef(agten ^erbei= 
jufiihren. 3eneS ©ebroeigen ber 99eflagten — roorin ein 93 e r= 
Sicht auf ©eltenbmacbung ber eingetretenen 93erroirfung ber 
23erfi<berung feiitesroegs gefunben roerben !ann — enthielt ba= 
her feinen 33erftoff gegen bie ©runbfäfce oon fJ'reu unb ©lau= 
ben, jebenfaUö faun ißm nid^t bie 9Birfung beigelegt roerben, 
baff ber Verfall ber Police als nicht gefdbeben ju bejubeln märe. 
Urteil beS I. .gioilfenats oom 2. 9iooember 1894 in ©ad&en 
2. 6. gegen bie 2ebenSoerficberungSgefelIfdbaft Tbe Mu- 
tual Life Insurance Company in 9lem-2)orf. 

5Die SReoifion gegen biefeö Urteil ift jurüdgeroiefen morben. 

20 . 

UnfaUocrßrijtrung ; fitgriff bts Unfalls, angtblidje unrooljre 
Angaben unb eigenes Perfdjulben bes Berßdjerten. 

®er in einer Gifengiefeerei in Obertürfbeim als 3Jtaga= 
jinier angefteüt geroefene ß. bafelbft mar bei ber beflagten 
©efeUfdjaft gegen bie folgen förperlicber Unfälle unb jroar für 
ben gall beS fEobeS mit 4000 9)}., jaßlbar an feine äBitroe, 
oerficbert. 9lnt 6. Oftober 1893 oerunglücfte als er allein 
mittels eines |>ebeifenS einem ca. 9 3«UKer fdbroeren ^olj= 
bearbeitungSgefteH, melcßeS äuuor burcb acht 2lrbeiter auf einen 
SBagen gefaben morben mar, eine beffere 2age auf bem SBagen 
ju geben oetfud&te. infolge faiefeS Unfalles ift er am 8. Oftober 
1893 geftorben. ©eine SBitme ßat mit ber .«läge bie ©efelL 


Digitized by Google 



168 


(Sntfcf>eibungen beä Dberlanbesgericf)t§. 


fcßaft auf Bejahung ber BerfidßerungSfumme oon 4000 $?. 
in ülnfprudß genommen. 

SBeftagte f>at gegen bie ßlage eingeroenbet: es Hege fein 
Unfall im Sinne ber BerficßerungSbebingungen »or, bie Ber= 
lefsung fei burdf eigenes Berfdfjulben beS Beworbenen entftaro 
ben; ber BerfidtierungSpertrag fei für Beflagte unoerbinblicf), 
roeil ber Berftorbene in bem 2lntrag auf Berfidjeruug roiffent- 
lid) falfcße Slngaben gemalt unb einen Umftanb oerfdhroiegen 
habe, ber auf bie Beurteilung beS StiftfoS Ginfluß gehabt Ijabe, 
nämlidf) baff er, ber fidE) als „ÜJtagajinier einer Gifengießerei" 
bezeichnet habe, regelmäßig mit bem Jpeben großer Saften ju 
fd^affen habe; jebenfaHs fei Beflagte burcß bie unwahren 2ln= 
gaben beS Beworbenen in einen Irrtum in betreff beS Um= 
ftanbs »erfe|t roorben, baß ber Berftorbene in ber Gifengießerei 
ntitjuarbeiten gehabt habe, unb baburcß jnm 2lbfd)luß beS Ber= 
tragS oeranlaßt roorben. 

35ie Beflagte rourbe ber ftlage gemäß oerurteilt unb ihre 
Berufung gegen biefeS Urteil jurüdfgeroiefen aus folgenben 
© r ii n b e n : 

I. ®ie Berleßung beS GßemamtS ber Klägerin, welche ben 
£ob beSfelben zur fjolge gehabt hat, ift als Unfall im Sinne 
ber BerficßerungSbebingungen an^ufeßen, felbft roemt baoon 
ausgegangen roirb, nicht ber Sturj beS g. fei bie Urfadje ber 
ÜDarmeinflentmung geroefeit, fonbern er habe fidh biefe burd) 
Begebung jugejogen. Berfidßert roar ber Beriete gegen bie 
materiellen SdfjabenSfolgen förperlidher Unfälle, b. h- folget 
förperlicßer Bergungen, welche ber Berfidjerte burch ptößlkhe 
äußere Beraulaffung unfreiwillig („j. B. burch Stoß, &ieb. 
Stur}, SQueticßung, Berfcßüttung, Blißfdjlag, Berbrennen, Heber- 
faßrenwerben ober bergleidßen“) erleibet. $iebei ift ju beamten, 
baß ßier nur Beifpiele aufgeführt finb unb baß biefe 2lufjäh= 
fung mit ben SBorten fcßließt „ober bergleidßen". Unter bie 
hier in § 1 ber BerfidierungSbebingungen gegebene Begriffs* 
beftimmung ift and) ber oorliegenbe galt }u rechnen. ®er Ber* 
leiste ßatte begonnen, ben Berfudß ju machen, baS auf bem 
3Sagen befinblic^e 'DtafdEjinengeftell in Bewegung }u fefjen unb 


Digitized by Google 



A. in ßiuilfa^eit 


169 


in eine anbere Sage $u bringen. ®iefe Seroegung beS Körpert 
beS 5- ruurbc burd) eine plöfclidje äuffere geroaltfante 58eram 
laffung unterbrodjen, nämlid) ben SBiberftanb, ben bie fd»roere, 
ju beroegenbe iDlaffe roiber ©rro orten ber Itraftanftrengung be-S 
©efdjäbigten leiftete, unb ben baburd) fjerbeigefiiljrten piö^lidjen 
©egenbrudf, ber auf ben Äörper beS mit ber ülrbeit 5^efdt)äf- 
tigten einroirfte unb bie üörperberoegung öeSfelben plö&lic^ jum 
Stillfiaub bradfte. Unfreiwillig gefcfjal; bie^, benn ber mm g. 
gemachte Serfnd), baS ©eftell in Seroegung ju fe§en, mißlang 
gegen beffen SBiHen. $>urd) ben ©egenbrucf ber roiberftrebenben 
fdiroercn 9)?offe erfolgte bie plöfclidje Hemmung ber beabfid^^ 
tigten förperlid£>en Seroegung unb burd) bie ©inroirfung biefcr 
Hemmung auf beffen Körper mürbe bie Verlegung beS g. ijer= 
beigefüf)rt. 3um Segriff eines Unfalls gehört eS nid)t, bafj „bie 
plöfclidie äufeere gemaltfame Seranlaffung" ein in Seroegung 
befrnblidber äußerer ©egenftanb ift; ber Unfall fann fid) auch 
fo ereignen, bafj ber Körper eines 'Utenfdjen fid) in Seroegung 
befinbet, unb bajj biefe Seroegung burd) einen ftillftefjenben 
äufjern ©egenftanb plöjjlid) gehemmt roirb, roie bieS aud) bei 
einem Sturj jutrifft. 

®afj bieS bie SerfidjerungSbebingungen ebenfo auffaffen, 
get)t aud) barauS f)eroor, bajs es in § 4 9lbfa§ d Reifet „Unter* 
leibsbrüd)e, roeld)e nid)t burd) einen Unfall im Sinn beS § l, 
fonbern burd) ntutroillige ober unnötige fiibfeftioe Kraftäufjerung, 
©. burd) unnötiges ober mutwilliges ßeben u. f. m. beS Ser* 
fieberten entftanben finb," ferner in 2lbfaf3 e „alle Körper* 
f^äben, beren Urfadje fidf) auf einen Unfall im Sinne beS § 1 
nid)t nadimeiSlid) juriicffttfiren läßt, roie $. S. Serbebungen, bie 
infolge mutwilliger ober unnötiger Ueberanftrengung ber Körper* 
traft entftanben finb." @S roetDen t;ier ben Unfällen im Sinne 
beS § 1 Sefdiäbigungen entgegengefefct, roeldie infolge mut= 
roitliger ober unnötiger Ueberanftrengung ber Körpertraft ent* 
ftanben finb. 3Benn aud) biefcr ©egenfaj} nidjt oöllig jutreffenb 
fein mag, fo jeigt er bod), bafj bie Serfidjerungöbebingungett 
Sefdjäbigungen, bie burd) eine gebotene ober jroedentfptedjenbe 
förperlidje Slnftrengung erfolgt finb, ju ben Unfällen im Sinne 


Digitized by Google 



170 (Sntfdjeibungeit beä DbertanbeageridjtS 

bed § 1 regnen, £ienad) ift aud) unrichtig, baß, wie bie Ve= 
flagte behauptet, innere iförperfcßäbeu, nrie $. V. Vergebungen, 
allgemein audgefd)loffen [eien, jumal wenn fie burd) unnötige 
lleberanftrengung ber ftörperfraft entftanben feien, ©o, wie 
Ijier angeführt wirb, briiden fid} bie Vebinguitgen nicht aud. 
2Iu^gefd)toffen finb nur foldje flörperfd)äben, welche infolge 
mutwilliger ober unnötiger lleberanftrengung ber Äörperfraft 
entftanben finb. 

II. ®ie Vellagte behauptet, bie Vefcßäbigung bed Ver* 
fidjerten fei burd) eine niutroiUige ober unnötige Ueberftrengung 
ber itörperfraft bedfelben entftanben. 

SlUein bied ift unjutreffenb. Von SutwiHen fann feine 
Siebe fein. ©d läßt fid) nicht annehmen, ber Verlebte habe eins 
gefehen ober habe einfeljen muffen, baß feine Slnftrengung oers 
geblid) fein unb ihm gefährlich werben werbe. Senn aud) bad 
ainflaben bed ©eftelld eine große ßraftanftrengung erforberte, 
fo lag badfelbe, atd g. eingrijf, bocb fchon auf bem Voben bed 
Sagend unb ed fonnte berfelbe wohl glauben, ed fei ihm tnög= 
lieh, badfelbe auf bem ebenen Voben mittelfi ^ebelfraft eine 
Heine ©treefe weiter ju bewegen. 

©benfowenig liegt eine unnötige Slnftrengung unb ein fahrs 
läffiged Verhalten bed Verlegten oor. ®d ift nicht beftritten, 
baß bad 9)iafchinengeftell auf bem Sagen in eine ungeeignete 
Sage gebracht war. @d lag alfo ein ©runb oor, wenn g. fid; 
oerantwortlich fahr bemfelben eine anbere Stellung ju geben 
unb ju biefem 3weci feine Äraft anjuftrengen. ©d gehörte bied 
jwar nicht ju feinen $ienftobliegenheiten ald Sagaginier unb 
ed ftanben ihm gewöhnliche Arbeiter ju ©ebot; allein wenn ber 
©bemann ber Klägerin oermöge feiner befferen ©infidht unb 
feiner Erfahrung fetbft eiitgriff uitb glaubte, auf biefe Seife 
fchueller unb fidjerer jutn 3iel ju fommen, ald wenn er biefe 
3lrbeit einem Arbeiter übertrug, fo fann ihm baraud fein Vor; 
wurf gemadjt unb feine .fjanblungdweife nicht ald eine unnötige 
unb faßrläifige bezeichnet werben. Dh ne ®tunb wirb et fid) 
biefe fDh'ihe nidht aufgelaben haben ’). 

1) cf. auch © e u f f. Ätdjto SB. 35, ©. 394. 


Digitized by Google 



A. in Gioilfat^en. 


171 


III. ©in Irrtum über bie mit bem Beruf eines Verfilterten 
oerbuitbene ©efaßr ifi fein roefentlidter unb tat bie Stidftigfeit 
be;S VerfidterungSoertragS nictt äur 

IV. ®er Verfilterte foll bem § 7 ber VerficbernngSbebiro 
gungen juroibet getanbett unb falfcße ober unroaßre Eingaben 
gemattt unb einen mit UnfaHgefatr oerbunbenen Untftanb oer 
fcßroiegen taben, roeldter auf bie Beurteilung beS StififoS tätte 
©influß taben fönneit. $ieS beroirfe nadb § 15 lit. c bie Uns 
oerbinbticbfeit beS Vertrags ber ©efeUfcßaft gegenüber. 

3unä<bft foH ber Verfidterte oerfcßroiegen taben, baß er 
audt jum |>eben grofjer Saften unb ju ätnlidten gefätrüite« 
2lrbeiten oerroenbet roerbe. 2lUein bie Veftagte tat felbft be^ 
tauptet, bat %■ an bem -DtafdtinengefteU, baS fid) fdton auf bem 
Stegen befunben tabe, übertaupt nichts rnetr ju fdtaffen ge= 
tabt tabe, ba eine berartige ^tätigfeit nictt ju feinen regm 
tären gunftionen als Vtagajinier ju rechnen geroefen fei unb 
es tat fidb bie Veftagte tiefür auf baS 3eugniS bes iflrofuriften 
berufen, ©etörte aber baS förperlidte 3Jfitarbeiten unb baS 
©clbftsganbanlegen nidtt $u feinen regulären g-unftionen, fo 
fann aud) nicht baoon gefprocten roerben, baß er non feiner 
$ienftterri<taft jum geben großer Saften unb ju ähnlichen ge= 
fätrlidten Arbeiten oerroenbet roerbe, benn er tätte berartige 
Steifungen feiner ®ienftherrfd)aft nidtt ju befolgen getabt. ®er 
Verfidterte tat alfo, inbem er nictt angab, baß er audj junt 
|>eben großer Saften u. f. ro. oerroenbet roerbe, nichts oers 
fi^roiegen, roaS er aitjugeben gehabt tätte. ©benforoenig tat er 
fidt baburd) einet SEpufdbung fdjulbig gemadtt, baß er nic^t an= 
gab, es fönne aud) auSnatmSroeife oorfommen, baß er einmal 
felbft bei ber 2lrbeit im fDtagajin eingreife, benn bies liegt 
fcton in ber 2lngabe feines Berufs als eines StagajinierS in 
einet ©ifengießerei auSgebriicft. ©S ift unrichtig, baß unter 
einem fDfagajinier nur eine fßerfon ju oerfteten fei, roeldte eine 
anorbnenbe, oerroaltenbe, bie ©ppebition unb 2lufberoahrung 
iiberroachenbe £tätigfeit entfalte ; es ift oielmet^ ©ad)e täglicher 
©rfaßrung unb liegt in ber Statur eines foldjen Berufs, baß ein 
Stagajinier, ittSbefoubere berjenige einer ©ifengießerei, roeldter 


Digitized by Google 



172 


®nt(cf|eibungen beä Dberlanbesigendjtä. 


eine 9litjoE)I geroöhnlidher Arbeiter ju beauffichtigen, ben £ran§= 
port fchroerer ©egenftänbe in baS unb aus bem fflfagajin ju 
beroerfftefligen unb bie ißerantroortung für jroedmäfeige 31u^= 
fiihrung ber Arbeit ju tragen fiat, momentan in bie £age 
tommen faitn, ben Arbeitern oorjeigen zu muffen, wie fie eine 
Arbeit anzugreifen haben, ober baß er neranlaht fein tann, 
eine unrichtig ober ungefchicft auSgefiifirte 2lrbeit zu »erbeffern, 
irgenbroie nachzuhelfen unb ju biefem 23ebuf fid) förperlid) an= 
juftrengen. SDeSljalb beburfte eine foldfe £t)ätigfeit nicht noch 
einer befonberen ©rroäfinung. 

(Sine Seftatigung erhält ba§ SBorfteffenbe, roenn, roa$ nic^t 
roiberfprodfien ift, bie ^Bezeichnung beS al3 Sttagajinierä in 
bem 33er fid) erung^antrag non bem ^nfpeftor unb bem 2lgenten 
ber 33eflagten ^errii^rt unb biefen bie 58efd)äftigung be$ 
genau betannt roar. $>enn bann haben auch biefe angenommen, 
in ber ^Bezeichnung be§ §. als aJiagajinierS fei biefe au3nahm3= 
tneife unb burdj) unnorhergefehene 2lnläffe herbeigeführte £hatig= 
feit beS $. inbegriffen *). 

©3 mag gutreffen, bah bie 33eflagte 33erfi<herung3=antrage 
beShalb abgelehnt hat, roeil ihr baä fRififo zu groh roar, bah 
ber ©enerabSlgent foroie fämtlidhe Vertreter ber Seflagten bie 
.^uftruftion haben, feine 23erfi<herungen anzubahnen, roeld;e in 
hohen ©efahrenflaffen reagieren unb bah fämtliche 33erft<herung3= 
gefettfehaften ben abfehluh non 33erficherung£nerträgen ner= 
meiben, bei benen ber 23erficherung3nehmer ju einer hohen ®e= 
fahrenflaffe gehört. S5iefe $hatfadhen hätten jeboef) nur bann 
eine 23ebeutung, roenn ber 33erfidjerte feiner Pflicht, erhebliche 
Umftänbe anzujeigen, entgegengehanbelt hätte, roaS nidht ber 
gatt ift. 

®ie 33eflagte behauptet audh nod), ber 33erftd)erte g. habe 
bem ©eneraUÜlgenten ber 23eflagten angegeben, er habe fdhroere 
Arbeiten, für roelche befonbere Seute ba feien, nicht z« »er- 
richten. Qft bieä richtig, fo löge auch baritt feine Unwahrheit. 
$enn bamit märe nur gefagt , bah fehlere arbeiten nid)t zu 
feinen regelmöhigen ®ienftobliegenl)eiten gehören, fonbern bah 
1) ^ieju aud) Sntfd). be§ Seidig bei 8 o l j e 8. 16, ©. 279, 9it. 463. 


Digitized by Google 



A in EiDtlfac^en. 


173 


bie fcßroeren Arbeiten bur<b befonbere Arbeiter, bie baju an-- 
gefteHt feien, oerricbtet roerben; bamit ift aber ni<bt »erncint, 
baß er auch einmal in feiner @igenfd)aft als Magazinier, oer; 
möge feiner Ülufficbt über bie Arbeiter unb als Seiter ber Slrbeit, 
in bie Sage tommen fönne, felbft &anb anzutegen. SDie S3e= 
flagte felbft ftellt ben Magazinier im ©egenfaß jutn felbfttbä-- 
tigen Mitarbeiter unb fie führt an, es begriinbe einen roefent= 
lieben Unterfdjieb, ob fiel) ^einanb bei einem SerficberungSanirag 
als Magazinier ober als felbfttfjätigen Mitarbeiter bezeichne. 

Mein ju ben felbfttbätigen Mitarbeitern gehörte ber Ser= 
fieberte g. nac f) ben eigenen Eingaben ber Seflagten nicht, meil 
als folcber nur berjenige präbijiert roerben fann, ber regel- 
mäßig mitarbeitet, roaS bei %. nicht zutraf. 

fMenacb bat ber Serficberte $. meber unroabre Slngaben 
gemalt, noeb ©rf>ebli<beö oerfebroiegen unb eS fann bie Scflagte 
ben SerfidjerungSoertrag nicht auf ©runb beS § 15 lit. c als 
unoetbinblidb bebanbeln. 

Urteil beS I. ßioilfenatS oom 10. $uli 1894 in Sachen 
ber Serfi<berungS=2l£tiengefellfcbaft Jpanfeatifd^er Sloijb in 
Hamburg gegen grief. 

®ie 9ieoifion gegen biefeS Urteil ift jurüctgerutefen roorben. 


21 . 

iUdjtsroirkungen eines Vertrags, moburd) Semanb einem ltnbern 
bie Jtadjbilbung eines liunfirocrks geplattet, tuöljrrn'b in |öirk= 
lidjkeit einem dritten bas Stedjt , biefe Erlaubnis ju erteilen, 

jufteljt. 

Slm 16. ‘Jtoocmbcr 1882 bat ber oerftorbene Honig Harl 
bem Seflagten auf beffen Sitte bie SrlaubniS erteilt, „bie ©egen; 
baut’fd;en SBanbgemälbe im ftgl. Mefibenzfchloffe jum 3 roe< * ber 
gefdjaftSmäßigen Scrbreitung pt»otograpt;ifd^ aufnebmen 511 
bürfen"; es fällten aber oortäufig nur Aufnahmen in einem 
größeren g°mat gemacht roerben bürfen unb jebe Aufnahme 
follte oor ißrer Seroielfältigung bem Dberftbofmeifter zur v ilm 


Digitized by Google 



174 


6ntf<f)eit>ungen bei 0berlanbeSgericf)t8. 


fid)t unb ©ntfdbliejjung norgelegt roerben. ®ie nom Seflagten 
1883 neröffentlichten 9lufnabmen jütb junt fßreiS non 2,20 9)2. 
baS ©tücf fäuflicb. 

21 m 8. Februar 1886 ift jroifchen bem Seflagten unb bem 
SerlagSbuchbänbler 6. $., 9te<htSoorgänger ber Älin., ein 9?er= 
trag ju ftanb gefommen, ber befagt: „|ir. £b- 3* geflattet ber 
girma ©. |>. bie ffteprobuftion ber in feinem Serlag erfdfienenen 
Sbotograpbien ber ©egenbaur’fcben Silber für bie „Slluftrierte 
©efdjidjte non Söiirttemberg" unb erhält non $rn. (S. £. für 
bie (SrlaubniS ber fReprobuftion jebeS SilbeS ben Setrag non 
50 9J2arf." 

£>. bat nom Seflagten sroölf ber genannten Sbotograpbien 
bezogen, jie in |>oläf<bnitt in bem ermähnten Sud) nadjgebilbet 
unb bem Seflagten bie nertragSmäffige Summe non 600 9)2. 
bejaljlt. 9)2ittelS Schreibens beS ftgl. ÄabinettS nom 6. 2luguft 
1893 ift ber Klägerin auf ihre Sitte ebenfalle bie (SrlaubniS 
jur pbotograpbifcben 2lufnaf)me ber ©egenbaur’fcben $reSfen er= 
teilt morben. 

Klägerin bat nun Älage auf 9tiicfjablung ber an ben Se= 
flagten bejahten 600 2)2. nebft 3infen erhoben, inbem fie geU 
tenb macht : $. habe ben Sertrag nom 8. gebruar 1886 in bem 
— nont Seflagten abficbtlicb unterhaltenen — 3 rr tum gefchloffen, 
Seflagter befifce baS auSfcbliehlicbe 3ted)t jur photographifchen 
3iacf|bilbung ber $reSfen. $n 9Birfli<hfeit aber habe ein folcbeS 
9tecbt beS Seflagten tneber traft ©efefceS noch jufolge Ueber= 
tragung feitenS ber Ärone beftanben. (Seibe Steile gehen banon 
auS, bah baS Urheberrecht an ben ©egenbaur’fcben gr«$fe» ber 
Ärone jufteht.) ®er abgefcbloffene Sertrag fei baher roegen 
9J2angelS eines DbjeftS nichtig unb Klägerin bemjufolge be- 
rechtigt, bie auf ©runb unmahrer Sorjpiegluttgen unb in enU 
fd)ulbbarem Qrrturn gemachte ßahlung jurücfjuforbern, ju ber 
fie rechtlich nicht nerpflidhtet getuefeit fei. 

3n jmeiter 3«ftanj ift bie Atlage abgeroiefen morben aus 
folgenben 

©rünben: 

I. 2l2it ben beiben Parteien ift banon auSjugeben, baff baS 


Digitized by Google 



A. in £it>i(fadjen. 


175 


Urheberrecht an ben ©egenbaur’fdhen $reSfen oon ©egenbaur 
auf bie Ärone übertragen roorben ift ; ^iefür fpriefft burdhauS 
bie Jage bet 5?er^ältniffe. SDiefe fyreSfett hoben als „fiinftle= 
rifdje ©rjeugniffe" fdE»on nach bem roürtt. ©efefc »om 24. 2lu= 
guft 1845 2lrt. 1 ogl. mit 2lrt. 1 beS roürtt. ©efefceS oom 
17. Oftober 1838 roiibrenb ber JebenSjeit beS — 1876 oer^ 
ftorbenen — Urhebers unb noch 30 Qahre nach beffen £ob 
©cf»uh genoffen gegen „burdf» medhanifdhe itunft beroirfte 58er: 
oielfältigung", worunter im © in n biefer roürtt. ©efefce 
(im ©egenfafc gegen baS ffteidhSgefejj oom 10. Januar 1876) 
bie Peroielfciltigung nicht blofj burdf» Photographie u. bgl., 
fonbern aucf» burdh &oljfdhnitt, ©tahlftid» u. bgl. $u oerftel»en 
ift : eine birefte mechanifdbe Pndbbilbmtg oon ©emälben mar 
jur 3eit ber ©rlaffung jener roürtt. ©efefce nodh faum möglich- 
$ie Ärone roar alfo als PedhtSnachfolgerin ©egenbaur’S fchon 
r»or ©rlaffung beS 9teidhSgefe{5eS nom 10. Januar 1876 b(- 
rechtigt, bie Padjbilbung ber genannten ^reSfen in Ph oto 9 ra - 
phie ober |»oljfdhnitt ju oerfagen ober ju geftatten, unb an 
biefem SiedhtSjuftanb hat baS ©efejs nom 9. Januar 1876 nichts 
geänbert, baS nach § 18 2lbf. 1 auch auf jene greifen 2ln= 
roenbung finbet. 

II. 9ta<h § 5 beS eben genannten 9teid)Sgefe|3eS burfte 
als er ben Pertrag oom 8. gebruar 1886 mit bent Peflagten 
abfdhlofj, ohne ©enebmigung beS berechtigten feine Pachbilbung 
biefer greSfen in ber 2lbftdf»t ber Perbreitung anfertigen bejto. 
oeroielfciltigen, auch nicht in ber SBeife, baff bie Pachbitbung nicht 
unmittelbar nadh bem Original, fonbern mittelbar nach ben pf» 0 * 03 
graphien beS Peflagten gefchaffen rourbe ($iff. 3 beS § 5 a. a. 0.). 
2)ie Ausnahme beS § 6 $iff. 4 beS ©efejjeS trifft nicht ju, roeil bie 
ber „iüuftrierten ©ef<hi<hte SBiirttembergS" eingefügten $olj= 
fdhnitte nadh beit ©egettbaur’fchen greSfen feineSroegS „nur jur 
©rläuterung beS SCeyteS bienen", roie 3. P. Stbbilbungen oon 
Sßerfett ber ©ialerei ober ber piaftif in einer Äunftgefchidhte, 
fonbern lebiglich jutu ©dhrnuef unb jur Erhöhung ber Perfciuf= 
lid»feit beS SßerfS. ®ie oon .£>. hetgeftellten £o4f<hnitt='Jiach-' 
bilbungett ber greSfen roaren baher, ba ihre ^erfteUung ohne 


Digitized by Google 



176 ©ntfdieiimngen beä D6ertanbe$geri$t3. 

(SrlaubniS ber Ärone gefdjah, oerbotene, unerlaubte ©achbilbungen, 
roenn &. nicht burd) bie ihm o o m ©eflagten gegebene ©r= 
laubniS gebecft roar. 

IO. $ieS ift nicht ber gall. ®er ©<huß beS ©eichSgefeheS 
oom 10 . Januar 1876 betr. ben ©<huß ber Photographien 
gegen ©achbilbung fommt bem ©eflagten nicht ju gut, roeil 
Sttbf. 2 beS § 1 beweiben 3 utrifft, baS photographierte SBerf 
gefe^lidh gegen ©adjbilbung noch gefdjii^t ift. ÜBenn übrigens 
bie Photographien beS ©eflagten unter bem ©<huß biefeS ©e- 
feßeS ftänben, io mären fie (nach §§ 1, 3 beweiben: »gl. oben 
$iff. 1 in Söetreff ber „mechanifchen" ©achbilbung) gegen ©ach= 
bitbuug burd) jpotjfd)nitt nidht gef<^ü|jt. «Seitens ber Ärone 
aber hat ©eflagter groar bie ©rlaubniS erhalten, bie greifen 
„jum $roed ber gefcf)äftSmäßigen ©erbreitung" photograptjifd) 
aufjunehmett; unb eS roar ihm bamit baS ©echt eingeräumt, 
©bbriide ber oon ihm gefertigten Aufnahmen jum $roed beS 
©erfaufs in ben ©erfehr ju bringen ; feineSroegS aber roar ihm 
nad; bem flaren SBortlaut beS SrlaffeS oom 18. ©ooetnber 1882 
ein auSfd)ließlicheS ©echt biefeS Inhalts erteilt, ebenfo= 
roenig enthält biefer 6 rlaß etroas baoon, baß baS Urheberrecht 
ber Ärone ju irgenb einem Seil auf ben ©eflagten übertragen 
rourbe, unb er lägt flar erfennen, baß bem ©eflagten nicht 
bie ©efugniS eingeräumt roerbeu rooHte, bie ©adjbilbung feiner 
Photographien ju geftatten. ®enn bie ©norbnuug beS (SrlaffeS 
baß junächft nur Aufnahmen in größerem gormat gemacht unb 
alle Aufnahmen uor ihrer ©eroielfältigung bem Dberfthofmeifter 
jur Slnfid)t unb ©nt}cf)liefinng oorgelegt roerben foUten, beroeift, 
baß bie Ärone 2 Bert barauf legte unb oerlangte, baß bie greifen 
nur in gelungener unb roürbiger 2 Beife nadjgebilbet unb nur 
foldje ©achbilbungen oerbreitet roerben. ftieftir roäre aber feine 
©arantie mehr geboten geroefen, falls eS in ber SDfad^t bes 
©eflagten geftanben roäre, bie ©ad)bi(bung feiner photogriv 
phien — 3 . ©. in geringwertigen ©ilberbogeti ober SPuftrationen 
billiger ©olfsbüdier — 311 geftatten. ®urch ben ©ertrag oom 
8 . gebruar 1886 ift baher bie «^poljfdjnittnadjbilbung ber greSfen 
in ber illuftrierten roiirttembergifdjen ®efd)tchte ber Klägerin 


Digitized by Google 



A. in Sinilfadjen. 


177 


bem Urfjeberberedjtigten, ber ßrone, gegenüber ju feiner er= 
laubten geworben, bie Ärone fonnte tro| biefem Vertrag gegen 
biefe 9tad)bilbung, mit beu bem Urheber eines ftunftwerfeS 
gegen unberechtigte ÜRachbilbung juftehenben SRitteln einfdhreiten. 

IV. Ob etwa ohne ben Vertrag Peflagter berechtigt ge= 
roefen wäre, feinerfeits fraft eigenen 9te<htS gegen eine 9?ad)= 
bilbung feiner Photographien burch §. bjw. bie Klägerin ein= 
sufhreiten '), fann bahin gefteUt bleiben. SDenn wenn er auch 
ein folcheS felbftänbigeS PerfolgungSredht gehabt haben 
füllte, fo hatte er nach bem Ausgeführten jebenfattS nicht bie 
rechtliche PefugniS, bem §. bie ÜRachbilbung feinet Photogra= 
phien ju geftatten; ber 3n>ecf beS PertragS uom 8 . gebruar 
1886 aber war ber, bem $. „bie (Erlaubnis jur SRepro- 
buftion" ber Photographien ju uerfhaffen. $. unb ber Pe= 
flagte (ugl. barüber unten VI) gingen baoon aus, baf? ber 
Peflagte eine berartige (SrlaubniS ju erteilen berechtigt fei. 
Sie haben nicht ben Vertrag für ben $ all (unter ber „Por= 
auSfefcung", ftiHfchweigenben Pebingung) gefdhloffen, bah bem 
Peflagten biefe PefugniS juftehe, fonbern weil biefelbe nach 
ihrer SRehtung iljm juftanb. 3Ran mag ben Pertrag einen 
£isenj=Pertrag nennen, ber feiner rechtlichen fRatur nach bem 
patentrechtlichen £ijenj=Pertrag entfprehe. Aber wenn Pe= 
flagter barauS folgern will, baff ber Pertrag, trofjbem ihm 
ein Urheberrecht in Petreff feiner Photographien nicht juftanb, 
in gleicher SBeife gütig fei, wie ein £i$enj=Pertrag über ein 
Patent, bas fpäter für nichtig erflärt wirb, fo ift baS ein 
gehlfchlufj: benn folange ein patent nicht für nichtig erflärt 
ift, hat ber Patentinhaber bie 9Röglicf)feit, ein ihm in 3Birf= 
lichfeit (nicht blofe oenneintlich) juftehenbeS auSfdhltefelicheS 
fitecht jur Ausbeutung beS Patents ganj ober teilweife an 
dritte 5 U übertragen, ihnen biefe Ausübung ju geftatten ; Pe= 
flagter aber befafj jur 3eit beS PertragSabfhluffeS fein fRedht, 
fraft beffen er einem dritten bie Aachbübung feiner Photo= 
graphien erlauben fonnte. 

V. Unjutreffenb ift aber auch bie Auffaffung ber Klägerin, 

1) Sgl. ©ntfd). be$ A.»@. in ©ttafjadjen S3b. 14 nr. 53 6. 218 ff. 

SoCrbüdjtr für Siflrttemberg. SH«b»pflege. VIII. 3. 12 


Digitized by Google 



178 


©ntfdjeibungen be§ C6erlanbeägeri<f|t3 


bet Vertrag fei „megen üflangets eine! Dbjeftl" nichtig. El 
hanbelt fic^ nid)t um einen Vertrag über ein nid) t e?i= 
ftierenbel Siecht, bet toie ein SSertrag über eine nid)t eyi= 
ftierenbe ©ache ju behanbetn unb bemgemäff für nichtig ju er- 
ad^ten märe. ®al märe bet gaQ, roenn }. 33. ein burdh 3eit= 
abfauf erlofdhenel Urheberrecht übertragen märe. Slber im »or= 
liegenben galt beftanb auf ©eiten ber Krone baS Sledjt, bie 
Erlaubnis jur Siachbilbung ber ©egenbaur’fchen grellen in 
^oljfdhnitt ju erteilen, unb |). beburfte biefer Erlaubnis; er 
hat fich nur }U ihrer Erlangung an bie unrichtige Slbreffe ge= 
roenbet. ©er Vertrag bejog fidh alfo auf ein Siecht eine! ©ritten, 
auf ein uermeintlid) bem 33eflagten, in 2öir flidhleit 
ber Krone juftehenbel Siecht. (Sin Vertrag ift aber nicht bei; 
halb ungütig, weit bie Seiftung auf ©adjen ober Siechte eine! 
©ritten fich bezieht '). ©er gaH liegt ähnlich, wie roenn etroa 
ber nermeintlidhe Eigentümer eine! ©runbftiidl einem ©ritten 
geftatten mürbe, bal ©runbftüä gegen Entgelt ju geroiffen 
3 meden 511 benü^en : biefer Vertrag märe feinelroegl nichtig, 
fonbern ber nermeintlidhe Eigentümer hätte bafitr einjuftelfen, 
baff ber ©ritte in ber oertraglmäfjigen 33eitüfcung bei ©runb- 
ftiidl nicht geljinbert roirb. ©0 ift audh ber Vertrag »orn 
8 . gebruar 1886 nicht nichtig unb Klägerin !ann belhalb nicht 
ihre auf ©runb biefel Vertrag! geleiftete 3 a ^^ un 9 als nicht 
gefchulbet jurüdforbern, oielmehr h«ftet 33ellagter nur ber 
Klägerin auf beren ^ntereffe an Erfüllung beS Vertrag!. Eine 
Klage auf Seiftung bei gntereffel aber ift nicht erhoben unb 
märe mohl aud) nicht ju begrünbeit. ©enn in ber 33ergangen= 
heit hat Klägerin thatfäd)Ii<h gehabt, mal fie bur<h ben Ver- 
trag erlangen roollte, fie hat bie ^oljfdhnitte nach ben SPhoto= 
gtapfjien bei Sellagten ungchinbert nadhgebilbet unb bie 9ladj= 

1) SMefer in § 348 316}. 1 6.33.0.8. erfte Sefung auSgefprochene 
©ah ift in jroeiter £efung „aI3 fetbftüerftänblicf)" geftridjen roorben-, firot. 
©. 916. 8gl. SBinbfdjeib, $anb. ®b. 2 § 264 bei unb in 91ote 2, 
§ 315 hinter 9iote 3. fflotioe ju § 348 6 8.0.8. 8b. 2 ©. 181—182. 
©euffert« Slrchi» 8b. 30 nr. 247 ©. 359 , 8b. 49 nr. 12 (31.0.) 
auch 9i.©. 17 nr. 12 6. 55 verb.: „$afür jprid)t bie Siegel u. f. n>." 


Digitized by Google 



A. in ©iöitfac&en. 


179 


bilbungen oerbreitet ; für bie Bufunft aber ift fie burdj bie 
i h t unentgeltlich gemährte ©rlaubniS ber Ärone jur pf)o= 
iographifchen Slufnahme ber greifen jtoecfs berroenbung in 
ihrer illuftrierten roürttembergifchen ©efchichte gebecft. .Klägerin 
fann auch nicht geltenb machen : roenn bie roaljre Sachlage 
gefannt hätte, roürbe eS ihm 1886 möglich geroefen fein, bie 
Photographien beS besagten nachjubilben, ohne größeren 2luf= 
toanb, als ben beS ÄaufpreifeS mit 2,20 9Jt. für baS Stiicf. 
®enn bieS roürbe oorauSfefcen, ba§ ihm bie Ärone batnals 
eine entfpredjenbe ©tlaubnis jur 9ta<hbilbung ber $reS= 
fen unter benüfcung ber Photographien be3be= 
{tagten erteilt hätte. @£ erfdjeint aber fehr fraglich, ob bie 
ßrone eine f o l <h e ©rlaubniS erteilt unb nicht oielmehr jroar 
bie Stachbifbung ber greifen in ^oljfchnitt geftattet, babei aber 
bie 93enü|ung ber Photographien beS beflagten ju biefem 
3roecf oon bejfen 3uftimmung abhängig gemacht hätte, ©benfo 
ift ganj ungeroih, ob bie Ärone bamaU — furj nadh ber 
bem besagten erteilten ©rlaubniS jur photographifchen 3luf= 
nähme ber greifen — bem |j. bie gleiche ©rlaubniS erteilt 
hätte; unb jebenfaHS roäre in biefem gall bem &. ein nicht 
unerheblicher Slufroanb entftanben. hat nicht 1886 einen 
Slnfpriidj barauf gehabt, bie ©egenbaur’fdhen ^reSfen un= 
entgeltlich (ober gegen 3ahlung beö ÄaufpreifeS berPhoto= 
graphien beS beflagten) nachbilben ju biirfen, bie oon ber 
Klägerin h^aitgejogene 1. 29 D. 19,1 trifft baher nicht §u ; 
Klägerin ift auch nicht in ber Ausübung beS oon ihr (oer= 
meintlid)) erworbenen PecfjtS geftört rootben, roie ber 9)iieter 
in bem oon ber Klägerin jitierten gatt ber 1. 19 § 6 D. 19,2. 
Sie hat bie oon ihr bem besagten bezahlte ©rlaubniS jur 
9ladE)bilbung ber ^testen nachträglich unentgeltlich oon Seiten 
beS roirllich berechtigten erlangt unb unter biefen llmftänben barf 
bet beflagte, ber ber Klägerin fchabenSerfahpflichtig geroefen 
wäre, roenn bie Ärone gegen bie ^olj)chnitt=9tachbilbung bet 
greSten burch bie Älägerin eingefchritten roäre, ben ihm für 
feine ©rlaubnifjerteilung bezahlten Preis ebenfn behalten, roie 
ber (gutgläubige) berfäufer einer fremben Sache ben für 



180 


©ntföeibungen bed ObertanbeSgeridfft*. 


biefelbe bejahten Kaufpreig behalten barf, fallg ber wirtliche 
(Eigentümer ber Sache fie nachträglich bem Käufer fchenft 1 ). 

VI. 25afe aber ber 33eflagte bei 2lbf<hlufj beg Slertragg 
oom 8. gebruar 1886 in bem guten ©lauben roar, eg ftelje 
ihm bag SRed^t ju, bie Sknüfcung feiner iß^otograp^ien jur 
Fertigung non $oIäfd>nitt=3tad)bilbungen ber ©egenbaur’fdhen 
greifen ju geftatten unb ju »erbieten, ift mit bem erften Stifter 
anjuneijmen, jebenfallg ift bag ©egenteil nicht erroeiglidf). ©o 
gut über ben Inhalt ber einfdhlägigen ©efefseäbeftimmungen 
im Unflaten roar, fo gut fann eS ber Seflagte geroefen fein 
unb auch über bie Sragroeite ber ihm burdf) ben ©rlaft oom 
18. Stooember 1882 eingeräumten ^Berechtigung ift eine f£äu- 
fchung auf feiner ©eite lehr roohl benfbar. ©inbetrüglidheg 
^anbeln bei 33eflagten ift baher unerroeiglich. 

VII. 3ft nadf) bem Sluggeführten ber Vertrag oom 8. ge= 
bruar 1886 giltig unb bemgemäfj ber Slnfprud) ber Klägerin 
auf 3 u riicfTorberung einer angeblich ungefchulbet geleifteten 
3af)lung nicht begrünbet, fo roar bie Klage abjuroeifeit. 

Urteil beg I Gioilfenatg beg Dberlanbeggeridhtg oom 19. 

Slpril 1895 in Sachen gafob gegen ©übbeutfdjeg 23er= 

lagginftitut. 


22 . 

Jlu § 14 bes Keidjsgefeltes jum Sdjuij ber iöarenbejeidjnungen 
oom 12. ?Hai 1894. 

Kläger 8. |>. betreibt unter feinem Stauten in Urach ein 
gleifcf>; unb SBurftioarengefdhäft. ©r hat ber grau U. in ©tutt= 
gart gleifchtoaren geliefert unb fobatm auch einige 3eit beren 
Stachfolger, bem Sfeflagten. Später hat ber ©efchäftgoerfehr 
jroifchen Kläger unb Söeflagtent aufgehört, '-Besagter hat aber 
fortroähretib an feinem 8aben ein Schilb geführt mit ber Sluf* 
fdhrift : „gleifcf): unb Sßurftroaren oott 8. in Urach." Kläger 
hat Klage erhaben mit bem Slntrag: ju erfennen, SBeflagter 
1) »gl. aOßinbfcheib, $anb. »b. 2 § 391 3iff. 3 MS }u SRote 18. 


Digitized by Google 



A. in ßioilfadjen. 


181 


fei fdjulbig, bie an feinem Saben angebrachte ©ejeidhnung be« 
flägerifdhen ©efdhäft« al« SejugöqueHe ber non ihm feilgehak 
tenen ©aren ju entfernen, liefern Slntrag hat ba« Urteil 
jroeiter Qrrftatt^ entfprochen au« folgenben 

© r ü tt b e n : 

©egentiber ben früheren ©orfcßriften einzelner Sanbe«* 
rechte über ben ©<hu| non ©arenjeidhen unb im ©nfdhluß an 
bie ©eftimmung be« § 287 be« ©t.©.©. , welcher bie fälfdh= 
ließe ©ejeicßnung oon ©aren mit frembem Flamen ober Firmen 
unter ©trafanbroßung oerbot, hatte ficß fcßon ba« ©efeß ootn 
3.0. ©oocmber 1874 bie Aufgabe gefteUt, ben ©iarfenfcßuß in 
ber Slnroenbung forooßl auf figürliche 3ei<hen al« auch auf 
tarnen unb firmen für ba« ©eicß«gebiet einheitlidh unb 
erfdßöpfeitb ju regeln, ©a« in«befonbere ben ©<huh be« ©a= 
mene betrifft, fo beftimmt § 13 be^ gebadhten ©efeße«, baß 
jeber inläitbifdhe ©robujent gegen benjentgeu, rucldjer ©aren 
mit bem tarnen be« ©rfteren roiberredßtlidß bejeießne, im ©ege 
ber $tlage beantragen fönne, baß berfelbe für nichiberedßtigt 
erflärt toerbe, biefe ©ejeidßnung ju gebrauchen, ^iemit roar 
ber ©ame, b. h- ber Familienname, eine« ©robujenten ober 
^anbeltreibenben, audh menn biefet fein Kaufmann unb nidht 
in ba« £anbcl«regifter eingetragen roar, einem in biefe« $«d) en: 
regifter eingetragenen unb bamit gefeßüßten ©arenjeidßen gleidß- 
gefteUt, um bem ©iißbraueß eine« frentbett ©amen« äur ©e= 
jeidßnung oon ©aren entgegenjutreten. 

6« fann bahin gefteUt bleiben, roie bie ©orte biefe« ©e= 
feße« „roer ©aren mit bem ©amen eine« inlänbifchen ©robu= 
jenten be je ich net" aufjufaffen roaren unb in roelcße ©er-- 
binbung ©amen unb ©aren gebracht fein mußten, benn ba« 
©efeß oom 12. ÜJfai 1894, roelcße« am 1. Oftober 1894 in 
Äraft getreten unb roeldhe« beftimmt ift, bie« näher feftguftellen 
unb auch anberer mißbräuchlicher ©enüßung be« ©amen« eine« 
Slnbern entgegenjutreten, oerfiigt in § 14 — mit ©eglaffung 
be« ©icßthießerbejüglicben — : „roer roiffentlich ©aren ober 2ln= 
fünbigungen ober bgl. mit bem ©amen eine« ©nbern roiber= 
rechtlich oerfietjt ober bgl. roiberredßtlicß gefennjeichnete ©aren 



1g2 Sntfcfyeibungen beä DbetlanbeSgeridüS. 

feil tyält, ift u. f. w. " SDemgemäfj barf in A n f ti n b i g un g e ti 
»on SBaren ber -Kante eines Anbern nid)t gebraust werben. 
@S ift nun aber fdjon in ben 2Roti»en p bern ©efefeent: 
wurf *) ausbrüdliclj gefagt, bafj „bie SBafjrneljmungen über ben 
unlauteren SBettbemerb Slnlafe geben, über ben Stammen ber 
eigentlid&en SBarenbeseic^nung l)inauS bem bereinigten 
in^aber bie auSfdiliefjtidtje Befugnis einpräumett, baS 3«id>en 
— alfo audl) ben Aamen — im gefdjäftlid&en 93erfef)re, foweit 
berfelbe fiel) auf 2Baren bejieljt, p beren ftennjeidjnung bas 
3eid)en beftimmt ift, als 33er jierung, inSbefonbere als Vignette für 
Anfiinbigungen, Briefe, SRecfwungen, girmen = £ab enfdjils 
ber u. f. w. p »erroenben." 3« ben 33erl)anblungen beS 
9teid)StagS 2 ) — nmrbe bemerlt, „wäljrenb bisher ber ©dbuj} 
ber Warfen fid) nur auf bie 2ßare unb beren 23erpadfung be= 
jog, ift berfelbe jefct noch auf bie ifkeislifte, ©efdjäftsbriefe, 
SRecfpungen u. f. w. auSgebeljnt. ®iefe ©rweiterung, fotoie 
überhaupt bie Aushebung unb 33erfdbärfung ber ©dfpfeoor* 
fdiriften, bie bie Vorlage enthalt, entfpri<$t ben praf tilgen 3ie= 
bürfniffen beS Bebens. 2)aS ißublifum ift meljr ober weniger 
barauf angewiefen, ppfetjeu, ob bie SBare aus bieiem ober 
jenem gut renommierten ©efd&äft l)errüt)rt." Audi in bem 
rid^t ber ßommiffion 8 ) wirb angeführt, „bafj p § 13 beS @nt= 
wurfS auf eine Anfrage bie 33ertreter ber ^Regierungen er* 
wibert l>aben, bafi bie Anbringung »on 9t amen, firmen ober 
2Barenseid&en auf © dl) i l b e r n, ©efd&äftSwagen u. f. w. jweifeU 
loS unter bie „Anfiinbigungen" im ©inne beS § 13 fade." 
.jMenad) ift bie Anfiinbigung auf ben am Saben beS 2ieflagten 
befiublicben Sdjjilbern, baji in bem Sabeu beS 33efagten gleif<^= 
unb SBurftwaren »on 2. in Uradf) p §aben feien (benit 
bieS bebeutet bie Anbringung ber ©dfjilber) unter § 14 beS 
©efefceS p ftellen. 

2B i b e r r e d; 1 1 i df) aber bejeid^net berjenige eine SBare, 
weldber ben 9iamen eines Anbern unberechtigt »erwenbet unb 

1) f. SJerljanbl. beS 31eicf)gtagä oon 1893—94 1. Seitagenbanb S. 511. 

2) f. 2. ^toiofoHbanb ©. 878. 

3) f. 2. Slnlagenbanb ©. 1425. 


Digitized by Google 



A in Sioilfarfjen. 183 

benüfct, fo baß e« ben Mfdjein gewinnt, al« roenn bie Söarc 
oou ber ißerfoit, bereu tarnen mißbraucht ift, ^erftamme. 

Merfannt rourbe fobann in ben SJiotioen be« ©efetse«'), 
baß bem SBerleßten neben bem S<haben«crfaf5anfpru<h auch ber 
Mfprudh auf Unterlaffung be« Gingriff« in fein eigene« Stecht 
äufte^e. 

®er Sieflagte behauptet, er gebrauche bie Mffdjrift „gleifdh-- 
unb SBurftroaren non S. $. in llrad)" nicht roiberrechtlid), e« 
ftehe ihm üielmehr ein Stecht auf giihrung biefe« tarnen« zu. 

Mein au« ben ^^atfadbcn, roetche ber Seflagte anführt, 
folgt bie« nic^t. 6« ift nicht ju bezweifeln, baß ber Kläger 
foroohl ber grau U. al« bem Seflagten ben ©ebraucß feine« 
■Hamen« nur infolange geftatten wollte, al« bie bezeichnten 
ißerfonen roirfliöh gleifdhroaren oon ihm bezogen unb begehen. 
^Darüber ßinau« bie Grlaubni« ju erteilen, lag tebiglich feine 
SBeranlaffung für ihn oor. G« märe bie« eine Säufdhung be« 
ißublifum« geroefen ; er hätte fich ber ©efahr au«gefeßt, ben 
guten Stuf feiner SBare ju fchäbigen unb ftch felbft Äonfurrenj 
ju machen, roenn et eine anbere 3?erfauf«fteHe hätte grünben 
rooÜen. ®e«halb fonnte auch bie grau U- biefe „girma" roenn 
überhaupt fo jebenfaU« nicht in anberer SBeife al« in biefer 
öefcßränfung an ben Seflagten übertragen unb roenn ber Kläger 
felbft biefem geftattete , feinen £aben al« feine 9Serfauf«fteHe 
ju bezeichnen, fo gefchah bie« unter ber felbftoerftänblichen 
$orau«feßung, baß biefe Grlaubni« nidht länger baute, al« 
bie $8erfauf«fteUe in 3Birfli<hfeit eine Stieberlage be« 2. $. fei. 

G« fragt fich baljer, ob ber 93eflagte ein Stecht barauf 
habe, baß ber Kläger ihm bie jur gührung feine« ©efdhäft« 
nötigen gleifdhroaren liefere. Mein auch h^r fehlt e« an 
fchlüffigen SC^atfad^cn , welche bie Mnahnte einer oertrag«* 
mäßigen Skrbinblichfeit ju begrünben oermödhten. 

3Benn ber Kläger ber grau U. oerfprach, ihr bie jum 
betrieb be« ©efchäft« nötigen gleifchroaren ju liefern, fo liegt 
bariit mehr nicht, al« bie Grflärung ber 23ereitroilligfeit, mit 
ihr in ®efchäft«oerbinbung zu treten, unb ihr auf iebe«malige 
1) f. 1. c.„S. 511—12. 


Digitized by Google 



184 


Sntfdjeibungen beä Oberlanbeägeric^tä. 


befteflung SBaren abjugeben, oon welchem besprechen er jeber= 
geit jurücftreten fonnte, ob alsbalb ober mit angemeffeiter gr:ft, 
faitn bahin gefteüt bleiben, unb baS gilt auch für baS beni 8e- 
flagten erteilten besprechen. 

©afs jemals eine berabrebung auf eine beftimmtf 3eit 
getroffen roorben märe, behauptet ber beflagte nidjt. 3” ber 
Statur eines folgen ©efchäfteS liegt eS nicht, baff baSfelbe für 
längere ©auer feft abgefddoffen werbe. ©er beflagte hatte 
feine Einrichtungen $u treffen unb Slufwenbungen ju machen, 
welche buröh bie ©efdhäftSoerbinbung gerabe mit biefem ©e= 
fdjäft nötig geroorbeu unb welche unniih aufgemetibet geroefett 
mären, roenn ber Jtläger nid)t weiter liefern wollte, ©er be= 
flagte fonnte beliebig anberSmoher äßaren begiefjen unb ben 
iöejug uon bem Kläger einfdjränEen unb eS fann bähet nicht 
angenommen werben, bah ber Jiläger feinerfeits [ich tro|bem 
hätte oerbinblid) machen wollen, auf jebeSmaligeS Verlangen 
beS Söeflagten beffen befteltungen auSjufiihren. ©ie ©efchäftS; 
oerbinbung foHte bauern, fo lange eS bem Einen ober bem 
Slnbern ber beteiligten jwedmä&ig erfdhien, unb eS würbe, ba 
bie ©efchäftSoerbinbung in beiber Fntereffe war, angenommen, 
biefelbe werbe auch fünftig unb infolange fortbauern, als Feber 
jur 3ufriebenheit beS Slnbern bie ©efdhäfte abwidelte. 

©et bef tagte oermag auch mehr nicht anjufühten, als „eS 
fei jwifchen ihm unb bem ©ohne beS ÄlägerS auSbrücfliih bie 
Fortführung beS ©efchäfts burd) ben beflagten berebet worben." 
Mein aus biefer ganj allgemein lautenben berebuitg folgt nicht 
mehr, als baff ber Kläger fich bereit erflärte, bem beflagten 
Sßare p oerfaufen, nicht aber, baff Äläger fich nertragSmäfjig 
binben wollte, bieS auf bie ©auer unb infolange p tlpn, bis 
Äläger einen gerechten ©runb pm Stüdtritt habe, ober gar 
bem beflagten p erlauben, feinen Starnen audh bann noch p 
führen, wenn er ihm feine Sßaren mehr liefere. 

Urteil beS I. Sioilfenats beS OberlanbeSgerichtS pom 22. 

Februar 1895 in «Sachen |>aaS gegen bfauth')- 

1) 3?gt. jefct § 1 Slbfafj 1 beä 9t.©ef. oom 27. 3Rai 1896 betreffenb 
'■öefämpfung beä unlauteren SßettberoerbeS. 2lnm. ber 3teb. 


Digitized by Google 



A. in ©imffadjen. 


185 


23. 

1. Sompenfation int Konkurs ; jBiidiforberiing eines bejahten 
Petrags toeger. irrtiimlid) unterlaffener Aufrcrijtutiig. 

2. (Srflreiht ftdj bas Jauflpfanöredjt an einer fatbtrung nudj 
auf ieren Jlinfenl 

®er Kläger bot am 15. 3uli 1894 bem 9t.’fdben Äonfur!= 
oerroalter ben Sabreljitt! ooit 585 91t. au! einem bem 9t. ge- 
fdbulbeteit Äauffdbiflinglreft oon 13 000 91t. bejaht. 2)a ber 
Äläger batnalö eine fforberung oon 7000 91t. an 9t. gehabt bot, 
fo Bedangt er, geftü&t auf bie Behauptung, bafe er jene 3ob : 
lung in Unfenntni! feinet Äompenfationlrecbt! geleiftet bobe, 
bie 9tiiderftattung ber 585 9 )t. oon bem beflagten Äonfurl* 
oerroalter. SMefer beftreitet ben 2lnfpru<b be! Kläger!, weil 
legerer nicht in entfdbulbbarem Irrtum bie 3<M)tong geleiftet 
habe. äioeiter Qnftanj rourbe ber Älage teilroeife entfprodben 
au! folgenben, ben näheren ©adboerbalt ergebenben 
© r ii n b e n : 

9tacb § 47 9lbf. 1 Ä.D. fönnen audb bebingte unb betagte 
gegenfeitige gorberungen be! ©laubigere unb bei ©emein- 
fcbulbner! gegen einanber abgerechnet toerben. Mein biefe 
lufrecbnung ift nur äuläffig, roenn jene gorberungen jur 3eit 
ber Äonfurieröffnung bereit! entftanben geroefen finb, ba ber 
gemeinrechtliche ©runbfafc, bafj nur ju biefetn 3«ftpunft be- 
ftebenbe gegenfeitige gorberungen bei ©laubiger! unb be! ©e= 
mcinfcbulbner! gegen einanber abgerechnet toerben biirfen, oon 
ber Ä.D. all felbftoerftänblicb ooraulgefefct roirb '). 

®ie ©dbulb be! Äläger! an ben ©emeinfdbulbner, roelcbe 
ber erftere jur ülufredjnung beuti^en roill, bot nun in bem auf 
ben 15. 3uli 1894 oerfaflenen 3abre!jiitl oon 585 2Jt. au! 
einem oon bem Äläger bem ©emeinfdbulbner gefcbulbeten Äauf= 
fcbiüinglreft oon 13 000 91t. beftanben. SDie Berpflicbtung jur 

1) SJtoiioe jur Ä.D. § 47 <§at)n, 3Rot. IV 219). ffiilmoreSti, 
Ä.D. 4 «. ©. 227. 


Digitized by Google 



186 


®ntfd)eibungen beS DbertanbeSgeric^tä. 


Vejahlung biefeS QahreSjinfeS beruht jroar auf einem oor bet 
SlonfurSeröffnung abgefdjloffenen Vertrag, allein ba bie 3i n f cn 
bie Vergütung für bie Venüfsung einesS Kapitale bilben, fo 
entfteht bie Verpf(id)tung jur Vejafilung ber $infen erft mit 
bem Stblauf ber 3eit biefer Venüfcung '). 

$ene 3tnfenfd)ulb beS ÄlägerS ift baher bei ber SlonfurS= 
eröffnung gegen 31. nur für bie3«it oom 15. 3uli bis 22. 91o= 
oember 1893, alfo nur bis jum Vetrag oon 208,35 9)1. ent= 
ftanben gewefen unb eignet fid) fomit nur bezüglich biefeS Ve= 
tragS jur Slompenfation im Äontur», wogegen ber 9)lel)rbetrag 
ber fraglichen 3infenfd^ulb, roeil jut 3«it ber StonfurSeröffnung 
nod) nicht entftanben, im ÄonfurS nicht abgerechnet werben 
barf. Die Silage auf fftüderftattung biefeS auf 376,65 3Ji. fid) 
belaufenben 9)lehrbetragS ift fbnad) abjuweifett. 

2BaS fobann bie gorbetung beS Klägers im betrag oon 
7000 9)1. an ben ©emeinfchulbner, welche ber erftere jur 9luf= 
redjnung benähen will, anlangt, fo ift biefelbe baburd) be- 
grünbet worben, baß ber Äläger bem 91. am 26. September 
1893 jur Dedung einer 3i e ^ er f<hulb oon 4000 9)1. an ben= 
felben ein am 2. Qanuar 1894 fälliges 2ßed)felacccpt über 
5000 9)1. unb weiter auf ©rfuchen beS 91. aus ©efäEigfeit 2 
am 7. unb 9. Januar 1894 fällige 2Bedjfelaccepte über 3 m 
famnten 6000 9)1. gegeben unb biefe fämtlicßen Iccepte je am 
SSerfalltag eingelöft hat. Der Kläger hat fomit not ber Stow 
furSeröffnung im Auftrag unb ju ©uuften beS ©emeinfdbulb- 
nerS eine SSäechfeluerpflidhtung in |)öl)e oon 7000 9)1., für welche 
et oon bem leistem feine Dedung erhalten hat/ übernommen 
unb bamit, wie außer Streit ift, für ben gaE, baß er jene 
2 Bed)feloerpflidhtung erfüllte, eine Slegreßforberung gegen ben 
©emeinfdmlbner erworben. Das Verhältnis ift nun ein äljn= 
licheS, wie bas beS Vürgen, welker im Auftrag beS ©emeim 
fdnilbnerS für biefeit oor ber ÄonfurSeröffnung bie Vürgfd>aft 
eingegangen unb nadh ber SlotdurSeröffnung ben ©läubiger be= 

1) 3Hotit>c ju § 56 Jt.O. (§af)n, a. a. D. ©. 252). ©arn>e 9 = 
»offert, fi.D. 3. 31. ©. 67. Sß i I m o ro 3 ! i , o. a. D. ©. 252. $ e= 
terfen u. .RIeinfe Iler, Ä.D. 2. 31. ©. 284. 


Digitized by Google 



A. in 6iuitfa(f)en. 


187 


jahlt Ijöt ; ober wie bas be§ QnbofTenten, melier ben SBedifel 
oor ber KonfurSeröffnung erworben, fobann weiter begeben 
unb nad) ber KonfurSeröffnung im Slegrefjroeg eingelöft hat. 
3 n bem erften gaü wirb angenommen, bajj bie Stegrefjforbe= 
rung beS Bürgen als eine burd) bie ©efriebigung be$ ©läu= 
lugerä bebingte fd^on mit ber Uebernahme ber 33ürgfchaft, nidjt 
erft mit ber 93efriebigung beä ©läubigerä, in bem jweiten galt, 
bafj ber Stegrefjanfpruch be$ Snboffanten gegen ben Slcceptanten 
unb bie 33ormännet nicht erft mit ber ©inlöfung beS 2Bed)fel3, 
fonbern fchon mit beffen ©rwerb als ein burd) biefe ©inlöfuug 
bebingter, fomit in beiben gäHeit oor ber Konfuräetöffnung 
jur @ntftet)ung gefomtnen ift ’). @3 rechtfertigt fidh baher, audh 
obigen Stegrefjanfprud) beä ÄlägersS bejüglid) ber 7000 9R. al£ 
einen fd>on jur 3 eit ber ©inhänbigung ber SBechfelaccepte an ben 
©emeinfd&ulbner fomit oor ber KonfurSeröffnung in bebingter 
SBeife entftanbenen unb nad) § 47 Ä.D. jur Aufrechnung mit bet 
erwähnten 3infenfd>ulb be£ Klägers im ^Betrag oon 208,35 2Jt. 
im KonfurS geeigneten ju behanbeln *). Stuf biefe Slufrechnung 
hat ber Kläger nid)t baburch oerjidhtet, bafj er feine $orberung 
oon 7000 3JZ. im oollen betrag ohne Abjug jener 3infenfd>ulb 
im ÄonfurS beS St. angemelbet hat, ba nach § 46 K.D. bem 
jur Aufrechnung berechtigten ©läubiger nidjt oerfagt ift, feine 
ftorberung im KonfurSoerfahren geltenb ju machen, unb baher 
biefe ©eltenbmadjung nidht als ®er}id)t auf baS Stecht jur 
Aufrechnung anjufehen ift, ber ©läubiger uielmehr ein 3fnter= 
effe baran haben fann, junädhft feine gotberuug im oollen 
betrage anjumelben, um beren gcftftetlung im Konfurfe h er - 
beijufühten, namentlich wenn feine gorberung ben betrag feiner 
©dhulb überfteigt, wie ba£ hier ber $aß ift, unb erft nad) ; 
träglidj oon bem Stecht ber Aufrechnung ©ebraud) 3 U machen 3 ). 

1) SRot. ju § 60 ß.0. (# a fj n, a. a. D. ©. 262). 28 i I m o ro $ t i, 
a. a. 0. ©. 261. ^5 e t e r f e n unb J? ( e i n f e 11 e r , a. a. 0. ©. 205. 
®ntfö. be$ 31.0.$.®. IX 45, XIV, 176, XXIV, 9. 

2) © a r ro e p = 8 o f f e r t, a. a. 0. ©. 73. © t i e g I i (; , Ä.0. ©. 
341. SB i l m o ro 8 I i, a. a. 0. ©. 261. 

3) SHot. ju § 47 fl.0. ($al)n, a. a. 0. ©. 222. SB i l m o n> « f i, 
a. a. 0. ©. 225. ^eterfen u. Klein feiler, a. a. 0. ©. 244. 


Digitized by Google 



188 


@ntf$eibungen besi DberlanbeSgericht!. 


$at baher bet Wäger in Unfenntni! be! ihm hienadj ju= 
ftehenbett &ompenfation!rcdhtl, unb äwar nad) ©inlöfung obiger 
ju ©unften bei ©emeinfchutbnerl aulgefieEter 2Bed)felaccepte, 
alfo nach ©intritt bet Sebingung, unter welcher ihm ber 9te= 
grefjanfprudh wegen ber 7000 3){. jugeftanben ift, feine 3infem 
fdjulb an ben Et/fchen ßonfurloerwalter bejaht, fo tann er 
nach gefe^tidjcr Seftimmung im $aE bei 3 utre ff eng ber h«r= 
nach ju erwähnenben SBoraulfejiung bie Etiidferftattung bei be= 
jat»!ten betrag! in ^ö^e oon 208,35 2Jt. oerlangen ’). ®er 
©runb biefer iöeftimmung ift, baf? berjenige, welcher eine ©djulb 
bejaht, welcher eine wirffame ©inrebe entgegengefept werben 
fann, eine Eiichtfchulb bejaht 8 ). 

®a! Etechtlmittel, mit welchem bie fRücfforberung einer 
folgen fRicbtfchulb geltenb gemalt wirb, fann baher nur bie 
condictio indebiti fein, wie bie! in ben angeführten ©efefce!- 
fteHen aulbriicflich b erDOr 9 e b°ben unb audb in ®oftrin unb 
ißrapi! anerfannt wirb 3 ). 

$ene! Etedjtämittel ift b^nacb nur juläffig, wenn bie SBor= 
aulfebungen ber condictio indebiti oorliegen. ®a!felbe greift 
nicht, wie ber Wäger meint, fcbon bann ißlap, wenn ein Äom= 
penfationlredjt begrünbet ift, balfelbe aber nidbt aulgeübt, 
fonbern gejablt wirb. ®iel (äfft ftch inlbefonbere auch nicht 
au! obigen ©efepelfteflen entnehmen, ba biefe bal fragliche 
3tecbt!mittel, wie fdjon bemerft, al! condictio indebiti be= 
jeichtten unb baher beren SSoraulfehungcn, wenn bie! auch nicht 
befonberl in jenen ©teilen bemerft ift, für bie Eiiicfforberung!; 
flage mafjgebenb finb. @! muß fn ena( $ bie Aufrechnung au! 
Irrtum über ba! Äompenfationlredht bei ber 3“hfottg unter* 
laffen worben fein. Ob nun jeber Srrtum ohne -Rücfficht auf 
feine ©utfdhulbbarfeit genügt, wie bie! ba! oorntalige roürttem* 
bergifche Obertribunal unb bie ERehrjahl ber neuern ©efeg= 


1) 1. 10 § 1 D. 16,2 1. 30 D. 12,6. 

2) SBinbfcfjeib, Spanb. § 426 bei unb in Aoie 5. 

3) Söinbfdjeib, a. a. D. § 349 bei u. in Aote 5. 3)ernburg, 
ißanb. 3. 3t. II 179. 2>ern6jug, üompenf. 2. 9t. ©. 587. Sifele, 
Komp. ©. 259 f. @ntf<$. beg 9t.@. XXI 198. 


Digitized by Google 



A. in dioilfacßeit. 


189 


gebungen unb ©ntroürfe non ©efeßbüdßern 1 ) angenommen ßaben, 
ober ob bie condictio indebiti nur im gatt beS Vorßanbem 
fein« eines entfdßulbbaren 3rrtumS, alfo regelmäßig nicßt 
im gafl eines 9led)tSirrtumS, ißlaß greift, roas bie bermalen 
im ©ebiet beS gemeinen fJiedßtS norßerrfdßenbe 2lnficßt ift 2 ), 
fann im norliegenben gaD baßin gefteHt bleiben, ba als er= 
miefeti anjuneßmen ift, baß ber Kläger jur 3eit ber 3<ißfang 
feiner 3infenfdßulb fidß in einem entfdßulbbaren Qrrtum barüber 
befunben ßat, baß ißm ein fftedßt jur äufrecßnung gegenüber 
biefer ©dßulb nidßt sufteße. 

3unädßft ift, ba ber Äläger jur 3eü ber 3<»ßtong feiner 
3infenfdßulb gemußt ßat, baß ißm eine jur Slufrecßnung gegen 
bie leßtere geeignete gorberung gegen ben ©emeinfcßulbner 
jufieße, ju unterteilen, baß ber Ä'läger biefe Slufredßttung in 
UnfenntniS feines ßompenfationSrecßts unterlaffen ßat, ba er, 
roenn er non biefem ©ebrautß gemacßt ßätte, für ben fornpem 
fabeln Seil ber ©dßulb nolle Sedung feiner gorberungen er- 
ßalten ßätte, roäßrenb er bejiiglidß biefeS Seils im gall ber 
Unterlaffung ber Äompenfation nur 9lnfprudß auf bie ÄonfurS= 
bitibenbe ßat, unb ba im 3 roe if e b3fall nidßt anjuneßmen ift, 
baß ber Kläger roiffentlicß feine VermögenSangelegenßeiten ju 
feinem 9ladßteil beforgeit merbe. ©benforoenig läßt fidß ner= 
muten, baß ber Kläger, in UnfenntniS ber ©runbfäße übet bie 
Äompenfation im ßonfurS, b. ß. meil er geglaubt ßat, baß eine 
folcße nadß Eröffnung beS leßtern überßaupt nidßt meßr auS; 
geübt roerben bürfe, bie 2lufrecßnuug unterlaffen ßat. Senn 
eS fpricßt ber Umftanb, baß bet itläger bie 3«ßlwn0 feiner 
3infenfcßulb juerft bem VanfßauS <$. angeboten ßat, roeldßem 
bie fjorberung beS 91. an ben ftläger, aus roelcßer biefer ben 
3inS gefißulbet ßat, oerfauftpfänbet gemefen ift, unb baß er 
erft, nadßbem ißm »on ©eiten beS Vertreters jenes VanfßaufeS 
erflärt roorben mar , baß biefe« als gauftpfanbgläubiger ficß 

1) Sßürtt. @.8I. XIV 347 nr. 5. 8gl. aud) ©ntro. beS beuifsf). bürg. 
@.8. I. t'ejung § 737 9lbf. 4; 3Xot. I! 833 f. unb II. Sefung § 739. 

2) SBürtt. ©.81. a. a. D. ©ntfd). be« 9t.D.§.@. XXIII 319. ©ntfcb. 
b ei S.©. XXI 198. 


Digitized by Google 



190 


Sntjdjeibungen be8 DbettanbeSgeridjtS. 


jum empfang beS ©elbS nicht für befugt erachte, ber Kläger 
melnteht falbes bem KonfurSoerroalter bringen falle, an ben leg- 
ieren 3a^lu«9 geleiftet hat, bafür, bajj ber Kläger bie Aufrechnung 
gegenüber feiner 3mäfd)ulb nur beSljalb unterlaffen hat, toeil 
er folctie wegen beS nach feiner Anficht auch auf ben 3infen 
ruljenben gauftpfanbredbtS für unpläffig gehalten hat. ©ajj 
baS gauftpfanbrecbt fid} aud) auf bie 3> n f en erftrede, mochte 
ber Kläger umfomehr glauben, als er auch ben am 15. Quli 
1893 oetfaDenen Qa|re§jin§ an ben gauftpfanbgläubiger ab= 
geführt hat. Aus ber ermähnten ©rflärung jenes «anfhaufeS 
mufete aber ber Kläger nicht entnehmen, bajj biefeS feinen Afa 
fonberungSanfprud) auf bie 3tnfen auS ber »erpfänbeten gor= 
berung ergebe, fonbern nur, bafj baSfelbe nach ber Kontur^ 
eröffnung ben KonfurSoerwalter als allein jur ©mpfangnahme 
ber 3infen für berechtigt anfehe (ju ogl. K.D. § 118 1 ), roo= 
bei bann bem gauftpfanbgläubiger »orbehalten blieb, ein et= 
raaiges AbfonberungSrecht auf bie 3infen im KonfurSoerfahren 
geltenb ju machen. 

?lad) Art. 248 beS ^fanbgefefceS hat nun bie «erpfänbung 
einer gorberung, roenit hienon bem ©chulbnet beS «erpfänbers 
Slnjeige gemacht roirb, roaS im »orliegenben gaU gefchehen ifl, 
bie SBirfung, bafj biefer ©chulbnet »or «eftiebigung beS ipfanb= 
gläubigerS roeber an ben SBerpfänber, nodh fonft an Qemanben 
bei ©efahr ju Ieiftenber boppelter 3ahlung an ber §aupt 
fchulb etwas abtragen barf. ®iefeS «erbot erftredt fid) nach 
ber Anficht non SKaper 2 ) auch auf bie 3infen aus ber |jaupt: 
fchulb, weil ber ©efefceSentwurf ben allgemeinen $aupt= unb 
Aebenforberungen umfaffenben AuSbrud: „an feiner ©chulb" 
enthalten habe, hieran bei ber ftänbifahen «erabfchicbung nichts 
geänbert roorben fei, unb baher trofc ber bei ber Aebaftion 
gewählten gaffung gemäfj ber «erabfdhiebung bie Haftung beS 
^auftpfanbS auch auf bie 3i n faa bezogen werben müffe, unb 
weil bie tefctern als Aebenfachen ber .§auptforberung bemfelben 
33anbe wie biefe unterworfen feien. 

1) f. für StedjtSpflege VI 339. 

2) Komm. II 354. 


Digitized by Google 



A in <SiDi(facf)en. 


191 


£ritt man oorfteßenbcr Anfi<ht bei, fo roar ber ßläger 
auf ©runb beS aus Anlaß ber SefteBung beS gauftpfanbä an 
ißn erlajfenen 3®$foTtgSt)erbotS nicht berechtigt, feine 3< n f ei * : 
fcßulb mittetft Aufrechnung feiner gorberung an ben ©emein= 
fcßulbner ju tilgen. Sillein angejtcßtS beS 2ÖortlautS beS Art. 
248 mufe ') angenommen roerben, baß baS gauftpfanbreeßt an 
einer gorberung fld) nicht oßne weiteres auch auf bereit 3infen 
erftreeft. 

|>auptfä<hlidß burchfchlagenb für biefe Slnficht ift bet ooit 
Sang angeführte ©runb, baß nach Strt. 49 3- 3 unb 4 beS 
SßfanbgefeßeS baS ^fanbrecht an einer unberoeglidben Sache 
bie natürlichen unb bürgerlichen grüeßte nur, foroeit fte jur 
3eit ber Erhebung ber ©cßulb= ober ^Jfanbflage ober ber ©r^ 
fennung beS ©ants noch nicht abgefonbert finb unb foroeit fie 
»on biefem 3eitpunft an erhoben roerben, in fi<h begreift unb 
fidß baher eine ftrengere Haftung b,tro. ein größerer Umfang 
beS SPfanbrecßtS bezüglich beS oerfauftpfänbeten ©egenftanbS 
nicht annehmen läßt, jumal ba nach 2Irt. 254 ißf.©. ber gauj't= 
pfanbgläubiger ohne befonbere ©inräumung fein 9iedßt jur 33e= 
niifcung beS gauftpfanbs hat, biefe oielntehr, unbefchabet beS Siecßts 
beS erftern auf ben 23efifc, bem oerpfänbenben ©cßulbner äufteßt. 

3ft baßer ber Kläger, roie oben bemerft, jur 3®it ber 
Sejahlung ber 3*n3fcßulb an ben ÄonfurSoerroalter ber 9Jlei= 
uung geroefen, baß baS gauftpfanbreeßt beS 33anfßaufeS fteß 
aueß auf bie 3infen aus ber oerpfauftpfänbeten gorberung er= 
ftreefe unb folgeroeife bie 3infenfcßulb ber Aufrechnung entzogen 
fei, fo ßat er fteß in einem 9tecßtSirrtum befunben. ®iefer 
StecßtSirrtum ift aber ein entfdßulbbarer geroefen, roeil eS ließ 
Obigem jufolge um Anroenbuttg eines jroeifelßaften unb be= 
ftrittenen SiecßtSfaßeS ßanbelt unb baßer, jumal in ©rtnangelung 
ber SBeröffentlicßuug bieSfaÜfiger gerichtlicher ©ntfeßeibungen eine 
ganj fießere StecßtSbeleßrung nießt ßätte gegeben roerben föntten 2 ). 

1) mit Sollet), Komm, jum Ißfanbgef. II 610 f. Sang, @a<f)en= 
redf)t 2. 21. II 481 21. 6 

2) SB ä d) t e r, SSürtt. II 124 bei 91. 21. ©aoignt), ©#. 
III 336 f. 


Digitized by Google 



192 


Sntfcfjeibungen be§ OberlanbeSgericfitS. 


2öenn SBinbfcheib *) auch in bem eben bejeichneten Faß 
ben fRechtSirrtum für unentfchulbbar ^ält, roeil baS Sertaffen 
bes Saien auf fein eigenes Urteil einen Serftofj gegen bie üln* 
forberungen geroöfjnlichfter Sorgfalt unb ©eroiffenhaftigfeit ent* 
halte, fo ift ^iegegen einjuroenben, bafj bem Üaien bie ©inho* 
lung eines fach»erftänbigen Urteils barum nid^t jugemutet roerben 
fann, weil biefeS ft<h nicht bariiber auSfprecben fann, in welcher 
SBeife ber beftrittene Stechtsfafc »on bem maffgebenben ©ericf)t 
werbe auSgelegt roerben. 

tgat aber ber Kläger aus entfdhulbbarem 5Re<htSirrtum 
untertaffen, feine $orberung im Setrag »on 7000 SJt. gegen* 
über feiner 3infenfchulb in bem jur Slufrechnung geeigneten 
Setrag »on 208,35 3R. aufeurechnen , fo fann er bie SRücfer* 
ftattung ber lejjtem »erlangen. 

Urteil beS II. SioilfenatS »om 1. Quli 1895 in Sachen 

Scherer gegen 5Reuburger’f<he ftonfurSmaffe. 


24. 

^nfedjtung einer llnterpfaitbsbeftellung für bae Beibringen einer 
(fljefrau, bie unter Anrufung ber nieiblidjen freiljeiten ihr Bei* 
bringen „aber nidjt i » natu ra, fonbern Sidjerfteßung“ »erlangt hat 1 

®ie Seflagte hat am 15. Sluguft 1894 oor ber Unter* 
pfanbsbehörbe erflärt, bafj fie bie weiblichen grei^etten an* 
rufe, ihr Seibringen äutücfoerlauge, „aber nidht in natura, 
fonbern SicherfteHung auf bem befipenben SBohnhauS mit III 
9ted)t" »erlange unb bafj fte fic^ mit biefer Sicherheit begnüge, 
hierauf rourbe ber Seflagten an bemfelben Sage (15. Sluguft 
1894) mit Fuftimmung ihres ©hemannS für ihr Seibringen 
im Setrag »on 569 S JR. ein £auS, roeldheS jur ©rrungenfdjaft 
ber ©heleute gehörte, als Unterpfanb mit brittem 9ted)t befteßt. 
Slm 30. Souember 1894 ift über baS Ser mögen beS ©h emann ^ 
ber Seflagten bas ÄonfurSoerfahren eröffnet worben, im Äon* 
fürs hat Seflagte bie roeiblichen Freiheiten angerufen. ®er 

1) ^anbelten § 79 Stote 5. 


Digitized by Google 



A. in ®ii)ilfad)en. 


193 


ßonlurinerroalter fyat bie Unter pfanbibefteHung »om 15. 2tu* 
guft 1894 angefocbten, inbetn er »ertrug : bie fraglxd^e llnter= 
pfanbibefteHung fteHe einen entgeltlichen Vertrag bei ©etneiro 
fdbulbneri mit feiner ©befrau bar, ber, ali im lebten gabre 
»or ber ÄonEurieröffnung gefd)loffen, ber 2lnfedjtung auf ©runb 
bei § 24 nr. 2 ber flonfuriorbnung unterliege, ba burd) ben 
SHbfcbluf? bei SSertragi bie übrigen ©laubiger bei ©emein= 
jdjulbneri unzweifelhaft benachteiligt roorben feien. Uebrigeni 
greife auch ber änfedjtungigrunb bei § 25 nr. 2 ber Ä.D. 
if.Ua^, ba ber ©eflagten ein Slnfprud) auf ©icberfteHung i^rei 
©onberguti ju ber fritifcben 3eü gefe^lich nid^t sugeftanben 
habe. £>enn infolge ber oorangegangenen Slnrufung ber roeib= 
lieben greibeiten feiteni ber i'eflagten habe bie @rr ungenf cbafti= 
gefeÜfdbaft unb bai 23erroaltungired)t bei ©betnanni unb ba= 
mit audb ber gefe^Iie^e ifSfanbrecbtititel ber ©eflagten aufgebört. 

®ie Älage ift abgetoiefen unb bie Berufung bei Älägeri 
jurüdgeroiefen roorben. 

35ie 

©riinbe 

bei ©erufungiurteili lauten: 

®ie UnterpfanbibefteHung »ont 15. 3luguft 1894 roiü bie 
Elagenbe ßonfurimaffe anfeebten auf ©runb ber §§ 24 3 - 2 
unb 25 3 - 2 ber Äonfuriorbnmtg. 

3)ie Klägerin behauptet, bie ©eflagte tyabe am 15. Sluguft 
1894 »or ber Unterpfaitbibebörbe ju fß. bie ©rflärung ab= 
gegeben, jie rufe bie weiblichen greibeiten an ; bamit ^abe fte 
auigebrüdt, bie jroifeben ibr unb ihrem ©bemann beftebenbe 
©rrungenfcbaftigefellfcbaft foHe aufgelöft unb ihrem ©bemann 
bai SSerroaltungire^t an ihrem Seibringen entjogen fein ; fie 
habe fobann ihr ©eibringen juriidnerlangt, aber nicht in Diatur, 
fonbetn burd) ©rfag bei SBerti. |>iemit habe fie eine fällige 
gorberung gegen ihren ©bemann auf fJtiiderftattung bei SBerti 
bei ©eibringeni gehabt, wofür ihr aber ein fßfanbrecbtititel 
nicht mehr jugeftanben fei. 2Bemt baber ihr ©bemann ihr bie= 
für ein ißfanbredjt beftellt habe, fo fei er bie,iu roeber burd) 

3<U)r[)ü$er für SBilrttembera. ilie^Mpflege. V1U. 2 . 13 


Digitized by Google 



194 @nt{ (Reibungen beä O&etlanbeSgeridjt?. 

(Sefe^ noch burdj Vertrag »erpflichtet geroefen unb eg fei be-S= 
halb biefe ißfanbbefteflung anfechtbar. 

©g fann baljin geftetit bleiben, ob lefctereg richtig ift, benit 
bie Sluglegung, reelle bie Klägerin ber ©rflärung bet 33e= 
flagten ju Seil roerben läfet, fann nid^t alg richtig eradjtet 
roerben. 

®ie ®ef tagte hat aflerbingg fi<h bafiin auggebriidt, fie 
»erlange ihr SSeibringen juriicf, aber nicht in Ulatur. Sillein 
bet ©egenfafc ift nicht ber, baff fie ihr öeibringen jjurü<f= 
»ertange, jebod) nicht in Statur, fonbern mittel ft ©t- 
fafseä beg SBerteg: »on SBerterfah ift in ihrer ©rftärung 
nicht bie Siebe. Vielmehr ift ber ©egenfafc beftimint bejeidhnet 
bur<h bag 2Bort „fonbern" : „fonbern fie »erlangt ©icherfteflung 
auf bem beftfcenben SBohnhaug." @g mirb alfo hier ber 3nrücf= 
gäbe beS Seibringeng in Statur, roeldje fie nicht »erlangt, bie 
©idjerfteßung auf bem befifcenben äöohnhaug, toeldje fie be= 
gehrt, gegenüber gefteüt. ©g ift richtig, baff bei biefer 2litg= 
legung bag ©erooßte mangelhaft auggebrücft ift, fofern bie 
©icherfteßung nid&t luohl alg eine 2lrt ber 3urüdgabe beg Skü 
bringeng bejeichnet toerben fann ; allein eine mangelhafte 2lug= 
brucfgtoeife liegt auch »or, roenu man »on ber Sluglegung ber 
Klägerin auggeht, fofern bag, mag burch bag SBort „fonbern" 
alg ©egenfah bezeichnet ift, fein ©egenfah märe. . 

SBemt aber bie öeflagte an ©tefle ber ^erauggabe ihreg 
SSeibringens in Statur ©icherftellung begfelben auf bem be- 
figenben $aug »erlangt, fo ift bamit auggebrücft, bag fie in 
Sßirflichfeit ben ^Betrag beg 25eibringettg »on ihrem ©hcmatut 
nicht h^raugoerlange, fonbern bafj et ihr SSerniögen in ber 
&anb behalten, bagfelbe aber fidjerfteßen foß. 3« ber Shat 
hat ja aud) bie Seflagte ihr Sßermögen nicht auggefolgt er= 
halten unb ihr ©bemann hat bagfelbe nicht augbejahlt; »ieb 
mehr hat ber Se^tere ben fraglichen betrag behalten unb bem 
felben auf bem $aufe »erfichert, unb zmar nicht blofj auf »or= 
itbergehenbe 3eit, big er bag SSermögen h er auggeben mürbe. 
Slßerbingg folgt hieraug noch nic^t , bafs bie öeflagte ihrem 
©hetaann ihr SSermögen alg Seibringen beiaffen rooßte. 


Digitized by Google 



A. in ©toilfadjen. 


195 


Es fönnte gejagt roerben, burdh bie Anrufung ber weiblichen 
Freiheiten fei bie ErrungenfdbaftSgefellfdhaft aufgelöft unb bem 
Ehemann fein eheliches ©erroaltungSrecht entzogen; roenn ba= 
her bie ©eflagte einerfeitS ihr ©eibringen »on ihrem Ehemann 
Surüdfoerlangt, anbererfeits aber ihm ben betrag be^fetben 
gegen Sicherheitsleiftung roieber iiberlaffen habe, fo fönne fie 
nur beabfiöfjtigt ^aben, ihm baSfelbe in anberer Form j. 33. 
als SDarlejjen — toie auch bie Klägerin non einem 2lnborgen 
fprid&t — ober jur ©erroaltung al§ ihrem s 4kiuatuermögenSoer= 
walter gegen Kaution ju iiberlaffen. ®em ftefjt aber folgenbeS 
entgegen : roenn bie bellagte Ehefrau ihr Vermögen ihrem d^e-- 
mann überhaupt in ber |>anb beiaffen rootlte, fo lag für fie 
lebiglicf) fein ©runb oor, unb es ift auch ein folget »on ber 
Klägerin nidE)t angeführt, welcher fie »eranlafft haben fönnte, 
bie eheliche ErrungenfdbaftSgefellfdhaft aufjulöfen unb ihrem 
Ehemann baS ©erroaltungSrecht an ihrem Vermögen ju ent- 
stehen. Um ihren 5ßfanbrechtStitel für ihr ©eibringen ju reali= 
iteren, beburfte fte ber Slnrufung ber roeiblidben f5 r eif)citen unb 
ber Sluflöfung ber ErrungenfchaftSgemeinfdbaft nicht. Ebenfo 
roenig fann bie Klägerin behaupten, baff in ben gegenfeitigen 
©esieljungen ber ©Regatten eine ©eränberung »orgefommen 
fei, ober bafj bie beflogte Ehefrau beabfidhtigt hätte, eS folle 
»on nun an ber Ertrag ihres ©onberguts nicht mehr jur Slras 
gung ber ehelichen Saften »errocnbet roerben, fonbern ihr allein 
jufommen. 

Ebenforoenig lag ein 2lnlafc für fie oor, ihrem Ehemann 
bas ©erroaltungSrecht an ihrem ©eibringen ju entziehen. ®ieS 
pflegt bann ju gefdhehen, roenn bie Ehefrau fid; oor einer 
fdjlechten ©erroaltung ihres Ehemanns fichern roiH. Mein ba= 
gegen roar bie ©eflagte burd) bie unterpfänblidhe ©idherfteHung 
ihres ©eibringens gefdfüht unb eS hätte bie Äonfequenj er= 
forbert, bah fte bann ihr ©er mögen ihrem Ehemann überhaupt 
nicht, audh nicht in anberer Form, i n ber |>anb beiaffen hätte, 
ba fte burch ihr Unterpfanb gleich oiel tmb gleidh roenig ge= 
fichert roar, mochte ber Ehemann biefeS ©ermögen als ©ei- 

13 * 


Digitized by Google 



196 


@ntfd>eibungen be? OBetlanbeägeric^tä. 


bringen ober als ©arleljen ober jur ^riDatDcrmögenSoerroak 
tung in .fpänben besaiten. 

©elbft roenn fie beabficbtigt haben foEte, bie weiblichen 
Freiheiten beSbalb anjurufen, bamit ihr Seemann (Eigentümer 
ber »orfyanbencn ©rrungenfchaft, barunter beS Kaufes, roerbe, 
um betn ©inroanb ju begegnen, baS Unterpfanb tjabe nur auf 
ber Hälfte beS Kaufes gültig beftetlt werben fönnen, fo ftanb 
für fie nichts entgegen, alsbalb roieber mit ihrem ©bemann 
eine neue ©rrungenfcbnftSgefeflfcbaft einjuge^en, ibr Vermögen 
in biefe ©rrungenfdbaftSgefeflfcbaft einjubringen, ihrem ©bemann 
baran baS BerwaltungSvecbt einjuräumen uitb ihren BfanbrecbtS* 
titel geltenb ju machen. 

35em entfprecbenb bat beim ancb bie Beflagte nach bem 
UnterpfanbSprotofoE oom 15. Stuguft 1894 erflärt, fie »erlange 
unterpfänblidbe ©icherftebung iljreö in ber BeibringenSinoentur 
oom 17. Februar 1885 ju 569 3 )t. beredeten beweglichen 
Beibringens tioit ihrem 3Jiattn, mit bem fie nach gebautem 
Fnoentar in lanbrecbtlicher ©rrungenfcbaft lebe, unter Berufung 
auf ibten gef etlichen BfanbrecbtStitel. Ueberein* 
ftimmenb bientit bat bie UnterpfanbSbebörbe, »on tocldber an= 
genommen roerben barf, baf? fie famt bem ißfanbbülfSbeamten 
auf ©runb ber oor ibr oorangegangenen Berbanblung am beften 
^u beurteilen oermocbt habe, roaS benn ber roirflicbe SßiEe ber 
Besagten geroefen fei, bie Bfanbbefteflung in baS UnterpfanbS; 
buch eingetragen. ©S Reifet bi er unter ber fftubrif „Flamen 
beS ©cbulbnerS mit Bejeicbnung feiner ehelichen Berbältniffe" : 

©. Ärämer lebt mit %. geb. F- in erfter ©be unb lanb= 
rechtlicher ©rrungenfcbaftSgefeflfcbaft." 2)ieS fonnte bie Unter 
pfanbSbebörbe nicht beurfunben, roenn fie angenommen hätte, 
bie ©rrungenfcbaftSgefeüfcbaft fei jur $eit ber Bfanbbefteflung 
aufgelöft geroefen. ©S folgt fobantt bie UnterpfanbSbefteEung: 
„ber erften ©befrau beS ©cbulbnerS, F- geb. Fv wirb für ihr 
in bem BeibringenSinuentar oom 17. gebruar 1885 befd)rie= 
beneS, bem ©bemann bei ©ingebung ber ©be »ugebracbteS, be- 
wegliches Beibringen im Betrag oon 569 3)1. bientit auf 
ihren Antrag unb mit guftimmung ihres ©bemannS als ©chulbner 


Digitized by Google 



A. in StoUfadjen. 


197 


als tlnterpfanb befteHt : Siegenfdjaft u. f. ro." |jier roirb alfo 
als ©chulbgrunb bejeicfmet bas ©inbringen bes Betrags 
oon 569 SDi. in bie eheliche ©rrungenfchaftSgemeinfchaft , bie 
betnnadE) noch ober roieber beiteten muffte unb biefe ©djulb unb 
bie Berpfänbung ift oon bem ©bemann anerfannt roorben. 

2luS bem Bisherigen folgt, baff bie Beflagte ihr Vermögen 
ihrem ©bemann als 8 eibringen überlaffen, fomit i£>m baS 
BerroaltungSredbt baran nicht entjie^en roollte. äßenn bähet 
bie beflagte ©befrau in ber Berbanblung oom 15. äuguft 1894 
erflärt hat, fie rufe bie weiblichen Freiheiten an, fo roirb nur 
jroeierlei möglich fein: entroeber es bat biefelbe angenommen, 
mit ber Anrufung ber roeiblicben Freiheiten, beren Folgen * n 
ber ©tflärung im einzelnen nicht hentorgeboben finb, fei bie 
Sluflöfung ber ©rrungcnfcbaftSgemeinfchaft nicht oerfnüpft, mb 
mehr roerben nur bie 93erbinblid)feiten auf ben ©bemann über* 
geroäljt unb ihm bie ©rrungenfebaft übertaffen ; fie hat baher 
biefe ©rrungenfchaftSgemeinfchaft nicht auflöfen roollen, unb nur 
eine ihrem roirflidhen SßiHen nicht entfprechenbe ©tflärung ab= 
gegeben, roelcher eben barum bem nachgeroiefenen Sßillen 
gegenüber feine 9ted)tSroirffamfeit sufommt, ober aber hat bie= 
felbe fofort nach Sluflöfung ber ©vrungenfcbaftSgefellfchaft ihr 
Vermögen bem ©bemann als Beibringen jur Berroaltung roieber 
überlaffen unb bamit bie ©rrungenfchaftSgemeinfcbaft erneuert, 
eine fRecbtSbanblung , roeldjer fein rechtliches |>inberniS ent= 
gegenftanb unb infolge welcher ihr roieber ber gefefclicffe ^Sfanb= 
redjtStitel für ihr Beibringen jufant. 

®S fann nicht gefagt roerben, bie ©befrau habe bem ©be= 
mann ihr Beibringen bann ohne rechtliche Verpflichtung über= 
laffen unb beShalb ftehe ihr ber IßfanbrechtStitel nicht ju : auch 
bei ©ingehung ber ©he fann bie ©hefrau wählen, welches ©üter- 
redhtSoerhältniS fie mit ihrem ©bemann entgehen unb ob fie 
ihm ihr Bermögen als Beibringen jubringen roiH. ^pat fie bieS 
gethan, fo fteht ihr jeberjeit ber BfanbrechtStitel jur ©eite unb 
fo auch bei einem fpäteren ©inbringen. 

3ta«h § 25 $iff. 2 fann bemnacb bie UnterpfanbSbeftellung 


Digitized by Google 



198 


®ntfd)etbungen beä DberlcmbeSgertc&tä. 


oom 15. Auguft 1894 nicht angefodjten werben, weil fie auf 
©rtmb gefefclidher Serpflichtung erfolgt ift. 

©ie Klägerin greift fobantt bie fßfanbbeftellung uotn 15. 
Auguft auch auf ©runb beä § 24 3»ff- 2 ber $.0. an. Allein 
bafür, baf? eine Aücfgewähr unb eine Sidherftetlung , welche 
infolge einet gefefjlichen Serpftidjtung oorgenotnmen worben 
ift, aud? nach § 24 3*ff- 2 nicht anfedjtbar ift, ift ju oer= 
weifen auf bie ©ntfd&eibung beä Aeichägericbtä Sb. 31 6. 123. 

Uebrigenä trifft biefe Anfechtung auch nont Stanbpunft 
ber .Klägerin auä nicht ju. ©ä wäre nicht ju bejweifeln, baf? 
in einer ohne rechtliche Serpflichtuug bew ©laubiger gewährten 
Sfanbfidjerheit ein Vertrag läge, burdh beffen Abfchluj? bie 
©läubiger beä ©emeinfchulbnerä benachteiligt würben. Allein 
eä ^anbelt fich nicht lebiglich um bie fßfanbbeftellung. ©ie 
Klägerin trägt felbft uor, bie beflagte @^ e frau habe in golge 
ihrer ©rflärung einen fähigen Anfpruch auf Aiitfgewähr ihreä 
nicht in JJiatura oorhanbeiten ©onbergutä alä fällige ®elb= 
forberung gegenüber t>on ihrem ©hmann gehabt, bagegen einen 
gefetjlidjen Anfpruch auf fßfanbfidjerheit nicht mehr, SBenn 
nun bie ©hefrau biefen fälligen Anfprudj nicht realifierte, fon- 
bent ben fraglichen Setrag in föänben ihreä ©hemannä belief?, 
wogegen biefer ihr ein Unterpfanb beftellte, fo finb bie ©läu- 
biger nicht fchon burd? ben Abfchluj? biefeä Sertragä benach ; 
teiligt, weil ber ©begann gegen bie fßfanbbeftellung ein Aequi-- 
oalent erhielt baburch, baf? erben anbernfaHä herauäjujahlenben 
Setrag beä Seibringenä behalten burfte. ©ä ift baher nicht 
felbftuerftänblid), wie bie Klägerin annimmt, baf? bie ©läubiger 
burch bie fßfanbbeftellung benachteiligt würben, bentt bie Se= 
llagte hätte ohne fßfanbbeftellung biefeä Sertnögen ihrem @he= 
mann nicht beiaffen, »ieltnehr wäre bie Sehauptung einer Se- 
nachteiligung bet ©läubiger erft nod? ju begriinben gewefen, 
waä nicht gefächen ift. 

Urteil beä I. ßipilfenatä oom 25. Oftober 1895 in Sachen 

Keppeler’jche Konfuräntaffe gegen Keppeler. 


Digitized by Google 



A. in ßiDtlfadjeit 


199 


25. 

JLitfedjtunij brr Jtaljlung eintr fälligen Sdjulb an ben Sdjulbntr 
bes lUfedjtungsgläubigers. 

$8ef(agter bat bem Äonimiffionär 3- für Ißrooifion 500 2)t. 
gefdhulbet mib hieran im 9Kai, Quni unb Quli 1894 jufammen 
200 bejaht, für feine 9feftfd)ulb aber bem 3- ei» oom 
4. Auguft 1894 batierteS äßecbielaccept über 300 3 ft. gegeben, 
bas 3- al^balb roeiter gegeben unb Seflagter bei Verfall ant 
4. Dftober 1894 eingeiöft bat- Kläger Ijat eine oollftrecEbare 
$orberung im betrag uon 370 3R. gegen 3- unb bat in £öbe 
biefet gorberung am 7. Auguft 1894 bie bem 3- 0«fl en ben 
SBeffagten jufiebenbe ©trouiftonSforberung pfänben unb ftdb jum 
©injug überroeifen (affen. 33ef(agter bat fi<b geroeigert, bem 
Hläger etroaS ju begabten, roeil er ben 3- f<h<>n oor bem 
7. Auguft 1894 auf beffen ©rängen in ber eingangs ermähnten 
3ßeife uoüftänbig befriebigt habe. Kläger bat barauf ben 3ab= 
lungSempfang beS 3- auf ©runb beS § 3 3iff- 1 bes Am 
fedhtungSgefebeS angefocbten, biefer Anfechtung ift aber bet @r= 
folg oerfagt toorben. 

& r ü n b e : 

@S fragt fidb, ob bie 3abtung einer fälligen Scbulb an 
beit 8cbulbner beS AnfedbtungSgläubigerS feitenS eines ©ritt-- 
fcbulbnerS überhaupt anfechtbar ift unb ob bie oorgetragenen 
©batfadben jur Segrünbung einer foldjen Anfechtung auSreicbett. 

3m Unterfdbieb oom gemeinen 9ied)t, meines bie paulia= 
nifdbe Anfechtung einer gefdjulbeten 3ab(uttg an ben ©dhulbner 
nicht fannte, ift nach bem AnfecbtungSgefefc § 3 3iff- 1 nadb 
ber ÄonfurSorbnung § 24 3iff- 1 audh bie Annahme oon 
gefchutbeten 3abtungen feitenS beS ©cfjulbnerS (fo roenig roie 
bie Seiftun g gefdhulbeter 3ab(ungen feitenS beSfelben) grunb= 
f ä b I i <b ber Anfedhtung nicht entzogen , toie in ben 3ftotiuen 
jur Ä.O. ') auSbrüdlidh auSgefprochett ift. SQSie aber bie Am 

1) Sottlamp f’fc^e Stuegabe @. 1417. 


Digitized by Google 



200 


®ntf<f)eibungen beä OberlanbeSgertdjtS 


fedtfung gefdjulbeter 3 a ^ un 9 en beS ©djulbnerS an brüte 
©laubiger nur unter befonberen Umftänben ftatt^aft ift 1 ), io 
muffen auch jur Anfechtung ber 2 lnnahme gefdjulbeter 3 a h : 
lungen feitenS beS ©djulbnerS ganj befonbere Umftänbe uor 
liegen, roeldje biefe 2lnnahnte als in rechtSroibriger, auf ®enach : 
teiligung ber ©laubiger gerichteter 2 lbfid)t gefchehen erfcffeinen 
laffen. £enn bie Sage eines ©rittfdmlbnerS, roeldhet eine fäl- 
lige 3 al)tung an ben ©dhulbner 5 U teifien hat, ift gegenüber 
bem 2lnfechtung$recht ber ©läubiger beS Sefcteren barum eine 
befonberS mifflidhe, weil er bei grunblofer SSertoeigerung ber 
uon feinem ©laubiger (bem ©cffulbner) geforberten 3 ahtung 
in 23erpg fommt unb ber ©efahr fofortiger gerichtlicher '-Be- 
langung auSgefefst ift. SMe Umftänbe muffen baher meiter fo 
geartet fein, baff ber $rittfd)ulbner bie 2 lnforberung bes 
©diulbnerS, ohne ffd) in Serjug 511 fefsen, hätte äuriidroeifen 
unb gegenüber einer etroaigen Klage beSfelben auf eine rechtS- 
roibrige fraubulofe 2 lbfidht einreberoeife fich hätte berufen fönnen. 

©ieS mag anjunehmen fein für ben in ber Sitteratur Ijauph 
fädjlich angeführten gatt, baff ber oon feinen ©läubigern be= 
brängte ©dhulbner feine 2luSftänbe in ber ben ©rittfdjulbnern 
befannten 2 lbficht einfaffiert, um bas ©elb bei ©eite ju fdhaffen 
ober bamit flüdhtig ju gehen *). ^ieju barf ber ®rittfchulbner 
nicht bie &anb bieten unb in folchem 'gatte märe auch &ei einer 
3 ahlungSroeigerung ein SSerjug $u oerneinen. 

®ieS trifft feboch gegenwärtig nicht ju. 

®enn nach ber ganjen ©ad^lagc , nach ben 3eugeitauS- 
fagen, bem Srief beS 3 - unb nach ber eigenen ®arftettuug bes 
Klägers ging 3- nid^t barauf aus, bie oon bem iBef tagten ein- 
faffierten Selber feinen ©läubigern überhaupt ju entziehen, ffe 
für ftch auf bie ©eite ju bringen ober bamit burdhjugehen, — 

1) ÜRotioe jut Jt.D. ©. 1422. ©ntfcfieib. be§ Steid)9gerict)tg Sb. 16 
©. 61; 20 6. 180; 23 ©. 9; 27 ©. 130; 31 S. 123 unb in ©euff. 
ärdfiio 47 nr. 197 ; 49 nr. 17. 

2) ©tieglifc, Jtomm. jur Jt.D. ©. 148. ©arn>eg»Soffert, Jt.D. 
3. Stuft. ©. 250. Otto, Slnfedjtung ©.60. SB i l m o n> 8 li, Jt.D. 4. 
Stuft. ©. 142. SKenjel, Anfechtungsrecht ©. 183. Stote 17. 


Digitized by Google 



A. in ©toilfadjen. 


201 


3- hat ja mit ben eingenommenen (Selbem anbere unb jroar 
brtngenbere Sdhulben (für SJtiete unb SebenSinittel) bejaht — , 
fonbertt es ging fein Seftreben nach ber Behauptung beS 
ÄlägerS nur bahin, bem Äläger als bem ihm befonberS auf= 
fäffigen ©laubiger nichts jufommen su taffen. 2J?ag nun auch 
ber ©eflagte burch bie unter ©ib oerftellten Steuerungen bes 
3- oon beffen Slbficht, eine oon ihm befürchtete ißfänbung feiner 
^rooifionSforberung feitenS beS Klägers burdh ©injietjung biefer 
gorberung ju oereiteln, Kenntnis erhalten haben, fo brauchte 
fich Beflagter baburdh allein noch nicht abhalten ju taffen, bie 
oon feinem ©laubiger oerlangte 3af)iung (in baar ober mittels 
eines SBedhfetacceptS) ju (elften. ®ie -JZooifionSforberung mar 
fällig unb flagbar, bie Slnforberung beS 3- baljer eine bere<h= 
tigte. ©in befonbereS 9tecf)t beS ÄlägetS , gerabe aus biefern 
BermögenSftücE beS SdhulbnerS 3- fi<h Befriebigung ju oet; 
fhaffen 1 ), beftanb fo roeuig als ein Stecht, oor ben anbern 
©laubigem beS 3- Jur Befriebigung ju foinmen. ©er Beflagte 
braudhte fidh baher auch nidht barum ju fümmern, roelche feiner 
©laubiger 3- mittels beS eingesogenen gorberungSbetragS bejro. 
beS bafür gegebenen 3ahtungSmittel§ junädht't befriebigen unb 
ob er einem beftimmten ©laubiger baoon nichts jufommen laffen 
tooHe. ©ie allgemeine StebenSart bes 3-/ man müffe bafür 
forgen, bafj Kläger ihm nicht hinfönne, berührte ben Beflagten 
nidit, eine bezügliche ÄoHufion mit 3- geh* barauS nodh nidht 
heroor, audh märe ber Beflagte hieburdl) nodh nicht oor ben 
nachteiligen einer ßahlungSroeigerung gefdhü(st geroefen. 

©ur<h bie Eingabe bes 2lcceptS hat er feinem ©laubiger 3- 
ein mit bet BrooifionSforberung gleichroertigeS unb bem 3u= 
griff oon beffen ©läubigern in gleicher SBeife auSgefefcteS Ber= 
mögenSftücf gegeben unb er tonnte eS bem Kläger überlaffen, 
burdl) redhtjeitige Befchlagnalnne beS BermögenSftücfS fidh barauS 
feine Befriebigung ju fudhen. 

Solche befonberen Utnftänbe, meldhe auSnahmSmeife auch 
bie Sinnahme einer gefdhutbeten 3ahtnng anfechtbar machen unb 
ben ©rittfchulbner jur nochmaligen Seiftung swingen mürben, 

1) f. aud) (Sntfcf) beä 9t®. in Sttaffadjen 53b. 8 ®. 52. 


Digitized by Google 



202 


(Sntfdjeibungeti be$ Dbeilanbeägerit^tä. 


finb batjer nidjt bargelegt toorben, roeSljalb bie uerfud)te 2ln= 
fedjtung ofjne weiteret jurudfjuioeifen ift. 

Urteil besJ I. (SioilfenatS beS Dberlanbeögeridjts uom 3. 9Jlat 
1895 i» Sachen 9Jtaiter gegen kaufte rer. 


26. 

ilnfulnffigkcit bes tftedjtsmegs für einen Antrag eines $ifdjerei= 
bevedjtigten auf Unterfagung bcr kraft ffiemcingeüraudjs aus- 
geübten (Gewinnung oon Sanb unb Tlics aus einem öjfentlidjen 

m- 

©et Äläger ift unbeftrittenermajjen auf einer ©trede ber 
$ils fifd)ereibered)tigt. @r f»at (Srlaffuttg einet einftroeiligen 
Verfügung gegen bie 23eflagten baljin beantragt, bafj fie fiel) 
bes Sammelns unb 2lbfiif)renS non überfdiroemmtem ©anb 
unb ftieS, fotoie bes 2luSbaggentS non Sanb unb R ieS auf ber 
betreffenben ©trede ber ju enthalten hoben. ©iefer 2ln= 
trag ift in jtoeiter Qnftanj juriidgeroiefen roorben aus folgenben 
© r ii n b e n : 

©er Kläger ift Inhaber beS 9ted)ts ber gifdjerei auf einer 
beftimmten ©trede ber $ils, eines öffentlichen gluffes. ©iefeS 
9iedf»t bat ein Vorfahre beS .Klägers im »origen Qabrbunbert 
oon ber SieidfiSftabt Ulm enoorben, unb es ift basfelbe feitber 
in ber gamilie beS Klägers geblieben unb fdfliefslid) auf ben 
ledern übergegattgen. ©aS fragliche Stecht ift fomit eine oon 
ber »ormaligen Steich^ftabt Ulm, roie anjunebmeit ift auf ©ruitb 
beS ibr bamals suftetjenben gifdjereiregals, burdj einen prioat= 
rechtlichen 2lft oerliebene unb ben ©egenftanb beS prioatredbt= 
liehen SterfebrS bilbenbe ©onbernujjung an einem öffentlid^en 
äßaffer unb als foldje ein 5prioatred)t ‘). 

©iefeS ^rioatreebt ift jebod) bejüglid) feiner Ausübung 
burch ben an öffentlichen ©eroäffern beftebeitben ©emeingebrauch 

1) Sang, Sachenrecht 2.91. II 7, 8, 10, toürti.©»!. VI, 57. 3af)t= 
büdier VI 283, 


Digitized by Google 



A. in ©totlfadjen. 


203 


eingefdhriinft '). ®ie auf legerem beruhenbeit 93efugniffe finb 
nidht prioatredhtlicher, fonbern öffentlich rechtlicher 9tatur *). 

@in Slulfluß jenel ©emeingebraudhl ift unter 2lnberem bai 
Siedet, aul bem Söett bei öffentlichen fjiuffe^ Äiel unb ©anb 
ju gewinnen 8 ), unb el roirb auch oon ben 33eflagten bal fttecßt 
auf Äielgeroinnung aul bem Seil ber gitl, auf melden fxch 
bal gifdheretredht bei ßlägerl erftredt, nur auf ben ihnen §u- 
ftehenben ©emeingebraud) an ber gill, all an einem öffenfc 
Iidf)en gluß, gefhifct. 

SBürbe man nun auch annehmen, baß ber Inhaber ber 
©oitbernufcung an biefent öffentlichen gluß burch ©rfifjung ein 
s f5riootredbt auf Slulfdhließung bei non ben iöeflagten ange- 
fprochenen ©emeingebraudhl erwerben fönne 4 ), fo roirb ^ieju 
nicht genügen, baß ber legtcre feiger nicht hergebracht roar, 
ba tjieburdh fein fRedhtloerhciltnil, fonbern nur ein thatfadhüdher 
3uftanb, weldjer fidh jeber 3eit änbern fann, begrünbet roürbe, 
unb ba ber ©ettteingebraudh , weicher lein inbioibueüe! S8er 
m&genlredht ift, bnrdh 9ii<btgebraud) nicht oerloren geht 6 ). 

Vielmehr roäre erforberlx«h, baß ber Inhaber ber Sonber= 
nußung roahrenb bei jur (Srfißuitg einel bezüglichen ßkiuat= 
redhtl notroenbigen 3eitrauml bie 2lu!iibung bei gebauten ©e= 
meingebraudhl oerboten hat unb folche infolge biefel SJerboti 
roährenb jenel 3e*traumel unterlaßen roorben ift, ba nur in 
biefem gaU bie Slbfidht, ein Stedht aul^uiiben unb bie 2lu!übung 
einel fRecßtl ju bulben, angenommen werben fönnte 6 ). 

®eu ©rroerb einel folchen s Jkioatred)tl behauptet aber ber 
Ätäger nicht, fonbern berfelbe macht nur geltenb, baß in ber 
gill niematl Äiel gebaggert, fonbern biefer althergebrachter 

1) Sang, a. a. D S 17. 

2) Sang, a. a. D. S. 6. SBürtt 3tccf) I 434. 3Biirtt. @73 VI 54. 

3) S a n g , a. a D. ©. 4 bei unb in Kote 5. gifdjereigefel} ooin 
27. Kooentber 1865 «rt. 8. 

4) Sang, a. a. D. ©. 6 Kote 12, © 17 bei unb in Kote 1, ba= 
gegen ©euff. 3trc$. XXXI Kote 107. 

5) §effe, 3af)Tbü<ijev fiit SDogm. VII 254 3iff. 3. Sang, a. a. O. 
©. 6 Kote 12. 

6) Sang, a. a. D. 


Digitized by Google 



204 


(Sntfdjeibungen beS OberlanbeSgericf)t$. 


©erooßnbeit gemäß nur an ißläßen, an melden berfelbe uom 
UBaffet ntc^t überfdjroemmt fei, geholt morben fei, roas bem 
eben beinerften jufotge ein s ^rioatred)t be§ $läger3 auf 2 lu&= 
fcßließung einer meitergeßenben Slieägeroinnung jufolge ©emein: 
gebrauch^ nicbt begrtinben mürbe. 

SBeitn baßer ber Stläger alä ^nßaber be$ eingangs er= 
mahnten ^-ifc^ereirec^tö ben Antrag gefteflt hat, ben Seflagten 
burd) eiuftroeilige Verfügung ba3 ©eroinnen oon überf<hraemm= 
tem Äie$ unb Sanb au3 ber Strecfe ber f$;il3, auf welche ficß 
fein gifc^ereired)t erftrecft, $u »erbieten, unb fid) bagegett bie 
SBeflagten auf ben ißnen an ber $il$ jufteßenben ©emeinge* 
brauch berufen, fo banbeit e3 fic§ in bem fJtecßtSftreit ber ißar= 
teien nicht um ba$ SBefteßen jene3 ? 5 ifdE)ereirec^t^ , ba folcßes 
»on ben Seflagten anerfannt roirb, ober barum, ob bem Kläger 
auf ©runb feinem giichereirecßtä bie prioatredjtUdje ^Befugnis 
juftebt, ben ermähnten ©emeingebraucb ben Seflagten ju oer= 
bieten, »ielmebr ift nur beftritten, ob unb in roiemeit bie 2 fu»= 
Übung be<3 gifchereirecßtä be3 Klägers burdb ben »on ben 33e= 
flagten erhobenen Slnfprucß auf ben ©emetngebraud) an ber 
gil£ befcßränft mirb. ®a biefer aber ein öffentlich rechtlicher 
ift, fo bot über benfelben nach 2frt. 10 $iff. 24 beö ©efeßeS 
»om 16. Tejember 1876 über bie ißerwaltungSrecbtSpflege nicht 
b aS bürgerliche ©ericbt, fonbern baS SBerroaltungSgericßt 3 U ent= 
fdjeiben. ®enn ba bie angeführte ©efeßeSfteHe »on einem Streit 
jroijchen mehreren bei ber Ausübung ^Beteiligten fyan- 
beit, fo muß in biefem Bufamtnenbang unter bem „erhobenen 
21nfpruch" ber »on einem ber beteiligten, ohne Unterfdjieb ob 
oon bem Kläger ober bem beflagten, erhobene 2 lnfprucß »er- 
ftanben merben. £ie$ ergiebt fidb auch barauS, baß für bie 
guftänbigfeit beS bürgerlichen ober bes beriualtungägerichtä 
lebiglich bie innere 9tatur beS fRecßtSoerbältniffeS, welches be- 
ftritten unb über welches baßer ju entfeßeiben ift, fomit nur 
ber beftrittene 2lnfprud), fei es beS Klägers ober beS beflagten, 
al§ maßgebenb erfeßeint '). 

«fMcnacb mar bas bürgerliche ©erießt nicßt juftänbig jur 
1) Qafjrbiidjer II 183 f., 193. 


Digitized by Google 



A. in (Litnlfadjen. 


205 


@ntfd)eibung über beit Slntrag beS ÄlägerS, ben Veflagten bie 
Ausübung beS oon benfelben angefprochenen ©etneingebrauchS 
im )ffieg einfttoeiliger Verfügung ju oerbieten, meil biefeS eine 
öffentlich ree^tlidje '-Befugnis ift unb ber Sioilrichter nur jur 
oorläufigett Siegelung beftrittener prioatrechtlicher 2Infprüd»e 
eine einftioeilige Verfügung treffen barf '). Unjutreffenb ift eS, 
toenn ber Kläger behauptet, baß bas itanbgericht Ulm, meil bei 
biefem bie £auptia<he anhängig gemacht fei, als baS ©eridht 
ber |>auptfad)e jur Sntfcheibung über bic einfttoeilige Verfügung 
juftänbig fei. 2>enn nad) § 816 S.^.O. ift, roie feiner äluSfüljr- 
uitg bebarf, baS @erid)t ber .hauptfadje für bie Srlaffung einfU 
roeiliget Verfügungen nur bann juftänbig, roenn feine 3uftän- 
bigfeit jur Sntfcheibung ber .Ipauptfache begrünbet ift, toaS im 
oorliegenben gall nach bent Slusgeführten bei bem £anbgerid)t 
Ulm nicht jutrifft. 

2Benn ber Kläger jur SBiberleguitg ber Sinnahme, bafj im 
oorliegenben gall ber SlechtSroeg unjuläffig fei, geltenb niad^t, 
baß ber Veflagte nicht burd) baS 3ugeflänbniS jj er ^ u ftän= 
bigfeit beS ©erihtS begrünbenben Älagthatfachen baS für bie 
Stage unjtoeifelhaft juftänbige ©ericht unjuftänbig machen fönne, 
fo mag bies jroar bem Släger jugegeben roerben. Mein im 
oorliegenben goß mar bem oben bemerften jufolge baS oon 
bem Kläger angerufene bürgerliche ©ericht oon Slnfang an 
barum unjuftänbig, meil es fich um einen auf ben ©runbfäßen 
beS öffentlichen Slechts beruhenben Singriff ber Veflagten in 
baS oon ben Iefctern nicht beftrittene s $rioatred)t beS ÄlägerS 
hanbelt. $afj aber leßtereS ber galt fei, hätte ber Kläger oor 
ber Vetretung beS SioilrechtSroegS erfahren föntten. 

Snblidh fann auch nicht, mie ber Släger meint, oon ber 
SImoenbung beS § 139 G.iß.D. bie Siebe fein. ®enn abgefehen 
baoon, bafj burd) eine SluSfeßung beS Verfahrens über bie 
einftmeilige Verfügung bis jur Sntfcheibung ber VenoaltungS; 
behörbe übet ben oon ben Veflagten angefprodjeiten ©emein= 
gebraud) ber 3 roe< t/ ben ber Kläger buvch bie Srlaffung ber 
oon ihm beantragten einfttoeiligen Verfügung erftrebt, nicht 

1) SBürtt. «edpo XII 309. 


Digitized by Google 



206 ®ntf$eibungen be3 DbertanbeSgerid&tS. 

crreid^t würbe, rodre ein Baum fiir bie (Sntfcheibung beS 6ioil= 
richterS nicht mehr oorhanben, roenn b aS BerroaltungSgericht 
über ben im oorliegenben $ail allein beftrittenen ©emeinge= 
brauch ber Besagten erfannt hätte. 

Urteil beS II. SioilfenatS oom 27. ©ejember 1894 in 
Sachen Äurj unb ©enoffen gegen ©unjenljaufer. ®ie ein= 
gelegte Beoifion ift jurMgetoiefen roorben. 


27. 

llnflattljaftf $lageani)äufung bei e d e n t u e 1 1 r r örrbinbung ber 
Itlnge aus bem iiedjt mit brr Ptfiljlilagt ? 

.Kläger hat flegen bie Befragten Ä?lage erhoben auf £erau$= 
gäbe eines ißferbs unb SchabenSerfafc auf ©runb ber Behaup- 
tung, bafj ihm bie Befragten baS fragliche Bferb, baS er oom 
Besagten 2B. eingetaufdht hatte, geroaltfam roeggenommen haben. 
3n ber fchriftlidhen ßlage mar gefagt : „$)ie ßlage ftü^t fid) 
auf bie actio quod metus causa, condictio furtiva forootjt 
unter bem ©efichtSpunft ber contrectatio fraudulosa als ber 
rapina, eoentueU auf ben £aufcht>ertrag unb Binbifation". Qn 
ber ntünblichen Berljanblung erflärte Kläger, eS roerbe lebig= 
lieh aus ber £hatfacf)e ber geroaltfameu B e f i $ entjiehung ge= 
fragt, nicht aus bem B e di t. ®enn in ber fdfriftlichen fllagc 
ber Slnfprud) eoentueU auf ben Saufdhoertrag unb Binbifation 
geftiiht roorben fei, fo roerbe bieS fallen gelaffen. ®ie Be= 
flagten machten geltenb : S)ie Illage fei abäuroeifen, roeil ßläger, 
roenn auch nur in ber fchriftlidhen Illage unb roenn auch nur 
eoentueU, entgegen ber jroingenben Borfchrift beS § 232 3lbf. 2 
(LB-SD. bie petitorifhe Ulage mit ber poffefforifchen funtuliert 
habe. ®iefer ßinioanb ift in beiben ^nftanjen oerroorfen roor- 
ben, oom Berufungsgericht auS folgenben 
© r ii n b e n : 

ü)ic BcrufungSflciger behaupten, bie .fllage müffe wegen 
ber in ber fchriftlicheu Älage enthaltenen Berbiitbung ber Bejifc; 
flagc mit ber Illage aus bem Becht abgeroiefen roerben, roeil 


Digitized by Google 



A. in ©it>ilfad)en. 207 

bieS bec jmingenben 2>orfchrift beS § 232 9lbfa& 2 (J.iß.D. 
roiberfpreche. 

Sttttein ber ©ab, bafe im $aüe beS SSorliegenS einer nach 
§ 232 2lbf. 2 64\D. unftatthaften Slagenoerbinbung bie ganje 
Stage als unftatthaft abgewiefen werben muffe, fann bod) nur 
ba jur 2lnroenbung fommen, wo jwei Stagen, welche nicht »er; 
bunben werben biirfen, in gleicher Sinie oerbuttben finb, 
nicht aber in bem galt, wenn bie eine nur eoentuell mit 
ber anbern oerbunben ift. (SS läfet fi<h fein ©runb einjehen, 
warum eine in ganj richtiger SBeife erhobene Stage beShatb 
als unjuläffig jutiicfgemiefen werben ntiijjte, weit eine anbere, 
wetdbe mit ihr nicht gehäuft werben barf , auShilfSmeife mit 
itjr oerbunben werben fotl. (SS ift bann eben bie mit ber in 
erfter Sinie angeftettten Stage in unftatthafter ffieife oerbunbene 
jweite Stage als unjuläifig jurücE^uweifen , wenn ber Stöger 
nicht »orjieht, bie eoentuelte Stage fallen ju taffen; eS fteht 
aber nichts entgegen, über bie in erfter Sinie erhobene Stage 
}u oerhanbeln unb ju entfcheiben. (SS entfprid)t bieS ber 2lb= 
ficht ber Partei, weldhe bie erfte Stage jebenfatts aufrecht er= 
hatten roiffen will. 2>er SEBorttaut beS § 232 ß.iß.D. hinbert 
nicht, eine oerbotene Sumutation ber gebachten Strt in ber 
angegebenen SBeife ju beteiligen, wie bieS auch bann gefchteht, 
wenn eine Stage, für wetche ber dichter nicht juftänbig ift, 
mit einer anbern gehäuft wirb '). 2tuch ber 3 roC£ f ber 3Sor= 
fchrift beS § 232 2tbf. 2, wie er angegeben wirb, unnötige 
unb jeitraubenbe SPerhanblungen ju erfparen, forbert nicht eine 
anbere SBehanbtung ber eoentuetlen Slagenhäufung. §ienad) 
burfte, nachbem ber Stöger bie eoentuelte Stage auS bem Stecht 
hatte falten taffen, bie in erfter Sinie angeftellte 93efifcftage 
nicht als unjulöffig juriidgewiefen werben unb eS ift biefer 2In= 
griff gegen bas erftrichtertiche Urteil unbegriinber. 

darauf, wie eine Stage in bem ©d)riftfa |3 unb in ber 
miinbliöben ißerhanblung genannt wirb, foinmt eS nicht an, 
fonbern barauf, wie fie begriinbet wirb unb ob biefe söegriim 
bung baS geftellte ©efudj redhtfertigt. .fjienacb aber mar eS 

1) S.@. ab. 27 <5. 391. 


Digitized by Google 



208 


@ntf$eibungtm beS CbetlanbeSgeridjtä. 


feilt grrtum, menn ber »orige Stifter bie ©polienflage als 
angefteflt angefeben fjat. 

Urteil bev I. ßi»ilfenat$ »om 10. 9)Jai 1895 in ©adjen 
98iberrober nnb ©enoffen gegen ßartinann. 


28. 

(£ibes;uftt)iebung über einen nirijt (pejialifterten (fljtbrud). 

Klägerin f;at auf @l)efd)eibting megen ©Ijebrud^ö be$ 23e= 
t'lagten geflagt ; 33eflagter fjat geltenb gemadjt, Klägerin l>abe 
felbft bie ©b c gebroden. 3)et (Sfnroanb nmrbe, ohne bafj auf 
ben ber Klägerin jugefcfyobenen @ib erfannt toorben märe, »er= 
roorfen aus folgenbett 

© r ünb en : 

Slnlangenb bie »om Seflagten geltenb gemalte ©inrebe 
ber Kompenfation, fo ^at er jur Segrünbung berfelben nur 
fooiel geltenb ju madbett »ermodbt, baff Klägerin in ber 3®ü 
nadb betn 1. Sfuli 1873, b. b- nadb ber unbefhitten im guni 1873 
erfolgten Trennung beiber ©Regatten, bie ©be gebroden höbe. 

Dladb ber Seftitnmung beS § 230 2lbf. 2 3iff- 2 ber 6. 5 4$.0. 
l)at ber Kläger unb jtuar febon in ber Klagfcbrift beit ©runb 
be3 erhobenen Slnfprudb«, b. b- ben Inbegriff beseitigen 5£b at: 
facben, roeldbe nadb ben 23eftimmungen be3 bürgerlichen 9ie«bt3 
geeignet unb erforberlidb ftnb, ben ©dbluf? auf baS Segrünbet- 
fein be3 2lnfprudb3 ju rechtfertigen, anjufübren. dasjenige, 
roaö »ont Klagegrunb gilt, muff in biefer Siichtung audb »om 
©runbe einer ©inrebe, roie ber ber Kompenfation be3 ©bebrudbs, 
gelten. 2Bte roeit bie ©pejialifierung ber ben ©runb ber Klage 
ober ©inrebe bilbenben f£b a ^ a< b en nottoenbig ift, barüber ent* 
febeibet nad) ber 53efdbaffenbeit be3 einjeluen gattet ba3 ©r= 
meffen be3 ©eridbtS. gm »orliegenben gatte fann mit ber 
Seljauptung beä ibeflagten, Klägerin ^abe in ber 3 e * t nQ 4 
ber Trennung, feit 1. guli 1873, bie ©be gebroden, ein ©be= 
brueb ber Klägerin nicht alö geuügenb fpe^ialiftert angenommen 


Digitized by Google 



A. in <£ioÜfa$en. 


209 


»erben. ©enn e§ unterliegt feinem 3 »eifel, bafj mit biefer 
Vefjauptung ohne jebe nähere Slngabe ber Verfon be>3 ©he= 
brecher^, ber 3eü/ be3 DrtS unb ber fonftigen Umftänbe eine 
Älage auf ©Reibung »egen ©hebrucf)3 nicht begriinbet »erben 
fann. ©a3 ©leidje muß aber auch oon bem im SBege ber 
Hompenfation geltenb gemachten ©hebruclje gelten. 3 ,l)ar ift 
nicht ju oerfennen, bafe einem ©Regatten unter Umftänben 
»egen ber in ber Statur ber ©adje liegenben ©chroierigfeiten 
nidf)t jugemutet »erben fann, junerläffige ©rmittlungen über 
bie ißerfon, mit »eld&er ber gefd)le<^tlid»e Verfehr ftattgefunben 
hat, unb bie näheren Umftänbe einjujie^en. Mein im oorlie= 
genben gaHe roäre e3 bem Veflagteit »of)l nicht f<h»er ge= 
fallen, etwa oorliegenbe VerbadhtSgriinbe gegen feine in einer 
nicht »eit oon feinem Aufenthaltsorte gelegenen fleinen ®orf= 
gcmeinbe fich aufhaltenbe ©hefrau ju ermitteln. ©er Umftanb, 
baft er bieS nicht getljan hat, bafj im ©egenteile »eber bem 
©emeinberat, noch bem Pfarramt 28. nach beren fchriftlidhen 
3 eugniffen oon einer berartigen Verfehlung ber Klägerin etwas 
befannt geroorben ift, »eift barauf hin, baS Veflagter feine 
2lnf)alt3punfte hat, »eiche auch nur ben entfernten Verbacht 
eines oorgefontmenen (SheUrnc^^ feiner ©hefrau 3 U begrünben 
geeignet roären. ©in oager Vor»urf aber, »ie ber oorliegenbe, 
genügt jur Vegrünbung fraglicher ©inrebe nicht, audh mürbe 
baS Steift ber Verteibigung bei 3ulaffung einer folgen Ve- 
grünbung ber ©inrebe beeinträchtigt, ba biefeS Vorbringen ber 
Älägerin »eber eine geniigeitbe |ianbhabe, beffen Unridhtigfeit 
barjulegen, bietet, nodh bie Venennung oon VeroeiSmitteln 
jur Söiberlegung beSfelben ermöglicht, ©ie in grage ftehenbe 
RompenfationSeinrebe fann baher fdjon »egen mangelnber tf )at= 
fächlidher Vegrünbung feine Verücfjtdhtigung finben. 

©benforoenig entfpricht baS fragliche ©inrebeoorbriitgen 
ber Veftimmung bes § 416 ber G.ip.D., wonach ©egenftoub 
ber ©ibeSjufdhiebung nur eine beftimmt 311 bejeic^nenbe ®hat= 
fadhe ift. ©ine allgemeine ©ibeSsufchiebung, »ie bie in J-rage 
ftehenbe, erscheint nur als ein Vcrfuch, bie Älägerin über Um= 
ftänbe au$suforfchen, über »eiche Veflagter felbft eine beftimmte 

3a$rl>U$er für ÜBftiUcmtitrg. iHeifctspflege. Vlll. 2. 14 


Digitized by Google 



210 Snlfdjeibungen beä Dbertanbeägericfjtä. 

Seljauptung auf 3 uftetlen nidft oermag. ®er Umftanb, bafj bie 
ben ©egenftanb beä ©ibeä bilbenbe SC^atfad&e bie 2 tufred»t= 
ertjaltung ber ©t)e begrünben foD, bebingt bie 3 uläffigfeit biefeä 
©ibeä (G.^.D. § 577), ift aber für bie grage, ob biefe £l)at= 
iadje geniigenb beftimmt bejeicbnet ift, nid)t oon Sebeutung. 
2 >a {3 in ber ißrapiä bei ©cbroängerungäproseffen §um iöeroeiä 
ber ©inrebe ber mehreren 3ut)älter (©efejj oom 5. ©eptember 
1839 2lrt. 29 3‘ff* 1) unb jur SSerteibigung gegen bie Ülage 
einer ©efd)wäd)ten auf ©enugtfiuung (©cfefc cit. 9lrt. 28 ©in; 
gang) ein allgemeiner Gibeäantrag 3 ugelaffen wirb, erftärt fid) 
auä ben befonberen Umftänben biefer beiben Jt lagen. 9)tit ben 
auägefiifjrten ©runbfägen ftimmt aud) bie 't>rapiä ber ©eridjte, 
inäbefonbere beä 9teid)ägerid)tä überein ‘). .Ipienacf) ntufste ber 
ber Ülägerin über bie ©inrebe ber Äoinpenfation beä ©fiebrudjä 
3 ugef<$obeneit ©ib it)rem Slntrag entfpredjenb für xmftatttjaft 
erftärt unb biefe ©inrebe wegen mangetnber tl)atfäd)Iid)er 23e= 
grünbung ocrworfen werben. 

Urteil beä I. ©ioilfenatä beä Dbertanbeägericfjtä oom 22. %e- 
bruar 1895 in ©adjen Gif? gegen ©ifj. 


29. 

tJorausfe|ungen ber itiidigabe ber beljufs uorläufiger gollltrediung 
eines Urteils geleiteten Sddjerljeit tior eingetretener Bedjtskraft 

bes Urteils. 

3n ber 9tcd)täfad)e beä 9t. ©. gegen ben Ifrobaten $. fi. 
unb 3 ©enoffen ift ani 5. Oftober 1894 gegen fäintlid^e oier 
23eflagte ein SBerfäumniäurteil ergangen, woburd) biefelben unter 
folibarifcber Haftung jur 33ejaf)lung oon 1100 3Jt. oerurteüt 
unb biefe ©ntfdjeibung gegen eine oom Kläger 311 leiftenbe 
Kaution oon 1200 SDt. für oorläufig ootlftredbar erftärt würbe. 


1) Seuffert, ätdj. Sb. 11 nr. 99, 39b. 19 nr. 97, Sb. 41 nr. 
240, Sb. 45 nr. 190, Sb. 46 nr. 64, 230 (9teit$Sgericf>t) Sb. 49 nr. 62. 
Sur. SBo<$eu(cfjr. oon 1890 S. 42 6 , oon 1891 0. 528’. 


Digitized by Google 



A. in ßioitfad&en. 


211 


35ie Kaution »on 1200 ÜR. ift »om Kläger geleiftet unb 
unter bie lanbgerichtlichen ©epojiten aufgenommen worben. 

gnjwifchen ift baS Urteil ben 3 93eflagten: g. K. sen., 
S. K. unb 9t. K. gugefteüt unb biefen gegenüber rechtsfräftig 
geworben. 

®em öeflagten g. K. jun. tonnte baS Urteil bis jefct 
nicht jugeftellt werben. 

3njwifcben hat ber Kläger, nacbbem er bei ber ©eri<hts= 
Treiberei eine entfprechenbc Söefchränfung ber früher gegen 
fämtlidhe Seflagte erteilten 93oEftrec!ungStlaufel erwirft batte/ 
wieberbolt um 9tiictgabe ber hinterlegten Kaution gebeten. 

®tefer Antrag würbe »on ber 6i»ilfammer infolange, als 
nicht auch gegenüber bem SRitbeflagten g. K. jun. bie 9techtS= 
traft beS Urteile naibgewiefen fei, abgelehnt, inbent bie ©i»il= 
tammer oon ber (Erwägung ausging, bafj im gatte ber 9tücf-' 
gäbe ber Kaution ber Kläger, welker in feiner UrteilSauS= 
fertigung eine öffentliche Urtunbe über erfolgte fieiftung ber 
Kaution in Rauben habe,' in ber Sage wäre, baS Urteil bem 
Stitbetlagten g. K. jun. gegenüber bei Setretung beSfelben 
ohne weiteres noUftrecfen ju laffen, obwohl weber bie 9ted)ts= 
traft beS Urteils eingetreten noch auch bie bis $um ©intritt 
ber 9techtSEraft notwcnbige (Eiterung burch Kautionsleiftung 
oorhanben wäre. 

2luf bie gegen ben Sefchlufj ber ©ioilfammer feitenS bcS 
9t. <B. erhobene Söefchwerbe hat baS OberlanbeSgericht befchloffen : 
3)ie Eioüfammer beS SanbgerichtS wirb angewiefen, bie 
»om Kläger hinterlegte ©idjerheitsfumme »oit 1200 SDt. an 
9t.A. 9t. (ben ifJroäefjbeooHmächtigten beS Klägers 9t. S.) gegen 
9tiicfgabe beS SDepofitenfcheinS unb gegen ©mpfangSbefcheinigung 
jurücEjugeben 

in ©rrcägung: 

baß $war bie ©rteilung ber »ollftrecf baren Ausfertigung eines 
gegen Sicherheitsleiftung »orläufig »oUftrecfbaren Urteils »om 
©erichtSfchreiber auch »or Seiftung ber Sicherheit unb nach 
9ttictgabe berfelben gefcheheu fann, ba bie Prüfung ber <3idher= 
heitSIeiftung »om ©efe($ allein bem ©erichtSüoOäieher über= 

14 * 


Digitized by Google 



212 


©niftfjeibungen bes CbertanbesgeriditS. 


tragen ift (§§ 664, 672 Abf. 2 ©.ip.D. unb ÜDtotioe baju), ba& 
baber ber Hläger audj nad) Stücfempfang ber ©idberbeit in ber 
Üage märe, eine ooEftredbare Ausfertigung gegen ben Öeflagten 
g. fl. jun. 2U erlangen unb bamit, folange er nodb im Sefifs 
einer öffentlichen Urfunbe über bie geleiftete ©idberbeit ift, bei 
möglicher Aufteilung beS Urteils unter SBorroeiS bicfer öffent= 
lieben Urfunbe (unb Aufteilung einer Abfdbrift bieoon an ben 
©d)ulbner) audb gegen ben g. fl- j un - bie Aumngsooflftredung 
not ©intritt ber EtedbtSfraft beS Urteils unb tro(s fJtüdempfangS 
ber (Sicherheit ju betreiben; 

bafi jebodb unter ber öffentlichen Urfunbe über bie ge= 
leiftete Sicherheit nur bie ron einem bieju juftänbigen $Be; 
amten auSgefteEte Urfunbe ju oerfteben ift (§§ 672 Abf. 2 ugl. 
380. 383. 400 ©.iß.D.) unb jur Seroirfung ber AuSfteEung 
beS A^ugniffeS über Hinterlegung einer Sicherheit bei bem 
ftmbgericbt (bes ©epofitenfbbeinS) nadb I 9tr. 14 ber proo. 
©epoftteiuDrbnung oom 30. ©ejember 1822 ’) unb § 2 ber 
3uft.=9Rinift.=$8erf. com 4. ERärj 1883 betreffenb bas Haffen; 
unb 9ted)nungSroefen *) nur ber 33erioalter ber ©epofitenfaffe, 
baS ift ber fReoifor bes SanbgeridbtS — in ber bureb §Rr. 14 
cit. unb bur<h bie ^Beilage bieju oorgefdjrieberten gorm — unb 
nicht audb ber ©eridbtSfdbreiber juftänbig ift, bafi baber biet 
nicht audb bie ber ooEftredbaren Ausfertigung oom 31. ©ejember 
1894 beigefügte Semerfung beS ©erid)tSfdjreiberS über bie 
Hinterlegung ber ©idjerbeit eine öffentliche Urfunbe im ©inne 
bes § 672 Abf. 2 ©.$.0. barfteEt; 

baß fonad) ber flläger, fobalb er ben tbm auSgefteEten 
(für bie Sioflftredung gegen bie anbereu Söeflagten nach ein* 
getretener 9tecf)tSfraft beS Urteils gegenüber biefen nicht mehr 
benötigten) ©epofitenfebein — in Urfchrift — jurüefgegebett bat, 
nicht mehr im ©taube ift, bem ©ericbtSüoüjieber burdh eine 
öffentliche Urfunbe bie ©icberbeitSteiftung nadbjuroeifen unb ba= 
mit gegen ben g. A. jun. oor eingetretener AedbtSfraft beS 
Urteils bie AwangSooEftredung ju betreiben, gattj abgefeben 

1) Steofdier, ©efebfammlung, ©eridjtägefefce IV 2. Sl6t. ©. 1110. 

2) Sßürtt. ©er. -Statt 21 6. 99. 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfcn^en. 


218 


oon einer oorforglicfjen Semerfung beS ©eridjtSfdireiberS bei 
fpäterer Grteitung ber SBoUftrecfbarfeit gegen g. Ä. jun., baß 
bie am 31. Scjeniber 1894 geleiftete Sic&erljeit guriicf gegeben 
roorben fei. 

Sefcbluß beS I. GioilfeuatS beS DbertanbeSgeridjtS uom 
20. 9Jiai 1895 in ber Scfdjroerbefadje bes fRidjarb <5ige-- 
rift in Stengen. 


30. 

3u § 715 Ziffer 1 C.*.®. 

Sei bent Sefcfyroerbefüljrer rourbe am 22. Qanuar 1895 
unter anberem »oh brei größeren Setten unb einem Äinberbett, 
bie er in feinem Seßß tjatte, ein größeres Sett gepfänbet. 
®ie gamilie beftanb barnals aus bem ©dndbner, beffen Gl>e= 
frau unb einem ftinb. ®ie Serfteigerung ber gepfänbeten 
^atjrniS mürbe aufgefcboben, roeit bie Gtjefrau bes Sefd)roerbe= 
fütjrerS gegen ben SiänbungSgläubiger SBiberfprudjSflage er= 
l;ob, bie tnbes abgerotefen rourbe. Snjroifdjen rourbe am 9. $uli 
1895 bem Sefdjroerbefiiljrer ein roeitereS Äiitb geboren. Gr 
beantragte nun Freigabe beS gepfänbeten SetteS gemäß § 715 
3iff- 1 6-S-D. als eines für feine gamtlie unentbehrlichen 
©egenftanbeS. ®as Amtsgericht erflärte hierauf bie ^ßfänbung 
beS SetteS für unroirffam, bie Gioilfammer tjob auf Sefdjroerbe 
beS (Gläubigers biefeu Sefcbluß auf unb bie Sefd)t»erbe bes 
©d)u!bnerS gegen ben Sefcbluß ber Gioilfammer ift guriicf- 
geroiefen roorben 

in Gr ro ä gung, 

baß }ur £eit ber Sfänbung ootn 22. Januar 1895 für bie 
bamals ans betn ©dndbner, feiner Gbefrau unb Ginem ftinbe 
beftebenbe gamilie beS erftern, bei beren Seftaub baS erft gegen 
fed)S Stonate fpäter am 9. 3uli 1895 geborene weitere .(linb 
beS ©djulbtierS noch nidjt ju berüdfidjtigen toar, oon ben oor= 
banbenen, in brei größeren unb einem Äinberbette beftetjenben 
Setten neben bem üinberbette nur jroei größere Setten unent= 


Digitized by Google 



214 


(£ntf<$eibungen bes Dberlanbe3gerid)t3. 


behrlid) roaren unb bcr 3ßfänbung nid^t unterlagen, baß fonadj 
bal britte größere 23ett ber ißfänbung unterworfen war (ß.Sß.O. 
§ 715 3iff- 1) unb ber ©laubiger butch beren 2>otl3ug an bem= 
felben ein ipfanbredjt erworben hot, welche! baburcb, baß bas= 
felbe noch in ber 3 e ü ®or ^ er 23ornahme ber SBerjleigerung 
besfelben für ben Sdjulbner entbehrlich su fein aufhörte, nicht 
erlofdjen ifl, baff baher ba! £anbgeri<ht burch Sefdhlufe oom 
11. September mit 9te<ht ben amt»geri<htlichen, bie ißfänbung 
biefe! 23ette! für unroirffam erllärenben 23efcf)luj5 oom 16. 2luguft 
1895 roieber aufgehoben hot. 

23efchluß bei L ©ioilfenati bei Dberlanbelgericht! oom 
4. Cftober 1895 in ber 23ef<hmerbefa<he bei griebrich 
Schilling oon Stuttgart. 


31. 

Jlut Auslegung bes § 716 ütbfaij 2 ®.^.(0. 

©in ©eridhtlooUjieher pfänbete im Auftrag ber üft. Ä. bei 
©. 33. gahrni! unb bare! ©elb, wobei ber Schulbner 6. 23. 
fofort erflärte, beibe! gehöre feiner ©hefrau. ®er ©ericht!= 
ooUjieher hi' lter l e öl e belljalb bal ©elb bei ber gemeinberät: 
liehen Sepofitenfaffe in Stuttgart. 2luf 2lntrag ber ©hefrau 
bei Schnlbner! ©. 23., bie gegen 3SI. 11. SßiberfpruchlHage ge= 
mäfj § 690 ©.$.D. erhob, befdjlofj bie Gioilfatntner Stuttgart 
©inftellung bei 3 ro ong!oollftrecfung!üerfahren! auch bejüglid) 
De! gepfänbeten ©elbel. jpiegegen befchroerte fich bie ©läu= 
bigerin ÜJi. 51., inbem fie geltenb machte: fünfichttich bei baren 
©elbel fei gemäß § 716 2lbf. 2 ß.ip.D. bie 3toangloollfirecfung 
beenbigt, fobalb ber ©erkhtlool^ieher ba! ©elb an fidh ge= 
nommen höbe unb fei baher oon biefem 3eitpunft an fein Utaum 
mehr für eine ©inftellung ber 3*oonglooÜftrecfung. ®ie S3e- 
fdhmerbe routbe oerroorfen. 

© rün b e: 

$ie 2(nitahme, all fei mit ber SBegnaljme bei gepfänbeten 
©elbel burd; ben ©eridjtlooUjieher bie 3 n, ongloolIftrecfung 


Digitized by Google 


A. in Sioilfadjeti. 


215 


beenbigt, fann nicht gebilligt werben. § 716 2Ibf. 2 fagt wie 
§ 720 S.^.O. mehr nicht, als baff bie ©efahr mit bem 2lugew 
blitf bcr 2Begnat)me auf ben ©laubiger übergehe unb ber Schulb; 
ner befreit fei, bagegen ift bie ßroangScoUftrecfung erft mit 
ber 2lblieferung beS Selbes an ben ©laubiger abgefdjloffen unb 
folange fann auch bie ^roangSooIIftrecfung eingefteflt werben 1 ). 
Sefchluji beS I. ßicilfenatS beS DberlanbeSgerichtS com 
25. gef'tuar 1895 in ber $Befdf)werbefache ber -Starte Äol)U 
hammer con Stuttgart. 


32. 

Jur Auslegung bes § 14 ^bfai? 1 IUL©.©. 

Söeflagter hatte in ber Sßoljnung feinet SdjulbnerS ©egen- 
ftänbe im äßert non etwa 300 9)1. pfänben taffen. Klägerin, bie 
©hefrau beS SdhulbnerS, nahm bie gcpfänbeten Sachen als ihr 
Eigentum in 2Infpruch unb erhob am 17. 9tocember 1894 2Biber= 
fpruchSflage gegen ben Seflagten. ®arauf erflärte beffen s pro= 
äefibeooEmädhtigter junächfl brieflidh am 21. 5tooetnber bem 
^ßrojeffbecollmächtigten ber Klägerin : er gebe ber Älage in ber 
^auptfadje, nicht aber im ßoftenpunft ftatt, gebe bie gepfäm 
beten Sachen frei, cerlange aber ©rfafs ber bem Veflagten er= 
wacbfenen ißrojefefoften. 35aSfelbe erflärte er in einem am 23. 
9tocember bem ©egenanwalt jugeftellten Sdhriftfafc. Sei ber 
münblichen Verljanblung beantragte jebe Partei Verurteilung 
beS ©egnerS in bie ißrojefffoften, ju beren Tragung bie Älä= 
gerin rechtsfräftig cerurteilt würbe 2 ). 3n ber Jtoftenrechttung 
bes 2lnwaltS beS Seflagten war u. a. berechnet: „15. 9tocbr. 
fprojefigebühr aus 200—300 ü)t. — 10 9Jt." ®iefe 2lm 
recbnmtg würbe com ©egner auf ©runb bes § 14 2lbf. 1 
901. ©.0. beanftanbet, aber in jweiter 3nftanj für juläffig er= 
ftärt aus folgenben 

1) f. aufter ®aupp, Äomm. II S. 439 ©euff., 2trt§io SJb. 49 
©. 114, SBb. 50 ©. 116. 

2) D6 mit 31 e dj t, erfdjeint fraglich- 2Inm. ber 5Reb. 


Digitized by Google 



216 


@utföeibungen beä CberlanbeSgeri^tä. 


®r ünben: 

3n ©rroägung, baß eine redjtshängig geroorbene Streit- 
fadhe burch Slnerfenntniä feitenS ber beflagten Partei erft bann 
erlebigt ift, roenn biefeä 2lnerfenntni3 in ber münblidhen 33er- 
hanblung uor bem ißrojefegericht, ohne bajj uon ber 05egen= 
partei auf ©runb be3 2bterfenntniffeS Verurteilung beantragt 
roirb, erflärt juorben ift (G.iß.D. § 146 2lbf. 2 3ift- 1 ><nb 
§ 278), bafj baher bie Streitfadhe ber Parteien roeber burd) bie 
außergerichtliche, oom Stnrnalt ber Veflagten bem ber Klägerin 
unterm 21. Voobr. 1894 gemachte SJtitteilung, Veflagter gebe 
ber 5Uage in ber .gauptfadje unter greigebung ber gepfänbeten 
galjrnte ftatt unb oerlange Verurteilung ber Klägerin in bie 
fjkojefjfoflen, noch burd) ben cont 2btioalte ber Veflagten bem 
gegnerifdhen 2lmoalte am 23. iJlooember jugeftellten oorbereitenbeit 
Sdhriftfaß gleichen 3nhalt$ in ber .fpauptiache ihre ©rlebigung 
gefunben hat, baff hieitod), felbft roentt man mit ber Sioilfammer 
annehmen miß, bie in § 14 2Ibf. 1 ber GJebühremDrbuung für 
Dledht^anroälte oorgefefiene ©rmäfjigung ber bem diechtöamoalt 
pftehenben Vrojefegebühr auf bie Jpälfte trete fdion ein, faU3 
ber Auftrag beleihen fich cor ber münblichen Verhanblung unb 
oor ber VeioerffteEigung ber 3ufteEung eineä Sdhriftfaße» an 
ben ©egner auch nur in ber ^aupt fache erlebige, biefeS 
©rforberniä ber ©rmäfjigung ber Vrojefjgebühr im oortiegenbcn 
3-alle barum nicht jutrifft, roeil bie $auptfad)e mit ber eben 
angeführten VJitteiluug beS 2lnroatt3 bes Veflagten oom 21. 9loo. 
unb ber 3ufteßung be$ bejeidmeten ©djriftfafcee nod) nicht er= 
lebigt mar, uitD bemgemäß bie ©rlebigung be$ 2luftrag$ be$ 
2lmoalt$ be3 Veflagten nicht einmal bezüglich ber $auptfad)e 
oor ber miinblidhen Verhanblung unb oor ber ooit ihm be= 
mirften 3«fteEung beä ebenbejeidjneten, nicht bloß ben Äoften= 
punft betreffenben Schriftfaßeä ftattgefunben hotte. 

Vefdhlufj beS I. 6ioilfenat4 be3 ObcrlanbeSgerichtä oom 

2. ülpril 1895 in Sachen .(päußler gegen görfter. 


Digitized by Google 



A. in ©ioitfadjen. 


217 


33. 

JSmdjming ber iltrgleidjsgebiiljr, roemt ber llergleidj über tinen 
nur teilrocife bei töeridjt anhängigen Anfprudj gcfdjIofTeu 
tuorben ifll 

Kläger fragte im 33orprojefi au# einem Kauf auf 33 1 - 
jahlung einer 2lngebot#rate non 1500 2)t. Unter 9Jlitioirfung 
ber 2lmoälte fdiloffeit bie Parteien einen aufjergeridjtlidfjen 93er= 
gleich, moburch ber ganje Kaufoertrag aufgehoben tourbe. ^ie= 
bei mar nereinbart, bafj ber 23eflagte bie Koften be# 2lnroalt# 
b»# Kläger# tragen fofle. Ser 2lnmalt be# Kläger# berechnete 
nur eine 33erglekh#gebühr gemäf} § 13 3*ff- 3 9t.3l.®.D. au# 
b:m ganjen .Hauffd)itting non 16000 üDt. ; ber ©egner oer= 
ti eigerte 33ejal)[ung unb fo tarn e# jur Klage au# bem 33er= 
gleich- Sie 2lnre<hnung ber 33ergleid)#gebüf)r in ber bered;-- 
neteu jpö^e mürbe für unjuläffig crtlärt au# folgenben 
© r it n b e n : 

Sie 2tnred)itung einer 2}ergfeidh#gebiihr nach § 13 giff. 3 
ber 9t.2l.©.0. fefst, mie fchoti ber 2ßortlaut be# ©efe( 3 e# („jur 
^Beilegung be# 9iedft#ftreit# abgefcbloffener 93ergleidh") anbeutet, 
einen anhängigen Klaganfprud) (in bem bcfonbereit gaH be# 
§ 37 2lbf. 3 bafelbft ein unter ber SDtitroirfung be# 9ted)t#an= 
malt# not fid; geljenbe# amt#gerichtlid)e# Sühneoerfahren über 
einen beftimmten 2lnfprudj) norau#, roährenb für bie Belohnung 
ber ^Shötrgfeit be# 2lmoalt# aum 3 loec f eine# ihm aufgetragenen 
®ergleid)#abfchluffe# über einen nicht recf)t#hängigen Slnfprud) 
bearo. aufserhalb eine# gerichtlichen Stihueoerfahren# bie 9ieid)#= 
gebührenorbnuug für 9ted)t#anioälte nicht# norfieht unb ihre 
analoge 2lttroenbung nach ber allgemeinen 33eftimmung in § 1 
unb ber fpejiellen Stornierung ber fyäHe einer entfprechenbeu 
2lnroenbung in § 91 bafelbft al# au#gefcf)loffen au betradjten 
ift, roonadh bie bezüglichen ^ßorfdhriften ber £anbe#gefel}e er= 
gänaenb einjutreteu hübe«- 3Bentt baljer im uorliegenben Jall 
ber mit ber ©inflagung ber fälligen 2lngetb#rate beauftragte 
Slnmalt be# Kläger# ben 9ledht#ftreit in biefem Umfang anhängig 


Digitized by Google 



218 


Sntfctyeibungen beä DbetlanbeSgericf)tö. 


gemalt unb in ber golge einen biefen 9ted)t$ftreit erlebigenbeit 
aSergleid^ abgefdßoffen fjat, fo ift für bie nad) ber 91.21. ®.D. 
}u beredjnenbe SSergleid^Sgebü^r bie |)öhe be3 bejeichneten ©treib 
objeft'i maßgebenb, wäljrenb bie S^atfadfje, baß gleidjjeitig ba$ 
ganje bem Ulaganfprud) ju ©runb liegenbe Vertrag3oerhältni$ 
im Söeg einer Uebereinfunft, melier bie 9tatur eine^S Vergleich^ 
im materiellrecf)tlid)cn Sinn jufommt, aufgehoben raorben ift, 
nur unter bem ©efichtöpunft einer Sftitwir fung be3 21n= 
roaltS bei außergerichtlichen Verhanblungen im 
©inne be3 § 43 ber R. Verorb. oom 29. Januar 1869 (9teg.= 
331. ©. 49, ogl. auch bie ÜRotioe ju bem betreffenben § beS 
@.©ntm.) einen ©ebührenanfprudj ju begrünben geeignet ift'). 

®a aber bie oergleic^Srueife ©rlebigung be$ fllaganfprud)3 
unb bicfenige be3 ganjen Vertrag$oerhältniffe$, wie in Gr= 
mangelung einer anbermeitigen Behauptung angenommen roerben 
muß, burd) einen unb benfelben 2ltt erfolgte, fo liegt ein gaU 
be§ § 92 beö 9t.2l.@.D. für 9ted)t3auroälte oor, wonach bei 
einer S^hätigfeit beä 9ted)t3anroalt3, für roelche ihm eine Ver- 
gütung nad) ber 9t.2l.@.D. pfteht unb welche pgteich in ben 
Atreiä berjenigen 2tngetegenheiten, in welchen bie Vergütung 
burd) lanbesgefefcliche Vorfdhrift geregelt ift, fällt, infoweit bie 
2tnwenbung beiber Vorfdjriften ju einer jweifachen Vergütung 
berfelben SC^ätigfeit führen würbe, nur bie eine berfelben unb 
jwar bie bem 9tecf)t$anrodlt giinftigere jur 2tnwenbung fommt. 
®a bie nach l'anbelgefeß (V.O. oom 29. Qan. 1869 ogl. mit 
ber Ä. V.D. oom 30. 2lpril 1875) begrünbete Vergütung hinter 
ber aiiö § 13 3 ber 91.21. ®.D. für 3ied)t-ianwälte fidf» er= 

gebenben Vergletch^gebühr (au$ 1500 3JI.) erheblich prücfbteibt, 
fo ift ber 2lnwalt unb erfaßberedjtigte Kläger burd) bie 3 U = 
hißigung bei? Betragt ber leßteren unb ben 2lbftrid; ber weiter 
berechneten 44 9)1. nicht befdjroert. 

Urteil be3 I. ©ioilfenat» besDberlanbeSgeridjbS oom 8.9Jtärs 

1895 in Sachen Söffler gegen ®d)mib. 

1) Sgl. SlSürtt. ©er.-SÖIatt Sb. 21 ©. 380 ff. ©iel)e jefct au$ 31®. 
36 nr. 103. Sinnt, bec SReb. 


Digitized by Google 



A. in Eiöiifncfien. 


219 


34. 

Umfang btt ijUffdjtiing eintr JJfänbung, ble mtgtn tinet 
non tintm (ffljeinann unb feiner frau je jur fjälftf ju bcjalj= 
lenben forbtrung, gtgcn bttbt Ctljeleute tu (frrungcnfdjafl6oet= 

mögen norgenommrn morben ift, feitens brs IJernmlters im 
ftonhurs bcs (fljemanns? 

2luf bie ßlage beS Vertagten 6. hat bie ©ioilfamtner 19= 
bittgen am 17. SM 1893 burd) Verfäumniäurteil erfannt : 
„bie Vertagten" — bet ©erber 3 . SB. in 21. unb beffen ©f)e= 
ftau — „roerben cerurteilt, unter Haftung je für bie Jpätfte 
bem Kläger 1200 2Jt. (nebft 3* n f cn ) 5« bejahten." $iefe3 
Urteil ift rec^töfräftig geroorben. ®ie Silage mar geftüfct auf 
einen ©diulbfdjein 00 m 16. guni 1884, laut beffen SB. 
unb feine grau unterfdjriftlich befannt haben > «on ®. ju 
ihrem genteinfdjaftlichen ehelidjen Stufen ein 2lnlef»en oon 
1200 9Jt. aufgenommen ju haben. Stuf ©runb einer ißfänbung 
oont 19. 3uli 1893 unb barauf folgenben ißfanboerfaufä er^ 
langte Vertagter Vefriebigung für feine gorberung. 2lm ll.ga; 
nuar 1894 ift über ba3 Vermögen beö SB. ba3 Stonfur$oer= 
fahren eröffnet morben, in bem beffen ©hefrau am 30. ganuar 
1894 bie weiblichen greifjeiten mit ©rfolg angerufen hat. 2>er 
Slonfuräoerroalter hot bie ifSfänbung com 19. guli 1893 auf 
©runb ber §§ 23 2lbf. 1 unb 2, 24 &.£>. angefodjten unb Ver= 
urteilung be*S Vertagten jur Vejahlung ber erhaltenen 1301 2)f. 
an bie SlonfurSmaffe beantragt. ®ie Silage machte babei geb 
tenb: auch fomeit bie Vfänbuug fid) auf beit ber ©hefrau SB. 
gehörigen Stnteil an ber ©rrungenfchaft erftrecft habe, fei burch 
bie Sßfänbung etroaiS bem 25er mögen be3 ©emeinfd>ulb= 
ner4 entjogen morben; bie 3 ro aug-jüolIftrecfung fei bejiiglich 
ber ganjen gorberung be3 Vertagten gegen ben ©bemann 
SB. gerichtet geroefen; beffen Verpflichtung, bie 3roang3uoll= 
ftretfung in bie feiner grau gehörige ©rrungenfdmfbShölfte ju 
bulbeit, fei eine obligatorifche Verbinblidjfeit SB.’ä gegenüber 
bem Vertagten geroefen, Vertagter habe baljer auch bejiiglich 


Digitized by Google 



220 ©ntfäeibungen beä Dberlanbe3geri(f)t*. 

bet Sdjulbhälfte ber CS^efrau 33efriebigung aU &'oitfur* = 
gläubiger 28.’* erhalten. ®er Stnfprud^ auf 2lnfed)tung ber 
bem 2)eflagten für bie Scbulbbälfte ber grau 28. $u £eil ge= 
worbenen 23efriebigung fönite unmöglich in golge b a oon für 
bie Sojialgläubiger Wegfällen, baf? bie Ehefrau bie loeiblidjeit 
grei^eiten angerufeu habe, u>ie bie* ber gaH wäre, wenn bie 
angefocbtene Gntfcbeibung richtig wäre. 

2kflagter bat biefe 2lu*fübrungen befämpft unb in*befon= 
bere betont, baf? er für bie Scbulbbälfte ber grau 28. nicht 
al* (ftonfur*s)©läubiger be* Ehemann* befriebigt worben fei. 
®ie 2lnfed)tung*flage ift in beiben gnftanjen nur in Setreff 
ber Jjpälfte ber geforberten Summe für begriinbet erachtet 
worben, in jweiter gnftanj au* folgenben 
© r u n b e n : 

Seflagter bat ^iertadf; (nad) ben nicht abgebrudteu 21u*-- 
Führungen barüber, baff bie ^Jfänbung uom 19. guli 1893 au* 
§ 23 $iff. 2 Ä.ö. anfedbtbar fei) jurüefjuerftatten, wo* er 
auf ©runb berfelben als (Honfur*=)©läubiger 28.’* au* beffen 
Vermögen erbalten batte. 2ltfo jebenfaü* bie |>älfte ber em= 
pfangenen 1301 2ft. 

28a* aber bie weiteren 650 5Dt. 50 betrifft, fo ftt’bt 
feft, baf) Seflagter einen ooUftrecfbaren Sütel gegen 28. unb 
beffen (Ehefrau erlangt bat, woburd) biefelbeit „unter .§af= 
tung je für bie fjjälfte" bem 23ef(agten 1200 2>t. nebft 3i«feu 
unb Jloften ju befahlen verurteilt waren, baf? auf ©runb biefe* 
Siitel* ber ©erid)t*t>o[l 3 ieber Ipfänbung „wiber g. 28. unb 
beffen Ehefrau" uorgenonunen unb babei Sachen gepfänbet bat, 
bie jur ehelichen Grrungenfdjaft gehört haben. 

Siebt man nun auf bie geit ber ifSfänbung, fo ift Se- 
t'lagter al* Äonfurägläubiger b. b- al* ©laubiger be* 
fpäteren ©emeinfcbulbner* 28., ber ohne bie erfolgte 23efrie= 
bigung feine goröevung al* Äonfur*glänbiger hätte geltenb 
madjeu miiffen, offenfidjtlid) nur bejüglid^ ber^älfte feiner 
gorberung befriebigt worben; beim nur für bie Hälfte ber ein= 
geflagten gorberung batte ba* 33erfäumni*urteil ber (Sioil- 
fatnmer ben Ehemann 28. für haftbar erflärt. gür bie anbere 


Digitized by Google 



A. in Sioilfcuben. 


221 


$älfte feiner gorberung bagegen fjat SAeflagter alö ©laubiger 
ber ©befrau SB. 33efriebigung ermatten, fomit nic^t al« 
AtonfurSgläubiger be« 3 . SB., unb inforoeit ift bafyer eine 3ln= 
fedjjtung ber ifBfänbung au« § 23 3iff. 2 Al'.D. au«gefcbloffen, 
bie nur in betreff einer einem (Aionfur«:)©läubiget be« ®emein= 
fcbulbner« gemährten Sicherung ober SJefriebigung möglidj ift. 
•hieran oermag ber Umftanb nid)t» ju änbern, baß bie grau 
SB. im Aionhir« ihre« ©bemann« bie toeiblidben greibeiten mit 
©rfolg angerufen tiat: baburd) fann bie bem S3eflagten al« 
©laubiger ber ©befrau geioorbene SSefriebigutig nicht nad)- 
träglicf) ju einer ibm al« ©laubiger be« Seemann« ge= 
roorbenen, bie (getilgte) ©dfjulb ber ©befrau nicht nachträglich, 
nach ihrer Tilgung, ju einer Sdjulb be« ©bemann« merben; 
hierin läge eine 3iirüdbejie^ung ber golgen ber Slnrufung ber 
roeiblid^en greibeiten, gegen bie fiel) bie Stedbtfpreöbung be« Dber= 
lanbe«gerid)t« im Slnfdjluj) an bie neuere roiirtt. 25oftrin mit 
©runb au«gefprocben ^at. gtt ihrer ©igenfebaft a(« frühere 
©laubiger ber ©befrau aber fönnen bie am Atonfur« be« 
SB. beteiligten ©rrungenfdbaft«gläubiger bie fragliche SAfänbung 
be«balb auf ©runb be« § 23 3iff- 2 Af-D. nicht anfeebten, 
weil über ba« Vermögen ber Ehefrau fein Alonfur« eröffnet 
joorben ift. $ätte übrigen« bie grau SB. am 30. gaituar 1894, 
ftatt bie toeiblidben greibeiten ansurufen, erflärt, fie bleibe in 
ber ©rrungenfdbaft«gefellfcbaft, unb märe bemjufolge auch über 
ihr SAermögen ber Kontur« eröffnet roorben, fo batte boeb bie 
roegen ifjrer Sdbulbbälfte erfolgte ifAfänbung auf ©runb be« 
§ 23 3iff’ 2 Ä.D. jufotge ber SJeftimmung be« § 26 At.D. 
nicht mehr angefoebten merben fönnen. 

SAerfeljlt ift e«, menn bie ^Berufung au«sufübren fud)t, 
SAeflagter fjabe, auch fomeit er für feine gorberuug gegen bie 
grau be« g. SB. befriebigt roorben fei, in f 0 fern a l « Al 0 it= 
fur«gläubiger be« ©bemann» SAefriebiguttg erbalten, 
al« fein Slnfprudb gegen SB. auf ©ulbung ber gmangsooü^ 
ftreefung in ba« SAermögen ber ©befrau burdb SB. eine gorbe^ 
rung gegen ben ©bemann gemefen fei. &enn roeldjer Slatur 
audb biefer Slnfprud) fein mag, jebenfall« ift er gegen ben ©bc= 


Digitized by Google 



222 


©ntfdjeibungen be« 0berlanbe«getid)t8. 


mann in [einer @igen[djaft a 1 3 Dtufcniefjer uttb 
SSerronlter fretttben Vermögens (beä SBermögenS 
ber ßfjefrau) gerietet unb bafjer feine gotberung eine« Äon= 
furSgiäubigerä, b. fj. feine gorberung, bie im Äonfurä anju= 
melben märe unb besüglid) beren ber ©laubiger au£ ber Sfiaffe 
23efriebigung ju [udjeit Ijätte. 

®ie Berufung ber Klägerin fteUt ftc^ nadj betn Sludge; 
führten al$ nnbegrünbet bar. SBenn bie prafti[d)en folgen 
biefer (Sntfdjeibung unbefriebigenb [ein mögen, [o liegt ber 
©runb [)ieoon eben baritt, bafe baö partifularred^tlid^e Qnftitut 
ber roeiblidjen f5 re i^ eiten fid) mit ben ©e[timmungeu ber Steide 
ßonfurä-'Drbnuug uicf)t überaE in f)armont[d)en Ginflang btim 
gen lä&t 1 ). 

Urteil beS I. @ioü[enat3 nom 31. SDejember 1895 in 

©adjen 9Belfer[dje $onfur3ma[fe gegen Salmbad). 

1) 2)ie Srage, ob Setlagter für feine gorberung an bie grau 355. 
burtf) bie ifSfänbung Sefriebigung au« bemSermögen b e 8 ® e= 
m e in f cf) u l b n er 8 (§ 80 Ä.0.) erhalten hat, ob bie ganje ©rrun» 
genfchaft al« Vermögen be« ©bemann« ju gelten ^at (»gl bar. ©aupp 
SU § 690 ©.$.0. II 1. Sb. 2 S. 375 ff., Anhang II S. 53), r»ar fjienach 
nicht ju entfdfeiben. — Sei ber Seratung würbe »on einer Seite bie Am 
ftdöt »ertreten : mit Anrufung ber weiblichen greiheiten feiten« ber grau 
355. fei auch ber al« ju ihrem SSermögen gehörig ansufehenbe Anfpruch 
auf Ailcfgabe be« jufolge ber ipfänbung au« ihrer ©rrungenfchaft«hälfte 
S55eggegebenen an bie Stoffe be« Stann« übergegangen unb e« tonnte nun 
biefer AnfedE)tung8anfpruch »on ben ©laubigem ber grau, bie fionfur«* 
gläubiger be« 3Jtann« geworben feien, geltenb gemacht werben (ba bie 
®läubiger ber grau ihren Snfect)tung8anfpruch gegen ben Sellagten nicht 
baburch »erloren haben tonnen, baß bie grau 355. bie weiblichen greibeiten 
angerufen höbe), wenn nicht bie 3J5fänbung mehr al« ein halbe« gafjr 
»or ber am 30. ganuar 1894 erfolgten Anrufung ber weiblichen grei= 
heilen (f. § 26 K.0.) erfolgt wäre. SDie iöiehrheit oermochte aber biefe 
Auffaffung nicht ju teilen; e« würbe namentlich geltenb gemacht: eine 
Anfechtung ber 3f5fänbung oon Seiten ber ©läubiger ber grau 355. in 
©emäjsheit ber JtonfurSorbnung würbe bie ©röffnung be« Ron* 
turfe« über ba« Vermögen ber grau 355. »orauSfehen; eine 
folche fei aber nicht erfolgt unb bie Anrufung ber weiblichen greiheiten 
tönne einer Äontur«eröffnung nicht gleichgefteHt werben. Anm. b. ©. 


Digitized by Google 



A. in Gimlfac^en. 


223 


35. 

fiann eine gegen öen geklagten als Pfleger eines lUinberjäij eigen 
erhobene Blage nadjträglidj gegen tijn oljne ^nfeljen feiner 
öigenfdjaft als pfleget gerietet tuerötn? 

Kläger ^at im fJlubrum ber bem Söeflagten jugeftellten 
Klagfdjrift alä Seflagten bejeidjuet: „9- ©• , al3 Pfleger 

ber minberjäljrigen 6. $n ber münblidjen Sßerfjanbluug 
oor bem Sanbgeridjt erflärte aber ber Kläger, bafj bie Klage 
fidj gegen ben 33eflagten gaitj oljne Slnfeljeu feiner ©igenfdjaft 
al3 Pfleger ridjte, ber Söeflagte (b. Ij. 3 . ©. |>.) unb nidjt 
baS oon bemfelben oertretene Kinb fei tjienad) fprojefjpartei. 

©er 23eflagte bat um 9lbmeifung ber Klage, inbem er 
oortrug: bie fßafjiolegitimation roerbe beftritten, ber Kläger 
oermöge nidjt bie 5©t)atfad)e *311 befeitigen, bafj bie Klage gegen 
ben Söeflagten al3 Pfleger erhoben roorben fei, unb föttne, oljne 
eine unjuläffige Klageänberung oorjuneljmen, nidjt an bie Stelle 
beS urfpriinglidjen SBeflagten einen anbern feiert. 

®ie Klage ift abgeroiefen unb bie Berufung be3 Klägers 
aus folgenben 

@ r it n b e n 

juriidtgeroiefen roorbeti: 

9ladj § 230 $iff. 1 G.iß.O. ift bie iöejeidjnung ber ^ar= 
teien in ber Klagfdjrift ein ruefentlidjeS Grforbernis ber Klag; 
erljebung. ©ntljält bafjer bie Klagfdjrift nidjt bie IBejeidjitung 
ber Partei, gegen nteldje bte Klage erhoben roirb, fo ift, roenn 
ber 93eflagte in ber auf bie Klagerljebuttg anberaumten münb= 
lidjen 33erljanblung ben 3JiangeI ber Klagfdjrift rügt, bie Klage 
roegen nidjt orbnungSmäfjiger Klagerfjebung angebrachter 9Jlafjen 
abjuioeifen, toogegen im $all ber Unterlaffung jener Stiige am 
genommen mirb, bafj ber Öeflagte auf bie (Seltenbmadfjung ber 
Verlegung jener iprojefjoorfdjrift oerjidjte '). 

3m oorliegenben fyaH ift in bem SHubrum ber Klagfdjrift 

1) (Sntfcf). be§ 9t.©. XIII 236 f., XXII 420. Saljrbüdjer für joiirtt. 
Rechtspflege V 307. ©au pp, ©.Sß.D. 2. 31. I 436. 


Digitized by Google 



224 


Gntfdjeibungen beS DbetlanbeSgeridjtS. 


3- ©. ,§• in <5. „als Pfleger ber (Ehr. in 6t." als Pe= 
flagter bejeicffnet. ©agegen hat ber ftläger in ber münblidjen 
Verljanblung erfter Sriftanj erfiärt, baft bie Silage nicht gegen 
bie oon 3- ©. §. oertretene (S^r. fonbern gegen biefen 
felbft gerietet roerbe. 

SBenn ber Kläger meint, eS fönne bie Silage gegen 3. ©. 
als Pfleger ber @h- 4>-, ohne *>aß lefctere belangt roerbe, ge= 
rietet roerben, fo ift bieS nicht richtig. ©enn ba 3 - ©• 
nur 2 Perfönlicbfeiten, nämlid) feine eigene unb bie feines 
Pfleglings, ber 61). £., nicht aber eine britte in feiner (Eigen* 
fdfjaft als Pfleger ber ledern repräfentiert, fo fann er auch nur 
entroeber in eigenem Flamen ober aber im 9tamen ber (El). 
oerflagt roerben, in roelcf) leßterm gaE biefe, gefefclich oertreten 
burch ihren Pfleger, bie beflagte Partei ift. 

SBenn baljer ber Stläger ertlärt hat, bah 3 - ©• als 
Pfleger ber (Ef)r. |j., aber nicht biefe, oertreten burd) ihren 
Pfleger, belangt roerbe, fo fann bie Silage nur als gegen 3 - 
©. |>. in eigenem fJtamen gerietet angefeljen roerben. ©iefe 
.Stlage ift aber nicht orbuungSmäßig erhoben, roeil in ber Sllag= 
fdbrift 3 - ©• als Pfleger ber (Ehr. als Veflagter be= 
jeidjnet roorben ift. ©iefett SEangel ber Sllagerhebung hat ber 
Veflagte auch in ber auf biefelbe anberaumten münblidjen Per* 
janblung gerügt, inbetn er geltenb gemacht h fl t, ber Äläger oer* 
möge bie ©hatfadje nicht ju befeitigen, baß bie Silage gegen 
ijn als Pfleger erhoben roorben fei. ©er ümftanb, bah bet 
Peflagte an biefeS Vorbringen nicht ben Slntrag gefniipft hat, 
bie Silage roegeit SJiangelS einer Pr ojefjoorauS* 
fe£ung ober als nidjt orbnungSmäfeig erhoben, an* 
gebrachter SJtaßen abjuroeifen, macht ben Peflagten nicht 
beS StedftS aus jener Stiige oerluftig, ba biefer Slntrag in bem 
Slntrag auf Älagabroeifung enthalten ift '). 

©ie Silage ift baljer oom oorigen Stidjter roegen EDlangelS 
orbnungSntäßiger Sllagerhebung mit Stecht abgeroiefeit roorben. 
SBoUte man aber je annehmen, baff ber Kläger feine gegen 
3 - ©. als Pfleger ber (Ehr. gerichtete Silage in jtoeiter 3 « ; 

1) Gntfdjeibungen be$ 9t.@. XIII 338. 


Digitized by Google 



A. in Sioilfadjen. 


225 


flanj auch gegen bie legiere anjufteüen beabfidhtige, fo roiirbe 
hietnit, nadjbem ber Kläger in erfter Snftanj aulbriidlidh er= 
Hart hat, bafj bie @h- nicht oon ihm belangt roerbe, eine 
neue Klage erhoben, toal nach § 491 2tbf. 2 ß.ifJ.O. unju= 
läffig ift. 

Urteil bei II. ©oitfenatl oom 12. £)ejember 1895 in 
©achen ©ber gegen |>aug. 


36. 

Ulagänberuitg, tuenn ber ^nfprud) auf ^ejaljlung einer |lertrags= 
flrafe in jnieiter Snftan? auf tlerUhung einer anbern |lerirags= 
beftimmung gefüllt mirb, als ber in erfier 3n(lan| bejeidjneten? 

9tach § 1 bei Vertrag! ber Parteien tjat Kläger bem Be= 
f tagten gegenüber fich »erpflidjtet, feine fäintlid^en 2lrtifel aul= 
fdjtiefjlich für 9tedjnung bei Bef tagten ju fabrijieren. 9tach 
§ 12 bei Vertrag! „hat bei Berftöfjen ber uerle^enbe 5Eeü 
bem anbern eine Konoentionalftrafe oon 3000 311. ju bejahlen 
unb ift biefer aufsetbent noch berechtigt, ben Vertrag aufjulöfen." 
Kläger hat roegen einer angeblichen Bertragloerlefcung feitenl 
bei Befragten oon biefem bie Bertraglftrafe geforbert, unb 
geftfteßung, bag ber Bertrag aufgelöft fei, beantragt. Be» 
flagter l)at Klagafnoeifutig unb wiberfragenb Berurteilung bei 
.filägerl jur ^afdung ber Bertraglftrafe beantragt. 25ie 
Sßibevfrage hat er m erfter Qnftanj barauf gefugt, bafj Kläger 
grunblol oom Vertrag juriidgetreten fei, in sroeiter Snftanj 
auf bie neu aufgeftellte Behauptung, Kläger habe oertragltoibrig 
hinter bem Striefen bei Befragten an frühere Kunben geliefert. 
3n biefer Beziehung fagen bie 

©rünb e: 

©oioeit bie SBiberfrage barauf geftiijjt roirb, bafj Kläger 
oertraglnnbrig fdhon im 2lpril 1894 früheren Kunben SBaren 
geliefert ^abe, ift fie unjuläffig. ®enn biefe Behauptung ift 
erft in jioeiter Qnftanj aufgefteUt toorben unb ber fo begrünbete 
ülnfprudh auf bie Bertraglftrafe ift ein neuer 2lnfprud), beffen 

3al>rbüd>er für Württemberg. ÜMedjtgpflege. VIII. 2. 15 


Digitized by Google 



226 


CSntfdjeiburtgen beä 0f>erlanbeägeri<ht3. 


©eltenbmachung im 3Beg ber SBiberllage burdj § 491 2lbf. 2 
auägefchloffen ift. SWerbingS ^at Setlagter fdjjon in 
erfter Sfnftanj toiberflagenb bie ftonoentionalftrafe oon 3000 3)i. 
geforbert unb auch jefct oerfangt er nur e i n mafige 23ejaf)fung 
berfelben, nicht roegen ber 3 to e i nunmehr oon if)m geltenb ge= 
malten Slertragloerfe^ungen be4 ÄlagerS 3 io ei mal 3000 9)t. 
2 tber auch roenn man annimmt, bte SßertragSflrafe fönne nur 
einmal geforbert toerben, ift bo<h ber 2 lnfpru<h be§ SBiber- 
flägerö auf Zahlung ber 3000 9Ji., fo toie er in sroeiter 3n= 
ftanj begrünbet roorbcn ift, ein „neuer Slnfprud)" gegenüber 
ber auf ba3 gleiche Ergebnis gerichteten gorkrung, bie in 
erfter 3 fnftanj aufgefteHt mar. ®enn ein Slnfpruch auf bie 
ftonoentionalftrafe, geftiifct auf SBerlefsung beS §1 b e ö 58 e r = 
tragS — barauf, bafj Kläger oertragStoibrig an frühere flurn 
ben geliefert habe — , ift ein anberer als ber auf $e Heb- 
ung beS § 12 beS Vertrags — barauf, bafj Kläger fidj oor= 
zeitig unb rechtSroibrig 00 m Vertrag loSgefagt h Q ^e — ge= 
grünbete; bie f^robe hiefiir ift, baf? bem in erfterer äöeife be= 
grünbeten 2tnfpruch bie Einrebe ber abgeurteilten Sache nicht 
entgegenftünbe, audh memt ber auf äSerlefcung beS § 12 beS 
Vertrags geftüjjte 2 lnfpru<h rechtsfräftig abgeroiefen roäre. 
Urteil beS I. Eioilfenats 00 m 1. Otooember 1895 in Sachen 
geller gegen 23lntharbt. 


Digitized by Google 



IL 

(Entfdjeibungeit bcs (Dbcrlaubeögcridjts. 


Fi. i tt ©traffftd^en. 

2 . 

3ft bas unerlaubte ^nbicten auswärtiger J?ofe in Württemberg 
nn nerfdjiebeite |Ierfoneu als eine einjige ^Übertretung ju be= 
Ijaubeln, roenn basfelbe auf einen einljeitlidjen (Sntfdjlufj jurüdi^ 
jufüljten ift 1 )? 

SDiefe gragc ift bem ©traffenat bes Dberlanbeggerid&tS 
in Fester $eit roieberbolt jur ©ntfdjetbung »orgelegett unb sroar 
am 29. 3anuar 1896 in ber ©traffadje gegen S. »on 
Bremen unb am 12. Februar 1896 in ben ©traffadfjen gegen 
91. Ä. »on ©djroetin unb gegen 9t. »on Hamburg. 3« 
allen 3 hätten mar »on ben Steoifionen gegen bie Urteile Der 
II. 3nftanj, trcläie eine 3J?e^rt)eit »on Uebertretungen angenouu 
men Ratten, SSerftofj gegen bie ©runbfäfce über ibealel unb 
realem 3wfantmentreffen ftrafbarer ^anblungen geltenb gemacht. 
®ie hierauf geflirrten Steoiftonen mürben jebod^ in fätntlidjen 
Ratten al? unbegrünbet »erroorfen, unb jroar im $alle gegen 
3- 9t. »on Hamburg aus folgenben 

©riin ben : 

®a3 angefoc&tene S3erufung3urtetl bem 9lngeflagten 
megen 2 am 5. 3mu »or. 3^. gegenüber »on 2 Stuttgarter 
©inrooljnern Beruhter Uebertretungen im ©inne be3 9trt. 7 
1) gu »gl. 3a£t6ücf)er Sb. IV S. 75, ©. 108. 

15 * 


Digitized by Google 



228 


Srttfdjeibungen bei OberlanbeSgerichta. 


3iff- 3 be! roürtt. ^olije^Slrofgefe^e^ oom 27. Sejentber 1871 
je eine ©elbftrafe oon 25 3Jt. (eoentuell 5 Sage £aft) — 
gleich einer ©efamtftrafe oon 50 9JI., (eoentuell 10 Sage .ipaft) 

— juerfannt. Sem Urteil liegt bie Annahme eine! realen 
ßufammentreffen! biefer Uebertretungen unb bie 2litroenbung 
ber §§ 78 in 58erbinbung mit 74 be! ©t.©.33!. nebft 9lrt. 1 
be! obenerwähnten ißolijeiftrafgefe|e3 ju ©ninbe, obgleich biefe 
gefe^lidjen Seftimmungen im Urteil feine ausbrücflidje 6 rroäf)= 
nung gefunben Ijaben. 

33on ber [Reoifion roirb nun gerügt, baff bie Sinnahme ber 
©elbftänbigfeit ber abgeurteilten Uebertretungen eine red)t$irrige 
fei, baff biefelben oieltneljr foroohl unter ftd) als im S$erl)ält= 
ni! ju einer burd) recf)t!fräftigen Strafbefehl be! 2lmt!gericht! 
©. toont 28. 3»uni o. 3!. mit einer ©elbftrafe oon 30 3R. be= 
legten llebertretung gleicher 9lrt all eine einige |ianblung 31 « 
betrachten geraefen mären, roornad) ihrer nunmehrigen Seftraf- 
ung ber ©runbfafj ne bis in idem entgegenflehe 1 )- 

Siefe [Rüge, beren guläffigfeit oennöge ihrer materiell: 
rechtlichen Statur nicht ju bejmeifeln ift, eridjeint nicht all be= 
grünbet. Ser ©erufunglrichter [teilt feft, baß bie mit ©träfe 
belegten unerlaubten Solauerbietungen ben 2 Slbreffaten in be= 
fonbern Ißoftfenbungen jugegaitgen fiub. Sabei roirb anerfannt, 
bah foroohl biefe al! oiele anbere oerbotene Üolanerbietungen 

— baruuter inlbefonbere biejenige, welche bett obenerwähnten 
Strafbefehl oom 28. 3 funi o. 38 . jur golge gehabt hat, »on 
betn Somptoirperfonal bei Slngeflagten in ©emäöheit einer oon 
biefem erteilten allgemeinen SBeifung oerfenbet worben finb; 
auch roirb bie ©eroerbämäfjigfeit bei Sreibenl, auf welche! [ich 
ber Slitgeflagte ju feinem Vorteile berufen 31 t föniteit meint, 
in bem angefochtenen Urteil feiitelroeg! oerneint. 

©leichroohl ift ein fRedjtlirrtum in bem Urteil nicht 3 U 
ftnben. 

1) 9!acb ber Stedpfprechung be3 SeichSgerichtS ift übrigens ein Mofjer 
Strafbefehl nur in feljr befchränttem Umfang geeignet, bie Slnroenbung be! 
OrunbfaheS ne bis in idem ju begrünben. CSntf c^eib. in Straffachen Sb. 4 
S. 244, 8b. 9 S. 321, 8b. 14 S. 359, 8b. 15 S. 112, ogl. tu. 8b. ‘38 S. &3. 


Digitized by Google 



B. in Straftaten. 


229 


3uoörberft fann eg nicht alg rcdjtsirrig bejeidjnet toerbeit, 
wenn bet 33erufunggrichter bie oerfdhiebenen X^ätigfeiten, welche 
bag Somptoirperfonal be^ Slngeflagten auf äßeifung begfelben 
behufg SBerfenbung ber Slnerbieten an bie einjelnen ffkrfoiten 
ju entioidetn hatte, gerabe fo beurteilt hat, alg ob fie ber 2ln- 
gefragte felbft oorgenommen hätte — unb jroar bieg um fo 
weniger, alg berfelbe jeberjeit in ber Sage toar, biefe SBeifung 
einjufchränfen ober jurücEäunetjnten unb baburdh umoirffam ju 
machen. ®iefe SBeifung fomrnt allerbingg infoferne in Sktradjt, 
alg fie barthut, baff ber SBiUe beg Slngeflagten non oornherein 
auf Söerfenburtg oon Soganerbieten an eine SDfehrjahl oon ^ßer- 
fonen gerietet mar. SlUein biefer Umftanb nötigte ben Stifter 
noch nicht, bie jur Slugführung biefer SMfid&t unternommenen 
©injelhanblungen in eine redjtlid^e (Einheit jufamnt en§uf affen ; 
eg taut Dielmehr barauf an, ju beurteilen, raie ficb bie in ber 
roürttembergifdhen EBoligeiftrafgefehgebung begrünbete Statur beg 
oorliegenben ®eliftg ju einer folcben 3ufamtnenfaffung oerljält. 

3n biefer 33e}iehung ift nun nicht §u oerfennen, baß bag 
nnirttembergifdhe Strafrecht oor (Einführung beg beutfdhen (Straf = 
gefegbuchg nid^t nur ben SUbfag augroärtiger Sofe, fonberit 
audh bie unerlaubte SBeranftaltung oon Sotterien in 2Biirttem= 
berg felbft mit großer fötilbe behanbelte, inbein eg (entere nur 
mit einer ©elbftrafe big ju 25 fl., (nach anberer Meinung über= 
haupt nicht) bebroljte, unb inbem eg ben „ßoUeftanten für aug= 
länbifche ©iiter= unb fflaffenlotterien, für 3ahlei'fotto unb äl)n= 
lidhe auf ben bloßen ©lücfgfaU auggefeßte Spielunternehmungen" 
nur eine ©elbftrafe oon 10 big 50 ff. ober Slrreft big ju 4 
SBodhen anbrohte, mobei auf bie 3alff ber einjelnen lieber 
tretungen offenbar fein ©eroidht gelegt tourbe ] ). 

Sllg aber mit (Einführung beg fReiöhgftrafgefefsbuchg — ge= 
maß § 286 begfelben — audh in SBürttemberg für bie uiter- 

— -pp 

1) Söürtt. $ol.Strf.©ef. oom 2. Dftober 1839 2Irt. 82 Stbf 2 u. 4 
ogl. mit Slrt. 81 unb 21rt. 83 1. Stbf. ©iftung ber Kammer ber 2lbg. 
oom 4. V. 1839 S. 64 f. Kommiff.=8erid)t ber Stbg. §u Slrt. 80 6. 638 
beä 2. 8eil.-§eftö non 1839. Knapp, Komm. jum 5|5ol.6trf.@ef. non 
1839 (2. Stuft.) ©. 122. 


Digitized by Google 



230 (Sntföeibungen be$ Dbedanbe4gerj<$t«. 

laubte Sßeranftaltung t>on Sotterien innerhalb beS Sanbes an 
bie ©teile beS früheren milben s Jted)tS eine ©efcingniSftrafe 
big ju 2 Sollen ober ©elbftrafe bis ju 3000 9)1. trat, mu&te 
eS nabe liegen, aud) für ben SBerfcblujj auSroärtiger in 2Bürt= 
temberg nicht jugelaffener Sofe auf bem ©oben beS Sanbes= 
polijeiftrafredhts, ben man aHerbingS nicht oerlaffen rooHte ’), 
ein Strafe oon entfprechenber SBirffamfeit feftjufe^en. So ift 
ber Art. 7 $iff- 8 beS ißolijeiftrafgefeheS ju Staube gefommen, 
roeldher nach ber auSbritcflicben ©rflärung ber SRotioe *) : in 
Sejug auf ben Stcrfdblufe auSroärtiger £ofe eine ©rgänjung 
beS § 286 beS St. ©.55. bilben füllte, fofern auf ©runb beS 
lederen gegen ben auswärtigen SBeranftatter ber Sotterie nicht 
eingefchritten roerben fonnte. ®iefer Stufgabe mürbe aber ber 
Slrt. 7, ba er nur eine UebertretungSftrafe anbrobt, nur fef)r 
rcenig genügen, roenn berfelbe mit biefer Strafe nur ben un= 
erlaubten ©efdhäftsbetrieb als folgen, ohne Stüdficbt auf bie 
3ahl ber angebotenen £ofe unb namentlich ohne Dtüdfidjt auf 
bie 3aht ber bnr<h foldhe Anerbietungen in ihren öfonomif<hen 
gntereffen gefährbeten ißerfonen, hätte treffen roollen. gär eine 
folche Auslegung bietet benn auch ber SBortlaut beS ©efefces 
feine Stüge. ®erfelbe meicht namentlidh auch non ber früheren 
roürttembergifcben Strafbeftimmung gegen bie „Solleftanten" 
roefentlidh ab. 33on ber preufnfeben SanbeSgefeßgebung, auf 
roelche bie SReoifion hinroeift, unterfdheibet er fich aber nicht 
nur ebenfalls burch ben 9ßortlaut, fonbern auch burch bie große 
SBerfchiebenheit beS Strafrahmens. Sie auf ©runb ber leß= 
teren ergangenen reidbSgericbtlichen ©ntfdbeibungen fönnen ba= 
her für baS roürttembergifche ^Bolijeiftrafredjt nidht fo, roie bie 
Eteoifion roiH, oermertet toerben. SSoni Stanbpunft beS Ie|tereit 
aus lägt fidh nicht annehmen, bafj bem ©efeßgeber bie 3“^ 
ber einseinen Uebertretungen als gleidhgiltig erfdhienen fei, roie 
baS j. 33. bann ber gatl ift, roenn ein ©efefj bie geroerbs* 
mäßige 33erübung eines Selifts mit befonberer Strafe bebroht, 

1) 3“ B 0t inSbef. Komm.-'Sericfjt ber Kammer ber Slbg. 1870- 7 1 
I. Seüagenbanb 1. Slbt. ©. 497. 

2) I. Seilagenbanb 1. 916t. 6. 331. 


Digitized by Google 



B. in Strafften. 


231 


oielmeßr ift e! non biefem ©tanbpunft au! roefentlidß bic Auf- 
gabe be! 9ti<hter!, nach ben Umftänben be! einjelrten gatl! ju 
beurteilen, ob e! im ©inne be! ©efeße! gelegen fei, bie an 
rieb oorßanbene SReßrheit non 3uroiberhanblungen in eine 6in= 
beit jufanimenjufaffen. 2Benn ber 23erufung!ri<hter im gege= 
betten gaU troß ber ©inheitlichfeit be! ©ntfdßluffe! unb troß 
jugegebener 5ßlan= unb ©eroetb!mäßigfeit eine folche ©inbeit 
nicht angenommen bat, fo fann hierin eine SSerleßung ber ftraf= 
rechtlichen ©runbfäße unb JBorfcßtiften über einmütigen unb 
mebrtbätigen 3ufammenfluß nicht erblicft roerben. — 

Sjn ber fpäter angefallenen ©traffatße gegen 9t. $. in 
©dbroerin mürbe ba! auf bie Annahme einheitlichen 3ufammens 
treffen! geftü^te Urteil II. gnftanj burch 9teoifion!urteil be! 
©traffenat! ootn 10. 3uni 1896 aufgehoben, unter folgenber 
^egrünbung: 

5Die auf 58erleßung materieUred^tlidjer gönnen, nämlich 
be! 2Irt. 7 3>ff- 3 be! roiirtt. Sflolijeiftrafgefeße! oom 27. 35e= 
jember 1871 unb ber §§ 74 unb 78 be! ©t.@.5ö. geftüßte 
9teoifion ber jt. ©taaüanroaltfdßaft mußte für begrünbet et= 
achtet rnerben. 

$a! angefochtene 5Berufung!urteil hat e! abgelehnt, ben 
Angetlagten roegett eine! im OEtober 1895 erfolgten uner= 
laubten £o!anerbieten! an ben öäcfer SBacßter in 9taoen!burg 
)U beftrafen, rneil ba!felbe im iBerßältni! ju einem am 15. DE= 
tobet 1895 an ben Sanbjäger ©chmible in 2ubroig!burg er= 
folgten £o!anerbieten al! eine ßanblung anjufeßen unb baßer 
bie Seftrafung be! erfteren burch bie am 30. Dftober 1895 
roegen be! leßteren erlaffene ©trafoerfiigung be! Ä. Dberamt! 
2ubroig!burg — nach bem ©runbfaß ne bis in idem — au!= 
gefdhtoffen fei. 

$)iefe Annahme ift non 9techt!irrtum beeinflußt. 

2lu! bem Urteil geht sunächft fooiel ßeroot, baß ba!felbe 
jmifchen beiben Anerbietungen nicht etroa eine natürliche (phu= 
fifche) ©inßeit angenommen hat, roie fie j. 58. norliegen fönnte, 
roenn ber Angetlagte in einer 3eituug!annonce bem ißublifum 


Digitized by Google 



232 


©ntfdfeibungen beä DbevtanbeSgericfjtS. 


als folchem Sofe angeboten hätte. ®em Urteil liegt oielmebr, 
roenn eS auch nicht in allen ©injelbeiten jum 2luSbruc£ ge= 
fomtnen ift, bie Auffaffung ju ©runbe, bafi ber Angef tagte, 
fei es felbft, fei eS bureb einen Angestellten feinet ©efcbäfts, 
im Oftober o. S- für ben ©Mer SBadjter in SRaoenSburg 
ben ißrofpeft einer in SBürttemberg nidbt jugelaffenen Sotterie 
nebft ©ntrourf eines SoSbefteHgettelS in einen ©riefum* 
fcblag oerbradit, (enteren mit ber Abreffe bes SBacbter oer= 
feben unb bie ©enbung auf bie ißoft gegeben bat, bureb welche 
fie aud) betn SBadjter jugefoimnen ift. 3 n gleicher 2Beife ift, 
oieHeidjt ju berfelben $eit, mit ber ©enbung an ©djmible in 
SubmigSburg oerfabren roorben. ©eibeS gefebab, obgleich ber 
Angeflagte muffte, baff baS Anbieten ber betreffenben Sofe 
in SBürttemberg oerboten fei. @S liegen fomit nadb ber $eft= 
fteHung beS ©erufungSgericbtS faftifcb äioei $anblungen oor, 
beren jebe an fi<b ben ^bot^eftanb beS Art. 7 3*ff- 3 beS 
jitierten ^Soligeiftrafgefe^es erfüllte. 

©Sollte nun bas ©eridjt biefe jroei £anblungen gleübmobl 
als eine einzige Uebertretung beftraft toiffen, fo tonnte bieS 
nur bureb Annahme einer re<btli<ben ©inbeit gefebeben. Sn 
biefer Sticbtung erroeifen fi<b aber feine geftfteüungen nicht als 
eimoanbfrei, bemt eS roirb in biefer ©ejieljung nichts toeiter 
angeführt, als baff beibe Angebote nur „als AuSfluff eines 
rechtSroibrigen ©orfafseS" ju betradhten feien, toobei entfebei* 
benbeS ©eroidü baratif gelegt roirb, baff „beibe Sitte oieHeidjt 
bureb einen ©innntrf in bie ©rieflabe oollführt" morben 
feien. Aus biefen Ausführungen ift junäcbft niebt flar erficbtlicb, 
roelcben Sinn baS ©erufungSgeridjt mit bem AuSbrucf ©orfaj} 1 ) 
oerbunben bat- 

Sßottte man aber audh ben AuSfprud) barin ftnben, baff 
ber Angefagte mit beiben Anerbietungen baS gefeglicbe ©erbot 
nur einmal habe übertreten roollen, fo fam es erft nod) barauf 
an, ob biefes ©erbot eine foldje 3“^ annnen föff ult Ö geftattete. 
Sn ©rntanglung jeber näheren Ausführung in biefer Stiebtung 

1) 3u »gl. @ntfdj. be3 31.®. in Straff, »b. 25 S. 231 f., »b. 28 
S. 97. 


Digitized by Google 



B. in ©traffodjen. 


233 


ift bie Sfanaljme begrünbet, bah bag 33erufungggericht baooit 
auggegangen ift, baß ber 2lrt. 7 3 beg roürtt. ^olijeU 

ftrafgefefceg ber 2>te^rja^I ber 3 u roiberhanblungeu ohne 9tücf- 
fidjt auf bie Umftätibe ltnb ingbefonbere ot»ne Siiicfficht auf bie 
ÜJie^rjabl ber baburd) in ihren Qnterejfen gefäfjrbeten ober 
benachteiligten fjSerfonen burchaug gleidjgiltig gegeniiberftelje 
unb bah eg toefentlidh nur non bem äöillen beg ©Ijäterg ab= 
hänge, mehrere 3 u roiberhanblungen in eine einjige llebertre- 
tung jufammenjufaffen. ©a biefe 2lnf<hauung, toie ber ©traf= 
fenat in mieberhoiten ©ntfcheibungen auggefprodfett ^at, um 
ridhtig ift, foferne fie roeber mit bem SBortlaut nod) mit bem 
3roecl beg ©efe^eg im (Sinflang fteht, muhte bag Urteil fchoit 
aug biefem ©runbe ber Aufhebung unterliegen. 

®aju fommt im gegebenen pralle noch ftolgenbeg: 

$ur Söegrünbung ber ©infteHimg ber ©trafoerfolgung ift 
in biefem $alle non bem 33erufungggerid;t eine polizeiliche 
©trafoerfiigung beg Dberatntg Shibioiggburg oermenbet morbeit. 
3» ber rafchen unb fummarifchen Statur beg polizeilichen ©traf= 
oerfahreng liegt eg aber, bah fi<h eine foldje Verfügung nur 
mit bem iunädjft angezeigten $oIIe }u befaffen hat unb fo fauu 
eg nicht zweifelhaft fein, bah fi<h and) bie hier in Siebe ftehenbe 
©trafoerfiigung einzig unb allein mit ber i'ogoerfenbung an 
ben Satibjäger ©chmible in Submigsburg befaffen wollte unb 
befaht h«t- hieraus folgt nun — nach bem ©runbfah ne bis 
in idem — aHerbiitgg, bah biefe Slerfenbung nicht ttodfiualg 
juin ©egenftanb einer ©trafoerfolgung gemacht merben fonnte '). 
©agegen mar bag ©erid)t burch bie erlaffene ©trafnerfiigung 
nicht gehinbert, anberroeitige 3 uro *berhanblungen burch 93et= 
fenbung an anbere ffSerfonen, modjteit fie auch ouf bemfelben 
SJorfahe ober ©ntfdjluffe toie bie abgerügte beruhen, befonberer 
®eftrafung ju unterziehen. 

®ie in bem Urteil nertretene gegenteilige Stechtganfchauung 
legt foldjen polizeilichen ©trafoerfüguugen eine ©ragioeite unb 

1) 3« »gl. roürtt. @efefc ootn 12. Ütuguft 1879, betreffenb baS SSer* 
fahren bei ©rtaffung poiijeilid)er Strafoerfügungen 9(rt. 24 ©ntfd). beS 
3t.@. in Strafferen 33b. 28 ©. 83. 


Digitized by Google 



234 


©ntfdjeibungen be8 Dberlanbe8geri$t8 


ibebcutung bei, roeltfie roeber ben einfdjlägigen Seftimmungen 
be3 oben erwähnten ^olijeigefefseä oom 12. 9luguft 1879 ttod) 
ber ©trafprojefjorbnung ju entnehmen ift 1 ) unb welche nud) in 
ber ^Jrafi$ ju unerträglichen Äonfeguenjen führen würbe. 

angefodjtene Urteil unterlag baljer, ba ber ©runb= 
fafc ne bis in idem nid)t bloß projeffualer , fonbern jugleicf) 
inatcriellredjtlidjer 9?atur ift s ), and) aus biefem ©efic&tSpunft 
ber 2luft)ebuug unb eS mufete, in Slnwenbung beS § 394 ülbf. 2 
ber ©t.^5.D. fo wie gefd)el)en, erfannt werben. 

1) 3 1 * »gl- nud) @ntfc&. be8 31.® in ©troff. Sb. 2 S. 212, Sb. 3 
S 211 u. a. m. ferner Sb. 26 S. 163. 

2J 3u »gl. ®nif$. beä 3t ®. in ©traffadjen Sb. 25 ©. 29. 


Digitized by Google 



hl 

(Entfdfeihtngeit ks Üeriunltinitjsgcririjtsijofß. 


4. 

(Gegen bie nur über bie JIrojt|hoften ergangene (frntfdjcibung ijt 
bie Berufung an ben öfnualtungsgcridjtsljof nad) Irl. 72 bes 
©efe^ts Dom 16. JJejember 1876 ugl. mit § 94 bet (f.JJ.©. 
nidjt julöffig 1 ). 

21 u $ ben © r ü n b e n : 

®ejüglidj ber $uläffigfeit bei SWedjtömittelS geljt bie ®e; 
rufunglfdjrift mit 9tücf fi<^t auf bie ®eftimmungen in 2lrt. 40 
2lbf. 1 uub 43 bei ©efefceä oom 16 ©ejember 1876 über 
bie SBerroaltunglredjtlpflege baoon aul, bafj bie 5?orfd^rift bei 
§ 94 ber (S.®.D. nidjt anroenbbar fei. 

Siefer 2lnfidjt bei Serufunglflägerl tritt jebod) ber ®er= 
roaltunglgeridjtlljof nicht bei. ®er 2lrt. 72 bei ©efefceä »om 
16. SDejember 1876 lautet: 

„©oro'eit nicht 23eftimmungen bei gegenrocirtigen ©efe§e3 
entgegenftehen, finben auf bal SBerfafjren oor ben ®erroaltungl= 
gerieten bie 3Sorfc^riften ber jeroeill beftefjenben bürgerlichen 
iprojefjorbnung, audj foroeit fie in gegenwärtigem ©efefc nidjt 
aulbrücflidj für anroenbbar erflärt finb, entfprecfjenbe 2lnroen= 

1> Heber bie Srage, ob gegen ein »on bem Bermaltungögericljtäljof 
in erfter Qnftan} erlaffeneS Urteil bie Berufung wegen beS Jtoftenpunlteä 
allein an baS BunbeSamt für ba<S peimatwefen erhoben werben tann, »gl. 
SB o lj le r 3 *Jl red), SReid)3ger. über ben Unterftübung$woljnft& 7. Slufl. 
©. 172 n. 5. 


Digitized by Google 



236 ©ntfdjeibungen beä $ern>altung«gericfjt§ljof§. 

bung." SPnßrenb bie roiirttembergifche 6.^.0. tont 3. Slpril 
1868 in 2trt. 656 eine felbftänbige Berufung gegen bie fßroäeß; 
foftemtSntfcßeibung jugelaffen hatte, beftimmt nunmehr § 94 
ber 9l.6.f)$.D., baß bie Stnfedjtung ber ©nlfdjcibung über ben 
Äoftenpunft unjutäffig ift, roenn nicht gegen bie ©ntfcßeibung 
in ber .fpauptfacße ein 9iecßt3nuttel eingelegt roirb; unb e3 
finbet biefc SBeftimmung nad) ber Stilllegung, reelle ißr bitrd) 
ben fßlenarbefdßtuß be3 9leidß3gerid)t3 oom 18. Dftober 1883 
gegeben roorben ift, aud) bann Slnmenbung, tuenn wie im uor= 
liegenben gälte ber Unterrichtet lebiglicß im Äoftenpunft enU 
fdjieben hat *)• 

®a§ ©efeß nom 16. ©e$entber 1876 enthält in 2lrt. 43 
außer ber allgemeinen ©ßarafterifierung be3 gegen bie @nb= 
urteile ber Ärei3regierungen juläffigen orbenilicßen 9te<ht3mittel3 
als ^Berufung bie ©eftimmung, baß bie Berufung nicht nur ben 
Partien, fonbern aud) bem Vertreter be3 öffentlichen Sntereffe^ 
Sitfteße, unb bie nacßfolgenben 2trt. 44—51 enthalten bie für 
bie 2lu3geftaltung be3 ^Rechtsmittels roidßtigften StechtSfäße, aber 
feineSroegS eine ooUftänbige unb erfdjöpfenbe Siegelung; es läßt 
fid) baßer audh nid)t anerfennen, baß eine SBeftintmung beS 
©efeßeS oom 16. ©ejember 1876 ber entfpredßenben 2tnroen= 
bung beS § 94 ber G.iß.O. entgegenfteße. gn biefer ©rroägung 
ßat ber SBerroaltungSgeridhtSßof fdßon früher in bem im roürt= 
tembergifcßen Slrcßio S3anb 23 ©. 333 oeröffentlidßten Urteil 
oom 5. Stprit 1882 in einem gälte, in welchem bie über bie 
<£janptfad)e unb bie Soften ergangene (Sntjdjeibnng nur im 
Äoftenpuntt aitgefocßten mar, bie Berufung als unjuläffig oer= 
morfen. 

Urteil oom 15. 3)lai 1895 in ber SerufungSfadße beS DrtS= 

armenoerbanbs ^eibenßeim gegen ben Sanbarmenoerbanb 

für ben Sledarfreis. 

1) Sgl. Cntftß. beS fReuPgeridjtS in eioilfacßen Sb. 10 S. 308 ff. 
Öaupp, Jtomm. jut 2. 3lufl. Sb I ©. 224 Dtote 2. 


Digitized by Google 



ß tage auf Stnertennung uub Untergattung ic. 


237 


5. 

^lage auf Anerkennung unk Unterhaltung eines öffentlidjcn |ler= 
binbungstuegs (für lcidjten fuljnuerksuerktljr). 

lieber bie ÜJiarfung ber Ort?gemeinbe Oberboihingen führt 
ein 2Beg oon biefem Orte jur ©renje ber üDlarfung be? ,^of= 
gut? ftachenfiaufen, ba? ber besagten .ftofpitaloerroaltung 9lür= 
tingett gehört unb eine Seifgemeinbe ber jufammengefefcten ©e= 
meinbe Oberboihingen biloet, oon ba über bie Wartung %a- 
dheithattfen ju beit ©ebäuben jene«? .gofgut? unb roeiter über 
biefetbe SKarfung bi? jur s Dtarfung?grenje oon Unterboihingen, 
fobann über bie 2Jiarfuitg legerer ©enteinbe bi? sur ©renje 
ber fDc'arfung fiinborf unb über biefe 9)iarfung burd) ba? SDorf 
Sinborf unb fdhlieftlich auf bie 'Dtarfung oon .(lircbheim u. %. 
unb über biefelbe in biefe ©tabt. 

3tn 2jaf)r 1888 lieft bie fpofpitalpflege Dtürtingen ben 2Beg 
oon ber 9)larfung?grenje Oberboihingen bi? ju ben ©ebäubeit 
be? ^ofgut? Sachenhaufen, reeller bireft auf bie Sünhöhe, auf 
meiner biefe ©ebäube liegen, ^inauffiihrte unb baljer für bie 
guhrroerfe ettoa? ju fteil mar, infofern abänbern, baft fte unter 
teihoeifer Aufhebung ber Seitherigen SBegftrecfe nunmehr einen 
©erpentinenmeg nach jenen ©ebäuben anlegte. 

®ie flagenbe ©etueinbe Oberboihingen behauptet nun, baft 
bie SBegftrecfe oon ben ©ebäuben be? |>ofgut? Xachenhaufen 
bi? jur 5Dlarfung?gren3e oon Unterboihingen ein öffentlicher 
Serbinbung?toeg fei, roährenb oon ber iöeflngten geltenb gemacht 
toirb, baff jene UBegftrecfe ein öffentlicher ©üterroeg unb Spotj^ 
abfuhrroeg fei. 

®a bie Seflagte im iDlärj 1893 bie gebachte üBegftrecfc 
burdh Schranfen abfperren liefe , beantragte bie Klägerin ju= 
nächft, im SBeg einfttoeiliger Verfügung anjuorbnen, bah jene 
Sibfperrung be? 33erbinbung?toeg? Oberboihingen^adjenhaufen-- 
Sinborf aufgehoben merbe unb berfelbe bi? jur cnbgiltigen (Sitt= 
fdjeibung be? SRccht?ftreit? für ben öffentlichen ÜSerfehr frei ju 


Digitized by Google 



238 Snifdjeibungert beä ®ern>a[tung«g«vid)t8^ofä. 

Iaffen fei. 3)ur<h Urteil ber Ä. Regierung für ben ©dhroars= 
roalbfreis com 25. 2luguft 1893 rourbe biefetn Antrag mit ber 
©infdhränlung ftattgegeben , baff bie angebrachte ©dhranfe p 
entfernen unb ber 2Beg für ben „öffentlichen ©ütcruerlehr" 
freiplaffen fei. 

hierauf hot bie Klägerin bei ber Regierung gegen bie 
Beflagte in ber ^auptfathe ßlage erhoben; ihre urfprünglichen 
Anträge fchränfte fte bei ber münbtichen Berhanbtung bahin 
ein, bafe ber fragliche 2Beg jiuar als öffentlicher BerbinbungS= 
roeg, aber nur für jebeS leichtere guhrroerf befahrbar, bearo 
fprudht merbe unb als folcher ju unterhalten fei unb bah bie 
©dhranEen bleibenb p befeitigen feien. 

®urch Urteil ber ^Regierung com 15. Sejember 1894 mit 
ber Älage abgeroiefen, hot bie Klägerin Berufung eingelegt mit 
beut Anträge, ju erfennen, bie BeEIagte fei fdjulbig, bie be= 
ftrittene SßegftrecEe oom «^ofgut Xadhenhaufen bis pr Untere 
boihinger ÜRarfungSgrenje als öffentlichen BerbinbungSroeg für 
leichten guhrroerfSoerfehr anperfennen unb für biefen 3roecE 
p unterhalten, foroie bie im $ahr 1893 angebrachten ©dhrattfen 
bleibenb entfernt p holten. 

2)er BerroaltungSgeridhtShof hot am 16- SDftober .1895 
erlannt, bah bei bcm 2lnerfenntnis ber Befragten, bah bie 
beftrittene SBegftrecEe ein öffentlicher (Mterroeg unb Ijoläabfuhr-- 
roeg unb fie nicht berechtigt fei, biefen 2Beg abpfdhraitEen, fein 
Beroenben höbe unb im Uebrigen bie Klägerin mit ihrer Illage 
abgeroiefen roerbe. 

©riinbe: 

I. ®ie Klägerin ftii^t ben Antrag, bah bie Befragte bie 
ftreilige 2ßegftrecfe als öffentlichen BerbinbungSroeg 
für leichten guhrroerfSoerfehr anperfennen unb für 
biefen B^ecf p unterhalten höbe, auf bie Behauptung, bah 
biefe SBegftrecfe feit unoorbenflid&er 3®it als öffentlicher Ber= 
binbuugSroeg jroifchen Oberboihingen unb ßinborf, bejro. üivä)-- 
heim u. X. für leichtern guhrroerfSoerfehr benüfst roorben fei. 
®en BeroeiS biefer Behauptung hot fie jeboch nicht geführt, 
roeShalb bahin geftellt bleiben fann, ob jener Eintrag fo bc- 


Digitized by Google 



JUage auf ‘Mnertemumg unb Unterhaltung ic. 239 

flimmt ift, bah auf betreiben eine SSerurteilung ber Seflagten 
auSgefprodjen toerben fönute. 

II. Qn ber nunmehr als SanbeSoermeffuttgSfarte oon 
1823/24 anerfannteit gturfarte ber Sfarfung Sadhenhaufen . . . 
ift bie ftreitige fffiegftredfe nid^t eingetragen, toährenb ber 2ßeg 
oon Oberboihingen bis ju ben ©ebäuben beS |>ofgutS Sachen^ 
häufen unb bie gortfefcung jener ffiegftrecfe auf ber ÜJtarfung 
Unterboihingen eingejeichnet ifi. Qene Unterlaffung ber @in= 
tragung roirb oon ber Älägerin in ihrer 23efchtoerbe oont 
12. 2Ipril 1893 gegen bie Verfügung beS Oberamts 9türtingen 
oom 20. SDtärj 1893... unter anberem baburdj erflärt, bah 
bie fßarjelle 25, über reelle ber 2Seg oon ben ©ebäuben an 
bis jur ©renje gegen Unterboihingen roeiter führe, Söeibe ge= 
triefen unb auch ber 28eg betoeibet toorben fei. |)ierauS er= 
giebt ftch, bah ber 2öeg barnalS fein öffentlicher 2ierbinbungS= 
loeg geroefen fein fantt. ©egen biefe @igenf<^aft beS fraglichen 
2BegS fpridht audh bie Angabe beS 84 $ahre alten ©djäferS 
|>. in Oberboihingen, bah man in frühem 3eiten, fotange bie 
jefct an ber beftrittenen Sßegftrecfe gepflanjten 23äume gefehlt 
haben, neben hinaus habe fahren fönnen, toenn ber 2Beg ju 
fchlecht getoorben fei. 

ferner ift jene SBegftrecfe nicht oermarft ober oerfteint. 

3n bem fßrimärfatafter ber Seilgemeinbe Sadhenhaufen 
oon 1829 ift ber 2Beg als Seil ber fßa'rselle 25 „Söeibe unb 
Oebe" unter ber Sejeidhnung: „2Beg", unb bie ganje über bie 
SJlarfung beS $ofgutS Sadhenljaufen führenbe SBegftrecfe in 
bem SDtehurfunbenheft als % e l b m e g 9t r. 1 unb ebenfo in ber 
2)tehurfunbe oom 5. Sluguft 1890 mit bem $eifa| „Sinborfer 
SBeg" aufgeführt. 

2luS 2tnlah ber 2lnfertigung beS ©üterbudhS oon Sachen^ 
häufen hat fobann bie Klägerin am 4. fDiai 1887 ben öffent= 
lidhen ©hatalter beS oon Oberboihingen burdj ben &of Sadhem 
häufen nadh Sinborf fithrenben SBegS angentelbet, ber ©tiftungS- 
rat oon fJtürtingen als bamaliger gefe^licher Vertreter ber Se= 
flagten ift biefer 2luffaffung bejüglidh beS g e l b to e g S 9t r. 1 
nicht entgegengetreten unb es hat fidj ber ©emeinberat Ober- 


Digitized by Google 



240 


@ntfd)eibmtgen beS 5}ern>altungägericf)t$£)Of3. 


boiEjingen am 19. ©ejember 1888 mit bem bargeiegten 9ied)t-5- 
oerhältnis unterfdjriftlid^ einoerftanben erfiärt. fpienad) finb 
bamalS beibe beteiligte über bie (Sigenfdjaft beS fraglichen 
SBegS als gelbroegS einig geroefen. 

©iefe Sejeichnung beS SßegS als gelbroegS umfaßt nun 
allerbingS ben ganzen 2Beg oon ber Oberboi^inger bis jur 
Unterboihinger SttarEungSgrenje, mährenb jeßt unbeftrittener= 
maßen ber 2Beg oon ber Dberboißinger ÜJfarfungSgrenje bis 
ju ben ©ebäuben beS £ofgutS ©adjenhaufen ein öffentlicher 
SSerbinbungSmeg jroifc^en ber DrtSgemeinbe Dberboihingen uitb 
ber ©eitgemeinbe ©adjenhaufeit unb als folcßer chauffiert, mit 
ÄieS eingeroorfen unb gut fahrbar ift. Sillein leßtereS beioeift 
nur, baß mau ben oormaligen ffelbmeg jum 3 roe( f ber &er= 
fteduitg einer Serbinbung jroifi^en jenen beiben ©emeinben fo, 
roie gef<hehe»t, umgeiuanbelt ^at, wogegen bie SBegftrecfe oon 
ben ©ebäuben beS |iofgutS ©achenhaufen bis ju ber Unter; 
boiljinger SJJarfungSgrenje in bem nachher ju befdjreibenben 
3uftanb, welcher fi<h für einen öffentlichen SkrbinbungSroeg 
nicht eignet, belaßen worben ift. 

III. SßaS nämlich biefen 3uftanb anlangt, fo ift bie ftrei= 
tige ä&egflrecfe weber chauffiert , noch mit ÄieS eingeworfen 
unb, wie in bem oon ber Klägerin oorgelegten ©ituationsplan... 
bemerft ift, wegen mangelhafter Unterhaltung faft nicht fahrbar. 
9ta<h ber fchriftlicben Sleußerung beS DberamtSftraßenmeifterS 
©. oom 25. ©eptember 1894..., beren Sticßtigfeit bei bem 
amtlichen Slugenfchein beftätigt worben ift, ift ber 2Beg in feiner 
ganjen Sänge ein fogenannter ©rbmeg, eine Unterhaltung beS= 
leihen ßnbet nicht ftatt, bie auf beiben ©eiten befinblicßen 
©räben finb teilweife oerfallen. 2luch war ber 9Beg jur 3 ß it 
ber SBefidjtigung burd) ben DberamtSftraßenmeifter mit -Btoraft 
bebecft unb eS h at ber leßtere feine Slufficht über benfelben 
auSjuiiben. 3 ltr 3 e tt ber Einnahme jenes SlugettfcheinS am 
31. Dftober 1894 mar bie ©efahrung, ja fogar bie Begehung 
beS SBegS eine abfolute Unmöglichfeit, weil bie gattje gahrbalm 
mit fd)uhhohem ÜDloraft angefüllt war. ©aß ber 3uftanb beS 
SBegS früher ein anberer gewefen fei, ho* bie Klägerin nicht 


Digitized by Google 



Jtlage auf ©rttf (Reibung unb Unterhaltung ic. 


241 


bargetßan, tielmeßr ift Dort bem ©emeinberat Oberboihingen 
in einem Seridßt oom 18. gebruar 1892 an baS Oberamt 
Nürtingen torgetragen roorben, baß bie .gofpitalpflege bafelbft 
feit 20 fahren an bem SBeg nid)t baS SDiinbefte getßan ^abe. 

Slucß bie in woriger ^nftanj nernommenen 3«ugen hoben 
angegeben, baß ber fragliche SBeg non jetfer toegen feiner 
fcßlechten Sefdjaffenßeit nur bei gänftiger QaßreSjeit unb trocfe; 
nem SBetter unb auch ba nur mit leeren ober leicht belabenen 
SBagen höbe befahren roerben fönnen unb befahren roorben fei. 
Stur ber 3*uge fpricßt baoon, baß ber SBeg in friU 

heren fahren no<h geroefen fei unb man fogar mit ge= 
labenent SBagen h abe fahren fönnen, motioiert bieö aber bamit, 
baß man bamals neben hinaus habe fahtren fönnen, weil bie 
Saume an bem SBeg gefehlt haben. 

3ft aber ^ieitach anjuneßmen, baf? bie Sefcßaffenheit beS 
in Siebe ftehenben SBegS non jeher gleich fehlest unb juni 
regelmäßigen Gefahren fogar mit leicht belabenen ober 
leeren g-ußrroerfen ungeeignet gemefen ift, fo fann er nicht als 
ein öffentlicher SerbinbungSroeg angefehen roerben. $enn ein 
folcher ift begrifflich nur bann oorhanben, roenn er nicht bloß 
ooriibergehenb ju geroiffen 3eiten je nach ber Sefcßaffenßeit 
feinet 3 u f*anbs jur Unterhaltung beS Serfeßrs jroifeßen be: 
nachbarten Ortfchaften betrügt roerben fann. 

SSielmeßr ift bie ton ben 3eugen angegebene ©enüßung 
beS SBegS eine bloß gelegentliche, roelcße auch bei öffentlichen 
©iiterroegen, unter welche Äategorie, roie unter bie eines fpols= 
abfußtroegS, bie Seflagte ben SBeg fubfumiert, norfomnten 
fann unb ton ber Seflagten gebulbet roorben ift, roeil biefelbe 
fein Qntereffe an ber Serßinberung ber fraglichen Senüßung 
hatte, folange fte ßiebureß nicht gefchäbigt roorben ift unb inS= 
befonbere feine weitem Slnfprüche roegen Unterhaltung beS 
SBegS an fie gemacht roorben ftnb. 

IY. ^jienaeß ift ber eingangs ermähnte Slntrag ber Klägerin 
unbegrünbet. 

Slnlangenb baS weitere ©efueß berfelben, baß bie Seflagte 
bie im Saßt 1893 angebrachten ©eßtanfen bleibenb entfernt 

£)a^rba<4eir für ÜUürttemberg. 9i«^t(pflege. VIII. 3. 16 


Digitized by Google 



242 


Sntfcfjeibungen beä SterroaltungSgeridpäljofg. 


ju galten habe, io bat bie ©eflagte fcbon in ber fd^riftüd^en 
©etnebmlaffung in erfter Sfnftanj erflärt, bujj jene ©djranfen 
längft entfernt feien unb ©eflagte nicht ben älnfprudb er^eoe, 
fie roieber anjubringen, unb bei ber ntünblidjen ©erbanblung 
toieberbolt, baff fie an eine 2lbfd)ranfung beg fraglichen 2Begg 
nid)t mehr benfe. Stucb in ber ©erufunggbeanttoortung toirb 
oon ber ©eflagten bie 3lbfd>rantung für eine längft erlebigte 
©ad)e erflärt. 

^tenadj bebarf eg in ©rmanglung eine« Slntragg gemäfe 
§ 278 6.^.0. feiner gerichtlichen ©ntfdbeibung über jeneg @e= 
fud). ©agegen bat man bem 2lnerfenntni§ ber ©eflagten, baf; 
ber SBeg ein öffentlicher ©ütcrroeg unb £o4abfubrroeg , unb 
baf? fie nid)t berechtigt fei, ben SBeg abjufdbrattfen, im Urteil 
2lugbrucf gegeben. 

Urteil oom 16. Dftober 1895 in ber ©erufunggfacbe ber 
©emeinbe Oberboihingen gegen bie tpofpitaloerroaltung 
Nürtingen. 


6 . 

(Sin Atifprudj auf unentgeltlidje ISeniibung öffentlidjer Brunnen 
für ben l^ausljalt unb gicbftanb fleht ben ©etnrinbebiirgern, 
tneldje nidjt innerhalb ber ©emrinbemarhung felbfl loohnen, 

nidjt ju. 

©ie Kläger S“fob Pfeiffer unb 2lnbreag ©djnaitbmami 
finb (Sigentiimer unb ©eroobner ber an bem ©ijinalmeg oon 
^anroeiler nad) Korb in unmittelbarer üftäbe ber SBobnbäufer 
oon ^anroeiler auf ber ©emeinbemarfung Korb, 
bie bi er fi<b big an bag ©orf Jpanroeiler erftrecft, gelegenen 
©ebäube 9lr. 55 unb 56. ©er Kläger Pfeiffer beroobnt fein 
auf Korber ÜDiarfung gelegenem &auS feit bem Sabre 1891, 
nadbbem er big babin in |jantoeiler geroobnt batte, ©eiöe 
Kläger befifsen burdj Slbftammung bag ^Bürgerrecht in 
meiler unb entridbten Stefognitionggebübr an biefc ©emeinbe. 
Sbr Setbbefib oerteilt ficb nach ben in erfter Snftanj ange= 


Digitized by Google 



Sin Slnfprucfi auf unentgeltliche SBenüfcung ic. 243 

[teilten (Ermittlungen auf bie beiben 3)iarfungen in ber SBeife, 
baff Pfeiffer auf ber SJtarfung Korb naheju 13 2lr, auf ber 
SJtarfung &anioeiler annäljernb 74 2lr, ©chnaithmann auf ber 
Wartung Korb annähernb 99 2lr, auf ber -Wartung &an= 
meiler etioaä über 24 Ir befifct. 

fDie Kläger Ratten feiger unbeanftanbet ba4 für ihren 
Haushalt unb ©iehftanb nötige SBaffer an ben öffentlichen 
©runneit in |>amneiler geholt unb eö ift auch non ber be= 
flagten ©emeinbe ^anroeiler nicht beftritten, bafj toegen ber 
beiläufig jroei Kilometer betrageitben (Entfernung ihrer |>äufer 
oom ®orfe Korb bie Kläger, fo lange ihnen SBaffer in ber 
•Dlähe anberroeit nicht ju ©ebot fteht, auf bie Senüfcung ber 
©runnen in |>anroeiter angeroiefen ftnb. Stad) bem fcfjultheiBen-- 
amtlichen ©erichte nom 20. Sluguft 1894 befteht ber ©runnen 
in £antoeiler, an roelchem bie Kläger ihr SBaffer ju holen 
pflegen, feit alten 3«iten. Slufser biefem finb in ber 52 £au3= 
haltungen jählenben ©etneinbe sroei roeitere öffentliche ©runnen 
porhanben. 3 U Anfang ber 1860 er Sahre haben fi<h bie beiben 
Kläger bei ber $erfteüung ber Brunnen in Imnroeiler burch 
unentgeltliche SlrbeitSleiftung beteiligt. 

®ur<h ©efchlufj oom 20. Slprü 1894 hat ber ©emeinberat 
ju ^anroeiler nüt 3uftimmung beS ©ürgerauäfchuffeS ben Klä= 
gern für ba$ SBafferholett »on ben ©runnen in |>ann)eiler oom 
1. Slpril 1894 an einen jährlichen 3in3 0011 je 5 W. ange= 
fejst, roobei fich bie bürgerlichen Kollegien bie jeweilige 9tege= 
lung für fiinftige 3aljre »orbehielten. $n gleicher SBeife routbe 
bem Qohanneö giföher, ber fein SBohngebäube Sir. 54, unb 
bern $aEob SBagner, ber fein ©bheuer-- unb ©tallgebäube 9tr. 58 
auf Korber Wartung in nächfter Slähe uon ^anroeiler hat, ein 
jährlicher SBafferjinS oon 2 W., bjro. 1,50 W. angefe$t. |)iebei 
legte fich ber ©emeinberat oon ^tanroeiler bie ©efugniö bei, 
bei Stichtentrichtung ber SBafferjinfe bem bie 3 a hl un 9 nicht 
Beiftenben ba$ SBafferholen unter ©trafanbrohung ju perbieten. 

®ie Kläger haben ihr Klagegefuch bahin gerichtet : bafs 
bie ©emeinbe Jpanroeiler nicht berechtigt fei, ihnen für bie 
©enüfcung ber ©runnen in &anroeiler einen 3Baffer$in$ anju= 

16 * 


Digitized by Google 



244 Sntföeibungen be<S ä!en»altung§gerid)t81jof3. 

ie^en, oielmebr bie Mläger befugt feien, bie bortigett üörunnett 
unentgeltlich ju benu&en, b. b- baS für ihren |>auSbalt unb 
iUe^ftanb nötige SSaffet oon ben bortigen Brunnen unentgelU 
li<h 3U boten. 

®ie Kläger finb oon ber St. HreiSregierung in £ubroigS= 
bürg burd) Urteil oont 8. SDejember 1894 abgeroiefen roorben. 
3^re ^iegcgen erhobene ^Berufung bat ber 3knoaltungSgeri<btS= 
fiof als unbegriinbet juriidgeroiefen. 

© r ü n b e : 

Qnfofern bie Ä. JtreiSregierung in ihrem Urteil ben ©egen? 
ftanb beS StecbtSftreüS als Anfprud) auf Teilnahme an bürgen 
lieben Stufungen im Sinne ber Art. 20 ff. beS ©efefceS ooiu 
16. Quni 1885, rooriiber bie SkrroaltungSgericbte nach Art. 62 
Abf. 5 biefeS ©efefseS ju entfdjeiben haben, auffafjte, h at f* e 
bie Älage aus bent unjtoeifelbaft richtigen ©runbe abgeroiefen, 
bafj baS ©efefj unter ben perfönlieben ©emeinbenufcungen 
bie Sßorteile oerftebt, toeldje ben ^Bürgern aus bem nutzbaren 
Eigentum ber ©emeinbe burcb Ueberlaffung beS ütiefebraud)^ 
ober burcb Austeilung beS Ertrags juflieffen, unb bas ©efefc 
überbies in Art. 22 auSbrüdlid) nur bie im ©emeinbebejirf 
roobnenben ©emeinbebürger für jur fEeilnabme an biefen @e= 
nteinbenugungen beredjtigt erflärt. ®ie 5Uage ift aber auch 
infofern unbegrünbet, als fie auf bie unentgeltliche SBenüftung 
ber Brunnen als einer öffentlichen ©emeinbeanftalt gerichtet ift. 

2BaS sunächft bie 3uläffigfeit beS oerroaltungSgericbtlicben 
f]3arteiftreitoerfabvenS anbelangt, fo bot im 3wfatttmenbang mit 
ber Seftimmung in § 65 lit. 1. unb § 66 $iff- 7 beS SBertoab 
tungSebiftS oont 1. SJtär.j 1822, roonadb bie '-Befcbtüffe beS ©e= 
meinberats „in allen benjenigen fällen, roo eine ©emeinbe auf 
Äoften Anberer fid) eine SinnabmSqueHe eröffnen ober bie bereits 
beftebenben erroeitern roiU, j. bei ber (Sinfübrung oon 
ißflafter=, SBriiden*, 3öag=, f?rabnen=, £borfperr=@elbertt u. bgl." 
ber ©enebmigung ber It'reiSregierung beburften, baS ©efef) oont 
16. 2)ejember 1876 in Art. 10 3iff- 7 baS oerroaltungSge= 
ricbtlicbe ^arteiftreitoerfabren über Streitigfeiten jugelaffen, 
beren ©egenftanb baS Stecht ber ©enteinben jum Sfejug oon 


Digitized by Google 



(Sin Stnfprud) auf unentgeltliche Senü(;ung Je. 245 

©eg--, ^Pafter= ober Vrücfengelb mtb attberer berartiger ©e= 
bittren für bie Veniigung oon ©emeinbeanftalten ift, roenn 
biefeS Siecht oon einem ^iemegen in Slnfpruch genommenen be= 
ftritten roirb. 

©ie Vorfchriften beS iUerroaltungüSebiftsS finb in 2Xrt. 15 
2lbf. 1 3iff. 10 unb Stbf. 2 beS ©efegeS oom 21. SJiai 1891 
in ber ©eife aufrecht erhalten roorben, baß bie Vefchlüffe be-5 
©emeinberats bei ber fjeflftellung ber ©ebügren für bie S3e= 
niigung oon ©emeinbeanftalten, roenn bereit Veniigung ben 
beteiligten $ur 3»»anggpflicl)t gemacht ift, foroie bei ber ©in= 
führnng ober ©rhögung oon 3Jlarft= unb ©eßgebühten, Vrücfen= 
unb Vflaftergelbern ber ©enehmigung ber ftreiSregierung be= 
bürfen ; bie in bem ©ntrourfe biefeö ©efegeS weiter enthaltenen 
©orte „ober ähnlichen Abgaben" finb bei ber Beratung ber 
©tänbeoerfammlung *) ausgefallen. ähnlicher ©eife, roie 
in ben in 2trt. 10 3*ff- 7 beS ©efegeS oom 16. ©ejetnber 
1876 namentlich aufgeführten fällen ber ©infügrung oon 
Vflafter= unb Vrücfengelbern gefchieht, h^t ber ©emeinberat 
in £anroeiler in SluSübung eines ^errfchaftSoerhältniffeS über 
eine unentbehrliche öffentliche ©emeinbeanftalt jährliche ©ebiihren 
für baS ©afferholen aus ben öffentlichen Brunnen in &an= 
roeiler ben beiben Klägern, foroie ben bem ijkojeffe nicht beü 
getretenen Johannes gifcher unb Qafob ©agner unb mit bem 
Vorbehalte, lünftig in anberen fällen ebenfo ju oerfahren, an= 
gefegt. $ie ©tattfjaftigfeit beS oerroaltungSgerichtlichen VarteU 
ftreitoerfahrenS über bie grage, ob ben Klägern baS oon ihnen 
behauptete Siecht auf unentgeltlichen ©emeingebraucb ber öffent= 
liehen Vrunnen gleich ben ©inroohnern oon ^anroeiler juftehe, 
ift baher nic^t ju beanftanben. 

Sachlich ift nun allerbingS für bie in bem unterrichterlichen 
Urteil auSgefprochene grunbfägliche Verneinung eines StedjtS 
ber Kläger auf SRitbenügung öffentlicher ©emeinbeanftalten in 
&anroeiler bie Veftimmung beS 3lrt. 46 beS ©efegeS oom 
16. Quni 1885, wonach bie baS ©emeinbebürgerreegt nid)t be= 

1) Sgl Sethonblungi’n ber Kammer ber Sbgeorbneten 1890/91 I. 
Setlagenbanb 2. Slbt. ®. 456. 


Digitized by Google 



246 ©ntfdjeibutigen beä ®enoaltung3geridf)tSf)ofa. 

fitsenben ©inroohner bet ©emeinbe nach ben gleichen @runb= 
fügen rote bie Bürger pr 33enügung bet öffenttidjen ®emeinbe= 
anftalten berechtigt finb , nicht entfdheibenb. 2 lu<h roenn man 
baöon abfteht, p ben hier genannten öffentlichen ©emeinbe; 
anftatten auch öffentliche SBege, beten Senügung je b ermann 
3 ufiet)t, p rechnen 1 ), ift in biefer ©efegeSfteEe bet ©ag, bafe 
nur ben in bet ©emeinbe rooffnenben ^Bürgern unb s Jtichtbür= 
gern ein Stecht auf Seniigung öffentlicher ©emeinbeanftalten 
pftehen fönne, nicht enthalten unb insbefonberc liefee ftd; nicht 
allgemein bet ©ag auffteEen, baf) ber Umftanb, bafe bie Äläger 
auf bet ÜDiatfung ^anroeiler gelbgrunbbefig haben unb mit 
biefem gelbgrunbbefig pr ©emeinbe £>anroeiler fteuetpflidjtig 
finb, für bie ^Beantwortung ber gtage, ob bie Kläger oon ber 
SJtitbenügung öffentlicher ©emeinbeanftalten, roelche aus ©e- 
meinbemitteln unterhalten roerben, beliebig auSgefögloffen roerbeti 
fömten, bebeutungSloS fei. Vielmehr ift einpräumen, baf), iit= 
foroeit eS für bie IBeroirtfchaftung ihrer auf ber Wartung §am 
roeiler gelegenen gelbgrunbftücfe erforberlich ift, bie Kläger 
oermöge ihrer mit biefem ©runbbefig oerbunbenen ©emeinbe; 
fteuerpflicht gleich ben in ^anroeiler toohnenben ©runbeigem 
tümern ju ber biefer 33eroirtf<haftung bienenben SJtitbenügung 
öffentlicher ©emeinbeanftalten , roelche aus ©emeinbemitteln 
unterhalten roerben, pplaffen roaren. Slflein bie Serechtigung 
ber Kläger, baS für ihren Haushalt unb SBiehftanb erforber- 
liehe SBaffer ftänbig gleich ben DrtSeinroohnern unentgeltlich non 
ben ©runnen 3 U holen, läfjt fich aus ber SeitragSpflichtigfeit 
ber Kläger p ben ©enieinbeumlagen in ^anroeiler nicht ab- 
leiten, ba bie öffentlich-rechtliche SSerpflichtung ber ©emeinben 
p biefer SBerforgung mit SBaffer aus IBrunnen nicht über ben 
StreiS ber ©inroohner ber ©emeinbe hinausgeht. 

SllS ein Stecgt, baS mit bem 33efig beS ©emeinbebürger- 
rechts in &anroeiler oerbunben roäre, fann baS angefproegene 
Stecht auf 3Jiitbenügung einer bortigen öffentlichen ©emeinbe- 
anftalt nach 2lrt. 35 beS ©efegeS oom 16. $uni 1885 nidt)t 
gelten, unb roenn oom gefeggeberifchen ©tanbpunlte bie @r= 
1) Sgl. 3) 0 II , ©efefc über bie ©emeinbeangefjbrigleit ©. 83 9tote 3. 


Digitized by Google 



Sin ainfprucf) auf unentgeltitd&e Senüfcutig 2 c. 247 

Ijebung bei SBohnfteuer burch bie ©emeinben bamit geregt 
fertigt ju werben pflegt, bafj biefe Äopffteuer einen billigen 
(Srfah für bie Vorteile beS SDlitgetiuffeS ber öffentlichen ©e= 
meinbeanftalten (ber „gemeinen bürgerlichen SBolflthaten 1 )" 
bilbe, fo läfjt fid) boch aus ben beftehenben ©efefcen nicht nach : 
weifen, baß ber 3ahlung biefer ©etneinbeabgabe ein SRedht auf 
ben unentgeltlichen ©enteingebraud) an ben unentbehrlichen 
öffentlichen ©emeinbeanftalten gegenüberftehe, unb noch weniger 
nad) weifen, bah bie 6ntrid)tung beS fRefognitionSgelbeS ben 
aufwärts wohnenben ©emeinbebürgern ein s Jle<ht auf bie un= 
entgeltlidhe Vlitbenügung biefer Slnftalten in ber ©emeinbe, in 
ber fie baS ^Bürgerrecht befifcen, gewähre. fann baher ben 
Klägern auch ber Umftanb, bafs fie als Bürger non Battweiler 
s Jle!ognitionSgelb bahin entridjten, nicht ju fiatten fommen. 

Safe bie Älager feit fahren (nach bem Vorbringen in ber 
Älage feit Anfang ber 1860 er $af)re; übrigens wohnt ber 
Äläger Pfeiffer auf Äorber Vtarfung erft feit bem $ahre 
1891) an bem ©emeingebrauch ber öffentlichen Vrunnen in 
Battweiler unbeanftanbet Seil genommen hatten, ift für bie <Snt= 
fcheibung ber Sache ohne Vebeutung. 

Urteil oom 19. Quni 1895 in ber VerufungSfacfee ber 
Vauern Qalob Pfeiffer unb 31nbreaS ©chnaithmann non 
Äorb gegen bie ©etneinbe Banmeiler. 

1) SSgl. Kommunurbnung nom 1. (Juni 1758 Kap. 5 Slbfdjn. 8 §§ 2 ff. 
3Rat;er, ©emeinbennrtfdjaft §§ 258. 259. 



IV. 

Hbfyan&lungctt. 

II. Pie $oiibatljaft bes ©Ijemauns bet Sojialfdjulben. 

Sion iRedjtäanniatt S cf) e f o t b in Ulm. 

9locf) üor roenig fahren beftanb bei Klagen au« gorbe= 
rungett gegen Seeleute bie faft unbeanftanbete Uebung, ba« 
tftlagegefucb babin ju faffen, baff bie ©begatten, ber ©bemann 
auf« ©anje, bie ©befrau jur &älfte bnftenb ju jaulen hoben, 
.freute ift bie Stoji« oielfadb auf utugefebrtem SBeg : man trägt 
Sebenfen, ben Seemann für« ©anje haftbar ju machen, man 
glaubt fixerer ju geben, wenn man bie Älage hälftig gegen 
beibe ©atten rietet. Siefe ÄBanblung in ber ißrafi« ift, 
roie mir glauben, ju einem guten Seil auf bie Ausführungen 
mm 3Säd)ter=©pittler (in Sb. I biefer Qabtbiicber ©. 340 ff.) 
äuriicf$ufüljren. Stber fo geroij? biefe Ausführungen bie ooHe 
Seac^tung oerbienen, bie fie gefunben haben, fo roenig möchten 
roir un« entfcbliefjen, biefelben in ihren roidtitigften ©rgebniffen 
al« rid^tig gelten ju laffen. hierüber ba« golgenbe : 

1. SBettn roir bie foäialett Serbinblihfeiten ber ©Regatten 
unter bem ©efid&töpunft ber ©otibarbaft be« Spanne« betrauten ; 
fo ergeben ficb folgenbe ©eftaltungen : 

a) Set ©bemann fontrabiert eine ©dbulb ju fojialen 
3roeäen, aber bem IDiitfontraljenten roirb es roeber ei re, noch 
burä) bie ©tflärung be« ©bemann« funb, bafj ficb um eine 
fokale ©dbulb bonbeit. 

b) ber ©bemann, roel<ber eine fojiale ©cbulb fontrabiert. 


Digitized by Google 



S ä) e f o I b : SDie Solibar^aft b«8 (Sfjemannä jc. 249 

oerftänbigt ben fDiitfontrahenten, baff er eine fojtale Schulb 
eingehen roiE. 

c) $ie oom ©bemann fontrabierte ©djulb ift eine foldje, 
beten fogiale ©igenfdjaft offne roeitere3 etfennbat ift, bie ben 
fojialen ©barafter an ftdb trägt. 

d) ©er Ehemann fontra^icrt aEein, bie ©befrau tritt ber 
©cfjutb nachträglich bei. 

e) ©eibe ©begatten geben bie ©dbulb gemeinfam ein. 

3Son aEeit biefen gäEen ift in SGBa^rfjeit nur ber Fall a 

nicf)t beftritten; niemanb jroeifelt, baff b* er folibare Haftung 
be3 ÜJtanneä eintritt. Fm übrigen ift afle$ unficber unb be- 
ftritten, manches noch gar nidjt jur ©rörterung gebrockt. — 

2. ©en Sefern biefer 3eitf<hrift ift eS geroiff nicht uro 
roiEfommen, ju erfahren, roaS uoit ben AechtSlebrern unferer 
£o<hfd)ule feit 2Bäd)ter ju biefem Äapitel oorgetragen roirb: 

Fn einem äBäcfiterfcben EEanuffript ootn Fahr 1830 finbe 
ich wenig furje ©äfce: bie fojialen Scbulben feien Scbulben 
ber ebelidben ©efeEfchaft, fie müffen getilgt roerben junädbft 
aus ber (Srrungenfcfjaft, ^ienac^ aus bem prioaten Vermögen 
ber ©atten nach £anbred)t IV 4 § 2. 6—8 ; folibare Haftung 
entfiele nur, roenn fich ein ©begatte folibarifd; haftbar mache, 
rooju bei bet grau nod) bie befonberen Förmlich feiten erfor= 
berlicb feien. 

Ausführliches finbe ich in einem SBächterfchen fDlanuffript 
uotu Fahre 1850/1851; hier b e '6t 

häufig roerbe behauptet, baff, roenn beibe ©begatten ge- 
meinfam fontrabieren, ber 2Jlann in solidum hafte, alfo ber 
©laubiger bie 2Bal)l habe, beibe ©begatten jur Jpätfte ober 
ben EJiann aEein aufs ©attje ju belangen; biefe ^Behauptung 
fei unrichtig ; fie roiberfprecbe bem Sanbredft (IV 4 § 2), fo* 
roie bem gemeinen Stecht (D. 14, 1 1. 4 pr.) unb finbe feine 
©tü^e im ißfanbgefej} 2trt. 68, ba es ficb ffter Don ber An- 
rufung ber roeiblicben Freiheiten ^anble. — Aber auch bann, 
roenn entroeber 1. ber ENanit eine Sdjulb fontral;iere, bie ben 
fo, palen ©barafter an fich trage — ober roenn er 2. bei ©ingehung 
einer fojialen Sd)ulb ben EJlitfontrahenten oerftänbige, bafi er 


Digitized by Google 



250 


Slbtjanblungen. 


ju fojtalen 3wedett fontrahiere, — auch in biefen gälten ent= 
Ftehe nach unfern ©efe^en nur eine hälftige Haftung ber ©f>e 
gatten, fo baff man non einer fotibaren Haftung beS HRanneS 
nur reben fönne, toenn er eine nicht erfennbare fojiale ©djulb 
fontrahiere, ohne ben ©laubiger oom fojialen 3n>edf ju oer= 
ftänbigen. „gnbeffen" — fo Reifet es roörtlich — f»at „fich eine 
fo entfchiebene i)$rapiS bafür gebilbet, bafe ber fDtann in ben 
gälten 1 uiib 2" (alfo in ben gäHen ber oom 9Jtann allein 
t'ontralperten ex re erfennbaren ober funbgegebenen ©ojial= 
fdjulben) „in solidum Jjafte , uub ift biefe tprayiä fo oielfach 
angenommen, baff man ben ©a& roo^t als einen gerooijnljeitä- 
rec^tlic^en anerfennen mufs." 

fltömer lehrt (1865): 

Unrichtig fei bie Behauptung, bafe ber ©läubiger bei einem 
auf beibe ©atten lautenben ©chulbfchein bie SBahl h a & c / 
er beibe ©atten hälftig ober ben -Kann allein aufs ©anje be- 
langen rooHe, bagegeit ha^ oennöge ©eioohnheitSrechtS ber 
©läubiger bei einer oom 2)tann allein fontrahterten ©ojial= 
fdhulb, foroohl bei ber ex re erfennbaren, als bei ber funb* 
gegebenen, bie SBahl, beibe ©atten jur /pälfte ober ben ÜDlann 
allein aufs ©anje ju belangen ; — theoretifd) märe baS freilich 
nicht äu rechtfertigen. 

EJtanbrp (1883/84): 

Dieben ber Haftung beS einen (S^egatten für bie $ätfte 
fönne ber anbere für bie ganje ©d)ulb haften, bieS fei 

a) ohne 3roeifel ber galt, toenn ber ©h entann <tßein fon= 
tradiere unb ber ©läubiger nicht toiffe, baf? es fidf um eine 
fojiale ©dhulb hanble, 

b) nach allgemeiner unb richtiger Stafidjt, fobalb ber @h e5 
mann allein fontrahiere, ohne bie Haftung auf bie Hälfte ju 
befchränfen, 

c) im gatt ber gnter^effion beS einen ©atten für bie ben 
anberen treffenbe Hälfte, 

d) in ben gäHen ber ©eroerbeorbnung § 11 unb beS 
&.®.=Su<hS 2lrt. 8. 

©aupp (1890/91) : 


Digitized by Google 



©c^efolb: Sie ©olibarljaft beb ©bemann« ic. 251 

SBernt ber 'Kann allein eine Sojiatfdhulb fontrahiere, fo 
hafte er nach ber herrfdhenben Slnftcbt fetbft in solidum, fo 
baff ber ©Iäubiger bie SBahl habe, ob er oon jebem ©atten 
bie .fpälfte ober oon bem Kann allein ba? ©anje forbem 
rooHe ; man berufe fiel) Ijiebei auf bie bei ber Sozietät geltenben 
©runbfäfse, allein ob bie? gleich nicht ju rechtfertigen märe, 
habe fidh bod; feit lange eine entfdhiebene s }kapi? bahin ge= 
hübet, bag ber Kann im gaU bet ertennbaren unb ber funb: 
gegebenen Sojialfdjulb in solidum hafte, baff biefe? fßrinjip 
als ©eroohnheit?recht anjufeljen fei. 

SBir ftnben hier einen oöüigen ftonfen? in ber SSeftimmung 
berjenigen gälle, in melden bei ber fojialen Sd&ulb eine ©oli- 
barfjaft be? Kannen entftcfjen foH, nämlidh wenn ber Kann 
eine Sojialfdhulb fontralfiert, ohne baff ber dritte oom fojialen 
3roecf erfährt, roeitn eine Sojialfdjulb bett fojialen (Sharafter 
an fidh trägt, enblid) wenn ber 'Kann ben ^Dritten oom fojialen 
3roecf oerftänbigt: oben 1, a — c. dagegen beachten mir eine 
oerfdhiebene Raffung bei SBädhter, Stömer unb ©aupp einer: 
unb Kanbrp anbererfeit?. gene lagen, baff in ben gälten ber 
Solibarhaft be? Kanne? 1, b unb c oben ber ©Iäubiger bie 
Söahl habe, ben Kann auf? ©anje ober beibe ©atten hälftig 
ju belangen. Kanbrp fagt : in biefen gäHen tritt ju ber hälf= 
tigen Haftung be? einen ©atten (ber grau) bie faltbare £af: 
tung be? anbetn hinju, m. a. SB. an bie Stelle ber hälftigen 
Haftung beiber tritt folibare Haftung be? ©inen (be? Kanne?) 
unb hälftige Haftung be? anbern (ber grau). Unb barau? 
muff fidh ber geioiff auch richtige Schluff ergeben, baff in biefen 
gällen bem ©Iäubiger ba? Stecht jufteht, ben Kann auf? ©aitje 
unb bie grau jur Hälfte ju belangen, ftatt bafj SBächter, Stömer 
unb ©aupp h' er fagen, baff ber ©Iäubiger bie SBaljl habe, 
ben Kann allein auf? ©anje ober beibe ©atten jur Hälfte ju 
belangen. — S. übrigen? audj unten 3iff- 7. 

3. SBächter, Stömer unb ©aupp bejeidjnen ben Stecht?: 
fafj, baff ber ©bemann in ben gällen ber oon ihm allein fom 
trauerten ex re erfennbaren unb bet funbgegcbeiten Sojial: 
fchulb in solidum hafte, al? ein ©rjeugni? be? ©eroohnheit?-- 


Digitized by Google 



252 


abtjanblungen. 


recht«. 2Bir finb ber Meinung, bah es jur ^Rechtfertigung uub 
Begrünbung biefe« StechtSfaße« einet Berufung auf ©eroohm 
^eitörec^t in feiner SBeife bebarf, baß ficf) berfelbe oielmeljr 
au« allgemeinen ©runbfäjsen, au« einer unbefangenen Betrag; 
tung be« BerfehrSleben« unb im ooEen (Sinflang mit ben ^3rin- 
jipien ber 6rrungenfdf)aftSgefeEfcbaft ganj non felbft ergiebt, 
menn man nur Har unterfdftibet : roa« ift bet ©inn be« Äon= 
traft« unb roa« ift bie gefeßliche golge ^ er fojialen Qualität 
ber ©dhulb ? ©er 3)iann tritt in ben 9te<ht«oerfehr ein für 
fidfj felbft, für fid^ allein, nicht als »erheiratet ober nichtoer= 
heiratet, nidht als ©ojiu« feiner grau, mit ber er in biefem 
ober jenem (5iüterred)töoert)ältni^ lebt. @r roill als Bertrag«; 
fontrahent für firf> Siechte unb 2lnfprü<he erroerben, mit ihm, 
mit ihm aEein roiü ber ©ritte fontrahieren, jroifdhen bent 2)tann 
unb bem ©ritten entfteht ber Äontraft ; beffen gnhalt ift, bah 
ber SDtann ju leiften hat, roa« oerfprochen ift, beffen gnhalt 
ift nicht, bah ber 3)tann »erfpräche, es folle ba« ju Seiftenbe 
junächft au« ber ©rrungenfchaft unb fobann jur $älfte oom 
Bermögen bes 3)iann«, jur Hälfte oom Bermögen ber grau 
gcleiftet roerben. — ©er 3)lann, roeldher mit bem Baumeifter 
oereinbart, bah er auf bem ihm unb feiner grau gemein* 
fdjaftlich gehörigen Bauplaß ein ©ebäube um 50000 2)1. er- 
hellen foll, oerfpricht einfach: idh jahle 50 000 3)1., unb nidht: 
ich uerfpreche, bah bie 50000 2)1. junädhft au« ber ©rruitgem 
fchaft unb fobann au« beiben Bermögen«hälften bejaht roerben. 
©an$ unbeftritten ift, roie roir oben gefeheit haben, bie ©olibar* 
l;aft be« 2)lamte« bei ©ojialfchulben bann, roenn ber ©ritte 
bie fojiale Qualität ber ©chulb nicht fennt. 2lu<h ba« fteflt 
niemanb in grage, bah bie ©olibarhaft be« 2Ranne« in biefem 
gatte beftehen bleibt, roenn ber ©ritte nachträglich oom fojialen 
3roecf ber ©dhulb Äenntni« erhält, llnb ebenforoenig roirb 
biefe ©olibarhaft beftritten, roenn ein gaE oorliegt, bei welchem 
ber ©läubiger mit einigem SJacbbenfen bie fojiale Qualität ber 
©dhulb hätte erfennett fönnen. — ©oE e« nun plößlich anber« 
fein, roenn ber ©ritte bie ©ojialfdhulb als folche roirflidh er= 
fennt? ©er SDlann, welcher auf bem 2)tarfte Kartoffeln fauft. 


Digitized by Google 



6 d) e f o l b : 35ie Solibarbaft b e8 (Ehemanns rc. 


253 


haftet in solidum, wenn er aber bei biefem Kaufe etwa bie 
sBemerfung ntadjt: ,,td) tjabe eine große gamilie, id) braune 
einen großen SBorrat," eine 33emerfung, burdj bie ja ber 
fojiale gtoecf btä 9fed)t5gefd}äft$ funbgegeben ift, foH e£ 
ßier nur fraft ©erooßnßeitärecbtä gefcbeßen, baß ber SNattn au8 
biefem §anbel folibarifdj ßaftbar toirb ? @3 fdjeint un8 audj in 
biefem gall bie ©olibarljaft für eine unbefangene ^Betrachtung 
felbftoerftänblid) ju fein. — ®ie anbere grage bann biß/ 
roeldje golgen ber oom Seemann abgefdjloffene Vertrag fraft 
©efeßeä für bie ©Regatten ßat. Kraft ©efeße3 (SB. 9i. IV, 4 § 2) 
Ijat bie ©ingeßung jeber fojialen SSerbinbli^feit bie golge, 
für bereu ©rfüdung junädift bie ©rrungenfcßaft, fobann baä 25er= 
mögen jebee ©atten jur .<pälfte haftet. — SBeiter geßt $fijer '); 
er fagt, ber Kontraft be# ©fjemannä erzeugt ausnahmslos nur 
eine (natürlich folibare) 33erbinblid)feit beS SNanneS, eine 
5)Utoerbinblid)feit ber grau fann nur entfielen, roenn fich bie- 
felbe auf eine bie Sinnahme einer 33iirgfd)aft beutlid) auS= 
fdßließenbe SBeife mit betn Spanne oerbittblid) mad)t a ). 

4. ®as ©rrungenfcßaftSoermögen bilbet roährenb ber 
®auer ber ©rrungenfdjaft ein einheitliches ©anjeS. hieran 
befteßen jroar 5CeiIrec^te ber ©begatten, allein biefe Sledjte 
treten erft mit ber Sluflöfung ber ©rrungenfdbaftSgemeinfchaft 
heroor. Solange biefe ©emeinfdjaft bauert, ift baS errungene 
SSermögcn ein einheitliches in ber |ianb beS 9)?anneS fo, als 
ob eS allein fein Vermögen märe. @r oerfügt barüber, loie 
über fein eigenes, unb eS haftet baSfelbe für bie Sdiulbeit bes 

1) 8 o f <f) e t 8 3eitft^rifl Sb. 32 ©. 1 ff. 

2) 3)ie tlnnabme $fijer8, baß bei ben uom Seemann allein, offne 
SDtitroirfung ber grau eingegangenen SerbinbHdffeiten eine 2)titbaftung 
ber grau burdjmeg au8gefd)loffen fei, frfjeint mir mit bent jur ^rinjip 
ber @rrungenf{f)aft8gemeinfcffaft, mit ber fittlic^en Statur berfelben, nicht 
im (Sinflang ju fein. Qa wenn nicht im ©egenteil bie Suffaffung, baß 
bei ben com Staun allein (ontraffierten fojialen Scfjulben bie grau mit- 
bafte, non 21Iter8 ber tief im Sol! rourjelti mürbe, möchte bie geroobm 
beit8re(btlicbe ©ntftebung be8 31ed}tsinftitut8 ber roeiblicben greibeiten 
faum ju erüären fein. 6. oucb ©riefinger’8 Kommentar jum 2anb= 
recht Sb. VII § 146 ©. 244. 


Digitized by Google 



254 


Slbfjanbtungen. 


Cannes, roie fein eigenes ; ein Urteil gegen ben ÜJtann ift ooll= 
ftrecfbar in bie Grrungenfcßaft, fie ift nach außen Gin SBertnögen 
unb jroar ein Vermögen bes SDtannes 1 ). — ®iefer »öUigen Gin= 
heit beS GrrungenfcfjaftSoennögenS möchte eS entfpredten, baff auch 
ber SJlann, roenn er allein fontrahiert, ausnahmslos in solidum 
haftet, baß auch er nadj außen nicht in oerfchiebeiter Dualität : 
als Ghemann, Stepräfentant ber Grrungenfcbaft, Vertreter feiner 
grau, fonbern eben als ber eine SJlann, ber im Slechtsleben 
Siechte für fich erwirbt, 93erbinblid) feiten auf fich nimmt, auf 
fich allein, aber freilich mit ber aus bem Siechte ber Grrungen= 
fdjaft oon felbft fid) ergebenben golge, baß für bie ootn SJlann 
fontrahierten fogialen ©d)ulben auch bie grau ;u ihrem SCeil 
haften muff. — ©o finben mir bie regelmäßige ©olibarhaft 
bes SJlattneS bei ©ojialfd;ulben im Ginflang mit einem anbern 
anerfannten fflrinjip beS GrrungenfchaftSrechtS ! — 

5. treten mir nun unter bem ©efichtSpunft ber bisherigen 
Grörterungen an bie einjelnen gäüe heran, roelche mir oben 
unter 1, a— d aufgejäljlt haben, fo ift junächft JU a fein ©treit, 
baß ber SJlann in solidum haftet, roenn ber SJlitfontrahent non 
ber fojialen Dualität ber ©djulb nidjtS roeiß. kontrahiert ber 
Ghemann eine fojiale ©cßulb, non ber ju fagen ift, baß ihre 
fojiale Dualität ex re erfettnbar ift (1, c), fo geht ber beiber= 
feitige SDertragSroille nichtSbeftoroeniger jroeifelloS bahin, baß 
ber Ghemann folibarifd) haften foll, unb eine Ginrebe bes 
SJfanneS, baß er, ba es fich um eine fojiale ©d)ulb hanble, 
nur auf bie Jpälfte belangt roerbeu fönne, mürbe bem SBiHen 
ber kontrahenten, bem Sinn bes k'ontrafts, ja ben ©runbfäßen 
oon £reu unb ©lauben ganj offenbar juroibet fein, ©eljeu 
roir ju bem gaü über, roo ber SJlann bem dritten erflärt (er= 
fenntlidh macht), baß er eine fojiale ©chulb fontrahiere (1, b), 
fo führt eine unbefangene Prüfung beS SBertragSroiHenS nicht 
weniger auf bie ©olibarhaft bes SJlanneS: bie Siegel ift hier 
wohl nicht bie, baß ber SJiann non fich aus es auSfpricßt, baß er 
eine fojiale ©chulo fontrahiere, fonbern bie Siegel in folgen 
gällen ift bie, baß ber ©läubiger SJlitteilung unb Sicherheit 
1) ® a u p p, e.$.D JU § 690 S. 376 2. Stuft. 


Digitized by Google 



© $ e f o I b : 35ie ©olibar^aft be§ ©ljemanneS jc. 255 

bafitr Ijaben roifl, baß bie Eingehung ber ©d)ulb bem ehelidben 
Stufen biene. ©ieS wiE ec roiffeit unb feftfteEen, um feiner 
gorberung ben Vorteil einer fojialen ju fiebern, auf baß auch 
bie grau ihm mithaftbar werbe; er wifl bann aber nid)t auf 
bie an fich gegebene folibare fpaft bes ÜDtanneS wieber oer= 
t>erjid)ten , fonbent uielmehr berfelben ben Sorjug einer folü 
baren ©Sulb fiSern. ©aS ift ber gewöhnliche Sinn unb 3n)ecf 
ber fo puftg gebrausten SBenbung non einer ©djulb „}u ehe= 
lidjen 3we<fen." — ©amit fommeti mir auf ben gaE 1, d, in 
welchem bie ©cßulb uotn fDiann aEein fontrahiert wirb, biefer 
©Sulb aber bie grau nachträglich beitritt. ©ieS fann auf 
jmeifache Ulrt gefdjefjen, entweber fo, baß ber ©ritte mit bem 
Ehemann unter ber üBebinguitg ober mit ber ©eftimmung ton-- 
tradiert, baß bie grau ber Sd)ufb nachträglich beijutreten habe, 
ober fo, baß ber ©laubiger es ablehnt, mit bem fDiann anberS ju 
fontrahieren, außer wenn bie grau fidh gleichseitig am Äontraft 
beteiligt ; bort wirb ber auf ben ÜJiann gefteflte ©Sulbfchein ootx 
ber grau nachträglich unterzeichnet, hier wirb er oon beiben 
©atten gemeinfchaftlich auSgefteEt (1, d u. e); aber in beiben 
gäEen ift eS gewiß nicht ber ©ittn b eS ÄontraftS, baß ber 
Ehemann, iueld)er junäSft als ber 2lEeinfontrahent in soliduni 
haftet, nun burd) bie ©eijiehung ber grau feiner ©erbinblich= 
feit nachträglich jur ^pälfte enthoben werben foE; oielmehr 
bleibt feine ganje SBerbinbIid)fett befielen unb fie erhält nur 
eine ©erftärfung burch ben ^Beitritt ber grau, tooneben noch 
häufig ber 3 roet ^ obwalten mag, ber Anrufung ber weiblichen 
greiheiten »orjubeugen. — Qu folgen gäEen haftet ber Ehe= 
mann auch int gaE eines gemeinfSaftlidf auSgefteEten ©<hulb= 
fSeinS, nietjt weil, fonbern troßbem baß ein foldjer auSgefteEt 
worben ift, für bie ganje ©Sulb. 

©agegen, wenn jwei Ehegatten baS 31nmefen oom ©ater 
ber ©raut übernehmen, wenn fie miteinanber einen 2Icfer faufen, 
wenn fie jufammen jum Äapitaliften gehen unb ©elb aufnehmen, 
unb wenn fie in aEen biefen gäEen gemeinfchaftlich unb ge= 
meinfam einen Vertrag, eine ©dhulburfunbe unterzeichnen, fo 
tritt hi^ überaE bie hälftige &oftung ber Ehegatten ein, unb 


Digitized by Google 



256 


Äbijanblungeit. 


es mag roohl ber ©laubiger bie SJieinung haben, baf; ihm ber 
©bemann folibarifd) hatte \ biefe -Bieinung nüfct iljn nid^t^, er 
mag ftd> bie ©olibarljaft beS 3)lanne^ auSbebingen, an fich ent= 
fte^t fie nicht. 

6. ©achter unb nach it)m Stömer unb ©aupp lehren, 
bafe ber ©laubiger in ben Rollen ber ©olibarftaft beS SftanneS 
bei fojialen ©chulben (oben 1, b unb c) bie 2Baf)l habe, ent- 
meber ben 9)iann allein aufs ©anje ober beibe ©atten hälftig 
ju belangen. SJlanbrp tagt, ba§ in biefert Fällen, ju ber ^älf= 
tigen Haftung ber ©hefrau bie folibare Haftung beS ©hemanneS 
hinsutrete. ®iefe (iDlanbrpfche) Formulierung fdheint uns bie rich= 
tige ju fein: auS bem ©harafter ber fojialen ©chulb ergiebt fich, 
bajj beibe ©atten hälftig haften, auS bem Sontraft aber folgt 
baneben bie folibare Haftung beS SföanneS. Vefteht nun 
iolcher SBeife bei ein unb berfelben fojialen ©dhulb folibare 
Haftung beS fDlanneS unb hälftige ber grau, fo folgt boch, 
baf? nun auch ber 2JJann aufs ©aitje unb baneben bie grau 
jur £älfte belangt roerben fann; unb fein ©runb Iäj?t fich 
etfennen, baß bem ©laubiger nur ein ©ahlrecht juftehen 
fofl, eittroebcr bie Älage aufs ©anje gegen ben 2)lann ober 
foldhe gegen beibe sur £älfte ju erheben. ®iefeS Siecht beS 
©läubigerS, jugleid) gegen ben 3J?ann aufs ©anje, gegen bie 
Frau auf bie Hälfte ju flagen, ift einleuchtenb in bem Faß/ 
roenn eine ©chulb com SJiann allein fontrahiert roirb unb bie 
Frau ber ©chulb nachträglich beitritt. äBenn aber ber 9Jlann eine 
fojiale ©chulb allein fontrahiert (oben 1, b unb c), fo mag 
man rnohl ben groeifel anregen, ob hier ein Älagered)t gegen 
bie Frau überhaupt entfteht *), nimmt man aber (mit ber herr= 
fdjenbett fiehre) biefeS Älageredht an, fo mufe man es auch 
genau ber Verpflichtung ber ©chulbleute gemäi? geftalten, alfo 
aufs ©anje gegen ben fDlann unb baneben auf bie |mlfte gegen 
bie ©hefrau. — 

7. Siadh bem ©ntrourf beS bürgerlichen @efef$bu<hs ftnb 
alle Verbinblichfeiten beS SJianneS ©ogialfchulben, bie F rau 
haftet für folche perfönlich nicht, bagegen haftet bie gan$e ©r= 

l) f. ?fijer, 1. c. 


Digitized by Google 



6 d) e f o I b : $>ie ©olibar^aft bcS Seemannes ic. 257 

rutigenfdiaft ’)• |>ierna^ fann bei ben »ottt Seemann fontra= 
gierten fojialen SSerbinblidjfeiten niemals jtueifelljaft fein, bafj 
er in solkluiu haftbar ift. — lieber gemeinfdiaftlid) eingegam 
gelte 93erbinblid)feiten bcr ©Regatten finben mir feine aul= 
brüdtidje ©eftintmung. Siadl) ber erften Sefung bei ©nttourfl 
ergiebt ficE) s ) folibare Haftung bei 9Jlaitnel uttb hälftige $af= 
tung ber grau. — gn ber jiueiten Sefung aber ift an bie ©teile 
bei § 320 bei erften ©ntiuurfl neben § 363 (§ 414 bei bent 
Steicljltag »orgelegten ©ntrourf!) ber § 370 (§ 421 bei bem 
9leicf)!tag »orgelegten ©ntrourfl) getreten, toeldlier fagt, baß, 
roenn mehrere fid) burd) Vertrag ju einer gemeinfdtiafk 
licken Seiftung »erpfücf)ten, fie int 3roeifel all ©efamtfdjulbner 
haften 8 ). — SSenbet man biefe ©efejjelbeftimmung auf bte oott 
©Regatten gemeiitfam eingegattgenen 93erbinblid)feiten an, fo 
ergiebt fiel) bie Siegel ber ©olibarljaft beiber ©atten, eine Äonfe> 
quettj, tueldlje tief in bie redf)tli<$e Stellung ber (Ehefrau eingreift. 

8 . ffetjren mir nacl) biefetn Slulblicf auf bie 3 u ^ un ft 
ju unferem befte^enben Siebte juritef, fo ergeben fid) aul un= 
fern (Erörterungen 1 — 6 folgenbe @ä|e: 

a) 2Benn ber 3)tann allein eine fojiale ©d&ulb fontraljiert, 
fo Ijaftet er in solidum, neben if)tn bie grau jur |>älfte. 

b) S)iel gilt aud), tuenn einer folgen ©cfptlb, t»eld)e »om 
3Jlann allein fontrafjiert ift, bie grau nad&trägüd) beitritt. 

c) toenn eine (fojiale) 33erbinblicl)feit »on beiben ©Regatten 
gemeinfdljaftlid) eingegangen toirb, fo Ijaften beibe hälftig, roenn 
ni$t aul ben £f)«tumftäuben erhellt, baff bie folibare Haftung 
bei aiianne! bem SBiHen ber Sfontraljenten eittfpredfjenb ift. 

d) 2Sentt neben ber plftig tjaftenben grau ber SJiantt 
folibarifdb haftet, fo ftefyt bem ©laubiger bal Siedet ju, ben 
SJiaiin aufl ©anje, bie grau ju $cilfte 3 U belangen. 

1) § 1425, § 1414 8lbf. 2 »gl. mit § 1342 M6f. 2, § 1425 9lbf. 1 
(2. Sefung), §§ 1513. 1502 216faf> 2 »gl. mit § 1426 äBfafi 2 bei bem 
SReidjltag »orgelegten Gntrourfä. 

2) 3Jloti»e 93b. IV ©. 526. 

3) SttätDiWe» ift § 370 (bjro. 421) ©efefc geworben: 93ilrgerl. ©53. 
§ « 7 . 

für aäSürttem&erg. 9ied)ISpfleg<. Vlll. 8 17 


Digitized by Google 



258 


9l6f)anblungett. 


e) gür alle, auch bie nidbt fojialen ©chulben bei SJlannel 
haftet bie ganje ©rrungenfchaft. — 

2ßir glauben, b oft biefe ©äfce auch bem Vebürfnil unb ben 
Borherrfdjenben Stedhtlanfdfjauungen bet ißrajil eutfpredhenb finb. 

III. JJum litt. 4 ^bf. 2 unferes Piüjrfdjaftsgffetjfs. 

35on 9ied)iSann)alt Sdjefolb in Ulm. 

2>ie Siegel unferel 2Bährfdhaftlgefehel ift bie 2Banblungl= 
tlage (act. redhib.), bie Stulnahme bal SRecfjtSmittet bei 2Irt. 4 
2lbf. 2 unferel ©efefsel, eine tnobifijierte actio quanti minoris. 
2)iefe Älage ift aulnaljmlroeife geftattet, roenn fich bet fDlangel 
an einem gefchlachteten Xiere finbet. — Sladh gemeinem Stecht 
ftef>t bem Grroerber — fagen mir immer : bem Käufer — bie 
SBa^l jroijdhen ber a. redh. unb ber a. quanti min. ju, aber 
wenn ber Käufer über bie getaufte ©adhe oerfiigt, fo bcgiebt 
er fid) ber rebhibitorifcben ftlage unb el bleibt ihm nur, aber 
el bleibt ihm auch immer bie a. quanti min. aestimatoria. — 
©ine foldhe 9Ba^l giebt el im 2Bährfchaftlgefeh nicht; nom 
$aU bei ©dhlachtenl abgefetjen, giebt el nur bie a. redh., 
roenn aber bal fEier gefcblacbtet roirb, fo rüdt bie äftimatorifclje 
jllage an bie ©teile ber rebhibüorifchen ein. 

SDer 2lbf. 2 bei 9lrt. 4 unferel ©efejjel fcheint non flarem 
unb einfachem Inhalt ju fein, in SBaljrtjeit ftöfet feine 2lm 
roenbung auf eine Sleihe oon 3roeifeln. Verfudhen mir, bie 
fd)roebenben Streitfragen ber fiöfung näher ju führen. — 

1. Sefct 2lbf. 2 bei 2lrt. 4 »oraul , baf? bal SCier junt 
©dhladhten getauft roorbett fei? 3a: ged^t unb SBeifj; nein: 
Hachenburg unb Sebredjt je in ihren ©rörterungen ju 2lrt. 4 
Slbfajs 2. — $n unferer ißrapil neigte mau früheren ber 
Bejahung biefer ffjrage 3 U - Vielleicht, meil bal 2Berf<hen non 
$edht fehr oiel im ©ebrauche mar. $ur Beit W bie h err; 
fchenbe Vteinung für bie Verneinung ber grage. Unb mit Siecht : 
2Bol)l ift bei ber Beratung bei ©efefeel bie 2lnfi<ht, baff ber 
2lrt. 4 2lbf. 2 auf bal jum ©dhladhten beftimmte Vieh ju be= 
fdjränten fei, ganj beutlid; aulgefprocheu roorben. Mein biefe 


Digitized by Google 



S ct> e f o I b : 3*mi ®rt. 4 äbf. 2 k . 


259 


SSeußerungeu ßaben im ®efeß felbft feine 33eadßtung gefunben, 
io leidet ei jumal angefidßts beö bagerifdßeu ©efeßeä com 
26. üDfärj 1859 geroeien märe, benfelben mit roenig SBorten 
9ledßitung ju tragen. — ©3 finb alfo jene Sleußerungett nicht 
geeignet, (Elemente ber ©efeße»au3legung 311 fein, eä bleibt 
beim SBortlaut, melier eine SBefcßränfung auf ben 3roedf be>3 
ScßlacßtenS uicf>t rechtfertigt. 

2. Seßt ber 2lrt. 4 2lbf. 2 »orau$, baß ba3 Stier in ber 
Slbficßt, ei jum glcifcßgenuß 3 U oerroerten, getötet roorben fei? 
— Um biefe grage ricßtig 3 » miirbigen, milffen mir uns bie 
oerfdßiebenen gälte oergegenroärtigen, au bie man bei biefer 
grage benfen mag: 

a) ©in Stier geht burdh einen 3 u f ft ö 311 ©runbe, burd) 
einen Sölißfcßlag, einen 2 lbftur 3 , ober in einem ÜRotftanb, in= 
bem 3 . 23. ein roilb unter bie 2)Jenge ftür 3 enber Stier sur 2lb= 
roenbuttg 001 t ©efaßr niebergeftrecft roirb. 

b) ©in SLier erleibet eine fo fdßroere Verlegung, baß ei, 
um momöglidh noch baä gleifdß genießbar 3 U erhalten, mit 
rafdßer |>anb getötet roerben muß. 

c) Ster Käufer b ei Stiert roirb oon ber SJe^örbe gejroungeit, 
baöfelbe 3 U töten ober töten 311 laffen, etroa roegen Seuchen-- 
gefaßt ober 3 U 3™eden eineö ftrafrechtlidhen SSerfaßrenS. 

d) ©in Stier ift fo alt ober unheilbar franf, baß feine 
Rötung geboten ift, roeil bie Äoften ber ©rnäßrung ben 9tußen 
überroiegen. 

e) gn einem 2 ßäßrfcß«ft 3 pro 3 eß fognoiSgiert ber Sacßoer-- 
ftäubtge, baß ber fragliche Hauptmangel nur burdß Dcffnen unb 
3erlegen be£ Stiert 31 t erroeifen fei. S2>a3 Stier roirb gefcßladßtet. 

3n allen biefen gäHeit gefdjießt ei, baß ba$ Stier gefcßladßtet 
roirb. 3 ft beSroegeu 2lrt. 4 2lbf. 2 oßne 2lu3naßme an 3 uroenbeu? 
3 n allen biefen gälten mag ei auch jutreffen, baß bie 2 lbficßt, 
basS Stier 3U111 gleifcßgenuß 311 oerroerten, nicßt ba3 SJtotiu 3 ttm 
Sdßladßten geroefen ift, baß alfo ein „Scßlacßten" im geroößm 
ließen Sinn nidßt oorliegt, ergiebt fidß ßienad; bie au3uahm3= 
lofe 3iidßtanroenbung unfered Ibfaßeä? 2 Bebcr baä eine, nod) 
ba§ aubere! SBerfudjen roir bie Söfung in golgenbem: 


Digitized by Google 



260 


Stbtfanblungen. 


3. 9tach röntifdhem 9led)t erlifc^t bie a. redh., wenn ber 
Käufer über baS Äaufobjel't in folcfjer äBeife oerfiigt, bafs er e» 
fidf) unmöglich macht, baSfelbe jurücfjugeben ; eS gilt biefe 93er- 
fiigung als ©ersieht auf bie redhobitoria. f£ritt aber bie Un= 
möglichfeit ber 9lii<fgabe aus irgcnb einem anbereu ©runbe 
ein: inSbefoubere wenn bas £ier burd; ßufall untergeht, fo 
bleibt bie a. redh. beftehen 1 ). 

®iefe 9fted}tSregelu finb burch bie ©eftimmungen beS würt= 
tembergifchen 2BährfdbaftSgefeheS nicht aufgehoben ober mobb 
fijiert worben, nichts liegt für biefe 2lnnu£)me oor. — ©etradjtet 
man aber unfer ©efejs aus betn ©efichtSpunft eben biefer ge= 
meinredhtlichen ÜJtormen, fo ergiebt fid) : wenn ber Ääufer baS 
SEier in einer ÜJBeife, unter Umftänben fdhladhtet, ba& jich 
biefeS fein <Sd)ladf)ten als eine — freie — Verfügung über baS 
£ier barftellt, fo oerüert er bie a. redh. unb er l;at nur baS 
^Rechtsmittel beS 2lrt. 4 2lbf. 2. SÖenn aber baS ©djladhten 
nicht traft freier Verfügung gefdjieht, fonbern fo, baß eS fid& 
rechtlich als ein jufälliger Untergang beS UiereS erroeifl, fo 
fann burcfi ein foldjeS ©dhlacfjlen auch bie rebt)ibitorifrf>e 
.Wage nicht oerloren gehen: ber 2lrt. 4 2lbf. 2 tritt nidht in 
2lnroenbung. 

®iefe 2luffaffitng ift weit entfernt, in baS ©efefc eine toilb 
fi'irliche Unterfcheibung hineinjutragen ; mir fageit nur: neben 
biefetn ©efeh unb trofc bentielben, unb, roie mir fehen roerben, 
im ©inflang mit bemfelben gilt ber ©runbfafc fort, bafj ber 
casns bie a. redh. nicht ju oernidhten oermag. 2Bir fagen „im 
©inflang mit bem ©efeh" : Unfer 2BährfchaftSgefe(3 ift beftimmt, 
ben tägigen ©erfefjr mit Haustieren, Hanbel unb SBanbel 
auf biefem ©einet beS roirtfdjaftlidheu Sebent ju regeln. 2Beitn 
ein foldjeS ©efe (5 ben 2lusbrucf Schlachten gebraucht, fo ift am 
junehmen, baß es ben gewöhnlichen $all beS Gebens, was man 
fid) im täglichen £eben unter ©flachten beuft, treffen wollte, 
©in folcheS (Sctjlac^ten aber ift cS, wenn ein Sier aus bem 
©runb, weil es jum gleifchgenufj oerroertet werben foü, unb 

1) S3 i nbf cfi e ib, §3anb. §354 S. 516 6. Stuft. Sernburg, $anb. 
§ 101 ©. 272 bef. n. 8 u. 9. 9t.®. »b. XXVI S. 188. 


Digitized by Google 



Scfyefolb: 3um 9lrt. 4 »bf. 2 ic. 


261 


ju eben biefem 3 roecf getötet roirb; es ift bie roirtfchaftlicfj 
freie 33erroertung beS SCiereS burdh ©<hladfjten, an roelcfje baS 
©efefc benft. SBenn bagegen ein iEier burcf) einen S3ti^fd)lag 
jerriffen unb bann geöffnet nrtb jerlegt roirb, fo liegt gereift 
ein galt oor, auf roeldjen 9trt. 4 2lbf. 2 nicht paftt. liefern 
galt ftefjt aber ber anbere ganj gleich, roenn ein 5Cier infolge 
obrigteitlidfter ülnorbnung getötet roerben muft, unb nicht anbere 
liegt bie ©acf)e, roenn ein jcftroer oerleftteS SCier rafcft getötet 
roerben muft: überall liegt casus oor, bem Käufer fteftt bie 
reb^ibitorifcfje JUage ju, ber 2lrt. 4 2lbf. 2 ift nicht aitjuroenben. 
— ©iefer 2 luSfd)(uft bet tafuelien Sd)lad)tung aus bem 2 lnroen= 
bungSgebiet beS 2lrt. 4 rechtfertigt fidf) aber aud) noch auS einer 
anbern ©rroägung: roenn id) mich entfcftliefte, ein Sier ju fd)lad)= 
ten, fo oerjidjte id) auf ben 2Bert beS als lebenb nufcbaren XierS, 
auf feinen 2öert al5 Arbeitstier, als ÜJtild)fuh 2C., unb ich roiH 
nur ben gleifdjroert beSfelben oerroerten. SBenn fid) nun bei 
biefem ©d)lad)ten ein SDlangel finbct, fo ift mein ©cftaben nur ber 
aus bem Sliangel fid) ergebenbe SJtinberroert beS gleifdjeS : bie 
©ntfdfjeibung beS Art. 4 Abf. 2 erroeift fic^ als eine ganj gered)te 
unb billige. SBenn aber eine Schlachtung oorliegt, bie nicht oom 
Käufer oerfiigt ift, eine fafueUe, ein casus, fo geigt fid), baft bie 
Anroenbung beS ©efeftes ju einem Unrecht führen roürbe: roäftrenb 
hier baS roirflicfte unb berechtigte gntereffe beS Käufers nur 
burcb bie SBanblung gebedt roirb, foll er fid) mit ber geringen 
©ntfcftäbigung beS Art. 4 begnügen; eS foll alfo ganj gegen 
ben ©inn beS äbil. ©bifts unb ber ntobernen SBährfchaftS= 
gefeftgebuitg, bet Käufer ftatt beS SJerfäuferS ben casus tragen. 

4. ©em gafl, roenn ei» S^ier, um ben gteifchroert 3 U et= 
halten, rafd) — in ber Slot — getötet roerben muft (gatt b), 
gleidftt ber gatt, roenn ein £ier gefdjlachtet roirb, roegen Sllter 
ober Äranffteit, roeil ft<h bie ©rnährungSfoften nicht mehr 
lohnen, baneben natürlich auch in ber Abficht, ben gleitchroert 
möglidhft ju erhalten, (gatt d) : in beiben gälten finb es ju= 
fällige Vorgänge, roelche jur Schlachtung führen. 2)eibe gatte 
aber unterfdheiben fidh roefentlidf) barin, baft bie Rötung bort 
(gatt b) burd) bie Siot geboten, ftrör (gall d) nur burch bie 


Digitized by Google 



262 


2l6f)anblungen. 


Vernunft geraten ift. immerhin greifen beibe gälte foIc^cr= 
geftatt in einanber über, ba§ aus ben einseinen Sbatumftänben 
erhellen muß, ob freie Verfügung ober casus oorliegt. ©S 
fonunt babei noch ein anberer restlicher ©efichtSpunft jur ©r; 
loägung: bet Käufer ift währenb ber ©ewähqeit gegenüber 
bem Verläufer, ben et rebljibitorifch belangen will, 3ur custodia 
oerpflid)tet (cf. |>.©.=23ucb 2 lrt. 348t. ®iefe custodia oer^ 
pflichtet, aber berechtigt auch ben Käufer ju benjenigen 3 )ia&= 
regeln, welche fi<h Jur ©Haltung eines Bieres als Sßertobjett 
als nötig eriueifen : wohin auch bie Rötung gehören tann. 
Shatfrage ift in folgern gatt, ob fich bie Rötung beS tiereS 
als eine notwenbige gürforge für bie äßerterhaltung beS tieres 
erweift, ober ob ber Käufer baS Sier »ielmehr unter Untftänben 
getötet hat, bafc er fich beSfelben entäujjern unb auf bie red- 
hibitoria Der3id)ten wollte. — 

Sie ©renje ift bebenflich unb fcfjwer ju beftimmen, ber 
Säufer wirb fich nur in äufjerfter 9 tot entfchliefsen, baS Sier 
bur<h Schlachtung 31t töten unb batnit ben beweis auf fidh 
311 nehmen, bafj er bie Sötung nur 5ur gürforge für bie SBert- 
erhaltung — für bie gntereffen beS SßerfnuferS nol^ogen habe. — 
5 . 2 BaS ift rechtens, wenn in einem SBährfdhaftSprosefj 
ber Sadjoerftänbige fognoS3iert, bafj ber geltenb gemachte Haupt» 
mangel (ifkrlfucbt, Sungenfudjt, ginnen) beim lebcnben S'ier 
nicht 3U erweifen, alfo jur Sicherheit beS SeroeifeS bie ©<hladb= 
tung 3U oollsiehen fei ? 3 roeifelloS fteht bem Verläufer fein 
Stecht 3U, bie ©d)lad)tung (31cm ©egenbeweis) 311 forbern, ebew 
fowenig liegt eS im officium judicis, richtiger in ber 9 Jtad)fi 
befugnis beS 9 tid)terS, bie ©djlachtung 3U »erfügen. ©benfo 
felbftnerftänblich aber ift es, bafe ber (beweispflichtige) Säufer 
baS Stecht hat, fein Sier 3U fchtacbten. Slber bie grage ift 
nun eben bie, welchen ©influfe biefe 9 )taferegel auSübt auf baS 
9 led)tSoerbältuiS ber Parteien, auf ben 9 tecbtSanfpru<h beS 
Säufers. Sie 2 lntwort ergicbt fich aus ben bisherigen 2 luS= 
fül)rungen : 3 )er 2 luSfpru<h beS @ad)uerftänbigen, bafe fich ber 
Hauptmangel nur am gefdhladjteten SEier werbe feftfteßen laffen, 
werfest ben Säufer nid)t in bie 9 totwenbigfeit, baS Stier ju 


Digitized by Google 



<S(§efolb: 3um Strt. 4 3Jbf. 2 ic. 


263 


fd)Iad^ten. Thut et e§ bo<h, fo liegt eine freie Verfügung, !ein 
casus not : ber Ääufer begiebt ftd) bet a. redh. 2lber wenn 
am gefd)lad)teten Tier ber Hauptmangel fid) finbet, fo ri'tcft 
nun bie äftimatorifdje Jt'Iage (2lrt. 4 3tbf. 2) an bie ©teile ber 
rebl)ibitorifd)en ein, ein gatt ber juläffigen ftlageänberung : 
ber ©runb ber ßlage, nätnlid) ber 5?auf eineä mit einem 
Hauptmangel behafteten Tieres bleibt, roeil aber mit bcm 
ÄaufSobjeft nad)träglid) eine Seränberung oor ficfj gegangen 
ift, oerroanbelt ftd^ ber Ulageanfprucb auS ber redhibitoria 
in benjenigen aus ber aestimatoria. Tmbei fanit es nicht 
fdjaben, roenn in bem 3 c itpunft, ba bie Mage geänbert 
werben muff, bie ©eroährfrift beS 2lrt. 1 abgelaufen ift. 
Tenn baS ©efefc forbert in 2lrt. 6 nur, baff innerhalb ber 
grift Mage erhoben fei ; ift bieS gefc^eljen, fo föniten bie 2ln= 
fprüdje beS MuferS je nach ber 23eränberung beS ©treitobjeft» 
eine »erfd)iebene ©eftalt annehmen. — immerhin mag ein 
oorfichtiger Slnroalt prüfen, ob eS möglid) unb rätlidj fei, beibe 
Klagen oon Slnfang an $u oerbinben. 

6. Ter ©ntrourf jum bürgerlichen ©efefcbuch enthält su 
itnferm ©egenftaub folgenbe 9ted)t3fähe: 

TaS einzige 9ied)tSmittel ift bie SöanbtungSflage II. Sefung 
§ 422 2lbf. 1 (III § 481). Tiefe Mage befteht fort, ob baS 
5Cier burch 3 u faU 5« ©runbe geht, § 403 pgl. mit § 301 (III 
§ 401 ogl. mit § 344), ober ob eS gefd)(ad)tet wirb, § 422 
Slbf. 2 (III § 481 2lbf. 2), im lefjteren gatt befteht aber ber 
Slnfprud) be$ MiuferS im ©rfafc beS ÄaufpreifeS weniger ben 
SBert, welchen baS lebenbe Tier gehabt hat; man fann hier 
»on einer mobifijierten SÖanblungSflage reben. gnbem aber 
ber ©ntrourf bem fafuelleu Untergang alle aubercn gatte ber 
Tötung beS Tieres gegeniiberftettt : culpa, ©pejififation, ©chladp 
tung, fo ergiebt fid), baff roieber bie unbefdjränfte, nid^t mobi- 
fijierte SBanblung an bie ©teile tritt, roenn bie Schlachtung 
fich unter ben ©efidjtSpunft beS casus ftellt. 

Hienach ftimmt im iflrinjip baö 9ted)t beS ©ntrourfs mit 
bem ©rgebniS nuferer ©rörterungen (oben 3iff- 2 unb 3) 
überein: ftellt fid) baS ©flachten alsS ein fafueller Untergang 


Digitized by Google 



264 


2t6t)anblungen. 


beä SCiere^ bar, fo jlel)t bem Käufer bie (reine) 2Banblung§= 
flage ju, liegt aber ber getoöfmlidje gall oor, bajj au§ freier 
Verfügung gefd^ladjtet toirb, fo gemährt ber ©nttourf einen 2ln= 
fprud), ber nun al$ eine ntobifäjierte SBanblungSflage an bie 
©teile ber heutigen mobifiäierten äftimatorifdjen Älage treten 
foH. — 

fDlit bem ©ntiourf ftimrnt ba$ 8. ®b. überein: §§ 487 
Sbf. 1, 467, 346; §§ 487 Sbf. 2, 351—353; §§ 467, 350; 
hiernach au^fd&liefjlidje ©eltung ber 2Banblung3flage ; biefe 
oßne jebe ßinfdbränfung, wenn casus norliegt, mobiftjierte 
SBatiblungäflage in ben gäHen beä ©diladjtenS, ber ©peji= 
fit'ation, ber Veräußerung uitb in jebein anbent gaH, ber oom 
Käufer ju oertreten, alfo nid^t casus ift. — 


Digitized by Google 



L 

(gntfdjeibungen ks (Dkrlanksgeridjts. 

A. in ginilfadfen. 

37. 

Srabition non fiegenfdjaften ; (Sigentumsertnerb auf <$runb 
eines nidjtigen fiegenfdjaftshaufnertrags? 

Surd) Äaufnertrag nom 18./23. SJiai 1883 haben bie ÄTäger 
ootn Setlagten beffen $ofgut um 30 000 9Jif. ertauft. SDZit 
Sefret nom 10. 3lonember 1883 hat bie Ä. Äreteregieruitg §u 
(Sfftoangen bie jtüctroeife SBieberoeräufferung ber genannten 2ie= 
genfdfaft (i. ©. beä 2lrt. 11 2lbf. 2 $iff. 5 beö Siegenfdiaftä; 
gefe^eö) genehmigt. 2lm 18. ^uli 1883 haben bie Äläger einen 
Seil beS £ofgutä um 8571 2)lf. an ben Setlagten jurüc!oer= 
tauft (nergl. Sahrb. Sb. 6 ©. 146 ff.), am 6. ailärä 1884 einen 
weiteren Seil um 5385 9Kf. Sei biefen beiben Serfäufen haben 
nidft fämtlidje Serfäufer bie SertragSurtunbe unterjeidhnet. 

(Sin im September 1885 non ben Klägern gegen ben Se= 
flagten eingeleiteter ^rojefj, gerietet auf Aufhebung be3 ÄaufS 
nom 18. Quli 1883, ift bur<h Sergleich nom 23. September 
1885 beenbet roorben, beffen Sebingungen ber Setlagte jebod) 
ni<ht erfüllt hat. Sladjbem eine Älage, bie bie Äläger 1886 
gegen ben Setlagten erhoben unb auf ben Sertrag nom 18. 3uli 
1883 geftü^t hatten, redjtäträftig abgeroiefen raorben mar (nergl. 
Jahrbücher a. a. D.), erhoben Äläger 1894 eine neue Älage 
gegen ben Setlagten, worin fie beffen Serurteilung gut £ er * 
auSgabe ber an ihn (jurüd=) nertauften Siegenfchaft gegen (Srfafc 

^atjrbüd^ev für SSttittcmberg. Sitdjtopfletie. VUI. 3. 18 


Digitized by Google 



266 


©ntföeibungen bei Oberlanbelfletidjtä. 


bei bezahlten Üaufpreifel, foroeü beffen betrag benjenigen non 
©egeitforberungett ber ftläger überfieige, beantragten ; fie ftü|ten 
ihre Ätage barauf, bafj bie Äaufterträge oom 18. 3iuli 1883 unb 
6. 2Jlär$ 1884 (foroie ber SBergleid) oom 23. September 1885) 
nidjtig feien unb 33eflagter bemgemäf) jufolge ber Uebergabe 
ber erfauften £iegenfd)aft an ihn ungerechtfertigt bereichert fei. 
Seflagter hat bagegen geltenb gemalt : bie ftreitige Siegenfdjaft 
fei in 2Birflich?eit gar nie ©igentum ber Kläger geroefen, fon= 
bem immer in feinem S3efi§ unb ©igentum geblieben, fie fei 
alfo gar nicht au! bem SBermögen ber Kläger in ba! bei 5Be= 
flagten gefommen. 

®iefer ©inroanb ift in jroeiter ^nftanj terroorfen roorben. 
3« ben 

©rtinben 

roirb junädhft aulgeführt, baff im Sorprojefj bie Parteien unb 
bal @erid)t baooit aulgegangen feien, baff Kläger an ben frag= 
lidjen ©runbftücfen ©igentum erroorben unb el nachher an ben 
Seflagten prüdübertragen haben, ©obamt roirb fortgefahren: 

VII. 2lnlangenb ben ©igentumlerroerb feiten! ber Ät lag er 
(ber Käufer) hat ber porige 9tid)ter ben 9iachroei! einer £ra= 
bition nicht all erbracht angefehen. 

1) ®ie ©igentumlübertragung erforbert — abgefehen oon 
bem porliegenb unbeftritteneu bilherigen ©igentumlrecht bei 
SSeräujferer! — ben beiberfeitigen UebereignunglroiUeit unb bie 
iöefthübergabe. Verlangt man ein toraulgegangene! — roirf= 
lieh ober boch in ber Meinung bei llebergebenbeit epiftierenbel 
— 9iedhtlgefchäft in 2lbfid)t auf bie SSermögenljuroenbung (justa 
causa praecedens), fo roäre biefel ©rforberni! hier burd; ben 
ßaufpertrag tom 18./23. ÜDlai 1883 gegeben. 

2) ®er 33 e f i h “bet roirb mittel! Srabition baburdj er= 
roorben, baj) auf ©runb ber Sßillenleinigung ber Parteien bem 
©rroerber bie thatfächliche ^errfchaft über bie ©ad>e eingeräumt 
roirb, fei el baf? ber SCrabent ihm bie ©adje übergiebt ober 
ihm geftattet, bie ^errfdjaft ju ergreifen. 2Ba! ben Sefifcerroerb 
an unberoeglirihen ©adjen, fpejiell an frei liegenben, nicht ab; 
gefcfjloffenen ©iitern betrifft, fo h«t man nicht nötig, mit 3h ei 


Digitized by Google 



A. in (SiDilfadjen. 


267 


ring ’) an bie ©teile beS ©rforberniffeS ber t^atfad^tic^en $err= 
fdhaft baSjenige Verhältnis ber ißerfon gur ©adje gu fe|en, 
welches burdh ben 3we<f i^rer roirtfdhaftüchen Verwenbung ge= 
boten ift *). 2ludh fdjon nadh römifchem Stecht ift gum S3ejt|= 
erwerb an einem ©runbftücf nidht unbebingt erforberlich, bafi 
ber ©rwerber bas ©runbftücf betritt, es genügt, roenn berfelbe 
in ein thatfäöhlidheS Verhältnis 311 bent ©runbftüdf gefegt wirb, 
welches ihm ermöglicht, jebergeit beliebig auf bicfeS einguroirs 
fen *). ®ie in ben Duellen angeführten gäHe ber Vefifcübet; 
gäbe, audh bie, welche man als traditio longa manu gu be* 
Seidenen pflegt, wie bet 3 . V., baft ber Srabent bem ©rwerber 
non einem $urm aus bas ©runbftücf geigt mit bet ©rflärung, 
baff er eS hiemit übergeben fw&en roolle 4 ), fefcen nicht etnia 
förmliche ober gar fpmbolifdhe SlrabitionSafte feft, fonbern finb 
eben Veifpiele einer Ueberweifung beS VefifceS. 2BaS gum 
Erwerb ber thatfädhlidhen ^errfchaft an offenen ©runbftüdfen 
gehört, baS mar wohl fcffon nadh römifdhem Stecht, ift jebew 
falls im heutigen 9fedf)tSleben SC^atfrage B ). 

®em »origen Stichler mag barin beigepftidhtet werben, 
baff eine förtnlidhe EErabition in ©egennmrt ber gu übergeben* 
ben Siegenfdhaft bei uns häufig nidht »orgenommen werbe, — 
befonbere ©rflärungen über bie VeFtffiiberroeifung finb bei uns 
überhaupt weniger in Uebung 6 ), aber auf ber anbern ©eite 
fann nidht wohl gefagt werben, bie Vefipbertragung pflege 
fich heutgutage in ber Vleije gu »oDgiehen, baff ber Erwerber 
mit Einwilligung beS bisherigen VefifferS bie Siegenfcffaft er ft 
bann betrete, wenn er einen wirtfchaftlidhen Slnlaff fjiegu h at 5 
ein SInlaff ber lederen 2lrt fann g. V. bei einem entlegenen 

1) SDer ©eft^wilte. ©. 477 ff. 

2) ©ergl. ©nttoutf II beä ®. blirgerl. ©efefcfeud}8 § 771 (SluSgabe 
Don SReat} S. 407, Stote 3). 

3) SBergl. Satngn», 3t. beä ©efffceS § 15 ©. 235 ff. üang, 
6ad&enredjt I § 5 6. 27. 

4) 1. 18 § 2 Dig. 41, 1. 

5) Sergl. Sernbutg, I § 175 ©. 412 f. (3. «uff.). Hufnagel, 
SJlitteilungen II @. 61 ff. 

6) Sergl. $ernburg cit. 6. 413. 

18* 


Digitized by Google 



268 


@ntf(§eibungen be3 Dbetlanbeageti^tS. 


SBatbftüdf ober Sradjacfer fidf) möglicherroeife monatelang nicht 
ergeben, roährenb ber ©rraerber bie t^atfäc^Iidje ^errfdjaft über 
bas ©runbftücE meifi fchon früher erlangt haben roirb. Riebet 
fommt es roefentlich auch barauf an, ob baS ©runbftüdf als 
einjehteS ober ob es als ©eftanbteil eines jufammenhängenben 
©anjen »eräufeert roorben ift £efcterenfafls, roemt j. 99. ein 
ganjeS §ofgut »erlauft mürbe, roirb es niemanb jum 33efih= 
erroerb für erforberlich erachten, bafe ber Käufer jebeS einjelne 
©runbftücf betritt ober auch nur jt<h jcigett läfjt. 3ft ifint na= 
mentlidh baS 2Bohn= unb 2Birtf<haftSgebäube übergeben roorben, 
fo f)at er bamit, jebenfaHS nach heutiger fRechtSauffaffung, bie 
thatfäd&liche 4>errfchaft über bie fämtlidhen jurn »eräujjerten 
|>ofgut gehörigen ©runbftiicfe erworben, mögen auch einzelne 
berfelben entfernt, jerftreut, nicht in conspectu liegen '). 

3) 3*« gegenwärtigen gafl ^aben bie Äläger einen förm= 
liehen fErabitionSaft fpejicE hinfichtlich ber nachmals an ben 
SeElagten jurüdEoerfauften ©runbftüdEe aEerbingS bis je^t nicht 
nadhgeroiefen. Slber es liegen eine Steife »on X^atfcrd^en »or, 
welche in ihrem gufammenhalt unb in 39erbitibung mit bent 
fdhon ermähnten früheren ißarteioorbringen ben 93eroeiS liefern, 
baff bie Äläger (Ääufer) auch an jenen ©runbftücfen 33efi^ 
unb ©igentum erworben haben. 

a) Stach bem SBortlaut beS Vertrags oom 18./23. 3)iai 
1883 h ot ber Seflagte an bie Äläger unb ihre ©enoffen oer- 
fauft : „fein gefamteS belifcenbeS ^ofgut", mithin fein |jofgut 
als jufamtnengehöriges öEonomifcheS ©anjeS. Stach 3iff. 3 fott 
baS 2(nroefen in bemjenigen Umfang unb Seftanb auf bie Ääufer 
übergehen, „roie es ba liegt". ®iefe ledere ©rflärung bient 
aUerbingS junächft eben jur 39efchreibung unb ©eftinunung ber 
SkrtragSobjefte unb enthält, besro. erfejjt nicht bie SErabüion 
felbft, fie jeigt aber ebenfaES, roie bie 2lbficf)t ber Parteien 
bahin ging, b aff baS ©ut als ©anjeS auf bie Käufer übers 
tragen werben foEe. 

©entgernäfc ift, fofern überhaupt eine Srabition an bie 
Käufer erfolgte, bie SSermutung begrünbet, baff ihnen baS ©ut 

1) SBergl. £ang I § 5 S. 30 u. 9t. 16. 


Digitized by Google 



A. in ©initfacfien. 


269 


als © a it s e S trabiert unb baß bamit auch biejenigen ©runb= 
ftiicfe übergeben roorben feien, roetd^e ber Seflagte fpäter ju= 
rüderroorben ^at. ®ie gegenteilige Sinnahme wäre nur bann 
gerechtfertigt, roenn bie Parteien fid) fogleicb nach bem ßaufS= 
abfchlujj unb ehe noch eine ltebereignung an bie Käufer erfolgt 
war, bahin geeinigt hätten, es füllen beftimmte Steile beS 
SlnroefenS ton ber Uebergabe an bie Käufer ausgenommen 
roerben, im Sefifc beS Seflagten oerbleiben. 

b) ®aS Slnroefen ift aber, roie angenommen roerben muff, 
furje nach bem ItaufSabfdblujj »om 23. SJtai 1883 ben 
Käufern übereignet roorben. 

Stm 4. 3uni 1883 rourbe über ben Verlauf gerichtlich 
e r f a n n t. ©leid) barauf höben bie Kläger über baS Slnroefen 

— mit 3ur*i*öniung beS Seflagten — weiter biSponirt. ©ie 
haben eine gafjrniSauftton oorgenoinmen, gahmis unb Sieh 
an dritte oeräufjert; fie haben »om 5. 3uni 1883 ab mit 
ber ©tüdoeräufjerung ber ertauften Siegenfhaften begonnen. 
®aS fdjon am 1. Quni angelegte fßrotofoll herüber befagt im 
©ingang, bajj Qafob $altenba<h unb ©enoffen, welche am 
18. 3Jtai bie Siegenfhaft beS ©hrifüan Sauer lauf lieh er= 
roorben haben, foldhe roieber im einseinen »erlaufen; bei 
biefer ©tüdoeräufjerung hat ber Sellagte felbft am 19. 3 mti 
unb 1. 3uli 1883 einseine ©üterftiide getauft. SlttetbingS hatten 
bie Kläger unb ihre ©enoffen ft<h bei biefen Verläufen bie 
©enehmigung bis sunt gerichtlichen ©rfenntnis unb bis sur 
©rlangung ber — am 2. $uli 1883 »on ihnen nahgefudjten 

— ©rlaubniS ber ÄreiSregierung »orbehalten; bieS änbert je= 
hoch barait nichts, bafj fie über bie Siegenfhaften als @igen= 
tümer »erfügten; eS ift $u unterteilen — bas ©egenteil ift 
auch »om Seflagten nicht behauptet — , bafj bie Äläger unb 
©enoffen bie ©tüdoerfäufe ernftlich auf eigenen tarnen unb 
für eigene Rechnung oorgenomnten haben; fie haben, roie bie 
SertragSurfunbe befagt, „bie »on ihnen erworbene" Siegen: 
fdhaft — als eigene, nicht als frembe ©adjen — oeräufjert. 
$>er ©chlufe ift hernach berechtigt, bafj ihnen bie thatfäcbliche 
^errfchaft über baS Slnroefen »om Sellagten roenn nicht fofort 


Digitized by Google 



270 


(Snifdjeibungen beS DberlanbeSgerid)tS. 


nach bein ÄaufSabf«hlufi fo boch nach erfolgtem geri«htli<hem 
©rfenntniS übertragen roorben fei. 

c) 2llS |>auptteil eines ©auerngutS — im öfonomifchen 
©inn — ift, roie fd^on oorhin angebeutet, ber „$of", bas 
£auS, an$ufe(jett. $m oorliegenben gaE mar bas £auS famt 
2Birtf«haftSgebäuben gleichfalls ber SKittelpunft unb ©ifc ber 
tt)atfäcblid)«t ^errfdbaft über bas 2lnroefen, um fo mehr, als 
an baSfelbe ein falbes ©emeinberedht gefniipft mar. 

SDiefeS |muS mit ©«heuer, h“lfti0 bem S- 2* gehörig, 
haben bie Äläger famt bem halben ®emeinbere«ht unb eine 
Steihe oon ©runbftüden am 16. 3>nli 1883 an 2. oerfauft. 
®ur«h oorangegangene ©erebung jtüifchen ben Parteien mar 
bem ©cflagten ein 2BohnungSre<ht in bem $auS bis jutn 
26. Quli 1884 oorbehalten roorben, roeldheS Stecht in bem ©er= 
trag mit 2. auSbrüdüch anbebungen roorben ift. 

SSBenn nun ber ©eflagte nadh bem ©erfauf beS SJInroefenS 
auf ©runb eines ihm burch auöbriicflicbe ©ertragSbeftimmung 
eingeräumten 2ßohnungSre<hteS in bem oerfauften .fpauS ju- 
nächft roohnen blieb, fo roäre bamit ein SSerhältniS gefchaffen 
geroefen, oermöge beffen ber SBeftagte traft befonberen 9te<hteS 
ben öefits namens ber Ääufer, bejro. namens beS na«hherigen 
GrroerberS jenes £aufeS roeiter innehaben foflte, unb eS roären 
bamit bie ©orauSfegungen eines constitutum possessorium 
oorgelegen *). 

©ie Uebertragung beS ©efi$es burdj eine berartige 
©ereinbarung roäre auch baburdh nidjt auSgefdhloffeit, roenn bie 
bei ober nach bem ©ertrag ooin 18./23. Eltai 1883 äroifdjen 
ben ©arteten junächft ntünblich getroffene SEbrebe als eine Stebem 
berebung ju jenem ©ertrag im ©inn oon 2lrt. 1 2Ibf. 2 beS 
©efefceS ju betrachten unb beShatb formeE ungültig geroefen 
wäre. 2Benn fobann jroar in bem ©ertrag mit 2. bie 9tegie= 
rungSgenehmigung $ur ftücfroeifen ©eräufjeruug oorbehalten 
roar unb bie Slusfolge ber Slbfhriften infolange aufgef«hoben 

1) 1. 28. ]. 35 § 5 Cod. VIII 54. 1. 18 pr. D. 41, 2. Saoignp, 
SR. beä iöeftfeeä § 27 ©. 368 ff. ©ntfd^eib. be§ 9teid|fSger. V 92 r. 49 
6. 181 ff. 


Digitized by Google 



A. in @it>ilfa$en. 


271 


blieb, fo ftefjt bieS ber Slrtna^me nicht im 2Beg, baff bie 5 toi= 
fd^en ben Parteien getroffene Abmachung roegen beS SBoh* 
nungSrechtS alsbalb in SSirffamfeit gefe|t roorben fei. Unter 
allen llinftänben macht bie (oertragSmäfjige, nid&t lebiglich pre= 
fariftifche) ©inräumung eines SBohnungSrechtS an ben bellag* 
ten es natürlich, roenn eine anberroeite förmliche 99efifeein= 
roeifung ber Kläger in .fjauS unb ^of nicht erfolgt fein mag. 

d) 2ln thatfächlichen Slften, moburch eine befthübertragung 
an bie Kläger beroirft roorben fein fann, fehlt es mithin nicht. 
SDie Sinnahme aber, bafj bie Uebereignung beS SlnroefenS an 
bie Käufer jebenfalls, nachbetn über ben Vertrag oom 18./23. SJtai 
1883 gerichtlich erfannt roorben roar, oon ben beteiligten 
beroirlt roerben roollte, ift bur<h bie bertragSerflärungen 
unb $anblungen berfelben begrünbet unb roirb burch baS, roaS 
ber berufungSbeflagte hingegen oorbringt, nicht entfräftet; 
namentlich auch nid^t burch bie behauptung, ba& ber boHjug 
jettet bertragS auf bie ©rlangung ber SlegierungSgenehmigung 
jur fiücfroeifeu beräufjerung höbe auSgefe|t roerben roollen. 

®ie ©ültigfeit biefes bertragS roar rechtlich nicht oon 
ber ermähnten ©enehmigung abhängig. 3n bem bertrag felbfi 
ift ber bolljug besfelben nicht oon ber ©rlangung ber 9legie= 
rungsetlaubnis abhängig gemacht, eS ift nur barin gefagt, ber 
Kaufpreis fei beShalb fo hoch geftellt , roeil bie Käufer einen 
$eil oon bem ©ut roieber oeräufjern lönnen, beShalb habe ber 
bertäufer bie StegierungSgenehmigung ju erroirlen unb für 
bereu beibringung ju haften. ©3 roar hieburch feinenfaEs 
auSgefchloffen, baff gleichroohl fchon oor ©rhalt ber SiegierungS* 
erlaubniS baS Slnroefen ben Käufern — roenn auch mit bem 
borbehalt ber Siücfgängigmachung bei JpanbelS — übereignet 
rourbe. ®aS ©egenteil mürbe auch nicht aus bem 2Jiangel einer 
beftimmung über ben 3iitpunft ber Uebernahme folgen, eben* 
foroenig aus ber Untertaffung beS borbeljalts eines Unter* 
pfanbSrechtS roegen beS KauffchillingS ; auch bie in bem ber* 
trag feftgefegten 3ahfangSbebingungen taffen nicht erlernten, 
bafe ber boHjug beS bertragS oon ber SRegierungSgenehmigung 
abhängig gemacht roorben fei; im ©egenteil roar bie erfte State 


Digitized by Google 



272 ©ntfdjeibungen beä DberlanbeSgeti^t«. 

bei RauffdhiHingl ^ierna^ unabhängig oon jener ©enefjtnigung 
V« 3ai)r nach bem gerid&tlic^en Erfenntnil ju bejahten, welch’ 
lefsterel fofort am 4. Quni 1883 erroirft roorben ift. 

Selbft roenn aber, rote ber berufunglbetlagte jefct unter 
beroeilantritt behauptet, bie Raufer bei 2lb)dhlufj bei Rauf= 
oertragl oom 18./23. SDtat 1883 bie Erlaubnil ber Rreilregie- 
rung jum SBieberoerfauf abroarten rootlten, ehe jte ben Rauf 
ooüjogen, ben jte ohne biefe Erlaubnil nicht haben gelten taffen 
rootten, roenn folchel bainall oon ben Raufern münblidh ertlärt 
roorben unb mit 9tücffidht hierauf abjtdhtlidlj eine beftimmung 
über ben 3eitpunft ber Uebernahme in bem Vertrag roegge* 
taffen roorben roäre, fo roäre baburch eine oeränberte beur= 
teitung nidht gerechtfertigt. ®al roal bie beteiligten bemnädhit 
wirtlich gethan haben, ift bal ©egenteil oon bem angeblich 
beabfichtigten 3uroarten ; benn anberl all ein boUjug bei Raufl 
tann el nach bem Slulgeführten nicht rooht aufgefajjt werben, 
roenn bie Parteien atn 4. 3uni 1883 über ben bertrag ge= 
ridhtlidh erfennen liefen unb bie Raufer allbalb begannen, bie 
erroorbenen beweglichen unb unbewegten Dbjefte auf ihre 
^Rechnung ju oeräufiern, wobei fie fidh im Einoerftänbnil mit 
bem besagten dritten unb ber betjörbe gegenüber all bie= 
jenigen, welche bal gefamte Slnroefen erworben hatten, all 
Eigentümer biefel 2lmoefett! bejeichneten unb gerierten. 2Ran 
müfete, audh roenn bie Erlangung ber 3tegierunglerlaubnil eine 
oon ben beteiligten münblidh oereinbarte bebittgung ober bor= 
aulfefcung für ben befianb bei bertragl bilben foHte, unter 
biefen Umftänben annehnten, baff bie £rabition bei Stmoefenl, 
um ben Raufern fofort bie freie berfügung barüber ju geben, 
fdhoit jefct unbebingt oorgettommen roorben fei *). 

4) ’&afür aber, bajj bie beteiligten, b e o o r bal Ütnroefen 
ben Raufern übergeben würbe, eine Slulnahme hinftdhtlich ber 
nadhmal! oom beflagteit jurücfgetauften ©runbftücfe gemacht 
hätten, fehlt el an einem jureichenben Inhalt. 2Bie nidht be- 
ftritten ift, hatte ber beflagte bei Slbfdhtug bei Raufoertragl 
oom 18./23. 9Jtai 1883 bie ernftliche Slbftdht, fein gefamtel 
1) Cf. Detnburg, I § 215 ©. 494. 


Digitized by Google 



A. in ©imlfadjen. 


273 


befifctum ju oeräußern; nach ber glaubhaften Angabe ber 
Kläger Iiaben ben beflagten baju bie e^elicfjen 3roiftigfeiten, 
in benen et bantall (unbeftrittenermaßen) mit feiner f^ran lebte, 
oeranlaßt. ©et berufunglbeflagte behauptet nun unter be= 
weilantritt, baß fdjon feit 1. ober 2. 3uni 1883 bie Kläger 
bern Seflagten angetragen höben, er foHe einen ©eil bet ©üter 
„behalten", baß fchon in ben erften ©agen nach bem Äaufl= 
abfdjluß unb nor bem gahmiloerfauf bep>. nor bem geriet' 
liehen ©rfenntnil bie ©oentualität befprodjen roorben fei, baß 
Seltagter einen ©eil feiner ©üter behalte unb ber ©egenwert 
oom Kaufpreis abgehe. Mein mit bem bloßen 2tnfinnen ber 
Kläger unb mit ber S3efpre<hung einer bloßen ©oentualität mar 
eine Abmachung ber ■Parteien noch nicht ju ©tanb gefomtnen. 
©ie fraglichen Unterhanblungen fonnten wohl auch nur bal 
bebeuten — unb biefe Sebeutung ift ben Umftänben nach ju 
unterteilen — , el foHe bem Seflagten bie ■Dlöglidhfeit oorbe= 
halten ober auch 33eranlaffung gegeben roerben, bei ber benu 
näd&ft oon ben Klägern oorjunehmenben ©tücfoeräußerung eite 
jelne ©eile bei Inwefenl — bie aber erft noch aulsuwählen 
waren — burch Kauf prüctjuerroerben, toie el benn auch 
fpäter gefchah- ©ine beftimmte ttetauf gerichtete 2lbmach : 
ung, welche in bie 3«ü oor bem 4. Quni 1883 fiele, lann ber 
Serufunglbeflagte felbft nicht behaupten. 2Bäre eine 93erab= 
rebung baljin getroffen worben, 93e!lagter foHe einen ©eil bei 
2lnwefenl behalten, b. h- gar nicht mit übergeben, fo hätten 
bie beteiligten wohl allbalb eine teilweife SBieberaufljebung 
bei Kaufoertragl oom 18./23. 2)lai 1883 oereinbart, nicht aber 
— unb jwar erft am 18. Quli 1883 — einen neuen förm= 
ließen Kaufoertrag abgefdhloffen; leitete beßanblunglweife war, 
folange ber erfte Kauf noch nicht ooUjogen war, feinelwegl 
eine formelle fftotwenbigfeit, ift auch nicht aul 3roecEmäßigfeitl= 
grünben bei ©cßriftoerfafferl, fonbern oiel eher barau! ju er* 
Hären, baß bie Kontrahenten fich bewußt waren, bie Kläger 
unb ihre ©enoffen feien burch bolljug bei gerichtlich betätigten 
Vertrag! oom 18./23. 5Dtai 1883 ©igentümer bei gefamten 
Mwefenl geworben unb el fei für ben beflagten belhalb nötig. 


Digitized by Google 



274 


©ntföeib ungen beä Dberlanbe8getidjt8. 


bie fraglichen ©runbftüde burdh Äauf prüdjuetroerben. Sin-- 
bererfeitä hätte ber Seflagte auch nicht für nötig gefunben, 
einzelne ©runbftüde, roie er am 19. 3uni unb 1. 3uli 1883 
gethan, für fich jurüdjufaufen, unb hätte er nicht ben ©rtrag 
ätoeier ©runbftücfe, roelche er fpäter juriidfaufte, ben Älägern 
abgefauft unb ihnen bejaht; ber formellen Sefjanblung ber 
SBerredhnung ju lieb ift teueres fchroerlich gefdhehen. 

5) Sßenig erheblich erfcheint ben angeführten Momenten 
gegenüber, roenn ber 33eflagte, rote oon biefem behauptet roirb, 
einen £eit ber gahrniS — Sldergeräte — audh nach bem 33er= 
lauf beS SlnroefenS in Slenüfcung behalten hat; mit ber lieber: 
gäbe beä Slnroefen# an bie Käufer ift eä nicht unoereinbar, bafj 
bem 33eflagten ein SCeil beä ©efdljirrs oorläufig noch Jur 33e= 
nüfsung überlaffen rourbe, er mochte beffen jum ©inheimfen 
beä grudjtertragS, ben er oon ben Klägern erfaufte, ober audh 
jur öeftettung ber einzelnen ©runbftücfe, roeldhe er oon bem 
Slnroefen jurüderroerbeit wollte, beburft hoben; benn ba8 le^ 
tere tonnte unbefdhabet ber llebergabe be3 SlnroefenS allerbingö 
fchon halb nachher in Sluäficht genommen roorben fein, ©ben- 
foroenig fönnte auf ben Umftanb, baf? bet öeflagte oor bem 
Äaufäabfdblufj oom 18. Sfuli 1883 — im 3uni — einen ober 
ben anbern ber Sieder, bie er nachher jurüdfaufte, geadert hat, 
ein erhebliche^ ©eroicht gelegt roerben, auch wenn er bie3 für 
fich, nicht, roie er geltenb macht, im Sluftrag ber Kläger ge= 
than hätte; e3 mag jur fraglichen $eit ber fftüdetroerb be3 
betreffenbeit ©runbftücb burdh ben söeflagten immerhin in 3lu$= 
ficht genommen geroefen fein unb berfelbe für alle fjälle bie 
nötige 33eftellung be<3 ©runbftüde beforgt haben. 

VIII. ©inb aber hiernach bie fraglichen ©runbftiide jn= 
nädhft in Söefijs unb ©igentunt ber Kläger (unb ihrer ©enoffen) 
gelangt, fo ift auch bie weitere Sinnahme begrünbet, baff bie: 
felbeit in ba3 ©igentum be3 33 ef tagten juriidübertragen 
roorben finb. 

1. 3» bem Vertrag oom 18./30. 3Euli 1883 ift befümmt, 
bafj ber Grroerber „oon heute an in SefitJ unb ©enufj ber 
SBertragssobjefte tritt". 2Ba£ ben legieren Sluäbrud anlangt, 


Digitized by Google 



A. in Sioilfacßen. 


275 


fo ift eS nic^t gerechtfertigt, hieraus mit bem »origen 9lid^ter 
etwas gegen bie 2lbfid^t ber Kontrahenten ju folgern, ©igen= 
tum — »on welchem nicht bie Siebe fei — $u übertragen. 
®ie jufammengefaßten SluSbrüde : „33efiß unb ©enuß" follen, 
roie auö anbern jur Verlefung gebrachten VertragSurfunben 
erhellt, roohl nichts anbereS bebeuten, als bie Uebertragung 
bes ©igentumS, beffen SRerfmale hiermit erfcßöpfenb angegeben 
roerben wollen. 

®aß freilich bas ©igentum betn ©eflagten fofort über= 
tragen roorben ift, märe burch jene VertragSerflärung noch 
nicht bargethan *). 

2. ©o»iel ift junäcßft außer 3roeifet, baß nach älbfcßluß 
beS KaufoertragS »om 18. $uli 1883 bem Vetlagten ber 
thatfädhliche Vefiß an ben erfauften Objeften überlaffen 
roorben ift; auch ber Unterrichter hätte (eoentueü) bie »or= 
läufige Ueberlaffung ber ®eteution angenommen, er hält es 
jeboch nic^t für wahrfdbeinlicß, baß bie Kläger bem Veflagten 
fofort baS ©igentum haben übertragen wollen, einmal roeil fie 
fich in 3iff- 8 ber VertragSbebingungen bie ©enehmigung bis 
äum gerichtlichen ©rfenntniS unb bis jur ©rlaubniS ber Kreis= 
regierung »orbehalten hatten, fobann roeil ber Seflagte bie für 
bie Kläger befonberS wichtige Verpflichtung ber Surrogierung 
für baS ©emeinberecht nicht erfüllt gehabt habe. 

©ine fofortige Uebertragung beS ©igentumS tonnten 
bie Vertragfcßließenben, wenngleich bie ©enehmigung ber Kläger 
noch »orbehalten unb ber Vertrag infofern ein bebingter war, 
gleichwohl beabfießtigeu unb ßiefür würbe bie erwähnte Ve= 
ftimmung beS Vertrags, baß ber Käufer fofort (heute) in ben 
Vefifc unb ©enuß trete, fpreeßen. SBenn man aber auch im 
#inblict auf ben Vorbehalt in 3iff- 8 anjuneßmen hätte, ber 
©igentumSübergang habe nach bem SBillen ber Kontrahenten 
aufgefcßoben bleiben follen, fo geht es boeß uießt an, auch für 
bie golgejeit baS Verhältnis als ein nur thatiädßlicßeS unb 
»orläufigeS ju betrauten. 

«Sicher ift, baß ber Veflagtc feinerfeits fidß nach bem 3tüdf= 
1) L 20 Cod. II. 20. 


Digitized by Google 



276 


@ntf$eibungen beä Dberlanbeägerid)tS. 


fauf ber Siegenfdhaften, minbeftenS feit bem SK&fdjlufe beS jroeiten 
Vertrags oom 6. 9Jtai 1884, in jeber 3Beife als ©igentümer 
biefer Siegenfdhaften geriert hot, baß er fie animo domini be= 
fafe unb noch befißt. 2BaS aber bie Kläger betrifft, fo ^aben 
auch fie ihren 2BiHen, bem Söeflagten StedhtSbeftfc unb ©igentum 
ju übertragen, oerfdhiebentlidh betätigt. 

2Benn je bie noch auSfteljenbe 9tegierungSgenehmigung, 
mel^e bie Kläger übrigens fieser erroartet ju hoben fdheinen, 
einen SlbhaltungSgrunb für bie Uebereignung an ben Setlagten 
gebilbet hotte, fo mar, nadhbem am 10. 9iooember 1883 jene 
©enehmigung erteilt roorben roar, biefeS |>inberniS roenigftenS 
nach ber 2tuffaffung ber Parteien roeggefaHen. 

®aS gerichtliche ©rfenntniS über ben Sertrag oom 18. Quli 
1883 ift fobann allerbingS nid^t erroirft roorben unb fteljt bieS 
mit bem roeiteren Utnftanb in Serbinbung, baff es bem Se= 
flagten nicht gelang, bie oertragsmäjjig jugefagte ©urrogierung 
für bas ©emeinberedjt burdhjuführen. 

•Jtun ^aben aber bie Parteien am 6. 3Rärj 1884 ben er= 
neuten Kaufoertrag über ben ©raS^ unb Sdumgarten foroie 
roeitere 5 (oon bem ©emeinberedht gleichfalls nicht berührte) 
©runbftüde abgefdhloffen unb fofort über biefen Sßertrag ge= 
ridjtlidh ertennen laffen. SBenn audh biefer legiere Vertrag nad) 
ber Intention ber Parteien infofern nur eine „formelle" Se= 
beutung hotte, als er oon bem Seftanb beS Vertrags oom 
18. 3uli 1883 abhängig fein füllte, fo roeifen bodh bie Um* 
ftänbe barauf fyin, bafj nunmehr bie bem Settagten }utüdoer= 
tauften ©runbftüde, jum minbeften bie in bem Vertrag oom 
6. Stärs 1884 enthaltenen, bem Seflagteit ju ©igentum über= 
laffen roerben foUten. fltach aibfcfjlufj unb gerichtlicher 2jro 
finuation beS Unteren Vertrags hot ber SBeflagte jufotge ber 
mit ben Klägern getroffenen Slbrebe im 3ahre 1884 in bem 
©raS= unb Saumgarten ein 2Bohnj)auS für f i dt) erbaut, roeb 
djjeS für ihn ber Kläger K. gegen Sejahlung im Slfforb er- 
('teilte, unb er hot bemnächft biefeS SohnhauS bejogen. 

SDiefeS &auS hätte ben roirtfdhaftlidhen Siittelpunft für 
ben oon bem Seflagten burdh bie Stüdtäufe roieber erroorbenen 


Digitized by Google 



A. in ®toilfa(§en. 


277 


SCeil feine« früheren Slnroefen«, olfo für fein neue« Nnroefen 
bilben füllen, auf roelche«, einfchlie&Iidb ber weiterhin ju fur= 
rogierenben Objefte , man ba« hälftige ©emeinberecht über- 
tragen rooflte. 

&at alfo ber ©eflagte biefe« £au« im ©inoerftänbni« mit 
ben Klägern al« ba« feinige bezogen, fo fpric^t fd&on bie S$er= 
mutung bafür, baff ihm bamit bie fämtlid^en }uriiderfauf= 
ten ©runbftüde , roenn bie« nidt>t frf»on juoor gefaben, nun= 
mehr übereignet roorben feien. $er 33eflagte t)atte übrigen« 
fd>on junor bie jurüdgefauften gelbgrunbftüde roieber für ftch 
in 33eroirtfd)aftung genommen, befteKt, benüfct, abgeerntet, alle« 
mit 3ulaffung ber Äläger. ®em SBeflagten foHten alfo jtoeifeb 
lo« bie jurüderroorbenen ©runbftüde enbgültig überlaffen roer; 
ben: enbgültig aber in beut Sinn ber ©igentum«tiberlragung. 

Oabei mochte aüerbing« bie Nüdgäitgigmacbung ber lej}= 
teren für ben gaH ber Nichterfüllung ber Surtogierung«ners 
pflicbtung norbchalten fein. Offenbar haben bie beteiligten ba* 
mal« barauf geregnet, bent betlagten rocrbe e« ohne Schroie* 
rigfeit gelingen, bie entfpredjenbe Surrogierung für ba« ©e= 
nteinberedjt ju beroirfen unb bie ©eneljmigung ber übrigen 
®emeinberecht«befi§er ju erlangen, bejüglid) ber am 

6. SJiärj 1884 erfauften Objefte ift ber beflagte al« nottbe- 
recbtigter ©igentiimer bebanbelt toorben ; er mar al« fold&er in 
ben öffentlichen Suchern eingetragen unb hot auf bem non ihm 
neu erbauten §au« ein Unterpfanb befiettt. 6« ift aber nach 
ben Umftänben nicht angenehmen, baff bie Parteien in ben 
beftb= unb ©igentutn«oerhältniffen hinfi^tlich ber oerfdjiebenen 
Born SBeflagten jurüdgefauften Siegenfdjaften einen Uuterfchieb 
gemacht hoben, fo baff lebigtich bie im Vertrag oom 6. 3Jiär§ 
1884 enthaltenen £iegenf<haften enbgültig, bie anberen nur 
oorläufig übergeben fein füllten. 

3. @« fragt fich nun aHerbiug«, ob eine oon ben Parteien 
beabfuhtigte @igentum«übertragung nach beftehenbem © e f e 
roirflidh erreicht roerben fonnte unb beroirft roorben ift. 

a) ®ie Nidhtigfeit eine« Seräuf5erung«üertrag« roegen 
SJiangel« ber in Slrt. 1. 2 be« ©efege« oom 23. 3uni 1853 


Digitized by Google 



278 


Sntfcfietbungen be$ Dberlanbe«geric§t8. 


oorgefchriebenett gornt hätte bie ©igentumSübertragung burdj 
©rabition, roenn anberS biefe oon ben Kontrahenten beabft<h= 
tigt mar, nicht auSgefcßloffen. ©iefe oon bem oormaligen Öber= 
tribunal fd^on angenommene unb bisher oon ber 9techtfprecbung 
feftgeßaltene Anficbt entfpricht ber richtigen Sluffaffung oon ber 
©ebeutung beS UebereignungSoertragS, roelcßer regelmäßig nid^t 
oon ber ©iittigfeit beS bemfelben ju ©runb liegenben 9techtS= 
gefdßäftS, ber causa praecedens, abhängig ift 1 ). ©I barf in 
biefer ©ejießung auf bie Ausführungen im Söürtt. Arcßio 
Sb. XVI ©. 149 ff. oerroiefen roerben. 

®ie ben Verträgen oom 18. guli 1883 unb 6. 3)lärj 
1884 anhaftenben 9Jlängel in ber ©e^eichnung bejto. ber Unters 
fchrift ber Kontrahenten hätten alfo bie beabfidjtigte ©igero 
tumSübertragung an ben ©eflagten nicht oerhinbert. 

b) ©er erftgenannte ©ertrag mar jebocß auch als »er* 
botene ©tüdoeräußerung im ©inn oon Art. 11 beS ©efeßeS 
oom 23. guni 1853 nichtig; unb burcß biefe ©efeßeSbeftints 
mung ift, roie ficß aus ber ©ntftehungSgefchichte berfelben (in 
ber jeßigen Raffung), aus bem groed beS ©efeßeS unb ben 
ftänbifdben ©erßanblungen ergiebt, ein maßreS gefeßlidßeS ©er= 
äußerungSoerbot eingeführt a ). 

©ur<h eine lebiglicß auf ©runb beS ©ertragS oom 18. guli 
1883 oorgenommene ©rabition hätte alfo ©igentum nicht über= 
tragen merben fönneit. Allein, roenn man auch nicht ber Am 
ficht ift, baß burcß bie in ber golge erlangte 9tegierungSge= 
nehmigung bie früher erfolgte ©rabition in einem berartigen 
gatte rüdroärts gültig roerbe 3 ) , fo tonnte boch, nachbem bie 
©rlaubniS ber Kreisregierung am 10. Aooentber 1883 erteilt 
morben mar, oon nun an ein gültiger ©eräußerungSoertrag 
abgefcßloffen roerben. 

1) cf. ©etnburg, ^ßanb. I § 213 ©. 491. Sang, ©.SR. I 
§ 47 IV 3 ©. 268. 

2) Sgl. Serß. bet Rammet bet Abgeotbn. 1851/53, I. öeilagenbb. 
©. 971 ff., Stololoübb. VI ©. 4439 ff. SBüttt. Strcßio Sb. XVI cit. 
©. 162. Sang, ©.SR. I § 16 ©. 114 lit. h. 

3) cf. SB ä d) t e r , SB. $t.9t. II § 86 ©. 662 ff. SDetnBurg, 
S- l § 217 Slot. 7. SBiirtt. Slrd/io 19 ©. 344. 


Digitized by Google 



A. in ©toilfa^en. 


279 


@o fonnte auf ©runb beS flaufnertragS nom 6. SKärj 

1884 unb ebenfo auf ©runb beS 33ergleid)S nom 23. September 

1885 ©igentum übertragen werben unb bie SBerufungSfläger 
machen benn aud) geltenb, baff bie Uebergabe burdf bie beiben 
ermähnten 9ted)tSgcfcbäfte eoentueü erneuert morben fei. 2Bar 
nun, roie anjunehmen, fdjon früher ber ©eflagte auf ©runb 
beS Vertrags nom 18. Quli 1883 in ben — menigftenS faf- 
tifchen — ®efx| ber erfauften Siegenfcfjaften eingefefct werben, 
fo ift ihm ber juriftifche söefifc unb bamit ©igentum baburd) 
oerfchafft worben, bafe ihm bie Kläger jufolge ber weitet ab= 
gefchtoffenen 9te<htSgef<häfte geftatteten, bie ©runbftiicfe für 
fid) ju behalten unb er bementfpredjenb biefelben nunmehr für 
fid) befa§ ; er erwarb bann ben ©efifc, wenn er biefen noch 
nid)t ^atte, „solo animo“, baS ©igentum burdh bie hierauf ge= 
richtete SBillenSeinigung !). 

IX. SDurcf) bie norftehenben ©rwngungett wiberlegt fid) 
bie jefst non ben Klägern nertretene Suffaffung, als hohe es 
fid) hinfi^tli^ ber fraglichen ©runbftiicfe um einen ©igentumS: 
mechfel nur auf bem Rapier, beit ©rwerb eines blofjen „iöud): 
eigctttumS" feitenS ber Kläger gehanbelt; baS S3emu§tfein ber 
Parteien, bafj ein w i r f l i <h e r ©igentumSwechfel ftattgefunben 
habe, ift non ihnen beutlid) jum SluSbrud gebracht worben: 
fo aud) &ei ber ©ehanblung ber SfJachtoerhältniffe. Sßot: 
projefj haben bie Kläger non bem 3?eflagten ©rfafc einer ©nt: 
fdhäbigung oerlangt, welche fie an ben Sßädhter ©• auf bie 
Qahre 1883/85 bejahten mufften, weil ber Seflagte nicht, wie 
er fidh oertragSmäffig oerbinblidj gemacht habe, in baS spadjt= 
oerf)ältniS eingetreten fei. ®er Seflagte felbft hat ju biefem 
Soften erwibert: er habe 22 ÜDforgen auf bie 3eit non 1882 
bis 1885 an ben oerftorbenen ©. um 1700 SK. oerpadhtet ge= 
habt; ben spad)tfd)iHing haben bie Kläger nach ihrem Äauf 
im $erbft 1883 eingenommen; bei feinem Sauf habe 33eflagter 
non biefen ©runbftücfen jwei SDtorgen jurücfbefontmen; er habe 

1) SSgl. ®ernburg, ^5. I § 181 3*ff- 2. 9D3 inbfcOetb , I 

§ 172 a. ©. Sang, I § 47 ©. 263, cf. § 5 ©. 28 f. 


Digitized by Google 



280 


Sntfdjeibungen beS D6erlanbe8geri$t8. 


erflärt: er taufe pac^tfrei unb es fei ©adEje ber Kläger 
geroefen, bie $ad)tlöfung l)erbei$ufüljren. 

©<f)liefjlid) ift f)ier audt) nod(j barouf Ijinjuroeifen, baff unter 
ben am 18. 3uli 1888 an ben Seflagten uerfauften ©runb= 
ftüdfen fidfj ein ©tüd (Sara. 9tr. 86, SBiefe in ben ©eeroiefen) 
befxnbet, roeld&eS bem Setlagten nid^t gehört Ijatte, baS oieI= 
meljr injtt>ifdf|en bie Kläger t>oit ©. i?. mit einigen anbern 
©tüden gegen ißarjeHe 9tr. 60 eingetaufd&t Ratten, $ier fann 
bod) feinenfalls gefagt roerben, ber Seflagte £)abe baS ®runb= 
ftüd ni$t erroorben fonbem bemalten. 

Urteil beS II. ©inilfenats »om 19. Sejember 1895 in 
©adfjen Äaltenbadfj unb ©en. gegen Sauer. 


38. 

Jltdjt brs fUiteigcntümers, unter llmftänben aud) oljnt Juftitm 
ntnng bts anbern Piteigentümew über bie Subftanj ber ge= 
meinfdjaftlidjen Sadje ju oerfügen? 

Sie Seflagte l)at — im (ärbgefd^ofe beS i£>r ju Vi», ber 
Klägerin $u 14 /i« gehörigen Kaufes 3?r. 4 ber ©dbroibbogem 
gaffe in ^eilbronn — bie, roie aufjer ©treit ift, {ebenfalls ge- 
meinfdljaftlidjen UmfaffungSmauern bes if)r jugeroiefenen §au3= 
anteilS behufs .gerftellung neuer bejro. Erweiterung befteljenber 
Sidjjtöffnungen ntefjrfadE) tro$ 3Biberfprud)S ber Klägerin burdb= 
brechen laffen. 2luf Mage ber Klägerin rourbe fie ju $er= 
fteKung beS früheren 3uftanbs unb ju Unterlaffung jeher fer- 
neren auf Surcbbredjung ber 2J?auern abjielenben X^ätigfeit 
uerurteilt. 

Sie ^Berufung ber Setlagten ift $urüdgeroiefen morben 
aus folgenben 

© r ü n b e n : 

Sie Berufung ift unbegriinbet. ©ie fnüpft an an ben 
ber unterrid)terlidben Entfdjeibung ju ©runbe gelegten 9tedl)tS= 
fa§, bafj ber ÜDtiteigentiimer audf) o^ne bie 3uftimmung beS 


Digitized by Google 



A. in ßioilfacgen. 


281 


erobern 2JHteigentümer« über bie ©ubftanj ber gemeinf<haft= 
liefen ©adje bann oerfügen fömte, „wenn bie Veränberung an 
ber gemeinfchaftlichen ©adje für bie legiere ganj unfchäblidh 
fei unb ber anbere SDiiteigentümer fein wirtliche« Qntereffe 
baran habe, ob bie Veränberuitg gef^e^e ober nicht", unb fud)t 
be« weiteten barjuthun, baff biefe oom Unterrichtet o er ne in; 
t e n Votau«fegungen im oorliegenben Fall jutreffen unb fomit 
bie oon ber 33eflagten einfeitig in Singriff genommene 33er= 
änberung (^Durchbrechung) ber in tttebe fte^enben Umfaffung«= 
mauern, beten @emeinf<haftli<hfeit mit ber Älägerin anerfannt 
werbe, trog be« SBiberfprud^ö ber legteren gerechtfertigt fei. — 
®er 9tecbt«fag, „bafs ein SDiiteigentümer einfeitig über bie 
gemeinfcgaftlicbe ©acfje bann oerfügen fönne, wenn bie 33er- 
änberung an berfelben für foldje ganj unfchäblidh fei unb ber 
ttttiteigentümer fein roirfUc^eö Fntereffe baran habe, ob bie 
Vetanberung gefchche ober nicht", finbet fidf nun aber in biefer 
Formulierung in ben Duetten überhaupt nicht unb in ber ©of= 
trin unb fßrapi« nur oereinjelt au«gefprodhen. 

$n ber oom Unterridhter in Vejug genommenen 6ntf<hei= 
bung be« bie^feitigen Senat« ift lebiglich gefagt: „®er ©runb= 
fag, baff ber fttfiteigentüiner bie gemeinfchaftlid^e ©ache auch 
gegen ben SBitteti be« Teilhaber« infoweit gebrauchen barf, 
al« biefer ©eb rauch ber Veftimmung ber ©ad>e gemäfs unb 
bem anberen SDiiteigentiimer nicht fcfjäblich ift, finbet nach rieh* 
tiger, ber Vittigfeit entfprechenber unb oon ber ißrapi« ange= 
nommener Slnficht audh bann feine Slitmenbung, wenn e« fiih 
um Verfügungen über bie ©ubftanj ber gemeinfchaftlichen Sache 
hanbelt, wie eine folche in ber ißflafterung eine« 
g etn einfchaftlichen &oftaum« enthalten ift", unb e« 


1) SBürtt. 3lrcg. 8b. 23 ©. 132, ju »ergt. aueg 3agrb. bet nciirtt. 
StedgtSpftege 8b. V ©. 59 ff. — § 743 Stbf. 2 8.®.8. beftimmt: „gebet 
leilgaber ift jum ©ebrauege be« gemeinfegafttiegen ©egenftanb« inforoeit 
befugt, alss niegt bet Diitgebraucg bet übrigen Seilgaber beeinträchtigt 
wirb"; § 747: „gebet Xeilgabet tarnt über feinen Stnteit nerfügen. lieber 
ben gemeinf(gaftlicgen ©egenftanb im ®onjen !6nnen bie Zeügaber nur 
gemeinftgaftücg oerfügen." Slnm. b. s Jieb. 

3a$rt>üd)er für Sßürttemberg. iHec^topflegc. VI 11, 3. 19 


Digitized by Google 



282 


©ntfcljeibungen bes DberlanbeSgeridjtä. 


ift ftd) ^iefiir berufen auf Hufnagel, ÜJiitt. ©b. 2 6.13 f., 
auf Sang, Sachenrecht I 6. 168 unb Rote, auf 6euffert, 
2trd>. ©b. 24 Rr. 299 unb auf bie Rrt. 67 — 70 ber Reuen 
roürtt. ©auorbnung. 

2Ba3 nun bie neue ©auorbnung aniangt, roeldje überhaupt 
bas Rad)barred)t bei ©ebäuben tu — bem gemeinen Recht 
unb ber alten ©auorbnung berogierenben SBeife regeln rooflte '), 
mithin in 1. Sinie in ©etracht fommt, fo ift in ben „®emein= 
fdjaftlidie 2Banbungen" überfchriebenen Rrtifeln 66—71 gür= 
forge getroffen lebiglich für gemeinfchaftliche Sdjeiberoänbe unb 
e3 ift bie grage, roeldjer bie Rtotioe *) nicht oorgreifen roollten, 
inroieroeit bie in ben airtiteln 67 ff. für gemeinfchaftliche Scheibe: 
roänbe aufgenommenen ©eftimmungen eine Rnroenbung auf ge= 
meinfdjaftlidje ÜJtauern überhaupt julaffen, oon ber Hontmiffion 
ber Hammer ber 6tanbe3fferren s ) nerneint, aud) bereit ©eridft 
bieSbejüglid) fetnerfeitä beanftanbet roerben. gür gemeinfd)aft= 
lidje Riauern anberer Rrt, ald gemeinfchaftliche Scheiberocinbe, 
gilt fjienad) unb, nadjbem burcb 2lrt. 95 ber neuen ©auorb= 
nung bie alte ©auorbnung (6. 36—38) aufgehoben roorben 
ift, fdftechthin baä gemeine Recht mit feinem allgemeinen ©runb= 
fafs, baff „feiner ber ^Miteigentümer auch nur über ben ge= 
ringften SCeil ber gemeinfc^aftlid^en Sache einfeitig oerfiigen 
fönne" 1 2 3 4 5 ). 

2Benn biefem (gemeinrechtlichen) Sähe in bcm HommiffionS: 
bericht ber Hammer ber Rbgeorbneten # ) noch beigefügt ift: 
„Mur folche einfeitige ©erfügungen an ber gemeinfchaftlichen 
Sache roerben oon ben Rechtslehrern ald juläfftg betrachtet, 
roeldje entroeber in notroenbigen Reparaturen ober in für ben 
Rtiteigentümer oßllig gleichgültigen, {ebenfalls 
ganj un f <h ä b l id» en ©e r änbe r un g en beftehen", fo 
fcheint groar legerer ©ah auf ben an bie Spifce geftellten Rechte 

1) 0. Sang, Sachenrecht I § 24 9lote 12; § 8ü 9toie 8. 

2) S. » i h e t , neue allg. Slauorbnung 0. 598 SRitte 

3) 33 i fc e r a. a. D. ©. 595 Söiitte— 596 oben. 

4) Fr. 28 comm. div. 10, 3. 

5) 0. 597 a. a. D. 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfadjen. 


283 


faff IjinauSjulaufen, leinenfatlS aber n>nre berfelbe ein bem Mi fr 
eigentu mSrecht befonberer Sted&tSfah- ©erabe bi eie« 
oerbietet fpejieÜ bie einfeitige ®ur^bred)ung non genftern in 
gemeinfchaftlichen Mauern fdjled^t^in *) unb es ift biefeS ®et= 
bot al$ gemeinrechtliches jumal in ben Motioen ber neuen 
roiirtt. 33auorbnung a ) roie auch in ber »om llnterridhtcr an= 
gesogenen 8 ) ©ntfcheibung anerfannt. 2lud) bei Sang a. a. 0. 
(©. 168) ift roeber im 5Ceyt noch in ben 'Jloten ber ©ah }u 
finben, baf? unfchäbliche Angriffe auf bie ©ubftanj troß 
2Biberfpru<hS beS anbern Seils juläfftg feien. 'Jtur bei &uf= 
nagel, Milt. a. a. 0. unb — unter Berufung hierauf unb 
auf einzelne Sehrbücher — in ben ©ntfcheibungen beS hiefigen 
»ormaligen Obertribunals *) finbet fid) ber ©ah, baß nach bem 
2luSfpruch ber beroährteften fRedhtSlehrer einfeitige SiSpofitionen 
geftattet feien, roenn ber anbere Miteigentümer nicht nur leinen 
eigentlichen ©(haben, fonbern überhaupt lein Qntereffe babei 
habe. SieS lehren beim auch — unter Berufung auf fr. 13 
§ 1 de S. P. U. (8, 2) unb auf Sepfet, niedit. ad. Pand. 
spec. 118 med. 1 c. 1 ogl. mit 3Ö er nt) er, lect. comm. 1. 10 
T. 3 § 7 — £hif’<iut, ißanb. § 128 bei -)tote e unb § 171 
bei 9lote6unb8; ebenfo ©öfchen, S3orl. über gern. ©ioilr. I 
©. 366 3iff- 3 unb bie in ©euff. 2lrd). 24 s J!r. 299 fftote 1 
3itierten. ©anj entfchieben aber fprechen ftch h i e g e g e tt aus 
unb geftatten — unter eingehenbet SBürbigutig ber fritifchen 
©efeheSfteHen (fr. 13 1. c. unb fr. 12 comm. div. [10, 3]) — 
ein einfeitigeS Vorgehen nur unter ber 23orauSfehung brin= 
genbfter Jlotmenbigleit 93 o e t , comm. ad. Pand. VIII, 2,16; 
©efterbing, Sehre oom (Eigentum ©. 46 f.; ©irtanner, 
Xheorie beS Miteigentums in ben Qa^rb. für £>ogm. III ©. 27 f.; 
'Jiuete, bie fHechtSocrh- h‘uf- gern. Mauern (Bremen 1843) 

1) Fr. 40 de P. S. U. 8, 2. 

2) 93 i ^ e r ©. 590 u. 

8) 3n 33anb V 6. 59 ff. ber 3<tf)rf>. ber roiirtt. Stedjtäpflege ner> 
öffentlichen. 

4) Seuffert, 9trd). XXIV, 9tr. 299 91ote 1 91 r. 300; ju oergt. 
roürtt. Streb. XIII, 235. 

19 * 


Digitized by Google 



284 


©nifcfieibungen beä DberlanbeSgetidjtS. 


©. 7 ff., ©. 81 ff.; |)effe, bie 9ted)t£perb. sro. ©utänachb., 
2. 2lufl v ©. 459, 470, 473—474; 2Binbf<heib, $anb. 
§ 169a, 9tote 3 u. 4; 2B achter im 2lrd^. für cio. $r. 53b. 27 
©. 7 ff. unb $anb. 53b. II ©. 27 3iff. 2a; f. auch ©eib, 
3naug.=3)iff. über bie recht!. Statur ber a. comm. div. 5Cü= 
hingen 1882, ©. 42, rooneben Slnbere eine berartige 2lu§= 
nähme überhaupt nid)t ermähnen; f. Sßuchta, ißanb. § 144; 
2lrnbt§, ißanb. §§ 133 unb 320; iörinj, ißanb. § 131, 
176; Söding, ifJanb. II § 139 ©. 35; ®ernburg, ißanb. 
§ 196 lit. b — e. — 

2lu3 bem 53iö^etigen erhellt, bafe jener ©afe in Hufnagels 
ÜDtitt. q. a. 0. nicht ben baä SKiteigentum als folcheS betreff 
fenben, »ielmehr allgemeinen 9te<htägrunbfäfeen entnommen 
roerben müfete. Jjn ber ^h at S'ebt eä unb gab eS eine 9teif)e 
oon Diedhtälehrern, welche ben allgemeinen ©afc auffteüen, baß 
niemanb fein Stecht aus biofeer ßhifane auSüben bürfe, unb 
bafe bieS ber §aH fei, rco fein roirflicheS ^ntereffe an ber 
StechtSauSübung oorltege x ). — Such in ber StechtSfprechung 
rcirb baS Verbot halb angenommen , halb oerneint *). ©ine 
partifularrechtlicfee ©ntfcheibung ber Hontrooerfe ift in SBürt- 
temberg im allgemeinen nicht erfolgt. Stur anläfelich ber ©r= 
örterung ber ftrage beS fog. SteibbauS, beS Sauend „jum 
5£ort unb ißerbrufe beS StachbarS" traten bie SRotioe jur ÜReuen 
allgemeinen Sauorbnung ber 2Bä<hter’f<hen Slnficht bei unb bie 
Äommiffionen ber beiben Kammern erflärten fich hi em ü ein= 
oerftanbcn s ); im ©efefe felbft aber gelangte biefe Slnfidjt nur 
inbireft in 2lrt. 1 bejm. in bem bortigeu 2luSfpruch ber Sam 
freiheit jum 2luSbrucf, roelche lebiglich burcf) SteidbSgefefe ober 
bie in bem gegenroärtigen ©efefee begrünbeten polijeilichen unb 

1) S. bie 3ufammenfteffung non SRero olt in Stafforo unb Rfin|el, 
»eÜT. Sb. 24 ©. 677 ff., Slote 2-5, 7-13. §effe a. a. D. ©. 560, 
561, unb (als ©egner beS SerbotSj inSbefonbere auch SBächter, württ. 
$ 9t. II ©. 194 unb $anb. I ©. 169, 9tote f. 

2) ©. bie 3itat* bei Sßinb f cf)eib , Sßanb. 1 § 121, State 3 a. ©., 
auch StegelSberger, $anb. § 54 III, 2 (Stierte, SeutfdjeS Ißt.Ä. 
§ 36 I. - SetgL jefct S.0.8. § 226. «nm. b. 9teb. 

3) ©. »ifcer ©. 26, 27, 28 lit. c. 


Digitized by Google 



A. in £ioilfa<§en. 


285 


nadhbarredhtlichen Sorfchriften befchränft fei, unb eine Sefdhrän= 
fung roegen ß^ifane ift im ©efe |3 nicht ftatuiert. — @3 fann 
nun bahingeftellt bleiben, ob f)ienad) ba« Verbot ber &f»ifane 
in Württemberg nicht bloß für ben galt beseitigt ift, ba& je» 
ntanb baut, lebiglidh um feinem 3?adE)bar ju fdhaben, fonbern 
auch für ben goH/ baß jemanb au« gleichem ©runbe gegen ein 
Sauroefen ein an fidb begrünbete« @infpradheredht geltenb madht. 
®enn unter allen Umfiänben ift ba« Verbot auf ben gaü ju 
befdhränfen, bafj ein Stecht lebiglidh p bem 3roecf au«ge= 
übt roirb, um einem Slnbem ju fdhaben, roo alfo ber 'Beredt 
tigte an ber 3lu«übung feine« Stecht« fein irgenb roelche« aro 
bere« Qntereffe hat '), e« au« bloßer So«heit au«übt *). ®er 
Seroei« bafür, bafj ber ©egner blofj au« So«heit, blof? um 
bem Stadhbar ju fdhaben, oon feinem fWed^te ©ebrauch macht, 
irgenb roeldhe« anbere Qntereffe bei feinem Wiberfprudh nicht 
hat, liegt felbftrebenb bem oon bem Wiberfprudh ©etroffenen 
ob *). ®iefer Seroei« roirb oorliegenb burdh bie Sluffteüungen 
ber Serufung«begrünbung nidht erbracht (roie näher au«ge= 
führt roirb). 

Urteil be« II. (Sioilfenat« oont 12. Sejember 1895 in 

Sachen Jtohlhammer gegen ©ntemann. 


39. 

|lerpflid)tung jur Führung bts Patjnfdjlittens als prioatredjtlidje 

JUallaft? 

®ie beiben Seflagten finb ©igentümer oon ©runbfiücfen 
auf SDtarfimg ©taubadh, ©emeinbe ©glof«, D.31. Wangen; biefe 
Siegenfdhaften roaren bi« junt Qahr 1892 Seftanbteile eine« 
§ofgut«, roetche« in ben fahren 1828 — 1871 bem Säuern 
3. 3t. ß. gehörte unb nach beffen am 10. Stprit 1871 erfotg= 

1) 6. SBinbfdjeib, ^5onb. a. a. D. 

2) Xernburg, $anb. § 41 bei unb in SRoie 7. 

3) ©. Hufnagel a. a. D. SBinbfdjeib a.a.D. Steroolt a. a. D. 
9tote 13. 


Digitized by Google 



286 


@ntfd)eibungen beä Dberfanbeäsertdjtä 


tcm £ob auf feine £od)tet 2tnna 3J?arie, bie @befrau beS 23e- 
flagten 3-, um eine Uebernaf)m3fumme non 18 000 fl. über= 
gegangen ift. $>et Seflagte 3- f)at burd) Vertrag nom 29. SS<* s 
nuar 1892 einen SCeil beS £ofgut3, inSbefonbere bie ©ebäube, 
an feinen ©dfiroiegerfoljn, ben 33eflagten R., fäuflid) übergeben. 
®aS ben ©eflagten gehörige 2lttroefen befänbet fid) ju beiben 
©eiten ber ©taatsftroffe non fffiangen nad) 3fSnt). ®iefe ©trafee 
füljrt burd) bie Seilmarfungen ©taubad) unb Surg; non ber 
Staatsftraffe jroeigt bei einer Biegung in ber ?täl)e ber ©ren= 
jen ber genannten Seilmarfuitgen ber fogenannte alte ^oftroeg, 
eine öffeuilidbe 23ijinalftrafje, ab. 

®en ©egenftanb be£ SHedfjtSftreitS bilbet bie $erpftid()tung 
jum ©djneebalinen auf biefein „alten iJJoftroeg", foroeit er über 
bie Seilmarfung iöurg füffrt. 

®ie flagenbe ©emeinbe @glof$ behauptet, baff auf bem 
ben Seflagten gehörigen, normale 21. ft.’fdjen 2lnroefen bie 
Saft — als prioatred)tlid)e ffteallaft — rulje, auf ber norbe= 
jeidjneten ©trede beS alten ffJoftrnegS ben 2)al)nfd)litten $u 
führen, unb fiat mit ber gegenwärtigen ftlage ben 2lntrag 
gefteHt : 

burd» Urteil feftjufteHen, baff auf ben ju ©taubadf), ©e- 
meinbe (SglofS, gelegenen ^ofgütern ber S9ef tagten bie 
Saft rufie, auf bem fogenannteu alten fßoftroeg, foroeit 
berfelbe burd) bie £eilmarfung 33urg, ©emeinbemarfung 
(SglofS, flirrt, ben SBafjnfdfjlitten §u fütjren. 

®ie Klägerin grünbet i£)ren 2lnfprud) auf aufjerorbentlidje 
(Srfi&ung unb unnorbenflidbe 33erjät)rung unb §at l)iefür im 
roefentlidjen norgebradjt: 

3n ben Sanbgemetnben beS 2lHgäuS befiele meiftens non 
2llter$ lier bie 6inricf)tung, baff bie Saft beS ©d)neebal)nen$ 
ftredenroeife auf ben ©runbbeftf) nerteilt fei, fo baff ein eiro 
jelner ©runbbefifcer ober aud) mehrere jufammen bas ©djnee* 
bahnen auf einer beftimmten ©trede als Saft auf iljrem ©rnnb-- 
befifs tjaben, roobei benn aud) noch baS iöa^nfcfilittenfü^ren 
einerfeits, bas 23eil)elfen burd) ©dpieefdjäufeln anbererfeits auf 
nerfdjiebenem ©runbbefifj rul)e. ©o fei es aucl) in ber ©e= 


Digitized by Google 



A. in ßioilfadjen. 


287 


meinbe Eglofl feit unoorbenflicher 3ett. Sie Sdjneebn&tilaft 
fei ebenfo rote früher bie 2Begbaulaft jroar junt 5£eil fo ge* 
regelt, baff bie @runbbefi|er einer Seilmarfung bie barin 
liegenbe SBegftrede $u bearbeiten haben, jum Seil feien aber 
aud) Streden aulroärtiger ^arjellen manchen ©utlbefifcern ju- 
geteilt. Sie ganje Einteilung, beren Ursprung nicht mehr bt- 
fannt fei, beruhe nicht auf bem fprinjip ber IRarfungllaft, )ott= 
bern auf bem Streben nac^ gerechter unb jroecfmäfeiger 33er-- 
teilung ber gefamten Saft, giir oerpflichtet gelte ber einjelne 
©runbbefi^er all folget ohne Stiidficht barauf, ob er getneinbe- 
bicnftpflichtig fei ober nicht, unb ohne 3iüdf fid^t auf ben fair 
grohro uttb ©emeinbebienfte geltenben SDia&ftab. Sie Ortl; 
polijeibe^örbe überwache bie Ausführung. (9tur bal Schnee* 
bahnen auf ber Staatlftrafje roerbe oon ber ©emeinbe beforgt.) 
Sei biefem 3 l, rtanb tnüffe bal Sorliegen einer SReallaft ange* 
nommett roerben. Sie ©emeinbe fei nad) öffentlichem Siecht 
roegen ber ihr juftehenben Serroaltung ber Drtlpolijei ^u Se= 
feittgung ber Serfehrlhinberniffe oerpflichtet, el ftetje aber nidjtl 
im 2Beg, bah bie ©emeinbe biefe Arbeit auch im 353eg einer 
prioatrechtlicben Steallaftberechtigung oornehmett laffe, welche 
im oorliegenbett gall ber ©emeinbe juftehe, roogegen bie ©runb* 
befifcer prioatrechtlich oerpflidhtet feien, gn biefer SBeife haben 
auch inlbefonbere bie Steuer ber in bem Klageantrag genann- 
ten Siegenfchaft oon jeher , roeit über äJienfchengebenfen, bal 
gfihren bei Sahnfd)littenl auf ber im Klageantrag bejeidhneten 
SBegftrede ju beforgen gehabt unb el auch in jebem Söebürf- 
nilfall unweigerlich beforgt; fo auch ber Seflagte g., feit feine 
Ehefrau bal Jpofgut ertoorben habe, bil jum SBinter 1886/87, 
in welchem er erftmall feine Serbinblichfeit beftritten habe. 

3utn Seroeil für bal behauptete jfjerfommen hat bie Klä* 
gerin eine ffteihe oon 3engen benannt. 

Sie Seflagten haben bal oon ber Klägerin behauptete 
^etfommen beftritten unb jebe restliche Serpflidhtung i^rer- 
feitl in Abrebe geftellt. 

Sie Klage ift abgeroiefen unb bie ^Berufung jurüdgeroiefen 
roorben. Aul ben 


Digitized by Google 



288 


©nifdjeibungen beä DberlanbeSgeticbtS. 


© r ii n b e n 

beS VerufungSurteilS : 

2. 3>ie 3^äffi8feit beS 3tec^tSroeg§ für bic erhobene 
Klage ift nid^t in ©treit gezogen roorben unb fte ift auch nicht 
ju bezweifeln. Sßenn für beit begriff ber bürgerlichen 9techtS= 
ftreitigfeiten bie Statur beS StechtSoerhältniffeS mafigebenb ift, 
aus welchem ber Slnfpruch abgeleitet roirb 1 ), fo ift im oor= 
liegenben gaE bie priuatre<htli<he Statur beS 9te<hts»erhättniffes, 
welches nach bem Klagenorbringen bem erhobenen Slnfpruch ju 
©runb liegen foE, aujjer grage. Stealtaftberedjtigung, 
beren geftfteüung beantragt roirb, würbe ber ©etneinbe ©glofs 
als forporatinem StechtSfubjeft juftehen, ^ätte ihren Ste<htS= 
grunb nicht in einem ©ubjeftionSnerhältniS ber Verpflichteten 
ju bem öffentlichen ©emeinroefen, fonbern in einem prioatredht= 
liehen ©rroerbstitel unb ber fragliche Slnfpruch h ätte nach ber 
$>arfteEung ber Klägerin, auch roenn er urfprünglüh in bem 
öffentlichen Stecht einer früheren 3eit rourjeln foUte, infolge 
einer neueren StechtSgeftattung bie Statur eines (prioatrechtlich 
gefehlten) gnbinibuatrechteS angenommen ®). 

Stuch burch bie Verteibigung ber Veflagten, roenn anberS 
biefer ein ©influh auf bie 3uläfftgfeit beS ginilrechtSroegeS 
einjuräumen ift, roirb bie leitete im gegenwärtigen gaE nicht 
in grage gefteEt. SBäte bie non ihnen befirittene Steallaft, roie 
fie non ber Klage geltenb gemadht roirb, begrünbet, fo hätte 
ber Stifter einen prioatrechtlichen Stnfprud) als beftehenb feft= 
pfteEen; ift biefelbe nicht begrünbet, fo ift bie Klage, roie in 
ber Vorinfianj gefaben, nicht etroa roegen Xtnjuläffigfeit beS 
StedjtSroegS, fonbern als materieE unbegrünbet abjuroeifen. 

3. ®ie Veflagten haben auch bie „Slftinlegitimation" ber 
Klägerin beftritten. ^ierburdf» ift inbeS nicht ein befonberer 
©treitpunft ton felbftänbiger Vebeutung gefdjaffen. ®ie 3lf= 
tinlegitimation roäre mit ber (Syiftenj beS behaupteten Slnfpruch'S 
felbft, welcher eben ber ©etneinbe ©glofs juftehen fofl, gegeben. 

1) SgL ßfaupp, Sorbemerlg. pr S.^S.D. Sb. I 6. 4 ff. 

2) Sgl. ©arroetj, SBiirtt. ätrdji» XV ©. 83 ff. @aupp a a. D. 
©. 5. 


Digitized by Google 



A. in Sioilfadfen. 


289 


4. Ser fogenannte alte 'fßoftroeg ift eine öffentliche 33ijinal- 
ftraße — über bereu StedjtSoerhältniffe unb gegenwärtige Be= 
ftimmung inbeö Dtä^ere^ oon ber ßlägerin (abgefeßen non ber 
Behauptung, e$ fei ein ©emcinberoeg) nicht oorgetrageu roor= 
ben ift — , alio jebenfallö ein öffentlicher äBeg, oermutli<h 
frühere 3taat$ftraße. 

Siadh bem in SBürttemberg geltenben öffentlichen Siecht ift 
baö Schneebahnen auf ben öffentlichen Straßen eine allgemeine 
polizeiliche Berbinblichfeit ber ©emeinben. 

Schon nach älteren Berorbnungen haben bie ©emeinben 
bann, roenn ber allgemeine Betfehr auf ben öffentlichen Straßen 
burch eine Blaffe gefallenen Scßneeä gehemmt ober fehr er= 
fchmert roirb, für ba8 Schneebahnen ohne Stiicf ficht auf bie 
Unterhaltung-ipRicht ber öffentlichen Straßen „auö ben ©riin* 
ben ber gürforge für bie eigenen Angehörigen foroohl al$ ber 
allgemeinen bürgerlichen unb menf glichen SBechfelfeitigfeit" ju 
forgen, roogegen baö Abfcßäufeln beö S<hnee$, foroeit eö pr 
©rljaltung ober Steinigung ber Straße erforbert roirb, ©egem 
ftanb ber ^nrforge SeSjenigen fein foU, bem bie Unterhaltung 
ber Straße obliegt '). 

Sie Obliegenheit ber ©emeinbe, bei pfanimengefefcten 
©emeinben ber ©efamtgemeinbe, für ©ntfernung oon S<hnee= 
maffen burch Bahnen ber öffentlichen Straßen, begleichen für 
Abräumung ber etroa beö Sdßneebahnenö unerachtet auf Staate 
ftraßen fich anfammelnben Blaffen oott Schnee ober ©iS zu 
forgen, ift roieberholt, auch burch Entfärbungen bes ©eheimero 
ratS (oom 2(5. Btai 1833, 13. Biai 1837, 2. September 1846, 
9. Siooember 1858/18. April 1859) anerfannt unb hiebei auö 
ber ber ©emeinbe pftehenben Berroaltung ber OrtSpolijei 
abgeleitet roorben, oerntöge beren bie ©emeinbe oerpflichtet fei, 

1) ©eneralreffripte ooin 30. Sejember 1605 unb 3. gebruar 1784 
bei Stepfcfjer, ®efeße*fammluiig XII ©. 601, XIV 995. 'JJlinifteriaU 
erlaß oom 4. Quni 1833 (I. ®rgj. Sb. jum 3ieg.>Sl. S. 266). 

2) Sgt. SBiirlt. Slrcßiu Sb. V ©. 427. ®aupp, SB. ©taatSrerfit, 
2. Sufi. § 93 3. 325 3iote 4, SmtSblatt be« Ä. »linifteriumg be« 3n= 
nein oon 1877 ©. 64 ff. 


Digitized by Google 



290 


©ntfdjeibungen be« 06erIanbe«gerüf)tS. 


für SSieberherfteHung be! burd) flfaturereigniffe gehemmten 
gefahrlosen Verfeljr! auf öffentlichen ©tragen ju forgen ')• 

®a! ©chneebahnen auf öffentlichen 9?a<hbarfd)aft!n)egen 
ebenfo roie auf ©taat!ftrnhen ift eine öffentliihrechtliche (polU 
jeiliclje) Aufgabe ber ©emeinben. 

5. Xie Klägerin giebt bie! aud) an fid) unb fpejiett mit 
fRüdftdht auf bie in grage fiehenbe ©trafce grunbfählich ju ; 
fie behauptet unb begriinbet aber einen prioatrechtlichen 5än= 
fprud) ber ©emeinbe (Sglof! gegen bie ©runbbefi&er in ben 
VarjeHen be! ©emeinbebejirf! baljin : e! ftelje nid)t! im 2Bege, 
baß bie ©emeinbe bie Arbeit be! ©chneebahnen! mie burdj 
öffentlid)re<htliihe ©emeinbebienfte ber ©imoohner ober burdj 
prioatrechtliche ©ienftmiete fo auch im 2Bege prioatrechtlicher 
9ieallaftbere<f)tigung oornehnten laffe ; eine foldje fReallaft nun 
befiele in ber ©emeinbe ®glof! feit unoorbentlichen 3«tten, 
fo jjtoar, baff berechtigt bie ©emeinbe, oerpflichtet bie ©runb= 
hefiger als folche feien, unter melden bie liaft be! ©<hnec= 
bahnen! in beftimniter 2Beife — ftreefemoeife — nach altem 
^perfommen oerteilt fei. 

Xie abftrafte SJJöglidjfeit eine! berartigen 9tedf)t!oerhält= 
niffe! Iaht fid» nicht beftreiten. 2)ie fragliche Verpflichtung 
hätte, menu fie al! prioatrehtliche auf bem ©runbbefitj ruheitbe 
toirflich beftanbe, ben ©harafter einer flieallaft. 2>en ©egen= 
ftaub einer fReallaft fönnten folche im VebürfnüfaH ju leiftenbe 
2lrbeit!bienfte wohl bilben unb berechtigt ju einer 9teallaft 
fann eine juriftifd^e ißerfon, ber ©taat (fiscus), bie ©emeinbe 
fein. ®! ift fobann and) bei un! gefefclich möglich, bah eine 
Verbinblidjfeit, ruelche fonft geroöhnlich einem öffentlichen Ver= 
banb, einer politifchen ©emeinbe obliegt, oermöge eine! be= 
fonberen prioatredjtlichen Xitel! ober |>erfommen! oon einer 
britten ißrioatperfon ju erfüllen ift ; fo fönnen prioatrechtliche 
Verbinblichfeiten oon ©runbbefifcern ju Unterhaltung öffeitt^ 
liehet 3ßege beftehen unb fönnen ®ienftleiftungen für öffentliche 
3ioede einjelnen ©emeinbegliebern ober ©runbbefifcern au! 

1) »gl. SBürtt. «reffir Sb. 5 ©. 427 ; ©au pp, 2B. ©taatSr. 2. Slufl. § 93 
©. 325 3lote 4; Amtsblatt bei SRinift. bei 3nnern oon 1877 ©. 64 ff. 


Digitized by Google 



A. in Stoilfadjen. 291 

prioatrechttidhen ©rünben, 3 . V. auf ©runb eines jRealgemeinbe= 
rechts, obliegen *). 

6 . ®ie Älägerin ^ätte aber ben ©rroerb unb ben Inhalt 
beS behaupteten DteditS unb jroat als eines prioatrec^tlidjen 
ju beroeifen. ®ie beruft fidh, inbetn fie jugiebt, baft ein SfedjtS: 
titel für bie ©nttebung ber IReallaft nicht nachweisbar fei, auf 
aufierorbentlicbe ©rfifcung unb utioorbenfliche Verjährung. @S 
ntag baoon ausgegangen werben, baß nicht bloß bie unoorbenf= 
liehe 3 eit für ben ©rroerb oon Steallaften geltenb gemacht roer= 
ben, fonbern, roie bie roürttembergifche IjkapiS in 2lnroenbung 
bet ©eroitutengrunbfäße annimmt, eine Steallaft, foroeit über-- 
haupt bie Uleubegrünbung einer folchen gefe^lich nodh juläfftg 
ift, auch burch © r f i ß u n g erroorben werben fann *). Unb eS 
mag weiterhin unterteilt werben, eS fei burch bie in erfter 
Snftanj erfolgte 3 eugenoerncbmung ber ©achoerbalt thatfädh^ 
lid> erhoben: bat in ber ©emeinbe ©glofs feit unoorbenflicher 
3eit baS Schneebahnen auf ben öffentlichen VacbbarfcbaftSroegen 
oon ben ©ruitbbefißern, oon jebern entroeber auf einer be= 
ftimmten ©treefe allein ober auf einer ©treefe mit anberen 
©runbbefißern berfclben ifJarjelle gemeinfd&aftlidh, geleitet wor= 
ben fei in ber Meinung, Ipeju oerpflichtet 3 U fein; baß in biefer 
SBeife fpejieH bie ©runbbefifcer ber ^arjelle ©tnubach unb fo 
auch bie Veffagten, bejw. ihre DtedhtSoorgänger auf ber ftrei= 
tigen SBegftrecfe bis in bie neuefte 3 ß it (1885) ben $ 8 ahn= 
fchlitten geführt unb fi<h tjieju für oerpflidhtet erachtet haben. 

7. 2Kit biefem VeroeiSergebniS ift jebodh bie ©piftenj einer 
prioatredhtlidhen Steollaft noch feineSroegS bargethan. 

a. ®ie in $rage fte^enben SDienftleiftungen, baS ©<hnee= 
bahnen unb ©dhneefchäufeln auf öffentlichen äiiegen, haben un= 
oerfennbar ben ©ßarafter ÜOIt 3 r 0 h n e n / baS finb perfön: 

1) SJergl. Sang, ©.Sl. I § 17 <3. 97, 98 lit. c. ©arme 9 im 
SBürtt. 91td)io Sb. 15 ©. 84 ff. SBürtt. ©eridjtSBlatt VIII ©. 347. 
SBürtt. Strdjiu 19 ©. 443. SRer. @emeinbebürgerred)tägefet; t>. 4 ®ej. 
1833 Strt. 5 ©. ©efefc 00 m 16. (Juni 1885, betr. bie ©emeinbeanget)örig= 
teil (SRegbl. ©. 257) Strt. 62, Stnmerfg. @. 279. 

2) Sang, ©.3i. II § 133 ©.62 3iff. 3. SBürtt Slrd)io IV S.417. 


Digitized by Google 



292 


©ntfcheibungen be$ Dberlanbeägeticfitä. 


liehe förperlidhe Sienfte, rodele unentgeltlich (ober bod> nur 
gegen eine mit bem HBert in feinem Sßer^ältniö fieljenbe ©egen-- 
leiftung) ju oerrichten finb *). 

Sie grohnen haben nach ihren oerfchiebeiten ©ntftehungS- 
unb 5tecbt$grünben uitb nach ber ißerfon beö ^Berechtigten eine 
oerfchiebenartige rechtliche Hlatur. 'Jta<h bet leiteten Htidjlung 
hat man meift unb fchon oon HllterS her unterfcfjieben : £anbe& 
frohnen — ©emeinbe= ober Äontmuitalfrohnen — ^perrenfrohneit 
(auch ©ut§; ober ©ültfroljnen). 

Sie ©emeinbefrohnen haben ihren Urfprung in bem ©e= 
meinbeoerbanb ober weiter jurücE in einer SÖtarfgenoffenfchaft; 
bie ©utsfrohneit finb eittfprungen entroeber au3 ber mittelalter- 
lichen 33ogteihörigfeit ober ©nt*herrichaft, ober beruhen fie auf 
einem £ehen3oerhältni3 ober auf Vertrag. SBeun aber ähn= 
liehe @ntftehung£grünbe jum Seil bei ber einen toie bei ber 
anberen Hirt ber Johnen eingeroirft haben mögen, fo gehören 
hoch nur bie leiteten, bie ©utäfrohnen, bem iß rin at recht an. 

Sie hiernach [ich ergebenbe, freilich erft oon ber neueren 
HBiffenfchaft fchatf begrenzte (Einteilung in öffentliche unb ißrb 
oatfrohnen tritt hoch fchon ju Hinfang biefeS i^ahrhunbertä her= 
oor, (ebenfalls finb fchon früher bie nach heutiger s Jte<ht§auf= 
faffung öffentlichrechtlichen ©emeinbefrohnen beftimmt oon ben 
©utSfrohnen (in SBürttemberg auch „lagerbüchlichen") grohnen 
unterfdhieben raorben“). 

b. §ier nun liegt oon oomherein, ba ba3 ©chneebahnen 
öffentlichen ßroeefen bient, im allgemeinen Qntereffe liegt, bie 
Hinnahme am nächften, bah es fi<h bei ben fraglichen Sienfb 
leiftungen um Äommnnalfrohnen hanbele ; biefe mögen entroeber 
fchon oon Hinfang an auf bem politifcfjen ©emeinbeoetbanb be= 

1) 2)iittermaier, 2). fßr.9t. I § 191 6 . 514 f. ©tchhorn, 2). 
$r.3t. § 248 6. 617. »efeler, 25. $r.9t. I § 98 ©. 423. SEßalther, 
2). $r.9t. § 536 ©. 609. 

2) Cf. g. 91. ©. Söed Berlin, 2)arfteHung bet ©rutibfä^e , nach 
welchen grohnbienfte tc. auäjuteilen unb auSjugletthen finb. 1798. § 10, 
S.ll ff., § 31 ©. 32 ff. SBeUfjaar, 2B. ^rioatrecht, 1. Hufl., I § 387, 
S. 394. 5t e 9 f ch er, 9B. 5ßrioattecht I ©. 459 § 258. ©erber, 2). 
^Srioatrecht § 186/ 9iote 2. 


Digitized by Google 



A. in (Su>ilfa$en. 


293 


ruhen, roaS um fo eher möglich märe, als bie ©emeinbe @g= 
lofS fc^on in alter 3eit ein politifdheS ©emeinmefen gebübet 
hatte ’) , ober auf eine ehemalige SJtarfgenoffenfchaft jurödtju* 
führen fein. — ©S fiub freilich auch anbere ©ntftehungSgriinbe 
ber in gtagc fteljenben SBerpfUchtung bentbar. 

Sßenn ber 3euge ®- Ä. fich „fdhon gebadet hat", es roerbe 
in allen 3eiten ein Vertrag jroifd^en ben &ofgutSbefifcern 
abgefchloffen roorben fein, fo läßt fich baS in ber 2:f)at hören; 
bie abgelegen unb jerftreut ftfcenben $ofbauern ber ©emeinbe 
©glofS, welche behufs ber ©rmöglidhung be^ 33erfet>r^ jur 
SöinterSjeit auf nachbarliche Beihilfe angeroiefen maren, modh* 
ten baS gegenfeitige Schneebahnen einanber jugefagt ober es 
mag auS einer ursprünglichen nachbarlichen ©efäHigfeit fich ein 
$erfommen gebilbet haben; ein folcheS 9ied>t märe bann aller* 
bingS ein prioatrecbtlidheS , aber nicht ein ber ©emeinbe 
©glofS, fonbern ben betreffenben £ofbauern ober SßarjeHiften 
äuftehenbeS. SBemerfenSroert ift immerhin, baff nadh bem fchult- 
heifjcnamtlichen ^rotofoll oom 20. ©ejember 1889 bie i|kr= 
jeHiften oon 53urg unb bie auf ber SJtarfungSparjeUe Surg 
begüterte fürftlich Söinbifchgräh’fche Sotnänenoerroaltung es 
gerot’fen finb, roeldje bamals als Partei gegenüber ben Sie* 
flagten auftraten uno gegen bicfe gerichtliche Silage ju erheben 
befchloffen. Sluch baS ift nidht ganj auSgefdhloffen, bafj bie 
fraglidhe groljnpfücbt mit ben früheren guteherrlichen Verhält* 
niffen im 3ufantmenhang ftuub. 2UX baS aber finb blofje 2Rög= 
liöt)f eiten, roeldbe überbieS nidht für, fonbern eher gegen ein 
ber Klägerin juftehenbeS Siecht in betracht {amen ; als bie 
roahrfcheinlichfte Sinnahme brängt fich rote ermähnt bie auf, baff 
bie SBerpflidhtung jum @dhneebaf)nen eine alte ©emeinbe* 
frohnpflidht fei. 

8. Inch bie 33etufungSbegrünbung fniipft an einen ©nt* 
ftehungSgrunb ber leiteten 3lrt an, giebt roenigftenS bie 2)tög* 
lichfeit ju, bafe in oorroiirttembergifcher 3 e 'i bie fraglichen 
Saften als Stealfrolmen gegenüber ber übrig feit, alfo — 
nach heutiger Sluffajfung — als foldhe oon öffentlichredhtlicber 
1) ©. hierüber Qberami3bcfd)teibung oon SBangen ©. 162 ff.— 168. 


Digitized by Google 



294 


©ntfdfeibungen be8 DbertanbeSgerichtS. 


Vatur bejeidlmet roerbeit fonnten. Sie Folgerungen aber, burdh 
roeldhe bie Berufung gleid>rool)l ju einer je^t beftehenben prU 
patrechtlidhen Steallaft gelangt, berufen jum Seil auf unju* 
treffenben Vrämiffen unb finb feinenfalll föhliiffig. 

SBenn im Fahr 1806, als ©glofl mit Siggen julefct ein 
Seil bei SReichlfürftentuml SBinbifd^gräg *) an SBürttemberg 
fam, bie Schneebahnlaft all öffentlichrechtliche ©emeinefrohn* 
Pflicht beftanb, fo traf biefer guftanb bei (Einführung bei roürt* 
tembergifchen Siebtel bafelbft nicht auf eine ©efefsgebung, 
roelche „feine anbere öffentlidhrechtliche Verbinblidhfeit jum 
Schneebahnen gefannt hätte, all biejenige ber ©emeinbe". @1 
barf hier nur nicht bie Verpflichtung ber ©emeinbe, für bal 
Schneebahnen Sorge ju tragen, oermengt roetben mit einer 
Verpflichtung oon Vrioatperfonen, ©emeinbegenoffen, bie juni 
©chneebahnen erforöerlühen Sienfte ju leiften. Fene Obliegen* 
heit ber ©emeinbe, all eine folche ber ^ioliseioernjattung, be= 
ftunb aller bingl im 3ahre 1806 bejto. 1807 in 9l£t=SBtirttem= 
berg. Sagegen fannte auch bamall bal toürttembergifdhe Stecht 
anbererfeitl Äonuuunalfrohnen ber ©emeinoebiirger bejn). *Vei= 
fifeer unb biefe lefctere Verpflichtung mar, — ift jebenfaHl nach 
neuerer Siedhllauffaffung oon öffentlichrechtlicher Statur. Sie 
Unterteilung aber, el habe in Sßürttemberg feine folche Froh* 
neu mit bem fpejififchen Inhalt bei Sdhneebahnenl ober 
©chtteefchäufelnl gegeben, ift burch nichtl gerechtfertigt ; gerabe 
biefe Sienftleiftungen mögen ein nicht feltener §<>0 ber Äom* 
munalfroljnen geroefen fein; auch jefet noch fönnen fie ben 
©egenftanb oon ©emeinbebienften nadh 2lrt. 47 — 54 bei ©e= 
fefcel oom 15. Funi 1885, betreffenb bie ©emeinbeangehörig* 
feit, bilben. Sie ©emeinbe felbft all furiftifdhe V er fon ober 
all Organ ber Volijeigeroalt fann ja bie Arbeiten, beren Ve- 
forgung ihr obliegt, nicht thatfächlidh aulführen , fie bebiente 
fiel) h‘ e äU/ fomeit el gefe^lich jugelaffen unb im Ortlftatut ober 
burch §erfommen fo geregelt ift, namentlich ber ©emeinbe* 
frohnen (©emeinbebienfte). So oerhält el fich auch iefct noch 
V. hint^htlid) ^ilfeleiftung bei VranbfäHen. 9ta<h beit Ve* 

1) Cf. Dteramtäbefcfjmbung oon äBangen ©. 168 ff. 


Digitized by Google 



A. in £iDi(fa$en. 


295 


ftimmungen ber Sanbeöfeuerlöfdhorbnung pom 7. 3uni 1885 
(SRegbt. ©. 250) 2lrt. 35 liegt bie 2lbräumung unb Abführung 
be« Vaufd&uttS pom Vranbplabe ber ©emeinbe ob; aber 
„berufe ber Erfüllung biefer Verbiublidifeit fann ber ©emeinbe» 
rat ben fämtlichen erroachfenen männlichen Einwohnern bie Sei» 
ftung pon ^anbfro^nen unb ben fämtlichen Vefi&ern pon 3uG : 
tieren ©pannfrohnen auferlegen". 

®ie etwa au« ber oorroiirttembergifchen 3eit herftammen» 
ben ©emeinbefrohnen fonnten auch unter ber |>errfcbaft ber 
roürttembergifchen ©efe$e ungehinbert fortbeftehen. ©iefelben 
wären burd) bie 3lblöfung«gefe^gebung: II. Ebift Pom 18. 9io» 
pember 1817 3<ff- V, ©efefc Pom 14. 2lpril 1848, betreffenb 
bie Vefeitigung ber auf bent ©runb unb Voben ruhenben Saften, 
Slrt. 1, 2, ©efefc oom 24. 2luguft 1849, betr. bie Erläuterung ic. 
beS @ef. potn 14. 2tpril 1848, nid)t aufgehoben ober auSge» 
fcbloffen roorben, wie benn auch in bem ©efefc oom 28. Dftober 
1836, betreffenb bie Slblöfung pon Drohnen, burch 2lrt. 1 pon 
ben Veftimmungen biefe« ©efefces ausgenommen finb: bie 
grolmen unb groljnfurrogate, welche für ©taats», Äirdhen», 
©hui», ©emeinbe» ober aitbere ÄörperfdhaftSjroede ju lei» 
ften finb l 2 ). 

®ie ©emeinbebienfte finb in ben ©efefcen über ba« ©e» 
meinbebürgerrecbt oom 15. 2lpril 1828 2lrt. 52 ff. unb pom 
4. SDejembet 1833 2lrt. 56 ff. unb fdjliefjlid) in bem ©efefj 
oom 16. Quni 1885, betreffenb bie ©emeinbeangeljörigfeit, 
2lrt. 47 ff., neuerbing* normiert roorben unb e« rourbe bei ben 
Vorarbeiten ju teuerem ©efefc ftatiftifdj erhoben, bafj im 3at)re 
1876 nod) in jahlreicben ©emeinben be« SanbeS unentgeltliche 
9iaturalfrobnen beftanben *). 

®ie pon ben 3^ugen im oorliegenben $all beftätigte be» 
fonbere Verteilung ber Verpflichtung jurn ©chneebahnen 
unb »fhäufeln fteht ber Sinnahme pon ©emeinbebienften feine«-- 

1) SSgl. Segfther, 20.flt.31. I § 261 ©.468. ©djroarj, ©runb» 
ablöfungägefefc ©. 42 f., ©. 92. 

2) Sfterfmnblungen ber flammet ber Stbgeorbn. 1888/85, Diotioe, 
I. Sleilagenbanb ©. 435, Aomm.»23eri<bt I, 2 ©. 714. 


Digitized by Google 



296 


@ntfcf)eiöungen beä DbetlanbeSgenc^tS. 


roegS entgegen. ®ie ©efefce ließen nach biefer 9Udf)tung beit 
©emeinbeftatuten unb =Db|eroanjen einen weiten Spielraum '). 

9. Sfeatlaften im prioatredhtlicben Sinn roaren unb finb 
bie ©emeinbefrohnen nicht. ©3 fann fiel) fogar fragen, ob 
biefe ®ienfte, aud) roenn fie non ben ©runbbefijjern ju leiften 
finb, al§ eine bin gliche Saft anjufehen feien, ©ine Stecht^ 
oermutung, wie fie ba>3 grohttablöfungSgefeh oorn 27. Oftober 
1837 für bie perfötilidbe, gegen bie binglidje ©igenfdjaft ber 
Saften in 2lrt. 4 unb 5 felbft für ben gall ftatuiert , roenn 
bie ©emeinbegenoffen an ber irrten obliegenben grohnoerbinh 
liebfeit nicht nach gleichen teilen, fonbern nach bem Umfang 
ihres ©runbbefifceS teiljnne^men haben, roirb auch in ber 
SE^eorie bee ®eutf<ben ißrioatrecbtS aufgefteflt *). 

®er Umftanb, baß, roie einige ber 3 eu 9 en angegeben 
haben, auch grauen jum Schneebahnen oerpfliebtet feien unb 
baß, roie einer ber 3 eu 0 en ßlaubt, burd) Äranfheit bie S8et= 
pflicbtung nidjt aufgehoben fei, roäre roeber für bie Einnahme 
prioatrecbtlidher noch auch nur für bie einer beglichen ©igero 
fdhaft ber Saft oon erheblicher 93ebeutung. 2Benn grauend 
perfonen nach früheren ©efefcen (ogl. reoib. iöurgerrecbtSgefeb 
oon 1833 3lrt. 59 3- 1/ bagegen roieber ©efe§ oom 16. guni 
1885 2lrt. 48 3lbf. 2) oon grohnbienften befreit roaren, fo 
fonnte bieS in ©glofg herfömmlich anberS geregelt fein. Äranf-- 
heit befreit auch nach ben älteren ©efefcen nicht fcßlechthin oon 
ben ©emeinbebienften (©efeh oon 1833 3lrt. 58 Slbf. 3, ©efefc 
oon 1855 2trt. 51). 

10. ©in unberechtigter Sprung in ber Argumentation ber 
Klägerin ift es aber, roenn fie fchließt: eine früher öffentlich 
rechtliche 33erpflichtuug ber ©emeinbeangehörigen habe fi<b, nach 
bem ©glofs roürttembergifdh geworben, in eine prioatrechtlidbe, 
eine foldhe gegen bie ©emeinbe als 9tecbtS= unb SSermögenS* 

1) Slgl. fiommunotorb. ». 1. 3 uni 1758 Jtap. 9, 3 a, §§,6 ff. S5ßed= 
hertin a.a.D. § 21 ©. 32, § 28 ©. 41. 2Kot)l, £iaat$red)t II § 150 
©. 134 f. ©arroep, SBiirtt. ©taotSredEit I § 54 ©. 231. 

2) Stittermaier, S. § 190 ©. 514 91. 4. Stepper, SB. 
tßriu.91. I § 258 in fine. 3Bedbe*Un, a. a. D. ©. 34. 


Digitized by Google 



A. in (SiDüfadien. 


297 


fubjeft oerroanbeln müffen. ®ie ^Dienfte fonnten in berfelben 
©Seife nach roie cor ber DrtSobrigfeit geleiftet roerbeit. 
@ine ©erroanblung beS VerhältniffeS in ein prioatre<htli<heS 
fönnte jubem nid&t oott felbft unb unter ber .jpanb erfolgt fein, 
fie roürbe eine beftimmte ©eranlaffung, einen 2(ft beS 3fle<^tS- 
iibergangS ober ber 9teubegrünbung eines ^Rechtes oorauSfefcen 
unb müfjte irgenbroie auch nach aufeen $ag getreten fein. 

3um SRachroeiS eines Erwerbs burdh Erftfcung unb eoen= 
tueU junt 5Ra<hroeiS ber Qmmetnorialoerjährung, welch’ ledere 
aÜerbingS nicht einen ErroerbSgrunb fubjeftioer ©echte bilbet, 
fonbern nur eine ©edhtSoermutung für ben Erroerb folc^er 
©echte fdhafft, hätte bie Klägerin batjuthun, ba& berjenige 
©edhtSjuftanb, welcher bem behaupteten ©echt entfpridht, roäh= 
tenb ber VerjährungSjeit, bejro. feit unoorbenflidher 3eit auS= 
geübt roorben fei, baff alfo roährenb beS betreffenben 3eitraumS 
baS Schneebahnen oon ben ©eflagten unb ihren ©eft( 30 or= 
gängern geleiftet worben fei in ber Meinung, eine prioatrecht* 
liehe Verpflichtung gegen bie © e m e i it b e als baS berechtigte 
Subjeft ju erfüllen. ES fragt fich, ob nicht bie llnoorbenflich= 
feit eines ©echtSoerhältniffeS ber le^teren 2lrt fdhon baburdh 
entfräftet ift, baff, wie bie Klägerin roenigftenS als möglich 
jugiebt, in ber 3 e *t »or ben lebten sroei ©enerationen bie 
fraglichen ®ienfte als grohnen ber Dbrigfeit geleiftet roorben 
finb, roonadh alfo ber ©edjtSjuftanb oor SRenfchengebenfen 
eben n i dh t berjenige einer (prioatrechtlichen) ©eallaft geroefen 
roäre. ^»ieoon abgefehen aber ift ein ©eroeiS für bie 2luS= 
Übung beS geltenb gemachten ©echtS atnh für bie ©erjährungS= 
jeit in feiner SBeife erbracht. ®ie oernommenen 3eugen hoben 
barüber nichts auSgefagt, roen man für ben Berechtigten an= 
gefehen, roem man bie Sienfte $u leifteu oermeint höbe; fie 
hätten roohl auch nidht anjugeben oermodht, ob bieS bie Drts* 
obrigfeit ober ob es bie ©emeiube als ©ermögenSfubjeft ge= 
roefen fei; man leiftete bie SDienfte eben, roeil man fidh baju 
für oerpflidfjtet hielt. Einer ber 3eugeu fagt , man höbe eS 
fo attgefehen, ba& ben ^Pflichtigen bei Unterlaffung eine Strafe 
feitenS beS Schulthetjjenamts brojjen roürbe; baS roürbe bo<h 

3a(irbü$er für SSÜrttemberg. Me^iäpflege. VIII. S. 20 


Digitized by Google 



298 


@ntf$eibungen beä Dberlanbeägetic^tä. 


rooljl eljer bie 2luffaffung befunben, man fcfeulbe ben ©ienft 
ber Dbrigfeit, roenn überhaupt bie Sßerpfli<^teten ftdj ljier= 
über ©ebanfen gemalt ^abeu. 2tnbererfeitS !ann man eS 
nidf)t, roie bie ^Berufung roill, für bie 3luffaffung ber Klägerin 
nerroerten, roenn gegen unge^orfame Pflichtige nid&t eine Polü 
jeiftrafe uerfeängt mürbe, fonbem bie ©emeinbe bieSfaüS baS 
©dbneebafjnen burch ©ritte beforgen liefe unb Äoftenerfafe non 
ben Pflichtigen tierlangte (ngl. übrigens auch 9lrt. 52 beS ©e= 
fefeeS nom 15. $uni 1885). ©er DrtSüorfteher bejro. ber ©e^ 
meinberat mögen eine «Strafbefugnis in folgen fällen n>ol)l 
für §roeifelhaft eradhtet ho&en. Sßenn ber Schulreife bie fäu- 
migen Pflidhtigett — roie nach bem 3« ll 9 n ^ beS Slmtebienet» 
5R. nach bem 3a^re 1885 ben ®eflagten 3- — sum Sdfenee= 
bahnen aufforbern liefe, fo fann er bamit ebenforoof)l bie ©r= 
fitHung eines ©emeinbebienfteS als einer etroa ber ©emeinbe 
jufteljenben 9teallaft nerlangt feaben. 

Sdhliefelid) fpridlpt gegen baS Seftefeen einer prinatrecf)t= 
licken SReallaft noch ganj erheblich ber Umftanb, bafe non einer 
folgen in ben öffentlichen Süd^ern ber ©emeinbe ©glofs nichts 
eingetragen ift. 

11. Unter biefen Umftänben fann unentfdjieben bleiben, 
ob eine SWeallaft, roie fie Klägerin geltenb macht, nicht als eine 
eigentliche bäuerlidtje Saft im Sinne ber ÜlblöfungSgefefee 
non 1817/49 (f. oben) ju betrauten roäre, ob fie non ber S9e= 
ftimmung beS 2lrt. 7 beS ©efefeeS nom 24. Sluguft 1849 be= 
troffen roürbe; ob für eine Sfteallaftberecbtigung biefet 2lrt, 
roentt auch nicht bie ^Berufung auf unnorbenfliche 3eih fo boöh 
bie ©rfifeung auSgefcfeloffen bejro. unterbrochen roorben roäre. 
©leidfeermafeen fann bafeingeftellt bleiben, ob ben Seflagten 
gegenüber einer folgen Saft ber Schüfe beS 2lrt. 15 beS pfanb= 
entroidfelungSgefefeeS ju ftatten fäme. 

Urteil beS II. ©nilfenatS nom 19. ©ejember 1895 in 

Sachen ©emeinbe ©glofs gegen 3el)le unb ®en. 


Digitized by Google 



A. in Etoilfadjen. 


299 


40. 

1. Ilquilifdjfs ©efet}; Raffung für Itnterlaffung ber burdj eint 
Darausgegangene ®l)ätigheit gebotenen Sdju^ma^regeln; 

2. Haftung eines ©eftUfdjafters für fdjulbtjafte $janblungen 
ober Unterlaflfungen feines fHitgefcUfdjafters? 

®ie ©etneinbe 3uffenbaufen fiatte im 3at)t 1893 bie 
Fertigung »on ©rabarbeiten ju einer Sßafferleitung an bie 
beiben Veflagten L* unb 9t. »erafforbiert. 2luSfübrung 
biefes SHfforbS mürbe in ber Vtitte ber Vöbtingerftrajfe bafelbft 
ein fcängSgraben auSgeboben unb banon abjroeigenb ein fleiner 
Duergraben bis ju bem an ber Vöbringerftrafse gelegenen Laufe 
beS Streiners ©. 3n biefen Duergraben ift bie Klägerin 
am 12. Dftober 1893, abenbs jroifdien 7 unb 8 Ubr, als fte 
auf bem ^eimroeg ju itjrer in ber Vöbringerftrafje gelegenen 
Vcbaufung begriffen mar, geflürjt, roobei fie baS Sein ge= 
brocken bot. €>ie b at im 2ßeg ber Klage 6ntf<bäbigung non 
ben beiben Veflagten »erlangt ; feftgefteHt mürbe, baff bem Ve= 
flagten L- gemäf? Vereinbarung ber beiben Veflagten allein bie 
tedjnifcbe 2luSfübrung bet ©rabarbeiten in 3uffenbaufen oblag. 
®er Veflagte L- ift jur Ve^ablung einer ©ntfebäbigung an bie 
Klägerin »erurteilt, bie Klage gegen ben Veflagten 9t. bagegen 
abgemiefen morben. 

2luS ben 

© tiinben 

beS VerufungSurteilS : 

3)er ©rfafcanfprucb ift aus bem aquilifeben ©efefc begriinbet. 

®er Duergraben, in meinem bie Klägerin »erungtiiefte, 
mar an einem bem Verlebt britter ißerfonen jugängtidben Orte 
gegraben morben. ®enn roeitn auch bie Vöbringerftrafee roegen 
bet ©rabarbeiten bem gubrroetfSoerfebt unb bem allgemeinen 
Verfebr abgefperrt mar, fo bejog fidb biefe 9lbfperrung nicht 
auch auf bie Veroobner ber Vöbringerftrafje, es mar »ielmebr 
für biefe ein befonberer j u bem unb über ben fraglichen 
Duergraben fübrenber gufjroeg jmifdben ber Läuferreihe unb 

20 * 


Digitized by Google 



300 ffintfdjeibungen be« DberlanbeSgeridjtS. 

bem ©rbaufrourf be» SängSgrabenS freigelaffeu unb tjerge* 
rietet roorben. 

2 Ber aber eine pofitioe &anblung oornimmt, roelcbe dritte 
ju behäbigen geeignet ift , roer inSbefonbere an einem bem 
(befugten) SBerfehr britter ^Berfonen jugänglidjen jprte eine 
©rube aushebt ober eine ionftige bauliche SBeränberung oer= 
anlafft, ift nach allgemeinen SRecbtSgrunbfähen unb nadh befon= 
berer gefehlicher SSorfchrift *) oerpflidhtet, bie jutn ©cbuh er= 
forberlichen ©icherungSmajjregeln 511 treffen, burch 33erbecfen 
ober SSerroahren ber ©rube bic ©efährbung äitberet auSjm 
fchliejjen. ®ie 8 erfäumung biefer burch eine oorauSgegangene 
SC^ätigfeit gebotenen ©cbuhmafsnahmen f fpejieH bie 9tidhtoer= 
roahrung einet f e l b ft gegrabenen ©rube an einer bem 8 erfef)r 
offenen ober hoch jugänglidheu ©teile macht nadh aquilifcbem 
©efefc ä ) für bie Unfälle haftbar, roelche burch biefe Unterlaffung, 
burch baS -Jtichtoerroahren ber ©rube oeranlafet roorben finb. 

©iefe Verpflichtung jur Sttbfperrung ober Vebecfung ber 
©rube rourbe tyiex in fchulbhafter SBeife uerleht. ($ie£ roirb 
näher bargelegt, fobamt angeführt, baji ben Veflagten &., 
nicht aber ben Veflagten SR. ein Verfdhulben in SBetreff ber 
SRid)toerroahrung bes öuergrabenS treffe; fobann roirb fort; 
gefahren :) $ft fonadh ein eigenes Verfchulben beS ic. SR. nicht 
bargethan, fo fragt es fich noch, ob er nicht auch ohne ei= 
ge ne 3 Sßerfc^ulben für einen oon feinem SDJitgefeUfdhafter 
in Ausführung einer baS ©efellfchaftSunternehmen betreffenben 
Arbeit begangenen fcEjulbhaften Vefdjäbigung eines dritten eiro 
juftehen habe. ©ies ift jebodh oom ©tanbpunft beS gemeinen 
SRedhtS auS ju oerneinen. 

$ür bie offene &anbelsgefetlfd&aft roirb jroar angenommen, 
baff für ein ©elift ( 5 . 8 . bie 8 efdhäbigung eines ©ritten), 
roeldheS ein oertretungSberedhtigter ©efettf (haftet in innerem 
3 ufammenbang mit bem oon ihm beforgten ©efdjäftSbetrieb 
ber ©efellfchaft (fo burch mangelhafte 8 eauffi<htigung eine» 

1) ©t.® 8. § 367 9tv. 14, »etgl. mit ber (Sntfd). be8 SReich§gerid)t8 
in ©rudjot'ä Seite ®anb 37 ©. 1001. 

2) 1. 28 pr. D. 9, 2. 


Digitized by Google 



A. in @im(fa<$en. 


301 


für eine ©efellfchaft übernommenen VauroefenS) begangen hat, 
auch bie ©efellfchaft felbft — unb bamit nach Art. 112 |).©.V.S 
aud) bie anberen ©efeBfcßafter — haftbar feien *). 

©3 beruht bieS nid^t auf einer ausbrücflidhen SefUmmung 
beS &.@.V.S; ber Art. 114 Abf. 2 bafelbft fpricht nur non 
Verpflichtungen ber ©efellfchaft burd» „AechtSgefdhäfte" eines 
oertretungSberechtigten ©efeHfchafterS. Auch mürbe bei ber Ve= 
ratung beS 4j.@.V.S abficßtlich unterlaßen, eine unbebingte 
Haftung ber offenen ^anbelSgefeüfdhaft (unb beS ffkinjipals) 
für ben @djaben, ben ein ©efettfdjafter (ober ein ©ef)ilfe) in 
Ausführung ber ihm übertragenen ©efd)äfte einem ©ritten ju- 
füge, auSjufprechen , roeil bie ©inführung eines folgen AuS== 
nahmegefeßeS in ©urchbrechung ber in ©eutfdffanb geltenben 
©ioilrechte bebenflidh fei 3 ). ©ie Haftung ber offenen |>anbels= 
gefeHfchaft aus folgen ©etiften eines ©efellfchafterS roitb oiel= 
mehr bamit begrünbet, baß in ber ©hätigfeit beS oertretungS= 
berechtigten ©efellfchafters ber SSitte ber ©efetlfdhaft jum AuS= 
brucf fomnte, biefelbe nur burch ihre AUtglieber hanble, bie 
©efeüfchafter gieidhfam als gefeßliche Vertreter ber ©efeUidjaft 
thätig feien unb baß baher nach bemfelben ^Jrinjip, nach web 
ehern eine juriftifche Verton für bie ©elifte ihrer gefeßlicßen 
Vertreter (nicht auch fonftiger Angeftellter) innerhalb beS biefeit 
jugeroieferten ©efdhäftSfreifeS haftbar fei, auch bie offene &an= 
belSgefeüfchaft (unb bamit jugleidh bie ehtjelnen ©efeüfchafter) 
für bie ©elifte ber oertretungSberechtigten ©efeflfdfjafter in 
Ausübung biefer VertretungSthätigfeit aufjufommen hat. 

Allein roeiter ift auch bie ißrayis nicht gegangen. $nS= 
befonbete nicht, roaS bie Haftung oon ^rinjipalen unb Volk 
madhtgebern für baS beliftifche Verfchulben ihrer AngefteHten 
unb Veoollmächtigten audh innerhalb beS anoertrauten ©efchäftS; 
freifeS anbelangt; h*er roirb noch immer ber ©runbfaß beS 
gemeinen s Jted)tS als beftehenb anerfannt, baß ber ißrinjipal 

1) @ntfcß. beS AeidjSgerichtS 8b. 83 S. 32. Seuff 9(rcf)iD 43 9ir. 45 
unb bie bei Staub, Komm. j. §.® 8. (4. Stuft.) Strt. 114 § 5 cüierten 
®ntfc§. beS SeußägeridjtS. 

2) ®. ©ntfcb beS 3teicf)ägeridü$ 33b. 15 S. 123 f. 


Digitized by Google 



302 


©ntfdfeibungen be? Dberlanbe8geri<ht?. 


unb Vollmachtgeber nur bei eigenem Verfdjulben , namentlich 
bei mangelnber Sorgfalt in ber 2lu?roahl unb in ber Ueber= 
roachung, haftbar feien. 

3toif<hen beti Veflagten beftanb aber feine offene £anbet?= 
gefeUfdjaft, e? lag nur bie genteinfame Uebernahme eine? eim 
jelnen ©rabafforb? oor, fomit eine gewöhnliche ©ojietät. £eh= 
tere hat fein felbftänbige? ©afein; bie einzelnen ©efetlfchafter 
hanbeln nicht als Vertreter ber ©efeUfchaft ; eine felbftänbige 
Verbinblichfeit ber ©efellfchaft fann nicht entftehen; bie ein= 
jelnen ©efellfchafter fönnen nur in Vertretung ber übrigen 
©efellfchafter, al? beren Veoollmächtigte hanbeln unb bie |>af.- 
tung biefer anbern ©efellfchafter au? ben £anblungen ihrer 
Vertreter regelt fid) nach allgemeinen ©runbfäfcen. ©a nach 
biefen ©runbfäjsen aber ein Vollmachtgeber für ba? ©elift 
feine? VeooHmächtigten (bie Vefchäbigung eine? ©ritten), auch 
wenn e? in 3lu?führung bet aufgetragenen ©hätigfeit gefdjehen, 
ohne eigene? Verfcf>ulben nicht einjuftehen hat, fo ift in folchem 
$alle auch bie SJiithaftung ber anbern ©efellfchafter, alfo hier 
be? Veflagten 9t., ju oerneinen *). 

6? fann hienad) ber Umftanb, bafj bie beiben Veflagten 
al? gemernfame Unternehmer ber ©rabarbeiten nach aufjen f)tx- 
»orgetreten ftnb, bie Haftung beiber Veflagten für bie bur<h 
ein beliftifche? Verhalten be? einen ©efellfchafter? herbeige- 
führten Unfälle nicht begriinben unb barau?, baff angeblich bie 
Veflagten unter ft<h bie geuteinfame ©ragung ber bei ber 2lu?= 
führung be? Slfforb? fid) etwa ereignenben Unfälle oerabrebet 
haben, fönnte bie außerhalb biefe? Vertrag? ftehenbe Klägerin 
gleichfall? feine 9ted)te für fid} ableiten. 

©ie 5tlage gegen zc. 9t. ift baher abjuroeifen. 

Urteil be? I. ©ioilfenat? oom 20. ©ejember 1895 in 
©adhen 9tieth unb ^ermann gegen üJtöffner a ). 


1) ©. äJlotioe ju §§ 711, 712 be? 1. 6ntw. eine? bilrgerl. ©ef.*Su<h? 
Sb. H 6. 737. 

2) Wach bem S.®.S toirb bie Beantwortung ber in 3iff- 2 ber Ueber* 
fcbrift biefer Wuinmer bejeicbneten grage jroeifet^aft fein, ba bie @efett= 
fthaft — ähnlich wie bie offene §anbel?gefeUfchaft — nach bem flrinjip 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfa<hen. 


303 


41. 

(Siiltigheit unb Auslegung eines Vertrags, tooburdj ein tUirt 
firi) uerpflirfjtct, fein liier aus einet beftimmteu Brauerei ju üe= 
jieijen, roenn fie il)m flets gutes gier liefert ; gflidjt, bie fdjlrdjte 
gtfdjoffentjeit bes Biers ju rügen. 

©er Seflagte hat fich 1883 oerpflidhtet, oom Kläger, ber 
bie 23ürgf<haft für üöejahlung bes Angelbs für bie oom 33e^ 
flaglen erfaufte SBirtfdjaft übernahm, baS $ier um ben ißreis, 
tote es Kläger attbcrn Abnehmern abgebe, abjune^nten, roenn 
itjm Kläger ftets gutes Sier liefere. 'Kooentber 1893 hat 23e= 
tlagter roegen angeblich f<^led»ter 99ierlteferungen bie fernere 
SBierabnahme oerroeigert, 1894 ^at er baS Angelb befahlt. 
Kläger hol auf (Erfüllung bes QJierabnahmeoertragS geflagt, 
wogegen iöeflagter beffen ©iiltigfeit beanftanbet unb geltenb 
gemacht hat, bie {flechten SBierlieferungen beS Klägers im 
Dftober unb Aooember 1893 ^aberi ihn jum fRiicftritt oom 
Vertrag berechtigt, ©ie Klage ift abgeroiefen unb bie Berufung 
beS Klägers juriidgeroiefen roorben. 

Aus ben 

©r ünben 

beS SerufungSurteilS : 

©ie Anfechtung ber ©iiltigfeit beS Vertrags oom 
9. Dftober 1883 roegen unbeftimmten Inhalts ^inficbtticb beS 
©egenftanbs unb bes ipreifeS ift nicht gerechtfertigt, ©er 58er= 
trag roar gerichtet auf fünftige SBierlieferungen für bie 9Birt= 
fchaft beS Seflagten ju bem fonftigen KunbenpreiS beS Klägers. 
&iemit rourbe bie SBare unb ber $reis genitgenb beftimmt, 
bie 3ßare burch baS Sierbebürfnis beS 93eflagten, roeläjer fämt= 
lidjeS 33ier oom Kläger ju beziehen hat ‘), unb ber $reis burch 

bet gefamten §anb auSgeftaltet ift; eine auSbrüctliche ©eftiramung in 
Betreff beS in Siebe fteljenben fünftes enthält ber Xitel , ( ®efeUfc$aft" 
(§S 705—710) nidjt. ©gl. in Betreff ber Haftung ber ®efellfd)after für 
Xelitte einjelnet ®efeUfcf)«fter bei ©emeinföaften jur gefamten $anb 
©ierte, $eutf<f>e8 ^rioatrecf)t öb. 1 § 80 91ote 106. - änm. b. Sieb. 

1) @ntf<$. beä Aeic$i3=D.$.®. H ©. 291. 


Digitized by Google 



304 


@ntfd)eibungen Be8 Dbetlanbe8geri(§t8. 


bie Äunbenüblichfeit, melier ^ßrciö fid^ nötigenfalls! aul ben 
Südbern bei Klägers unb ber anbern Sierroirte ober bureb 
beren geugni! feftftellen läßt '). 

®ie 3 e i t bei Sertrag! ift nach Inhalt belfelben lebig- 
lieh burch bie ©auer bei SBirtfcbaftlbetriebl bei Seflaglen 
ohne eigene Sierprobuftion , im übrigen aber nicht begrenzt, 
©iefe 3lbfidbt ber Parteien erhellt aul ber Seftimmung, baff 
Seflagter bal Sier abnebmen muffe, wenn Kläger ibm „ftetl" 
gutel Sier liefere, ©olange bal Sier gut ift, ift baber ber 
Seflagte, coraulgefegt, baff er feine SBirtfcbaft weiter führt 
unb bal Sier nicht felbft erzeugt, über feine ganje Sebenlbaner 
an ben Sertrag unb an ben Sierbejug com Kläger gebunbetc. 
®ie oertraglmäßige Uebentabme einer folgen rein perfönlidben 
unb jebenfall! mit ber Sebenlbauer erlöfdbenben Verpflichtung 
ift burebau! juläffig unb cerftöjjt namentlich nicht gegen bie 
©runbfäge ber ©ewerbefreibeit unb ber gewerblichen greijügig; 
feit (§§ 8 $iff. 2 unb 10 Slbf. 1 ber 3teidb!;©ero.D.) 1 2 3 ). 

3. ©er weitere ©tnroanb bei Vertagten, b ajf er wegen 
fortgefegt fcbledjter Sierlieferung com Vertrag j u r ü tf = 
jutreten befugt gewefen fei, erfebeint begrünbet. 

Veibe Parteien finb Äaufleute im ©imte bei §.©.V.l; 
ber Vertrag felbft ftellt fid) all ein Sieferunglcertrag im ©Urne 
bei 9lrt. 338 $.©.33. 1 bar s ) unb ift baber nach ben banbell; 
rechtlichen Siegeln com Äauf ju beurteilen. 

®a! $anbel!recbt enthält jeboeb Seftimmungen über ben 
Stücftritt con einem Äauf nur für ben g-aE eine! Serjug! 
bei Ääufer! ober Verfäufer! (2Irt. 354 ff. $.©.33.1). @in 
Verjug bei Kläger! in ben Vierlieferungen ift aber weber be- 
hauptet nodb erfidbtlicb; e! fommt oielmebr nur in g-rage, ob 
ber Vertagte wegen SJlangelbaftigfeit ber SBare com 
Vertrag jurüeftreten fonnte, unb hierüber entfdbeibet bal bür= 
gediehe Stecht, ba bal $.©.V. über bie Siechte bei Ääuferl 

1) ®ntfcf). be8 5teief)8=D.$.®. 7 3. 155. 

2) ©eufferfl atrdgio 39 91t. 119, 49 9tr. 102. 

3) ®ntfd). be8 Sie idj8;D.$.@. 14 ©. 291. ©avei8 Bei ©«bemann, 
§anbb. be8 $anbel8red)t8 II 3. 544 $u 91. 24. 


Digitized by Google 



A. in 6toilfa<§en. 


305 


im $aDe mangelhafter Sieferung nichts enthält, fonbcrn nur 
bie VorauSfefcungen, unter melden biefe Steebte geltenb gemacht 
werben fönnen, befonberS rechtzeitiger unb orbnungS= 

mäßiger ©eanftanbung ber SBare (9lrt. 347 $.©.©.) regelt l ). 

Ob nun nach bem hi« mafjgebenben gemeinen Stecht ber 
©eflagte ein gef etliche S Stecht hätte, wegen fdhledjter ©e= 
fchaffenheit einzelner ©ierlieferungen non bem ganzen ©ier= 
abnahmeoertrag jurüdljutreten unb nicht bloh bie einzelnen 
fchlechten ©ierlieferungen juriicEjuweifen befugt märe, fann ba= 
hingefteßt bleiben. ®enn biefe StiicftrittSbefugniS ergiebt fid» 
jebenfafls aus bem Inhalt unb ber Statur beS jwif^en ben 
Parteien gefdfjloffenen Vertrags. SJtit ber bortigen ©eftim= 
ntung, bah ©eflagter bem Kläger baS Vier abnehmen werbe, 
„wenn biefer ihm ftetS gutes Vier liefere", ift nicht blofj ber 
felbftoerftänbliche unb baher iiberftiiffige ©ah auSgefprochen, 
bafe ©eflagter nicht oerpflichtet fei, bem Kläger fchled&teS ©ier 
abjunehmen, fottbent eS ift barin bie gerabe bei ber zeitlich 
unbegrenzten ©inbung beS ©eflagten notwenbige Sidherung unb 
©ebingung feftgefeht, bah bie Verpflichtung sur Vorabnahme 
aufhöre (nidht bloh ruhe), wenn Kläger nicht mehr gutes Vier 
liefere. $>ah bei fdhlechter ©ierlieferuug jeweils nur „bie faf= 
tifche ©ethätigung beS Vertrags iufolange, "bis Kläger mieber 
gutes ©ier tiefere, fiftiert" werben bürfe, bah alfo ©etlagter 
immer unb immer wieber genötigt fei, es mit bem ©ier beS 
ÄlägerS ju oerfudhen, ob eS gut fei ober nicht, ift mit bem 
SBortlaut beS Vertrags unb einem rationeüen SBirtfchaftSbe* 
trieb unb baher mit ber VertragSabftdbt ber Parteien nicht 
oerträglidh, oielmehr muh bem ©eflagten baS Stecht zugeftam 
ben werben, bei fchlechter ©ierlieferung oom Vertrag surücf- 
jutreten. ®ieS aßerbingS nicht fdjon bann, wenn eine einzelne 
ober auch mehrere ©ierlieferungen ichlecht ausfaßen, fonbern nur 
bann, wenn biefelben eine gewiffe 3eit hmburch fdhlecht bleiben, 
fo bah nach beut Grmeffen beS ©erichts bem ©eflagten eine fer- 
nere SluShaltung beS Vertrags billigerweife nicht jujumuten ift. 

1) ©ateiS a. a. 0. ©. 672 f., 785 ju 9t. 8 u. 4. Steid^D.©.®. 5 
S. 395’, 7 S. 1, 9 S. 24. @ntfc$. be$ Seich Sgetid)tS 25 ©. 27 f. 


Digitized by Google 



306 


@ntf$eibung«n beS OberlanbeSgericbtS. 


®ie8 ift jeboch ^ier ju bejahen, roemt in ber %\)a\. bie 
©ierliefetungen beS ÄlägerS im Dftober unb 9tooember 1893 
mehrere 2Bochen fjinburd) fo roie behauptet fdjlec^t gemefen finb. 

@he auf ben Seroeis biefer mangelhaften ©ierlieferungen 
eingegangen wirb, ift jeboch zu fehen, ob nicht ber Setlagte 
feines StücftrittSrechtS roegen fd^led^ter ©ierlieferungen burd» 
bic ©erfäumung ber im «g>anbelörec^t beftimmten 9tügepflicht 
oerluftig gegangen ift. 

®aß bie Sierfenbungen be$ Klägers an ben ©eflagten, 
wenngleich fie burd) 9lngefteKte beS ÄlägerS, beS ©erfäuferS, 
(burdh beffen ©ierfiihrer) bewirft mürben, Difianjgefchäfte waren 
unb auf ihre Unterfucbuug unb ©eanftanbung baher bie ©ot= 
fcfiriften beS 2lrt. 347 $.©.©.1 jutreffen, ift mit ©runb nicht 
ju bezweifeln *). 

Such mußte ©eflagter bei jeber einzelnen Sierlieferung 
bie etwaige 2J?augelhaftigfeit fofort rügen, wenn nicht bie be= 
treffenbe Lieferung als genehmigt gelten foHte *). 

Ob nun aber ber ©eftagte bei fämtlirf>en ftreitigen Sier; 
lieferungen im Oftober unb 'Jiooember 1893 bie mangelhafte 
©efchaffenheit burch bie SluSftellungen feiner ©h e f rau gegenüber 
bein Kläger unb beffen ©ierführern rechtzeitig unb orbnungS= 
mäßig angezeigt hat, welken $aHS feine 2tnfprüche aus biefer 
9Jiangelhaftigfeit, in*befonbere fein etwaiges 9tücftrittSrecbt oom 
©ertrag, troff beS nachherigen ©erbrauchS unb ber 3 a hlun9 
ber beanftanbeten , aber nicht jur ©erfügung geftettten ©ier> 
lieferungen, ba hierin ein nachträglicher ©erjicht nicht ju finben, 
gewahrt geblieben wären s )/ ift nicht weiter zu unterfuchen, ba 
baS bem ©eflagten oertragsmäßig jufommenbe 9tüdtrittSre<ht 
auch bann nicht auSgefchloffen erfcheint , wenn wegen Unter- 

1) ^ariaufed, SDie Haftung beS 2Jer!äufer8 I 0. 248 ju 9t. 5 II 
S. 13. @ntfd>. beä Reichsgerichts 6 ©. 61. ReichS=0.^>.©. 5 0. 395 ff. 

2) ®ntfd). b ti Reichsgerichts 3 ©. 101. hanaufect II ©.26 
9t. 18, ©. 71 9t. 8. ' 

3) @nticf|. beS RetchSgerichtS 17 ©. 65 ff , 25 ©. 30. ©euff. 9t. 46 
9!r. 40. ©olbfämiDt’« 3eitfdjc. 40 ©. 513. fcanaufed II 0. 268 ff., 
271, 282. 


Digitized by Google 



A. in <Sioüfacf)en. 


307 


laffung ber in 2lrt. 347 |>.®.©.? uorgefdjriebenen 3)längel= 
anjeige bie einjelnen ©ierlieferungen gefehlid» al? genehmigt 
ju gelten l)aben. 

3>oar toirb ber Sah au?gefprochen, bafj bie nach 2lrt. 347 
$.®.$8.? cingetretene ©etiehmigung bet 2Bare nicht blo§ bie 
auf bie fpejiellen nicht gerügten Siefeningen fich bejie^enbeit 
2lnfprücf)e roegen 3J?angelf)aftigfeit au?f<hliejjc, fonbern baf? bie 
nicht gerügte SRangelhaftigfeit biefer Sieferungen auch jut SÄec^t- 
fertigung anberer, auf bie ÜRängel biefer Sieferungen jtcfj grün= 
benber 2lnfpriiche, in?befoubere eine? 9tüdtritt?recht? in S3e= 
jiehung auf fotgenbe Sieferungen nicht mehr geltenb gemacht 
roerben fönne ’). 

2Wein biefer Sah lä&t frt^ nur auf gef eh liehe 2tm 
fprüche, auf ein „au? bem bürgerlichen Diedjt etroa herjulei= 
tenbe? 9lücftritt?re<ht" 2 ) , nirf)t aber ohne roeitere? auf ein 
pertrag? m affige? 9tiidtritt?recht anroenben. ®enn ein 
oertrag?mäBige? 9iiicftritt?red)t entnimmt bie 33orau?fehungen 
unb 2?ebingungen feiner 2lu?übung in erftcr Sinie au? bem 
Vertrag felbft unb au? ber hie™u3 erfichtlichen Intention ber 
23ertrag?fchlie&enben. 

3m oorliegenben gaH rourbe bem 25eflagten butch bie 93e= 
rebung, bafj bie Pflicht jur Sierabnahme nur fo lange bauern 
folle, al? Kläger gute? SBier liefere, pertrag?mä^ig ein burd) 
bie mangelhafte 33ertrag?erfüHung be? Kläger? bebingte? 9iücf= 
tritt?recht eingeräumt. ®antit rourbe jroar nicht etroa ber SBier; 
abnahmeoertrag in ber SBeife refolutio bebingt, baf;, roenn unb 
fobalb bie SC^atfadje ber fchlechten ©ierlieferuitg eintrete, mit 
bem ©intritt unb ber geftftellung biefer 5C^atfac^e ba? 2Ser= 
trag?oerhältni? ohne roeitere? al? beenbigt unb aufgelöft an$u= 
fehen wäre, fonbern ber ^eflagte hat mit ber $hatfache ber 
fdhledtjten 23ierlieferung nur ein in fein belieben geftellte? 9te<ht 
erlangt, ben Vertrag aufjulöfen unb bie fernere ©ierabnahme 
ju oerroeigern, roelche? 9ied)t er in gleicher SBeife , roie einen 

1) Sntfdj be§ 3teic^?gericf)t? 1 ©.55, 63; Sb. 25 ©. 27—29; auch 

®areiö unb 3 U( b?5ecger, Äomm. j. ©. 725 9t. 91. 

2) 9ieid)Sgerid)tS*®ntj<h. l ®. 63. 


Digitized by Google 



308 <£ntj$eibungeit beä Dberlanbeägeridjtä. 

gefefslichen 9?ebhibitionSanfprud>, ju begrünben unb ju ver- 
folgen bot '). 

©S fonnte jeboch, roenn im Vertrag bei Sftangelhaftroerben 
ber Sieferungen beS Klägers bent 33e!lagten baS fRedjt, beit 
ferneren Sierbejug einjufteQen unb ben Vertrag ju fünbigen, 
eingeräumt rourbe , nicht in ber 2lbficht ber fßarteien gelegen 
geroefen fein, bie ©eltenbmad&ung biefeS SRücftrittSrechtS non 
ber 2Baf»rung einer fo ftrengen UnterfuchungS= unb Slnjeige- 
Pflicht binficbtlicb jeber einjelnen mangelhaften 23ierlieferung, 
roie fie 2lrt. 347 §.©.33. oorfcbreibt, abhängig ju machen. ©ine 
foldje Steigerung ber ohnehin ftrengen ©ebunbenljeit beS 33e-- 
tlagten ift nicht anäuneljmen unb ben einfachen ©efchäftSner: 
hättniffen ber Parteien, eines länblichen 33rauerS unb eines 
geroöhnlidhen <S<hanfroirtS, nicht angemeffen, fonbern eS muff 
nach ben fonfreten 33erhältniffen als ber 9lbftcf)t ber Parteien 
entfpredhenb erachtet roerben, wenn ber 33eflagte bei ©chledht- 
roerben ber 39ierlieferungen hienon ben Kläger unter fänbrohung 
feines fHüdtrittS oerftänbigt unb jugleich bemfelben jjinreichenbe 
(Gelegenheit unb Seit jur 33efferung feinet fieiftungen lägt, ehe 
er oom Vertrag juriicftritt. ®ieS h«t ober ber 33eflagte be§. 
in beffen SSertretung feine bie äöirtfchaft führenbe ©hefrau in 
auSreidjenber SBeife bamit gethan, baf? bie ©hefrau beS 33e- 
flagten (roie burch ihr Seugnis in 33erbinbung mit ben 2luS= 
fagen beS DberbrauerS §. unb ber Sengen SB. unb ©t. ge= 
ntigenb beroiefen ift), nachbem fie fchon int DEtober 1893 bem 
Verführer öfters gefagt hatte, er folle beffereS 33ier bringen, 
am 25. Oftober bem Kläger perfönlich unter S ur ü^) gingen 
eines ober jroeier gäßchen 33ier bie GinfteHung beS SierbejugS 
bei gortfegung ber fehleren S3ierlieferungen angebroht unb 
in ber gofgejeit im DEtober unb 3iooember mehrmals bei ben 
©ierführern, roeldje folcheS (nach bem SeugniS beS DberbrauerS 
£>.) im flägerifcheit ©efchäft roieber ausgerichtet über 

baS fdjlechte 33ier ftd) betlagt, am 13. ’Jlooentber burch ben 

1) 3ßinbfd)eib, 3Sanb. II § 328 ;u 91. 5. SBenbt, 35ie 9teuoer< 
träge ©. 43, 52 f. ©rinlmann, 3)er Jtauf 11 ®. 489 ff. ©jiftarj, 
S)ie Äefolutiobebingung S. 79. 


Digitized by Google 



A. in 6imlfacf)en. 


309 


Siierfü^rer bem Kläger bie Verweigerung weiteren SÖierbe§ug^ 
erflärt, auä) biefe Steigerung bem Äläger pecfönlicb am 21. 92o= 
oentber unb 9. ©ejember mit berfelbcii Vegrünbung roieber= 
holt bat. 

(©g wirb fobann auggefübrt, ber Verneig fei erbracht, bafj 
bie Vierlieferungen beg Ätägerg an beit Veflagten im Oftober 
unb Ülooember 1893 bie ganje 3eit hinbtirch bie oom Veflag= 
ten behauptete fchledhte Vefchaffenheit gehabt haben). 

Urteil beg 2. ©ioilfenatg oom 27. 3uni 1895 in ©ad&eu 

©bert gegen Nägele. 

®ie SReoifioit beg Älägerg ift $urücfgeroiefen roorben. 


42. 

üaftpflidjtgtffh : Petrir bsunfoll ; eigenes JJerfdjulben. 

SDer Kläger ift jroifd&en Stagolb unb ber in ber SRid&tung 
gegen Slltenfieig gelegenen fft.’fcgen Oelfabrtf baburch oerun= 
gliicft, baß bie jroei ißferbe beg SBageng, neben bem et \)tx- 
ging, fcbeu mürben, trog bem Verfud& beg Älägetg, fie feft= 
juhalten, burchgingen, ihn auf einem Slcfer neben ber ©trage 
ju goH brachten unb famt bem SBagen über ihn roeggingen. 
§tebei erlitt Äläger Verlegungen; et oerlangt ©rfag feinet 
©chabeng oon ber Veflagten auf ©ruitb beg § 1 beg ^aft- 
pflichtgefegeg, roeil er „beim Vetrieb einer Gifenbahn" oerlegt 
roorben fei. 3 U ber 3®it, als bie IfJferbe fcbeu rourben, ift 
nämlich ein ©ifenbahnjug in ber ber ga^rrid^tung beg Älägerg 
entgegengefegten SRicgtung bahergefahren ; bie Valjn ma<ht an 
ber betreffenben ©teile eine Sfuroe unb ber 3^8 mürbe für 
bie ^Sferbe beg Älägerg erft in einer ©ntfernung oon 150 
big 190 Schritten ficbtbar. Äläger behauptet nun, feine SJiferbe 
feien burch ben Slnblicf unb bag ©eräufch beg 3 u 9 e5 un b bag 
Vraufett beg augftrömenben Sampfeg fcbeu geroorben, roährenb 
Veflagte bieg beftreitet. Veflagte jieht ferner in Stbrebe, baff 
— bie SBahrgeit ber 55arftetlung beg ftlägerg oorauggefegt — 


Digitized by Google 



310 Sntfcfjeibungen bea DberlanbeSgeridjtS- 

fid) ber Unfall „beim ©e trieb“ bet (Sifenbafjn ereignet hätte, 
unb ift bet Meinung, et fei jebenfaUd burd) eigenes ©erfd)ul= 
ben beS ÄlägetS ^erbeigefü^rt roorben, fofern ein normales 
3ugpferb unter ben obwaltenben Umftänben burd) bie 3lnnäher= 
ung eines ©ifenbahnjugS nicht unruhig unb fdjeu ju werben 
pflege, bie ©ermenbuttg jum ©cheuen geneigter ^Jferbe aber 
ein eigenes Serfdhulben beS StlägerS barftetlen mürbe, fofern 
weiter ein richtiger Fuhrmann im ©taub gewefeu wäre, feine 
ißferbe auf ber Straße ju Ratten unb weiterjuführen, unb fo^ 
fern etiblid) Kläger ftd) unoorfichtiger 2Beife oor bie fdjeu 
geworbenen ifJferbe hingefteüt habe, ftatt fie laufen ju laffen, 
wenn er fie nicht mehr habe halten tonnen. ®ie ©inroänbe 
ber ©eflagten finb jurücfgewiefeu worben. 

3n ben 

©r ünb en 

wirb äunädjft ausgeführt: es fei ermiefen, baß bie ©ferbe beS 
Klägers jufolge ber Annäherung beS ©ifenbahnjugeS fdjeu ge= 
worben feien; fobann wirb fortgefahren: 

$ie ©ferbe beS ftlägerS finb alfo unmittelbar burcf) ben 
©etrieb ber ©ifenbafjn f<heu geworben unb ihr Scheuen fleht 
mit öen eigentümlichen ©efahren beS ©aljnbetriebs, ber rafchen, 
geräufchooüen gahrt ber $üge, * m 3ufammenf)ang. ©in fob 
cher Unfall hat als „beim ©etrieb" ber ©ifenbalm erfolgt ju 
gelten, obwohl er fi<h außerhalb beS ©ahntörperS jugetragen 
hat ; es liegt eben eine ©inwirfung beS ©etriebs auf ben Staunt 
außerhalb beS ©ahntörperS oor, wie fie in ber t>erfd)iebenften 
2Beife oorfommen fann, fei eS burch ©afe, Stauch, Junten, 
bie eine förperlidje ©efchäbigung h eri) orbringen, ober burd) 
bie ©inwirfung oon Sicht ober ©chaU auf bie ©eh= ober ©e= 
hbr= s )terr»en. SDie törperliche ©efchäbigung beS ÄlägerS ift frei= 
lieh nur mittelbar burch ben ©etrieb ber ©ifenbafjn oer- 
urfacht worben unb es mögen nicht alle mittelbar burch 
ben ©ahnbetrieb hetbrigeführten Äörperoerleßungen ober ©öt= 
ungett unter § 1 beS ^aftpflichtgefeßeS fallen, biefes ©efeg 
trifft aber febenfalls bann §u, wenn, wie fax, bie fiörperoer: 
legung fich nach bem gewöhnlichen unb natürlichen ©erlauf ber 


Digitized by Google 



A. in Gioüfadjen. 


311 


®inge als 2folge beS burdj beti Bahnbetrieb ^erbeigefü^rten 
Unfalls ergeben hat. 2)iefe 2luffaffung ftimmt benn auch mit 
ber fteljenben fftecbtfpredjung beS 9teichSgerid)tS überein 1 ). 

SDer %mä beS £aftpflichtgefefceS ift, aus naheltegenben 
©riinben ber Billigfeit bie oermßgenSrechtlidhen folgen ber 
mit bem ©ifenbahnbetrieb unoermeiblid) oerbunbenen ©efahren 
für £eib unb Sehen dritter ben BetriebS=Unternehmer treffen 
ju laffen, unb biefer ®efid)tSpunft erfdjeint befonberS bered)= 
tigt, mo mie im gegenmärtigen galt ber Berlefete nicht etwa 
bei Benüfcung ber ©ifenbahn ober auf bem Bahnförper be= 
fdhäbigt morben ift, fonbern unfreiroillig, bet Benüfcung ber 
Sanbftraffe in luSübung feinet Berufs, ber ©inroirfung ber 
(Sifenbaljn auSgefefct ift. 

Beflagte ift fonadh oon ber Haftung für bie folgen ber 
förperlidjen Befehäbigung beS ÄlägerS nur frei, roenn fie be= 
weift, baf$ biefe Befehäbigung butch bösere ©eroalt oberburd) 
eigenes Berfdjulben beS Berieten oerurfacht morben ift. 9iut 
in festerer Beziehung hat Beflagte Behauptungen aufge= 
ftellt. Allein junächft hat fich «h re Bermutung, baff bie ^ferbe 
beS Klägers äutn Scheuen geneigt feien, burch bie BeroeiSauf= 
nähme nid^t beftätigt, unb bie blofje SChatfac^e, baff bie ißferbe 
bei bem fraglichen Slnlafj an bem (Sifenbahnjug gefreut haben, 
läfjt einen Schluff auf eine Steigung jurn Scheuen nicht ju, 
roeil auch fromme unb an bie ©ifenbahn geroöhnte £iere auS= 
nahmSroeife einmal fdjeu merben fönnen, roentt, mie hier, auf 
einmal in ihrer 9tähe ein fcheütbar auf fie jufahrenber 3“g 
auftaucht. Süchtig ift allerbings, baff Kläger fid) t>or bie un= 
ruhig gemorbenen Xiere ^ingefteHt hat, um womöglich beren 
®urchgehen ju oerhinbern, unb baff er fid) hiemit ber ©efaljr 
auSgefefct hat, baff ißferbe unb SBagen über ihn roeggingeit, 
roenn eS ihm nicht gelang, ber $iere 3Jfeifter ju roerben, fie 
ihn oielmehr ju $att brachten. 2lber bem Äläger muffte alles 
baran gelegen fein, feine beiben ißferbe am 5Dur<hgef)en $u ner= 

1) Sgl. 9t. ©. bei ©euffcrt S8b. 41 9tr. 189; 9t.@. »b. 19 9)r. 10; 
9t®. in ®ger: ®ifenbat)nredjtt. ©ntfdjeibungen Sb. 9 9tr. 75 ©. 109; 
Sb. 10 9tr. 210 ©. 270. 


Digitized by Google 



312 


6ntfd)eibungen beä DberlanbeggeridjtS. 


hinbern, bei bent fie fomt SBagen unb Babung p ©runbe 
gehen fonnten ; er burfte p biefem 3mecf feine eigene Sßerfon 
einer ©efaljr auSfehen, ohne baß ihn ber Borrourf eigenen 
BerfdjulbenS b. h- eines leichtfertigen BerhaltenS trifft; unb 
roenn er je nicht baS geeignetfte Slittel pr Slbroenbung ber 
feinem ©efpann brohenben ©efahr ergriffen haben follte, märe 
bieS beim 2)rang beS SlugenblicfS weber p oerrounbern no<b 
ju oetargen; Beflagte hat übrigens nicht einmal behauptet, 
baff es ein pr Beruhigung f<heu gcroorbener ißferbe wtgeeig: 
neteS Stittel ift, roenn ber gubrtnann oor fte fpntritt unb 
ihnen inS Sluge fiebt. 

2Benn enblidh Beflagte geltenb macht : ein richtiger guho 
mann roäre im ©tanbe geroeien, bie Sßferbe auf ber ©trafje 
p halten unb roeiterpführen, fo fann unerörtert bleiben, ob 
auch >n $aftpflichtfällen Mangel an ©rfahrung, ©efchicflicbfeit 
ober Kraft als eigenes Betfchulben p gelten hat- ®enn je= 
benfallS roäre es ©ache ber Besagten nadhproeifen, b a fj beim 
Kläger einer biefer Stängel obgeroaltet hat; eine Bermutung 
fpricht hiefüt nicht unb ebenforoenig läßt fich im oorliegenben 
gaü fagen, baff bie ganp ©achlage auf ein berartigeS Ber= 
fdhulben bes Klägers hinroeife. Beftagte hätte barlegen muffen, 
roie ein richtiger guhrmann ft<h unter ben obroaltenben Um-- 
ftänben benommen hätte, roorin baS Berhalten bes Klägers 
einen Stängel an ©rfahrung, ©efchicflicbfeit unb Kraft habe 
erfennen laffen. $Da§ fein ©adboerftänbiger ben ganj aHge= 
meinen Sah betätigen fönnte, ein richtiger guhrmann hätte 
eS oermodht, bie ißferbe auf ber ©trafje feftpbalten unb roeiter= 
pführen, hat ber oorige Siebter ptreffenb auS bem ©runb 
angenommen, roeil jene Stöglühfeit ftetS oom ©ebahren ber 
Sterbe abhänge. Bon oornhereüi bei Befahren ber £anb= 
ftrajje befonbere Borficbtsntafjregeln in Seitung feines ®e= 
fpannS b e S h a l b p treffen, roeil auf ber ©trafje pgleich bie 
©ifenbahn fährt, hatte Kläger feinen Slnlafj, roeil ja feine 
jßferbe nach bem 3eugniS beS 6. unb beS ©chultheifjen SB. 
mit bet Bahn oertraut finb, er alfo ein ©cheuroerben berfelben 
nicht p befürchten unb er b a r a n nicht p benfen brauchte, bajj 


Digitized by Google 



A. in <£ini(fa<$en. 


313 


jufolge ber an ber fritifdjen ©teile befinbHdjen Äuroe ein 3ug 
erft oerbältni£mä§ig nab unb fdjeinbar auf bie fßferbe 100 = 
fa^renb fidjtbar werben unb bie ißferbe erfebreefen fönne. 
Urteil beä I. 6ioilfenatä oorn 1. 9tooember 1895 in ©adjen 
©taatsfinanjoermaltung g. SBreuning; ebenfo in einem 
Urteil non bemfelben £ag in ©adjen ©djmarjenbadj gegen 
giäfuS. 

(®ie gegen lefctereg Urteil eingelegte Steoifion ift jurüd= 
gemiefen worben. $8gl. 3.SB. 1896 ©. 305 9tr. 34). 


43. 

jtuläffigktit bts JWdjtsroegs für eine Blage auf Anerkennung 
bts (Eigentums an einer (Quelle, bie ber (Segnet als öffentlidjes 
ffieroäffer betradjtet tuiffen will? 

®te ©tabtgemeinbe ißforjbeim bat gegen bie Ä. 2öürt= 
temb. ©taatsftnanjoermaltung unb gegen 6b- »on 33. unb 
48 ©enoffen ßlage erhoben mit bem Antrag, ju erfennen, 
bafj ber Klägerin an ber auf fparjette 9tr. 662 ber ©emeinbe 
©ngeläbranb 0.21. Neuenbürg entfpringenben QafobSquette ba§ 
auäfdjliefjlidje 6igentum3= unb ©eniifcungäredjt, inäbefonbere 
auch bas fftedjt bie genannte Duette ihrer bereite beftebenben 
SBafferleitung jujuleiten, juftebe. 

©egen biefe Älage hoben Me 33eflagten bie 6inrebe ber 
Unjuläffigleit bea fRedjtSwegä oorgefdjübt. ®iefe 6inrebe mürbe 
in jmeiter Qnftanj für jutreffenb erachtet auä folgeitben 

© rünben: 

®ie Hagenbe ©tabtgemeinbe ipforjbeim macht ber ß. SBürfc 
tembergifeben ©taatäfinanjoerroaltung gegenüber geltenb, fie 
fei (Eigentümerin, jebenfattl publicianifdbe 93eft^erin ber im 
©röfjeltbal gelegenen SBiefenparjette. ©ie habe biefe SBiefen* 
parjette mit anberen in ben fahren 1866 unb 1879 non ben 
23efifcern berfelben, bereit Sfefifcnorgänger biefelbe im Sfabre 
1798 non bem Staate gefauft hoben, bur<b Äauf erworben 
unb übergeben erhalten. 211$ (Sigentümerin beä ©runbftüdg 

3a$rbü($er für äßürttembng. Scdjtäpfleae. VIII. 3. 21 


Digitized by Google 



314 


©ntföeibungert beg Dberlanbe8geri(^t3. 


^atjeHe 662 fei jte auch (Eigentümerin ber auf bem ®runb= 
ftüd entfpringenben Duelle, ber fogenannten 3afob«queHe, unb 
be« in einem ©raben auf ben ©runbfiüden ber Klägerin be- 
ginnenben unb enbigenben Slbfluffe« biefer Duelle, meiner mit 
bem ©röffelbadb feinen 3ufammenhang habe. 211« (Eigentümerin 
ber Duelle fei fie berechtigt, ba« SBaffer berfelben auöfd^lie§= 
lieh 5 U benüfcen, ba«felbe »oHftänbig ju uerbrauchen, alfo auch 
ju i|ren alleinigen Sieden abjuleiten. Diefe« Stecht beftreü 
ten ihr bie Veflagten. 3 ur ©ntfeheibung be«©treite« fei ber 
©ioilrichter juftänbig, weil ber geltenb gemachte Slnfpruch, ba« 
(Eigentum an ber 3afob«quelIe, ein prioatredhtlicher fei. 3” 
ber ^Behauptung ber Veflagten, ba« SBajfer fei ein öffent- 
liches, liege bie Verneinung be« ftägerifchen ©igentum« unb 
fomit ber ©ruitb jur gegenroärtigen Älage. 

Dem entgegen beftreitet bie beflagte ©taat«ftnanjoerroab 
tung junächft, bafe bie Klägerin ©igentümerüt ober publicta- 
nifche Vefifserin ber SBiefenparjeHe Sir. 662 unb bamit ber 
Duelle fei. SBenn aber auch bie Klägerin ©igentümerin ber 
ifkrjelle 662 märe, fo mürbe barau« ba« ißrioateigentum an 
ber 3afob«queIIe unb ihrem Slbfluffe noch nicht folgen, benn 
bie Qafob«quelIe fei ein öffentliche« SBajfer; fie fliehe fchon 
oon ihrem llrfprung an fo ftarf, baff fie einen Vach bilbe, 
fie hänge mit bem ©röffelbach, roeldjer unzweifelhaft ein öffent-- 
liehe« ©eroäffer fei, jufammen unb bilbe einen 3uffu& be«; 
felben. 2ln bem ©röfjelbad) unb feinen 3uflüffen, alfo auch 
ber 3afob«que!le, ftehe ber Veflagten oermöge ber ©taat«= 
hoheit über bie öffentlichen ©eroäffer ba« gifdjereirecht ju. 
Diefe« Siecht roürbe burch bie Ableitung ber 3afob«queHe be- 
einträchtigt. Die beflagte Staat«finanjuerroaltung beftreitet ba= 
her auf ©runb ihre«, ihr nach ben ©runbfähen be« öffentlichen 
Stedjt« juftehenben Venühung«red)t« an bem öffentlichen SBaffer 
ber QafobgqueHe ber Klägerin bie Vefugni«, bie 3afob«queHe 
ooUftänbig für Reh zu ocrbrauchen unb biefelbe abzuleiten. ©ie 
behauptet, ba bie öffentlichrechtliche Vefchaffenheit ber 3afob«= 
quelle geltenb gemacht roerbe, fo fei ber Verroaltung«richter jur 
©ntfeheibung be« ©treit« juftänbig. Die Vehauptung ber Älä= 


Digitized by Google 



A. in Sioilfadjen. 


315 


gerin, jie fei ©igentümerin, jebenfaHS publicianifche Seherin 
ber SBiefenparjefle 9ir. 662, ift unjroeifelhaft ein bent ^Brioat= 
recht angehörenber 2lnfpru<^ nnb, wenn bet Klägerin bas @igen= 
tum an biefer ißarjeEe beßritten roirb, fo ift jur ©ntftheibung 
über biefen Streit ebenfo unjioeifelbaft ber ©ioilridfter ju= 
ftänbig. Mein bie Klägerin bat eine felbftänbige ^eftftellungS: 
ftage bniftn, bafe bie Beflagte baS ©igentum ber Älägerin an 
ftkrjeEe 662 anjuerfennen habe, nicht erhoben, fie bat baS 
©igentum an SßarjeEe 662 nur als bie ©runblage für baS 
behauptete ©igentum an ber DueEe geltenb gemacht. 3n bem 
Ätagegefuch erfter $nftanj b e i§t es nur, es foE erfannt roerben, 
fämtliche Beflagte haben anjuerfennen, bafj ber Älägerin an 
ber auf BarjeEe 3ir. 662 ber ©emeinbemarfung ©ngelSbranb 
entfpringenben SafobSquefle baS auSfcfftieftlicbe ©igentumS= unb 
BenüfcungSrecbt juftehe. ©8 roirb baher nur ein 2lu8fpru<h 
über baS ©igentum an ber DueEe oerlangt, nicht aber noch 
baneben befonbetS eine jyeftfteSung beS ©igentumS ber Älägerin 
an ißarjeüe 662. 

Studh in jroeiter Snftanj hat bie Älägerin oorgetragen, 
es roerbe barauf beftarrt, baft ber Klägerin b aS ©igentum an 
ber DueEe juftefte unb baft biefen ben Streitgegenftanb bilbe. 
©3 banbeit ft<h bemgemäjj nur barum, ob ber ©ioilrichter ber 
Behauptung ber beflagten ©taatsfinanjoerroaltung gegenüber, 
bie DueEe fei ein öffentliches SPaffer, übet baS ©igentum ber 
Älägerin an ber Duelle entfebeiben fann. 

3roeifello8 ift auch ber 9lnfpru<h eines ©runbeigentümerS, 
eine auf feinem ©runbeigentum entfpringenbe Duelle ftebe in 
feinem ifkioateigentum unb er bürfe infolge beffett uneinge= 
fhränft über fie oerfügen, ein prioatrecbtlicber. 

SDfit Stecht geht aber bie Älägerin felbft baooit aus, baff 
bie Behauptung ber Beflagten, ber Qafobsbrunnett fei ein öffent- 
li<heS ©eroöffer, ihrer Behauptung, biefelbe befinbe fich in ihrem 
iftrioateigentum, bireft entgegenftebe : roirb bie öffentlichrechtliche 
©igenfdjaft ber $afob8queEe bejaht, fo roirb bamit bas ißrioat= 
eigentum ber Älägerin an berfelben oerneint unb umgefebrt. 

9tun beftimnit Strtifel 10 3ift er 24 beS ©efe&es oom 

21 * 


Digitized by Google 



316 


CSntfdjeibungen beä Dberlanbeägerühtä. 


16. $e§ember 1876: „®en ÄreiSregierungen fommt als SBcr- 
roaltungSgerichten erfter ^nftanj bie SSevhanblung unb @nt= 
Reibung ju über Streitig leiten, welche betreffen bie 33enü|ung 
öffentlicher ©eroäffer, einfd)liehli<h ber grage, ob 
einem SBaffer bie ©igenfchaft eines öffentlichen 
SBafferS jufommt", b. f)- fie hoben barüber ju entfcheü 
ben, ob baS betreffenbe SBaffer ben ©harafter eines öffentlichen 
SBafferS, ober eines im IfJrioateigentum ftehenben höbe. SJtit 
bem SluSfpruch barüber, ob baS SBaffer ein öffentliches fei, ift 
ihnen mit Stotroenbigfeit auch bie ©ntfcheibung über ben biteb 
ten ©egenfah, ob baS SBaffer ein prinatrechtliches fei, juge= 
roiefen. Sollte ber S3erroaltungSrichter über bie $xoge eilt: 
fdjeiben, ob baS SBaffer ein öffentliches fei, unb ber ©iüiltichtet 
barüber, ob baS SBaffer im ißrioateigentum ftehe, fo mürbe 
jeber zugleich über bie bem anbern jugeroiefene grage mitenb 
fdheiben unb es fönnten fidj barauS äioeifelloS miberfprechenbe 
(Sntfdheibungen ergeben. SDemgemäh muhte bie ©ntfcheibung 
über bie ganje gftoge mit ih ren Reiben Sllternatioen bem einen 
ober bem anbern, bem SBerroaltungSrichter ober bem ©ioilrichter, 
jugeroiefen roerben. ®ieS ift baburch gefdhehen, bah ber ge- 
nannte Slrtifel 10 3iff- 24 beftimmt, bah ben 33erroaltungSge= 
richten bie ©ntfcheibung jufte^e über bie $rage, ob einem SBaffer 
bie ©igenfchaft eines öffentlichen ober eines prioaten SBafferS 
jufomme. 

3n>ar heiht eS in ber bejeidjneten 3iff- 24 roeiter: „roenn 
hierüber ein Streit äroifchen mehreren beteiligten befteljt unb 
ber erhobene Slnfpruch nicht priuatrechtlicher Slrt ift“. 'Mein 
biefer festere ©ah fann nicht auf ben früheren Sah „einfchlieh : 
lieh ber grage, ob einem SBaffer bie ©igenfchaft eines öffenfc 
liehen SBafferS jufommt", bezogen roerben; benn roenn Streit 
barüber befteht, ob ein beftimmteS SBaffer ein öffentliches ober 
prioateS fei, fo macht berjenige, roelcher behauptet, bas SBaffer 
fei in feinem fßrioateigentum, ftets einen prioatrechtlichen Slro 
fpruch geltenb, es mühte baljer ftets ber ©ioilrichter barüber 
entfdheiben unb bamit auch barüber, bah baS SBaffer fein öffent- 
liches fei, unb eS roäre bie SSorfchtift, bah bet 33erroaltungS= 


Digitized by Google 



A. in ßiotlfot^en. 


317 


richter über bie grage, ob einem äßaffer bie ©igcnfc^aft eines 
öffentlichen SBafferS plomme, p entfd^eiben ^abe, in ihr ©egen* 
teil oerfehrt. £>er ©a£ „unb ber erhobene Sttnfprucf) nicht 
prioatredjtlicber 2 lrt ift" fann fi<h oielmehr nur barauf be= 
jiefjen, bat ber Sioilrichter and» bann entfcheiben fott, roenn 
es ficb um einen Streit pjifdjen mehreren beteiligten über bie 
benügung eines öffentlichen ©eroäfferS banbett unb einer ber 
beteiligten für baS non ihm geltenb gemachte Siecht, über baS 
geftritten roirb, einen prioatrechtlichen SCitel geltenb macht, unb 
berfelbe fonach ein Sonberred)t an bem öffentlichen ©eroäffer 
auf ©runb eines prioatrechtlichen Titels in 2 lnfpruch nimmt. 
$n biefetn ffatt hätte ber Eioilridjter über baS in Slnfprucf) 
genommene unb beftrittene Sonberrecht p entfcheiben. 

2 Benn bie {frage aufgeworfen roirb, ob einem Sßaffer bie 
Eigenschaft eines öffentlidjen ober prioaten SBafferS pfommt, 
io tann auch nicht gefagt roerben, „ber erhobene 2 lnfprud) fei 
prioatrechtlicher 2 lrt", oielmehr ftehen fi<b in bem unterteilten 
ffaH pei Stnfprücbe entgegen, oon benen ber eine prit>atred)t= 
lidjer, ber anbere öffentlichrechtlicher ärt ift. 

Unmöglich aber ift eS ferner, bie &hatfa<he entfcheiben p 
taffen, roer oon ben beteiligten perft bie Älage erhebt unb 
bem Eioilricbter bie Entfcjjeibung pproeifen, roenn ber ©runb= 
eigentümer perft Älage erhebt unb behauptet, als Eigentümer 
beS ©runb unb bobenS auch Eigentümer ber barauf entfpringem 
ben Duelle p fein, unb ben berroaltungSrichter bann als p= 
ftänbig 511 erachten, roenn ein angeblich berechtigter perft bei 
bem berroaltungSrichter flagt, inbetn er behauptet, bat baS 
SBaffer bie Eigenfd&aft eines öffentlichen SBafferS habe unb bat 
ihm baran auf ©runb öffentlichen Stechts gifhereü ober 2 Bäffe= 
ruugSrechte pftehen ; beim bieS roäre eine ganj prinjiproibrige 
Söfung ber 3wftänbigfeitSfrage , bie oon bem ©efefc nicht ge- 
wollt fein lann. ®ie 3*ff er 24 unterfdjeibet auch, inbem fie 
bie Entfärbung ber grage, ob einem Sßaffer bie Eigenfchaft 
eines öffentlichen SBafferS ptommt, bem berroaltungSrichter 
proeift, nicht, roer bie Älage perft erhebt. Ebenfo unterfdjeibet 
bie 3iffet 24 nicht pifcheu ben oerfcjiebenen ©eroäffern, fie 


Digitized by Google 



318 


©ntfdjeibungen beS DberlanbeSgericfitS. 


fpricht ganj allgemein baoon, bafi bcm berroaltungSrühter bic 
©ntfcheibung ber grage jufommt, ob einem 2Ö af f e r bie 6igen= 
fdhaft eines öffentlichen SBafferS jufomme. hierunter finb auch 
•Quellen begriffen, ©S läjjt fid) nid^t jagen, ber ©i»ilrid)ter 
rnüffe juftänbig fein, roeil ber 2lnfprud) auf eine Quelle ftets 
ein prioatredttlicher fei, fofern eine Quelle nur im $rioateigen= 
tum beS ©runbbefifcerS fteljen fönne. ®ieS märe unrichtig. 
Süchtig ift nur fo »iel, baff eine Quelle im 3m eifei im bri- 
oateigentum beS ©runbbefifcerS fteht, mooon bie Klägerin felbft 
auSgef>t. Slßein es ift ber StachroeiS nicht auSgefdjloffen, bafi 
bie Quelle ein öffentliches SBaffer fei, fei es, bafi »on jeher 
ein ©emeingebrauch an berfelben ftattgefunben hot, ober bafi 
fte »ott jeher als bem 2BafferhoheitSred)t beS Staats unter* 
roorfen behanbelt mürbe. 

Stach bem bisherigen ift jur ©ntfcheibung ber grage, ob 
ber 3afobSbrunnen ein öffentliches ober ein prioateS ©eroäffer 
fei, nidht ber Siüilrichtet, fonbern ber bermaltungSrichter ju* 
ftänbig. 

3n UebereinfUmmung mit bem äuSgefübrten hat ber Ä. 
miirttemb. berroaltungSgerichtShof am 31. Oftober 1894 in 
ber berufungsfache jtoifchen ©. 31. b. unb @en. »on ©. unb 
ben Sf)r. §.’f(hen ©behüten »on ba feine 3uftänbigteit jur 
©ntfcheibung angenommen unb materiett entfdjieben, in melcher 
berufungsfache es ftch auch um bie gtage banbeite, ob baS in 
2lnfpru<h genommene Söaffer ein öffentliche^ fei, ober im bri»at* 
eigentum bes ©runbbefifjerS flehe, unb roobei nur ber, mie bar* 
gelegt, unmefentliche Unterfd)ieb befteht, bah im galle b. gegen 
biejenigen als Kläger aufgetreten finb, roelche bie öffentlich 
rechtliche Statur beS SBafferS behaupteten *). 

Urteil beS I. ©ioilfenats »om 18. Qftober 1895 in Sachen 
©taatsfutanjoerroaltung unb ©en. gegen ©tabtgemeinbe 
bforjheim. 

2)ie Steoifion gegen biefeS Urteil ift surüdgemiefen roorben. 

1) S. Söürtt. QaljrB. S. 7 ©.210. 3« »erst- audj Sang, Sachen* 
recht II § 122 3- II 1 ©• 26. Slnberä: ©ntfcheibung beS II. ©enntS 
beä DberlanbeSgericht« in SBürtt. Qaljrb- Sb. 3 S. 207. 


Digitized by Google 



A. in Cimlfadjen. 


319 


3Jn ben ©rünben bei rex<^!5geri<^tltd^cn Urteils ift bemerft : 
3»ar mujj bal IRefultat, }U welchem ber Berufunglridjter ge= 
langt, ittfofern all ein ungewöhnliche! bezeichnet »erben, all 
nach feiner 2lnfi<ht auch in fallen ber oorliegenben 2lrt, in 
welchen bet (Eigentümer einel ©rimbftücf! bal @igentum!red)t 
an einer auf feinem ©runbftücfe entfpringenben Quelle, foroie 
bal Stecht ihrer Benüfcung ju einer auf bem ©runbftücfe ein= 
gerichteten SBafferleitung im SRed^tlroege oerfolgt, bie 3uftänbig= 
feit bei ©ioilrichterl ju oerneinen ift, falls nur ber ©egner 
bie Behauptung auffteQt, baff bie Quelle ju ben öffentlichen 
©e»äffern gehöre. Steffen laffen bie ©rünbe bei porigen 
Stichler! feinen 3roeifel, baß er feine Stnftdfjt allein unb aul= 
fchtiefelich auf bal SBürttembergifche ©efefc oom 16. ®ejember 
1876 grünbet. $afj bei ber Slullegung biefeS ißartifulargefe^el 
allgemeine Siegeln oerlefct wären, ift nicht erfidhtlid) unb auch 
ber suoor erwähnte lltnftanb, bah bal 2lullegung!refultat ein 
ungewöhnliche!, mit ber gemeinrechtlichen 2)oftrin nicht im 6in= 
flang ftehenbel ift, fann nicht weiter in Betracht fornmen, weil 
ber Begriff einer ©ioilrechtfache reichlgefefclich nicht geregelt, 
oielmeht jurjeit lebiglich nach ber ©efefcgebung ber einzelnen 
Bunbelfiaaten ju beftimmen ift. 


44. 

Snteruentionshlage eines in örrungtnfdjaftsgenmnfdjaft leben= 
ben Ehemanns, ber jur 5ulbung ber jlroangsoollftredumg in bas 
iiermögen feiner (fljefrau oernrteilt ift, auf törunb feines |Hit= 
eigentums an einer errungenfdjaftlidjen fiegenfdjaft, in bie ber 
(■»laubiger bie $u>angsoollftrfdtung beantragt. 

2luf ßlage einer ©läubigerin ber ©befrau bei Älägerl hat 
bie U. Sioilfantmer bei ft. Sanbgericht! ju Ulm am 4. fDiai 
1894 erfannt: 

„I. SDie Beflagte 3Jt. ©. ift fchulbig, ber Klägerin bie 
Summe oott 8964 99t. 87 ?ßf. unb 5°/o 3in! au! 8400 9)t. 


Digitized by Google 



320 


entfdjeibunßen be8 D&erlanbeSgeri^tä. 


t)om 23. Slprit 1890 ju bejahen unb bie burd) bic Älage gegen 
fie erwadjfenen ^rojefeloften ju tragen. 

II. ®etn ©eflagteit 9t. 6. gegenüber: 

1. @3 wirb feftgefteHt : 

a) bafj baS SBolmhauS lit. B. 9ir. 316 mit J&ofraum unb 
©emüfegarten in ber SBaHfifdigaffe in ltlm jur ©rrungenfdjaft 
ber beiben unter fid) in lanbred)tli<her GrrungenfdhaftSgefelU 
fchaft lebenben Söeflagten gehört ; 

b) ber SBeflagte 9t. 6. ift fchulbig, wegen ber unter 3iff- 1. 
aufgeführten ©diutb feiner (Ehefrau bie 3roang3ooHftrecfung in 
baS in feiner SBerroattung befinblidje Vermögen berfelben ju 
geftatten. 

2) mit intern SInfprud), ber Seftagte 9t. 6. fei fchulbig, bie 
3roangS»olIftre<fung in bie feiner (Ehefrau gehörige Hälfte an 
bem ju 3- II 1. a bejeit^neten ^aufe ju geftatten wirb Klägerin 
abgewiefen." 

®a3 Urteil ift rechtSfräftig geworben. 

2luf ©runb biefeS Urteils hat bie ©läubigerin bei bem 
Ä. Amtsgericht Ulm gegen bie (Ehefrau 91t. 6. ben Antrag auf 
3wangSooHftredung in beren unbewegliches SSermögen, nänt= 
lid) in bie berfelben gehörige £älfte beS wäfjrenb ber (Elfe er= 
roorbenen Kaufes lit. B. 9tr. 316 in ber SöaHfifchgaffe behufs 
SBefriebigung ber Klägerin wegen ber urteilSmäjjigen gorbe= 
rung oon 8964 3)?. 87 ißf. nebft 5% 3infen geftellt. 

2)urd) Sefchlufj beS $. Amtsgerichts Ulm ooin 22. 3>uni 
1894 würbe bementfpred^enb wegen ber bejeichneten gorberung 
ber ©läubigerin in bie „auf ber dltarfung Ulm gelegene, ber 
„6d)ulbnerin gehörige fiiegenfdjaft nämlidh bie Hälfte an bem 
„währenb ber (Ehe erfauften $aufe lit. B. 9tr. 316 in ber 2öatl= 
„fifdhgaffe" — angeorbnet. 

9t. (S. hat nunmehr QnteruentionSflage gegen bie SÖellagte 
91t. SB. erhoben mit bem Antrag: ©ellagte habe in bieAufhe= 
bung ber oom 3?. Amtsgericht Ulm angeorbneten 3roangSooll: 
ftredung in baS unbewegliche Vermögen ber ©hefrau beS £lä= 
gers einjumifltgen. (Er hat bie itlage „auf fein burd) bie befom 
beren ißerhältnijfe ber ehelichen (Srrungenf<haft3gemeinf<haft 


Digitized by Google 



A. in Gioilfadjen. 


321 


qualifijierteS afliteigentumSredht" geftüfct. 3n jtoeiter Snftanj 
mürbe bie eingeleitete 3roangSootIftrecfung für unjuläffig erflärt. 

91 u ä ben ©rünben: 

2. $>afj ber Kläger ju ©rhebung einer ÜöiberfpruchSflage 
gentäfi § 690 ber ©.ip.D. formell berechtigt ift, unterliegt feinem 
3roeifel. Serfelbe ift „dritter" im Sinne biefer ©efe|}eSbe= 
ftimntung. 5Denn er ift nicht Schulbner ber beijutreibenben 
Schulb — einer Sonberfchulb feiner ©hefrau — , ift nicht ner= 
urteilt, biefe Schulb ju bejahten; er ift auch nicht berfenige, 
gegen melden baS Urteil (auf ©ejahlung ber Sdhulb) ju nol!= 
ftrecfen ift 1 ), (ber ©jequenb): bie 3roangSooHftrecfung ift nur 
in baS Vermögen ber ö^cfrau beS Klägers angeorbnet roor= 
ben. ®er Kläger foU als dritter, welcher baS Dbjeft ber 3roangS= 
ooUftredung in öeftts, ©enufi unb SBermaltung hat, in baS= 
felbe bie gegen bie ©hefrau gerichtete 3roangSoo!Iftre<fung „ge= 
ftatten". 

8. 3am ©egenftanb ber 3roangSooIIiirecfung nämlich ift 
im oorliegenben 3-aÜe gemadht : bie unabgeteilte ibeeEe |>älfte 
beS jur ©rrungenfdjaft ber ©.’fdjen ©f^eleute gehörigen Kaufes 
lit. B. ÜJtr. 316 ber SBaflfifdhgaffe in Ulm nebft 3ubehörben 
unb ©emiifegarten ; bie ©igentumShälfte ber ©hefrau hieran 
als eine förderliche, unbewegliche, jum SBermögen ber ©hefrau 
gehörige Sadhe. 

2lls baS bie SJeräufierung ^inbernbe 9tedE)t, auf roeldhes 
bie QnteroentionSflage geftü^t ift, hot ber Kläger — nidht baS 
ehemännlidje $erwaltungSre<ht an bem Vermögen ber ©hefrau, 
fonbern — fein „burdh bie befonberen SBerhältniffe ber 6r= 
rungenfdhaftSgemeinfchaft qualifiziertes" 9)titeigentumSrecht an 
bem fubhafiierten 2lnmefen geltenb gemacht. 

4. $ie öeflagte behauptet, bafe biefer Illage fdhon non 
nornherein baS in bem sBorprojefi ber Parteien am 4. 2)fai 
1894 ergangene Urteil beS Ä. SanbgerichtS Ulm unb bie in 
jenem ißrojeffe non bem nunmehrigen Äläger abgegebenen ©r= 
flärungen im 2Bege ftehen, unb es ift baljer junädjft auf bie 

1) beS Seiner. 8b. 16 Kt. 84 ©. 347, 8b. 30 Kt. 119 

©. 386. 


Digitized by Google 



322 


©ntfdjeibungen beS ObertanbeSgeridjtS. 


Vebeutung beS angeführten Urteils bejro. ber batnaligen <ßar-- 
teierfrärungen einjugehen. 

a) 3roeifelloS h fl fr e bie ©läubigerin um bie 3 roan 9ät>ott : 
ftredung gegen bie Ghefrau G. rnegen ber ©onberfdjulb ber= 
felben in beren unter Verroaltung beS GhemannS ftehenbes 
Vermögen erroirfen §u frmnen, einen VoHftredungStitel audj 
gegen ben Gljemann nötig, melier bem lederen bie ©ulbung 
ber 3 tt,an 93»oUftre<fung in biefeS Vermögen auferlegte ‘). 

3u biefem Vehuf mürben in bent Vorprojeji bie bejiig-- 
lid)en Klageanträge gegenüber bem bantals befragten G&emann 
G., unb jrnar fpejieH fchon in Slbfidjt auf bie GigentumShälfte 
ber Ghefrau an bem $aufe in ber ffiallftfdhgaffe, geftellt 
©einem SlnerfenntniS gemäß mürbe berfelbe oerurteilt, megen 
ber fraglichen ©djulb bie 3i®angSnolIftreblung in baS in feiner 
Vermaltung befinbliche Vermögen ber Ghefrau ju geftatten, 
roogegen bie bamafrge Klägerin mit ihrem Slnfpruch barauf, 
bet Gefragte fei fchulbig, bie 3 roQn 93ö°llfttecfung in bie 
feiner Ghefrau gehörige $älfte an bem $aufe B 3tr. 316 in 
ber SBaDfifchgaffe ju geftatten, abgeroiefen roorben ift. Ueber 
ben Sinn unb baS Verhältnis biefer beiben Qubifate märe nun 
aUerbingS, roenn man nur auf ben Urteilstenor II 1, b unb 
II, 2 fleht, ein 3®eifel möglidj gemefen. Unb fo i|t bie ge= 
rienfammer beS K. üanbgeridfts Ulm in ihrem Vefdftufs auf 
Ginftellung beS 3w>angSüollftre<fungSoerfahrenS oom 3. ©ep= 
tember 1894 oon ber Sluffaffung ausgegangen, bafe baS er= 
mähnte Urteil, meines, mie anjunehmen, nidft roeiter reifen 
foUe als baS ju ©runb liegettbe SlnerfenntniS beS befragten 
GhemannS, biefen jur ©eftattung ber 3roangSooHftrecfung in 
baS (in feiner Verroaltung befinbliche) Vermögen ber Ghefrau 
auäfchliefjlidh ihrer GigentumShälfte an bem &aufe höbe 
oerpflichten mollen. Allein nach ber Interpretation, roeldhe bem 
Urteil nunmehr oon ber II. Gioilfammet beS SanbgeridftS, 
offenbar im Ginflang mit bem ©Ijatbeftanb unb ben ©rünben 

1) ©aupp, ©iu.^.D. § 51 ©. 122, § 699 ©. 377, § 671 ©. 349. 
Sammelt in Sofdferä 3eitfd)rift Sb. 32 ©. 232, Sb. 34 ©. 327. @ntf$. 
beS Stei^Sgericbt« Sb. 32 9tr. 72 ©. 290 ff. 


Digitized by Google 



A. in ©iDtIfa<§en. 


328 


jene« Urteils gegeben wirb, ift ber ©inn nid)t ber oon ber 
gerienfammer unterfteHte. (SS wollte ttid^t bie ©igentumShälfte 
ber ©^cfrau an bem häufe oon bem Greife ber oon bem be- 
flagten ©bemann gu geflattenben 3 roan 0Soottftrecfung auSge= 
fChloffen, fonbern nur ber Klagantrag auf 2luSfpruCh ber Vers 
pfüdjtung biefeS eingelnen, fpegiellen Vermögens* 

ftücfeS abgelebt werben, aus bem hoppelten ©runb, roeil ein 
folcher 2luSfpruch thatfcuhliCh bie 2lnorbnung ber SroangSooD-- 
ftrecfung in bie hauShälfte ber ©hefrau gfeic^fäme unb roeil 
ein rechtliches $ntereffe ber Klägerin an einer berartigen ge|U 
fteUung gur ßdt nicht oorliege. 

3)ie Vebeutung bes Urteils nach ber fraglichen fRidjtung 
gebt alfo bahin, bafi einerseits bie hauShälfte ber ©hefrau 
nidjt oon bemjenigen Vermögen berfelben, in roelcbeS ber ©he* 
mann bie SroangSooUftrecfung gu bulben hat, ausgenommen, 
anbererfeitS aber ein fpegieHer VoflftrecfungStitel gerabe roegeit 
biefeS Vermögens ob jefteS nicht erteilt roorben ift. 

b) (SS fragt fidb hiernach ferner, ob bie burch baS 2ln* 
erfenntniSurteil auSgefprochene Verpflichtung beS nunmehrigen 
Klägers ohne weiteres bie Veflagte gur ©rwirfung ber 3roangS= 
ooUftrecfung in bie (ibeelle) ©igentumShälfte ber ©hefrau an 
bem häufe berechtigte unb jeben SBiberfpruch beS Klägers 
auSfchliefjt. ®iefe Tragweite fann bem Urteil nicht beigelegt 
roerbett. SlßerbingS ift hieburdj bie Verpflichtung beS Klägers, 
eine 3roang3ooUftrecEung in baS oon ihm oerroaltete Vermö* 
gen feiner ©hefrau gu geftatten, allgemein unb mit ber 2öir* 
Eung feftgefteüt, baß ber Kläger bie Vollftrecfung in biefeS 
Vermögen wegen ber fraglichen ©onberfcfsulb ber ©hefrau „grunb* 
fä^liCh" gugulaffeit hat unb einer folgen nicht mehr burch bie 
einfache Verufung auf fein ehemämtlidheS Verwalt ungS* 
recht wiberfprechen fann. 2lUein für bie 31 rt unb SBeife 
ber 3 rDan 0 gt, °Qftrecfung unb für bie Veftimmung ber ©jefu* 
tionS o b j e E t e im ©ingelnen ift burch baS mehrerroähnte Ur= 
teil ein ißräjubig nicht gefchaffen ; eine etwa bahin gehenbe $n= 
tention bes 3ticbterS roäre febenfaßs im Urteil felbft nicht gum 
SluSbrucf gefommen, oielmehr ift ja ber bie hauShälfte ber 


Digitized by Google 



324 @ntf<§eibungen b ei 0berlanbe8gericf|t8. 

6t)efrau fpejiell betreffenbe Klageanfprudf» auSbrüdflid; abge= 
wiefen worben. 

Der jefeige Klaget ift alfo burdj baS ergangene 9lner; 
fenntniönrteil an ftd^ nidfjt geljinbert, in bem fonfreten galt 
ber 3roange»oflftre<fung ein i^m in 2lnfel;ung beS ©egenftan= 
bes berfelben — abgefefjen non bein iBermaltungSredfft — ju= 
fteE>enbeö befonbereS, bie sßeräufjetung fjinbetnbeS Siedet im 
2Beg bes SQBiberfprudbeö geltenb ju machen. 

c. $)er notige 9ti<$ter bemerft jroar, eS fönne fic^ fragen, 
ob nid&t ber jefet auf baS 2JtiteigentumSred(jt geflüfete 9Biber= 
fprudj beS Klägers infolge feines SBerfjaltenS im aSorprojefs 
wegen S3crjicf)teS beSfelben auSgefdbloffen fei, unb bie 33e= 
rufungSbeflagte l>at benn auch in gegenwärtiger Qnftanj einen 
SSerjidjt beS Klägers behauptet. SDiefer ©inwanb ift jebodf) 
nidfet begrünbet. 

Qn ber ntünblidien 33ertjanblung ber aSorprojeffeS fjat bet 
bamals beflagte ©jjetnann 9t. ©. burcf) feinen ißrojefibeooEmädf); 
tigten bem 2lnfprucb ber Klägerin bepglicfj ber BroangSoolb 
ftreefung in bie ^ausfjälfte wiberfprodfjen, er f>at einge= 
rnenbel : bie Klägerin fönne im gegenwärtigen (bamaligen) $ro; 
jefe uicfit bie 3roangSoolIftrecfung in ein e inj eines 6r= 
rungenfdiaftsftüd nerlangen, ba man nidjt wiffen fönne, ob 
foldjeS jur 3 e ü ber 3*®angSooHftre(fung nocfi norljanben fei; 
inSbefonbere fönne baS in $ra ge ftefeenbe £auS in ber 3roif^»en= 
jeit oerfauft werben; unb ein 2luSfprucf), wie il)n Klägerinnen 
lange, fomme einer 2Irreftanlage auf bie ^auS^älfte gleidj). 
^iegegen braute ber bamalige flägerifd&e Vertreter oor: würbe 
bloS allgemein auSgefprodjett, bajj ber beflagte Seemann bie 
3wangSnoÜftrecfung in baS 33ermögen feiner ©fyefrau ju ge= 
ftatten feabe, fo fei nid&t auSgefd&loffen, bafs er, wenn bie Klä= 
gerin fpäter bei bem SßoEftrecfungSgeridl)t 3roangSootlftredfung 
in bie fragliche ^auS^älfte beantrage, mit bis jefet juritdEge^ 
fjaltenen ©inreben l>ernortrete, fo ba§ Klägerin non neuem 
flagen miiffe. ®arauf beftritt ber aSertreter beS beflagten ®lje= 
manns, bafj biefer ©inreben, bie er jefet geltenb mad&en fönne, 


Digitized by Google 



A. in ©ioitfac^en. 325 

jurlidhatte, unb wie« noch auf bie Möglidhfeit ber Anfechtung 
etwaiger fraubulofer Verfügungen hin. 

©er Unterrichter führt — in ben ©rünben bes jeßt am 
gefochtenen Urteils — ^ieju an, baS MiteigentumSredht beS 
ÄlägerS ^abe ja fchott Iängfl beftanben, hätte aifo fchon im 
Vorprojefj geltenb gemacht werben fönnen. 

3fnbeffen ift ein (grunbfä^üd^ nicht ju präfumierenber) 
Vergeht beS Klägers auf etwaige weitere ©inreben ober auf 
jeben künftigen SSiberfprudf) aus jenem Vorbringen bejw. Ver- 
halten beöfelben nidEjt, feineSfaUs mit Sicherheit, ju folgern, 
©er Vertreter beS jefcigen ÄlägerS h at ntöglidherweife bamals 
an ein bem Kläger auf ©runb Miteigentumsrechtes juftehew 
beS SöiberfprudhSredht nidt)t gebaut unb in biefem goß wollte 
er weber mit biefer ©inrebe jurüd^alten, nodh barauf oerjid)= 
ten. ©erfelbe mag audh — wie oom VerufungSfläger jefct 
behauptet wirb — fdEjon bamals ber Anfid)t gewefen fein, bie 
3roangSt)ollftredEung in bie .jpauShälfte ber ©hefrau werbe ni<ht 
unmittelbar burch 3wang3oerfauf ber ^auShälfte felbft, fom 
bem nur burdh ißfänbung ber Infprüdhe ber ©hefrau erfolgen 
biirfen. ©em Antrag ber Klägerin felbft tmt ber bamalige Ve= 
flagte SBiberfpruch entgegengefefct ; bie für fein Veftreiten oor= 
gebrauten ©rünbe fönnen ihm, fofern barin audh nidht ein 
eoentueUeS AnerfenntniS liegt, für bie fjotge^eit nidht prä= 
jubilieren. 

5. hiernach ift ju unterfudhen, ob baS Miteigentum beS 
Klägers an ber ehelichen Grrungenfdjaft, abgefehen oon bem 
ihm juftehenben ehemännlichen Vermattungsrecht, ihm bie Ve= 
fugnis giebt, einer | ßmangSoeräufeerung ber GigentumShälfte 
an bem |>auS ju wiberfpredhen. 

©aß baS Miteigentum ein bie Veräußerung hinbernbeS 
Died^t im Sinn beS § 690 ber G.ip.D. barftellen fanit, ift 
nicht ju bezweifeln unb wirb oon ber 9ied;tfpre<hung im aH= 
gemeinen, wie fpegieU für baS Miteigentumsrecht beS ©he= 
mannS au ber ©rrungenfchaft anerfannt 1 ). 

1) ®aupp, 6.^5. D. § 690 S. 377. gal tmcitn, 3roongSt>oIIftr. 


Digitized by Google 



326 


(5'ntfcöeibungen b ti DberlanbeSgericfjtä. 


3 unt Sßiberfprud) berechtigt bag fDHteigentum jebenfatlg 
bann, wenn bie 3 >®ott 0 ^®oDftrec!ung burch ißfänbung betoeg= 
lieber förperlicher Sachen ober burch Sefdjlagnahme unb $Bet= 
fauf unbeweglicher ©egenftänbe felbjt erfolgen foU. ®urd) 
bieipfänbung unb ben Verlauf ber gangen Sache roirb felbfU 
oerfiänblid) bag ÜDUteigentum beg dritten, roeldjeä fidf auf alle 
phpfifdjen Steile ber unabgeteilten Sache erfireeft, beeintrö<b= 
tigt unb oerle|t. Qm oorliegenben Qalle ^anbelt eg fuh aber 
um 3 roanggoeräu&erung nid^t beg gangen Stmoefeng, fonbern 
nur ber ibeeüen Slnteilghälfte ber ©tjefrau. 

a) Stellt man fid) gunäd)ft auf ben Stanbpunft, bafj biefer 
©igentumganteil fdjon jejjt ein felbftänbigeg, für ft<h oer- 
äufeerliebeg SSermögengobjeft ber ©hefrau btlbe, fo töäre burch 
eine Subljaftation begfelben bag ©igentunt beg ©hemanng an 
ber anberen $älfte ber Subftang nach aHerbingg nicht berührt. 
Qnbeg fe^jt bie 2öiberfprudjgnage beg § 690 nicht »oraug, 
bafj bag 9iecht beg dritten bureb bie SSoUftredung oernichtet, 
aufgehoben roerbe, eg genügt ein tbatfätblidhcr ©ingriff in bag 
9te<bt beg dritten, eine Beeinträchtigung ber Slugübung beg 
3ieä)teg, im Befifc ober im ©ebrauch ’)• 

9lun fann gugegeben werben, baf? bei bem gewöhnlichen 
^Miteigentum an einer u nb e me gl i<b en Sache bag 2Kiteigen= 
tumgre<bt beg ©inen bie 3 roanggoeräu§erung beg tbeeHen 2 ln= 
teilg beg Inberen ungeachtet ber bainit etwa oerbunbenen 
Störung in ber Slugübung beg 2Jliteigentumg nicht gu hindern 
oermag. ®em SJtiteigentümer fteht prinzipiell bag Siecht gu, 
feinen Slnteil jebergeit gu oeräufgern. Unb nach beut bei ung 
geltenben Siecht wirb ber ibeelle SCcü einer unbeweglichen Sache 
alg ein in Slnfehung ber 3 IDan 3 SooEftrecEuug gum unbewegt 
Höhen Vermögen gehöriger (förperticher) ©egenftanb ange* 
fehen 2 ). 

S. 116 f., ©. 188 ff. o. 2öi[mo«>3ti = £eB9, 6.^.0. § 690 ©. 941 
91t. 2. ©ntfdj. beS SHeic^öger. ®b. XIII 9Ir. 43 S. 179, 180. ©euf* 
fett, Slrdji» Sb. 40 91t. 79, Sb. 46 91t. 76. 

1) Sgl. ©aupp, ©,®D. § 690 ©.‘377 91. 16 unb ©itierte. 

2) ®fanbgefefi nom 15. Slpril 1825 3lrt. 4, 9. SBädjter, SB. ®ri* 
Datiert II § 37 A ©. 2)1 ff. Song, ©actenrecf)t I § 30 ©. 180 IV; 


Digitized by Google 



A. in ©bilfad&en. 


327 


b) ®amit ift jebocb bie groge für baS Miteigentum beS 
©betnannS an ber ©rrungenfcbaft nic^t entfcbieben. 3« biefe« 
MiteigentumSredbt mirb, au<b bei ttnterftellung eine« 3JJiteigen= 
tumS bet ©beleute an ben einjelnen Dbfeften, burdb ben 3n>ang$= 
oerfauf bet ibeeüen $älfte ber ©tjefrau an einet Grrungetv 
fcbaftSliegeufcbaft in roeit fytyexem Mafje unb nie! einfdbnei= 
benber eingegriffen, als bie^ fonft bei bem Miteigentum ber 
galt ift, roaS ft<§ jumal in einem ^alle geigt, roo, roie oorlie= 
genb, baS fub^aftierte ©runbftüdf ber gamilie jur 2Bobnung, 
bem Seemann jum ©efebaftsbetrieb bient, ©djon bureb bie 
Söefdblagnabme ber Siegenfcbaft, bie Ergreifung beS i'efibeS 
ober MitbeftfceS bureb ben nach 2lrt. 8 beS ©efefceS oom 18. 2lu= 
guft 1879 aufgefteHten Vermalter (oergl. SMjugSoerorbnung 
oom 1. Dftober 1879 § 11 2lbf. 2 3- 4) roirb ber ©bemann 
in ber 2lu3übung feinet Eigentumsrechtes, im 33efib unb @e= 
brauch erheblich be^inbert. Somrnt eS bann jum 3mang3oer-- 
!auf an einen dritten, jo mürbe, roenn ber Äciufer nunmehr 
in bem Verhältnis beS freien Miteigentums an ber ©teile bet 
©befrau eintritt, baS Stecht be$ ©bemannS gegenüber bem bi3= 
berigett StedbtSjuftanb roefentlidb gefdbmälert. SBäbrenb ber 
©befrau eine felbftänbige ®iSpofition3befugniS (abgefeben oon 
ben für ^anbelsfrauen :c. etroa geltenben 2luSnal}men) itber= 
baupt nicht, ein ©ebraucbSrcdbt nur infomeit, als es bureb i^re 
familienredbtlidbe Stellung gegeben ift, jufam, ein 2lnfprucb 
auf reelle Teilung roäbrenb ber ©be oerfagt mar, märe ber 
neue Miteigentümer an feine biefer ©dbranfen gebunben; er 
fönnte bem ©bemann jebeit einfeitigen ©ebraueb oerroebren 
unb inSbefonbere auf Teilung bejio. Verweigerung flagen. ©3 
fann bieS in Ver£)ältniffen, mie fie im gegenroärtigen $all oor= 
liegen, eine ©ntraertung beS Eigentums für ben ©bemann unb 
eine Beeinträchtigung ber öfotiomifdben ©piftenj jur golge haben. 
Ser Kläger bat baS $auS jur Siubelfabrifation eingerichtet 
unb betreibt barauf baS ©efebäft, oon beffen ©rtrag er ficb 
unb feine gamilie ju ernähren bat; es ift benfbar, bafs burdb 

II ü 166 <5. 185 ff. ®aupp, 'Anfang jur 6.^3 O. (SOS.) 67 ju § 757. 
^altmann, 3n> an 8S»oDflr- S. 186 9t- 11. 


Digitized by Google 



328 


©ntft^eibungen beä D&erlanbeägeridjtä. 


ben groangSoerfauf ber |jälfte bei $aufel famt bett all 3 U ' 
beworben jurn Verlauf mit aulgefdbriebenen ©efdbäftleinricb: 
tungen ber ©eroerbebetrieb bei KlägetI unb bamit ber Unter: 
halt ber gamilie gefäbrbet mürben; bie 2Jt5glidbleit, baff er 
burd) Vereinbarung mit bem neu eintretenben SCeil^aber fidb 
bie gortfegung ber bil^erigen Slrt ber Venüjsung bei 2lnmefenl 
fiebern lönne, ift bodb roobl eine prefäre. 

c) ®iefe ©rroägungen fönnten freilich nid^t mafsgebenb 
lein, wenn angenommen werben müfjte, bafe bureb bie nach um 
ferem Sanbelredit befte^enbe Haftung bei grauengutel für 
»oreblidje ©dbulben ber ©befrau bem ©benenn bie Verpflid): 
tung aufertegt fei, fd>on roabrenb Veftebenl ber ebetidben ©ü-- 
tergemeinfebaft ben Slnteil ber grau an ben einzelnen ©rrungem 
fcbaftlgegenftönben ju Vejablung foldber ©ouberfdbulben um 
bebingt freijugeben. ©I mürbe fidb ämar in biefem gaH noch 
bie grage erbeben, ob eine fo allgemein lautenbe geftfteHung, 
roie fie gegen ben Kläger in bem Urteil bei Sanbgeridbtl Ulm 
oorn 4. SU?ai 1894 ergangen ift, an fidb angeftebt! bei 
Umftanbel, baff in biefem Urteil ber fpejieH auf bie £au!= 
bälfte ber ©befrau gerichtete Klageantrag abgeroiefen mürbe, 
einen jureidbenben SCitel für bie 3 ™“» 0 ^ooHftrecEung in biefe 
^aulbälfte barftettt, ob nidbt bie Veflagte gegenüber bem 
SBiberftanb bei ©bemannl einen befonberen, bie inbitnbueHe 
Vejeicbnung ber ©pelutionlobjefte entbaltenben VoQftrecfungl= 
titelfgegen ben Kläger, auf SDulbung ber Vefijjentfefcung bejm. 
©inräuniung bei SJiitbefibel an ben Vermalter erroirfen müfete J ), 
unb bei legerer Annahme bie weitere grage, ob auf bem 
2öege ber ©inrebe bejro. ber SSiberflage im .gnteroentionl: 
projeß nachträglich ein foldber fEitel befdbafft, bie eingeleitete 
3wang!ooHftrecfung fanftioniert werben fönnte. 

©iner Gntfcbeibung biefer gragen bebarf el inbeffen nidbt, 
ba bie oben unterteilte Sluffaffung bei Etecbtloerbältniffel ber 
©begatten nicht für jutreffenb ju eradjten ift. 2Bol)laber mödb= 
ten febott bie angebeuteten praftifdben Konfequenjen einen &im 
weil barauf enthalten, bat bie ©ntfdbeibung nidbt lebiglicb an 
1) 35g(. Üätnmert in SSofd&erl Sb- 32 6. 327. 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfad&en. 329 

ber |janb beS römifdredtliden Miteigentumsbegriffes p ftm 
ben ift. 

6. ®em Miteigentum ber ©Regatten an ber ©rrungem 
fd<tft bei bem Ianbred^tli^en ©üternerljältnis roie an bem ©e^ 
famtgut bei ber aßgemeinen ©ütergemeinfdaft fommt ein ei= 
gentümlider ©fjarafter p, melier in ber fJlatur beS elfe* 
I i e n SßerljältniffeS begrünbet ift unb in tneljrfacber SBejie^ung 
eine Mobififation beS 3n^alte8 ber beiberfeitigen Ütedte mit fidj 
bringt. ®aS eheliche ©efamtoermögen bilbet roä^renb ber ©Ije 
eine einige unb äufjerlid ungepieite SOermögenSmaffe in ber 
&anb beS ©IjemanneS, melier als aßeiniger Vertreter unb 9te= 
präfentant beS Vermögens nad aufeen gilt *). 

SBälirenb — bei ber ©rrungenfdaftSgefeßfdaft — baS ©on= 
bergut im 2lßeineigentum beS betreffenben ©Regatten Derbleibt 
fteljt bie ©rrungenfdaft, baS gemeine ©ut, im Miteigentum beU 
ber ©atten. ®ürfte man nun baS 9tedtSnerf)ältniS bei ber ©r= 
rungenfdaftSgefeflfdaft — roie ber SSertreter beS 8erufungS= 
HägerS geltenb madt — als ein beutf<$red)tlidjeS ©efamt= 
eigentum auffaffen, fo fönnte mä^renb ber flauer ber Semem: 
fdaft non beftimmt p fonbemben ibeeßen Anteilen ber ©Regatten 
an ben ©rrungenfdaftSgegenftänben unb einer 3roangSDoßftrecf: 
ung in fold&e Anteile feine 9tebe fein a ). Unb es ift ridtig, bafj 
bie gemeinred^tli^ie $deorie fid jener Mffaffung neuerbingS meljr 
unb meljr mieber proenbet, mie benn jefct ber ©ntrourf beS 
bürgerlid^en ©efefcbud&S aud ber ©rrungenfdaftSgemeinfdaft 
bas fßrinjip beS beutfdredHiden Miteigentums p ©runb 
gelegt unb bie Äonfequenpn hieraus, aud in Slbfidt auf bie 
3roangSDoßftredfung gegen bie Seeleute, gepgen l»at ä ). 

Mein für bie SBürttembergifde ©rrungenfdaftSgefeßfdaft 

~ 1) Bgl. Sang, $erf.9t. § 46 ©. 331, § 51 3. II, III ©. 358. 
©aupp, 2lnljang jur ©,$.D. ©. 53 ad § 671. 

2) Bgl. galt mann in 9tafforo=Sünjel, Beiträge, Bb. 35 ©. 504 
Bote 50. 

3) ©ntrourf I §§ 1342 ff., 1417. ÜHotioe IV ©. 335, 492 ff., 505. 
©ntrourf II §§ 1337, 1338, § 1414. ©ntrourf eines § 754 a ber©.$.D. 
f. cioilift. 2Irct)io Bb. 83 ©. 439. 

3a^rl)üd)er fitr ilDilrtiemlerg. Sle^täpflege. Vlll. 3. 22 


Digitized by Google 



330 


©ntfdjeibungen beä ÜbertanbeSgeriditS. 


geftatten bie pofttioen SBeftimmungen unferer ©efefce bie 2lm 
nannte eineä beutfc^red^tlid^en ©igentumä ju gefamter föanb 
nicht. Saä SB. Sanbredbt, beffen ißerfaffern ohne 3ioeifel ^er 
leitete Siecbtäbegriff entfernter lag alä bie bamalige roma* 
niftifdbe Sluffaffung eineä condominium ober einer societas, 
fpridbt bodb su beftimmt baoon, baji an bem ©trungenen unb 
©eroonnenen jebem ©begatten ber „halbe Seil" ju ©igentum 
gehöre. Sie betreffenben ©teilen : S.9t. III 7. §§ 2. 3. IV, 5 
§§ 1/ 2; 6 §§ 2, 7 §§ 2, 3; 8 §§ 2, 3 enthalten ätoar jit* 
nteift Seftimmungen für ben $all ber SBeerbung beä ©begatten 
bejiebungäroeife für bie ©efeUfcbaftäteilung, fejseit aber eine 
hälftige 2lnteiläberedf)tigung alä fdbon tnäbrenb ber ©he beftehenb 
oorauä unb inäbefonbere fteüt ber § 2, III, 7 ganj allgemein 
ben ©runbfafc auf, bafj an ben errungenen ©ütern jebem @be= 
gatten ber halbe Seil jugebörig fei. SSenn baher jtuar für 
bie allgemeine ©ütergemeinfcbaft neueftenä roieber audh für 
unfer Stecht baä beutfch = redhtliche ißrinjip Sertheibiger finbet, 
fo ift bod) naheju allgemein anerfannt, bafj nadh uitferem Siecht 
bei ber ©rrungenfcbaftägefetlfcbaft bie ©begatten binftcbtlicb ber 
förrungenfchaftämaffe unter jidh in bem SBerbältniä eineä 9)tit= 
eigentumä, condominium pro indiviso, ber 2lrt fielen, bafj je= 
bem bie ibeelle $älftc an ben ©rrungenfdbaftäfachen gehört, — 
eine 2luffaffung, non meldher auch unfere Sflfanbgefefcgebung 
auägegangen ift 1 ). 

©ans unb nach allen Sejiebungen lägt ficb aber gleidfp 
roohl baä SJtiteigentumäoerbältniä ber ©begatten in bie gorm 
beä römifdhen condominium nicht einfiigen; eä oermag feinen 
llrfprung auä beutfchem Stedjtäleben nicht oöllig ju oerläugnen 
unb behält feine befonbere , nicht b l o ä in bem ebemännlicben 
SBerroaltungärecbt , fonbern in ber ehelichen ©emeinfchaft unb 
3medEbeftimmung rourjelnbe ©eftaltung bei, fo lange bie ©r= 
rungenägemeinfchaft nidht aufgelöft ift. Ser Anteil jebeä ©at= 

1) Sgl. $fanbentroictel.®efefe oom 21. Slai 1828 2trt 52. SoUeg, 
Rommentar III S. 1283 ff. Sang, ^etf.3t. § 51 <5. 358 unb 91ote 1. 
@aupv, Slnijang jur G.^.D. § 681 ©. 53 u. 91ote 2 mit Sit. Säm= 
uiett in »ofcfcerä 3eitfdji;. Sb. 34 6. 320 ff. 


Digitized by Google 



A. in ©ioilfadjen. 


331 


ten an ber ©rrungenfchaft — bie ibeeHe -hälfte — wirb betm 
fclbcn erft bei 2luflöfung ber ©emeinfcbaft (enbgiittig) pge^ 
fcfjieben ; bis babin fteHt baS gemeinfcbaftlicbe Vermögen, nach 
außen jebenfaHS, eine ungetrennte SDJaffe bar, welche für bie 
Veräußerung unb 3roangSooüftredung als Vermögen beS ©be= 
inannS bebanbelt wirb. Fnsbefonbere tritt »or 2lufbebung ber 
©emeinfcbaft ein ibeeüer 2lnteil ber ©^efrau an ber ©rrungen= 
fdjaft unb ben einzelnen 33eftanbteiten berfelben nicht be*®*^ 
ihr SiiteigentumSrecht ift in folange gewiffermaßen ein rufjen= 
beS, „latentes". ®aS Verhältnis ift in biefer Vesiebung grunb* 
fäfclidb bas gleiche, wie bei ber allgemeinen ©ütergemeinfdjaft l ). 

®er 2lnteil ber ©hefrau an ber ©rrungenfchaft wirb frei 
unb tritt in SKftioität bei 2luflöfung unb 2luSeinanberfe|}ung 
ber ©iitergemeinfcbaft jufolge ber Trennung ber ©he ober bet 
Slnrufung ber weiblichen Freiheiten feitenS bet ©hefrau ober 
eines barauf gerichteten Vertrags ber ©h e 9 a tten; ebenfalls burch 
bie fiiquibation beS ©emeinfcbaftSoermögenS, welche ein $on= 
furSnerfahren mit fich bringt; nicht aber ohne weiteres fcbon 
mit bem ©intritt eines UmftanbeS, welcher baS VerwaltungS-- 
recht beS ©bemanneS außer SBirfung feßt ; hiermit ift junächft 
nur ein .giinbernis für bie ©hefrau bejm. beren ©läubiger be= 
feitigt, fcbon währenb ber 3>auer ber ehelichen ©emeinfchaft 
bie 2luSeinanbetfeßung unb 3uf<h«ibung ihres SlnteilS ju t>er= 
langen. Qnfolange als eine ©efellfchaftsteilung nicht erfolgt 
ift, fann ben ©egenftanb ber 3i®ßn33ooHftre<tung in baSVer* 
mögen bet ©hefrau, auch toenn ber ©bemann gefeßlich oer= 
pflichtet ober baju oerurteilt ift, biefe VoHftredung ju bulben 
unb berfelben alfo baS ehemännlicbe VerwaltungSreöbt nicht 
entgegenftänbe, bo<h nicht fofort unb unmittelbar ber ibeeHe 
2lnteit ber ©hefrau an einem inbioibuellen ©rrungenfcbaftsftiicf 
(— falls nicht ber ©bemann baS Objeft freiwillig hergiebt — ) 
hüben, fonbern nur ber 2lufpru<h ber ©hefrau riicffichtlich beS 
©rruugenfchaftSoermögenS, ihr 2lnteilSrcdht an ber noch unge= 

1) 6. ®aupp, Slnfjang c it. ©. 53 unb Stote 7. ©ntrourf eines 
©efefceS über bie efjel. ®ütergemein[djaft uon 1840, SOiotioe ju Strt. 27, 
§ 228 ff. Seite 207. 

22 * 


Digitized by Google 



332 


©ntfdjeibungen beS DberlanbeSgericbtä. 


teilten SBermögenSmaffe; unb biefe 3roangSooIIftrecfung hätte 
nicht im 2Beg ber gmmobiliarejefution, fonbetn nach 3ftaj3gabe 
beS § 754 cf. § 730 ff. bet ß.iß.D. ju erfolgen J ). 

7. S)er (Seemann ift, roie fd&on eingangs ermähnt, nicht 
felbft ©d&ulbner ber oorehelidhen ©d&ulb feiner ©Ijefrau, er ift 
nicht oerpflicbtet, biefe ©djulb aus feinem Vermögen bejro. aus 
bem ©efamtgut ju be jaulen, fonbern nur — mie auch im 
gegemoärtigen gaH burdb baS Urteil im Sorprojejj erfannt 
mürbe, bie 3 roan 8äüottftre<iung roegen biefer ©chulb in baS 
Vermögen ber Gljefrau ju geftatten *). $aS Vermögen ber 
ß^efrau bilbet ihr ©onbergut unb ihr Anteil an ber ßrrungem 
fdhaft. $at man unter biefent Anteil ben feinerjeit bei ber ©e= 
feUfd&aftSteilung ber 6|efrau äufallenben 'Seil beS ßrrungero 
fchaftSoertnögenS ju oerfteljen, fo märe bie golge, baff ©egero 
ftanb ber 3mangSüoEftrecfung nur ber Slnteil an ber 9tetto = 
errungenfd&aft fein fann. Sine ßrrungenfdiiaft im engeren unb 
eigentlichen ©inn ergiebt fidh nur unb erft nach Ülbrecfjnung 
ber unbejafilten ©ojialfchulben unb nach 2lb jug ber ©onber- 
guts= bejro. 2iuSgldd&ungSanfprü<he bet ßljegatten oon bem 
gefamten Söruttooermögen *). 

Hebet ben Umfang, in roelchem baS Vermögen ber (Sf^- 
frau, roährenb bauerttber ®h e für beren oor eh liehe ©dhuk 
ben haftet unb über bie 2lrt, roie ber ©laubiger ber grau aus 
ihrem ßrrungenfdbaftSanteil 33efriebigung finbet, gehen bie 2ln= 
fidhten für baS gemeine fWecht, foroeit eine folcfje Haftung über= 
haupt anerfannt roirb, auSeinanber. ®a§ baS SefriebigungS^ 
recht ber ©onbergläubiger ber grau nach biefer Dichtung nodh 
weiter reiche als bie 9lnfprüd&e ber ©hefrau auf ben Anteil 
an ber reinen (9tetto=)6’rrungenf<haft, erfcheint, roenigftenS für 
unfere ©rrungenfchaftSgemeinfchaft, nidht nachweisbar. 2lHge= 

1) ©aupp, ©.$.D. Sb. II § 690 ©. 877; § 754 ©. 494 Kote 5. 
g allmann bei Kaffoto=flünjel Sb. 85 @. 504 f. K. 50. ©ntrourf beS 
bürgert. ©efefcbudjä, oben dt; Stotioe ©. 406. (3tt$fo f. cioitift. ^JtajiS 
Sb. 83 cit. @. 439 Kote 37; cf. ©. 430.) 

2) Sgl. Sofc^etS Qeitfc^r. Sb. 32, cit. inSbef. ©. 235. 

3) Sang, $etf.K. §57 ©.389. ©tein.fcoljl, ®rbred)t §§ 315 ff., 
©. 345. 


Digitized by Google 



A. in ©trnlfadjen. 


333 


meine 9?edbt3grunbfäbe nnb bie »orftebenb angeführten 9tedbtS= 
»erbältniffe ber ©Regatten an bem gemeinen ©ut fpredjen für 
bie S3efd>ränfung ber Haftung in bem gebauten ©inn. 

©in Slnfprud) auf oorjugSroeife SJefriebigung jtoar, n>el= 
eben ber Vertreter beS 53erufung$flägetS für bie 2lngleid)ung3= 
anfprüdbe be3 ©bemannet an £anbred)t IV 4 § 6 ableitet, 
ift in ber Sebeutung eine$ SSorredjteS beS ©bemannet bort 
nid)t ftatuiert; e$ finb b^r eben für bie „ßinbufj" be3 9)ian= 
neS einerfeitä roie für biejenige ber ©Ijefrau in bem folgenben 
§ 7 anbererfeitS bie ©runbfäfce aufgefteHt, nad) roeldben bei 
ber ©efellfd)aft3teilung bie Slngleidjung jtoifdben ben ©onber= 
gütern unb bem gemeinen ©ut »orjunebnten ift; aber aller= 
bingä finbet in biefen Seftimmungen eben ba$ ^rinjip feinen 
Slnbrudf, bafj erft burdf Slbjug ber SlngleicbungSanfprücbe 
fidb berauäfteHt, ob eine mirflicbe ©rrungenfcbaft, ober ob eine 
„gemeine ©inbufje" oorbanben ift. Unb nid^t mit Unredbt ift 
auf bie Sinologie berjenigen ®efebe$beftimmungen bingeroiefen 
roorben, roeldbe bem Teilnehmer an einer ©emeinfdbaft ober 
©efeflfcbaft ein Slbfonberungöredbt an ben SBerten ber ©emeim 
fdbaft einräumen, inbefonbere biejenige be3 § 44 ber Steide 
fonfurSorbnuitg (su oergl. Slrt. 65 beä 3B. fßfanbentroidlungg-- 
gefefceä), roornadb berjenige, ber fidb mit bem ©emeinfdbulbner 
in einem SJtiteigentum, in einer ©efeüfdbaft ober in einer an= 
bem ©emeinfcbaft befmbet, megen ber auf ein foldbeS S3er= 
bältniö fid) grüitbenben gorberungen abgefouberte Sefriebigung 
auä bem bei ber Teilung ober fonftigen SluScinanberfebung 
ermittelten Slnteil be$ ©emeinfdbulbnerä »erlangen fann. Sludb 
hier toie roeiter in bem Sorabjug oon ©emeinfcbaftäfdbulben 
Tritter fpricbt fidb fobann ber ©runbgebanfe aus, baff al3 Stm 
teil be$ ©emeinfcbaftSgenoffen nur fein Stett o anteil am ge= 
meinfdbaftlidben Vermögen anjufeben ift ’) unb bafj nur biefer 
Anteil ben ©egenftanb be3 berechtigten 3ugriffe<3 feiner $rioat= 
gläubiger bilben fotte. @'5 greift audb für biefe SSerbältniffe 
ber StedbtSfab burd): „omnia bona non intelliguntur nisi de- 


1) @ntfä. be<5 Steid&Sger. »b. 8 ©. 104, »b. 26 ©. 113. 


Digitized by Google 



334 


Sntfdjeibungen be« Obertanbe«geri(§tS. 


ducto aere alieno* *). 3m 3 nteroention§pro 5 ef 5 ift freilich beä 
näheren nicht ju unterfuchen, mie ficb bie ©efriebigung be3 
©läubigerS, fofern er fich nur an ben SInteil ber ©befrau am 
©rrungenfchaftäoermögen im ©anjeit galten fann, au$ biefent 
©ermögen gw erfolgen bat, ob er mit ben 2lui3gleicbung3am 
fprü<hen beä ©bemanne-i unb mit ben ©ogialgläubigern fon= 
furriert ober benfelben gegenüber gurüefgufteben bat ; e<8 genügt 
hier, barauf ^ittäurocifen , bafc ein fttecht beS ©laubiger^ ber 
©betrau, für eine t> o r e b l i <h e Sdjulb berfelben oor üluflöfuitg 
ber ©emeinfebaft ein einjelneS ©rrungenfebaftöftiief gur 3roang3= 
ooflftrecfung ju bringen, auch nicht burdb ©runbfäfce über bie 
Haftung be$ grauenoermögenS begriinbet erfdjeint. Db ein 
blofeeS 2lbfonberung3red)t be§ ©bemannt bie ©eräujjerung bin= 
bern mürbe, fann babinfteben. 

8. ®cm 2lu§gefübrten gufolge mar bie grage, ob bem 
Kläger ungeachtet beS im ©orprogefi gegen ihn ergangenen Urs 
teil« in feinem 2)?iteigentum$recbt an bie ©rrungenfdjaft 
ein bie ©eräufcerung ber fubbaftierten Jpau^balfte binbernbeä 
Stecht guftebe, gu bejahen. ®tefe§ ©titeigentum becEt ficb nicht 
mit bem ©ermattungSrecht be4 ©bemannt *)• SBenn groar ber 
Kläger angefi<bt$ jeneä gegen ibn erroirften ©oüftrecfungätitetl 
einer auf ©runb oon § 754 begm. § 730 ber ©.©.0. in baä 
©ermögen ber ©befrau eingeleiteten 3roang<oöoIIftrecfung gegem 
über fi<h nicht mehr auf fein ©erroaltungsrecbt — ober auch 
auf fein 9tu|ung§recbt — berufen bürfte, fo fann er bo<h ber 
3mangäooHftredung fo roie fie in ben (für bie ©eräufjerung jur 
3eit noch gar nicht frei geroorbenen) Slnteil ber ©befrau an bem 
Slnroefen eingeleitet mürbe, ben SBiberfprucb auö bem ©emeim 
febaft^ unb 3Äiteigentum^oerbältniffe entgegenfe^en. 

Urteil beS n. ©ioilfenata oom 4. ©tärg 1895 in Sachen 
©rb gegen ©ucf. 

®ie Steoifion ber ©eflagten bat baä 9teicb3gerid)t gurücf- 
gemiefen. 

1) fiotioe jut ft.D. e. 224; f. übrigen« ©Heglifc, Ä.D. § 37 IV 
©. 386. 

2) Sgl. aud) ©anoe^Soffert, St.D. § 44 9Iote 8 S. 466. 


Digitized by Google 



A. in SioUfacfien. 


335 


45. 

1. Cfinklagung einer forberung, btt jur ftonhursmaffe geljört 
Ijätte, aber nidjt baju gtjogen roorbett ift, burdj ben uor= 
maligen ©emtitifdjulbntr nadj ^ttfljtbung bt« ftonkur8»tr= 
faljrnts? 

2. Jur Auslegung bts § 6 Itbf. 1 %(&. 

$Der 33eflagte £1). &at bem Kläger $. für eine 2Baren» 
fd&ulb 2 im 9to»ember 1883 unb 2lpril 1884 fällige SBedEjfel 
über juf. 650 9Jt. acceptiert. 21m 29. SHärj 1884 ^at ber 
Kläger Jp. felbft bie ©röffnung beS ÄonfurfeS über feilt 33er» 
mögen bei bem 2lint3gerid)t ©tefletfi beantragt, meinem 2ln= 
trag biefeS 2lmt3gericf)t am gleiten £age entfprod&en bat. 

®ie ßoufurSaften ergeben, baf? toeber in bem 2lntrag be§ 
no<b in bem Qnoentar, nodb in ber $onfur$red£)itung beä 
SßerroalterS , noch in bem im ©cblufstermin ben ©laubigem 
»orgelegten 33erjei(^niä ber unoerroertbaren Dbjefte ettnaö oon 
ben gorberungen beä ÄlägerS $. gegen ben 23eflagten S£tj- er» 
iȊf)nt ift nnb eS ift unbeftritten, baf? bie genannten 2Be<bfel= 
forberuttgen nicht jur Äonfurämaffe beä $. gezogen toorben 
finb. ®er ©djlufjtermin in biefem Stonfurä fanb am 9. Df» 
tober 1885 ftatt, roorauf ba§ 2lmtSgeri<bt ©läfletb am 4. 9lo= 
»ember 1885 bie 2tufl)ebung beS Äonfurfeä befebtof?. lieber 
bie 2Bedf)fetfumme bat 33e!lagter am 1. 3[uli 1887 bemÄläger 
einen ©cbulbfdbein auSgefteHt. 3ttt 3abr 1890 roanbte fttf) 
Kläger an bas 2lmt$geri<bt ©tefletb mit einer ©ingabe, roorin 
er bie SBieberaufna^me be§ ÄonfurSoerfabrenä wegen oerfdbie» 
beiter ihm gegen ben ©eflagten juftebenben gorberungen, too» 
runter auch bie fraglichen SBecbfelforberuttgett beantragte. ®a§ 
ImtSgericbt teilte ben 2lntrag bem $onfur3»erroalter unb bem 
©läubigerausfdjuff im ßonfurS beä &. s»r 2leu§erung mit unb 
wies, nadf)bent biefe 2Ieuj}erungen eingefomtnen roarett, ben 2ln= 
trag ab. ®iefer 33efdblufe (beffen Inhalt, toie ber ber 2leufje= 
rungen beä ÄonfurSoeriualterä unb ©läubigerauSfdbuffeiS aus 
ben Urteilägrünben erficbtlid) ift) ift bem 39eflagten am 26. Quli 


Digitized by Google 



336 (Sntfc^eibungen bes Dbetlanbeägeri^tS. 

1890 jugefteflt unb an ben ßonfurSoerwalter eppebiert wor^ 
bcn, ber feine weiteren ©dritte in Setreff ber non <§. bejeid^- 
neten SermögenSbeftanbteile ttjat. 2luf ©runb beS ©dbulb= 
fcfjeinS oom 1. 3uli 1887 f>at nun Kläger 1895 Jflage gegen 
ben Seflagten auf Sejat)Iung non 650 2JJ. erhoben. Seflagter 
hat gegen bie Illage eingeroenbet: Kläger fei nidht aftio legi= 
timiert unb über bie eingellagte gorberung ju oerfügen nicht 
berechtigt. $>ie ftlage ift in ^weiter Qnftanj abgewiefen wor= 
ben aus folgenben 

©riinben ‘): 

I. £>er auf bie Urfunbe oom 1. 3uli 1887 geftüfcten 
Älage hält ber Seflagte in erfter Sinie entgegen, ber ftläger 
fei nidht befugt, biefen Slnfprudh geltenb ju machen, weil ber= 
felbe ju ber ÄonfurSmaffe beS gehöre, über welche ber 
©emeinfchulbner nach § 5 ß.D. ju oerfügen nicht berechtigt 
fei. Sein ©htwanb ber mangelnbeu $tlagbere<htigung gegenüber 
macht ber Kläger junädhft geltenb, roenn auch biefer Sermö» 
gensteil jur ÄonfurSmaffe gehört hatte, fo märe ihm berfelbe 
burch bie ©rflärungen bes HonfurSoeproalterS oom 6. Quni 
1890, beS ©läubigerauSfdhuffeS oom 11. 3uli 1890 unb burcb 
ben Sefd&luß beS ÄonfurSgeridhtS, bes Amtsgerichts ©isfleth, 
oom 21. 3uli gl- 3*3- jur eigenen ©eltenbmadhung überlaffen 
toorben. 

SBäre biefe Behauptung richtig, fo toäre bie Älage aßer= 
bingS begrünbet; eS hat auch ber oorige dichter biefe Behaupt 
tung bes ÄlägerS als jutreffenb erachtet; aßein mit Unrecht. 

®et JlonfurSoerwalter hat hinfichtlich ber unter 3- 1 beS 
Antrags beS §. ermähnten gorberung gegen %f). erflärt, biefe 
gorberung fei in ben Büchern fidfjerlic^ nicht oorgefunben, fonft 
märe biefelbe gewijj eingeforbert roorben unb er hat beigefügt 
ob jur BMeberaufnahme bes bereits als abgefdhloffen an= 
jufeljenben ßonfurSoerfahrenS eoentueß jur ©injiehung etwai- 
ger nachträglich befannt geworbener gorberungen berechtigt fei, 
müffe Unterzeichneter beftreiten, ba bie ©laubiger nur 8 7 /io oi 0 
ihrer gorberungen erhalten unb auf eine 9iad&forberung bei 
1) »gl. 3t.@. 36 9ir. 5. - *nm. b. Sieb. 


Digitized by Google 



A. in 6i»ilfacf>en. 


337 


befferer 23ermögen#lage be# ©chulbner# nicht oerjid^tet haben, 
hierin liegt nur bie ©rflärung, er glaube nicht an bie @fi= 
ftenj bejm. an bie 3 H 9 ®f)i>rigfeit ber gotberung jur ßonfur#= 
ntaffe; roenn fie baju gehören mürbe, fo beftreite er bem 
ba# Siecht, fie geltenb ju machen, cS liegt barin aber nicht bie 
©rflärung, auch roenn bie $orberung jur ÄonfurSmaffe gehö= 
ren mürbe, raolle er biefelbe bem |>. jur eigenen ©inflagung 
iiberlaffen. ©benforoenig ift etroa# ^Derartige# in ber ©rflärung 
be# ©täubigerauSfchuffe# enthalten. Ueber bie fragliche gors 
berung fagt berfelbe, e# feien bie 33ü<her nicht iiberficbtlich 
genug geführt, um mit Sicherheit bie auSfteljenben gorberungen 
ausjufinben. $ßon ber angeblichen gorberung an &h- höbe ber 
©läubigerauSfchufj nie erfahren ; bie SDiitglieber be# ®läubiger= 
auSfchuffe# raten auch ^eute bringenb non einem Vorgehen 
gegen bie angeblichen ©chulbner ab, ba fie an feinen ©rfafc 
glauben. 2lud& tytx ift mit feinem SBort auSgebrücft, baff fte 
bie oon bem ©emeinfchulbner angegebene gorberung biefem 
eoentueU überlaffen roollen. 

®a# ßonfurSgericht aber hot junachft auSgeführt, baff eine 
SBieberaufnahme be# Verfahren# unb Slnbetaumung eine# $£er= 
min# jur 2Bahl eine# Vermalter# unb eine# ©läubigerauSfchuffeS, 
roie bie# beantragt hatte, }u bem gebuchten 3roecf nicht fiatt= 
jufinben höbe. 

®ie# ift uollfommen richtig, benn eine StachtragSoerteilung 
ijl ein ®eil be# ÄonfurSoerfahren# felbft unb e# hot ber bis- 
herige ÄonfurSoerroalter unb ©läubigerauSfchufj fort ju fungie= 
ren. SBeiter roirb in ben ©rünben gefagt, überbie# fcheine ein 
Vorgehen gegen bie angeblichen ©chulbner ohne 2luSfi<ht auf ®r* 
folg bejro. ma# bie angebliche gorberung an ®h- betreffe, fo 
fei biefelbe nach ©rflärung be# Sterroalter# in ben 33ü<hern nicht 
oorgefunben unb bie SDJitglieber be# früheren ©läubigerau#^ 
fchuffe# hoben nie baoon erfahren. ®afj ba# ftonfurSgericht 
hiemit roeber felbft bie $orberung an ®h- bem SlntragfteHer 
iiberlaffen rooHte, noch in ben 2leufjerungen be# $onfur#oer= 
malter# unb be# ©läubigerauSfchuffeS eine folche Ueberlaffung 
gefunben hot, geht mit Sicherheit au# bem ©rlafj an ben $on= 


Digitized by Google 



338 


@ntf$etöungen beä Dberfanbeggeridfjtl. 


furloerwalter beroor, wo el Reifet, bal Slmtlgericbt muffe bem 
pflidbtmäffigen ©rmeffen bei Äonfurloerwalterl überlaffen, ob 
unb in wie weit er über bie ©jiftenj ber angeblidbett gorberung 
an £f). ©rfunbigungen einjujieben für nötig halte. ®iefe 2ln= 
roeifung an ben Äonfurloerwalter b«tte feinen ©inn gehabt, 
roenn bie gorberung bem überiaffen rcorben märe, fomit 
ben ßonfurloerwalter nic^t-S mehr angegangen hätte. Sludh in 
ber ferneren Untfjätigfeit bei Äonfurloerwalterl liegt feine 
foldbe Uebertragung. 

Unjutreffenb ift fobann ber ©runb, baff anbernfaEl bie 
gorberung gleicbfam fierrenlol geroorben wäre. §at biefelbe 
5 ur Äonfurlmaffe gehört, unb ift fie bem Oemeinfdjulbner jur 
eigenen Verfügung nicht überiaffen worben, fo ift fie eben immer 
nodb ein SCeil ber ßonfurlmaffe, auf welchen bie Veftimmungen 
ber §§ 5, 6 unb 153 ber Sl.D. 2lnroenbung finben. 

Slul bem Vilberigen folgt, bajj ber Äonfurluerroalter, ber 
©läubigeraulfcbufj unb bal Äonfurlgericbt ein weiterel Ver= 
fahren nid^t belbalb ablebnten, iueil fie ben 2lnfprudb gegen 2Ej- 
bem feigen Kläger überiaffen wollten, fottbern belbalb, roeil 
fie bie Voraulfefsung einel weiteren VerfabrenI, nämlich bie 
©rmittlung weiterer jur Äonfurlmaffe gehöriger Vermögenlftücfe 
(§ 153 2lbf. 2 Ä.D.) nicht all gegeben erachteten. $)iel ift 
aber etwal anberel, all bie Freigabe einel Verntögenlftücfl an 
ben ©emeinfdbulbner, weiche jur Voraulfefcung ^at r bafj ber 
Äonfurloerroalter bal Vorbanbenfein bei Vermögenlftücfl fennt 
unb balfelbe trofcbem bem ©emeinfdbulbner überiaffen will. 

•Jtid&t ju bittigen ift fobann bie Annahme bei oorigen Etic^ 
terl: mehr ju tljun, all Kläger get^an ^abe, um eine nad) : 
träglic^e ©ingie^ung unb Verteilung feiner angeblichen 2lulftänbe 
berbeijufübren, habe bem Kläger biEigerweife ni(bt äugemutet 
werben fönnen. Vach § 92 Ä.D. ift ber ©emeinfdbulbner oer* 
pflichtet/ bem Verwalter, bem ©läubigetaulfdbuff u. f. w. über 
aEe bal Verfahren betreffenben Verbältniffe Slulfunft ju geben. 
2lEein ber ©läubigeraulfdbufj fagt in feinem Vericbt oom 11. Quli 
1890 aulbrücllidb, ber ßribar habe bem ©läubigeraulfdbufj in 
einer gemeinfamen ©ifcung mit bemfelben bie erbetene Slulfunft 


Digitized by Google 



A. in Sitntfadjen. 


339 


oerroeigert unb feien bie 33fi<her nid^t iiberftdhtlidh genug ge* 
führt, um mit Sicherheit bie aulftehenben ^orberungen aulju= 
ftnben. Such in feinem Sntrag hat ber Sntragfteller nähere Sn= 
haltlpunfte über bie gorberung gegen £(>• nicht gegeben; 
er bat fobann nidht aufgeflärt, roarum biefe gorberung in ben 
Südbern ftdb nicht finbet, ober rao fie ju finben fei. Gr hätte 
nur bie SBedbfel foroie bie ürfunbe oom 1. $uti 1887, roeldbe 
jur ßeit bei Antrag« fdbon aulgefteHt mar, oorlegen unb über 
bie Gntftebung biefer tlrfunbe unb bie Sermögenluerhältniffe 
bei Seftagten Sulfunft geben bürfen, morauf, mie faum 
ju bejmeifetn ift, feinem Antrag entfprochen roorben märe. Gr 
fann nunmehr biefen Sntrag mit befferer Segrünbung roieber= 
holen unb gegen einen ablehnenben Sefdbeib Sefdbroerbe erheben; 
er fann auch nötigenfalls mit dpilfe bei Äonfurlgeridbtl ben 
Konfurloerroalter jur beftimmten Grflärung barüber aufforbent, 
ob er bie gorberung gegen ben Seflagten &h- für bie Konfurl= 
ntaffe in Snfprudb nehme ober ihm übertaffe, ©o lange le&= 
terel nicht aulbriidlidh ober in fonflubenter äßeife non bem 
Äonfurloerroalter erllärt ift, bleibt bie gorberung, roenn fie 
biel mar, ein SCeil ber Äonfutlmaffe, el finbet § 5 ber Ä.O. 
auf fie Snroenbung, ber Kläger ift nidht befugt, fie einjuftagen 
unb ber Söeftagte fann biefen SÜtangel ber Klagberechtigung 
gegen ben Kläger geltenb madhen, meil er fonft ©efabr liefe, 
boppelt bejahten ju müffen. 

(3a 3iff. II mirb junächft aulgeführt, bafj bie fraglichen 
9Sed)fetforberungen jur Äonfurlmaffe gehört hätten, fobann 
wirb fortgefahren :) Gl mirb nun behauptet, Kläger märe nach 
Seenbigung bei Konfurfel jur Verfügung über bie gorberung 
nur bann nicht berechtigt geroefen, roenn er biefelbe im Äon= 
furfe abfichtlidh nerfdhroiegen hätte; benn in ber 9ti<htoerraertung 
einer ^orberung burdh bie Serroalter liege bie ftiüfdhroeigenbe 
Uebertaffung berfelben an ben ©emeinfdhulbner. 

2lHein aud) biel ift unrichtig, roie fidh aul § 158 Sbf. 2 
ber K.D. unb ben 9)iotit>en baju *) ftar ergiebt. Such ein nadh 
Aufhebung bei Verfahren! ermitteltel Sermögenlftücf ift unb 
1) §aE>n, Staterialien 3 m Ü.D. ©. 45 unb 345. 


Digitized by Google 



340 


©ntfdjeiburtgen be8 Dberlanbe§gericf)tS. 


bleibt 35eil ber ßonfurSntaffe unb ©egenftaub ber 9tadhtragS= 
nerteilung unb unterliegt ben Seftimntungen ber §§ 5 unb 6 
ber Ä.D. Aur wenn ber SSerwalter ein SSermögen^ftütf als 
jur ÄonfurSmaffe gehörig fennt unb baSfelbe nicht nerwertet, 
fann unter Umftänben barauS auf einen 33erjidht gefdjloffen 
werben. 35afe aber ber ißerwalter im ÄonfurS beS $. junäc^ft 
feine Kenntnis non bem SBefiehen ber gorberung gegen Sc- 
hatte, ^ernad^ aber bie Ueberjeugung gewann, bie §orberung 
befiele nicht unb beShalb bie äSenuertung unterliefe, ergiebt 
fid) aus bem bisher Ausgeführten. 

III. 35er Kläger roenbet aber weiter ein, bie gorberung 
aus ber Abrechnung nom 1. Quli 1887 gehöre feinenfatts jur 
ÄoitfurSmaffe, ineil fie nach Sieenbigung beS ÄonfurfeS enO 
ftanben fei. Mein aus lefeterer Xfeatfad^e folgt noch nid^t, 
bafe ber Kläger befugt fei, bie gorberung geltenb ju machen. 
35erfelbe feat felbft norgetragen, „ber ©cfeulbfd&ein nom 1. Quli 
1887 beziehe fidh auf bie beiben SBedhfel nom 1. unb 15. ©ep= 
tember 1883, an beren ©teile er getreten fei", unb es wirb 
behauptet, in ber Abrechnung nom 1. Quli 1887 liege eine 
Donation, hieraus ergiebt fidh, ba biefe SBechfel 5Ceile ber 
ÄonfurSmaffe waren, bafe in ber Abrechnung nom 1. 3uli 1887 
eine AedhtShanbtung in Sejiefeung auf ©egenftanbe ber Äon* 
furSmaffe liegt. 35er Äläger war aber nad) § 5 ber Ä.D. 
nid^t befugt, über SBermögenSobjefte, bie jur ÄonfurSmaffe ge* 
hörten, ju nerfügen; er tonnte über bie 2Be<hfelforberungen, 
über bie er ju nerfügen nicht berechtigt war, mit bem Seflag* 
ten ein AooationSgefdhäft nidht abfdhliefeen unb er tonnte jtdh 
nicht an ©teile ber SBechfelforberungen, bie ifem nicht gehörten, 
bie Sejahlung ber ©umrne non 650 31t. nerfpredhen laffen. 
3)iefe ^edhtShanblung ift ben ÄonfurSgläubigern gegenüber nach 
§ 6 ber Ä.D. nichtig. 35er ÄonfurSnerwalter fann baher immer 
noch bie urfprünglidhen gorberungen gegen ben 33eElagten 25h- 
uerfolgen unb eS wäre baher ber Seflagte ber ©efafer bop- 
pelter Se^hlung auSgefefet, wenn er jefet an ben Kläger be* 
jahlen müfete, ba er ohne 9tüdfidht auf feinen guten ©lauben 
bem ÄonfurSnerwalter gegenüber fidh nicht auf bie Abrechnung 


Digitized by Google 



A. in ©ioitfa<$en. 


341 


oom 1. 3uli 1887 berufen fönnte. 2)er Veflagte ift baher 
berechtigt, feine Seiflung infotange jurüöfjuhalten, bis er biefer 
©efahr nid&t mehr auSgefefct ift. 3)ie ÄonfurSorbnung ftatuiert 
auSbrüctlidb unb abfid^tlicfe im ©egenfa{s jur 2lnfe<htbarfeit eine 
©idfjtigfeit ber ©echtShanblung *). 3ft aber ein ©echtSgefdhäft 
nichtig, fo fann ftch jeber, ber aus bem ©efdhäft in 2lnfpruch 
genommen roirb, auf bie 9iid)tigfeit berufen unb eS fann ba= 
her auch ber ©egenfontrahent beS ©emeinfdhulbnerS biefem bie 
©idfjtigfeit entgegenhalten“). 3)em fteht nicht entgegen, baf) 
§ 6 ber Ä.D. fagt, ©edhtShanblungen, roeldhe ber ©emeim 
fdhulbnet nach Eröffnung beS Verfahrens oorgenommen habe, 
feien ben ÄonfurSgläubigern gegenüber nichtig. SDieS 
hat bie ©ebeutung, baß bie ßonfurSgläubiger be^ro. ber $on= 
furSoerroalter bie 2Baf)l haben, ob fie bie ©echtshanblung als 
nichtig behanbeln ober ob fie biefelbe gelten laffen moHen. Sei 
biefer relatioen ©idhtigfeit liegt bemgemäß ein Sdhroebejuftanb 
oor, ber oon ber ©ntfcheibung beS ÄonfurSoerroalterS bejm. 
ber ÄonfurSgläubiger abhängt. ©iS fidh ber ßonfurSoerroalter 
entfchieben hat, bleibt bie ^anblung nichtig. 

®ieS gilt auch für folche ©taffegegenftänbe , roeldhe im 
üonfurSoerfahren oerheimlidht unb erft nadh Aufhebung beS 
ÄonfurfeS entbedtt roorben finb, felbft tuenn bie ©echtstjanblung 
erft nach Aufhebung beS ÄonfurfeS oorgenommen roorben ift; 
benn fie finb eben Steile ber ßonfurSmaffe, auf roeldhe bie 
§§ 5 unb 6 £.D. Slnroenbung finben unb eS roäre anbernfallS 
bem ©emeinfdhulbner bie ©löglichfeit in bie $anb gegeben, fie 
burch atsbalbige Veräußerung nadh Aufhebung beS ÄonfurfeS 
ber ©taffe ju entziehen, roährenb fte bodh auch nad^ Aufhebung 
beS ßonfurfeS jur ©taffe gehören unb biefer erhalten bleiben foUen. 

9tacb bem unter I SluSgeführten ift bie ©ichtigfeit audh 
nidht nachträglich geheilt roorben, ba ber ÄonfurSoerroalter ftä) 
noch nicht bafiir entfchieben hat, bem Släger ben ber ÄonfurS= 
maffe äuftehenben ©nfpruch gegen ben Veflagten freijugeben. 
35er Kläger aber fann aus ber nichtigen £anblung feine ©echte 

1) 2Rotioe ju § 6 ©. 61 1. c. 

2) SSiltnoto8!9, fionl.D. S. 68. 


Digitized by Google 



342 


©ntfdjeibungen bei Cberlanbe3geri(f|t8. 


für ftcf) ableiten, ba ihm roegen mangetnber SSerfügungsbefug^ 
itiö bie Legitimation jur Sache fehlt. 

Urteil be3 I. 6ioilfenat4 oom 22. 9iooember 1895 in 
©ad>en X^aben gegen .fjepe. 


46 . 

JJur ?rage btr töeridjts* unb ber JUnialtsgebUljren bei Trennung 
btr Perljanblung im Sinne ber §§ 136 unb 274 ber (£.^.©. 

3n ©acben ©. gegen ü)i. batte baä Sßroje&gericht 1. 
ftanj bie ©egenforberung be4 Söeflagten gemäjj § 136 ülbf. 2 
ber (i.iß.O. jur 23erhanbtung in getrenntem SjJrojeffe oertoiefen 
unb über bie ftlagforberung burcb Urteil oom 17. SRoo. 1893, 
über bie ©egenforberung burdb Urteil oom 31. ÜDlai 1895 ent- 
fcbieben, bie 2lnre<hnung b o p p e 1 1 e r ^rojefj'- unb SSerhanb; 
lungSgebühren be3 ämoaltä be» Seflagten aber burd) 33efd>lufe 
oom 12. 3Jiai 1896 auf eine ^roje&= unb eine $erhanb= 
lungägebübr unter Sejugnahme auf § 25 ber ©.£). für Siechte 
anroälte *) abgeminbert. 

2luf erhobene SBefchroerbe mürbe ber iäbftricb aufgehoben 
in ©rtoägung: 

1) bafi ber begriff ber Snftanj im ©inne be4 § 25 ber 
©.£). für 9ie£bt3amoälte berfelbe ift, roie ber im ©inne ber 
§§ 28—33 be3 ©erichtSfoftengefefceS s ); 

2) baff hiufidjtlidh eine4 ju getrenntem Verfahren gemäß 
§ 136 3lbf. 2 ober § 274 ber S.iJJ.D. oorbehaltenen Äom- 
penfationäanfpruchä ganj mie ber § 562 2lbf. 3 unb ber § 563 
ber (£.$.£)• 8 ) fo auch ber § 33 be§ ®eri<ht3loftengefe$e3 ent= 
fprechenbe 2tnroenbung ju finben hat 4 )» 

1) „Qebe ber in § 13 benannten ©ebiiljren fann ber 9ied)t8ann>aU 
in jeber Qnftanj rütffidjtlid) eine® jeben XeiU beä StreitgegenftanbS nur 
einmal 6eanfprud)en." 

2) 6. 3Xot. jur 9t.2(.®.0. 6.46; ^fafferotf), Eie ©eb.D. f. 3UI. 
§ 25 3lnm. 3; ju »ergl. ©ntfc$. beS 9t.@. »b. 23 S. 350—51. 

3) 6. ©ntftf). ber »er. ßioilf. beS SR.©. Sb. 31 6. 1 ff. 

4) 3u »ergt. au<f) ®.ß.@. § 11, fowie äJlot. jum 0.Ä.®. 6.55 unb 


Digitized by Google 



A. in Sioilfac^ert. 


343 


3) baf? baljer norliegenb foroofjt bejüglid) ber Älagforbe= 
ruttg als bejüglid) ber geftmbert »erbanbelten ©egenforberung 
roie für bie ©eridjtS:, fo aud) für bie 2lnnmlt3-@ebüf|ren je 
„ein befonberer 9ied)t3ftreit" (©.&.©. § 33) »orlag. 

Sefcblufj ') beS II. GioilfenatS beä Ä. Oberlanbe3gerid)t$ 
in (Sadfjen Sieffing c. -Dlaunj oom 11. Quni 1896. 


Ißf affer otf) a.a.D. @.76 lit. d; Sßalter, ®.D.f.9t.ä. § 10 «Rote 51 
lefeter 21bf. (2. 2lufl. ©. 163). 

1) Vefchroerbe gegen biefen Vefchlufe ift nicf)t erhoben, molf! aber 
gegnerifcherfeitS nachträglich nun au<f> eine hoppelte ^rojefj-- unb Verfjanb= 
lungSgebühr ju bem Slueigteirf|«Derfaf)ren beS § 100 ber 6.^,0. liquibiert 
roorben. 2>aS ^3roje6gerid&t 1. 3nftanj genehmigte — nunmehr in 9(n* 
wenbung nicht blojs beS §33 beS@.K.©., fonbern auch beS §28 
ber ®.D. für 9techtSanmä(te — jmar eine jmeifadje VerhanblungSs, 
nicht aber eine jmeifache ^tojefigebühr unb bie gegen ben lefcteren 21 b* 
ftrich erhobene Vefdjroerbe mürbe burd) Vefchlufj beS II. SioilfenatS oom 
17. @ept. 1896 unter fjinmeifung auch barauf, bafj (f. ffialter, @.D. 
für 9iechtSanroälte § 10 «Rote 23 2lbf. 2 u. 3 — 3 2lufl. ©. 126) ber Ve= 
fölufc ber Trennung beS Verfahrens Jeine rücfmirfenbe Kraft in Slbficpt 
auf bie ©ebiihrenanfäfce ju äujjern oermSge, als unbegrünbet jurüd* 
gemiefen. 3). @. 


Digilized by Google 



II. 

<Entrd)eüiutu}en bes Dermaltungsgerid)tst)ofs. 

7. 

iliithniirkung bet gooflle ootn 12. Pörj 1894 jum Mnttr= 
ftübungsrool)nfibgefeh- 

(Die SRttc!n>ir!ung ift nicf)t batjin ju »erfteljen, bafr ein oor bem Qnfraffc 
treten ber Siooelte naef) SRafigabe ber früheren SSorfdjriften eingetreienet 
Sierlufl beä Unterftü^ungSroo^nji^eä al8 nidjt gefrfjefjen anjufeljen roäre.) 

®er @ad)»er()alt ergiebt fich aug ben 
© r ii n b e n : 

L $er am 17. Auguft 1871 in 33öcfingen, D.A. ^eilbronn, 
alä ©obn beg $aglöhnerg Qonag Ambacher geborene lebige 
@mil Ambacher ift in ßarlgruhe, nachbem er auf Äoften ber 
bortigen Äranfenfaffe ber Saugeroerfginnung »om 15. ®ejember 

1893 biä 5. ÜJlärj 1894 im bortigen ®iafoniffenl)aug untere 
gebraut roorben toar, im SBege ber öffentlichen Armenpflege 
»om 6. SJIärj big 7. 2J?ai 1894 uttb roieber »om 10. 3J?ai big 
28. 5J?ai 1894 im bortigen ftcibtifchen Äranfenhaufe megen (Sr= 
Irantung an 33ron<hialafthma oerpflegt roorben. Am 30. 9Jtai 

1894 nach ^eilbronn jugereift, ift er roegen SJUttellofigleit unb 
SBiebererlranfung an 93ronchialfatarrh mit Afthma am 2. Quni 
in bag bortige Äatharinenl;ofpital aufgenommen unb hier big 
30. $uli 1894 auf Äoften beg Drtgarmenoerbanbg &eilbronn 
oerpflegt roorben, rooburch ein auf 81 3JI. 20 ^Sf. berechneter 
Äoftenaufroanb entftanben ift. liefen betrag aujüglich ber Aug- 
läge oon 3 9Jt. 95 ^ßf. für eine jur ©rmittlung beg Aufent-- 
hattg beg SBaterg Qonag Ambacher erlaffene 23elanntma<hung, 


Digitized by Google 



Shitfroittung ber 9 tooeUe jum Unter ftii^ung§nio^nft(;gefe^. 345 

jufammen 85 3JJ. 15 $f., »erlangt ber DrtSarmenoerbanb $eil= 
bronn, nadbbem er wegen ber ©rftattung fidb erfolglos an ben 
Sanbarmenoerbanb für ben 9ledarfreiS geroenbet bot, oon bem 
DrtSarmenoerbanb Södingen erftattet. 

Unftreitig hat ber am 17. auguft 1871 geborene ®mil 
ambadjer aus ber ^erfon feinet SaterS, als biefer mit ihm, 
bem Äinbe ©eorg unb ber £odbter ©milie am 28. September 

1888 Hödingen oerlieft unb nach Samen 30g, roo er ben et= 
roadbfenen Sohn £arl hatte, ben UnterftüfcungSroohnfifj in 
Södingen gehabt. ®er DrtSarmenoerbanb |>eilbronn behauptet,, 
ba§ ©mil ambadber biefen UnterfiüfcungSroobnfib in Södingen 
bis ju feiner am 2. 3uni 1894 i n |teilbronn erfolgten öffent= 
licben'Unterftübung behalten bube, roeil einerfeits als feftftebenb 
anpnebmen fei, baft ber Sater QonaS ambadber um ben 
14. Januar 1889 oerftorben fei, unb roeil anbererfeitS, fofern 
ber mit bem 1. aprit 1894 in Äraft getretenen s JtooelIe jurn 
UnterfiübungSroobnfibgefeb rüdroirfenbe Äraft nrd^t jufomme, 
©mil amba<ber erft mit bem 1. april 1894 armenmünbig ge- 
roorben fei unb fomit ben UnterftühungSroobnftl in Södingen 
bis jum 2. 3funi 1894 feinenfaHS habe oerlieren fönnen. ©oen= 
tueH behauptet Kläger, bafj, falls ber fftooelle jum Unter= 
ftüfcungSroobnfi&gefeb rüdroirfenbe Sebeutung beigelegt roiirbe, 
©mit ambadber ben UnterftüfcungSroobnfit} in Södingen aus 
eigenem Siecht nidbt oerloren habe, roeil er in ber 3«it feit ber 
3urüdlegung beS 18. SebenSjabrS ben ablauf ber jum Ser= 
lüfte beS Unterftüj3ungSroobnfif5eS fübrenben grift burdb jeit= 
roeilige Stüdfeljr nach Södingen unterbrochen hübe. 

5DaS Untergeridft, inbem es ber DlooeHe 00m 12. ÜBiärj 
1894 rüdroirfenbe Sebeutung beilegte, bat biefer Stiidroirfung 
bie anroenbung gegeben, bafj ©mil ambadber »om 17. auguft 

1889 an, an welchem Sage er fein 18. SebenSjahr jurüdgelegt 
habe, als in Sejug auf ben Serluft beS UnterftübungSroohnftbeS 
felbftänbig geworben anjufeheit fei, bafj jroar fein Sater 3°uaS 
ambadber, falls er anfangs 1889 oerftorben fei, 
bis $u biefem feinem XobeStag, unb falls er ben 17. auguft 
1889 nod) erlebt habe, noch an biefem &age ben Unter: 

ga^rbiityer filr SHttrttemticrg. VIII. 3 . 23 


Digitized by Google 



S46 


©ntfdjeibungert be® Setroaliutigägeti^tä^ofä. 


flübungSioobnfib in Hödingen gehabt habe, ba§ aber jebenfaüs 
für ©mit Slmbacher mit feiner im »Rooember 1889 gegebenen 
©ntfernung non ©ßdingen ber Sauf ber sroeijäbtigen grift für 
ben 33ertuft beS UnterftübungSroobnfi|eS in Vßdingen begonnen 
habe. Stach ber Annahme beS Untergerichts märe aber biefe 
jroeijäbrige grift bis ju ber am 2. guni 1894 in ^eilbronn 
erfolgten öffentlichen Unterftüfcung beS ©mil Slmbadjer abgelaufen 
geroefen, weil eine Unterbrechung beS griftablaufs n«<ht erroiefen 
fei, oielmebr aus bem oom Kläger atierfannten ©acboerbalte 
erhelle, baff ©mit 3lmba<her bei ber jeitroeiligen Stüdlebr nach 
Sßdingen bie 2lbfi<ht, ben Aufenthalt bafelbfi nicht bauernb fort- 
jufejjen, gehabt habe. ®emjufolge bat bas Untergericht bie 
illage abgeroiefen. 

IL ®er VerroaltungSgerühtSbof erfennt bie Vegrünbung 
beS erftinftanjticben Urteils nicht burcbroeg als richtig an, ge= 
langt aber gleicbroobl jur gutüdroeifung ber Berufung. 

1. $)er Auslegung, welche baS VunbeSamt für baS $eimat= 
toefen ber mit bem 1. April 1894 in ft'raft getretenen SRooelle 
oom 12. 9Rärj 1894 jum UnterftübungSroobnfibgefeb in Vepg 
auf Stüdroirfung ber &erabfe|ung beS Alters ber Armenmiim 
bigfeit nom äuriidgelegten 24. SebenSjnbre auf baS jurüdge^ 
legte 18. SebenSfabr gegeben bat, ift ber VerroaltungSgerichtS= 
bof in einer SKehrjabl früherer ©ntfcheibungen grunbfä|lidb bei= 
getreten; nergl. Jahrbücher ber roürtt. ^Rechtspflege 33anb 7 
©. 216 unb 340. 

Glicht richtig ift aber infonberbeit bie Ilägerifche Vebaup* 
tung, bie Anroenbung ber StooeHe auf bie oom Kläger bem 
©mil Ambacher geroährte Unterftübung fei barum auSgefcbloffen, 
roeil wegen gottbauer ber tfranfbeit unb UnterftübungSbebiirf= 
tigfeit bie ihm in heilbroitn geroäbrte Unterftü&ung mit ber 
ihm juoor in Karlsruhe gemährten Verpflegung einen unb bem 
felben ipflegefaH bilbe. Söenti man auch abroeichenb oon bem 
Untergericht bie am 2. Juni 1894 in ^eilbronn heroorgetretene 
|iilfsbebürftig!eit bes ©mil Antbacber als gortbauer ber ftfi* 
beren |iilfsbebürftigfeit betrachtet, fo ift bocb biefe abroeichenbe 
Auffaffung ohne ©influ| auf bie ©ntfdbeibung über ben oor- 


Digitized by Google 



SRüdroirfung bet Siooelle jum Unterftüfcung3rooljnft(!gefetc. 347 

liegenben ©rftattungSanfpruch, ben ber Äläger auf ©mnb bev 
33eßauptung, baß ©mil Stmbad&er nicßt I an barm geworben 
fei, gegen ben 33eflagten als ben enbgiltig oerpftid^teten DrtS- 
armenoerbanb ergebt, wobei es fid} nicht um bie iHnroenbung 
beS ©aßeS ^anbelt, baß für ben infolge beS ©intrittS 
ber £ilfSbebürftigfeit oerpflichteten 2lrmenoerbanb bie 
Verpflichtung jur Unterftiißung fo lange als baS Unter= 
ftüßungSbebiirfniS fortbaure. ®ie 2lnroenbb«rfeit ber JlooeHe 
auf bie bent ©mil Slmbacher in ^eilbronn gemährte öffentliche 
Unterftüßung märe nur bann auSgefdjloffen, wenn bie £eift= 
ung ber öffentlichen Unterftüßung, bie am 6. fUlärj 1894 in 
Äarlsrul»e begann, bis junt 2. Quni 1894 ununterbrochen fort= 
gebauert hätte; oergl. ©ntfch- beS VunbeSamtS $eft 27 ©.11. 
Sthatfächlich ift aber bem ©mit 2lmba<her nach ben Elften öffent= 
liehe Unterftüßung in ber 3«t oom 7. bis 10. 3Jtai unb roieber 
in ber $«t t>ont 28. ÜDiai bis 2. 3uni nicht geteiftet worben. 

2. 2tuS bet fftiidroirfung ber SlooeQe folgt jebod) nicht, 
baß unentfehieben ju laffen ift, ob ber SSater SonaS fämbacher, 
roie ber Kläger behauptet, um ben 14. Januar 1889 auS bem 
Sehen gerieben ift ober, roie ber Veflagte behauptet, ju unb 
nach biefer $eit am Sehen gebliehen ift. SluS ber fftüäroirfung 
ber 9iooeHe ergieht fi<h nur, baß ©mit Slmbadjer aus eigenem 
9te<ht ben UnterftüßungSrooßnfiß in Vöcfingen oerlieren fonnte, 
roenn er in ber 3eit feit ber 3urü<flegung beS 18. SebenSjahrS 
oon Vöcfingen minbeftenS jroei $ahre lang abroefenb gebliehen 
ift. Unb 3 roar fonnte ber ©intritt biefeS VerluftS (inforoeit ift 
baS flägerifche Vorbringen richtig) nidjt oor bem 1. 2lpril 
1894 unb fogar, ba ©mil Ütmbacher oont 6. fDiärj hiS 
7. ÜUtai 1894 in Karlsruhe im Äranfenhaufe öffentliche Unter= 
ftüßung erhielt, nicht oor ber Veettbigung jener Unterftüßung 
erfolgen. 

dagegen barf nicht mit bem Untergericht unbeachtet ge= 
laffen roerben, baß, falls ber Vater QonaS Slmbacher bis jum 
28. ©eptemher 1890 noch am Seben — roenn auch außerhalb 
beS (Geltungsgebiets beS UnterftüßungSroohnfißgefeßeS am Sehen 
— roar, infolge feiner jroeijäbrigen Slbroefenßeit oon SööcE= 

23 * 


Digitized by Google 



348 ©ntf^eibungen be§ SenBaltung8gerid)t8|) 0 ? 8 - 

ingen er unb a u I feiner $ e r f o n auch fein ©of»n ©mil 
ämbadber nach bem früheren 9fe<ht fd^on bamall ben Unter* 
ftüfcunglroohnftfc in Södtngen »ertöten fjabeit. ©in in biefer 
SBeife f<hon im 3af)re 1890 eingetretener SSertuft bei Untere 
ftühunglroohnfifcel in Söcfingen ift burd& bie bal älter ber 
ärmenmünbigfeit berabfefcenbe Seftimmung ber fffooeHe nicht 
roieber aufgehoben unb ungefchehen gemacht roorben ; »ergl. auch 
©ntfcheibung bei Sunbelamtl oom 22. gebruar 1896 im $ßreu* 
feifchen Serroaltunglblatt Qalfrg. 17, ©. 302. Unb el fann 
baher bei ber ©ntfcheibung über ben gegen ben besagten Drtl* 
armenoerbanb erhobenen änfpruch bie grage, ob ber Sater 
Sonal 2lmba<her »or bem 28. September 1890 »erftorben ift, 
jebenfallä bann nicht unentfdjieben gelaffen roerben, roenn man 
}U ber $*age, ob ©mit ämbacher aul eigenem äe<ht ben Unter* 
ftüjjunglroohnfih in Söcfingen »erloren hätte, non bem Unter* 
geriet abroeicbenb (fei el auf ©runb bei oorliegenben Seroeil* 
materiall ober nach weiteren Seroeilerhebungen) ju bem ©rgeb* 
niffe gelangt, bah bie Unterbrechung bei griftablauf! burch 
geitroeilige Stücffebr nachgeroiefen fei ober roenigftenl hierüber 
ein non liquet oerbteibe. 

3. ©>a bie eoentueHe ßlagebegrünbung bahin geht, bah 
©mit ämbacher bei unb feit ber $urücftegung j, e g 18. ßebenl* 
jahrl ben Unterftühunglroohnfih in Söcfingen befeffen unb ben* 
fetben, feit er im Dtooember 1889 Söcfingen »ertaffen hatte, 
burch jeitroeilige fftücffehr bahin fi<h erhalten habe, ift ber 
Äläger, roooon er auch felbft aulgeht, mit ber Seroeilpffichtig* 
feit bafür, bah ©mil ämbacbet ben Unterftüfsunglroohnfth in 
Södingen noch hatte, auch bafür beroeilpflichtig, bah fein Sater 
Qonal ämbadjer um ben 14. Januar 1889 ober fpäter bil 
jum 28. September 1890 oerflorben ift. 

2Sieroohl 28at)rfcheinEichfeit bafür »orliegt, bah ber Sater 
Qonal ämbacher um ben 14. Qanuar 1889 ben ©ob gefugt 
unb gefunben hat, hat jfeboch ber Äläger ben roirflichen Seroeil, 
bah Sonal Slmbacher ju biefer 3eit unb überhaupt »or bem 
28. September 1890 mit ©ob abgegangen ift, nicht erbracht. 
©I fteht feinelroegl, roie bie Sanbarmenbehörbe für ben -Jtecfar- 


Digitized by Google 



SRödroirfting ber 9lo»eHe 3 um Unterftütjungäroo^nft^gefeb. 349 

frei« in ihrem 33ef<hluffe »om 1. 3Jtärs 1895 auSgefprodhen hat, 
aufjer ,3roeifel, baff Sanas Slmbachet nach bern ©ntroeidhen non 

formen fidf> im SR^ein ertrcinft hat (bie SluSführung 

hierüber bleibt hier weg). 

3ft hienadh feineSroegS auSgefchtoffen, bafj 3onaS 2tm= 
bacfjer nach feiner ©ntroeichung aus Farmen am Seben ge= 
blieben ift, unb auch, falls er jefct nid^t mehr lebt, roenigftenS 
bis jum 28. September 1890 gelebt hat, fo fehlt, mie bereits 
auSgefiiljrt mürbe, ber »om Äläger ju erbringenbe S3emeis, 
baj? ©mit Slmbadher ben UnterftühungSroohnfij} in Söcfingen 
»om 28. September 1890 an noch befeffen hat unb fidfj ben= 
felben bis jum 2. 3[uni 1894 erhalten fonnte unb hieraus er= 
giebt fidh bie Slbmeifung ber ßlage. 

4. ®arauf, baff ©mit Slmbadher ben Unterftüj}ungSroobn=- 
fth in Söcfingen aus eigenem Stecht »erloren höbe, roeil bie 
Unterbrechung ber Slbroefenheit »on ööciingen burdh jettroeilige 
Stücffehr bahin nicht erroeistich fei, roiH »on bern 93ermaltungS= 
geridhtShof bie Slbmeifung ber Älage nidht geftüht merben .... 

®er SSerroaltungSgeri^tShof muffte Siebenten tragen, ohne 
»orgängigen roeiteren SemeiSeinjug bie ©ntfdjeibung barüber 
ju geben, ob ©mit Slmbadher aus eigenem Siecht burdh 2lbroefen= 
heit »on SJöcfingen ben UnterftüfsungSmohnfifc bafelbft »erloren 
hat. ©in pofitioer SfaSfprudh, baff, mie ber Kläger behauptet, 
biefer 33erluft nicht eingetreten ift, fonbern ber Slblauf ber grift 
burdh jeitroeilige Stüäfehr beS ©mit Slmbacher nach Söcfingen 
unterbrochen mürbe, ift jebodh nicht erforbertidh , ba bie 3lb= 
roeifung ber JUage aus bern ju»or angeführten ©runbe auS$u= 
fpredhen ift. 

Urteil »om 17. Quni 1896 in ber SerufungSfadhc beS 
DrtSarmenoerbanbS ^eilbronn gegen ben OrtSarmenoer= 
banb SSöcfingen. 


Digitized by Google 



350 


©ntfdjeibungen b ei ®erroaltung8geri<bt3fjofS- 


8 . 

Huf ben fanbarmenoerbnnb, ber einem drtsarmenoerbanbe btt 
$o|ten ber oorläufigen llnterftttbung erflattet bat, gebt beffen 
Hnfprudj gegen ben enbgiiltig oerpftidjteten ^rmenoerbnnb Uber. 

®er am 18. gebruar 1866 geborene Iebige 3Jiiitter Seon* 
barb gabenbauer oon Sangenau 0.21. Ulm befanb ficb oom 9. 
bis 21. fRooember 1892 im £ofpital in 9)t engen D.2t. ©aul= 
gau in armenrecbtlidjer Serpflegung. 2)ie DrtSartnenbebörbe 
SRengen oerlangte bie ©rftattung beS ^iefür ertoadbfenen 2luf= 
toanbs oon ber DrtSartnenbebörbe Sangenau, ba aus ben 2ln* 
gaben beS Unterftübten beroorging, bajj er, roenn au<b tnebr= 
fad) auStoärtS in Slrbeit ober auf fReife, ben 9Binter 1890/91 
unb ben Sßinter 1891/92 ju /paufe bei feinen ®ltern jugebrad)t 
batte. ®ie DrtSartnenbebörbe Sangenau lernte bie ©rftattung 
ab, ba ber Unterftüfcte ben UnterftübungSioobnfif} in Sangenau 
burcb mehr als ätoeijäbrige 2lbtoefenbeit oerloren habe, toobei 
fte beinerfte, bafj nicht befannt fei, bafe er attberStoo einen Unter* 
ftübungSioobnfib erioorben habe. 9tun toanbte fid) bie DrtS* 
armenbebörbe SRengett an bie Sanbarmenbebörbe für ben ®onau* 
freis, beren 2luSfdbuj} burcb 23efcbtu& oom 30. Januar 1893 
bie Sanbarmeneigcnfcbaft beS Untersten anerfannte unb ben 
2luftoanb erftattete, toobei feitenS beS DrtSarmen* 
ocrbanbs fDlengen eine 2tbtretung ber ibtn gegen 
ben DrtSarmenoerbanb Sangenau ettoa juftebenben 
fRed)te nicht ftattgefunben bat. 3« bereit oom 19. 
bis 25. 2Iuguft 1893 fiel gabenbauer roieber ber armenred)t* 
lidben gürforge im ÄrantenbauS in ÜRtirtingen anbeim unb 
es finb bie Soften ^iefür oon ber DrtSarmettpflege Sangenau 
burcb fßoftamoeifung bejablt roorben. ©iefe 5C^atfadj»e fant im 
Sabre 1894 jur ßenntniS ber Sanbarmenbebörbe für ben ®onau= 
treis, als gabenbauer inölöppittgen öffentliche Unterftü&ung 
in 2lnfprud) nabtn unb bie OrtSartnenbebörbe in Sangenau bie 
©rftattung aus bemfelben ©runbe, toie Stengen gegenüber, ab* 
lehnte mit bent 2lnfiigen, bafj ber Unterftii^ungSaufroanb nach 


Digitized by Google 



Uebergattg eine« Sltifpruc^S auf ben 2anbarment>er6anb. 351 

Slürtingen »on ben ©Itern beg gabenbauer erfcfet roorben fei, 
benen Ijteju ein Sorfchuß aug ber Slrmenfaffe »erroiHigt roorben 
fei, fo bafe nun bie Drtgarmenbehörbe ©öppingen bie Sanb= 
atntenbehörbe für ben Sonaufreig utn ©rftattung anging. 

®urdj bie »on ihr roeiter »eranlaßten ©rmittlungen ge= 
roann bie Sanbarmenbehörbe bie lieber jeugung, baß gabenbauer 
in ber 3eit »on ber $urüdlegung beg 24. Sebengjahreg (18. $eb; 
ruar 1890) big ju ber Unterftüfcung in 9Ji engen ben Unter; 
ßüfcunggroohnfih in Sangenau nicht oerloren, fonbern bie 2lb= 
roefeuheit burch Stüdfehr in bie Heimat immer roieber untere 
brod&en habe, unb fie »erlangte mit Schreiben 00 m 14. Sep= 
tember 1894 ©rfafc beg bem Drtgarmenoerbanbe Sßengen ge* 
jagten Setragg »on bem Ortgarmenoerbanb Sangenau. 2llg 
biefer ablehnte unb ber Sanbarmenoerbanb für ben SDonaufreig 
Äfage bei ber Ä. Regierung für ben SDonaufreig erhob, rourbe 
ihm ber eingeflagte Settag burch Urteil »om 30. Dftober 1895 
jugefprodien. ®ie »on bem Seflagten erhobene Serufuitg ift 
»on bem Serroaltungggerid&tgliof alg unbegriinbet jurüdgeroiefen 
roorben, roobei ber Serroa!tungggerid>tgl)of ber Annahme beg 
Unterrichterg, baß $abenbauer big jum ©intritt feiner $ilfg= 
bebürftigfeit in -Stengen ben Unterftüjjunggroohnfifc in Sangenau 
nid^t »erloren habe, beipßichtete unb in ben 

©rünben 

roeiter augfprach: 

®er Unterrichtet hat, baoon auggehenb, b aß eg fich bei 
bem Stläger nicht um ben ©intritt in bie Siechte beg urfprüitg= 
lieh gorberunggbered)tigten nad) ben ©runbfcifcen beg fßri»at= 
rechtg hanble, ben Üinfprud) beg ßlägerg alg in bem Untere 
ftiihunggroohnfihgefeh felbft begrünbet erachtet, ba ein 
nach ben Seftimmungen biefeg ©efefceg unterftüfcungg; be^ro. 
erfahpflichtiger 2lrmenucrbanb feiner Serpflichtung baburdj nicht 
enthoben roerbe, baß er bie ihm angefonnene Seiftung jurüd= 
roeife unb beghalb ein anberer, e»entueU »er pflichtetet 2lrmen= 
»erbanb bie Seiftung übernehme unb ba auch bem Äläger bie 
ausbrüdlidie Seßünmung beg § 30 2lbf. 2 beg ©efejseg in ber 
Raffung ber 9io»efle 00 m 12. SDtärj 1894, ber riidroirfenbe 


Digitized by Google 



352 


(gntfdjeibungen beS SenoaUungSgericfjtSIjofS. 


©ebeutung julomme, jur ©eite ftelje. ©er ©eflagte l>at feine 
©erufung gegen biefe ©ntfdljeibung nidlit fpejieH gerietet unb 
audl) ber ©erroaltungSgeridjtSljof tritt biefer @ntfdE>eibung in 
il»rem erften ©eil int roefentlidfjen bei. ®a3 ©unbeSamt für bas 
$eimatroefen l)at für gäEe ber norliegenben 2lrt, na^bem eS 
aEerbingS bei bem ©langel einer auSbrüdttidjen ©eftimmung 
beS UnterftüfjungSrootmfifjgefeleS in einem goß bie ©orfd&rift 
beS ißreufi. Mgemeinen SanbrecljtS I § 46 ju |>ilfe genommen 
tjatte, allgemein ben ©a{$ aufgefteHt unb bis in bie neuefte 
3eit feftgel»alten, baß ber erftattenbe Slrmennerbanb non felbft 
unb ofyne auSbrücflidje Seifion in bie Steckte beS befriebigten 
ärtnenoerbanbs eintrete unb fo ben SrftattungSanfprudfj beS 
SDrtSarmenoerbanbS ber norläuftgen Unterftüfcung gettenb machen 
fönne; tnie aud) nad^ § 62 beS UnterftüfcungSroolinfifcgefefceS 
auf ben unterftüftenben Slrmennerbanb ber SRed&tSanfprucf) beS 
Unterftüfcten auf bie Seiftungen, ju beren ©eroäljtung ilim ein 
dritter aus anberen als ben burcb biefeS ©efefc begrünbeten 
Titeln nerpflicbtet ift, traft ©efefceS übergebt, ©er ©runbfag 
ber fingierten (gefejjlidfjen) Seffion ift audE) auf einem anbem 
©ebiete beS öffentlichen fJied&tS, bem beS $ranfen=, UnfaE:, gn= 
nalibitätS= unb äUterSoerfidjerungSiuefenS, aEgemein §ur ©urcb' 
füljrung gelangt. @S geht auclj, tnie ficb aus ben SRotinen gu 
ber fEooefle gu bem UnterftüfjungSrooljnfifcgefefc ergiebt, bie 9to= 
»eEe banott aus, bajj nadj) aEgemeinen 9tedf)tSgrunbfä£en einem 
Sanbarmennerbanb, ber einen ©ebürftigen unmittelbar unter: 
ftü£t tjabe, gegenüber bem nachträglich ermittelten Slrmettoer: 
banb beS Unterftü£ungSn>ohnft£eS ber fftegrefcanfpruch juftefje. 
©ei erneuerter ©rüfuttg ber ^Rechtsfrage hält ber ©erroaltungS: 
gerichtshof an ber abroeidbenbeit 2Iuffajfuug, ber in bem im 
Slmtsblatt beS 9RinifteriumS beS gnnern oon 1893 ©. 278 ff. 
ueröffentlichten gaEe (f. auch ©dffarpff, £anbbu<f) beS Slrmen- 
red&ts ©. 111) SluSbrudf gegeben raotben ift, bafs bie mafj= 
gebenbe Storni nicht fdjon einheitlich in bem UnterftüjiungS: 
tuohnfihgefeh gefunben loerben fönne unb baljer auf bie »er: 
fdjiebenen 3ioilred^te guriidfgugreifen fei *), nicht feft. hiernach 

l) Qn ber SJegrünbung jeneä oon bem SBerroattungggerictitSIjof mit 


Digitized by Googl 



Uebergang eines Slnfprucb« auf ben Sanbarmenoerbanb. 353 

bebarf es im oorliegenben gall eines Eingehens auf rücfroir= 
fenbe Ülnroenbbarfeit ber 3loeelIe § 30 2lbf. 2 ©afc 2 nid)t. 
Urteil uom 29. Slpril 1896 in ber ®erufungSfaif)e beS 

©timmenmebrbeit befebloffenen Urteil« com 20. Qanuat 1892 mürbe ge» 
tagt: 35a8 83unbe8amt für ba8 fpeimatroefen habe mehrfach in gälten, in 
melden ein Sanbarmenoerbanb bem Crtlarmenoerbanb, ber einen pilf8= 
bebörftigen oorläufig unterftüßt batte, roegen ber biefem Drt«armenoer= 
banb juftebenben ffirfafcanfprücbe befriebigt bat, ein Slagerecfft gegen ben 
roir!ti<b befinitio oerpfüchteten Slrmenoerbanb jugeftanben (SBoblerS, 
©ntfcb- fjeft 4 @.98, fjeft 7 S. 119 unb 120) unb e8 tjabe ben ©runb= 
fab, bajj ber jablenbe Sanbarmenoerbanb in bie Secbte be8 befriebigten 
Drt8armen»erbanb8 eintrete, auch in betn gälte jur Slnroenbung gebraut, 
roenn ber Sanbarmenoerbanb, ber bie einem oorläufig unterftüfcenben 
DrtSarmenoerbanb entftanbenen Soften übernommen batte, bie oon ibm 
biefem DrtSarmenoerbanb erfefcten Soften oon einem anbern jur uorlflu- 
figen Unterftüfcung oerpfliebteten DrtSartnenoerbanb, meil leffterer feiner 
Berpflicfffung ficb entjogen batte, au« bem Sterte be8 befriebigten Drt8* 
armenoerbanbS mieber erftattet »erlangte (JBobler«, ©ntfcb. fjeft 21 
©. 57). &iefe ©ntfcbeibungen be8 SunbeSamt« betreffen jebodj bloß 
folcbe gälte, in melden bie Sßirfung ber »on bem flagenben Sanbarmen* 
oerbanb bem oorläufig unterftüfcenben OrtSarmenoerbanb geleifteten 3“b s 
lungen nach preußifcbem 9ted)t ju beurteilen geroefen fei. ®er ©ab 
beS Allgemeinen B«ußifd)en Sanbrecßtö, baß „überhaupt in ber Segel 
ber 3al)lenbe gegen ben ©(bulbner aud) ohne au8brücfliebe ©effion in bie 
Sedjte be8 bejahten ©läubigerS eintrete", enthalte aber in feiner 3Ulge= 
meinbeit eine Anomalie unb fei bem gemeinen bejro. roürttembergifcben 
Sedfte fremb. Stach bem im oorliegenben gälte majjgebenben gemeinen 
Stecht fei nicht einmal ber ©ab, baß überall ba, mo eine gefehlte Ber= 
pflicfjtung be8 ©läubigerS jur Abtretung ber Slagerecbte beftebe, bie 2tb= 
tretung als gefcbeben fingiert roerbe, anjuerfennen (©ntfcb- be8 Seidige* 
riebt« in ©ioilf. Bb. I ©. 314, II ©. 167; ogl. SBürtt. Streb- 33b. IX 
©. 437, X ©. 133, XVII ©. 188). 

fjiegtgen lommt in Betracht : 2)a8 UnterftübungSroobnftbgefeb regelt 
jmat oermögenSredbtlicbe Slnfprücbe jtoifeben ben Strmenoerbänben, bie- 
felben ftnb aber nicht materiell prioatrechtliche, bie nur, roa8 bie 3 u flän= 
bigleit ber ©ntfcbeibungSbebörben betrifft, au8 3 ,ue tf m äßigfeitägrünben 
ben fflcrroaltungSgerictjten jugemiefen finb. ©8 ift baber grunbfäbticb nicht 
ftattbaft, allenthalben, roo ba8 UnterftübungSroobnfibgefeff eine a u 8 b r ü cf= 
liehe Borfdjrift nicht enthält, ohne roeitereS bie »erfdjiebenen ©ioilrechte 
jur ©rgätiflung beranjujieben. Bietmebr ift ba8 ©efef}, fomeit immer 
tbunlich, in ber JBeife auSjulegen, baß in ihm eine für ba8 ganje ©el= 
tungSgebiet be8 ©efefjeS gültige Aorm gefunben roirb ; jtoeifelloS bleiben 


Digitized by Google 



354 ©ntfdjeibungen be8 $erroaltung8gericfjt8hof8. 

Dttäarmenuetbanb^Sangenau gegen ben Sanbartnenoerbanb 
für ben ®onaufrei3. 


atterbingS ©treitpunfte übrig, gu beren ©niftfieibutig bie entforedfenbe 
Stnmenbung ber Sioilrechte nicE)t gu umgeben ift. Sie §§ 28 unb 30 be8 
Unierftühung8roohnfihgefefce8 enthalten bie gunbamentatfäfce , reellen 
Strrnenoerbänben bie oorläufige unb rodeten Slrmennerbänben bie enb» 
gültige Sragung ber Saft ber öffentlichen Slrmenpflege obliegt. Ser galt, 
bafj ber oorläufig unterftüfcenbe Drtjarmenoerbanb non bent enbgültig eet= 
pflichteten Drt8armenoerbanb ober Sanbarmenuerbanb ©rftattung oerlangt, 
ift nur ber gemöhnlidie galt, aber nicht ber eingige burdj ba8 ©efefc ge= 
regelte; ber § 30 Slbf. 1 fagt roebet in feiner urfprünglichen noch in feiner 
jefcigen gaffung, baff ber Ilagenbe Slrmenoerbanb nur ein D r 1 3 armem 
oerbanb fein fönne. 3ief)t man in gälten ber oorliegenben Slrt bie oet» 
fchiebenartigen Seftimmungen ber ©ioilredfte gut ©rgöngung herbei . fo 
roirb nicht nur bie £anbf)abung be8 ©efefceS mit ©chroierigfeiten belaftet, 
fonbern roerben auch finangiell ungleichartige Söitfungen heroorgebradit, 
bie hoch toohl bei ber ©rlaffung be8 ©efebed oermieben toerben rooHten. 
Sen gabt gefegt, bah ber Sanbarmenuerbanb für ben Sonau!rei8 bem 
DrtSarmenoerbanbe SJtengen nicht blofi einen Srfah für ben auf ben gaben» 
bauer gemachten Unterftüfcung8aufroanb geleiftet, fonbern ben gabenbauer 
in eigene gürforge übernommen hätte, mürbe jefct bem Sanb= 
armenoerbanbe eine Silage gegen ben Drtöarmenoerbanb Sangenau auf 
Uebernahme be8 gabenbauer auf ©runb ber §§ 30 unb 31 be8 ©e= 
fe|}e8 nicht abgufd)tagen fein. Stach ber neueren ?raji8 be8 33unbe8amt8 
gehören unter ba8 Unterftüfmng8roohnfihgefeh auch bie gäHe, in benen 
eine Slbfchiebung ftattgefunben hot unb ber Drtäarmenoerbanb , ber bie 
Unterftüfcung oorläufig gemährt hot, ben Drt8armenoerbanb, ber fre not» 
läufig hätte gemähten fotlen, belangt; anfänglich hotte ba8 SunbeSamt 
nur einen ©chabenSerfafconfprud) au8 unerlaubter §anblung, morüber ber 
©ioilrichter gu entfeheiben hätte, al8 möglich anerfannt (2Bohler8, 
«ntfeh- $eft II ©. 95). 

Sie gäHe ber gurüdtforberung einet Stich tfchulb hat aHerbingS bi8 
je|t bie Stechtfprechung be8 8unbe8amt8 al8 folche behonbelt, bei benen 
auf bie ©ioilrecfjte gurüdgugehen fei (Süohler8- Jttech, ®ef. über ben 
U.»S3. 7. Stuft, gu § 28 Stote 43 unb Urteil oom 12. Dltober 1895 im 
^Jreufj. Sßerioaltungäblatt galfrg. 17 ©. 117). — Sieb. 


Digitized by Google 



3u ärt. 15 atbf. 1 bet »auorbnung ic. 


355 


9. 

JSu ^rt. 15 ^bf. 1 ber flauorbnung. ftlaß ber ürrpflitßtung 
jur feiftung ber $traßenho|hnbciträge. 

Frontlänge beS ju erric^tenben ©ebäubeä nebfi baju gehörigem §ofraum 
unb ©orten, roie fle bei bem Segtnn beS söauroefenä oorljanben ift. 

3m Slnfißluß an bie 2lrt. 13 unb 15 2lbf. 1 ber Sau= 
orbnung enthält baS OrtSbauflatut ber ©tabtgemeinbe ©münb, 
toeltßeS burcß ©rlaß beS Ä. 2JlinifteriumS beS 3nnern oom 
28. 3Jiärs 1876 genehmigt roorben unb am 15. Slpril 1876 in 
Äraft getreten ift, folgenbe Seftimmungen : 

§ 5. 2)ie ©emeinbe ift ju jfjerfieHung ber im DrtSbauplan 
oorgefeßenen ©traßen verpflichtet, wenn unb fotoeit an folgen 
neue ober ältere ©ebäube in regelmäßiger Folge an bie @e= 
bäube befteßenber Straßen fid» anreißen, auch roenn biefer ln- 
fdjluß nur auf einer ©eite ber neu anjulegenben Straße oor= 
ßanben ift. 2>abei gilt bie regelmäßige ber ©ebäube 

burcß gebotene Slbftänbe, |>öfe, Heinere föauSgärten, öffentlidje 
2Sege unb bergt, nicht als unterbrochen. 

§ 6. Sei ber Anlegung einer neuen ober bei ber Ser= 
längerung einer befteßenben Sauftraße ift ber 2lufroanb für bie 
©rroerbung ber jur ©traße notroenbigen ©runbfläche oon ben 
angrenjenben (Sigentümern, fobatb auf ißren ©runbftttden ©e= 
bäube errichtet roerben, inforoeit ju tragen ober ju erfeßen, als 
ber oon ber ©tabt für bie ßrroerbung gemadhte Slufroanb bie 
©umme oon 100 2JI. für bas 3lr überfteigt. 

§ 7. Sei Seredßnung ber ©röße ber einzelnen Seiträge 
toirb bie für jeben ©runbeigentiinter in Setracßt ju jießenbe 
Fläcße nach ber Frontlänge beS ju erridßtenben ©ebäubeS nebft 
baju gehörigem &ofraum unb ©arten unb jmar an gerablinigen 
©traßen reißtioinftig, an gebogenen ©traßen oon Normale ju 
Normale gemeffen. 

3unt 3 ,oe< J ber teilroeifen Slnlegung ber im Ortsbauplan 
oorgefeßenen ^eugenftraße erfaufte bie oon bem ©emeinberat 
in ©münb beauftragte ©tabtpflege am 27. Dtooember 1888 oon 


Digitized by Google 



356 


©ntf($«ibimgen beS S3erroaltung8gen($tät)of3. 


bem ©örtner 9tapp oon ber SarjeDe 939/4 5 a 92 qm 93luttten= 
unb ©entüfegarten um 2368 «Dt. mit ber 99eftimtnung, bafj bie 
©runbftäche ber Käuferin fofort in baä ©igentum unb ben 
«Jtufcen übergeben toerbe, unb am 9. «Jtooember 1891 oon bem 
Kaufmann «Rubolpf) unb bem Söder ©djeuerle oon beren SBiefe 
«Par}. 942/2 1 a 43 qm um 572 «Dt. 

3Jtit oberamtlicher ©enehmigung oom 12. Slpril 1889 hat 
ber 2ßertmeifter ßarl «Dtaper oon Stuttgart auf ber SarjeUe 
939/12 baS SBojjngebäube 9tr. 101/75 an bie öeugenftrajje 
unter ben im Drtöbauftatut oorgefeljenen Sejiimmungen gebaut 
unb burd) Äaufoertrag oom 19. 9toobr. 1889 hat et biefeä ©e* 
bäube, foroie bie baju gehörige Sarjette 939/12 mit noch 1 a 
24 qm ©emüfegarten hinter unb neben bem |jau3 an £f>erefe 
o. 9luer, ÄauftnannS SBittoe in ©münb, oertauft. ®ie festere 
hat fobann am 21. «Dtärj 1891 oon ber SBitroe be$ ©ärtnerä 
9tapp bie ißarj. 939/13 4 a 98 qm „Suftgarten" im ©tabt= 
garten neben ber Käuferin unb ber Serfäuferin um 2241 3 )t. 
getauft. 

9?ad)bein bie ^eugenflrafee im ©tatsjahr 1891/92 hergefteHt 
mar, berechnete bie ©tabtgemeinbe ©münb ben auf bie SBitioe 
o. Sluer gentäfj § 6 be3 DrtSbauftatutS entfattenben Stinteil an 
ben ßoften ber ©runberroerbung für jette ©trafje für ba3 2Bohm 
gebäube ber Setlagten «Jtr. 101/75 auf 89 «Dt. 67 Sßf. unb 
für ben fjiiiäugetauften ©arten auf 802 «Dt. 50 Sßf. jufamitien 
892 SR. 17 «Pf. 

«Jtachbem bie ©tabtgemeinbe ©münb bei ber $. Äreiäre* 
gierung in ©Htoangen Älage auf Sejahlung biefer ©untme er- 
hoben hatte, erfannte bie SBittoe o. 3tuer bie Serpftidjtung jur 
Sejahtung be$ 93etrag$ oon 89 «Dt. 67 $Pf. an; jur Sejaljlung 
be3 roeiteren SetragS oon 802 «Dt. 50 ißf. mürbe fte oon ber 
ÄreiSregierung oerurteilt. 2luf ihre Serufuttg hat ber Ä. 93er-' 
ioaItung§geri<ht§hof bie ©tabtgemeinbe ©münb mit ihrer Älage, 
foroeit fie ben oon ber Setlagten anertannten Setrag überftieg, 
abgeroiefen. 

©rünbe: 

®er 2lrt. 15 ber Sauorbnung behanbelt, mie au§ bem 


Digitized by Google 



3 u SIrt. 15 SIbf. 1 bet SBauotbnung ic- 357 

3wed ber ©efeßeSbeflimmung, Ufrem 3ufommenhang mit bem 
SIrt. 13 unb ben ©orten ber ©otioe „biejenigen, welche an 
einer projezierten ober fcßon auSgefüßrten neuen DrtSftraße 
Raufer bauen" (ogl. Vißer, Vauorbnung 6. 187 unb 190), 
ft<h ergiebt, nicht nur ben gall, baß an einer bereits auf Äoften 
ber ©emeinbe ^crgeflcHten neuen DrtSftraße ober OrtSftraßem 
ftrede auf bem angrenjenben ©runbcigentum ein ©eböube er= 
rietet roitb, fonbem auch ben galt, baß nach ber geftfefcung 
ber Saulinie auf bem an bie projezierte neue DrtSftraße ober 
DrtSflraßenftrede angrenjenben ©runbftüde an ber projezierten 
©traße ober ©traßenftrede ein ©ebäube errietet worben ift 
unb bemach oon ber ©emeinbe ber Stufwanb für bie 6r= 
roerbung ber jnr Anlegung ober Verlängerung ber Strafe not: 
menbigen ©runbfläche unb ihre Planierung gemacht wirb. ®aß 
au<h in bem Drtsbauftatut ber flagenben ©tabtgemeinbe ©münb 
bie jur anteiligen Tragung ober ©rftattung ber ©runberroer* 
bungSfoften oerpflichtenben §§ 6 unb 7 biefc b eiben gälte 
umfaffen, baoon geht auch bie flagenbe ©tabtgemeinbe aus, in* 
bem fie oon ber VeHagten bie Sejaljlung eines SlnteilS an 
benjenigen ©rimbertoerbungSfoften (bie pianierungsfoften fallen 
nach bem Statut ben Slnliegern nicht jur £afl) mitoerlangt, 
beren Slufwenbung erft im gabre 1891 burdh ben Äaufoertrag 
oom 9. Slooember beS genannten SafjreS erfolgt ift. 

Vergleiche auch ju bem bem SIrt. 15 ber Vauorbnung ent= 
fprechenben§ 15 beS preußifchen gluchtliniengefeßeS griebricbs, 
©efeß oom 2. guli 1875, betr. bie Anlegung unb Veränberurtg 
oon ©tragen unb planen in ©täbten unb länblichen Drtfcbaften, 
3. Slufl. ©. 114 ff. 

©irb baS ©ebäube an einer neuen ©trafse ober ©traßen= 
firede errichtet, für welche bie ©emeinbe ben Stufwanb für bie 
©runberwerbung, bejiehungSweife auch bie Planierung bereits 
gemacht bot, fo wirb, mag ber Stufwanb rechnungsmäßig bereits 
fefiftehen unb anteilmäßig berechnet fein ober noch nicht feft= 
flehen unb anteilmäßig berechnet fein, bie Verpflichtung jur 
©rftattung, wenn auch tut leßteren gölte bie gorberung ber ©e: 
meinbe noch nic&t fällig ift, für ben angrenjenben ©runb= 


Digitized by Google 



358 @ntfc§eibungen be! 33erroaüung!gericfjt3t|of3. 

eigentümer, „fob alb" auf bem ©ruubftücf ba! ©ebäube ex- 
richtet wirb, begrün bet unb bamit zugleich in bem Umfang 
begrünbet, roie er fich in bem 3«itpunfte ber ©rrichtung bei 
©ebäube! bemijjt, b. h- el fommt bie Frontlänge be! ju „er= 
richtenben" ©ebäube! ((Statut § 7 Slbf. 1) nebft baju gehörigem 
£ofraum unb ©arten in Petracfit, roie fie bei bem Sie ginne 
be! Pauroefen! oorhanben ift. 33 or bem „Pauen" (ogl. 
SB i ^ er a. a. D. ©. 187 unb 1891 entfielt für ben Anlieger 
feine Perpflichtung unb e! fommt baljer nicht barauf an, in 
welchem 3 e *tpunfte bie ©emeinbe bie 3lufroenbungen unb in!= 
befonbere bie leiste Slufroenbung für bie ©runberroerbung ge= 
macht hotte unb in welchem 3eitpunfte bie ßerfteHung ber ganjen 
©trafse ober ©trajjenftrecfe mit ber Planierung ober bie uoD- 
ftänbige ßerftellung ber ©trajje (2lrt. 10 2lbf. 2 ber Pauorb= 
nuttg) gesehen ift. 2ludh ift nicht ntafjgebenb, in welchem 
punfte bie Umlage bei für bie ©runberroerbung bejro. auch bie 
Planierung gemachten Slufroanb! auf bie Anlieger erfolgt, ©ine 
feit bem Peginne be! Pauroefen! bi! jur Umlage ber ©runb= 
erroetbungl= unb pianierunglfoften eingetretene Perlängerung 
ober Perfiirjung ber Frontlänge be! ju bem ©ebäube gehörigen 
|>ofraum! unb ©arten! ift ohne ©inffufj auf ben Petrag be! 
uon bem Anlieger ju bejahlenbeu Peitragl *). 

SBenn ber Slufroanb für bie ©runberroerbung bejro. auch 
bie Planierung erft gemacht roirb, nachbem ba! ©ebäube an 
ber projezierten Strafe ober ©trafjenftrecfe oollenbet ober mit 
ber ©rrichtung bei ©ebäube! begonnen ift, liegt fein ©runb 
uor, non bem Poranftehenben abroeichenb für bie Perechnung 
be! Stnliegerbeitrag! einen anberen SDfafjftab uon Frontlänge 
al! ben ber jur 3eit ber ©rrichtung be! ©ebäube! uorhanbenen 
Frontlänge jur Slnroenbung ju bringen. 2)ie 2lu!brucf!roeife 
be! 2lrt. 15 ber Pauorbnung unb ber §§ 6 unb 7 be! Drt!= 
bauftatut! giebt für eine abroeichenbe Pehanblung feinen 2ln= 
halt ; oielmehr weift auch für ben ooraulgefejsten Fall ber 2Bort= 

1) SSgl. auch griebrid)! a. a. D. ©.140 unb ffirlenntni! beä 
preuji. D6ermroaltung8geri<ht8 «oin 14. 91o»ember 1894 im pteujj. SSer= 
roaltungablatt 1894/95 ©. 162 f. 


Digitized by Google 



3u SCrt. 15 3l6f. 1 b*r äkuorbnung k . 


359 


laut beä 2lrt. 15 unb be3 § 6 beä OrtäbauftatutS „f obalb 
auf ihren ©runbftüden ©ebäube errietet roerben", barauf hin, 
baß mit bet ©rrichtung unb jroar mit bem Seginne bet ©r= 
ridhtung beö ©ebäubeS an bet projezierten neuen OrtSftraße 
ober OrtSftraßenftrede für ben angrenjenbeu ©runbeigentiimer 
bie 33erpftid^tung entfielt, anteilmäßig ben Sufroanb ju tragen, 
ber ber ©emeinbe auä ber ©rroerbung ber für bie Straße ober 
Straßenftrede notroenbigen ©runbftädhe bejro. aud) au£ ber 
Ißlanierung erroadhfen roirb. ©aburcß, baß ber Setrag biefer 
2lufroenbungen noch unbefannt ift, roirb nur bie nähere Se= 
ftimmung be3 SetragS unb bie 3-äUigfeit be3 9lnfprudh$ ber 
©emeinbe aufgehoben. ^nbent ber 2lrt. 15 ber Sauorbnung 
(unb ebenfo ber § 6 be3 Ort3bauftatut§) bie 9lu<Sbrud3roeife 
„ju tragen ober ju erfeßen" gebraust, giebt er auch feinen 
Stufjalt bafür, baß bie Serpflid&tung be3 angrenäenben @igen= 
tümerS auö bem red^tlidjen ©efidfitSpunfte einer folcfjcn Ser= 
pflidhtung jur@rfaßleiftung aufgefaßt roerben müjfe, roeldhe 
erfl bamit unb nur unter ber Sorausfeßung entfielen 
fönne, baß ber ©emeinbe ein ju erfeßenber Slufroanb roirflidh 
bereits entftanben fei. 3tamentlid» jtnb bie SBorte „ju tragen" 
nicht etroa auSfd^liefelid^ oon bem in bem Statut nid)t befon» 
berS beßanbelten galle ju oerftefjen, baß Pon bem9lntieger 
f e l b ft ber in bie StraßenflädEje faüenbe SCeil feines @runb= 
ftüdeS jum $roed ber ^erfteilung ber Strafe abjutreten ift. 
2fn ben SJtotioen ju 2lrt. 15 ber Sauorbnung ift bie ©rlaffung 
ber ©efeßeäbeftimmung bamit gerechtfertigt, baff in rafcß ait= 
roadhfenben Orten burd) ©röffnung neuer OrtSftraßen jum Sauen 
ber SBert ber ©runbftiide al$ nunmehriger regelmäßig fidler 
geteilter Saupläße fidß plö^lidf) um ba3 doppelte unb meßr 
erhöhe unb bamit ein ©eroinn erjielt roerbe, welchen roefenttich 
auf Äoften ber ©emeinbe b. h- ber Steuerpflichtigen 'ben Se= 
fißern ber betreffenben ©runbftiide äujuroenben unbillig erfdjeine, 
unb baß jugleich baburdh ben ©emeinben 9Jtittel für bie 2In= 
legung oon weiteren Straßen geboten roerben unb fo baä Sauen 
unb bie Sergrößerung ber Orte geförbert roerben. ©rfahrungi= 
mäßig tritt aber bie SBertöfteigerung ber ju Saupläßen oer= 


Digitized by Google 



360 


©ntfdjeibungen bei BerroaltungSgeridjtäfjofS. 


roenbbaren ©runbfiiicfe nicht erft in bem 3eüpunft ein, in bem 
jur .gerfteHung bet ©trage für bie ©Werbung her erforber-- 
lichen ©tunbfläche für ihre Planierung bie SCufroenbungen ge= 
macht roerben ober bie £erfteHung ber ©trage pollenbet ijt, 
fonbern bereits in bem 3«itpunfte, in bem mit ber geftftellung 
beS örtSbaupIanS bie 33erroenbbarfeit beS ©runbftücfs als Pam 
plag bem Eigentümer in regelmägig fidlere SHuSjtcht gefteOt 
wirb, unb es unterlag bager oom gefeggeberifcgen ©tanbpunfte 
feinem Pebenfen, für foldje gäUe, in benen bie Errichtung beS 
©ebäubeS ber Anlegung ber ©trage porangegt, bie PerpfUcg; 
tung jur anteiligen Pejaglung beS gernadg bet ©emeinbe burch 
bie ©rroetbung ber ©tragengrunbftäche unb bie Planierung ent= 
ftegenben 2lufroanbs fdjon in bem 3 e üpunfte, in bem mit ber 
Errichtung beS ©ebäubeS begonnen roirb, unb in ber Perfon 
beSjenigen, ber ju biefer 3«* ©runbftücfeigentümer ift, ent; 
ftegen ju laffen 1 ). 

■Jtacg allem bem liegt fein ©runb bafür oor, für ben PotauS; 
gefegten ben Slrt ber Pauorbnung bagin auSjulegen, 
bag es barauf anfoinme, ju welchen 3eiten bie 2lufroenbungen 
für bie ©runberroerbungen ju ber ©trage ober ©tragenftrecfe 
gemacht roerben, ju welcher 3«* inSbefonbere bie legte 2luf= 
roenbung für ©runberroerbung ju bet ©trage ober ©tragen; 
ftrecfe gemacht roirb, bejro. bag es, roo baS DrtSbauftatut auch 
bie Äoften ber Planierung ben Anliegern auferlegt, barauf am 
fontme, ju welcher 3«it bie Planierung ber ©trage ober ©tragen; 
ftrecfe oorgenommcn unb beenbigt roirb. ©S ift auch unergeb= 
lieh, wann fcglieglicg bie ooHftänbige ^erfteEung ber ©trage 
ober ©tragenftrecfe burch Pflafterung, ©hauffierung :c., ju 
roeld^cn 2lufroenbungen ber ©emeinbe bie Anlieger nidht burch 
©tatut beitragspflichtig gemacht roerben föitnen, gefdjieht. Unb 
inSbefonbere ift auch nicht entfdgeibenb, in welchem 3eüpunfte 
feitenS ber ©emeinbebehörbe bie Umlage beS ülufroaitbs für bie 
©runbflächenerroerbung, bejro. auch bie Planierung auf bie 9lro 

1) Bergt. nud) ba§ ju § 15 beS preufj. giud)tliniengefefce8 in Betreff 
beä SRedjtSoerfjältniffe« jroifcfjen Ääufer unb Serfäufer ergangene Urteil 
bei 9ieid)§gend)tB vom 30. Siooember 1892. Sntjdf. Bb. 30 3. 234. 


Digitized by Google 



3u 91 rt. 15 9lbf. 1 ber Sauorbnung ic. 


361 


lieget erfolgt; oon ber sunt belieben ber ©emeinbebebörbe 
ftebenben 2ßabl be3 3ettpunft3 für bie Umlage fann nach ber 
Slbficbt be3 ©efefceö unb beS Statute ber 3eitpunft ber <5nt= 
ftebung unb ber Umfang ber Verpflichtungen ber einzelnen 2ln= 
lieget nicht abbängen. Vielmehr beftimmt ftd) auch in bern 
oorauSgefejjten gaHe baS 3ßaft ber Verpflichtung nur nach ber 
Frontlänge be§ ©ebäubeä nebft baju gehörigem ^ofrautn unb 
©arten, roie fie bei Veginn ber Errichtung beS ©ebäubeä an 
ber profeftierten unb nun angelegten ©trafje oorbanben mar; 
unb eä mürbe auch bie Verpflichtung nicht oerminbert, 
menn jur 3eit ber Errichtung be§ ©ebäubeä ber baju gehörige 
©arten größer geroefen unb bentacb ein £eil batton (ber ju= 
nächft unbebaut bleiben tonnte) wegoeräujjert worben wäre *). 
3m oorliegenben FaHe bat ber ated/tSoorgänger ber Veflagten, 
SBertmeifter 3ßaper, am 12. 2lpril 1889 bie oberamtliche ©e= 
nebmigung jur Erbauung beä Kaufes, ba§ burdb ben Haufoer= 
trag oom 19. atooetnber 1889 auf bie Veflagte übergegangen 
ift, erbalten, nadjbem bereite bie tlagenbe ©tabtgemeinbe betn 
©ärtner 3tapp bie für bie ftabtbauplanmäfjige Verlängerung 
ber ^eugenftrafee oon ber parjeEe 939/4 erforberlicbe ©runb= 
fläche burcb ben Vertrag oom 27. Vooember 1888 abgefauft 
batte, wogegen bie tlagenbe ©tabtgemeinbe bem Kaufmann 
IRubolpb unb bem Väder ©djeuerle bie jur Verlängerung ber 
Ijeugenftrafje oon ber ParjeEe 942/2 mit 1 a 43 qm erfor= 
berlicbe ©runbfläche erft am 9. aiooetnber 1891 abgefauft unb 
fobann bie oerlängerte ©trecfe ber ^eugenftrafee im Etatjahr 
1891/92 burd) Planierung, Pflafterung unb Ebauffierung ooE= 
ftänbig bergefteEt bat. 3a ber 3 e tt/ als aßaper baS ©ebäube 
9tr. 101/75 errichtete, batte baäfelbe famt baju gehörigem §of= 
raum unb ©arten (Parj. 939/12) unbeftrittenermafjen nur bie 
Frontlänge, für welche bie Klägerin ben Vetrag be3 Vertrags 
SU ben Höften ber ©runberwerbung für bie oerlängerte ©trafjew 
ftrecfe auf 89 3)t. 67 Pf. berechnet bat. 

(DaS ateicbägericbt bat in bem oben erwähnten Urteil su 

1) Sgl. ai$ griebri^ä a. a. D. 6. 140 unb ;>reu)s. SernMSIatt 
1894/95 ©. 162 f. 

3a$rbü$er für SBUrttcmberg. SHechtöpflege. VIII. 3. 24 


Digitized by Google 



362 


©ntfcfjeibungen beS Sern>altungageric$t4(jof3. 


§ 15 beä preujj. fjlud&tliniertgefe^c^ bahingeftetlt gelaffe», ob 
bie Verpflichtung jur VeitragSleiftung gegen ben fpäteren @igen= 
tfimer all folgen geltenb gemalt werben fönne; oon bem 
preujjifdpen Dberoerwaltungägeridpt wirb bie binglicpe 3latur 
bet Verpflichtung anerfannt '). 2lucp put fiep ju bem Slrt. 9 

, a . . _ 20 . gebruar 1868 . , . , 

be# babifdpen ©efepe-S oom 3 3 Rfira 1880 

VerwaltungSgeridptSpof in ähnlichem ©inne auSgefprodpen *). 
Qm oorliegenben $alle ift, ba bie Veflagte in erfter 3nftanj 
bie Verpflichtung $u Vejaplung beä Vetrag$ oon 89 3)1. 67 Vf- 
anerfannt pat, bie ©ntfc^eibung bei Verwaltungigeridptähofä 
barüber nic^t mehr oeranlafjt, ob auch bem Slrt. 15 ber Vau= 
orbnung unb folgeweife ben §§ 6 unb 7 be3 DrtSbauftatutö 
oon ©münb fiep entnehmen läfct, bafj bie in ber Vetfon be3 
SJlaper entftanbene, wenn auch ju beffen Veftfoeit nodh nicpt 
in ihrem Vetrage feftftehenbe unb noch nicht fällig geworbene 
Veitragäoerpflichtung gegen bie Veflagte an fich als binglicpe 
Saft ber VurjeHe 3lr. 101/75 flageweife geltenb gemacht wer- 
ben fönnte unb ob etwa bie öffentlichrechtliche Verpflichtung 
trop ber binglichen ©igenfdpaft nicht geltenb gemacht werben 
fönnte, wenn, worüber bie Klägerin eine Vefjauptung nicpt auf* 
gefteHt hat, bie SBaprung be 8 binglichen 2lnfprudp3 burdp @in= 
trag in ben öffentlichen Vüchern nicht erfolgt ift. 3ebenfaH3 
ift ein rechtlicher Slnfprudp ber flagenben ©tabtgemeinbe gegen 
bie Veflagte auf Vejaplung ber weiteren 802 3)1. 50 Vf- bar= 
auä nicpt abjuleiten, bafj, wie flägerifdperfeits geltenb gemacht 
wirb, bie Veflagte bur<h ben Vertrag oom 21 . 3)lärs 1891 
bie VarjeHe 939/13 3 U ben VarjeHen 101/75 unb 939/12 hin-' 
juerworben hat, in ber Äaufoertragäurfunbe unb ber 3Tle&* 
urfunbe bie pinjugefaufte Varjelle al3 Sufigarten bejeidpnet ift 
unb bie pinjugefaufte Varjelle bie aus bem oon ber Klägerin 
oorgelegten Vlan . - - erficptUcpe görtnerifcpe Anlage unb an 

1) Sgl. fJrriebridjS a. a. D. ©. 148 ff. unb Serroaltungöblatt 1894/95 
S. 310. 

2) Sgl. Secptfvrecpung beS babifdjen Serroaltitng8gerid)tSf)of3 1864/90 
©. 622. 


Digitized by Google 



3u ärt. 15 ä6f. 1 bet SBauorbnung ic. 363 

ber |>eugenftraj3e bie ©infaffung mit einem fteinernen ©odel 
unb einem eifernen 3««« erhalten h<ü. ®iefe gärtnerifdie 2ln= 
läge läfit atterbingg ben Schluß $u, bajj bet hinpgefaufte 
©arten 3ubehörbe ber $arjette 3tr. 101/75 geworben ift. 2lHein 
eine weitergeljenbe SSeitraggpflicbt ber Seflagten ift f)ieburdf) 
nicht begrünbet roorben. 2Bäre feiner 3«t nicht blofj bie Straffen; 
grunbfläche oon ber fparjette 939/4, fonbern auch bie ©trajjen= 
grunbfläche oon ber Sparjette 942/2 oon ber ©tabtgemeinbe 
erworben worben, beoor im 3at)r 1889 ber SBerlmeifter 9Jtai)er 
mit ber ©rricbiung beg ©ebäubeg 9lr. 101/75 auf ber ^SarjeUe 
939/12 begonnen fiat, fo würbe eg für bie Söemejfung beg 2bt= 
liegerbeitragg bei ber Frontlänge beg ©ebäubeg 9tr. 101/75 
nebft ißar jette 939/12 oerbleiben. ®er ttJtaffftab für bie 33e= 
redfnung beg SHnliegerbeitragg wirb aber baburd) Jein anberer, 
bajj bie Slufwenbung für bie ©rwerbung bet ©traffengrunb; 
fläche oon ber fßar jette 942/2 erft nach ber ©rricfjtung beg 
©ebäubeg 9tr. 101/75 gemalt worben ift, wenn auch ju ber 
3eit, alg biefer weitere Sinfwanb mit bem ßaufoertrag oom 
9. SRooember 1891 gemalt würbe, bem oon ber ©eflagten ju 
ifirem £aufe binjugefauften ©arten bie ©igenfc^aft einer 3 U; 
behörbe ju bem ©ebäube 9lr. 101/75 burdj bie gärtnerifdie 2ln= 
läge bereits gegeben war, wie in biefer Snftanj oon ber Älä= 
gerin behauptet unb oon ber Seflagten anerfannt worben ift. 
©ine weitere 93eitraggpfüd>t entfteht für bie Söeflagte ober ben 
fpäteren ©igentümer ber SßarjeHe 939/13 erft bann, wenn auf 
berfelben ein ©ebäube errichtet werben wirb. 

Urteil oom 1. 2tpril 1896 in ber Serufunggfacbe ber 
SBitwe 2/herefe o. 2luer in ©münb gegen bie ©tabtge; 
meitibe ©münb. 


24* 


Digitized by Google 



364 


Sntfdjfibungen bei SerroaltungSgeric^W^ofd. 


10 . 

3u Htt. 15 Hbf. 1 ber fauorimung. Streit über bie Pcrpflidlj= 
tuttg jur § eiftung eines Stra^enhofirnbeitrags ; Hufredjtiung einer 
(Segenforberung (§ 274 

2>a3 non ben bürgerlichen Äottegien am 10. 3Kärj 1875 
befd/loffene unb non bem R. SJtinifterium be3 Innern am 
16. ÜJlärs 1875 genehmigte (ältere) DrtSbauftatut für bie ©tabt 
©öppingen, meld/eS am 15. 3lpril 1875 in ßraft getreten ift, 
beftimmt in § 4 ju 2lrt. 15 ber Vauorbnung: ber 2ln= 

legung einer neuen ober bei ber Verlängerung einer beftet>en= 
ben Vauftrafje h^ben bie angrenjenben ©runbeigentümer ben 
Slufroanb für bie ©rroerbung ber jur ©tra&e notroenbigen 
©runbfläthe je auf bie Hälfte ber ©trafjenbreite ju tragen ober 
ju erfefcen, fobalb auf ihren ©ruubftüden ©ebäube errietet 
werben. 

®er Anteil jebe£ ©runbeigentümer^ roitb na<h ber $ront= 
länge be3 ju errichtenben Vorber= ober ^intergebäubel nebft 
baju gehörigem £>ofraunt unb .gauägarten unb jroar an gerab= 
lütigen Strafen rechtrointlig, an gebogenen ©troffen oon Nor- 
male ju Vormale bemeffen. Sin ben ©den ber ©tragen hoben 
bie angrenjenben ©runbeigentümer bie angegebene Verpflichtung 
hinfichtlich fämtlicher baS ©dgebäube berührenben ©tragen . . . .; 
bagegen finb bie Äoften ber ©rroerbung unb Panierung ber 
in ber üttitte ber ©traffentreujung übrig bleibenben glädje 
ohne ©rfafj »on ber ©emeinbe ju tragen." 

Qm 3lpril 1*882 reichte ber Vetlagte 3Jt. SJiarp bei bem 
©emeinberat ©öppingen ein ©efud) um ©rbauung eines 2Bohm 
häufet unb £intergeböubeS (©tall= unb VemifegebäubeS) auf 
ber in feinem ©igentum befinblichen ^ar^etle 906/5 an ber 
©de ber giegelftrafje unb ber oerlängerten oberen greihofftrajfe 
in ©öppingen, roelch’ leitete ©trafje auf biefer ©trede barnalS 
noch nid)t eröffnet mar, ein. ®iefe3 Vaugefuch mürbe unter 
ben oom ©emeinberat beantragten Vauoorfchriften, roelche unter 
3iff. 14 beftimmen: „ber oot ber Vaulinie befinbliche Straffem 


Digitized by Google 



3u Srt 15 äbf. 1 bet Sauorbnung je. 365 

plaß, foroof)l in ber 3ie0«lftraf3e, als ber oberen nerlängerten 
greifioffiraße, ift auf Sängen bet ©ebäube unb beS .gofraumS 
ber Stabtgemeinbe sur Anlegung ber Straße unentgeltlich ju 
überlaffett", non bem Oberamt ©öppingen am 21. 2lprit 1882 
genehmigt unb foldtjeS bem Seflagten am barauffolgenben £ag 
unterfdhriftlidh eröffnet. 

3 nt 3 at>r i 89 Q rour i,e bie ©röffnung ber nerlängerten 
oberen grcitjofftraße befcßloffen unb 311 m 3 roecf Anlegung 
biefer Straße non ber Stabtgemeinbe ©öppingen burdß Ver- 
trag nom 16. 3)e$ember 1890 bem SOßirt ©eorg Sdbocf bafelbft 
ber in bem |janbriß unb ber 9Jteßurfunbe 00 m 30. ®ejember 
1882 als ißarjelle 906/7 bejeidjnete, 31 t ber auf ber Seite beS 
StmnefenS beS Seflagten gelegenen Hälfte ber Straßenbreite 
geprenbe Straßenplaß im 9J?efege^alt non 48 qm um ben 
IßreiS non 373,68 3)t. abgefauft. 2luf ©rfaß biefeS SetragS, 
roorait übrigem* bie Stabtgemeinbe ©öppingen ju ©unften beS 
33ef(agten für bie non biefetn jur 3 iegclftra§e unb nerlänger* 
ten oberen f^rei^offtrafee abgetretenen, in bie Straßen: 
freujung fallenben glädßen im aJlejgge^alt uon 153 a^uß 
gemäß § 4 2Ibf. 3 beS OrtSbauftatutS 70 $f. für ben 3 U= 
famnien 107,10 9)t., in 2lbjug braute, unb ber Äoften jenes 
ÄaufnertragS mit 8,68 2)t. tourbe nun ber Seflagte non ber 
Stabtgemeinbe ©öppingen in 2lnfprucb genommen. ®a ber 
93eflagte feine ©rfaßnerbinblidbfeit beftritt, erhob bie Stabtge- 
meinbe bei ber Ä. Ütegierung für ben $>onaufreiS ftlage auf 
©eja^lung non 275,26 5Dt. nebft 3i n f cn (jietauS ju 5°/o non 
ber ÄlagjufteHung, bem 22. gebruar 1894, an. ®er ©eflagte 
beftritt biefen 2 lnfprucß ber Klägerin, rneit ißm burdj bie 3 iff- 14 
ber Saunorfcßriften nur bie 93erpfIidE)tung auferlegt roorben fei, 
bie i ß in geßörenben Straßenpläße an ber 3 iegelftraße unb 
ber nerlängerten oberen greißofftraße ber Klägerin unentgelt= 
lidb 311 überlaffen, unb infofern bie bem SSeflagteit aus 2 Inlaß 
ber 2Xntegung ber teßtern Straße nacß § 4 beS OrtSbauftatutS 
obliegenbe ilerbinblicßfeit eine Slbänberung erlitten habe. Sollte 
jebocf» bie Klägerin jeßt ihren ©rfaßanfprucß auf biefen § 4 
ftüßen, fo fompenfiere ber Seflagte mit einer Grfaßforberung 


Digitized by Google 



366 


@ntfdjeibun<jen beö $erroaUuugSgerid}täf)of$. 


non 600 SOI. für ben oon ihm bet Hlägerin abgetretenen 
©trafjenplah an bet Siegel ft rafse. ®iefe fei nämlidj fd)on 
jur 3®it beS QnfrafttretenS beS DrtSbauftatutS eine SBauftrafje 
geroefen unb eS finbe baher baS teuere auf biefelbe feine 2tn- 
roenbung, nielmehr fei ber Seflagte berechtigt, ben SBert jenes 
©trafjenplaheS non ber Klägerin erfefet ju »erlangen. Qn bet 
münblidfjen SSerhanblung machte ber Seflagte weiter bie Gin= 
roenbung gettenb, bafj ber 2lnfprud> ber Klägerin nerfrübt 
erhoben fei, fofern baS ©tallgebäube Dir. 17 A als |)interge= 
bäubejubem an bet Sießeiftrafje erfteltten SBohngebäube 
Dir. 17 anjufehen fei unb eine 3ubehörbe ju bemfelben hübe, 
wogegen bie ©tredfe non ber norböftlid»en @cfe beS SBohnge-- 
bäubeS beS Seflagten bis jur ©renje gegen baS ©igentum beS 
©dhoef thatfädhlid) noch nicht überbaut fei. 

Surdj Urteil ber HreiSregierung noni 11. Oiooember 1895 
rourbe erfannt: 

1. ®er 33eflagte ift fdhulbig, ber Klägerin bie ©umme 
non 275,26 30i. HauffchtUing für bie ©rroerbung ber jur 33er- 
Iängerung ber oberen greihofftrafee in ©öppingen erforberlidjen, 
nicht im ©igeiitum beS 33eflagten befinblidhen s $arjeHe 9lr. 906/7 
nebft 5°/o 3in3 oom 22. gebruat 1894 als bem £ag ber Slag= 
juftellung ab ju bejahten ; mit ber auf bie Serroenbung eines 
im ©igentum beS 93eflagten geftanbenen Areals an ber Siegel- 
ftrafje jur Anlegung biefer ledern ©trafce geftüfcten ®egen= 
forberung, burch welche ber Seflagte ben flägetifchen 2Infprucb 
fompenfteren will, wirb ber SBeflagte auf ben 2Beg abgeforo 
berter Hlaganftellung nerroiefen. 

2. ®er 33eflagte hat bie Höften beS Streites ju tragen. 

Sluf bie Berufung beS 33eflagten unb bie non ber ÄlcU 

gerin erflärte Dlrtfdhlie^ung an bie Berufung rourbe non bem 
H. SSerroaltungSgeridhtShof biefes Urteil, foroeit burdj baSfelbe 
ber Seflagte mit ber non ihm gegen bie forberung ber Hlä= 
gerin aufgerechneten ©egenforberung auf ben 2Beg abgeforo 
berter Hlaganftellung nerroiefen roorben war, abgeänbert unb 
erfannt: ®er Seflagte hat ber Hlägerin bie ©umme non 
275 30t. 26 5ßf. nebft Sinfen hi erau3 5 U 5 °/° oom 22 - S e ^ ruat 


Digitized by Google 



3u 9lrt. 15 afef. 1 ber Sauorbnung ic. 367 

1894 an p bejahen unb bie Sofien beiber 3nftan$en p 
tragen. 

Sluä ben © rünben: 

1. ®ev 21rt. 15 ber Sauorbnung finbet, rote mit 3Hä<ffrd^t 
auf ben 3»»ed feiner SBeftimmung, feinen 3ufatnmen^ang mit 
2lrt. 13 unb ben 3n|)alt ber SDtotine anpnelpnen ift, Stitroen- 
bung nidfjt bloj?, wenn an einer neu angelegten ®aufirafje ober 
33auftrafjenftrede, fonbern auc§ roenn an einer im OrtSbauplan 
erft »orgefetjenen Sauftrafje ober Sauftrafjenftrede non bem 
angrenjenbctt ©igentümer nacl) bem Qnfrafttreten be3 Drt3bau= 
ftatutö ein ©ebäube erridEjtet unb biefe Sauftrajje ober 23au= 
ftrafjenftrede nadlet non ber ©etneinbe auf iljre Soften am 
gelegt roirb. $n biefem Sinn ift in ©rmanglung einer ab= 
roeidjenben Seftimmung aud) ber p 2lrt. 15 ber Sauorbnung 
erfaffene § 4 beä int norliegenben gall pr Slnroenbung fom= 
menben ©öppinger DrtSbauftatutä nom 16. 3)tär§/15. Slpril 
1875 p oerfte^en. 

3)er Setlagte Ijat nun im 3a§r 1882 an ber ©de ber 
3iegek unb ber nerlängerten oberen greifiofftrafje in ©öppingen 
ein SBolinfiauä unb ein ^intergebäube errietet. Unbeftritten 
ift, baj? bamats bie Streife ber (extern Strafe, an roeld&er 
baä Sauroefen be3 SeElagten liegt, in bem Ortöbauplan non 
©öppingen norgefeljen geroefeit, aber beren Eröffnung, b. f). 
beren ülnlegung als Söauftrafje erft im Sfaljr 1890 befd&loffett 
unb non ber Klägerin prn 3roed ber ^erftellung biefer Straffem 
ftrede im gleichen 3a£)r bem SBirt ©eorg Sdfjod in ©öppingen 
non beffen ©runbftüd ^ar^elle 906/7 eine gläd^e im 3JfeBge- 
f>alt non 48 qm um 373,68 5D?. abgefauft roorben ift. 3 >a 
biefe $läd>e in bie auf ber Seite beä 3lnroefen§ bes Seflagten 
gelegene Hälfte ber SBreite jener Strajjenftrede entfäHt, fo ift 
bie SSerpflic^tung be3 iöetlagten pr ©rftattung ber ßoften ber 
©rroerbung jener gläd&e naä) § 4 beä Drt^bauftatutä an fidf) 
begrünbet. 

2. ®er ©eflagte fiält nun aber ber au$ § 4 beS Drt3= 
bauftatutä abgeleiteten ©rfafcnerbinbtidfdeit bie ©intoenbung ent= 
gegen, baff bei ber ©rridtjtung feines Sautuefenl im Qaljr 1882 


Digitized by Google 



368 


©ntfdjeibungen beä Serroaltungägerid^tg^ofä. 


ihm nach beu oom ©emeinberat ©öppingen beantragten unb 
oon bem bortigen Dberamt genehmigten ©auoorfchriften bie 
©erpflichtung auferlegt worben fei, ben oor bett ©aulinien 
befinblichen ©trahenplajj an ber giegelfirahe unb an ber oer= 
längerten oberen greihofftraffe auf Sänge ber ©ebäube unb beS 
£ofraumS ber ©tabtgemeinbe jur Anlegung ber ©tragen un= 
entgeltlich ju überlaffen, unb bah hieburcb bie ©eftimmung beS 
§ 4 beS OrtSbauftatutS ihm gegenüber bahin abgeänbert wor= 
ben fei, bah er bie oor feinem Slnwefen gelegene, jur .^erfteHung 
jener ©trahen erforberlic^e ©runbflädhe nur, foweit foldje in 
feinem (Eigentum ftehe, ber Klägerin unentgeltlich ju über= 
laffen ^abc. 

35er ©inn ber ©eftimmung beS 2lrt. 15 ber ©auorbnung 
ift, bah burch baS Statut bie angrenjenben (Eigentümer jurn 
(Erfah beS oon ber ©emeinbe ju machenben 2lufwanbS attge* 
halten roerben, foioeit fie nicht in ber Sage finb, eine ihnen 
bereits gehörige ©runbfläche an bie ©emeinbe abjutreten, ober 
oorjiehen, bie (Erwerbung behufs ber Abtretung an bie ©e= 
meinbe felbft unb aus eigenen -Kitteln in bie £anb ju nehmen. 
35etngentäh fonnte auch auf ©ruitb beS § 4 beS ©öppinger 
DrtSbauftatutS oon ber ©emeinbe bem ©eflagten nicht roiber 
feinen SBiHen angefonnen werben, bie jur Anlegung ber ©trafje 
erforberliche ©runbfläche, welche im (Eigentum eines ©ritten 
ftanb, oon biefem behufs ber unentgeltlichen Abtretung an bie 
Klägerin ju erwerben, wie benn auch eine 3mangSenteignung 
nur ju ©unften ber Klägerin als öffentlicher Korporation nach 
§ 30 ©erf.=llrf. hätte in grage fomrnen fönnen unb auch feit 
ber ©rlaffung beS ©efefceS oom 20. Sejember 1888 nur ju 
©unften ber ©emeinbe als Unternehmerin in fttaQe fomrnen 
fönnte. (ES war alfo junächft ©ache ber Klägerin, bie nicht im 
(Eigentum beS angrenjenben ©runbbefihers befinblicfie ©trahem 
fläche oon bereit (Eigentümer ju erwerben unb oon bem ©e= 
flagtett (Erfah ju beanfpruchett. $ie angeführte ©auoorfchrift 
fönnte bähet bahin oerftanben werben, bah fie nur bie unent-- 
geltlidje Abtretung ber bem ©eflagten gehörigen ©trahenffäölie, 
woju biefer nach § 4 beS DrtSbauftatutS oerpflichtet war, im 


Digitized by Google 



3u ärt. 15 9tbf. 1 bec 'Bauorbnung ic. 


369 


2luge f)abe. gür biefe 2lu$Ieguitg ließe ficb audj anfüf>ren, bafj 
bie bem 23eflagten gehörige ©trafeenffädfe, roie fte jur 3ieg el= 
ftrafje unb greifjofftra&e nad) ber am 30. $)ejember 1882 ge= 
fertigten ■D'ie&urfunbe erfotberlicf) mar, oon bem ©üterbudi£= 
beamten tltapp ber ©tabtgemeinbe fdjon auf ben 1. Stprit 1883 
jugefcffrieben rourbe, obroofil ju biefer 3eit bie |>erftettung ber 
greitjofftrafje nodf nid&t in 2lu3ficf)t ftanb. 

(5$ Ijat jebocb ber Seflagte ben iljm obliegenbcn Seroeis 
nic()t geführt, baff bie 2fnroenbung ber orbsbauftatutarifdben 
Sorfcfcrift butd) einen non ber Klägerin mit bem Seflagten ab= 
gefdbloffenen Vertrag ausgefd)toffen roorben fei. 2Bie aus bem 

©emeinberabSprotofott ju erfejfen ift, fiat ber ©emeinbe= 

rat ©öppingen jum 3roecf ber ©rbreiterung ber 3iegelftrafie 
mit mehreren angrenjenben ©runbeigentiimern Verträge über 
2lbtretung ber erforbetlidien 6tra§enflädf)e abgefdjloffen, roorin 
unjroeibeutig au^gebrücft ift, baff auf biefe ©ruubeigentiimer 
unb ijfre 9ted)t§nacf)folger, roenn auf beren ©runbftüden ©ebäube 
errietet roerben, ber § 4 bcS DrtSbauftatutS nicf)t anjuroenben 
fei. dagegen ift in ber ©rteilung ber Sauoorfcbrift an ben 
Seflagten eine gleichartige oertragSmäfiige 2lbntadbung nicht jum 
2fu*Sbrucf gefotnmen. ©S ift aud) bie Sauoorfdfrift non bem 
©emeinberat nur oorgefditagen unb non bem Dberamt erteilt 
roorben, bem gegenüber oon bem ©emeinberat in feiner SBeife 
erfiäjtlid) gemalt roorben mar, baß bem Seflagten eine anbere, 
alss bie ortsbauftatutarifcfie Serpflidhtung angefonnen roerben 
motte. ©3 lag aber auch für ben ©emeinberat feine erroeisliche 
Seranlaffung oor, bie bem Seflagten als angrenjenben ©runb= 
eigentümer obliegenbe Verpflichtung oertragSmäfjig abroeichenb 
oon bem § 4 be$ DrtSbauftatutS ju regeln. 

3toar madht in biefer 23ejief)ung ber Seftagte geltenb, baß 
ber an fein Sauroefen angrenjenbe £eil ber 3^9^ftra&e eine 
fcbon jur 3eit be$ QnfrafttretenS be3 DrtSbauftatutS beftehenbe 
Sauftrajje geroefen fei , auf biefe hälfet ber § 4 beS Drtäbau= 
ftatuts feine 2fnroenbung finbe unb ber Seflagte folgeroeife jur 
unentgeltlichen Ueberfaffung bes jur ©rbreiterung biefer ©trage 
erforberlidien 2treal$ an bie Klägerin nicht oerpfTidhtet gemefeit 


Digitized by Google 



370 


©ntfdjeibungen beä Setioaltungageridjtäfyofl. 


fei, roelhalb angenommen roerben muffe, baß bie Klägerin burdj 
bie fragliche Vauoorfcßrift bie Verpflichtung bei Veftagten pr 
anteilmäßigen Tragung ber Äoflen ber ©rroerbung ber pr |>er= 
fteßung ber oerlängerten oberen greihofftraße notroenbigen©runb= 
fläche gegen bie fteimiEige unentgeltliche Abtretung bei pr @r= 
breiterung ber 3iegelftraße erforberlicßen bent SBeflagten ge= 
hörigen Strealö auf bie unentgeltliche Ueberlaffung ber in bie 
greißofftraße fattenben bemVeflagtengehörigen ©runb= 
fläche an bie Klägerin befcßränft habe. 

©oßte nun auch ber Seflagte oon Anfang an bie 23au= 
uorfchrift in biefer Söeife uerflanben fmben, fo ift boch nicht 
erroeillid), baß ber ©emeinberat p einem folgen Slbfommen 
mit bem Veflagten fidj oeranlaßt gefeßen tjat, geßhmeige benn 
neranlaßt feßen mußte. Merbingl ha* ber 2lrt. 15 ber Vau= 
orbnung unb ber § 4 bei ©öppinger Drtlbauftatutl non 1875 
feine rücfroirfenbe Äraft. £ätte jener Seil ber 3iC9 e If ltra 6 e 
fdjon nor bem Qnfrafttreteu bei Drtlbauftatutl all angelegte 
Vauftraße ober Vauftraßenftrecfe beftanben, fo mürbe hierauf 
ber 2lrt. 15 ber Vauorbnung unb ber §4 bei Drtlbauftatutl 
nicht anproenben fein, ba, roie fidh aul ber Raffung bei 3lr= 
tifell unb aul ben 2Jtotioen p bemfelben *) ergiebt, bie ®e= 
feßelbeftimmung nur auf neue, b. h- crft nach ber äßirffamfeit 
bei Drtlbauftatutl angelegte Drtl-Sauftraßen, bejm. Drtl=Vam 
ftraßenftreden fich be§teht-3nöbefonbere mürbe ein in ber Kammer 
ber 3lbgeorbneten gefteBter Eintrag, bie Slnroenbbarfeit biefel 
Slrtifell auch im §aß ber ©rbreiterung einer Straße aulp; 
fprechen, abgelehnt s ). 

®er SCeil ber 3iegelftraße, roelcher hier in Vetraöht fomrnt, 
mar jebocß sur 3eit bei Qnfrafttretenl bei Drtlbauftatutl 
feinelmegl eine bereitl angelegte Drtl=Vauftraße im Sinn bei 

2lrt. 15 ber Vauorbnung (5Die Slulführung hierüber bleibt 

hier roeg.) 

©I lag baher für ben ©emeinberat fein Stalaß nor, bei 
bem ülntrag auf ©rteilung ber Vaunorfchriften für bie @rrich= 

]) SHfcer, Sauorbnung S. 187. 

2) »ifcer a. a. D. ©. 191. 


Digitized by Google 



3u Slrt. 15 Stbf. 1 bet Sauor&nung »c. 


371 


tung beS PauwefenS beä Peflagten bejüglid» ber bemfelben bei 
ber Anlegung ber 3 ^ 8 * 1 = unb b« verlängerten oberen grei= 
bofftra^c nach § 4 be£ DrtSbauftatutS obliegenben Perpflidh= 
tungen oon biefem Paragraphen abweidhenbe Pefiimmungen ju 
treffen. @S ift auch ttirgenbS erfidhtlidh, baff ber ©emeinberat 
bejüglid) ber grage, ob ber in Petradfjt fommenbe 5Ceil ber 
3 iegelftrafje eine bereit« angelegte Pauftrafje fei, audh nur im 
3ioeifet getoefen fei. Vielmehr befagt bie fragliche Pauoorfdhrift 
auSbrücflidh , baff es fidE) bei ber Perpflidhtung beS Peflagten 
um bie „Slnlegung ber ©tröffe" hanbte. $ienadh fehlt ber 
©runb für bie 2 lnnahtne, baff bet ©emeinberat mit ber von 
ihm beantragten Pauoorfdhrift bent Peflagten bloß bie unent; 
gelttiche lleberlajfung beS in feinem ©igentunt befinblidjen SCeil« 
ber ©runbflädhe ber greihofftraffe auferlegen unb jtch nicht an 
bie fiatutarifdhe Porfchrift halten wollte. ®aff ber luSbrucf : 
„überlaffen" in ber Pauoorfdhrift ungenau gefaxt ift, fann bent 
Peflagten jugegeben werben, allein biefe Ungenauigfeit läfft 
fich baburch erflären, baff bie Pauoorfchrift eben nur auSfptadh, 
inwiefern ber Peflagte jebenfaU« bie Soften ber fjerftellung 
ber beiben ©troffen burdh unentgeltliche Abtretung felbft $u 
tragen habe unb oorbehalten blieb, inwiefern er baneben aud) 
Soften ber fjerfteHung ber ©tra§e ber Älägerin ju erfefceit 
habe (fall« er nicht oorjiehen würbe, biefe Soften burdh ©elbfh 
erwerbung unb SBieberabtretung an bie Slägetin ju beftreiten). 
2>ajf auch bie in bie greihofftraffe faüenbe fläche oom Pe= 
flagten ber Slägerin fdbon auf ben 1. Slpril 1883 abgetreten 
würbe, erflärt ftcb barauS, baff bie Planierung, ©hauffierung 
unb Pefd)otterung ber 3 ie 9 c lftvafee in ber StedhnungSperiobe 
1882/84 jur Ausführung gefointnen ift unb es für beibepar= 
teien nahe lag, bie oon bem Peflagten ju leiftenbe Abtretung 
für beibe ©troffen auf einmal ju ooUjiehen. 

|>ienadh fehlt es an bem oon bem Peflagten 3 U erbringen^ 
ben Peweis, baff ber ©emeinberat im 2Beg eines mit bem Pe= 
tlagten abgefdhloffenett PertragS bie ortSbauftatutarifcbe Per= 
pflidhtung beSfelben auf ben ihm gehörigen SCeil ber Straffem 
fläche bergreihofftrafje habe befchränfeit wollen, unb bie Klägerin 


Digitized by Google 



372 ©ntfdjetb ungen beä S5erroaItung8gerid)teijof8. 

ift, roenn audh bem Seflagten bet Srteilung ber Saugenehntig= 
ung eine unooHftänbige (Eröffnung ber ihm nad^ bem Ortlbau* 
ftatut obliegeitben Serpflichtung gemacht roorben ift, nidtjt ge* 
hinbert, nachträglich non bem Seflagten ben ßrfafe bei 2luf= 
roanb! §u beanfptudhen, ben fie für bie (Erwerbung bei ©dhocf’= 
fchen Sreall jur Anlegung ber Freihofftrafje gemacht h fl t- 
3 roar fdhreibt ber § 16 ber barnall in ©eltung geftanbenen 
SoHaiefjungloerfügung oorn 26. ®ejember 1872 au bem 2lrt. 15 
ber Sauorbnung oor, bafj febetit Sauluftigen bei ber (Erteilung 
ber Sauerlaubni! oon ber ©etneinbebeijörbe bie mit bem Se= 
ginn bei Saue! ju erfüUenbe Serbinblichfeit, bejro. ber Setrag 
bei ber ©emeinbe 311 erfefcenben Slufroanb! „foroeit möglich" 
befannt ju madhen fei. Slflein an bie Unterlaffung biefer Se= 
fanntmadhung ift fein Stedhtlnadhteil für bie ©emeinbe gefnüpft, 
ein beftimmter Setrag bei 2lufroanbl, ber ber ©emeinbe er= 
rauch!, roenn ber Seflagte nicht felbft ba! ©dhod’fdhe 2lreal 
erroarb, tonnte auch im Fahr 1882 bem Seflagten nicht aitge-- 
geben roerben. ^ierau! ergiebt fidh, baff bie oon ber Klägerin 
gegen ben Seflagten auf ©runb bei § 4 bei Ortlbauftatut! 
auf bie Sejahlung ber 373,68 9Jt. jujüglidh 8,68 9)?. Äauf= 
foften, fomit oon 382,36 9Jt., rooran bie Klägerin 107,10 9)t. 
in äbjug bringt, erhobene Forbetung begrünbet ift. 

3. Olme ©runb beftreitet ber Seflagte auch in biefer Fn ; 
ftanj eoentueE bie „FäDigfeit" biefer Forberung, roeil bal hinter 
feinem SBohnhau! errichtete ©taH= unb Sfemifegebäube nidht 
all |jintergebäube im Serhältni! ju ber ^reiljofftrafje anjra 
fehen unb bie ©trede feine! ©runbeigentuml oon ber norböft= 
liehen ©de bei äßolmhaufel bi! jur ©renje be! ©chod’fcben 
©runbeigentuml noch nidht überbaut fei. fDentt nach § 4 be! 
Drtlbauftatut! oon 1875 bemifjt fidh ber Slnteil ber ©runbeigem 
tümer an bem Slufroanb für bie (Erwerbung ber jur ©tröffe 
notroenbigen ©runbflädhe nach ber Frontlänge ber ju errich= 
tenben Sorber= ober ^intergebäube nebft baju gehörigem £of= 
raum unb ^aulgarten unb sroar, raenn ein an mehrere ©tragen 
grenaenber Sauplafc überbaut roirb, nach ben auf bie mehreren 


Digitized by Google 



3u 31 rt. 15 3lbf. 1 ber Sauorbnung tc. 373 

©tragen ju besiegenben Frontlängen ber SSorber^ unb $inter= 
gebäube nebft ba^u gehörigem $ofraum unb fiauSgarten. SRacg 
ber Sage beS bei bem SSogngauS befxnblichen ©artend beS 8e= 
llagten, beffen Frontlänge an bie ©trecfe ber F*eigofftrage, 
äu bereit Anlegung bie Klägerin baS ©cgod’ fege 2lreal erroörben 
gat, angrenjt, unb im £inblicf barauf, bag bie ©artenffäcge 
bem 33eflagten bereite jur 3eit ber ©rbauung feinet 2Bogn= 
gaufeS unb |>intergebäubeS gehört gat, lägt fug bie (Sigenfdjaft 
jenes ©arten! als 3ube^örbe beS SBogngaufeS beS Seflagten 
nid)t toogl bejioeifeln. ^ebenfalls aber ift bas ©taH= unb 9le= 
mifegebäube beSfelben, ba es feine breite ©eite gegen bie 
Freigofftrage fegrt unb mit bem ootliegenben .fjofrautn an biefe 
©trage ftögt, uon melier aus es beit ©ingang unb bie ©in- 
fahrt roie benn auch ber älbftanb jenes ©ebäubeS oon ber 
Freigofftrage Heiner ift, als oon ber 3tegelftrage, famt bem 
■gofrautn als an ber Freigofftrage Gelegen anjufegen. 

^ienath ift ber 2lnfprucg ber Klägerin auf ©rftattung ber 
ftoften ber ©noerbuitg ber sum 3mecf ber Anlegung ber oer^ 
längerten oberen Freigofftrage bem ©cgod abgefauften ©runb= 
fläche nach 9Jtaggabe beS § 4 beS DrtSbauftatutS nicht oerfrüht. 

4. ©er 33eflagte rechnet gegenüber bem Üinfprud) ber Älä= 
gerin auf Sejaglung oon 275,26 2)t. nebft ißrojegjinfen . . . 
eine ©egenforberung oon 600 ÜJl. auf, roelcge igm baburch er= 
toadhfen fei, bag er ben igm gehörigen ©tragenplafc an ber 
3iegelftrage ber Klägerin unentgeltlich abgetreten habe. 

©er oorige dichter gat ben ©eflagten mit biefer ©egern 
forberung, inbem er annahm, bag fie mit ber Älageforberung 
nicht in rechtlichem 3ufammengang ftege unb nur bie 3Serganb= 
lung über bie Forberung jur ©nbentfcgeibung reif fei, in 2ln- 
roenbung beS § 136 ©ioilprojegorbnuitg auf ben 2Beg abgefon= 
berter Jtlaganftellung oerroiefen. 3lucg giegegen hat ber 33e= 
flagte bie Berufung gerichtet unb bie ßtägerin hat ficg ber= 
felben angefcgloffett. ©iefe öefcgtoerbe ift begriinbet. 

3unä<hft hätte ber oorige 9tidgter bei feiner Annahme nach 
§ 274 ©ioilprojegorbnung ein ©eiturteil unter Vorbehalt ber 


Digitized by Google 



374 


CSntfcfjeibungen be8 SenDaItung«geridjtäl|°fS- 


nachträglichen (Sntfdheibung über bie ©inrebe ber Äompenfation 
in b e nt »orliegenben 9ie<htSftreit *) unb unter 9Iu§s 
fe|ung ber ©ntfcheibung im Äoftenpunft erlaffen füllen. ©a3 
Verfahren in erfter Qnftanj leibet baher in biefer 33ejiehung 
an einem wefentlid&en SJfangel. ©ie 3urü<f»erweifung an b a g 
©eridbt erfter ^nftanj ift jebod^ nadt) § 501 ©ioilprojejjorbnung 
nicht geboten unb im »orliegenben gaH nicht erforberlid). 

©er ifkojefibeoollmächtigte ber Klägerin hat im 23erl)anb= 
lungätermin bie 3uftänbigfeit beS 3krwaltungSgeri<htShof3 jur 
©ntfdbeibung über biefe ÄompenfationSeinrebe beftritten unb 
bie 3uftänbigfeit i, e g ©»ilrichterS behauptet, ©ie 3uftänbig= 
feit beS SierwaltungSgerichtShofS jur ©ntfd&eibung über bas 
Seftehen biefer ©egenforberung unb ihre Slufredhttung ift jeboä), 
auch roenti man annimmt, baß bie 33erroaltung3gerid>te nur 
über baS SBefteljen unb bie Slufredhnung im öffentlichen 
9ie<ht begrünbeter ©egenforberungen entfd&eiben fönnen, 
nicht ju beanftanben. ©er Seflagte hat nämlich feine ©egen= 
forberung barauf geftüfct, baff aus § 4 be£ DrtSbauftatutS fich 
für ihn bie uon ber Klägerin behauptete Verpflichtung jur un= 
entgeltlichen Abtretung beS ihm gehörigen 2treatS an ber 3i egek 
ftraße, welche ihm burch bie 3iff- 14 ber 33au»orf<hriften auf= 
erlegt toorben fei, nicht ergeben habe, unb roenn bas 3uftanbe= 
fommen ber Uebereinfunft , baß er burch biefe unentgeltliche 
Abtretung uon bem ©rfaß ber ffoften ber ©rwerbung be£ jur 
Slnlegung ber greihofftrafje erforberlidhen ©<hocff<hen Slreal» 
befreit fei, nicht anerfannt roerbe, er nicht »erpflichtet fei, jenes 
jur 3l«9elfito&e unentgeltlich abgetretene Slreal ber Klägerin 
ju beiaffen, wobei er in ber ©rfenntnis, bafj biefeS Slreal jur 
Slnlegung ber 3i e Ö e lf ir a§c notroenbig gewefen fei unb bleibe 
unb ihm crforberlichenfaHsS auch int Sßeg ber 3n>ang$enteig= 
nung »on ber ©emeinbe entjogen werben fönute, anftatt ber 
3urü<fgabe beS fraglichen SlrealS bie 33ejahlung beS Söerts 
besfelben »erlangt. 33ei ber ©ntfdfjeibung über bie ©egenfor= 
berung beS Veflagten hnnbelt es fidh baher um ben bem ©e= 

1) ^lenapentfdj. be8 Sleid)8gertd)t3 ooiu 10. Spril 1893, Sb. XXXI 
©. 1 ff. ber @ntfc§. 


Digitized by Google 



Streit über SBenüfeung öffentlichen Sf-afferä jc. 375 

biet beS öffentlichen 9tecE)t3 angehörenben ©treitpunft, ob ber 
Beflagte nad) § 4 beö Drtöbauftatutä jur unentgeltlichen 2lb= 
tretung be$ ihm gehörigen Slrealö ber giegelftraße oerpflidhtet 
geroefen fei. ©a biefer ©treitpunft bem oben 9lu3gefül)rten 
jufolge in bejahenbem Sinn ju entfdjeiben ift, fo mar bie auf 
6rfaß beS 2Bert8 jeneä 9lrealö gerichtete ©egenforberung beS 
Besagten, ohne baß eine roeitere Berhattblung über foldje ge= 
boten mar, für unbegrünbet ju erflären unb bie ÄompenfationS* 
einrebe ju oerioerfen 

Urteil »ont 24. 2>uni 1896 in ber BerufungSfache beö 
BiefjhänblerS 2Jtaf Btarp in ©öppingen gegen bie ©tabt- 
gemeinbe ©öppingen. 


11 . 

Streit über PenUtjung öfentlidjen IBajfers (JRedjt ber Itenütjung 
non (Quellen). 

Qn ber BerufungSfadhe be3 Sticßarb SRfimmelin oon Saufen, 
0.=9lmt3 Balingen, unb ©enoffen, Kläger Berufungöfläger, 
gegen bie ©tabtgemeinbe Balingen, Beflagte BerufungSbeflagte, 
Beniißung öffentlichen SSafferS betreffenb, nmrbe bie Berufung 
gegen ba3 bie Älage abroeifettbe Urteil ber Ä. Stegierung für 
ben ©chroarjuialbfreis oom 24. 3J?ai 1895 als unbegrünbet 
junnfgeroiefen. 

91 u 3 ben ©rünben: 

I. ©ie Kläger erheben auf ben ©ruitb ber Behauptung, 
baß bie beiben lintfeitigen Bwflüffe ber ©pad): ber ©binger 
©hülba<h unb ber Sauterbacß, toie bie in ben erfteren ein= 
miinbettben beiben ©tollenquellen unb bie ben letzteren fpei* 
fenben brei Quellbäche — nämlid) bie Sangenthalbadhquelle, 
bie ©ufffteinbrud&queHe unb bie ©h^ r ' n 9 «rfteigquelle einfchließ= 
lid) ber nach ihren Stinnfalen ficf) ßinjiehenben SBafferabern 
unb ©icferungen öffentliche ©etoäffer feien, unb bafi fie jufolge 
ber &eranjiehung biefer ©etoäffer für bie SBafferleitung ber 
Besagten in ber ihnen gemäß unoorbenflidjer Verjährung, 


Digitized by Google 



376 ©ntft^eibungen beS äkn»altung3geri<ht8ljof$- 

bejiehungSroeife Verleihung jufommenben Söaffernufcung an ber 
©padh, einem unbeftritten öffentlichen ©eroäffer, beeinträchtigt 
roerben, ben Slnfprudh, bafj bie Veflagte bie non ihr in baS 
2Berf gefe§te SSafferleitung unterläge unb bie ju biefern 3roecfe 
bienenben Vorrichtungen befeitige. . . . 

II. ®ie fachliche Segitimation ber Äläget ift oon betn in 

ber Itlage eingenommenen ©tanbpunft aus nicht ju beanftanben. 
Äomrnt bem Sauterbadj, bem ©bittger unb ben bereite 

genannten 3“ftüff en berfelben bie ©igenfdhaft öffentlicher Oe- 
n>äffer su unb hat bie Söeflagte an biefen öffentlichen ©eroäffern 
Vorrichtungen getroffen, burch roeldhe biefe ©eroäffer unb ba- 
mit auch baS SBaffer ber ©padb in bem feitfierigen jeweiligen 
Veftanbe jum 9ta<hteil ber Hagenben 2BafferroerfSbefi|3er uet- 
änbert roerben, fo erroädhft hieraus ben Älägern unjroeifelhaft baS 
9te<ht, bie Vefeitigung ber herbeigeführten Störung unb bie ©nt= 
fernung ber biefelbe oermittelnben Veranftaltungen ju oerlangen ] ). 
gür bie rechtliche Veurteilung ift es inSbefonbere unerheblich, 
ob bie fd)äbigenbe Veranftaltung an bem bie SBafferroerfe ber 
Kläger treibenben SBaffer ber ©tjadj felbft ober an ben für 
ben SBafferftanb berfelben mafjgebenben öffentlichen Gebern 
bädhen ber ©padh oorgenomnten roirb a ). 

III. $)ie Kläger finb jeboöf) burch baS Vorgehen ber Ve= 
llagten in einem öffentlichen StuhungSredht nicht beeinträchtigt. 

1. 2BaS junädhft bie ju bem Duettgebiet beS SauterbadhS 
gehörige Sangentljalb a<h = unb £hieringerfteig = 
quelle betrifft, fo h at bie SÖetlagte nach ben oorliegenben 
Situationsplänen, roie nadh bem SlugenfcheinSprotofott oom 
16./17. Vooember 1894.. . behufs Sammlung bes SBafferS 
für ihre SSafferleitung eine Slenberung an ober in bem ©e= 
rinne beS SangenthalbadhS unb ber SEhieringerfteigquelle nicht 
oorgenomnten. gür ben bejeichneten 3 n,e <f roirb oielmehr im 
Sangenthal etroa 150 m oberhalb ber ©inmünbung beS San- 
genthalbachS in ben äauterbach baS 2Baffer aus einer auf ber 

1) 3u ogl. SEBiirtt. 3lrd>io 93b. 18 <5. 100, 101. Sang, $anbbuch 
be§ Sachenrechts, 2. Stuft. II, ©. 9 bei 9t. 8. 

2) 3>* »gl. 1. 2 D de fluminibus 48, 12. 1. 10 § 2 D. de aqua 39,3. 


Digitized by Google 



Streit iiter 'Benützung öffentlichen SBnfferä je. 377 

Hufen ©eite b eS SBafferlaufS etroa 3 m oon biefem entfernt 
angelegten, etroa 15 m langen ©iderung bur<b eine gefdjloffene 
3ementro^rleitung bem DueBfaffungSfdbadbt jugefüljrt, baS Sacb-- 
bett felbft iitbeS lebiglidb burdb bie binburdb geführte ge* 
fdiloffene ^Rohrleitung berührt. gn bem ©ebiet ber Sbieringer* 
fteigquelle aber liegt bie non ber ©eflagten betgefteBte DueB* 
ftube etroa 15 m oon bem fltinnfal beS QueEbadieö felbft 
entfernt. 9la<h ber SarfteEung ber Söeflagten ift auch bie in 
bem 2lugenf<heinSprotofoB com 16./17. Diooembet 1894 er* 
mahnte untere, etroa 4 m in ben gellen eingefprengte DueB* 
ftube ber SufffteinbrudbqueEe oon ibr neu erfteilt unb befinbet 
fich biefelbe außer jebem 3»»fanttnenbang mit ber 3 m roeiter 
oben am Serge ju Sage tretenben früheren SufffteinbrudbqueEe. 
©lögen burdf bie in folget SBeife erfolgte (Srfdbliefjung neuer 
Duellen, bie bisher bie SangentbalbadbqueEe, bie Sbieriitger* 
fteigquelle unb bie SufffteinbrudbqueEe fpeifenben SBafferabern 
unterbunben roorben fein, fo ift Ijiemit eine Serlefcung ber ben 
Klägern auf ben ©runb öffentlichen SHedbtS etroa juftebettben 
©ouberberecbtigung auf Senkung bes SBafferS beS Sangen* 
tbalbacbS, ber SbieringerfteigqueBe unb ber SufffteinbrudbqueEe 
noch feineSroegS gegeben. 2Bie ber K. SerroaltungSgeri<htSb°f 
in ber (SntfdjeiDung oom 31. Dftober 1894 in ber SerufungSfache 
jroifchen ©eorg 2lbam Sog unb ©enoffen oon ©ruibittgen unb 
ben ©h r ift°Ph ^ilfenbecf’f<hen @h c l €U * en non ba 1 ) auSgefprodben 
bat, finb bie unterirbifdjen SBafferabern, burd) bereit 3 u ^ a Ö e= 
treten bie QueBe fid) bilbet, im redbtlidben ©imte nicht ein 
Seil ber DueBe felbft unb mit biefer ein Seil beS burdb bie 
DueBe gebilbeten Saches unb es erftredt fi<h eben barum bie 
Serfügungsbefcbränfung , welcher ber ©igentiimer beä ©runb 
unb SobenS hlnftchtHch einet auf bemfelben entfpringenben 
öffentlich en DueBe unterliegt, nidbt ohne weiteres auf bie 
bie Duelle fpeifenben unterirbifdben 2ßafferabern ; bie Seflagte 
bat baber auch in» oorliegenben gaE lebiglicb oon bem ihr 
eingeräumten fBedbte beS ©runbeigentümerS ©ebraudb gemacht, 

1) 3ajjrbüd)er ber SBürttemb. StecEjtöpflege Söb. 7 ©. 210 ff. 

3a$rBü($ra für ffittrttemberg. Sitc^täpfteße, VIIJ. 3. 25 


Digitized by Google 



378 ©ntfd&etbungen beS SerroaltungägeriditSIjofS. 

wenn fie außerhalb be§ DtinnfalS ber mefjrgencmnten r.uefl* 
bäcfje nach neuen Dueflen groben ließ, oon einem Stecht, roelcheä 
bur<h bie ©igenfdjaft be§ in ben Stinnfaten bisher fließenben 
SBaffer^ al3 öffentlichen ©eroäfferä ben Älägern gegen* 
über nicht in grage gefteßt märe, e§ müßten benn bie Anlieger 
eineä öffentlichen ©eroäfferö ju ©unften ber Inhaber ® on 
öffentlichen 9tu|ung$rechten an bemfelben überhaupt gefeßlich 
gefiinbert fein, über bie ihr ©runbftiicf burchjiehenben, ben 
öffentlichen ©eroäffern Stahrung bringenben äßafferabern frei ju 
oerfügen, mag nicht jutrifft 1 ). Mein auch ganj abgefeljen f)ie- 
oon, ift bie erhobene Älage jebenfaflä barum unbegriinbet, 
roeil ben oon ber ©eflagten angeblich in ih rem Seftanbe ge-- 
minberten, bejielmngäroeife für ihre ßtoecle herangejogenen brei 
Ouellbächen im 33ronnenthaI, nämlich ber £angenthalba<hqueße, 
ber S^hißringcrfteigqtieße unb ber £ufffteinbru<hqueße, roie ben in 
ben ©bingerthalbad) einmünbenben beiben ©toflenqueflen bie 
©igenfchaft öffentlicher ©eroäffer gar nicht jujuerfennen ift. 

SDie Kläger gehen baoon au3, baß nach bent Stömifchen, 
noch h eu ie ' n SBürttemberg geltenben fitecht als öffentliche^ 
©eroäffer jebeg beftänbig fließenbe SEBaffer (aqua profluens) 
}u betrachten fei, ohne Unterfchieb ber ©röße; baß bereits 
in baä fließen geratene^ Queßroaffer nirgenbS portio agri 
genannt roerbe, unb baß e3 eine roißfiirliche, im ©efeß nicht 
begrünbete Annahme fei, bie Duellen oon ben öffentlichen 
©eroäffern au^unehnten, auch biefe oielmehr, roofern fie nur 
regelmäßig (auch im ©omtner) fließen, ju ben öffentlichen ®e* 
roäffern gehören, fo tlein fte jule|t auch fein mögen. SSon biefem 
©tanbpunft aus gelangen bie Kläger ju bern ©rgebniS, baß auch 
bie mehrgenannten Dueßsuflüffe be$ £auterba<h3 unb bie ©tob 
lenqueßen unjroeifelhaft öffentliche ©eroäffer feien unb bie S3e= 
flagte fie in bern oerliehenen Stußungäreöht an bem öffentlichen 
SBaffer ber ©pach unb ihrer 3febenbä<he beeinträchtige, roenn fie 
jene Queß^ußüffe, fo roie gefchehen, „ableite". 3ener ©tanbpunft 
fann inbeffen als ein jutreffenber nicht anerfannt roerben. ®em* 

1) 3u oergl. ©euffert, Slnfpo ®b. 33 9lr. 2 unb ®IÜÄ, Äom= 
mentar, Serie bet ©üd)er 43 unb 44, 4. Xeil ©. 518. 


Digitized by Google 



Streit über ©enütjung öffentlichen SEBafferä ic. 379 

fetben gegenüber ift oor allem geltenb ju machen, ba§ ber Se= 
griff beS öffentlichen ©eroäfferS jroeifelloS weiterhin baS 93or= 
hanbenfein eines bejiimmten ©erinnes, eines ®etts 
unb UferS jur notroenbigen S3orauSfe|ung 2lber aud) 

nach anberer Stichtung hin fteht berfelbe mit ber Sluffaffung 
beS geltcnbcn Stedbts, n>ie folche in fonftanter Stecbtfpredbung 
jur ^errfchaft gelangt ift, im ffiiberfpruch. 

Stach gemeinem beutfefjem Stecht finb nur fc^iffbare unb 
flojjbare ©eroäffer unbebingt öffentlich, roährenb anbere felb- 
ftänbig fliehenbe SSaffer ©egenftanb beS fßrioatreebts fein 
fönnen unb im einjelnen gaH bie faftifchen SSerhältniffe unb 
ber öefifcftanb barüber entfeheiben, ob ein ©eroäffer ju ber 
einen ober anbern Kategorie ju jäljlen ift 8 ). Qn Anlehnung 
an biefen ©tanbpunft hat eS auch bie roürttembergifdhe 9techt= 
fprechung ftetS abgelehnt, alle ftänbig fliefsenben ©eroäffer un= 
bebingt für öffentliche ju erflären, unb es ift jum minbeften 
bie SSefchränfung aufgefteHt roorben, baff fl ein er e ©ä<he 
auch iw ißrioateigentum ber Anlieger fein fönnen 8 ). 33on 
biefer Stuffaffung abjugehen, liegt ein Shilaf) nicht oor. 
SBaS aber inSbefonbete bie auf einem ©runbftiicf ju £age 
tretenben Duellen betrifft, fo ift nach bem beftehenben Siecht 
baran feft^uftalten, baf? ber Eigentümer beS ©runb unb SobenS, 
auf roelchem bie Duelle entfpringt, berechtigt ift, biefe Duelle 
unb baS aus ihr abfliefjenbe SBaffer auSfchliefelich ju benähen, 
baSfelbe gänjtidh ju oerbrauchen, ober Slnbern jur söenühung 
ju überlaffen, fatts nicht bie Eigentümer oon weiter unten lie- 
genben ©runbftücfen ein roohl erroorbeneS Stecht auf ben 2tb- 
flufj ber Duellen jur öeroäfferung ober jum Treiben oon 
SJiühlen ober fonftigen Xriebroerfen haben 4 ). Stur bann follen 
nach einer mehrfach jur ©eltung gefommenen 3tnfid)t aud) 

1) 3u »gl. $ e ff e in 3f)ering8 3ahrbüd^ern Sb. 7 ©. 195 ff., ©. 234 ff. 

2) 3u »gl. ©atro eg, ba8 öffentliche Stecht ic. 1880. ©. 353, 354. 

3) 3“ u 8 l - £<*ng, a. (*• £>• 1 ©• 107 bei 3t. 14, 15 unb bie bor» 
tigen ©itate. 

4) 3 U B 8l- S a it s a. a. D. ©. 163 bei SR. 1, 2 unb bie botiigen ©itate, 
foroie bie ©ntjcfjeibung beä SReidf)3gericl)t$ »om 3. Dttobe* 1884, ©nt-- 
fdjeibungen in ©iDÜfadjen Sb. 12 ©. 183, 184. 

25 * 


Digitized by Google 



380 ©ntfdjetbungen beä SenoaUungSgeri^tS^ofä. 

Quellen als öffentliche ©ewäffer behanbelt werben, wenn fie 
mit folcher SWäditigfeit auS bem ©oben heroortreten, baji fie 
fofort mit biefem heroortreten einen äwifchen Ufern fliefeenben 
©ad) bilben *). |>ieüon auSgegaugen fönnen weber bie Sangen^ 
thalbach- unb bie SthietingerfteigqueHe, noch bie &ufffteinbru<h ; 
quelle, um beren „Ableitung" in bem Quellgebiet beS Sauter= 
bad)S es fi<h allein ^anbelt , als öffentliche ©ewäffer erflärt 
werben. Sßie unter ben Parteien unbeftritten ift, entfpringen 
alle biefe Duetten auf bem ©runb unb ©oben ber ©eineinbe 
iJauttingeu unb führen ihr SSaffet noch innerhalb beS Eigen* 
tumS ber ©emeittbe bem ©ette beS nach ben glurfarten auf 
ber 3Rarfung Döffingen entfpringenben SauterbachS ju, welcher 
nach einem Sauf oon t U ©tunben auf ber 3JlarfungSgren$e 
jwifchen Sautlingen unb Saufen in bie (Spach fi<h ergiefet. ®afj 
biefe Duetten oor ber ^erftettung ber 9BafferoerforgungSantage 
ber ©eflagten bei ihrem Urfptung fofort mit einer ©tüchtig* 
feit aus bem ©oben h^roorgetreten wären, weldhe ihre ©e= 
Zeichnung als fetbftänbige für ben gemeinen ©ebrauch bienliche 
©ä<he rechtfertigen würbe, läßt fich weber ben oorliegenben 
glurfarten, noch ben im Sauf beS JiechtSftreitS an Drt unb 
©teile gemachten Erhebungen entnehmen. |>ienach ift ber Sam 
terbadj, wie er fich fchliefjlich ittt $h a le — ber (Spach ju fyn- 
jieht, baS Ergebnis ber äahlreidjen an ben ©ergwanbungen 
beS ©ronnenthalS heroorquettenben fleinen 3wflüffe unb ©icfe* 
rungen, unb auch, wo biefe Buflüffe unb ©icferungen fich auf 
bem ©runb unb ©oben ber ©eineinbe Sautlingen §u Heineren 
©ächen oereinigen, werben biefe ©ädje eben gebilbet burch baS 
allmählich oon ben oerfchiebenften ©eiten ihnen jugehenbe Quell* 
waffer 2 ). $>ementfpre<henb ift audh in bem ©ericht beS ©tabt* 
fchulthei&enamtS ©alingen an baS Ä. Dberamt bafelbft oom 
23. ©tai 1888 gefagt, offenbar bilbe baS ganje fogenannte 
©ronnenthal in .föufeifenform einen ©ammiet beS an oerfchie- 
beneit ©teilen heroortretenben 2Saf?erS unb ber ©ach (Sauter* 

1) 3u »gl. Sang a. a. O. I ©. 137, 138 unb 91. 4. 

2) 3u »gl. Beitreibung be§ DberamtS Balingen, fjerau§gegeben »on 
bem ftatiftiit>topograp^ifd)en Bureau 1880. ©. 43. 


Digitized by Google 



©treit über Senüfcung öffentlichen SBafferä jc. 381 

bach) zeige bie DJienge im ganzen. . . . SSelch’ geringe Se; 
beutuitg biefen Duettjuflüffen je für fich allein pfomme. 
Zeigt baS ©rgebnis ber am 10. unb 23. $uni 1893 oor ber 
Inangriffnahme ber SBafferoerforgungSanlagen oorgenommenen 
aJleffungen. 

9ia<h ber ÜDleffung beS StrafienbauinfpeftorS -Währten non 
fHottweil lieferte am 10. Quni 1893 bie ßauterbachquefle (ber 
Siauterbach) an bem ©inlauf in bie ©p ach überhaupt 
nur 4,54 1 in ber Sefunbe, toährenb bie ©pad) felbft unmit= 
telbar oberhalb beS ©inlauf S beS £auterbad)S runb 35 1 
in ber Sefunbe führte. . . . Sei ber SlugenfdieinSeinnahme 
am 23. Quni 1893 ergab bie XhieringerfteigqueHe 0,9 1 in 
ber Sefunbe, bie SangenthalbachqueEe 0,45 1 unb bie £uffftein= 
bruchqueEe 1,1 1 in ber Sefunbe, bie ©efamtwaffermenge beS 
SauterbadjS an ber ©inmünbung in bie ©tjad) gemeffen ergab 
3,8 1 in ber Sefunbe, bie ©efamtwaffermenge ber ©pad) ober; 
halb beS ©influffeS beS Sauterbachs gemeffen aber berechnete 
lieh auf runb 38 1 in ber Sefunbe. SBenn nun au<h biefe 
EJfeffungen ju einer 3®it befonberer £ro<fenheit erfolgten, fo 
mar boch auch nach ber Süeujjerung beS Saurats ©hmattn an 
baS Stabtfdhulthei§enamt Satingen oom 25. 3lpril 1894 nach 
ben bis ju biefem 3 e ity un ft gemachten Seobachtungen b e i 
gewöhnlichem EJiittelwafferftanb bie ©efamtergiebig* 
feit ber oon ber Seflagten gefaxten 4 GueEett (barunter auch 
ber hi^ gar nid)t in Setracht fontmenben SteinbrudiioegqueEe) 
nur ju 6—8 Sefunbenliter anzunehmen. . . . Son einer be= 
fonberen SDlächtigfeit ber einzelnen 3“flüffG welche benfelben 
ben ©harafter eigentlicher Sädpe im ©egenfab ju gewöhnlichen 
GueEabflüffen oerliehen hätte, fann baher nicht bie Webe fein. 
®abei ift bezüglich beS erheblichften ber in grage ftehenben 
Buflüjfe, ber XufffteinbruchqueEe, welche nach bem 9lugenfcheinS= 
protofoE oom 16./17. Wooember 1894 in einer ©ntfernung 
oon etwa 130 m linfS oon bem in ber 9ftarfungSfarte eiw 
gezeichneten Urfprung beS SauterbachS ju £age tritt . . . unb 
welche nach bem fd)on erwähnten Serid)t beS Stabtfchultheifjem 
amtS Salingen oom 23. SDJai 1888 ben eigentlichen „Gueflem 


Digitized by Google 



382 ©ntfrtjetbungen b«8 ®erroa[tung8geric§tSf)of$. 

ftocf " bilbete, noch befonberS tiernorju^eben, bah biefelbe nach 
ihrem |>eroortreten aus bem ©oben ein sufammenhängenbeS 
beftimmteS ©erinne nach bem Sauterbach hiu gar nicht befah ; 
nach bem Sßrotofott com 30. ÜJtärj 1896 . . . waren bie lßar= 
leien bariiber einig, bah bie Quelle nach ihrem SluStritt 
aus bem ©ebirg ho<h über Reifen herabftürjenb ihren 2Beg 
unter bem XufffteingeröH hinburch nach bem Seit bes £auter= 
bachs führte, wie benn auch ber ftabtfchultheihenamtliche ©e- 
ridht oom 23. 3Jlai 1888 bemerft, baS SBaffer ber b l o h g t- 
l egten Quelle jerteile fi<h fofort in bem f£ufffteingeröll uub 
fomme mehr ober weniger ftarf gefdjloffen $u Sage. Stuch 
oon biefem ©efidhtSpunfte aus fann fonadh gerabe bie ben 
•§aupt*ufluh beS fiauterbachS bitbenbe Quelle nidht als ein 
öffentliches ©ewäffer betrautet werben. 

®ie heraus für bie ©emeinbe Sautlingen als @igen= 
tiimerin non ©runb unb ©oben abjuleitenbe ©efugniS, über 
bie mehretwähnten QueHabflüffe unb über bie neben benfelben 
einherjiehenben Sicherungen uub SBafferabern fraft ifkioatredits 
frei ju oerfügen, wie bie ©efugniS ber ©eflagten, auf ben ©runb 
ber „Kaufoerträge" oom 15. September 1887/9. 9luguft 1893 
biefe Oueüabflüffe jum 3wecfe ber SBafferoerforgung ber Stabt 
©alingen „abjuleiten", fann auch baburch nicht in grage g e . 
ftellt werben, bah ber Sauterbach, welcher ?u ©unften bet 
Kläger mit ber Söafferpolijeibehörbe unb bem oorigen Stichler 
als öffentliches ©ewäffer betrachtet werben mag, in einem nicht 
unerheblich in baS ©emicht fallenben Umfange eben bur<h ben 
3ufluh ber mehrgenannten Quellen gefpeift, bejiehungSweife 
gebilbet wirb, eine teilweife ober gar oollftänbige Ableitung 
btefer Quellen baher auch für ben ©eftanb bes ßauterbachs 
unb beS benfelben aufnehntenben ©pachflüfechenS beeinträchtig 
genb wirfen fann unb wirten muff. äuS ber bloßen SCJjatfacfae 
allein, bah bie ©emeinbe Sautlingen bisher über bie auf ihrem 
(Eigentum entfpringenben Quellen nicht anberweitig oerfügt, 
fonbern baS aus ihnen abfliefeenbe SBaffer in ben aufgefucf>ten 
unb ftch bilbenben Stinnfalen bem Seit beS Sauterbachs hat 
jufliefeen taffen, folgt noch nid^t, bah biefe ßuflüffe, welche 


Digitized by Google 



Streit übet ©enüfcung öffentlichen SBaffer? ic. 383 

fidf bis ju ihrer Vereinigung mit bem Sauterbach, bejiehungä; 
roeife bis* jur Vilbung be« Bauter b a <h 8 ausfcbliefilicb auf bem 
©igentum ber ©emeinbe hinjogen, bie ©igenfchaft öffentlicher 
©eroäffer angenommen hätten. 9tach bem geltenben Siecht he- 
ftanb aber neben jener Sbatfacbe bie gefehliche VefugniS 
besf Eigentümers beS ©runbftüdES , über bas auf bemfelben 
entforingenbe uitb baS unterirbifcb oorhanbene SBaffer frei ju 
oerfügen, in ungefbhroachtem SWafie fort; einen Stechtsfafj beS 
Inhalts, bafe ju ben öffentlichen ©eroäffern unbebingt auch 
beren Quellen utib Quettjufliiffe geboren, ftellt bas jur 3**1 
beftebenbe Siecht nicht auf 1 2 ). ®ie Kläger hoben roeiter auch 
feinen fonftigen Xitel beS öffentlichen SlechtS anjuführen oer= 
tnodht, traft beffen bie ©emeinbe Sautlingen unb bejiehungS; 
roeife jefft bie Veflagte in bet freien Verfügung über baS 
SBaffer ber SangentbalbacbqueHe, ber XbieringerfteiggueHe unb 
ber Xufffteinbrudbquefle als befchräntt ju betrachten roären. 
©ine folc^e Vefdhränfung ergiebt fid) inSbefonbere nicht aus 
bem Umftanb, bafj nach bem oorgelegten Urteil in bem SledhtS; 
ftreit jroifcben ©onrab oon ®bi er & et 9 unb ber Vürgerfchaft ju 
kaufen aus bem 3abre 1475 bie getreu oon Xbierberg, roel= 
eben bie Drtfchaft Sautlingen ju eigen gehörte *), in ben fahren 
1421 unb 1475 ©djuh unb Sann über ben ßauterbach 
jugefprochen erhielten; ebeitfo roenig oermögen bie Äläger aus 
bem ihnen jufomtnenben ©onbernuhungSredht an bem SBaffer 
ber ©pa<b unb ihrer etroaigen öffentlichen Stebenbäche, mag 
biefeS ©onberrecht auf unoorbenflicher Verjährung ober auf 
ftaatlicher Verleihung beruhen, eine Vefchränfung ber ißrioat-- 
rechtsfphäre ber ©emeittbe Sautlingen ober ber Vetlagten hin* 
fichtlidh ber brei im Streite befinblidben Quettbäche beS Bautet; 
bachS her juleiten, bentt es ift ein anertannter ©ah, bafe burch 
bie Verleihung beS SBaffernuhungSrechtS an einem öffentlichen 

1) 3« »0t- SBürtt Strdfjio Banb 18 <3. 98 ff. unb üegrttnbung }U 
ben §§ 4, 7 beä (Sntrourf? eines preufeifdjen SBaffergefetje? non 1894 
S. 123—126, auef) SBerljanMungen beS 23. beutften QuriftentagS ©b. I 
©. 84, 85. 

2) 3» »gl- Beitreibung beS DberamtS Balingen, cit. ®. 425. 


Digitized by Google 



384 ®ntfd)eibungen beä SernwltungSgettdüäljofä. 

©eroäffer nod) feinegroegg audh ein Siedet an ben ber ©erfü= 
gung fraft ©rioatredjtg unterliegenben Quellen unb QueHju= 
Püffen erteilt roirb unb erteilt roerben fann 1 ). 

2. ®ie oorftetjenb jur Inmenbung gebrauten ©runbfäfcf 
führen auch baju, bie ©igenfchaft ber ©toEenqueEen alg offene; 
lieber ©eroäffer ju »erneinen. . . . 

Urteil »om 20. 2Jtai 1896 in ber ©erufunggfadje jtmioijen 
Sticharb fftümmelin uon Saufen unb ©enoffen unb ber ©iabt= 
gemeinbe Balingen. 


12 . 

Streit Uber bie llaulaft an einer PrUifee. 

3n ber ©erufunggfadhe jroifcben ber ©emeinbe ©ergorte 
(licbelberg), D.2I. ©alro, .Klägerin ©erufunggflägerin, unb bem 
©dbultheifeen unb ©ägmüblebefifser %x. ©rharb non ©njtljal, 
D.2I. lagolb, ©eflagten ©erufungg&eflagten, ©aulaft an einer 
©rücfe betr., rourbe bie ©erufung gegen bag Urteil ber K. 9te= 
gierung für ben ©dhroarsroalbfreig »om 5. Dftober 1894, burcb 
roeldheg bie Klägerin mit ihrer Klage unter ©erfäEung in bie 
Koften abgeroiefen roorbeu mar, jurüdgeroiefen. 

lug ben ©rünben : 

I. @g ift nicht beftritten, bafj ber ©ijinalroeg 9tr. 21 ein 
öffentlicher, ben ©erfebr groifdhen ber ©emeinbe ©ergorte unb 
ben im ©njthal gelegenen Drtfc&aften »erniittelnber 2ßeg ift. 
©g fleht ferner feft, baff biefer ©iäinalroeg unb ingbefonbere 
biejenige ©teEe begfelben, an melier fidj bie ©rücfe befinbet, 
um beren Unterhaltung eg fidh hanbelt, auf ber -Diarfung ber 
©emeinbe ©ergorte liegt. |>ienacb ift auch nach ber Siegel; 
»orfchrift beg § 1 ber SBegorbnung »om 23. Dftober 1808 
unb beg § 2 ber EHinifteriatoerfügung »om 19. 3uni 1828 
bie flägerifcfje ©emeinbe jur Unterhaltung biefeg SBegg unb 
jur ßerfteflung unb Unterhaltung ber erforberlicben ©rüden 
»erpflidhtet. 

1) 3u oetgl. fflürtt. Streit) öanb 1 6. 256 ff., unb S ar ro eg , 3Ko= 
natförift Sb. 17 ©. 211 ff. 


Digitized by Google 



Streit über bie ©culaft an einer Srücfe. 


385 


gür i^re ©ehauptung, baß bem ©eflagten bie öffentlich^ 
rechtliche ©erpflicßtung ber Unterhaltung ber ©rüde obliege, 
bat bie Klägerin bie eine öffentlid^redjtlid^e ©erpflicbtung be= 
grünbenben Xhatfacheu ju behaupten unb ju beweifen. ®ar= 
aus, baß ber über bie ©rüde fü^renbe ©ijinalweg bie Eigen* 
fcßaft eines öffentlichen SBegS hat, folgt übrigens nicht ohne 
weiteres, wie bie Klägerin annimtnt, baß bie ©erpflidhtung jur 
Unterhaltung nur eine öffentlicßrecbtlicbe unb jur Entfärbung 
über bas ©orßanbenfein ber ©erpflichtung nur ber ©erwal* 
tungSridhter juftänbig fein fönne. Unb infofern bie ßlage eoen* 
tueH auf eine ftiüfdjroeigenbe Uebereinfunft jroifchen ber $lä= 
gerin unb ben ©efißoorgängern beS ©eflagten gegriinbet wer* 
ben will, wonach bie Klägerin bie Slenberung am SDlüßlfanal 
ftiUfchweigenb gebulbet, bie Sefißoorgänger beS ©eflagten aber 
bagegen bie ©aulaft au ber ©rüde übernommen hätten . . ., 
wirb ein ö f f e n 1 1 i ch rechtlicher Xitel für bie ©erpflicßtung beS 
©eflagten, worüber nadh 2lrt. 10 3iff- 20 beS ©efegeS oom 
16. SDejeinber 1876 ber ©erwaltungSridjter ju entfdheiben hat, 
nicht geltenb gemacht 

II. £iet>ou abgefehen hat ber Unterrichter mit Stecht bie 
Älage als fachlich unbegriinbet 3 urüdgeroiefeit. 

1. ®ie Klägerin behauptet junäcßit, bie Unterhaltung beS 
aJtiihlfanalS fei barum ©flicht beS ©eflagten, weil bie ©rüde 
eine ©ertinenj beS Äatials fei unb als folcße im Eigentum beS 
Seflagten als Sägmi'tHerS fei. 2ltleiit bie ©rüde ift leine ©er* 
tinenj beS 9JtiihlfanalS. Unter ©ertinenj ober gubehörbe 
eine Sache uerftanben, bie baju beftimmt unb hcrgeric^tet ift, 
um ben 3roeden einer beftimmten anberen Sadhe ju bienen. 
Xie ©rüde bient aber nicht ben 3»ueden beS SRühlfanalS ; ber 
SJtühltanal fann ooHftänbig ohne ©rüde beließen unb feinen 
3wed, baS äBaffer ber 2)tühle abjuleiten, oöUig erfüHeit, auch 
wenn eine ©rüde nicht oorhanben ift. 3)ie ©rüde bient oiel* 
mehr ben 3roeden beS SBegS unb ift ein Xeil beS SBegS, in* 
bem fie bie beiben Ufer beS SJtüßlfanalS oerbinbet. Unb wenn 
auch bie ©rüde ober baS ©rüdenmaterial prioatre<htli<h im 
Eigentum beS SagmüHerS ftünbe (was hier ba^ingefteUt bleibt). 


Digitized by Google 



386 


@ntf<f)eibmiflfn be« 3?ern>aItunfl8gerid)t8ljof8. 


fo folgt fjierauä feine Verpflichtung beä Veflagten, bie 93rücfe 
unterhalten ju muffen. 9tad) allgemeinen 9techt$grunbfä$en ift 
ber ©igentiimer einer Sache nid)t oerpflichtet , fein ©igentum 
ju unterhalten ; er fanit mit bemfelben oerfahren, mie er miH, 
er fann e3 3 erfaHen laffen. Soll ein fßrioatmann al3 ©igen= 
hinter oerpflidhtet fein, fein ©igentuin 3 U unterhalten, fo muß 
ein befonberer ©ruttb hinäufommen, fei e$ ein Vertrag ober 
eine aitbere rethtlerjeugenbe ©hatfaChe. Spejiell läßt fid) fein 
Sa| beä öffentlichen 9iecf)tö naChroeifen, toonadj ber ©igem 
tümer einer Vriicfe fchon megen feinet 6 igeutum<Sredbt$ jut 
Unterhaltung ber Vrücfe oerpflichtet märe. 

2 . ©ie Klägerin trägt roeiter oor: früher habe ein Vrett 
jur lleberbriicfung beS 3JtühlfanalS gebient, mährenb bie guhr= 
merfe burch bie feichte gurt gefahren feien, roeil früher an 
biefer Stelle ber ©fühlfaital nodh nidht burd) dauern eingefaßt 
geroefen fei. ©iefe ÜRauern unb bie Vrücfe feien feiner 3^it 
ohne Einholung einer ©rlaubniä hergefiettt roorben. @3 föitne 
nicht Rechtens fein, baß, roetut ein fprioatbefifcer in feinem 
gntereffe Äaitäle aulege unb ohne Äonjeffion Vriicfen über bie= 
felben auf feine Äoften baue, er bamit öffentlidjredhtlidhe haften 
für eine ©enteinbe fchaffe. 

Mein au$ biefent Vorbringen fann eine öffentlidbrechtlidje 
Verbinblichfeit be§ Veflagten jur Unterhaltung ber Vrücfe nicht 
abgeleitet raerben. ©ie fRicßtigfeit ber SCljatfacöen oorau3ge= 
fe{jt, fönnte fid) barau3 nur bie ißflidht beS Veflagten ergeben, 
bett ohne Srlaubni^ oeränberten früheren $uftanb u»ieberher= 
äufteHcn ober bie SBieberherftellung beleihen 3 U bulben. gn 
ber Vernehmlaffung auf bie Älagfcßrift hat ber Veflagte er= 
flärt, baß er gegen bie SBegnahme ber Vrücfe burcfj bie ®e= 
meinbe feine ©infpradhe erhebe, ©ie VMeberherftellung ber 
gurt ift ni<ht ber ©egenftanb be3 Streite« unb bie Klägerin 
hat 31 t biefem 3 TOe( * e junächfl bie gluß= unb 9Begepolijeibe= 
hörben ansugeljen. 

3. ©ie Klägerin finbet einen roeiteren ©runb für ba$ 
Vefteßen ber behaupteten öffentlicßrechtlicben Verpflichtung beS 
Veflagten barin, baß bie 9ted)t3oorgängerin be$ Veflagten, bie 


Digitized by Google 



©heit übet bie äkulaft an einet Vrficfe. 


387 


SBitroe ftaft oon ©ernäbacf), bejw. ber SRedbtSoorgänger ber= 
felben, Vaut ÜRaier, bie Vrücfe errietet unb baß fowohl bie 
SBitroe ßaft al3 auch i^re ^Rechtsnachfolger bie Vriicfe unter= 
halten hohen; auch ber Veflagte felbft hohe ben fcßabhaft ge« 
roorbenen Velag ber Vrücfe ergänjt. &ieburdE) fabelt bie 9te<ht3= 
oorgänger beS Veflagten unb biefer felbft ihre Verpflichtung 
jur Unterhaltung ber Vrücfe anerfattnt . . . 

©ie ÜRid&tigfeit ber non ber Klägerin behaupteten unb ber 
oon ben außergerichtlich oernommenen Beugen angegebenen 
©hotfacben fann unterfteUt werben ; bennoch folgt hierauf nicht, 
baß bem Veflagten bie behauptete ö f f e n 1 1 i cb rechtliche Ver= 
pftidfltung obliegt, bei ber ber Veflagte oöllig an bie ©teile 
ber an fich unterhaltungSpflichtigen flägerifdhen ©emeinbe träte 
unb bie Verpflichtung beS .Veffagten nicht bloß oon ber ©e= 
meinbe in SBahrnehmung be$ allgemeinen BntereffeS, fonbern 
auch oon ben ©injelnen, toelc^e ben 2 Beg benüßen, geltenb ge= 
macht werben fönnte ’). @S genügt, bavauf hinjuweifen, baß, 
wenn bie 3)iüE)Iebefi^er in ihrem eigenen ^ntereffe bie Vriicfe 
hergeiMt unb unterhalten haben, bo<h nur §aublungen reinen 
VeliebenS, merae facultatis, oorliegen, bie bie SRtthlebefiber 
ebenfogut unterlaffen tonnten unb fönnen, wenn fie es nicht, 
bejm. nicht mehr als in ihrem Qntereffe liegenb finben, bie 
Vriicfe ju erneuern unb 311 unterhalten. @3 fehlt bie Hingabe 
oon ©hotfacßen, aus welchen fi<h ergeben würbe, baß bie aJlii^le= 
befißer im Vewußtfein einer fRechtSpflicht bie ©rbauung unb 
bie Unterhaltung ber Vrücfe oorgenomtnen hohen. 

©ie Verufung ber Klägerin auf un 00 rbenf liehe Ver= 
jährung, foweit ^iemit eine öffentlich rechtliche Verpflichtung 
beS Veffagten geltenb gemacht werben miß, fcheitert auch f<hon 
baran, baß bie Klägerin felbft anführt, wie ber 3 uftanb oor 
ben burch bie fRecßtSoorgänger beS Veffagten oorgenontmenen 
Staublungen ein anberer gewefen fei. Slber auch ein feit bem 
entfta nbene 3 berartigeS lofales Sierfommen, worauf in 

1) Sergt. bie in bem Urteil I. Qnftanj angeführte ©ntfdjeibung bes 
SSerroaltung3gericht§t)ofS »om 1. ®ejember 1886 im Slmtäblatt beS fi. 
SKinifteriumö bes Qnnern S. 407 ff. 


Digitized by Google 



388 


Sntfdieibungen be« $en»aItung3geri$tSI)ofS. 


btefer 3nftanj bie Älägetin fich beruft, ift gänjlich unerroei3= 
lid). 3nfofern etwa bie Klägerin mit ben ton ihr angeführten 
9lner!enntniffen bie ©ntftehung eines lebigliä) internen 
SSertragSoerhältniffeS jroifdjen ber ©emeinbe unb bem 
iöeflagten, wonach biefer bie Saft ber Unterhaltung ber ©rüde 
p tragen hätte, erweifen wollte, wäre jebodh, ba ein prioat= 
rechtlicher Slnfprucb geltenb gemacht würbe, bie 3uftänbigfeit 
bet sBerwaltungSgericbte, wie bereits bemerft, nicht begrünbet. 

III. 3 ft nach bem ^Bisherigen baS ^eftehen einer bem $e= 
flagten obliegenben öffentlich rechtlichen Verpflichtung jut Unter* 
l;altung ber Vrüde nicht bargethan, fo fann auch bie Klägerin 
ooit bem Seflagten nicht aus folgern ©runbe ben ©rfah beS= 
jenigen VetrageS oerlangen, ben fte infolge ber Slnorbnung 
bes 5t. Dberamts ©alro ootn 29. illugufi 1890 auf bie SBieber* 
herfteüung ber Sriicfe uerwenbet hat unb einftweilen in Ver= 
tretung bes befinitio oerpflichteten Veflagten oerwenbet ju haben 
behauptet. 

Urteil oorn 2. JDftober 1895 in ber SBerufungSfache ber 
©emeinbe Vergotte gegen ben Sägmühlebefifcer %x. ©rharb 
oon ©njthal. 


13. 

iefreiung öffentlichen JJroedten btenenber ©ebäube oon ber ©e* 
uieinbefteuer (|lrt. 8 bes ©ef. oorn 18. 3uni 1849, |lrt. 2 bes 
©ef. oom 23. 3uli 1877). 

3n ber bie Steuerung für bie ©emeinbe betreffenben 
VerufungSfache jwifdjen ber ©emeinbe Stetten im StemSthal, 
Klägerin VerufungSflägerin , unb ber $eil= unb ißflegeanftalt 
Stetten, Veflagten VerufungSbellagten, würbe oon bem ä. 33er= 
waltungSgeridhtShof bie gegen baS Urteil ber 5t. Regierung 
für ben VedatfreiS oom 12. ®e$ember 1895, foweit baSfelbe 
bie Älage abgewiefen hatte, erhobene Berufung als unbegrünbet 
jurüdgewiefen. 


Digitized by Google 



Befreiung öffentlichen äweden bienenber ©ebäube je. 389 
© r ft tt b C : 

1. Sd&on bie auf ©ejahlung bcr ©emeinbefteuer für bie 
in J6. bcr fßrojefjaJten I. gjnftonj aufgeführten 20 ©ebäube 
ber SBeflagten unb auf fRachholung ber Steuer oom 1. Stpril 
1891 ab gerichtete Wage hot bie Steuerfreiheit ber Äirdje ber 
©eflogten in bem fogenannten ©ol)n'f<hen ©au 9Zr. 239a an- 
erfannt. ©ejüglid) ber 6 ©ebäube 9tr. 230 A, 230 B, 230 C, 
269, 271 unb beS bei ber „f&oftorSroohnung" beftnbli^en 
©retterfdjuppenS ohne s Jiummer ift bie ©eflagte burdh baS Ur= 
teil beS ©erroaltungSgericfjtS 1. Snftaitä oom 12. ©ejetnbet 1895 
bem Älagantrag entfprechenb oerurteilt, ©ewiglich ber weiteren 
14 ©ebäube hot baS Urteil bie Älage abgeiuiefen. 35ie fyie* 
gegen erhobene ©erufung muff als unbegrünbet juriidgewiefen 
werben. 

2. $n 3lnfehung ber StaatSfteuer finb biefe 14 ©e= 

bäube oon ber Steuerbehörbe mit ©enehmigung beS Ä. Jinanj-- 
miniftertumS nach 2lrt. 2. 1. 5. beS ©efefceS oom 28. 2lpril 1873, 
betr. bie ©runb=, ®ebäube= unb ©ewerbefteuer, in ihrer 2Reh»r= 
jahl ganj, bie übrigen teiltoeife als ©ebäube, welche ju öffent- 
liehen 3n> e den bienen, ohne bem ©igentümer einen öfonomifchen 
■Hufsen abjutoerfen, für fteuerfrei erflärt worben. ^iebei Ijot 
baS Ä. ginansminifterium in feinem Grlaffe oom 19. Januar 
1895 auSgefprochen : bie bellagte 2t n ft alt erfülle bie 

in ben allgemeinen rechtlichen unb fittlichen 2lufgabenfreiS beS 
Staats unb ber fonftigen öffentlichen Äörperfchaften, nament- 
lieh bezüglich ber 2lrmenpflege, faKen, worauf in ber ©egrün= 
bung beS Staatsbeitrags im hauptfinanjetat für 1887/89 S. 375 
mit ber ©emerfung hingewiefen fei, baff naheju jwei drittel 
ber 2lnftaltSpflegtinge ft<h in ber 2lrmen!laffe befunben hoben, 
welche ein erheblich unter ben 2lnftaltSfoften bleibenbes ©er= 
pftegungSgelb entrichten, unb baff nicht weniger als 134 unter 
biefen Pfleglingen auf Siechnung oon Slrmenoerbänben unb 
wohlthätigen Stiftungen in biefer Waffe untergebradht gewefen 
feien; mit biefer ©egttinbung ber Steuerfreiheit ftehe auch ber 
Inhalt ber ©erhanblungen ber Äamnter ber 2lbgeorbneten in 
ber Sifcung oom 6. 9tooember 1872 (V. prototoübanb S. 2435 ff.) 


Digitized by Google 



390 ©ntic^eibutigen beä $etroaItung*gertdf>t3f)of8. 

im ©inflang, inbem bort ju 21 rt. 2. 1. 5. lit. b nur auSgefprochen 
fei, baff bic ©ebäube ber wohltätigen 3roeden bicncnben 
2lnftaltcn nur bann bie Steuerfreiheit genießen foHen, wenn 
biefe öffentliche Slnftalten feien, wogegen in ber Söejietjung, baff 
bcn ju öffentlichen 3 roe ^ en bienenben ©ebäuben Steuer: 
freiheit jutomme, ein 3n>eifel nicht beftnnben unb eine ^Debatte 
nicht ftattgefunben f»abe. Somit ift gejagt, ba§ ben ©ebäuben 
ber wohltätigen 3roeden bienenben 2lnftalten bie ©igew 
fchaft non öffentlich en 3 roec f en bienenben 2lnftalten nicht 
ohne weiteret jujuerfennen fei, bie SBohlthatigfeitSjwede, benen 
jßrioatanftalten gewibmet finb, oielmehr nur bei bent Vorhalt: 
benfein befonberet Umftänbe, — wenn bie 3n>ede in ben alt: 
gemeinen rechtlichen unb fittlichen 2lufgabenfreis beS Staats 
unb ber fonftigen öffentlichen Körperfdiaften fallen, — als 
öffentliche 3roecfe anjuerfenneit feien. 

3. 2BaS bie © ein ei nbe (teuer betrifft, fo ift nad) bem 
in 2lrt. 2 beS ©efefceS oom 23. Quli 1877 aufrecht erhaltenen 
2lrt. 8 beS ©efefceS oom 18. Quni 1849, betreffenb bie 2luS= 
behnung beS älmtS-- unb ©emeinbeoerbanbs auf fämtliäje Xeile 
beS Staatsgebiets (für beffen SluSlegung bie bem 2lrt. 2. 1. 5. 
beS StaatSfteuergefefces ju gebenbe Auslegung an fidj nicht 
mafjgebenb ift) für bie Steuerfreiheit erforberlid) unb genügenb, 
bafj bie ©ebäube unb ©runbftüde ihrer .§auptbeftimmung nach 
ju öffentlichen 3^eden bienen, ohne bem ©igentünter einen 
öfonomifdhcn 'Hu^en abjuroerfen, mit ber -DlaBgabe, bafj biefe 
©ebäube unb ©runbftüde auch su bem Seil, ju bem fie biefen 
3weden nicht bienen, »on ber Steuer frei finb. SnSbefonbere 
ftellt, wie bie Vergleichung mit § 3 lit. d beS prooiforifchen 
SteuerfataftergefefceS oom 15. $uli 1821, worin bie ju öffent= 
liehen 3meden beftimmten ©ebäube oon ^rioaten mitbenannt 
ftnb, ergiebt, ber 2lrt. 8 für bie Steuerfreiheit nicht bie Vor: 
auSfegung auf, baff bie ©ebäube unb ©runbftüde öffentlich* 
rechtlichen Korporationen unb Verbänben ober oon öffentlichen 
Vehörben oerwalteten Stiftungen ju ©igentum gehören. Qm 
Sinne biefeS 2lrt. 8 finb aber bie ©ebäube ber Veflagten, 
welche ihr einen ©rtrag nicht ober nur ju einem uutergeorb* 


Digitized by Google 



Befreiung öffentlichen 3®e<f* n bienenber ©eböube ic 391 

neten £eil abroerfen, als ju öffentlichen 3roeden bienenbe jebem 
falls anjuerfennen. 

4. ®ie 93eflagte wibmet fi<h ben Schmachfinnigen unb 
Epileptifhen , namentlich jugeitblichen 2llterS, als £eil= unb 
Pflegeanftalt, auch als Slnftalt jur Schulung fomie jur Unter= 
meifung in lanbmirtfchaftlicher unb gewerblicher öefdjäftigung. 
Statutenmäßig wirb fie außer ben Koftgelbern ber Pfleglinge 
burch freiwillige ^Beiträge non Prämien unb Korporationen, 
SBermächtniffe unb ^Beiträge beS Staats unterhalten. 3Jiit biefer 
i^rer giirforge für Seibenbe, reelle einer iBeljanbluug burch 
Spejialärjte unb einer über bie Kräfte ber g-amilie ^inaud= 
gebenben £ilfe unb pflege bebürftig unb beS Unterrichte in 
ben allgemeinen Schulanftalten unb ber gewöhnlichen Erlernung 
einer ihre 2lrbeits!raft oertoertenbeu iSefchäftigung nicht fähig 
finb, «erfolgt bie iBeflagte wefentlich gleiche 3n>e<fe/ wie ber 
Staat, inbem er als StaatSanftalten einerfeite bie Qrren^eil: 
anftalten unb pflegeanftalten in SBinnenben , Sdbuffenrieb, 
Sßeiffenau unb 3 ro iefalten, anbererfeits bie £aubftumtnen=2ln= 
ftalten unb Schulen in ©münb , IBönuigheim, Nürtingen unb 
dtagolb unb bie (feit 1858 mit ber -HifolauSpflege in Stuttgart 
oerbunbene) iBlinbenanftalt in ©münb unterhält 1 ). $ie mefentlidje 
©leichartigfeit biefer 3u>ecfe wirb aud) »on ber Staat Sregie-- 
rung unb oon ber 2 an b eSo e rt r et u ng anerfannt nicht 
bloß burch bie Xhatfache ber fortbauernben Bewilligung eines 
beträchtlichen StaatSjufchuffeS unb ber jeitweiligen öeroiHigung 
oon Staatsbeiträgen ju baulicher Erweiterung ber 2lnftaltSge; 
bäube, fonberu es ift auch bei ben lefcteren Ejigenjen in ben 
Erläuterungen jum ^pauptßnanjetat bemerft: für 1887/89 
S. 283, baß baS beftehenbe öffentliche Pebürfnis oom Staat 
befriebigt werben müßte; für 1895/97 S. 197, baß biefe 
wohlthätige 9lnftalt in ber oon ihr freiwillig übernommenen 
Aufgabe smeifelloS zugleich ftaatliche 3ntereffen erfülle, benen 
bie StaatSoerwaltung nur mit größeren ©elbopfern gerecht 
ju werben oermöchte. Sufll^ch erfüllt bie beflagte Ülnftalt mit 

1) ©ntrcurf beS §auptfinanjetat8 für 1895/97 ©. 170 f. unb 466 ff., 
©taatSbanbbud) 1894 ©. 684 unb 709 f. 


Digitized by Google 



392 


©ntfdieibungen b ti S5etu>altung3geri(ht8f)of§. 


i()rer gürforge für zahlreiche, in ihr gegen ein bie Äofien ent= 
fernt nicht becfenbea 23etpflegung$gelb untergebrad)te arme 
©chroachfinnige unb <5pileptifd)e Aufgaben ber Slrmenpflege, 
bercn Erfüllung nach gefe|li<hen Söorfd^riften ben Ort<S= unb 
ßanbarmenoerbänben obliegt. ©pejieU beftimmt Slrtifel 13 
be» ©efefceä oom 2. Quli 1889, betreffenb bie Slenberung 
einiger Seftimmungen beä ©efe^eä oom 17. Slpril 1873 jur 
SHuSfiihrung be$ fReichSgefefceS über ben UnterftüfcungSroofmfig, 
bafs bie ßoften, welche ben Slrmenoerbänben burd) bie gür= 
forge für ©eifteäfranfe, für ©eiftesfchronche ober an ©pilepfte 
ober ähnlichen flranfheiten leibenbe Sßerfotten, für oerroahrlofte 
Äinber, foroie für Xaubftumme unb Slinbe erroachfen, foroeit 
fie nicht oon ben ßanbarmenoerbänben unmittelbar beftritten 
roerben (2lrt. 21 be3 ©efefceS oom 17. 3lpril 1873), burdh 
S3efd)luf? ber 2lmt3oerfammtung jur 2hnt«oergleid)ung über= 
nommen roerben fönnen. 25ie 3roecfe ber beflagten 3lnftalt als 
öffentliche anjuertennen, unterliegt auch umforoeniger einem $e= 
benfen, als fte in mebijinifcher ^inficht periobifchen ftaatlichen 
SBifitationen unterroorfen unb in finanzieller Beziehung ber be= 
fonberen Stuf ficht eineä ftaatlichen ßominiffärS unterfteHt ift. 

5. SBaö bie ein je Inen ©ebäube betrifft, bie nach ber 
©ntfcheibung be§ Unterrichters ihrer ^auptbeftimmung nadh ju 
öffentlichen 3 tt,e tfen bienen unb jugleidh einen öfonomifchen 
9tugen nicht ober nur }u einem untergeorbneten £eil abroerfen, 
fo finb bie einzelnen geftftettungen beS Unterrichters, bie fich 
an baS ©taatSfteuer=©inf<hähungSprotofolI anfchliefeen, mit ber 
Berufung nicht angefodjten roorben. 

Urteil oom 3. Quni 1896 in ber 33erufungSfa<he ber ©e= 

meinbe (Stetten gegen bie ^eil= unb ißftegeanftalt Stetten. 


Digitized by Google 



3u bem Stuttgarter OrtSbauftatut von 1874 je. 


393 


14. 

$u bem Stuttgarter ©rtsbauftatut oon 1874 §§ 42 unb 44 
(ffiebäubrabftanb bei fdjief jur $aulinie oertaufenber (Üigentums= 
grenje) unb § 67 3U>f. 1 (l'rontlänge ber Sebäube an 
Dauptftra^en). 

®er Sachoerhalt ergiebt fich aus ben 
® rünben: 

I. ®et ©efchioerbeführer beabfidhtigt auf feinem ©runb= 
ftüd fßarjeEe 9tr. 8001 am $erbroeg in Stuttgart, ber nach 
§ 65 2lbf. 2 beS Stuttgarter DrtSbauftatutS in ben Stabt 
bauplan als eine £auptftraf?e aufgenommen ift, hinter ber ©au= 
tinie ein SBohnhauS nach bem ißlan U_ ber 2lften beS ©e= 
meinberats ju erbauen. ®em Antrag ber ©auabteilung beS 
©emeinberatS entfprechenb ift er oon bem Ä. 2Hinifterium 
beS 3nnern burch ©ntfdjeibung oont 3. Januar 1896 mit fei= 
nem ©augefuch, roie es angebracht toorben, abgeroiefen toorben, 
roeil, abgefehen baoon, baff bie geplante Frontlänge beS ®e= 
bäubeS oon 11,50 m mit ber in § 67 Slbf. 1 ogt. mit § 65 
2lbf. 2 beS DrtSbauftatutS enthaltenen Siegel, bafj ©ebäube 
an ^auptftragen roenigftenS 12 m Frontlänge h«^n foHen, 
im SBiberfpruch ftehe, bejüglidh ber Stellung beS projeftierten 
SteubauS gegenüber ber öftlichen (SigentumSgrenäe ber in § 42 
2lbf. 1 beS DrtSbauftatutS oorgefdhriebene ©ebäubeabftanb 
oon minbeftenS 2,865 m nicht für immer gefiebert angefehen 
roerben fönne. 

®ie gegen biefe @ntf<heibung erhobene SlecljtSbefchioerbe 
ift als unbegrünbet ju oertoerfen. 

II. Ob bie ©aupolijeibehörbe oon ber Stegeloorfcbrift beS 
§ 67 3lbf. 1 beS DrtSbauftatutS eine Ausnahme geftatten roiE, 
fteht ju ihrem freien ©rmeffen; ber ©enoaltungSgerichtShof 
hat nur ju prüfen, ob bie F®ftft®flung in ber 9Jiinifterialent 
fcheibung, bafj bie geplante Frontlänge bes ©ebäubeS roeniger 
als 12 m betrage, richtig ift, unb bie fRichtigfeit biefer Fefc 
fteEung ift nicht ju beanftanben. ©ei ber fDteffung ber F ront: 

^a^rbüdyL-r fUi üttamemDctg. yie^tßpflegc. Vlll. 3. 36 


Digitized by Google 



394 ©nffäeibungen beS SenoaUungdgetid^tS^ofä. 

länge ift nicht, roie ber ©efchroerbeführer roiH, aud) bal auf 
ber weltlichen ©eite bei ©ebäubel geplante bebecfte Entree 
mit feiner ©reite »on 70 cm in ©etracht ju jiehen, benn biefel 
Entree liegt, roie aul ben ©runbriffen erftdjtlicf}, außerhalb 
ber gemäß § 59 bei Crtlbauftatutl maffto non ©tein ge= 
planten Umfajfunglroäube unb ift f)ienad? fein Xeit bei |>aupt= 
gebäubel felbft, fonbern nur ein untergeorbneter 2lnbau an 
feinet Stujjenfeite. Jpieran roiirbe auch nichtl geänbert, roenn 
nodh über bem $ad) eine ©eranba t»ergefteüt mürbe; auch 
bann bliebe Per Slnbau nur ein übet ben ,£>aulgrunb nor= 
fpringenber, nicht in bie Frontlänge einsurechitenber Slnbau 
(»gl. § 43 ber ©olljugl»erfiigung »orn 23. ©ooember 1882 
unb § 43 bei Crtlbauftatutl). 

III. ®ie ^auptentfcbeibung, bafj bezüglich ber Stellung 
bei projezierten ©eubaul gegenüber ber öftlic^en ©igentuml- 
grenje ber in § 42 2lbf. 1 bei Crtlbauftatutl oorgefdjriebene 
©ebäubeabftanb »on minbeftenl 2,865 m, ber jroifchen ben 
©orbergebäuben einer unb berfelben Strafsenfeite auf bie ganje 
5Ciefe ber ©ebäube ehtäufjalten fei, nicht für immer gefiebert 
angefefjen roerben fbnne, hat bal Ä. ©tinifterium bei Diäteren 
bamit begrünbet : ©inerfeitl trete ber ©eubau mit feiner Cft-- 
feite infolge ber 3urücfftettung hinter bie ©aulinie teilroeife 
jugleidh hinter bal ©achbaranroefen ©r. 21 bei ©ecf)tlanroaltl 
Dr. ®. juriicf, anbererfeitl fei biefer ©adhbar nach ben liier 
in ©etracht fommenben ©orfdjriften ber §§ 44 unb 68 bei 
Crtlbauftatutl in ber Sage, bal ©ebäube ©r. 21 bur<h einen 
©orbau gegen bie gemeinfchaftliche fdiräg jjur ©aulinie »er* 
laufenbe ©igentumlgrenje ju ermeitern ; ba er an ber 2lul-- 
füfjrung einel folgen ©orbaul nicht gc^inbert roerben fönne, 
iniiffe jeßt fdhon hierauf ©ücffid)t genommen unb »on bem ©au= 
luftigen (bem ©efchroerbeführer) nach ber in ber feitherigen 
fßrapil fteti feftgehaltenen Stilllegung bei § 42 2lbf. 1 bei 
Crtlbauftatutl »erlangt roerben, baß er ben nach § 44 bei 
Crtlbauftatutl »on ihm einjuhaltenben ©renjabftanb, ber hier 
all auf ber ftabteinroärtl gelegenen ©eite minbeften! 2,30 tn 
betrage, nicht blofj auf bie ganje SCicfe bei projezierten ©ero 


Digitized by Google 



Qu bem Stuttgarter DrtSbauftatut oon 1874 ic. 395 

bauS, fonbern aud nad) einer .... redtwinflig jur ©aulinie 
gezogenen ©eraben eingalte, bamit ber in § 42 Slbf. 1 gebo= 
tene ©renjabftanb für immer gewahrt bleibe; gienad foEte 
bie oerlängerte öftluge ©eitenfludt beS EleubauS beim 3u= 
fammentreffen mit bet ©aulinie ttod minbeftenS 2,3 m oon 
ber fdiefen ©igentumSgrenje entfernt bleiben, wägrenb biefelbe 
nad bem ißlan gier nageju um 4 in in baS ©igentum beS 
s 3tadbarS Dr. ®. einfdneibe; biefe ©emeffung beS ©renjab; 
ftanbs nad einer redtminllig jur ©aulinie gejogenen burd ; 
gegenbett ©eraben fege beim 3urü<JfteEen eines ©orbetgebäubeS 
ginter bie ©aulinie aud bie ©orfdrift beS § 18 3iff- 4 beS 
DrtSbauftatutS oorauS. ©eigefügt ift: wollte man, was febod 
baS ©inoerftänbnis beS EiadbarS, ber bis jegt ben oorge= 
fdriebenen ©renjabftanb burdauS eingegalten gäbe, oorauS= 
fegen würbe , mit Etiicffidt auf ben uitgünftigen ©erlauf ber 
©igentumSgrenjen bem ©auluftigen aud jugeftegen, ben in 
§ 44 beS DrtSbauftatutS oorgefdriebenen ©renjabftanb oon 
minbeftenS 2,30m oon ber öftliden ©renje nur oergliden 
gemeffeit eingalten ju müffen, fo wäre, um bem ladbar baS 
gleide Eiedt einjuräumen, ber Slbftanb wenigftenS auf galber 
Siefe beS ©adbargebäubeS 9ir. 21 ju meffen, aber aud bei 
folder ÜJieffung wäre ber erforberltde ©renjabftanb bei weitem 
nidt oorganben. 

$iegegen gat ber ©efdwerbefügrer eingewenbet, baff baS 
projezierte ©ebäube in aEen Steilen bejüglid ber Slbftänbe 
ju ben nadbarliden ©renjen unb ©ebäuben burdauS ben ©or= 
fdriften ber ©auorbnung entfprede, ja fogar ntegr als biefe 
©orfdiiften oerlangen, gewägre, inbem er beS nägeren auS= 
fügrt: ®ie in ber 3J?inifterialentfdeibung ben §§ 42 unb 44 
ber ©auorbnung gegebene Auslegung fei unridtig, unb wenn 
fid bie SXiniftcrialentfdeibung auf bie feitgerige ißrapis be= 
rufe, fo fei ju entgegnen, baf? eine unridtige ißrafis nidt im 
©tanbe fei, feftbeftegenbe gefeglide 9Jornten abjuänbern. ®ie 
§§ 42 unb 44 beS DrtSbauftatutS grünben fid auf ben 2lrt. 28 
ber ©auorbnung unb aus biefem Slrtifel in ©erbinbung mit 
§ 23 ber ©oEjugSoerfiigung oom 23. ©ooember 1882 unb 

26* 


Digitized by Google 



396 


©ntfdjeibungen beä 5krroaItung3ßeri(ht3t)of3. 


ben §§ 43 ff. bes Drtsbauftatuts ergebe ftdj, bafj ber oor* 
geschriebene 2tbftanb groifc^en ben ©ebäuben auf allgemeinen 
poltgeitidjen SRücfjtdhten, nämlich auf bem ^ntereffe ber leidsten 
3ugänglichfeit im galle eine« SranbeS, fomie ber geniigenben 
3ufiibrung oon Siebt unb Suft beruhe, ©iefen I^ntereffen fei im 
oorliegertben ^yaEe burcbauS ©enüge geleiftet; nidbt nur betrage 
ber 2lbftanb beS geplanten ©ebäubeS oon bem ©ebäube Dir. 21 
bes 3ied>töamoalt!S Dr. ©. oon .jpauSgrunb ju &auögrunb ge= 
meffen 4 m 83 cm unb oon ber ©igentumögrenje 3 m 11cm, 
alfo erheblich mehr als baS oorgefchriebene 3 Jlafj, fonbern eö 
fei auch burd} bie geplante Stellung, roelcbe entlang ber ört- 
lichen (Sigentumögrenje ben oorgefchriebenen Slbftanb oon 2,30 m 
oon ber Sautinie an frei laffe, für immer bie freie 3ugtmglidb : 
feit gefiebert, ©er § 44 fpreche mit feinem 2Bort baoon, bafe 
ber Slbftanb oon 2,30 m nach einer fenfreebt jur Saulinie ge= 
jogenen ©eraben ju bemeffen fei, fonbern beftinime mit beut: 
liehen jroeifelsfreien SBorten, baf? ber Sauenbe mit feinem ®e- 
bäube 2,30 m oon ber ©igentumSgrenje entfernt ju bleiben 
habe; biefe Seftimmung fei oom Sefchroerbefübrer burcbauS 
eingehalten unb biefer Slbftanb bleibe auch beftehen, roenn ber 
Machbar Dr. ®. fein behauptetes Sauoorbaben oerroirflichen 
mürbe. 

31icbt ohne einigen ©runb hat in ber Qnftanj bes M. 3)li= 
nifteriumS ber Sefcbmerbefiibrer auf bie 9)iinifterialentf<heibung 
oom 12. 31ooember 1892, rcobutch bem Skrfmeifter Äarl 31. 
in Stuttgart bie Sauerlaubnis ohne ©iSpenfationS= 
erteitung gemährt mürbe, unb auf bie ©ntfeheibung beS 
SerroaltungSgerichtShofS oom 28. ©e^ernbet 1892, roobureb 
bie oon bem 31adhbar Sfkioatier ©uftao g. gegen bie 3J?inU 
fterialentfcheibung erhobene 91edhtSbefchroerbe als unbegriinbet 
oermorfen roorben ift, Sejug genommen, ©er SerroaltungS; 
gerichtShof gelangt aber, inbem er bei ber erneuten Prüfung 
ber Slichtigfeit ber Auslegung unb Slnmenbung, roelche oon 
Slnfang an bie SJkapS ber Saupolijeibebörben, menn auch nicht 
immer ganj ausnahmslos, ben §§ 42 unb 44 beS Stuttgarter 
DrtSbauftatutS gegeben hat, bie hiebet gehörigen Seftimmungen 


Digitized by Google 



3u bem Stuttgarter Drtäbauftatut non 1874 ic. 397 

ber Drt«bauftatute anberer roürttembergifdfjer Stabte mitbe= 
rücffidftigt, ju bem ©rgebniffe, baft biefe 2lu«legung unb 2ln- 
roenbung nic^t $u beanftanben ift unb bem Sefdfjroerbefüljrer 
bie Sauerlaubni«, roie im Qafjte 1885 ber früheren ©tunb= 
ftücfäeigentümerin 5Sitroe ©. mit Siedet oerfagt roirb. 

911« entgegen bem non ben bürgerlid>en ÄoHegien ber 
«Stabt Stuttgart aufgefteEten ©ntrourfe be« Drt«bauftatut« ba« 
Ä. 'Btinifterium be« Qnnern auf ber obligat orifdben 33eibe^al- 
tung ber ©ebäubeabftänbe beljarrte, gaben bie oon bem Ä. 2)le= 
bijinaltoEegium unb oon inlänbifcften unb au«länbifdf)en ärjfc 
lid&en Vereinen }u ©unften ber Slbftänbe geltenb gemachten 
fanität«poIijeilicben ©riinbe ben 2lu«fcblag. $n bem oon bem 
Ä. 9Jiinifterium be« Qnnern formulierten 9Bortlaute bet §§ 42 
unb 44 be« Stuttgarter £>rt«bauftatut« ift nun aflerbing« nidtjt 
jurn 2lu«brucl gefommen, baff bie auf bie ganje Siefe ber ®e* 
bäube einjuljaltenben -Hbftänbe auch nacf) fenfred^t jur Saulinie 
gezogenen geraben Linien eingefallen roerben muffen, unb roenn 
auch eine foldfje 3lbftanbf altixng bem ^ßrinjip ber offenen Sau= 
roeife, roie e« mit ber ©rlaffung be« Ort«bauftatut« burd)ge= 
füf rt roorben ift, am meiften entfpridjjt, fo läftt fiel) bodf l)ierau« 
nief t oftne roeitere« ableiten, baft foldfe 2tbflanbf altung bureft 
ben fanität«polijeilid)en 3roccf ber ©rftaltung be« ßicfitjutritt« 
unb ber Üuftjirfulation in allen einzelnen fallen un= 
bebingt (fo baft nur im 2Bege ber ®i«penfation nadf> 2lrt. 76 
ber Sauorbnuug eine 2lu«nalpne ftattfiuben fönne) geboten fei. 
Sie 3»9änglidfifeit für ^euerlöfdfäniecEe, roooon in bem 2lrt. 28 
ber Sauorbnung junädbft bie Siebe ift, fann audb burdf bie 
jperfteHung oon Surdftfalirten befcf afft roerben ; jebenfaE« roiirbe 
bie gürforge für gugänglicbfeit für $euerlöfc§äroecfe bie unbe= 
bingte Sorfdftrift, baft bie 9lbftänbe nad) fenfred&t sur Saulinie 
gejogenen geraben Sinien eingeftalten roerben müffen, nidft er= 
forbern. ferner ift bie auf ©runb be« 9lrt. 46 ber Sauorb-' 
nung erlaffene Sorfdjrift be« § 68 be« Drtsbauftatut«, toonadj 
bie Siebenfeiten ber ©ebäube, roenn fie oon ber Strafte au« 
fidfttbar bleiben, regelmäftig redf troinflig jur Saulinie ju fteflen 
finb, eine oon ben 2lbftanb«oorfdjriften ber §§ 42 ff. roefent= 


Digitized by Google 



398 


©ntfcfjeibungen beä S3etiDaltung8geridjtäf)of8. 


lieh »erfchiebenartige 93orf<^rift, bie ber Saupolijeibehörbe bas 
Mittel an bie $anb giebt, au 3 äfthetifdhen Sftücf fichten 
bie fdhräge Stellung ber -Jtebenfeite eines ©ebäubes jur Sau= 
linie ju unterfagen. 2luS foldhen ©rwägungen ift ber Serwal-- 
tungSgeridhtShof in ber ©ntfc^eibung oom 28. ©ejember 1892 
in ber g.’fdfjen Sefchwerbefache ber 9Hinifterialentf<heibung bei- 
getreten. 

SlnbererfeitS ift nun aber nicht unbeachtet ju laffen, bafj 
in einer 9teihe anberer Drtsbauftatute für ben gall, bafj bie 
©igentumSgrenje fd>ief jur Saulinie »erläuft, befonbere Sor= 
fdiriften getroffen worben finb *), wäljrenb in ben gleichseitig 
erlaffenen OrtSbauftatuten anberer ©täbte bie Slufnajjme foldher 
befonberen Sorfdhriften unterblieben ift 2 ). 

Qene befonberen Sorfdhriften ftimmen in ihrer Raffung 
nidht burdjjroeg überein. ®er § 28 2lbf. 3 beS Suttlinger OrtS-- 
bauftatuts hot bie Raffung: joenn bie ©igentumSgrenje eine 
jur Saulinie fdhiefe Dichtung ha^ genüge es, wenn jeber 
Sauenbe längs ber jener fchiefen ©renje jugefehrten ©ebäube^ 
feite bie ^älfte ber ©ruttbfläcbe liegen laffe, welche fich für 
ben ©efamtabftanb oon 4 m ©reite baburch ergebe, bafj für 
jebert ber beiben Sadhbarn je bie £iefe feinet ©ebäubes ju 
©runbe gelegt werbe. ®er § 48 3lbf. 3 bes Ulmer DrtSbaw 
ftatuts lautet bahnt : wenn bie ©igentumSgrenje eine jur Sau= 
linie fdhiefe 9tid)tung habe, genüge es, wenn ber 2lbftanb an 
ber fDlitte ber jener fchiefen ©renje jugefehrten ©ebäubefeite 
bas oorgefchriebene 3Jlafe erreiche. $n bem neuen |>eilbronner 
DrtSbauftatut oon 1891 § 49 2lbf. 3 finbet fich bie »erbefferte 
Raffung: „£at bie ©igentumSgrenje eine §ur Saulinie fdhiefe 
Stiftung, fo genügt es, wenn ber 2lbftanb in ber SKitte ber 
jener fchiefen ©renje jugefehrten ©ebäubefeite — redhtroinflig 

1) S3ergt. inä6e(onbere DrtSbauftatut uon Tuttlingen oon 1875 § 28 
2I6f. 3, DrtSbauftatut non Ulm non 1875 § 48 2ü>{. 3, DrtSbauftatut oon 
$eilbronn oon 1875 § 51 2lbf. 3, DrtSbauftatut non ©Idingen non 1878 
§ 45 Stbf. 3, SieueS DrtSbauftatut non ^eilbtonn non 1891 § 49 2lbf. 3. 

2) S3ergl. DrtSbauftatut oon ©öppingen oon 1875, DrtSbauftatut oon 
StaoenSburg oon 1876. 


Digitized by Google 



3u bem Stuttgarter DrtSbauftatut uon 1874 jc. 399 

auf bie lefctere genteffen — baä oorgefc^rtebenc SUlafe erreicht, 
oorauägefeßt, baß bie in § 48 9lbf. 3 »orgefchriebene felb= 
ftänbige 3 u 0 änglichfeit erreicht roirb, bejro. oorhanben ift." 

25iefe befonberett Vorfd&riften roollen für ben gaü, baß 
bie ©igentum^grenje fchief pr Vaulinie »erläuft, eine mil= 
b e r e Veftimmung für bie ÜBemeffung ber ©renjabftänbe »or= 
fe^en unb laffen bamit erfennen, baß ihre allgemeinen bem 
§ 42 2lbf. 1 beä Stuttgarter DrtäbauftatutS nachgebilbeten 
Vorschriften ba^in p nerftehen finb, baß bie Ülbftänbe auf bie 
ganje £iefe ber ©ebäube nach redjtroinflig pr Vaulinie ge= 
pgenen geraben Sinien cinpljalten finb; bie befonberen Vor= 
fd&riften mären fonft nicht erforberlid^ unb nicht »erftänblidh. $n 
ihrer ^öfTung finb bie (fieser gehörigen Veftimmungen ber Drtä-- 
bauftatute ber »erfchiebenen ©emeinben »on bem Ä. 2)?inifterium 
richtig geftellt ober neu »orgefdüagen, bejm. au Drt unb ©teile 
oon ben ÜDtinifterialreferenten mit ben bürgerlichen Kollegien 
pfammen feftgeftettt roorben. (Sä ift bie 2lnnaßme nicht abju- 
roeifen, baß auch bei ber 3tebaftion berjenigen Drtäbauftatute, 
in benett für ben gall, baß bie (Sigentumsgrenje fdjief pr 
Vaulinie oerläuft, eine befonbere SBorfc^rift nicht oorgefehen 
ift, baä tedjnifche Verfahren, bie Slbftänbe nach {entrecht pr 
Vaulinie p jiefjenben geraben Sinien p meffett, alä felbft= 
»erftänblidh oorauägefeßt roorben ift, unb jtoar nicht bloß 
bei ber (Stlaffuug ber Drtäbauftatute, bie nne baä ©öppinger 
unb baä Staoenäburger Drtsbauftatut in ben ^aijren 1875 
unb 1876 nachgefolgt finb, fonbern auch fchon bei ber (Srlaffung 
beä ©tuttgarter Drtäbauftatutä. $a bie 2lbftanbäoorfdhrift beS 
§ 42 2lbf. 1 beäfelben im öffentlichen Qntereffe erlaffen unb 
in § 44 2lbf. 1 tebiglicß bie Verteilung auf bie beiben 9iad)= 
barn geregelt ift, ift bie .tfoniequenj p gieren, baß bie füieffung 
ber Slbftänbe nach fenfrecht pr Vaulinie p sieljenben geraben 
Sinien nicht fchon bann fi<h erübrigt, roentt ber 'Jta^bar beä 
Vautuftigen iid) mit einer anberen -Dieffung einnerftanben er= 
flärt, fonbern ber Utnftanb, baß gegen eine attbere SJteffung 
eine (Sinroenbung beä 9lad)barä nic^t befteht, nur für eine 35i3= 
penfationäerteilung p berücffidhtigen ift. 


Digitized by Google 



400 


®ntf<$eibungen be8 ä 3 ern>altun 08 geri($t 8 f>of 8 . 


6« löfet fid^ nid&t nerfennen, bafj ber Mangel einer mil= 
beten Seftimmung für ben gall, bafj bie ©igentumSgrenje eine 
jur Saulinie fdjiefe Sticbtung b<U/ nadb Sefcbaffenbeit ber Um-- 
ftänbe grofje unb burdb fad^tid^e ©riinbe nidbt geforberte Um 
biHigfeit beworprufen geeignet ift, unb es b®t bieS bei feinet 
entfcfjeibung »om 12. ÜDtai 1892 baS Ä. ültinifterium in bent 
9t.’fdf)en galle, ber tbatfäcblicb feljr oerfdtjieben non 
bem »orliegenben galle geftaltet roar, anerfannt. 
®nrcb biefe ©rroägung mirb aber nur eine geeignete ©rgänpng 
bes Stuttgarter OrtSbauftatutS bei ber in Angriff genommenen 
fReoifton beSfelben für p berüdffidfitigenbe gälte roünfcbenS= 
roert gemacht, nicht aber ba$ bei ber Sergteicbung mit bem 
Inhalt ber anberen DrtSbauftatute p geroinnenbe SluSlegungS: 
ergebniS erfdbiittert. 

Urteil tjotn 27. 2Rai 1896 in ber fRedbtSbefdbrcerbefacbe 
beS ©r. ®. ©t. in Stuttgart. 


15. 

©ertltdjr unb jeitlidje Jitgrenjung ber Unmenbbarheit ortsbau= 
flatutarifdjer Porfi^riften über bie llerroenbung uon Jiadjbammern 
p Sdjlafräumen. 

Dberförfter Dr. 3- in Tübingen ^at im 3abr 1889 auf 
feinem ©runbftücf ^arjelle s Jtr. 508 mit ©enebmigung beS ©e= 
meinberats in Tübingen, ber ben geplanten Steubau, ba ber 
Drtsbauplan fidt> auf ben Sauptafc nicht erftrecfte unb legerer 
als außerhalb beS gefdbloffenen SBobnbejirfS liegenb attgefeben 
mürbe, als Sauroefen außerhalb ©tterS bebanbelt unb 
bie geftfe&ung einer Saulinie p unterlaffen befdbloffen tyat, 
baS 2Bobngebäube 5Rr. 2 1 /i am Defterbergmcg erbaut unb 
babei — aufjer sroei aubern nidt»t mehr in Setradfjt fommenben 
Hämmern — im fiibroeftlicben ©iebelauSbau unter bem 25acb 
eine Hammer eingerichtet. 

infolge bet SBabrnebmung ber OrtSfeuerfdbau, bafj biefe 
Hammer als ©cblafraum oon SDienftboten benüfct mürbe, mürbe 


Digitized by Google 



Oetllid^e unb jeitlicfje Stgrenjung bet 3lw»enb6arfeit ic. 401 

auf ©runb beS § 70 2lbf. 1 3*ff- 2 beS DrtSbauftatutS »ott 
Tübingen, roeldber lautet: 

„®ie Dadbroobnungen bürfen nur im erften 2)a<brauin 
(über ber unterften ®a<bbalfenlage), nicht aber über ben 
Heblgebälfen eingerichtet werben. ©aSfelbe gilt »on im 
©adjraum angebrachten ©dhlaffammern." 
biefe Venfifcung im Januar 1895 beanftanbet. ©egen baS 
junäcbft »om ©tabtpolijeianit erlaffene unb fobann am 16. ge= 
bruar 1895 auch oom ©enteinberat auf 2lntrag beS ©tabt-- 
polijeiamts befcbloffene Verbot ber Veniijjung ber Hammer 
als ©djtafraum bat fidb 3- burd) alle ^nftanjen befcbroert, 
jebocf) ftets ohne fachlichen ©rfolg, unb eS b°t oud» baS H. 3JtU 
nifterium beS Qnnern mit ©ntfdbliefiung oom 25. ©eptember 
1895 feine Vefdhroerbe abgeroiefen, weil ber Venüfjung ber 
Hammer als ©cblafraunt bie oben ermähnte Veftimmung beS 
Stibinger DrtSbauftatutS entgegenftebe. 

2luf bie »on $. erhobene fftedbtsbefchroerbe erfannte am 
10. $uni 1896 ber H. VerroaltungSgerichtSbof : 

I. Vom VerroaltungSgerichtSbof wirb bie attgefocbtene 
feuerpolizeiliche ©ntfdtjeibung au &er Sßirffamfeit gefegt 
nidht besbalb, roeil baS Vorbringen beS VefdbroerbefiibrerS . . . 
begrünbet märe, fonbern besbalb, roeil baS Verbot ber Ve= 
nübung ber ÜDathfammet als ©cblaframn in ber ©ntfcbeibung beS 
H. fUtinifteriumS gleichwie in ben »orangegangenen Verfii= 
gütigen unb ©ntfdbeibungen ber ^olijeibebörben auSfcbliefflicb auf 
bie Vorfdbrift beS § 70 2lbf. 1 3iff- 2 beS Tübinger DrtSbauftatutS 
geftü^t unb biefe Veftimmung auf baS S-’fcbe 2Sobngebäube nicht 
anjuroenben ift. ©ine ©injefoerfügung babin, baff bie Venüfcuttg 
ber Hammer als ©cblafraum unter ben tbatfcidjlicb »orbanbenen 
Umftänben sur Verhütung ber im gälte eines VranbeS ben Ve- 
roobnern ber Hammer erroeislich in befoitberem Vtaße brobenben 
SebenSgefabr traft ber ißolijeibebörbe äufommenber ©rmädhti= 
gung für bie 3utunft »erboten roerbe, ift nicht getroffen roorben. 

II. ®em Vorbringen bes VefdhroerbefübrerS »ermag ber 
VerroaltungSgeridhtShof aus ben nadhftebenben ©rünben eine 
Vereinigung nicht jujuerfennen : 


Digitized by Google 



402 Sntfdjeibungen be8 $ern>attung3getuf(t8f)of8. 

1. ©er 33efd>tüerbefüt)rer beftreitet, baff feine ©adhlammer 
über ben Äehtgebälfen liege unb behauptet, ba# bacunter be= 
finbliche ®ohnfto<froerf fei ber britte ©tocf feine# auf bie 
■äJtühlftrafce unb nicht auf ben öefterbergroeg p bejiehettben 
£aufe# unb nid^t ber ©adhftoc!. 3n ben bei ber Anbringung 
be# Vaugefudh# bur<h 3 - eingereidhten Lianen unb in ben ©in= 
gaben bap ift aber ba# unter ber Äantmer liegenbe 2Bohn= 
ftocfroerf „©adhftod" genannt unb ba# .IpauS als am Oefter= 
bergroeg außerhalb ©Her# liegeub bezeichnet unb behanbelt... 
©benfo mürbe ba# Sauroefen 00 m ©emeinberat Tübingen an= 
gefe^en unb genehmigt, inSbefottbere befagt ber bie ©enehmi= 
gung auSfprechenbe Vefdhlufj : „Oberförfter 3- fü er beabfidhtigt 
auf bem Defierberg ein jroeiftodtige# Sßohngebäube p erbauen 2 c." 

■Kach ben eingejogenen tedhnifchen ©Pachten tritt auch bie 
©igenfdiaft be# ©achftodf# bei biefem SBohnftocfroerf, bei bem 
ber teüroeife fenfredhte Ausbau ber äußeren SBänbe au# ben 
Ausbauten be# ©attelbach#, pei üuerhüufern unb ©ärnten, 
heroorgeht, in ber Äonftruftion ber ©ebälfe, roie auch barin 
in bie ©rfcheinung, baff 001 t ben Räumen biefe# ©tocfroerf# 
oier — jroei Kammern, ÄüdEje nnb ©peifefammer — ba<h= 
fcfjräge ÜBänbe ober nur teilroeife ebene ©ecfen haben, alfo 
fogenatmte Sftanfarben finb. ©ie . . . eingepgenen tedhnifchen 
Begutachtungen . . . finb burdh bie Ausführung in ber Befdhroerbe= 
fdjrift nicht roiberlegt 

2. ©a# roeitere Vorbringen be# VefdhmerbeführerS, baff 
ber ftäbtifd^e Vaufontrolleur pr Vaujeit bie „3)tagb!ammer" 
für „ptäffig" erflcirt höbe, ift barutn bebeutungSloS, roeil bem 
Vaufontrolleur bie Befugnis pr gulaffung einer nach bem 
DrtSbauflatut unpläffigen ©chlaffammer feinenfall# pge^ 
ftanben hätte. 

3. ©ie ooin Vefdjroerbeführer für fidh geltenb gemachte 
©enehmigung ber ^eijbarma^ung eine# auf gleichem Voben 
mit ber Kammer liegenben ©urntjimmerS burch ben ©emeinberat 
Tübingen ift barutn ohne Vebeutung, toeil bie ©rlaubni# pr 
^eisbartnadhung biefe# 9taum# bie ©rlaubni# pr Venüfcung 
als ©chlafraum nidht in ft<h fdhtiejjt. 


Digitized by Google 



Dertlitf)e utib jeitli<f)e ©egrenjung bet Slnroenbbarfeit ic. 403 

4. lieber bie Seljauptung beS SefcEpoerbefülirerS, bafe in 
Tübingen ^unberte oon $ad)fammern unter gleiten 3?er^ält- 
niffen nid)t beanftanbet toerben, ift bie ©emeinbebeprbe gehört 
roorbeu. 9iad> iljrer fKeufferung Ijanbelt es fidf) um bie S5enä|ung 
non 3)ad)fammern in mannen ©ebäuben, bie nor ber ©rlaffung 
beS DrtSbauftatutS erfteHt tnorben finb. gür bie fHmoenbung 
neuer ortsbauftatutarifcber fBorfc&riften auf befle- 
Ijenbe ©ebäube unb @inrid)tungen ift, foroeit nidjt etroa baS 
Statut auf ©runb gefefslicber ©rmäc^tigung befonbere ©eftim= 
mungen trifft, ber 2lrt. 17 ber Söauorbitung ebenfalls inaß= 
gebenb unb es ift ba^er aus biefem ©efid&tSpunfte bie gort= 
beniifcung nidjt auf ©runb ber allgemeinen 9lorm beS § 70 
9lbf. 1 3tff. 2 beS DrtSbauftatutS ju beanftanben. 

III. ^Dagegen ifi, ba non ben ^olijeibetjörben baS Verbot 
ber Seniifcung ber 3.’fd)en ®ad)faminer als Sd)lafraum auS= 
fdUieplid) auf bie allgemeine SSorfdtrift beS § 70 2lbf. 1 $iff. 2 
beS DrtSbauftatutS geftii^t roirb, auf bie...grage näfjer eins 
jitgeljen, ob biefe föorfdjrift in ber ftljat auf baS $.’fd>e 35Bo^n- 
gebäube 9tr. 2 Vs am Defterbergroeg Stnroenbung finbet, unb 
ber 33erioaltungSgeri<I)tS{jof nerneint biefe grage <*uS folgenben 
©noägungen : 

1. $aS fEiibinger OrtSbauftatut ift nadj feinem ©ingang 
unb nad) ber ©eftimmung in § 71 9lbf. 1 auSbriicflid) für bie 
„Stabt Tübingen" erlaffen unb ift in feiner ©efamt&eit nicht 
für ben galten ©enteinbebejirf, fonbern nur für ben gefdjlof- 
fenen äßo^nbejirf unb ben Ortsbauplan ber Stabt, fo baff es 
in feiner ©efamtljeit aud) auf bie £eilgemeinbe 2lmmern unb 
bie leine SEeilgemeinbe bilbenbe fparjeEe Sdjroärjlod) nid)t an= 
roenbbar ift, in ©cltung getreten. @S ift baniit nid)t auSge= 
f^loffen, baff auf ©runb einjelner i8orfd)riften ber Sauorbnung 
(ngl. 9lrt. 31. 60) einzelne ftatutarifd)e SJorfd&riften für ein 
erneuertes ©eltungSgebiet beließen (ogl. § 53 beS Statuts) 
ober nodf) erlaffen werben. 

®aftir aber, baj) fpejietl bie auf ©runb beS 9trt. 55 ber 
93aitorbnung getroffenen Seftimmungen ber §§ 69 unb 70 beS 


Digitized by Google 



404 (Sntfcf)*ibungen beS SterroaltungSgericfitäljofä. 

DrtSbauftatutS ein erweitertes ©eltungSgebiet haben füllten, 
fe^lt jeglicher Slnhalt. 

2. SBieroohl ber ©emeinberat in Tübingen richtiger geßanbelt 
hätte, roenn er auf ben Stntrag beS SefdjroerbeführerS, baS ju 
erric^tenbe ©ebäube als ein ©ebäube außerhalb ©tterS ju be= 
ßanbeln, nicht eingegangen roäre unb bie ©rteilung ber Saus 
geneßmigung als bet ©eneßmigung ju ©rricßtung eines i n tt e r= 
halb ©tterS gelegenen bem Oberamt überlaffen hätte, fo tarnt 
hoch im £inbli<f auf ben bamaligen Mangel flarer unb be= 
ftimmter gefefclidjer Seftinimungen barüber, bis ju welcher 
Entfernung ein ©ebäube bem Ortsetter jujuredhnen fei*), nicht 
nachträglich auSgefprocßen werben, baß entgegen ber ©efdßlußs 
faffung beS ©emeinberats, ber fi<h immerhin barauf berufen 
tann, baß er ft<h innerhalb eines ihm gelaffenen Spielraums 
gehalten habe, bas ©ebäube als innerhalb ©tterS erbaut unb 
als oon 2litfang an innerhalb beS ©eltungSgebietS beS Drts= 
bauftatutS gelegen anjufeßett fei, fo baß oon Anfang an auf 
biefeS ©ebäube bie ©efamtheit ber Sotfcßriften beS Drtsbau= 
ftatuts unb fpejiell bie Sorfdjrift beS § 70 3lbf. 1 3>ff- 2 
habe 2lnroenbuttg finben muffen. 

3. 3mar märe ber ©emeinberat, wie er auf ©runb beS 

2Irt. 32 2lbf. 2 ber Sauorbnung baS Sauen außerhalb beS 
gefcßloffenen SBoßnbejirfS ober beS OrtSbauplanS auS feuere 
unb ficherßeitSpolijeilichen ©rünben unterfagen tann, auch be= 
fugt geroefen, bie Sauerlaubnis für ben Seubau an bie ©in= 
haltung ber Sorfchrift beS § 70 2lbf. 1 2 beS Drtsbau= 

ftatuts, roenn er bie Einhaltung biefer Sorfchrift für geboten 
erachtete, ju fnüpfen. @S läßt ft<h jebodj nicht annehmen, baß 
ber ©emeinberat bei ber ©eneßmigung beS SauroefenS außers 
halb ©tterS bie ©inßaltung biefer ortSbauftatutarifchen Sor= 
fchrift ju einer befonberen Sebingung gemacht habe, roeldhcr 
ficß ber Sauluftige bamafs anftanbSloS unterworfen habe unb 
bereit Erfüllung er ficß nicht burcß nachträglichen 2Biberfpruch 
entließen tonne. ©S tann eine foldße Stnnaßme nicht barauf 

1) Sögt. Stmtäblatt beS 'WinifteriumS be« 3nnern oon 1877 <3. 11, 
oon 1883 ©. 16 unb 291, oon 1885 ©. 317. 


Digitized by Google 



Oertli^e unb jeitlidje Segtenjuncj bet Stnroenbbarfeit ic. 405 

geftüfct roerben, baff in bem unter jp ber Vauaften oorliegenben 
Äonjept ber ©enehntigungäurfunbe gejagt ift, bafj bem Antrag 
beS Vefcbroerbeführer3, auf ber fßarjelle 9tr. 503 am 0efter= 
bergmeg ein 2Bohnhau£ errieten ju bürfen, unter ber Se- 
bingung ber Einhaltung be$ amtlich beglaubigten Vauplan3, 
ber allgemeinen im ©efefc, in ben Verfügungen ju bemfelben 
unb in ben DrtSbauftatuten enthaltenen, foroie ber in 
|9 enthaltenen befonberen Vorfchriften entfpro(hen roerbe. 3lm 
9. gebruar 1889 h<*t ber ©emeinberat in Tübingen ... ben 
Vefdjlufj gefafjt, ba3 ©efudj nadh ben Anträgen ber Vau= 
f ch a u ju genehmigen. ®ie Vaufchau hotte jroar bie Aufnahme 
einzelner befonberer Vorfchriften, aber nidjt bie Aufnahme 
ber Vorfchrift beS § 70 beantragt. fSarauä, baff mehrere ber 
auf genommenen Vorschriften 3iff- 3. 4 . 7 unb 8 bem Drt$= 
bauftatut entnommen finb unb baß in $iff. 6 getagt ift : „bie 
Abtritte finb nach ben Voricbriften be$ DrtSbauftatutä h er ü u - 
ftetten", geht oielmehr beutlich b«roor, baß bie Vaufchau bei 
ber Stellung ihrer Anträge baoon ausging, baß baä DrtSbau- 
fiatut nicht allgemeine 2lnroenbung finben folle. ®ie Sh Q tf«<ä)e/ 
baß nach bem Äonjept ber ©enehmigungSurlunbe, roo< 5 U ein für 
Vauten innerhalb Etters* übliches Formular oerioenbet rourbe, 
in bem gebrudten Seil bie SSorte „in ben DrtSbauftatuten ent- 
haltenen" ftehen geblieben finb, ift bal;er ohne Vebeutung. 

S)abei bleibt bahingeftellt , ob bie allgemeine Vorfchrift, 
baß baS Drtäbauftatut auf ein außerhalb beS DrtSetterS unb 
beS OrtSbauplanS befinblidteS ©ebäube Slnroenbung finben folle, 
oom ©emeinberat burch folc^e Aufnahme in bie ©enehniigungS; 
urfunbe überhaupt hätte recßtSgiltig erteilt roerben fönnen. 

4. SDurcß ben mit bem 1. Januar 1894 in äßirffamfeit 
getretenen 2lrt. 25 beä ©efeßeS oom 15. 3funi 1893 über baS 
lanbroirtfdtaftliihe fHadjbarrecht ift beftimmt roorben, baß ©runb= 
ftücfe inforoeit aU innerhalb beS OrtSbauplanS gelegen anju= 
fehen finb, als fte entroeber in eine oon Vauftraßen umfchloffene 
glädhe fallen, ober oon einer Vaulinie nicht mehr als 50 m, 
roagrecht getneffen, abftehen, unb baß biefe Veftimmung auch 
für ben 2lrt. 60 ber Vauorbnung unb ferner auf bie polijeU 


Digitized by Google 



406 


Sntfdjeibunflen beä S?ern>a[tungägeridjt3fjof$. 


liiert Vorfchriften in Srt. 32 Sbf. 2, in 3lrt. 77 3»ff* 3 unb 
in ärt. 78 3iff- 3 unb 4 bet Sauorbnung 3lnreenbung ftnben, 
foroeit biefe bie Sage be3 VauroefenS innerhalb ober außerhalb 
be3 DrtebauplanS oorau3fe§en. 

2Benn bemjufolge feit bem 1. Januar 1894 ba3 2Bohm 
f>au3 bc3 VefcbroerbefiihrerS , infofern e3 oon ber im 3fa^re 
1882 genehmigten öftlichen Vaulinie bet SKühlftrafee nicht mehr 
als 50 m roagredht gemeffen abfteht, innerhalb be3 DrtSbau- 
plane gelegen ift, fo hat bod) biefe nadhträgliche ©inbejiehung 
in ben DrtSbauplan nidht bie golge, baß nunmehr bie Vor= 
fdjrift be3 § 70 Slbf. 1 3iff- 2 be3 DrtSbauftatutS für ba3 
©ebäube ©eltung erlangt hätte. 

Urteil oom 10. $uni 1896 in ber StechtSbefchreerbefache 
be3 DberförfterS Dr. $. in Tübingen. 


16. 

Per 3trt. 19 &bf. 3 bes Sporttlgefeljes oom 24. IMörj 1881 
beraubte ein ftuljen, nidjt eine Unterbrechung ber Verjährung 
binglidjer ItHrtfdjoftsberedjtigungen. 

®er Sadhoerhalt ergiebt fid> au3 ben 
©rünben: 

Von bem ft. Oberamt Tuttlingen ift bem ©efucfie be3 
VefchroerbejührerS um Uebertragung be3 auf bem ihm gehö* 
renben |jau}e 9tr. 36 ruhenben binglic^en SBirtfdjaftSrechtS auf 
ba3 ihm gleichfalls geljörenbe |>au3 Dir. 35 burch Vefchlufc 
oom 25. 9tooember 1890 entfprochen roorben, roorauf oon biefer 
Uebertragung in bem ©üterbuch Vormerfung gemacht roorben 
ift. 3113 aber am 13./15. Januar 1895 ber Vefchroerbeführer 
bei bem Dberamt um Verlängerung ber auf ba3 ©ebäube Dir. 35 
übertragenen binglichen 2BiTtfd>aft3berechtigung nachfudjte, ljjat 
bie ft. ftreiSregierung in Dieutlingen burdh ben Vefchlufj oom 
1. STiärj 1895 bie oon bem Dberamt bereinigte Uebertragung 
be3 binglichen 2Birlfd)aft3recbt3 auf ba3 ©ebäube Dir. 35~(röo: 
bei ba3 Dberamt bie 3uftänbigfeit3oorf<hrift be3 2Rinifierial= 


Digitized by Google 



Ser ®rt. 19 9t6f. 3 be 8 €portel 0 efefceS ic. 407 

ertaffeS oom 1. gebniar 1887 aufeer 2ldgt gelaffe« gatte) au« 
bern ©runbe aufier SBirhmg gefegt , baff bie oon betn 33e= 
fcgwerbefügrer erworbene binglicge Sk’redgtigung jur ©aftwirt= 
fcgaft einfcglie&licg ber 33eredgtigung jur ©dganfmirtfdgaft für 
ba« ©ebäube s Jlr. 36 bereit« mit bent ©nbe Slpril 1890 er= 
Iofc£>ert gewefen fei. ©ie gegen biefen 2)efcglu& ber Ä. £rei«= 
regierung unb igren auf ber Verfügung begarrenbett ©efcglufj 
oom 19. Quii 1895 oon bem Skfdjwerbefiigrer am 11713. 920= 
oember erhobene Sefcgtoerbe ift oon bem Ä. SJlinifterium be« 
Innern bureg bie ©ntfcgeibung oom 22. Februar 1896 al« 
unbegrünbet abgeioiefeit worben. 

Slutg bie gegen bie iDiinifterialentfcgeibung oon bem SBe= 
fdgwerbefügrer bei bem 2)erroaltung«gcricgtägof erhobene 9lecgt«= 
befcgwerbe be« Slrt. 13 be« ©efege« oom 16. ©ejember 1876, 
bei beten ©rlebigung ber 33ermaltung«geridgt«gof nur ju prüfen 
gat, ob bie SHinifterialentfcgeibung restlich begrünbet unb niegt 
ber SBefcgmerbefügrer in einem igm juftegenben Sterte oerlegt 
ift, ift al« unbegrünbet ju oerwerfen. 

©er ©ntfcgeibung, baff bie auf bem .fjaufe Str. 36 rugenbe 
binglicge SBirtfcgaft«beredgtigung mit bem ©itbe be« SJlonat« 
Slpril 1890 oollftänbig erlofcgcn gewefen fei, weil oorger ber 
2lu«fcganf legtmal« in ber 3«it oom 23. ©eptember bi« 31. Df= 
tober 1878 au«geübt worben war, ift beijupflicgten. Slacg fei* 
nein allgemeinen SBortlaut gat ber 2lrt. 19 Slbf. 3 be« ©portel= 
geiege« oom 24. SJicirj 1881 mit ben anbern gierin genannten 
©e)‘egen aucg ba« ©efeg oom 3. Stooember 1855 über bie 
Serecgtigung jum betrieb oon 2Birtfcgaft«gewerben, foweit e« 
nocg bi«ger in Straft war, abgefegen oon ben Seftinimungen 
über bie 2Birtfcgaft«abgaben, bie beibegalten würben, oom 
1. Slpril 1881 an nur auf bie ©auer ber SBirffamfeit be« 
©portelgefege« außer SBirfung gefegt, wobei in Slrt. 20 bie 
©auer ber SBirffamfeit auf bie bi« jur weiteren 23erab= 
fcgiebung auf bem erften Sanbtag, auf welcgem nacg einjähriger 
SBirffamfeit be« ©efege« ein ©tat beraten werben mürbe, be= 
fdgränft unb feftgefegt würbe, baff, wenn eine neue Sterabfcgie-- 
bung auf biefem Sanbtag niegt erfolge, mit bem 33eginn ber 


Digitized by Google 



408 6ntfd>eibungen be« Serroaltungägeri^t^ofä. 

nä^ften ©tatgperiobe bet oor bem 1. SlptU 1881 beftanbene 
Stecbt^juftanb roieber eintrete. Unb gleichermaßen beftimmte 
bag bie SBirffamfeit beg ©portelgefeßeg oorläufig oertängernbe 
©efefc oom 28. ÜDlärj 1887, baß, wenn big jum 31. 3Mrj 
1889 bie Berabfdjiebung beg am 23. ÜDejember 1886 bei ben 
Stänben eingebradjten ©portelgefeßeg^Sntrourfg nid)t erfolgt 
fei» mürbe, ber oor bem 1. SIpril 1881 beftanbene 3ted)tgju= 
ftanb mieber eintrete. ®iefe Beftimmung, baß eoentuett nad) 
furjer unb o o n f e l b ft ber frühere fRedhtgjuftanb roieber 
eintrete, ift batjin augjulegen, baß folcßenfaEg ber 2Bieberein= 
tritt beg früheren 9ted)tgjuftanbg mit thunlich ooUftänbiger 
SBirfung fidb ooEjiehen foEte. $)urd) bie ©portelgefeßeg^to-- 
oelle oom 14. 3uni 1887 ift nun, roäffrenb im übrigen burd) 
bie Berabfcßiebung biefeg ©efeßeg ber SBiebereintritt beg oor 
bem 1. SIpril 1881 beftanbenen 9te<htgjuftanbg ficß befeitigte, 
biefer frühere 9ied)tgjuftanb burd) Sßieberinfraftfeßung einiger 
Beftimmungen beg ©efeßeg oom 3. Stooember 1855 roieber= 
ßergefteEt roorben. Sllg ber Slrt. 19 beg ©portelgejeßeg oom 
24. SDJärj 1881 ben auf bie binglicßen 2Birtfd)aftgbered)tigungen 
bejüglicßen Inhalt beg Slrt. 12 beg ©efeßeg oom 3. Etooember 
1855 für aufgehoben erflärte, beftanb bag Bebenfen, baß biefe 
Beftimmungen mit ber Eleicpgeroerbeorbnung im Söiberfpruch 
ftehen ; roäre biefe Sinnahme richtig, fo roären nadh Slrt. 2 ber 
9teidjgoerfaf)ung biefe Beftimmungen fdhon feit bem 1. Januar 
1872, mit welchem £age bie ©eroerbeorbnung in SBürttemberg 
eingeführt rourbe , burd) bie Beftimmungen ber ©eroerbeorb* 
nung, fpejieE bie Beftimmung beg § 49 Slbf. 3 , roonad) bie | 
Berechtigung juin SBirtfdjaftgbetrieb fdjon nadh breijähriger 
©infteüung beg Betriebg erlifc^t, erfeßt unb hätte auch bie in 
ber angeführten SBeife ber ©eltung beg ©portelgefeßeg oom 
24. 2J?ärj 1881 bei ber Beratung in ber ©tänbeoerfammlung 
gegebene seitliche Befd)tänfung ihre SBirfung in Bejug auf 
2&ieberin!rafttreten beg Slrt. 12 aEerbingg nidht erlangen !ön= 
nen. 3tfneg Bebenfen erroieg fidh aber alg nidht begrünbet, unb 
alg bieg bag Ä. SJlinifterium beg Innern in bem im Slmtgblatt 
oon 1883 ©. 113 f. oeröffentlichten ©rlaffe oom 8. SJtai 1883 


Digitized by Google 



$er Ärt. 19 3tbf. 3 beS Sportelgefe&eä »c. 409 

anerfannte, nmrbe jugleich auSgefprochen, bafs eS für bic ®auer 
ber ©ettung beS SportefgefefceS nom 24. 3JJarj 1881 an 93e= 
ftimmungen über bie Verjährung biuglicher 2BirtfchaftSberecb= 
tigungen fehle unb fomit für biefe infolange feine Verjährung 
laufe. 2l(S nun biefent Mangel bei ber ©rlaffung ber SporteU 
gefegeä=9iooelIe nom 14. guni 1887 burd) äßieberinfraftfeßung 
beS 2lrt. 12 beS ©efejseS uom 3. Dtooember 1855 abgeholfen 
nmrbe, fonnte bie SBieberherftettung beS früheren 9ted)tSjuftanbS 
non ben gefefcgebenben gaftoren nicht roo^l anberS gemeint 
fein, als baff es jrcar bei ber SEfjatfadbe, baf? in ber 3^tt Bom 
1. Slpril 1881 bis jum 1. Oftober 1887 eine grift für Ver= 
jäCjrung binglidjet S8irtfd)aftSbered)tigungen nicht ^atte laufen 
fönnen, bas Vemenben ^abe , im übrigen aber ber frühere 
9ied)tSsuftanb nollftänbig unb für baS @rlöfcf)en ber binglidhen 
3Birtfdt)aftSberechtigungen inSbefonbere bamit roieber^ergefteüt 
fein folle, baff ber feit ber lebten Ausübung ber ^Berechtigung 
bis jum 1. 2lpril 1881 abgelaufene 3 e ^ raum nicht ganj be- 
beutungSloS bleiben, fonbern bem feit bem 1. Dftober 1887 
laufenbeit $eitraum hi n 5 u 9 ere $ net werben fotte. 

SBar aber hißnad; bie auf bem |>aufe Dir. 36 ruhenbe 
bingliche SBirtfchaftSberedbtigung mit bem @nbe beS DJlonatS 
Slpril 1890 nollftänbig erlogen, fo mar auch im |>inbli<f auf 
§ 10 2lbf. 2 ber ©emerbeorbnung bie Sl. ÄreiSregierung be= 
rechtigt, bem Umftanbe, bafi gegen bie hernach in ber $eit nom 
12. DJlai bis 2. guni 1890 erfolgte „SBieberer Öffnung ber bing= 
liehen äBirtfdjaft jur Hrone" baS $. Oberamt nichts erinnert 
hatte, bie restliche Söirfung ber ©rhaltung ber 2BirtfchaftS= 
beredhtigung nicht jujuerfennen, unb bie non bem Oberamt am 
25. Dlonember 1890 beroilligte Uebertragung beS binglichen 
SBirtfchaftSredhtS non bem ©ebäube Dir. 36 auf baS ©ebäube 
Dir. 35 nachträglich mieber aufjuheben. 

5Die erhobene DiechtSbefchroerbe ift fomit als unbegrünbet 
ju nermerfen. 

Urteil nom 6. 2ftai 1896 in ber DlechtSbefchroerbefache 

beS g. 211. non Sch. 


Oatrbttdjer für Württemberg. !Hed;t9pf[ege. Vlll. 3. 27 


Digitized by Google 



fitterarifdje Innigen. 

Dr. 2Jt. ©eher er, RechtSanroalt beim Reid^gericht: Sie 6nt» 
fdteibungen beö 9iei<±)ögerid)tä unb be3 Sikperifchen Dbe t- 
ften SanbeSgerichtä jum gemeinen Stecht, ©eorbnet n ad) 
ber Reihenfolge ber Paragraphen be$ ßmtrourf« I be3 
bürgerlichen ©efegbudhs. (Seipjig, SBiganb, 1895.) 

2)a« Sud) enthält nad) bet älngabe b e« Serfaffer« färntlidje gemein» 
rechtlichen Urteile be« SeicpSgerüht« unb be« Sapetifchen Dberften SanbeS» 
geridjt«, bie in ben offijietten Sammlungen unb einer Seihe oon 3eit» 
fchriften (Seuffert’S 2lrd)io unb Stätter für 3ted)t«anmenbung, ©ruchot u. a. : 
bie Quriftifdje SBochenfchrift ift nicht angeführt) bi« 1894 abgebrucft finb. 
Sie Stngabe be« Qnhalt« ber ©nifd)eibungen ift fehr gebrängt, fo bafs 
jum richtigen Serftänbni« ftetS auf bie Duelle jurücfjugefjen ift, au« ber 
ber Serfaffer gefd)öpft tmt unb bie bei jeber ©ntfdjeibung angegeben ift. 
3ur rafdjen Orientierung barüber ob unb roo in ben oom Serfaffer be» 
nüfcten Sammlungen bejro. 3eüf<hnften eine ©ntfdjeibung be« 9teid)3ge= 
rieht« bejw. be« Saperifchen Dberften 8anbe8gerid)t« in Setreff einer 
Secht«frage be« gemeinen Stecht« abgebrueft ift, eignet fich aber ba« Such 
fehr gut. Sf- 

Seäte unbSöroenfelb: Sie RechtSoerf olgung im inter= 
nationalen fßerfehr. R u fe l a n b. Unter Rlitroirfung »on 
Profeffor Dr. 6. ©rbmann in Sorpat unb Slboofat SB. 
^au^branbt in SBarfchau »on Dr. $. ©ngelmann, 
Profeffor an ber Uuioerfität in Sorpat. (SSerlin, |>et)= 
mann, Preis 6 2Jt.) 

©iefe Lieferung be« grofs angelegten Sammelwerl« behanbett auf 
239 Seiten ben ©inilprojeß, ba« Äonfur«recht, bie ©rbfd)aft8regulierung 
unb bie Jtonjulargerichtäbarleit nach ruffifdjem Secht, ferner in einem 3tn-- 
hang bie S echte ber 3tu«tänber in Sufjlanb , alfo SJfaterien, worüber — 
wie ©infenber fich anläßlich eine« ^rojeffe« überzeugt hat — in ber beut» 
fchen ttitteratur bi«her nur wenig Stusfunft ju erlangen war, beren Äennt» 


Digitized by Google 



Sitterarifche 9tnjeigen. 


411 


nib aber auch für nuirttembergtfrfje Se^örben, namentlich anläfjlich non 
©rbfdjaftbfäUen , notroenbig roerben fann. gür bie 3 ut>erläffigfeit beb 
Qn^altS, bie ©infenber nicht ju beurteilen nermag, bürgt ber 9iame beb 
Perfafferb: in formeller Sejieljung ift bie fllurlfeit unb Perftänblichfeit 
ber Sarftettung ju rühmen. Pf. 

Ä a p p : 3ur Slusslegung beä § 300 ber Giimlproje&orbnung. 
Tübinger Quauguralbiffertation. (Stuttgart, itofjlfiammer.) 

Sie Heine, gut gefdfriebene Sbhanblung befdjäftigt ftch mit ber Streit: 
frage, ob in allen gälten, in benen auf Eintrag einer Partei in ber 
münblidjen Perijanblung in Stbroefenheit ber anbern Partei Termin am 
beraumt worben ift, fiabung ber nicht erfcfjienenen Partei ju bem neuen 
Sennin erforberlicf) ift, unb beantwortet fte — im ©egenfafc ju ber hem 
fchenben 'JDieinung — bahin, baß eine folche Sabung nur erforberlidj ift, 
toenn ein Sntrag auf Perfäumniburteil jurücfgeroiefen rootben ift 3“ 
biefer Pnficht gelangt ber Perfaffer niefentlich auf ®runb ber ©rroägung, 
bah ber britte Sitel beb 1. Slbfdfjnittb beb 2. Pudjb ber ß.p.D. nur 
SRormen über bab Perfäumniburteil enthalte unb 9lbf. 1 beb § 300 jroar 
beroeife, aber nicht beftimme, bah bie erfchienene Partei ein unbe= 
bingteb Siecht auf Vertagung beim Pubbleiben beb ©egnerb habe, ber 
normatioe 3 n h alt beb ganjen Paragraphen fich bahernur auf bie gälte 
ber 3iff. 1—3 bafelbft besiehe 3 ur Unterftüfcung biefeb ©rgebniffeb 
roerben bie Staterialien ber ß.p.D. , inbbefonbete ber norbbeutfche @nt= 
rourf unb bie Stöhne ju § 273 beb erften (beutfdjen) ©ntrourfb nerroertet. 
Sie angeführten ©tünbe ftnb jebenfaBb fefjr beachtenbroert; 3 « einem 
»öltig jroeifelfreien Äefuttat roirb man angefichtb ber unglüdlichen gaffung 
beb § 300 nicht gelangen unb eb bleibt ju hoffen , bah bie in Pubfidjt 
ftetjenbe Penifion ber ß.p.D. ben ©treitpunlt befeitigt. Pf. 


Digitized by Google 



älpbabettfdjes Sadjregifter. 

(35ic 3a^leu bebcuten bic Seiten.) 


8 . 

Actio legia Aquiliae 4L 42, 299 . 

— quanti minoris aestimatoria 

958 

— redhibitoria. 258. 

Aeftimatorifche JUage. 258- 

Anfechtung bet 3 a b' u,i g einet fäl= 

Iigen Schulb an ben Scfiulbner 
beb Anfechtungbglaubigerb. 129. 
Umfang bet 21. einer $fänbung, 
bie toegen einet oon einem ©f)e* 
mann unb feiner grau je jut 
§älfte ju bejafjlenben gorbetung 
gegen beibe ©heleute in ©rrun= 
genfchaftboermögen oorgenom* 
men rootben ift, feitenS beb Ser* 
roalterb im fiontutä beb ©fje= 
mannb? 219. 

2lnn>altbgebühren. 3“* 3 ra 9 e b er 
©erichtb* unb bet Anroaltbgebüh* 
ten bei Trennung bet SethanD* 
lung im «Sinne bet §§ 136 unb 
274 bet 6.^.0. 342. 

Aquilifcljeb ©efefc 41. 49. 

Haftung für Untetlaffung bet 
burcf) eine ooraubgegangene Xljä* 
tigfeit gebotenen Schutfmafitegeln. 
299. 

2Iufted)nung im fionfurb. 185. 

Auftrag. Haftung eineb Seauftrag» 
ten aub unrichtiger $eflaration 
einet ®elbfenbung. lfi. 

*. 

Sahnfd)litten. Serpflichtung jut 
giif)tung beb S. alb prioatredjl 
liehe SReallaft? 285. 

Saulaft an einer Stüde. 384. 

Sauorbnung. 2ttt. 28 (Planierung 


bet ©infahrten , §erftellung uon 
3äunen unb 2 lnpflan 3 ungen in 
benfelben). 76, 

3u Art. 15 Abf. 1 bet 8.0. 355. 
864. 

Sefthllage Serbinbung mit bet 
filage aub bem Stecht 206. 

Setriebbunfall, fjaftpflicfitgefefc, ei* 
geneb Serfcfjulben. 309. 

Sierabnahmeoertrag ©ültigfeit unb 
Aubtegung eineb Sertragb, burch 
roelchen ein 59irt fief) oerpflichtet, 
fein Siet aub einer beftimmten 
Srauerei ju bejiehen, roeitn fie 
ihm ftetb guteb Siet liefert; 
Pflicht, bie fcf)le<hte Sefcljaffenheit 
beb Sierb ju rügen. 303. 

Stüde, Saulaft. 384, 

Srunnen. ©in Anfpruch auf unent* 
geltliihe Senüfcung öffentlicher 
Sr. für ben fjaubhalt unb Sieh* 
ftanb fteht ben ©emeinbebürgern, 
welche nicht innerhalb ber ©e= 
meinbemarlung felbft roohnen, 
nicht ju. 242. 

Siirgfchaft. gortbauer ber Haftung 
eineb Sürgen, ber fich für bie 
Serbinblichleiten eineb SBirt* 
fchaftbpächterb gegen ben Ser* 
Pächter unb Sierlieferanten «er* 
bürgt hat, roenn an Stelle beb 
»erftorbenen ÜBirtfchaftbpächterb 
beffen ©hefrau getreten ift? 25. 

<L 

Custodia beb fläuferb. 262, 

$. 

Jtachlammern Oertliche unb seitliche 
Segrenjung ber Anioenbbarfeit 


Digitized by Google 


SllpbabetifcbeS ©adjregifier. 


413 


ortSbnuftatutarifcber Borfcbriften 
über bie Berroenbung »on ®. ,511 
Gdjlafräumen. 400. 

Jleflarierung berSßertfenbungen. 18. 

44 . 

©bebrucb- ©ibeSjufcbiebung über 
einen nidjt fpejialifierten 6 . 208. 
©bemann, ©olibarbaft bei ©ojial* 
fcbulben. 248. 

©befdjeibung roegen ©bebrutbS. 208. 
©ibeöjufcbiebung über einen nicht 
fpegialifterfen ©fjebrud). 208. 
©infabrten, Planierung nach Slrt. 28 
ber Bauorbnung. 76. 
@ifenbabn,$aftpfliii)tgefeb, Betriebs* 
unfaü, eigenes Berfcbulben. 309. 
©rbeinfebung 55. 

®rbred)t, Stntutenlotlifion H5. 
6 rrungenfcb«ftSgeftllfcbaft. 8 tRit- 
eigentum ber ©begatten an ber 
©rrungenfcbaft. 329. 
6 rfa(janfprud) auS bem aquilifc^en 
©efef). 299. 

&• 

3auftpfanbred)t. ©rftredt fid) baS 
eff. an einer ffforberung aud) auf 
beten 3«nfen? 185. 
3ibeifommifj=©rbfcbaft, jum Begriff 
ber „grüßte". 138. 
gifcbereiberecbtigte, Stntrag auf litt* 
terfagung ber ©eroinnung »on 
©anb unb SiieS auS einem öffent 
licken giufj. 202 . 

effriidite. 3uni Begriff ber „grüdfte", 
wenn eS fitf) um ©inredfnung ber 
grüdE)te ber 3 n>ifcbenjeit bei £er= 
auSgabe einer 3ibeifommi§=©rb* 
fdjaft unter 9(b*ug ber trebellia* 
nifc^en Duart ^anbett. 138. 

W. 

©ebiiubefteuer. Befreiung öffent* 
lieben Sieden bienenbet ©ebeiube 
non ber ©emeintefteuer (Slrt. 8 beS 
©ef. üom 18. 3uni 1849, Slrt. 2 
beS @ef. »om 23. 3ulil877). 388. 
©elb, gepfänbeteS, jur Sluöiegung 
beS § 716 Slbf. 2 ©p.D. 214. 
©emeinbefteuer. Befreiung öffent* 
lieben 3 »»ee!en bienenber ©ebäube 


»on ber ©emeinbefteuer (Slrt 8 
beS ©ef. »ont 18. 3 un ' 1849, 
Slrt. 2 beS ©ef. »om 23. Quli 
1877). 388. 

©eridjtSgebübren. 3 ut S^age ber 
©ericbtS* unb ber StnroaltSgebüb* 
ren bei Trennung ber Serbanb« 
lung im Sinne ber §§ 136 unb 
274 ber €.p D. 342. 

©efeüfebafter , Haftung für fcbulb* 
bafte .banblungen ober Unterlaß 
fungen feines SJlitgefellfcbafterS ? 
299. 

©eroäffer. 3 u löffigfeit beS StecbtS* 
megS für eine Älage auf Slner* 
fennung beS ©igentumS an einer 
Duelle, bie ber ©egner als öf= 
fentlid)e 8 ©. betrachtet roiffen 
roiü? 313. 

Streit iiberBeniigung öffentlichen 
SCafferS 1 SRecfjt ber Benüfjung 
»on Duellen). 375. 

£• 

^aftpflicbtgefeb, Betriebsunfall, ei* 
genes Berfcbulben 309. 

$anbelSgefellfcbaft, offene, haftet, 
roenn bei Sluflöfuitg einer 0 . §. 
Der eine ©efellfcbafter baS @e* 
febäft mit Slttiuen unb Paffioen 
übernommen bot, ber aubere @e* 
fellfcbafter ibm für ben ©ingang 
ber SluSftänbe? 28. 

3 - 

3'npfgefeb »om 8 . Slpril 1874 : bie 
3uläffigfeit roieberbolter Beftra* 
fung auf ©runb beS § 14 Slbf 2 
beS 3 . 125. 

3nteroentionSfIage eines in ©r* 
rungenfcbaftSgemeinfcbaft leben* 
ben ©bemannS, ber jur ‘Sulbung 
ber 3 m a, ’ 94 u olIfl 4 etfung in baS 
Bermögen feiner ©befrau »erur* 
teilt ift, auf ©runb feines 2 Jlit= 
eigentumS an einer errungen* 
fcbaftlidjen liiegenfebaft , in bie 
ber ©laubiger bie 3>»ongS»olI* 
ftreefung beantragt. 319. 

R. 

AieS f. ©anb. 202. 


Digitized by Google 



414 


SllpbabetifcbeS ©acbtegifter. 


ßlageänberung. ©ine gegen ben 
Beflagten al8 Pfleger eine® Min« 
berjäbrigen erhobene Klage fann 
nicht nachträglich gegen ihn ohne 
Bnfeben feinet ©igenfdjaft als 
pfleget gerietet roerben. 223. 
Kl., roenn bet änfprucb auf Be« 
jaf)!ung einet BertragSftrafe in 
jtoeiter Snftanj auf Bertefjung 
einet anbern BertragSbeftimmung 
geftüfct roirb, als bet in erfter 
Qnftanj be jeicbneten ? 225. 

Rlagenbäufung , unftattbafte , bei 
eoentueller Berbtttbung bet 
Klage auS bem Setiit mit bet 
SBeft|«age? 206. 

Komntiffioit. @tf otbetniffe bet Klage 
eine® ©jporttommiffionärS auf 
Bejahung beS auS bem Kommif« 
ftonSoerbältniS ju feinen ©unften 
fid) ergebenben SalboS. 30 

Kompenfation im SonfutS; Stücf« 
jaf)Iung eines bejahten Betrags 
roegen irrtümlich unietlaffenet 
Aufrechnung. 185. 

K. beS ©IjebrucfjS. 208. 

KonfutS. Kompenfation im K. 185. 
©inflagung einer gorberung, bie 
jut KonfurSmaffe gehört 
aber nicht baju gesogen roorbeu 
ift, burcb ben ootmaligen ©emein« 
ftbulbnet nach Aufhebung beS 
KonfutSoerfabtenS ? 835. 

KonfutSorbnung, jut AuSleg« 
ung beS $ 6 Abf. 1 ß.D. 335. 

Kranfenuetficbetung. Unterlaffung 
bet rechtzeitigen Anmetbung eines 
Ianbroirtfchaftlichen Arbeiters jut 
fi. ; Befreiung oon bet §aftbarfeit 
nach 3 50 beS S.B.®. tnegen ent« 
ftbulbbaren 3rrtum8 übet bie 
Melbeftelie 86. 

Kunfhoer! StecbtSroirfungen eines 
BertragS, rooburd) iemanb einem 
anbern bie Jiacbbilbuna eines ß. 
geftattet, roäbrenb in 2üirflitb?eit 
einem ^Dritten baS Siecht , biefe 
©rlaubniS ju erteilen, juftel)t. 173. 

S. 

Sanbarmenoerbanb. Auf ben £.,bet 
einem DrtSarmenoerbanbe bie 
Soften bet oorläufigen Unterftüfj« 


ung erftattet bat, gebt beffen An« 
fprucb gegen ben enbgültig »er« 
pflichteten Atmenoerbanb übet. 
350 

SebenSoerftcbetung. SertoirlungS« 
Haufel. 161. 

Lex Aquilin. 41. 

3um Begriff beS roibetrecbtlicben 
unb fcbulbbaften ^anbetnS im 
Sinne bet 1. Aq. Haftung für 
nicht norberjufebenbe folgen. 
KonluttietenbeS Betfcbulben. 49. 

SieferungSoertrag , Bierabnabme« 
oertrag. 303. 

2iegenf<baft8!aufoertrag. 3 um Be« 
griff bet Aebenberebungen. 1. 
jxabition oon Siegenf^aften ; 
©igentumSenoerb auf ©runb 
eines nichtigen SiegenfcbaftSfauf« 
oertragS? 265. 

Slitterarifcbe Anjeigen. 410. 

i'ijen^Bertrag. 177. 

Sofe. 3ft baS unerlaubte Anbieten 
auswärtiger £. in äBürttemberg 
an oerfcbiebene ^erfonen als eine 
einige Uebertretung ju bebanbeln, 
inen» baSfelbe auf einen einbeit« 
lieben ©ntfeblufi jurüefjufübren 
ift? 227. 

M. 

Mängelanjeige nach Art. 347 beS 
$.®.B. 306. 

Miteigentum. Stecht beS Miteigen« 
tümerS, unter Untftänben auch 
ohne 3uftimmung beS anbern Mit« 
eigentümerS über bie Subftanj ber 
ge'nteinfebaftlicben Sache ju per« 
fügen ? 280. 

M. ber ©begatten an ber ©rrun« 
genfebaft bei bem lanbrecbtlichen 
©üteruerbaltniS unb an bem ®e= 
famtgut bei bet allgemeinen @ü« 
tergemeinfebaft. 329. 

9t. 

Staebbilbungen oon Kunfttoerlen.173. 

Sioterbrecbt. 94. 

StoneUe 115. Beitrag jur Söfung 
einer Kontrooerfe. 94. 

D. 

DttSarmenoerbanb. Auf ben 2anb< 
armennerbanb, ber einem D. bie 


Digitized by Google 



2üpf)abetifcf)cä 

Soften bet oorläuftgen Unterflieg« 
ung erftattet hat, geht beffen Sin« 
fprueh gegen ben enbgültig uer« 
pflichteten Slrmennerbanb il6et. 
350. 

DrtSbauftatut. 3 U bem Stuttgarter 
0. non 1874 §§ 42 u. 44 (@e« 
biiubeabftanb bei fd)ief jur ©au« 
linie nerlaufenber ©igentum?« 
grenje) unb § 67 Slbf. 1 (ftront« 
länge ber ©ebäube an |>aupt= 
Straften). 393. 

Dertlicfje unb seitliche ©egrenjuttg 
ber Slmuenbbarfeit ort«bauftatu= 
tatifcher Sotfchriften über bie Ser« 
roenbung non 3>act)Iammem ju 
©chlafräumen. 400. 

% 

Pactum de non licitando. 142. 

©fänbbarfeit uon Selten, ju § 715 
3iff. 1 6©.0. 213. 

Pfleger Rann eine gegen ben ©e= 
flagten al« Pfleger eine« SJünber« 
jährigen erhobene ftlage nachträg« 
lieh gegen ihn ohne Slnfehen feiner 
©igenfehaft al« Pfleger gerichtet 
werben? 223. 

©hotograpfjien, 9tact)bilbung. 173. 

©ro;efifoften. Segen bie nur über 
bie ©. ergangene ©ntfeheibung ift 
bie ©erufung an ben ©erinaltung«« 
geridjtähof nach Slrt 72 be« ©ef. 
Dom 16. Sejember 1876 ngl mit 
§ 94 ber © ©.D. nicht jutäffig. 235. 

Q. 

Quelle. 3uläffig!eit be« 9ted)t«n>eg« 
für eine ßlage auf Slnerfennung 
be« ©igentum« an einer Q-, bie 
ber ©egner al« öffentliche« ©e« 
roäffer betrachtet roiffen will ? 313. 
©treit über Semigung öffentlichen 
SBaffer« (Stecht ber ©enügung non 
Quellen). 375. 

9t. 

Steallaft. Serpfüdjtung jur Rührung 
be« ©ahnfchlitten« als prinatrecht« 
liehe 9t ? 285. 

9teehtöantoaltä«®ebühren« Drbnung, 


Sachregister. 415 

jur Sluälegung be« § 14 Slbf. 1. 
215. 

Stebfjibitorifche Jtlage 258. 
StügepfUcfjt nach Slrt. 347 be« ip.« 
©.©. 306. 


©anb unb Sie«. Unjuläfftgfeit be« 
SRechtäiueg« für einen Slntrag eine« 
gifehereiberedjtigten auf Unter« 
fagung ber traft ©emeingebtauch« 
au«geübten ©eminnung non ©. 
unb R. au« einem öffentlichen 
jyluft 202. 

Sicherheit. SorauSfefcungen ber 
9tücfgabe ber befjuf« uorläufiger 
SoUftrecfung eine« Urteil« gelei« 
fteten ©. nor eingetretener 9techt«= 
traft be« Urteil«. 210. 

SicherfteHung be« ©eibringen« ber 
©hefrau. 192. 

@o jialfctjulben, ©olibarhaft be« ©he« 
mann«. 248. 

Spolienflage 206 

©tatutenfollifion 1 Stach toelchem 
Stecht richtet fleh bie ©eerbung 
eine« in SBürttemberg uerftorbe« 
nen SJiichtinürttemberger« ? 2. SBel« 
che« ©efeg ift nach Württemberg. 
Stecht bei ©tatutenfollifion in ©e« 
treff be« ehelichen ©üterrecht« unb 
be« ehelichen ©rbreegt« anjutnen« 
ben? 145. 

Straßenbahn. ©rfaßpflicht einer ob« 
rigfeitlich genehmigten @tr.«Un« 
ternehmunp für ben burch Rängen« 
bleiben ber ©ferbe in ber Schienen« 
läge auf öffentlichen Straften be« 
roirften Schaben? 41. 

Straftcnloften Diaft ber ©erpflich« 
tung jur Seiftung ber Straften« 
toftenbeiträge. 355. 

Streit über bie ©erpftidjtung jur 
Seiftung eine« Siraftentoftenbei« 
trag« ; Slufrechnung einer ©egen« 
forberung (©.©.D. § 274). 364. 

Stuttgarter Drtäbauftatut (§§ 42, 
44 u. 67 Slbf. 1). 393. 

I. 

Srabition non Siegenfchaften. 265. 

Xrebellianifche Quart 138. 


Digitized by Google 



416 


Alphabetifche« ©adjregifter. 


Ireppe, unbeleuchtete. ©igene« Ber= 
fdiulben bei einer burcf) einen galt 
auf einer u. i£r. erlittenen ftör= 
peroerlebung. 48. 

U. 

Uebergabe oon Piegenfcbaften. 265. 

Ufjlanb, i'ubmig, AbuoFaten=@jamen. 
108. 

UnfalloerficberungSgefellfcbaft, 9lu«= 
legung oon Betficbetungöbebing* 
ungen 61. 

28a« ift unter,, off enbarer T vunFen* 
tjeit" ju oerftehen ? BeroeiSlafi. 1 58. 
Begriff be« Unfall«, angebliche 
utiroahre Angaben unb eigene« 
Berfcbulben beSBerfidjerten. 167. 

UnterftühungSioohnfib. SRücfroirFung 
ber Aooelle nom 1 2.Älärä 189 ) *um 
Unterftühung«roohnfihgefeh 344. 
Auf ben Sanbarmenoerbanb, ber 
einem DrtSarmenoerbanbe bie Äo* 
ften ber oorläufigen Unterftüfcung 
erftattet hat, gel)t beffen Slnfprucb 
gegen ben enbgültig oerpflichteten 
Armenoerbanb über. 350. 

Urheberrecht an einem fiunftroerl. 
173. 

». 

BergleicbSgebüfjr. Berechnung, roenn 
ber Vergleich über einen nur teil= 
roeife bei @eri<ht anhängigen An« 
fpruch gefchloffen tuorben ift ? 217. 

BerficberungSbebingungen, AuSleg* 
ung. 61. 

2Ba« ift unter „offenbarer Xrun« 
lenheit" ju cerftehen ? BeroeiS« 
laft 158. 

Berfteigerung. Pactum de non lici- 
tando. 142. 

S8ernmltung«gericht«hof , ©ntfdjei« 
bungen. 68 ff., 235 ff., 344 ff. 

BorFaufärecht. 3. 

28. 

3Bährfchaft«gefeh, ju 2lrt. 4 2lbf. 2. 
258. 

SBanblungSFlage. 258. 

SBarenbejeichnungen. 3« § 14 be« 
Steichßgefefje« jum ©dfu^e ber 28 
oom 12. Älai 1894 180. 

23affer. ©treit über Benüfcung öf= 


fentlichen 2Baffet« (Siecht ber Be« 
nüfcung »on Quellen). 313. 375. 

SBafferregaljinfen, nachgeholte Auf« 
läge. 68. 

2Beg. Illage auf AnetFennung unb 
Unterhaltung eine« öffentlichen 
BerbinbungSroeg« (für leichten 
guhrroetFSoerFebr). 237. 

SBeibliche greiheiten. Anfechtung 
einer UnterpfanbSbefteHung für 
ba« Beibringen einer ©befrau, bie 
unter 'Anrufung ber ro. g. ihr Bei* 
bringen, „aber nicht in natura, 
fonbern ©idjerfteUung" »erlangt 
hat? 192. 

Umfang ber Anfechtung einer 
Bfänbung, bie roegen einer oon 
einem@hemann u.feinergrau je jur 
§älfte ju be^hlenben gotberung 
gegen beibe ©heleute inSrrungen« 
fchaftöuermögen oorgenommen 
roorben ift, feiten« be« Berroalter« 
im fionlur« be« ©bemann«, nach 
Anrufung ber to. g. ? 219. 

2ßirtfchaft«berechtigungen, binglidje. 
®er 2lrt. 19 Slbf. 3 be« Sportel» 
gefege« nom 24. 2Jiai 1881 be« 
ipirlte ein Stuben, nicht eine Un« 
terbrechung ber Berjährung bing« 
lieber 28. 406. 

2Birtfchaft«gen)erbe. Jücbtigfeit eine« 
jur Umgehung ber Beftimmung 
be« § 33 ber ©eroerbe«Drbnung 
gefchloffenen „2)ienft= unb 2Riet« 
oertrag«": golgen biefer Süchtig« 
Feit für @ntfchäbigung«anfprüche 
eine« SCeil« roegen BertragS« 
bruch«. 6. 

UnllagbarFeit oon gorberungen 
für Peiftungen, bie in Ausführung 
eine« jur Umgehung be« $ 33 ber 
©eroerbeorbnung abgefcbloffenon 
Bettrag« erfolgt finb? 10. 

3 - 

3äune, jjerftellung nach Art. 28 ber 
Bauorbnung 76. 

3ugehörungen. 3 ur grage ber 
^fänbbarFeit ber beroeglichen mit 
einer Qmmobilie oerpfänbeten 3u= 
gehörungen berfelben. Qftfürben 
Anfpruch be« UnterpfaubSgläu« 
biget« auf oorjug«roeife Befrie» 
bigung au« bent ©rlöfe ber 3«= 


Digitized by Google 



Süpffabeiijdjes Sadjregifter. 


417 


gefjörungen bet gortbeftanb be® 
ijgpotbetarifdKn ^fanbred)t3 an 
benfelben bis jur filageerfjebung 
erforberlicb? 129. 

3n>angSooUftredung , SUiberfprudj 
3nteruentionSflage eines in 6rs 
rungenfcbaftSgemeinfcfiaft leben* 


beu ©f)emannS, bet }ut Sulbung 
bet 3' baS ®etmögen feiner 
©Ijefrau uerurteilt ift, auf <3runb 
feine§ 'Miteigentums an einer er* 
rungenfcbnftiicben Siegenfdfaft, in 
bie bet ©laubiger bie 3- bean* 
tragt. 319. 



Digitized by Google 



Digitized by Google